Belarus im Exil: Über die Notwendigkeit Filme zu drehen, egal was kommt

 

„Gute Nachrichten sind rar, schlechte Nachrichten dagegen reichlich vorhanden. Es ist wichtig etwas zu tun, was einen selbst und andere inspiriert.“

 

Yuri Semashko, 32-jähriger belarusischer Regisseur aus Minsk, Autodidakt, der seit 2013 auf seinem Youtube-Kanal Kurzfilme mit phantasmagorischen Animationselementen veröffentlicht, hat 2025 seinen ersten Spielfilm auf internationalen Festivals präsentiert. The Swan Song of Fyodor Ozerov wurde auf der Berlinale gezeigt und beim spanischen Festival FILMADRID mit dem „Youth Jury Award“ und mit dem „Audience Award“ ausgezeichnet. Wie in seinen Kurzfilmen, darunter When I Was A General (2021) und Garbage Head (2023), integriert Semashko auch im neuen Film phantasmagorische Elemente.

Während die Nachrichten den Anfang des Dritten Weltkriegs prognostizieren, begibt sich ein junger Liedermacher auf die Suche nach Inspiration, einem magischen Pulli und nach gleichgesinnten Musikern, um eine neue Band zu gründen. „Warum Kunst in Zeiten des Krieges, wenn die Hoffnung schwindet?“ ist eine der zentralen Fragen, die der Film stellt.

Im novinki-Interview mit Elena M. Gazina, das auf Russisch geführt wurde und über Zoom Warschau – den derzeitigen Wohnort des Regisseurs – und Berlin miteinander verband, erzählt Yuri Semashko von den Herausforderungen der Emigration und dem Suchen nach Inspiration und Hoffnung.

 

novinki: Wir sprechen einige Monate nach der Berlinale. Wie hat sich Ihr Leben nach dem Festival verändert?

 

Yuri Semashko: Ich würde gerne sagen, dass sich vieles verändert hat. Aber bisher – nicht gravierend. Ich habe definitiv eine neue Erfahrung gewonnen durch die Filmvorstellung auf dem Festival. Gefühlt hat sich aber sonst nichts verändert, außer dass mir bewusst geworden ist, dass ich weiterhin Spielfilme drehen muss!

 

 

novinki: Haben Sie schon ein neues Projekt geplant?

 

Y.S.: Noch sind die Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Hinzu kommt, dass die Inspiration, nach der auch mein Protagonist sucht, schwieriger zu finden ist als beim ersten Film. Weil… den ersten Film macht man, ohne zu wissen, worauf man sich einlässt, ohne zu erahnen, was einen erwartet. Diese Ungewissheit gibt Mut. Hat man aber schon einen Film gedreht, kommt der Wunsch auf, nächstes Mal „den Einsatz zu erhöhen“.

Ich verstehe jetzt, dass eine Budgetbegrenzung unausweichlich die Anzahl der Zuschauer verkleinert. Deshalb würde ich mir wünschen, nächstes Mal einen Film unter besseren Umständen für mich und das Team zu drehen, um dadurch auch mehr Zuschauer zu gewinnen. Dafür muss dann auch das Budget wachsen. Doch leider sind die Möglichkeiten für belarusische Emigranten sehr eingeschränkt. Vielleicht wird der Erfolg von The Swan Song of Fyodor Ozerov dabei helfen, die Pläne zu verwirklichen!

 

novinki: Ich bin noch immer sehr beeindruckt von der künstlerischen Qualität Ihres Films. Man hat den Eindruck, dass das begrenzte Budget nicht geschadet hat, sondern vielleicht sogar die Inspiration bei der Wahl der stilistischen Mittel beflügelt hat?

 

Y.S.: Ich beginne mit dem, was ich habe. Das ganze Geheimnis liegt darin, dass ich zuerst in einen Zustand des Schaffenshungers gelange und erst dann überlege. Wenn es kein Geld gibt, dann schaue ich mich einfach um: Womit kann man einen Film machen? Welche potenziellen Schauspieler gibt es?

Ich versuche immer den Umständen entsprechend zu agieren. Zum Beispiel setze ich die Wohnung, in der ich wohne, in einem Film ein. Auch Animationsrichtungen, die ich beherrsche, versuche ich in den Film zu integrieren. Alles beginnt mit den Gegebenheiten. Ich finde keinen Reiz darin, mir etwas auszudenken, was ich im Jetzt nicht verwirklichen kann. Deshalb fange ich bei dem an, was möglich ist. Dann tauchen die Welten auf. Im Weiteren überlege ich mir, wie man das für den Zuschauer spannend gestalten kann.

Das war meine Methode von Anfang an, schon bei den Kurzfilmen. Jetzt gibt es ein paar mehr Möglichkeiten. Ich bin nicht allein beim Filmemachen, wir sind ein Team. Jetzt kann ich schon andere Menschen engagieren und Live-Action-Filme drehen, was viel schneller geht im Vergleich zur Animation.

 

novinki: Dennoch haben Sie auch in diesem Film Animationssequenzen von Maja Bühler integriert, die eine besondere Funktion erhalten. Mit der der Animationsästhetik eigenen Sprache des Phantastischen kann der Schmerz artikuliert werden. Die Mischung der Gattungen und der Ebenen von Realem und Phantastischem scheint ein charakteristischer Zug Ihrer Filme zu sein. Ist das eine bewusste Entscheidung?

 

Y.S.: Es fällt mir schwer zu sagen, weshalb es in meinen Filmen immer ein Element des Phantastischen gibt. Wahrscheinlich ist für mich ein Film immer eine Art Eskapismus in eine andere Welt, eine Flucht vor der Realität. Ja, genau, deshalb strebe ich danach, diese Welten so zu gestalten, dass sie unterhaltsam und lebendig sind. So, dass es dort keine Regeln gibt.

 

„Ich möchte in meinen Filmen in eine andere Welt gelangen. Auch wenn diese Welt der unseren sehr ähnelt, möchte ich, dass es dort etwas gibt: Hoffnung, die uns in der realen Welt fehlt.“

 

novinki: Keine Regeln?

 

Y.S.: Wenn eine Geschichte verlangt, dass etwas Unwahrscheinliches oder Phantastisches auftaucht, dann räume ich dafür den Platz ein. Im Film The Swan Song of Fyodor Ozerov habe ich am Anfang nichts Phantasmagorisches geplant. Doch während der Arbeit merkte ich, dass mir – sagen wir – die Realität nicht ausreicht, um auf die im Film gestellten Fragen eine Antwort zu finden. Und so tauchten die merkwürdigen Ereignisse auf wie Geister. Und dies alles ist noch mit Träumen vermischt, die auch teilweise eine surreale Natur besitzen.

Generell ist Film als Medium ziemlich künstlich. Auch wenn ich mich nicht von den Gesetzen unserer Welt entferne, baue ich die Geschichte nach den Gesetzen einer kinematografischen Realität auf, wo ständig etwas passieren muss. Deshalb geht es beim Film nicht um die Realität, zumindest für mich. Ich möchte in meinen Filmen in eine andere Welt gelangen. Auch wenn diese Welt der unseren sehr ähnelt, möchte ich, dass es dort etwas gibt: Hoffnung, die uns in der realen Welt fehlt.

 

 

novinki: In Ihrem Film ist die Hoffnung durchgehend da, auch in den von Angst durchzogenen Momenten verschwindet sie nicht. Und auch wenn Fyodor sich in der Unterwelt wiederfindet, entscheidet er sich dazu zu singen.

 

Y.S.: Irgendwo musste er singen! Der Film an sich ist im Grunde genommen eine Spiegelung dessen bzw. ein Metakommentar dazu, wie wir den Film gedreht haben. Weil wir auch alle unsere Ängste besiegen mussten. Viačasłaŭ Kmit, der Hauptdarsteller, hatte mit Angst zu kämpfen. Und auch ich mit meinem ersten Spielfilm, der in sehr kurzer Zeit gedreht wurde. Für die meisten Schauspieler war es die erste Filmerfahrung. Also hatten alle irgendwie Angst. Im Film geht es in gewissem Sinne auch darum, wie ich nach der Inspiration für das Drehbuch gesucht habe und wie wir dann den Film gedreht haben. Also ein Meta-Film, mein Lieblingsgenre.

 

novinki: Neben der Suche nach Inspiration gab es für mich eine andere zentrale Suche im Film – die Suche nach einem Zuhause, nach gleichgesinnten Musikern. Das Flashback des Kwartirniks, eines Wohnungskonzerts, war für mich ein starkes Nostalgiemoment! Hat eine Sehnsucht nach Minsk hier eine Rolle gespielt?

 

Y.S.: Dass er eine Band zu gründen versucht, ist eher eine Suche nach Gleichgesinnten. Sie unterstreicht seine Einsamkeit im Schaffen. Wie viele Musiker versucht er eine Band zu gründen und scheitert. Seiner Natur nach ist er ein Solist, aber in der Suche nach anderen – Gleichgesinnten – will er endlich über seine Grenzen hinausgehen, weil er verstanden hat, dass Inspiration auch aus der Gemeinschaft kommen kann. Aber dann wird klar, dass er dazu maximal unfähig ist, er schafft das überhaupt nicht.

Und was das Zuhause – auf Minsk bezogen – angeht, so schrieb ich das Drehbuch noch in Minsk, ich hatte damals keine Nostalgie. Aber ja, ich wollte in diesem Flashback die Atmosphäre des für immer Verlorenen wiedergeben, die Zeiten, als Fyodor noch einen jugendlichen Eifer vor seinem ersten Album empfand, noch bevor der magische Pulli auftauchte. Also ich denke, das Gefühl der Nostalgie ist im Grunde richtig. Minsk habe ich in den Albumtitel eingefügt, weil wir an keiner Stelle im Film verraten, wo die Handlung spielt. Der Albumtitel „Minskij Syndrom“ gibt eine Andeutung. Viele Reviewer, die nicht aus Polen oder Belarus kommen, denken, dass der Film in Minsk spielt. „Eine Atmosphäre der Minsker Plattenbauten“ – irgendwie so beschreiben sie es. Anscheinend hat da der Titel des Albums gewirkt.

 

 

novinki: Sie haben in Warschau gedreht.  Wie haben Sie dort die Drehorte ausgewählt?

 

Y.S.: Ich bin auch hier wieder von Gegebenheiten ausgegangen. Ein Filmdreh beinhaltet immer auch eine schwierige Logistik. Unsere Hauptdrehorte waren drei Wohnungen und die Straßenszenen haben wir in ihrem Umkreis gedreht. In den Wohnungen konnten wir unsere Sachen lassen, Tee und Kaffee trinken. Und ich dachte mir, dass es praktisch wäre, etwas Passendes in der Nähe zu finden. Es war auch eine Frage des Glücks, des Zufalls. Der Warschauer Stadtteil Praga gefällt mir sehr. Wir haben dort gedreht, und ich finde, dass die Häuser dort fast wie in Minsk sind, etwa die Blendbögen. Also, es gibt eine unglaubliche Ähnlichkeit. Außerdem ist dieser Bezirk praktisch im Originalzustand erhalten, da gibt es keine Neubauten.

 

„Die Lebensbedingungen in der Emigration begünstigen nicht unbedingt die künstlerische Arbeit. Aber wir wissen auch, dass es im Komfort manchmal schwieriger ist Kunst zu schaffen als in solchem Chaos, das einem viel abverlangt.“

 

novinki: Hat sich Ihr Empfinden von „Zuhause“ geändert?

 

Y.S.: Schwierige Frage. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie es sich zu Hause angefühlt hat. Was es zu Hause definitiv gab, was es hier, in Warschau, nicht gibt, ist ein… Ruheraum. Wissen Sie, eine Möglichkeit, wenn man müde ist oder ein Burnout hat, sich einfach zurückzuziehen und zu warten, bis man sich erholt hat.

Hier muss man die ganze Zeit präsent sein, über die Arbeit, über das Aufenthaltsrecht, über die Dokumente nachdenken. Und über die nächsten Projekte, weil es das Einzige ist, was dich aus diesem Sumpf des Alltags, der dich einsaugt, herausziehen kann. Die Lebensbedingungen in der Emigration begünstigen nicht unbedingt die künstlerische Arbeit. Aber wir wissen auch, dass es im Komfort manchmal schwieriger ist Kunst zu schaffen als in solchem Chaos, das einem viel abverlangt.

Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass ich diesen Film in Belarus drehen könnte. Ich habe über diese Option nachgedacht. Aber da hätten wir nicht auf der Straße drehen können: es hätte viele Schwierigkeiten und Hürden gegeben. Aufgrund der Gefahr hätte ich dort auch keine Schauspieler finden können, die sich bereit erklärt hätten zu spielen. Dagegen kann man in Warschau sehr leicht Menschen mit Schaffensdrang finden. In Belarus hätten wir nicht drehen können, deshalb freuen wir uns über das, was wir haben.

 

novinki: Wie ist es gerade in Warschau?

 

Hier werden viele Kulturveranstaltungen organisiert. Ich denke, die belarusische Kulturszene in Warschau ist nicht weniger reich als in Minsk vor 2020. Auch weil es mehr oder weniger dieselben Menschen sind, die hierher gezogen sind.

Also ja, ganz verzweifeln wird man nicht. Doch ich wünsche mir, dass es mehr Kooperationsprojekte gibt, wo man nicht nur Beobachter, sondern Akteur ist. Für mich ist ein Projekt wie das Filmedrehen viel inspirierender als sich einfach mit Belarusen zu treffen, um zusammen zu trinken. Alle – nicht nur die Belarusen in der Emigration – haben gerade Schwierigkeiten mit Zukunftsperspektiven, Zukunftserwartungen. Gute Nachrichten sind rar, schlechte Nachrichten dagegen reichlich vorhanden. Es ist wichtig etwas zu tun, was einen selbst und andere inspiriert. Ich als Regisseur empfinde die Notwendigkeit Filme zu drehen, egal was kommt.

 

 

 

 

Die im Beitrag gezeigten Stills entstammen dem Film The Swan Song of Fyodor Ozerov (R: Yuri Semashko, Litauen/Deutschland, 2025, 78 Minuten) und wurden novinki – ebenso wie das Porträt – vom Regisseur zur Publikation bereitgestellt.

Jetzt den novinki-Newsletter abonnieren

und keinen unserer Textbeiträge mehr verpassen!