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Standardisierte Fälschung oder Tiflis am Abgrund des Gefaketen

Posted on 19. März 2016 by Irine Beridze
Zaza Burchuladze bekam in Georgien schon früh den Ruf des geschickten Provokateurs. Sein exzentrisches Auftreten in den Medien und seine direkten Invektiven gegen die orthodoxe Kirche haben nicht nur die Verkaufszahlen seiner Bücher rasch nach oben getrieben, sondern auch seine letztliche Flucht aus Georgien bedingt. Sein Buch "Adibas" (georgische Erstveröffentlichung 2009) liegt nun in deutscher Übersetzung vor.

Der 1973 in Tiflis geborene und zurzeit in Berlin lebende georgische Autor, Zaza Burchuladze, bekam in Georgien schon gleich nach der Veröffentlichung seines ersten Romans den Ruf des geschickten Provokateurs. Sein exzentrisches Auftreten in den georgischen Medien und seine direkten Invektiven gegen die orthodoxe Kirche haben nicht nur die Verkaufszahlen seiner Bücher rasch nach oben getrieben, sondern auch seine letztliche Flucht mit dem Status eines „Writer in Exile“ bedingt. Nun liegt sein Buch „Adibas“ (georgische Erstveröffentlichung 2009) in der deutschen Übersetzung vor und wird nicht nur von den ,üblichen Verdächtigen’, sondern ‚sogar’ vom deutschsprachigen Rolling Stone rezensiert.

 

adibas_coverEs ist ein starkes Bild gleich am Anfang des Romans, wenn Zaza, der Hauptheld des Romans, im Vake-Pool an seinem Mojito nippt, während ein russisches Jagdflugzeug im Tiefflug über das Becken fliegt. Sein Schatten kriecht über die gebräunten Körper, doch die allgemeine Gleichgültigkeit der Tifliser Bohème bleibt unerschüttert.

 

„Dies ist ein beeindruckender Antikriegsroman“, schreibt der ukrainische Gegenwartsautor, Jurij Andruchovyč, im Vorwort zum Buch und kommt gleich auch auf den ukrainisch-russischen Krieg zu sprechen. Zaza Burchuladzes Roman spielt im August 2008 während des georgisch-russischen Krieges. Der Begriff „Antikriegsroman“ fällt hier keinesfalls zufällig: Andruchovyč begründet dies mit der eher untergeordneten Rolle der Kriegsdarstellung im Roman. Tatsächlich sind es eher kurze Handlungsfetzen, flüchtige Bilder oder Situationen, die immer wieder daran erinnern sollen, dass die Realität der Romanhelden eine vom Krieg bestimmte ist.

 

Der Ich-Erzähler Zaza weist unverwechselbare Ähnlichkeit mit dem Autor auf und ist Teil jener Tifliser Gesellschaftsschicht, die sich stets über den Luxus definiert. Im Roman wird ihm eine Doppelrolle zuteil, die nicht immer überzeugt: die des außenstehenden, kritischen Beobachters und jene des unmittelbaren Akteurs. Aus der Ich-Perspektive beobachtet, kommentiert und „reflektiert” er über diesen – nicht nur im meteorologischen Sinne – heißen Sommer. Der Zustand des Krieges ändert nichts an seinem Lebensstil. Sowohl er als auch die restlichen Helden des Romans leben weiterhin das gewohnte Leben. Die Dinge haben in dieser Gesellschaftsschicht Vorrang vor den Menschen. Konsumieren heißt hier nicht allein Konsumieren, sondern Konsum im großen Stil. Jene Bohème der Hauptstadt, in der sich die Figuren des Romans bewegen, lebt von der kontinuierlichen Selbstinszenierung. Die angespannte Kriegssituation ändert daran nichts.

 

Der versteckte Krieg

Der Krieg kommt im Roman in den kleinen Details vor: Mal sind das „BFO – Bekannte Flug-Objekte“ mit der kyrillischen Aufschrift (РФ)-08, die in der Stadt frei herumfliegen, mal die georgischen Soldaten mit russischen Kalaschnikows, die eine Straßenblockade errichten. Der schwule Trainer Amiko muss zur Armee und Naniko, eine Freundin, fragt aus London per Skype, ob das Tifliser Viertel Vake tatsächlich bombardiert werde. Der Ich-Erzähler kommentiert dies folgendermaßen: „So ist das. Das Einzige, worum sich die Leute aus der Peripherie wirklich sorgen, ist das Nobelviertel Vake.“

 

Die Struktur des Romans ist durch mehrere Brüche geprägt. Die Leser werden in unterschiedlichen Kapiteln mit verschiedenen Textsorten konfrontiert. Allerdings handelt es sich eher um parodierte Versionen, Fälschungen des jeweiligen Genres: eine Pseudo-Horoskop-Vorhersage, ein Theaterstück, eine Skype-Unterhaltung und ein Gedicht, das einen georgischen Kanon-Autor karikiert. Auf den ersten Blick spielt hier der Autor mit den verschiedenen Textsorten und fälscht sie zugleich. Allerdings fragt man sich, inwiefern ihm dies gelingt oder, genauer gefragt, ob es überhaupt seine Intention ist?

 

Tiflis – Fake Me!

Im Roman Adibas – schon im Titel wird die Fälschung inszeniert – ist Tiflis das Mekka der artifiziellen Menschen, Gefühle, Medien, Kriege, Beziehungen, Dinge und schließlich des gefälschten Sex. An einer Stelle charakterisiert der Erzähler Zaza seine Stadt und stellt fest: „Tiflis bettelt förmlich darum, befiehlt dir, geformt, bemalt, missbraucht zu werden. Wenn es nach mir ginge, würde ich an den Stadttoren Banner aufhängen mit der Aufschrift Fake Me. (…) Weil das am ehesten die Seele dieser Stadt widerspiegelt. Nicht nur die Seele, auch ihr Wesen und ihren Zustand.“

 

Bewusst oder unbewusst, ist dieser Text selbst ein Produkt jener Welt, mit der er sich auseinandersetzt. In seinen Parodie- und Selbstparodie-Versuchen sehnt sich der Roman nach guten stilistischen Vorbildern wie z. B. eines Frédéric Beigbeder, bleibt aber dabei selbst der Fake-Ebene verhaftet. Er handelt vom Krieg, ist aber kein richtiger Kriegsroman. Ist es ein kritisches Gesellschaftspanorama? – Ja, aber eben nicht immer überzeugend in Tiefe und Schärfe. Ist es ein Roman über „Sex, Drugs and Rock ’n‘ Roll“? – Auch nicht ganz. Es ist ein buntes Sammelsurium an Geschichten mit einem pseudo-postmodernen Hauch und wird so selbst zu einem Teil der in ihm dargestellten Welt.

 

Burchuladze, Zaza: Adibas. Aus dem Georgischen von Anastasia Kamarauli. Berlin: Blumenbar Verlag, 2015.

 

Weiterführende Links:
Informationen zur georgischen Ausgabe des Buches:
https://saba.com.ge/books/details/127

Informationen zur deutschen Ausgabe:
http://www.aufbau-verlag.de/index.php/literatur-unterhaltung/romane-erzahlungen/adibas.html

Weitere Informationen zum Autor:
http://www.pen-deutschland.de/de/themen/writers-in-exile/aktuelle-stipendiaten/zaza-burchuladze/
http://sulakauri.ge/authors/single/65

Standardisierte Fälschung oder Tiflis am Abgrund des Gefaketen - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Stan­dar­di­sierte Fäl­schung oder Tiflis am Abgrund des Gefaketen

Der 1973 in Tiflis gebo­rene und zur­zeit in Berlin lebende geor­gi­sche Autor, Zaza Bur­ch­ul­adze, bekam in Geor­gien schon gleich nach der Ver­öf­fent­li­chung seines ersten Romans den Ruf des geschickten Pro­vo­ka­teurs. Sein exzen­tri­sches Auf­treten in den geor­gi­schen Medien und seine direkten Invek­tiven gegen die ortho­doxe Kirche haben nicht nur die Ver­kaufs­zahlen seiner Bücher rasch nach oben getrieben, son­dern auch seine letzt­liche Flucht mit dem Status eines „Writer in Exile“ bedingt. Nun liegt sein Buch „Adibas“ (geor­gi­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung 2009) in der deut­schen Über­set­zung vor und wird nicht nur von den ‚übli­chen Ver­däch­tigen’, son­dern ‚sogar’ vom deutsch­spra­chigen Rol­ling Stone rezensiert.

 

adibas_coverEs ist ein starkes Bild gleich am Anfang des Romans, wenn Zaza, der Haupt­held des Romans, im Vake-Pool an seinem Mojito nippt, wäh­rend ein rus­si­sches Jagd­flug­zeug im Tief­flug über das Becken fliegt. Sein Schatten kriecht über die gebräunten Körper, doch die all­ge­meine Gleich­gül­tig­keit der Tif­liser Bohème bleibt unerschüttert.

 

„Dies ist ein beein­dru­ckender Anti­kriegs­roman“, schreibt der ukrai­ni­sche Gegen­warts­autor, Jurij Andruchovyč, im Vor­wort zum Buch und kommt gleich auch auf den ukrai­nisch-rus­si­schen Krieg zu spre­chen. Zaza Bur­ch­ul­adzes Roman spielt im August 2008 wäh­rend des geor­gisch-rus­si­schen Krieges. Der Begriff „Anti­kriegs­roman“ fällt hier kei­nes­falls zufällig: Andruchovyč begründet dies mit der eher unter­ge­ord­neten Rolle der Kriegs­dar­stel­lung im Roman. Tat­säch­lich sind es eher kurze Hand­lungs­fetzen, flüch­tige Bilder oder Situa­tionen, die immer wieder daran erin­nern sollen, dass die Rea­lität der Roman­helden eine vom Krieg bestimmte ist.

 

Der Ich-Erzähler Zaza weist unver­wech­sel­bare Ähn­lich­keit mit dem Autor auf und ist Teil jener Tif­liser Gesell­schafts­schicht, die sich stets über den Luxus defi­niert. Im Roman wird ihm eine Dop­pel­rolle zuteil, die nicht immer über­zeugt: die des außen­ste­henden, kri­ti­schen Beob­ach­ters und jene des unmit­tel­baren Akteurs. Aus der Ich-Per­spek­tive beob­achtet, kom­men­tiert und „reflek­tiert” er über diesen – nicht nur im meteo­ro­lo­gi­schen Sinne – heißen Sommer. Der Zustand des Krieges ändert nichts an seinem Lebens­stil. Sowohl er als auch die rest­li­chen Helden des Romans leben wei­terhin das gewohnte Leben. Die Dinge haben in dieser Gesell­schafts­schicht Vor­rang vor den Men­schen. Kon­su­mieren heißt hier nicht allein Kon­su­mieren, son­dern Konsum im großen Stil. Jene Bohème der Haupt­stadt, in der sich die Figuren des Romans bewegen, lebt von der kon­ti­nu­ier­li­chen Selbst­in­sze­nie­rung. Die ange­spannte Kriegs­si­tua­tion ändert daran nichts.

 

Der ver­steckte Krieg

Der Krieg kommt im Roman in den kleinen Details vor: Mal sind das „BFO – Bekannte Flug-Objekte“ mit der kyril­li­schen Auf­schrift (РФ)-08, die in der Stadt frei her­um­fliegen, mal die geor­gi­schen Sol­daten mit rus­si­schen Kalasch­ni­kows, die eine Stra­ßen­blo­ckade errichten. Der schwule Trainer Amiko muss zur Armee und Naniko, eine Freundin, fragt aus London per Skype, ob das Tif­liser Viertel Vake tat­säch­lich bom­bar­diert werde. Der Ich-Erzähler kom­men­tiert dies fol­gen­der­maßen: „So ist das. Das Ein­zige, worum sich die Leute aus der Peri­pherie wirk­lich sorgen, ist das Nobel­viertel Vake.“

 

Die Struktur des Romans ist durch meh­rere Brüche geprägt. Die Leser werden in unter­schied­li­chen Kapi­teln mit ver­schie­denen Text­sorten kon­fron­tiert. Aller­dings han­delt es sich eher um par­odierte Ver­sionen, Fäl­schungen des jewei­ligen Genres: eine Pseudo-Horo­skop-Vor­her­sage, ein Thea­ter­stück, eine Skype-Unter­hal­tung und ein Gedicht, das einen geor­gi­schen Kanon-Autor kari­kiert. Auf den ersten Blick spielt hier der Autor mit den ver­schie­denen Text­sorten und fälscht sie zugleich. Aller­dings fragt man sich, inwie­fern ihm dies gelingt oder, genauer gefragt, ob es über­haupt seine Inten­tion ist?

 

Tiflis – Fake Me!

Im Roman Adibas – schon im Titel wird die Fäl­schung insze­niert – ist Tiflis das Mekka der arti­fi­zi­ellen Men­schen, Gefühle, Medien, Kriege, Bezie­hungen, Dinge und schließ­lich des gefälschten Sex. An einer Stelle cha­rak­te­ri­siert der Erzähler Zaza seine Stadt und stellt fest: „Tiflis bet­telt förm­lich darum, befiehlt dir, geformt, bemalt, miss­braucht zu werden. Wenn es nach mir ginge, würde ich an den Stadt­toren Banner auf­hängen mit der Auf­schrift Fake Me. (…) Weil das am ehesten die Seele dieser Stadt wider­spie­gelt. Nicht nur die Seele, auch ihr Wesen und ihren Zustand.“

 

Bewusst oder unbe­wusst, ist dieser Text selbst ein Pro­dukt jener Welt, mit der er sich aus­ein­an­der­setzt. In seinen Par­odie- und Selbst­par­odie-Ver­su­chen sehnt sich der Roman nach guten sti­lis­ti­schen Vor­bil­dern wie z. B. eines Fré­déric Beigbeder, bleibt aber dabei selbst der Fake-Ebene ver­haftet. Er han­delt vom Krieg, ist aber kein rich­tiger Kriegs­roman. Ist es ein kri­ti­sches Gesell­schafts­pan­orama? – Ja, aber eben nicht immer über­zeu­gend in Tiefe und Schärfe. Ist es ein Roman über „Sex, Drugs and Rock ’n‘ Roll“? – Auch nicht ganz. Es ist ein buntes Sam­mel­su­rium an Geschichten mit einem pseudo-post­mo­dernen Hauch und wird so selbst zu einem Teil der in ihm dar­ge­stellten Welt.

 

Bur­ch­ul­adze, Zaza: Adibas. Aus dem Geor­gi­schen von Ana­stasia Kama­r­auli. Berlin: Blu­menbar Verlag, 2015.

 

Wei­ter­füh­rende Links:
Infor­ma­tionen zur geor­gi­schen Aus­gabe des Buches:
https://saba.com.ge/books/details/127

Infor­ma­tionen zur deut­schen Ausgabe:
http://www.aufbau-verlag.de/index.php/literatur-unterhaltung/romane-erzahlungen/adibas.html

Wei­tere Infor­ma­tionen zum Autor:
http://www.pen-deutschland.de/de/themen/writers-in-exile/aktuelle-stipendiaten/zaza-burchuladze/
http://sulakauri.ge/authors/single/65