Autofiktion in Theorie und Praxis: Geschrieben in Westberlin (Napisano w Zapadnom Berline)

In den letzten Jahren debütierten im russischsprachigen Raum immer mehr Autor*innen in der Autofiktion, die über den persönlichen Erfahrungshorizont politisch brisante Themen des postsowjetischen Kontextes verhandeln – so auch Napisanо w Zapadnom Berlinе (Geschrieben in West-Berlin) von der Petersburger Philologin Larisa Murawjowa. Die Autorin schafft eine fiktionalisierte Welt auf der Grundlage der eigenen Biografie und versucht dabei, traumatische – familiäre wie historische – Erfahrungen zu verarbeiten. Arkadij Mazur über ein modisches, selbsttherapeutisches Literaturgenre.

 

Das in diesem Sommer im russischsprachigen shell(f)-Verlag erschienene Buch Napisanо w Zapadnom Berlinе („Geschrieben in West-Berlin“) entspricht in idealer Weise den gängigen Regeln des autofiktionalen Genres. Die Autorin des Buches, die Petersburger Philologin Larisa Murawjowa, hat sich intensiv mit der Theorie der Autofiktion beschäftigt und sich schließlich entschlossen, selbst ein Werk in diesem Genre zu schreiben. Die zentralen Themen ihres Buches sind der Verlust der eigenen Identität durch die Emigration nach Israel und Deutschland, distanzierte und kühle Familienbeziehungen, Angststörungen, innere Leere sowie der Druck der Nachrichten über die Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen.

 

Larisa Murawjowa verwebt all diese Motive kunstvoll miteinander, indem sie eine nichtlineare Erzählweise und eine Art literarischen „Montage-Stil“ verwendet: das Lesen von Nachrichten, das Schreiben von Notizen auf dem Handy, plötzliche Erinnerungsblitze der Protagonistin. Zeitliche und geographische Ebenen  verschränken sich: Petersburg wird zu Finnland, dann zu Berlin, dann wieder zu Finnland – und von dort geht es nach Tel Aviv und anschließend zurück nach Berlin. So verschwimmen die räumlichen Grenzen, zwischen den Orten entsteht eine unsichtbare Verbindung über gemeinsame Themen – Leere, Verlorenheit, Trauma – und über wiederkehrende Bilder: Herbst, Spaziergänge, Bücher und Kaffee.

 

Geschrieben in Westberlin erlaubt es, durch die Augen einer Philologin drei völlig unterschiedliche Länder zu sehen – ihre Flughäfen, Sehenswürdigkeiten, Parks und Museen – und zugleich über Erinnerung, Tagebucheinträge, Fotografie, Literatur und Kunst nachzudenken. In diesen Fragen, thematisch eng mit der Autofiktion verwoben, liegt der besondere Wert der Perspektive der Erzählerin als Literaturwissenschaftlerin.

 

Polyphonie als Kunstgriff

 

Ein weiterer gelungener Kunstgriff des Romans ist seine Vielstimmigkeit. Murawjowa lässt nicht nur ihre Erzählerin sprechen, sondern greift immer wieder auf andere Stimmen zurück: auf Taxifahrer in Petersburg, Nachbarn und Kolleg*innen in Berlin oder Familienmitglieder in Tel Aviv. Besonders eindrucksvoll gelingt ihr dieser polyphone Effekt in den Kapiteln über die Familie – über den konservativen, patriotischen Vater und die kritisch denkende, liberale Schwester. In ihren Dialogen spiegeln sich zwei entgegengesetzte Stimmen des modernen israelischen Gesellschaftslebens.

 

Gerade durch diese familiären Stimmen offenbaren sich auch die Konflikte der zwischenmenschlichen Beziehungen. So ist es die Schwester, die die Fassade des Vaters entlarvt, als die Erzählerin zu Besuch kommt:

 

„Denk ja nicht, dass Papa sich hier für euch Mühe gibt, nur damit es euch in Israel gefällt. Er fährt jeden Gast nach Jerusalem. Heute hat er zufällig frei und will euch nur so schnell wie möglich loswerden. Euch nach Jerusalem bringen, das abhaken und sich sagen können, er sei der Super-Vater, der euch nichts mehr schuldet. Nur, dass du’s weißt.“ (S. 62. Übersetzung aus dem Russischen, hier und im Folgenden: A.M.)

 

Der autofiktionale Rahmen erlaubt Murawjowa, das Persönliche mit größtmöglicher Offenheit zu verhandeln und reale Traumata literarisch abzufedern. „Lass es nicht mich sagen, sondern meine fiktive Heldin – oder besser noch ihre erfundenen Schwestern“, scheint die Autorin zu denken. Doch auch diese Figuren werden im Text nicht geschont: Sie entfernen sich von der Protagonistin, verstehen sie nicht, simulieren Interesse, sprechen eine andere Sprache und leben in einer anderen Welt.

 

Die Distanz zwischen den Figuren wird auf mehreren Ebenen spürbar: räumlich und institutionell – etwa in der Kindheit, als die Schwestern durch eine Schulmauer getrennt sind; medizinisch – wenn die aus Israel angereiste Schwester sich wegen Corona nicht nähert; und schließlich existenziell – unterschiedliche Länder, Staatsbürgerschaften, Weltanschauungen, Identitäten werden thematisiert.

 

Vereinsamung im Exil

 

Diese vielschichtigen Distanzierungen – sowie das einhergehende Unverständnis – sind zentrale Motive des Buches. Die Heldin befindet sich in fremden Ländern, umgeben von Menschen, deren Sprachen, kulturelle Codes und bürokratische Rituale ihr fremd bleiben. In Tel Aviv wird sie von seelisch fernen Verwandten umgeben, in Berlin stößt sie auf kühle, politisierte Kolleg*innen und fordernde Vorgesetzte. Schritt für Schritt verliert sie den Kontakt zu allen ihr nahestehenden Menschen – zuletzt zu ihrem Mann, der aus beruflichen Gründen in Israel bleibt.

 

Am Ende verliert sie schließlich auch den Bezug zu sich selbst. Sie löst sich auf in der eigenen Leere und im Angstzustand, der das ganze Buch durchzieht, aber erst am Schluss offen ausgesprochen wird. Die Flut der Nachrichten – über Kriege und ihre Opfer, über politische Repressionen in ihren beiden „Heimatländern“ – verschlingt sie. Im buchstäblichen Sinne wird die Heldin aus dem Text verdrängt: Auf den letzten Seiten bleibt nur noch der endlose Strom politischer Ereignisse. Die Leere hat gesiegt – und der durch die Nachrichten ausgelöste Burn-out hat alles verschlungen.

 

An diesem Punkt könnte der versierte Kritiker aus der russischsprachigen Emigration seine Rezension wohl beenden. Er könnte nach Belieben noch ein paar Worte zur Position der Autorin hinsichtlich des Israelisch-palästinenischen Konflikts hinzufügen, über die weibliche Stimme und die Literatur der Emigration, über die Berliner Tradition Viktor Šklovskis oder auch über das Thema Familiengedächtnis und Fotografie im Anschluss an Katja Petrowskaja…

 

All das schreibt sich für den Kritiker nahezu automatisch. Die zentralen Themen sind ihm klar und es bleibt ihm nur, in seinem Text das autofiktionale „Bingo“ zusammenzustellen: alle literarischen Verfahren zu benennen und die aktuellen politischen Diskurse zu markieren. So entstehen in der Regel automatische Rezensionen auf automatische Autofiktion. Doch gibt es in Larisa Murawjowas Buch etwas, das über die bereits allseits bekannten Genremerkmale hinausgeht?

 

Technisch einwandfrei, inhaltlich vorhersehbar

 

Wie gezeigt wurde, ist Geschrieben in Westberlin technisch versiert, politisch zeitgemäß und in seiner Ausführung nahezu fehlerlos. Es ist progressiv, brillant konstruiert, leicht analytisch zu loben – doch weder die Handlung noch die Protagonistin berühren den Leser. Mitunter scheint sich die Erzählerin selbst für diese Glätte und Alltäglichkeit ein wenig zu schämen:

 

„Jetzt merke ich, dass ich mich in eine gewöhnliche, mäßig linke Emigrantin verwandle – mit einer voll ausgestatteten Kosmetiktasche, die ich immer seltener benutze, einer Mietwohnung in Charlottenburg und einer klaffenden Wunde im Inneren, durch die die Schreie der Realität dringen … Mir ist übel von mir selbst.“ (S. 43)

 

Warum also sollte dem Leser da nicht ebenfalls übel werden? Man kann mit der Heldin nicht mitfühlen, nur weil man es sollte. Sie hat nichts Widersprüchliches, nichts Unerwartetes, nichts Lächerliches oder Beschämendes an sich Das Leben der Heldin ist in jeder Hinsicht gut, es fehlt der Konflikt – und doch blickt sie auf den Sonnenuntergang und ist plötzlich tief betrübt.

 

Natürlich ließe sich dafür eine gewohnte Erklärung finden: Das ist Autofiktion, Selbsttherapie durch Schreiben – das Leiden ist hier gleichsam genrebedingt. Aber sollte die Erzählung nicht zugleich inhaltlich bedeutsam und interessant sein?

 

Zum Beispiel gelingt das der Petersburger Autorin Anja Getman in ihrem letztjährigen Autofiktionsroman Schmel’ (Die Hummel) besser, in dem ebenfalls schwierige Familienverhältnisse und Angststörungen, ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg und den nicht endenden Nachrichtenstrom, thematisiert werden. Das Buch ist sprachlich weit weniger elegant als Murawjowas – stilisiert wie Social-Media-Posts. Und doch fesselt es – weil es widersprüchlich, erzählerisch dicht und lebendig ist.

 

Geschrieben in Westberlin dagegen hält sich mit endlosen Reflexionen der perfekten Heldin über den Verlust einer kaum greifbaren Identität, über die Mühsal des Wartens in Flughafen-Schlangen, über die Schwierigkeiten bei der Aufenthaltserlaubnis und – natürlich – über das Trauma des Facebook-Scrollens auf:

 

„Ich versuche auszubrechen, aber die umklammert mich fest, drückt mich ans Bett, mahlt mich innerlich zu Staub. Ich schreie, winde mich, weine, stöhne – und das verschafft ihm nur noch größeres Vergnügen. Ich versuche, keine Nachrichten zu lesen und mich zu verstecken, aber er findet mich überall, und die Folter geht weiter. Ich lese Nachrichten am sechshundertfünfundsechzigsten Tag seit Beginn des ersten Krieges, am vierhundertzehnten seit Beginn meiner Emigration, am vierundsiebzigsten seit Beginn des zweiten Krieges.“ (S. 98)

 

Was fügt das dem Erfahrungshorizont des Lesers hinzu, der zu Buchpräsentationen von Geschrieben in Westberlin im Berliner Babel Bookstore oder auf der Prager Buchmesse kommt?

 

Auch dieser Mensch war traurig über die Nachrichten, fühlte Leere, trank Kaffee, kaufte Möbel bei IKEA, stand in Warteschlangen und verstand die lokale Bürokratie nicht (und beschwerte sich darüber womöglich in ähnlichen Worten in seinem Telegram-Kanal).

 

Nun muss er all das erneut lesen – kann aber, anders als der Kritiker, der er auch ist, keine Begeisterung mehr für eine Literatur empfinden, die sich seit Jahren im Kreis um dieselben Themen dreht und sich mit der bloßen Aktualität ihres Stoffes zufrieden gibt.

 

Das Genre der Autofiktion rechtfertigt nicht alles, was der Heldin widerfährt. Nicht jedes Geschehen verlangt nach Deutung, und das, was gedeutet wird, verwandelt sich dadurch nicht automatisch in Literatur. Ein Buch braucht eine fiktionale Welt, die eine ungewöhnliche Geschichte erzählt und fähig ist, einen anderen Menschen zu fesseln. Fehlt sie, – dann bleibt der Text eine Telefonnotiz, ein Tagebucheintrag oder ein Telegram-Post –, aber ein solcher Text ist noch keine Literatur für den Leser.

 

Im Grunde formuliert Larisa Murawjowa das selbst in ihrem Werk:

 

„Ich habe irgendwo gelesen, dass die Gefühle des Lesers es ermöglichen, eine Handlung so zu ‚vernähen‘ oder zu konstruieren, dass diese Gefühle ihn möglichst lange im Text halten. Der Schreibende – wenn er das überhaupt will – muss diese Gefühle berücksichtigen und seinen Text so entwerfen, wie ein guter Ingenieur ein Haus entwirft […] Aber ich, die Schreibende, kann dieses Haus nicht für den Leser entwerfen, weil ich mit meinen eigenen Gefühlen nicht fertigwerde […] Ich möchte meine Erfahrung in das Schreiben einnähen, damit das Schreiben mir selbst sagt, was ich fühle. Mein Leser bleibt jenseits des Horizonts dieser Erfahrung.“ (S. 29)

 

Bitte nicht! Lasse den Leser nicht jenseits des Horizonts deiner Erfahrung stehen. Denn dann ist das Buch nur für die Schreibende selbst, für den Kritiker des Internetportals „Meduza“ oder den Philologiestudenten, der alle Genremerkmale und politisch aktuellen Themen richtig erkennt – aber nicht für den Menschen, der eine lebendige, interessante Geschichte lesen, lachen, weinen, sich wiedererkennen und das Leben wenigstens ein kleines Stück mehr lieben möchte.

 

 

 

 

 

 

Larisa Murawjowa: Napisanо w Zapadnom Berlinе (Geschrieben in West-Berlin), 2025, erschienen im digitalen und „small-press“-Verlag shell(f).

 

Quelle des Buchcovers: https://shellf-publishing.com/.

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