Achtung, Comics!

Dieser Text wurde am 21. September 2011 auf dem novinki-Blog veröffentlicht. Nach Gründung von novinki.de 2006 kam der novinki-Blog ab 2010 hinzu. Im 15. ‚Lebensjahr‘ von novinki veröffentlichen wir im Rahmen der Lesereihe REWIND – 15 Jahre novinki ehemalige Blog-Texte aus den 2010er Jahren in überarbeiteter Form. Der Blog ist seit 2019 eingestellt. Diese Texte aus den Anfangsjahren dokumentieren als Artefakte die Entwicklung der Plattform, Zeitschrift und Redaktion novinki.de – Neuerscheinungen aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa.Kommentar:

In den letzten Jahren ist die russische Comicszene, allen Vorurteilen gegenüber der westlichen Comic-Kultur zum Trotz, gewachsen. Neben dem Petersburger „Boomfest“ und dem Moskauer „KomMissija“ gibt es im ganzen Land lokale Aktivitäten, die dem Comic einen Weg in die Öffentlichkeit bahnen. Auch eigene Traditionen der Bildgeschichte, insbesondere die Propagandaplakate der Revolutionsjahre, die sogenannten ROSTA-Fenster von Künstlern wie Michail Čeremnych und dem Futuristen Vladimir Majakovskij, werden heute gern erinnert und in die Nähe des Comic-Cartooning gestellt. Zukunftsweisend sind die jungen Comic-Künstler_innen, darunter die Petersburgerin Ol’ga Lavrent’eva, deren Werke bereits in mehrere Sprachen übersetzt wurden.Im Herbst 2011 findet in St. Petersburg bereits zum fünften Mal das Comic-Festival „Boomfest“ statt, ein kleines aber feines Festival, das ganz im Zeichen des Zeichnens steht: Die Besucher_innen können Ausstellungen von internationalen sowie russischen Künstler_innen besuchen, sich Vorträge anhören, an Workshops teilnehmen oder sich einfach auf dem Bücherbazar mit Neuerscheinungen und alten Klassikern des Genres eindecken.

 

Dmitrij Jakovlev, einer der Hauptorganisatoren des „Boomfests“ erinnert sich an die bescheidenen Anfänge der Veranstaltung: „Das erste Festival haben wir gemacht, als wir noch alle gemeinsam in einer Kommunalka gewohnt haben“, erzählt er. „Der kanadische Künstler Philip Girard hat das sogar in seinem Comic ‚Les Ravins’ beschrieben. Seither ist das Festival um einiges gewachsen. 2007 gab es fünf Aussteller_innen, heute sind es jährlich etwa fünfzehn. Das Publikum ist größer geworden, die Leute kennen das Festival schon und kommen gern zu den Ausstellungen.“

 

Überhaupt ist in den letzten Jahren zu bemerken, wie Comics und die mit ihnen eng verwandten „Graphic Novels“ immer beliebter werden. Neben Art Spiegelmans Klassiker „Maus“ (1986 bzw. 1991), in dem eindrucksvoll die Geschichte des polnischen Holocaust-Überlebenden Vladek erzählt wird, feierte in den letzten Jahren vor allem Marjane Satrapis „autofiktionale“ Geschichte „Persepolis“ (2000) weltweit Erfolge. Viele bekannte Graphic Novels wurden verfilmt, wie z.B. Frank Simmons “Sin City” (1991, Verfilmung 2005, R. Rodriguez) oder Daniel Clowes “Ghost World” (1993, Verfilmung 2001, T. Zwigoff), und die frankokanadische, legendäre Zeichnerin Julie Doucet hat ihre unzensierten Alltagsgeschichten aus dem “My New York Diary” (1999) vor kurzem mit dem nicht weniger legendären Michel Gondry noch einmal filmisch verarbeitet.

 

In Russland entstanden die ersten Comics Anfang des 20. Jahrhunderts und wurden in satirischen Journalen wie “Begemot” (Nielpferd) und “Krokodil” oder in Zeitschriften für Kinder wie “Ež” (Igel) oder “Čiž” (Zeisig) gedruckt. Während der Sowjetunion verschwand das Comic praktisch von der Bildfläche, lediglich in Kinderzeitschriften tauchte es noch in Form der „Veselye kartinki“ (Lustige Bilder) auf.

 

Nach einem kurzen Comic-Boom nach dem Zerfall der Sowjetunion kamen um 2000 vor allem Übersetzungen von Marvel oder Disney-Comics auf den Markt. Russische Publikationen gab es nur vereinzelt. „Seither hat sich die Situation aber stark verändert“, meint Dmitrij. „Das hängt vor allem damit zusammen, dass die japanischen Animationsfilme so beliebt geworden sind. Eine unglaubliche Menge asiatischer Comics aus Japan, Korea und China hat den Markt überflutet. Außerdem gibt es jetzt auch die amerikanischen Superhelden-Comics im Buchformat. Meistens werden Comics hier von Kindern und Jugendlichen gelesen. Viele der russischen Zeichner sind stark von den asiatischen Comics beeinflusst, die zeichnen dann sowas wie russische Mangas. Denselben Einfluss haben auch amerikanische und französische Comics.“

 

Die meisten der russischen Comicautoren sind Illustratoren, Graphikdesigner oder Schriftsteller, die ihre Werke entweder im Internet oder in kleiner Auflage in unabhängigen Verlagen publizieren. Einer dieser Verlage nennt sich „Boomkniga“ und wurde von den Organisatoren des „Boomfests“ ins Leben gerufen. Der Verlag hat es sich zum Ziel gesetzt, dem russischen Leser die Welt der Comics näher zu bringen, und veröffentlicht in kleiner Auflage und schöner Aufmachung russisch- und französischsprachige Geschichten.

 

Ein besonders interessantes Projekt des Verlags ist das 2011 erschienene Buch „Zapretnoe iskusstvo – 2006“ (Verbotene Kunst – 2006). Die Künstler_innen Viktorija Lomasko und Anton Nikolaev verarbeiten darin den Gerichtsprozess, der 2007 von einer orthodoxen Organisation gegen die Veranstalter der gleichnamigen, im Sacharov-Zentrum stattfindenden Ausstellung losgetreten wurde. Die Angeklagten, die Kuratoren dieser Ausstellung, Andrej Erofeev und Jurij Samodurov, wurden im Juli 2010 wegen „Verletzung des Nationalstolzes und religiöser Gefühle“ zu hohen Geldstrafen verurteilt. Lomasko und Nikolev, die schon den Prozess selbst direkt aus dem Gerichtssaal bildnerisch dokumentiert hatten, veröffentlichen nun ihre Eindrücke über dieses gesellschaftspolitisch brisante Thema in Form einer „graphischen Reportage“.

 

Auch eine Reihe anderer russischer Künstler haben abseits des Manga-Mainstreams ihre eigene Sprache gefunden und zeichnen witzige, philosophische, schöne und bewegende  Comics:

 

Varvara Pomidors Geschichten zum Beispiel erscheinen oft fragmentarisch und rätselhaft und verbinden wunderschön gezeichnete Bilder mit poetischen Texten. In Pravda“ erzählt sie in einer Mischung aus Collage, Graphik und Text von ihrer Kindheit in der Sowjetunion und dem Unterschied zwischen offizieller und persönlicher Wahrheit.

 

Der Petersburger Comicautor Aleksej Nikitin beschreibt in seinen nach Motiven von Daniil Charms gezeichneten Geschichten Situationen aus dem Leben von Aleksandr Puškin, Lev Tolstoj und Fedor Dostoevskij. In anderen Arbeiten zeigt er Kurt Cobain und Courtney Love beim Tennisspielen oder beschreibt absurde Episoden aus dem Leben von Sid und Nancy, Jesus Christus oder den Beatles.

 

Polina Petrouchina, 1985 in Moskau geboren, lebt und arbeitet als Illustratorin in Strassburg und zeichnet Geschichten mit sarkastischen, träumerischen oder burlesken Elementen, unter die sich auch Motive aus der russischen Folklore mischen. Manche ihrer Comics werden nicht auf Papier gezeichnet, sondern auf Stoffen, Fliesen oder Kleidungsstücken realisiert.

 

Oleg Tiščenkovs Serie „Kot“(Kater), in der Mensch und Katze die wichtigen (und manchmal auch unwichtigen) Fragen des Lebens diskutieren, erreichte im Internet einen so hohen Bekanntheitsgrad, dass auf Grund der großen Nachfrage mittlerweile auch zwei gedruckte Bücher, sowie eine speziell für das I-Pad entwickelte, interaktive Sammlung der Comics (letzere heißt stilgerecht »I-Kot«) erschienen sind.

Wer sich für russische Comics interessiert, sollte also am besten das Petersburger „Boomfest“ besuchen oder zumindest das Comicangebot im Internet durchforsten.

Bilder online: https://novinkiblog.wordpress.com/2011/09/21/achtung-comics/#

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