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Auf europäischen Spuren durch den Donbas

Posted on 21. September 2023 by Lina Burkart
Wie europäisch ist der Donbas? Dieser Frage geht ein Dokumentarfilm des ukrainischen Regisseurs Kornii Hrytsiuk in der ostukrainischen Region nach – und begibt sich auf eine Spurensuche in das von Industrialisierung geprägte 19. Jahrhundert. Mit Ausweitung der russischen Invasion der Ukraine ist der Film zu einem Zeitdokument avanciert, das ein Bild des Donbas vor der großen Zerstörung zeichnet.

Wie europäisch ist der Donbas? Dieser Frage geht ein Dokumentarfilm des ukrainischen Regisseurs Kornii Hrytsiuk in der ostukrainischen Region nach – und begibt sich auf eine Spurensuche in das von Industrialisierung geprägte 19. Jahrhundert. Mit Ausweitung der russischen Invasion der Ukraine ist der Film zu einem Zeitdokument avanciert, das ein Bild des Donbas vor der großen Zerstörung zeichnet.

 

Kornii Hrytsiuk begibt sich mit "Eurodonbas" (Yevrodonbas, UA 2022) auf eine abenteuerliche Spurensuche nach den Anfängen der Industrialisierung im Osten der Ukraine. Sein Dokumentarfilm beleuchtet nicht nur den erheblichen europäischen Einfluss auf die wirtschaftliche, architektonische und kulturelle Entwicklung des Donbas, sondern öffnet einmal mehr die Augen für die Macht und die Zerstörungskraft der sowjetischen Geschichtsschreibung.

Der Filmemacher Kornii Hrytsiuk, der selbst im Donbas aufgewachsen ist, wusste lange Zeit nichts von den europäischen Wurzeln der Industrialisierung in der Ostukraine. Denn durch gezielte sowjetische Propaganda wurde die Erinnerung an das europäische Erbe in der Region nahezu ausgelöscht. Doch in seinem Film zeigt Hrytsiuk: lange bevor Stalin auf die industrielle Kraft des Donezbecken setzte, profitierten europäische Siedler:innen und Industrielle vom reichen Kohlevorkommen und den seltenen Bodenschätzen im östlichsten Teil des Landes. Belgische, französische, amerikanische und deutsche Unternehmer:innen bauten Fabriken und Siedlungen und machten den Donbas zu einem Epizentrum für Berg- und Wanderarbeiter:innen. Nach der Machtübernahme durch die Sowjets wurden die Fabriken beschlagnahmt und verstaatlicht. Siedlungen und Fabrikgelände wurden systematisch umbenannt und die Erinnerungen an ihre Entstehungsgeschichte verblassten.

Auf den Spuren der Industriellen und ihrer Arbeiter:innen lässt Regisseur Hrytsiuk (Hobby-) Historiker:innen und Ortskundige durch ehemalige belgische Siedlungen, leerstehende Fabriken aus Backstein und Ortschaften mit ungewöhnlichen Namen wie New York, Marienthal oder Ostheim führen. In Gesprächen mit Expert:innen und unter Zuhilfenahme von Dokumenten und Fotografien aus den Archiven historischer Institute und europäischer Unternehmen werden die einzelnen Versatzstücke der Regionalgeschichte Stück für Stück zusammengesetzt. Unterdessen erwecken aufwendig animierte Original-Fotografien und historische Tonaufnahmen den Donbas des 19. Jahrhunderts wieder zum Leben.

Über ein Jahr verbrachten Hrytsiuk und sein Team mit Archivarbeit, bevor sie mit den eigentlichen Dreharbeiten begannen. Die Begeisterung für detailreiche Recherchen ist dem Dokumentarfilm ebenso anzumerken, wie die Liebe zum Donezbecken und seinen Bewohner:innen. Immer wieder wird das grüne Mittelgebirge, das von Minen und Kohlebergwerken durchzogen ist, die an surreale Mondlandschaften erinnern, aus der Vogelperspektive gezeigt. Es sind gerade diese menschengemachten Narben, die die raue Schönheit der Landschaft ausmachen. In Gesprächen mit Ortsansässigen wird klar: obwohl Fragen nach Identitäten und Zugehörigkeiten Risse zu Tage fördern, bietet diese aktuell so umkämpfte Region vielen Menschen eine geliebte Heimat. Der Donbas verdankt seinen internationalen Charme, seine quirligen Städte und seine außergewöhnliche und vielseitige Architektur den vielen tausend Wanderarbeiter:innen und ihren Familien, die sich im 19. Jahrhundert in den Arbeitersiedlungen niederließen und blieben.

Freilich wird in dem Dokumentarfilm eine ukrainische, pro-europäische Sichtweise auf die sowjetische Geschichtsschreibung aufgezeigt. Dass das Donezbecken auch von positivem sowjetischen Einfluss geprägt wurde und dass es sich bei der europäischen Besiedlung um Formen der Ausbeutung und einer kolonialen 'Beherrschung' gehandelt haben könnte, wird im Film nicht kommentiert: Aus ukrainischer, pro-europäischer Perspektive sorgten die Siedler:innen vor allem für einen Industrialisierungsschub mit Aufklärungscharakter. Nichtsdesto weniger bleibt "Eurodonbas" ein wichtiges Dokument für eine sonst wenig beachtete Epoche.

Als Regisseur Kornii Hrytsiuk Ende des Jahres 2021 die Filmarbeiten abschloss, überlegte er, den Titel des Films zu ändern. Zu diesem Zeitpunkt befürchtete er, dass der Donbas in der internationalen Wahrnehmung so unbekannt sei, dass der Titel nicht verstanden werden könnte. Doch seit Ausweitung des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 veränderte sich die Aufmerksamkeit auf das heute beinahe vollkommen zerstörte Donezbecken schlagartig: Aus "Eurodonbas" wurde neben einem Bildungs-Film, der die Geschichte eines Industriegebiets aufarbeitet, ein Zeitdokument, das Aufnahmen einer Region zeigt, die es so nie wieder geben wird.

 

Hrytsiuk, Kornii: Yevrodonbas (Eurodonbas), Ukraine, 2022, 73 min.

Auf europäischen Spuren durch den Donbas - novinki
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Auf euro­päi­schen Spuren durch den Donbas

Wie euro­pä­isch ist der Donbas? Dieser Frage geht ein Doku­men­tar­film des ukrai­ni­schen Regis­seurs Kornii Hryt­siuk in der ost­ukrai­ni­schen Region nach – und begibt sich auf eine Spu­ren­suche in das von Indus­tria­li­sie­rung geprägte 19. Jahr­hun­dert. Mit Aus­wei­tung der rus­si­schen Inva­sion der Ukraine ist der Film zu einem Zeit­do­ku­ment avan­ciert, das ein Bild des Donbas vor der großen Zer­stö­rung zeichnet.

 

Kornii Hryt­siuk begibt sich mit “Eurodonbas” (Yevr­odonbas, UA 2022) auf eine aben­teu­er­liche Spu­ren­suche nach den Anfängen der Indus­tria­li­sie­rung im Osten der Ukraine. Sein Doku­men­tar­film beleuchtet nicht nur den erheb­li­chen euro­päi­schen Ein­fluss auf die wirt­schaft­liche, archi­tek­to­ni­sche und kul­tu­relle Ent­wick­lung des Donbas, son­dern öffnet einmal mehr die Augen für die Macht und die Zer­stö­rungs­kraft der sowje­ti­schen Geschichtsschreibung.

Der Fil­me­ma­cher Kornii Hryt­siuk, der selbst im Donbas auf­ge­wachsen ist, wusste lange Zeit nichts von den euro­päi­schen Wur­zeln der Indus­tria­li­sie­rung in der Ost­ukraine. Denn durch gezielte sowje­ti­sche Pro­pa­ganda wurde die Erin­ne­rung an das euro­päi­sche Erbe in der Region nahezu aus­ge­löscht. Doch in seinem Film zeigt Hryt­siuk: lange bevor Stalin auf die indus­tri­elle Kraft des Donez­be­cken setzte, pro­fi­tierten euro­päi­sche Siedler:innen und Indus­tri­elle vom rei­chen Koh­le­vor­kommen und den sel­tenen Boden­schätzen im öst­lichsten Teil des Landes. Bel­gi­sche, fran­zö­si­sche, ame­ri­ka­ni­sche und deut­sche Unternehmer:innen bauten Fabriken und Sied­lungen und machten den Donbas zu einem Epi­zen­trum für Berg- und Wanderarbeiter:innen. Nach der Macht­über­nahme durch die Sowjets wurden die Fabriken beschlag­nahmt und ver­staat­licht. Sied­lungen und Fabrik­ge­lände wurden sys­te­ma­tisch umbe­nannt und die Erin­ne­rungen an ihre Ent­ste­hungs­ge­schichte verblassten.

Auf den Spuren der Indus­tri­ellen und ihrer Arbeiter:innen lässt Regis­seur Hryt­siuk (Hobby-) Historiker:innen und Orts­kun­dige durch ehe­ma­lige bel­gi­sche Sied­lungen, leer­ste­hende Fabriken aus Back­stein und Ort­schaften mit unge­wöhn­li­chen Namen wie New York, Mari­en­thal oder Ost­heim führen. In Gesprä­chen mit Expert:innen und unter Zuhil­fe­nahme von Doku­menten und Foto­gra­fien aus den Archiven his­to­ri­scher Insti­tute und euro­päi­scher Unter­nehmen werden die ein­zelnen Ver­satz­stücke der Regio­nal­ge­schichte Stück für Stück zusam­men­ge­setzt. Unter­dessen erwe­cken auf­wendig ani­mierte Ori­ginal-Foto­gra­fien und his­to­ri­sche Ton­auf­nahmen den Donbas des 19. Jahr­hun­derts wieder zum Leben.

Über ein Jahr ver­brachten Hryt­siuk und sein Team mit Archiv­ar­beit, bevor sie mit den eigent­li­chen Dreh­ar­beiten begannen. Die Begeis­te­rung für detail­reiche Recher­chen ist dem Doku­men­tar­film ebenso anzu­merken, wie die Liebe zum Donez­be­cken und seinen Bewohner:innen. Immer wieder wird das grüne Mit­tel­ge­birge, das von Minen und Koh­le­berg­werken durch­zogen ist, die an sur­reale Mond­land­schaften erin­nern, aus der Vogel­per­spek­tive gezeigt. Es sind gerade diese men­schen­ge­machten Narben, die die raue Schön­heit der Land­schaft aus­ma­chen. In Gesprä­chen mit Orts­an­säs­sigen wird klar: obwohl Fragen nach Iden­ti­täten und Zuge­hö­rig­keiten Risse zu Tage för­dern, bietet diese aktuell so umkämpfte Region vielen Men­schen eine geliebte Heimat. Der Donbas ver­dankt seinen inter­na­tio­nalen Charme, seine quir­ligen Städte und seine außer­ge­wöhn­liche und viel­sei­tige Archi­tektur den vielen tau­send Wanderarbeiter:innen und ihren Fami­lien, die sich im 19. Jahr­hun­dert in den Arbei­ter­sied­lungen nie­der­ließen und blieben.

Frei­lich wird in dem Doku­men­tar­film eine ukrai­ni­sche, pro-euro­päi­sche Sicht­weise auf die sowje­ti­sche Geschichts­schrei­bung auf­ge­zeigt. Dass das Donez­be­cken auch von posi­tivem sowje­ti­schen Ein­fluss geprägt wurde und dass es sich bei der euro­päi­schen Besied­lung um Formen der Aus­beu­tung und einer kolo­nialen ‘Beherr­schung’ gehan­delt haben könnte, wird im Film nicht kom­men­tiert: Aus ukrai­ni­scher, pro-euro­päi­scher Per­spek­tive sorgten die Siedler:innen vor allem für einen Indus­tria­li­sie­rungs­schub mit Auf­klä­rungs­cha­rakter. Nichts­desto weniger bleibt “Eurodonbas” ein wich­tiges Doku­ment für eine sonst wenig beach­tete Epoche.

Als Regis­seur Kornii Hryt­siuk Ende des Jahres 2021 die Film­ar­beiten abschloss, über­legte er, den Titel des Films zu ändern. Zu diesem Zeit­punkt befürch­tete er, dass der Donbas in der inter­na­tio­nalen Wahr­neh­mung so unbe­kannt sei, dass der Titel nicht ver­standen werden könnte. Doch seit Aus­wei­tung des rus­si­schen Angriffs­kriegs im Februar 2022 ver­än­derte sich die Auf­merk­sam­keit auf das heute bei­nahe voll­kommen zer­störte Donez­be­cken schlag­artig: Aus “Eurodonbas” wurde neben einem Bil­dungs-Film, der die Geschichte eines Indus­trie­ge­biets auf­ar­beitet, ein Zeit­do­ku­ment, das Auf­nahmen einer Region zeigt, die es so nie wieder geben wird.

 

Hryt­siuk, Kornii: Yevr­odonbas (Eurodonbas), Ukraine, 2022, 73 min.