http://www.novinki.de

Das Spiel mit den Zeiten

Posted on 24. August 2017 by Philipp-Martin Bode
Eine postmoderne Heiligenvita, die auf wundersame Weise vom Leben und der Relativität der Zeiten erzählt. Der erste Roman Evgenij Vodolazkins in deutscher Übersetzung erschien 2016.

Laurus. Eine postmoderne Heiligenvita, die auf wundersame Weise vom Leben und der Relativität der Zeiten erzählt. Der erste Roman Evgenij Vodolazkins in deutscher Übersetzung erschien 2016.

 

Glauben und Aberglauben, der ständige Überlebenskampf mit der Natur und der allgegenwärtig lauernde Tod scheinen das menschliche Leben im Europa des 15. Jahrhunderts zu bestimmen. Es ist eine zerbrechliche Welt, die sich in ständiger Gefahr befindet, durch Sünde, Krankheit und Tod zu zerbersten und das Schöne, das Leben, die Liebe in das ewig dunkle Nichts hinfort zu reißen. In diese Zeit wird Arsenij , der Protagonist des Romans Laurus von Evgenij Vodolazkin, geboren und erfährt bereits in seinen frühen Kindertagen von der bevorstehenden Apokalypse.

 

Ein klassischer Historienroman?

Erzählt wird die Biografie eines Wunderheilers, der mit suspekten, teilweise aberwitzigen Heilmitteln und Ratschlägen den leidenden Menschen Linderung verschafft und durch fast schon suizidale Selbstkasteiung zu einem lebenden Heiligen stilisiert wird. Mit der kompositorischen Einteilung des Romans in verschiedene Bücher, die jeweils bestimmte Phasen im Leben des Protagonisten schildern, greift Vodolazkin auf formale Aspekte des mittelalterlichen Genres der Heiligenvita, der sogenannten Hagiographie, zurück. Mithilfe des Protagonisten wird der Alltag der europäischen Kultur des Spätmittelalters facettenreich und in seiner inneren Logik glaubhaft inszeniert. Ein klassischer Historienroman in Sujet und Form, könnte man annehmen. Mitnichten! Laurus spielt mit solchen Konventionen. Das gleichzeitige Einbeziehen unterschiedlicher Epochen, durch Prophezeiungen wie beispielsweise über die Entdeckung Amerikas, lässt die Epochen und Jahrhunderte miteinander verschmelzen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden zu einem mehrdimensionalen Netz verflochten, wodurch geradlinig verlaufende und containerhafte Vorstellungen zeitlicher Epochen überwunden werden. Der Autor selbst bezeichnet seinen Roman als einen „ahistorischen“, denn er emanzipiert sich gegenüber der Zeit.

 

Sprache als Speicher der Zeiten

Auf exemplarische Weise bedient sich Vodolazkin des Phänomens, dass sich Zeit in den Wortschatz der Sprache einschreibt. Die Gegenwartssprache des Autors geht mit Zitaten aus historischen Quellen – wie beispielsweise mittelalterlichen Gesetzestexten, religiösen Schriften, Hagiographien, Chroniken – und sowjetischem Vokabular eine stilistische Symbiose ein. Verwirrend allerdings ist, dass man sich beim Layout dazu entschlossen hat, Zitate aus mittelalterlichen Quellen kursiv abzudrucken, um den Leser*innen eine Orientierungshilfe anzubieten. Hat man nun aber das Nachwort nicht vor dem Roman gelesen, erkennt man die Zitate nicht als solche und sucht erfolglos nach einer zugrundeliegenden Logik. Die Verwendung von Begriffen wie „Intimhygiene“, „trübe Plastikflaschen“, „Relativitätstheorie“ und das Wissen der Figuren, dass sie sich im „Mittelalter“ befinden, wirken wie Stromschwankungen, die dieses Hologramm einer mittelalterlichen Darstellung immer wieder verzerren. In einem Interview erklärt der Autor, dass er damit die „Illusion der Zeit“ sichtbar machen möchte.

 

Die Summe meiner einzelnen Teile

Diese Strategie geht auf. Nicht nur sprachlich, sondern auch im Aufzeigen der verschiedenen Geschwindigkeiten der Zeit, die sich in den Innovations- und Transformationsprozessen von Artefakten, Praktiken und Denkmustern menschlicher Lebensbereiche manifestieren. Die Entfernung zwischen „Heute“ und „Damals“ ist nicht jene, die wir annehmen, sondern eine relative. Die Zeit zerfällt in kleine Einheiten oder fragmentarische Fetzen. Vodolazkin überträgt diese Idee auf das biografische Konzept seines Protagonisten. Die an die Hagiographie angelehnte Einteilung des Romans wird nicht teleologisch, sondern fragmentarisch-mosaikhaft verstanden:„Ich war Arseni, Ustin und Amwrossi, und jetzt bin ich Laurus. Mein Leben wurde von vier ganz verschiedenen Menschen gelebt, mit verschiedenen Körpern und verschiedenen Namen. Mein Leben gleicht einem Mosaik, es zerfällt in einzelne Teile.“ Zur Mosaikhaftigkeit trägt auch die Mehrfachkodierung des Namens Laurus bei. Namenspatron des späten Arsenij ist der Heilige Laurus, der im Christentum gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Florus am 18. August als Märtyrer verehrt wird. An diesem Tag erhielt Arsenij die Mönchsweihe und seinen Namen. Zugleich ist „Laurus“ auch die lateinische Bezeichnung für den immergrünen Lorbeer, der neben weiteren symbolischen Bedeutungen vor allem für Unsterblichkeit steht.

 

Das gekonnte Spiel mit den Leser*innen

vodolazkin_laurus_cover_ruVodolazkins beeindruckender Schreibstil ruft immer wieder Vorahnungen und bestimmte Erwartungen hervor. Als Leser*in glaubt man, den weiteren Verlauf der Handlung zu überblicken, um dann im entscheidenden Moment mit einer unerwarteten Wendung konfrontiert zu werden. Aufkommenden Fragen und kurzen Zweifeln beim Lesen – ein wohl beabsichtigter Effekt – wird sogleich mit Antworten begegnet. Aber verraten wird nie zu viel. Der Erzähler ergänzt Informationen gezielt und sukzessiv wie in einem Puzzle, so dass die Leser*innen zugleich Verbündete, aufmerksamer Schüler*innen und Augenzeug*innen des Geschehens werden. Die Handlung und das Leben des Protagonisten fügen sich allmählich zu einem großen Ganzen zusammen. Der Zusammenhang von früheren Begebenheiten, Träumen und Visionen mit späteren Ereignissen wird erkennbar. „Wenn Arseni in den Ofen blickte, sah er dort manchmal sein eigenes Gesicht. Es war umrahmt von grauem Haar, das am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengefasst war, und voller Falten. Trotzdem erkannte der Junge in diesem Bild sich selbst, nur viele Jahre später.“

An Glaubhaftigkeit gewinnt der Roman auch durch einen grundsätzlich sachlich-nüchternen Erzählstil, durch den die religiöse und abergläubische Weltvorstellung als ernst zu nehmende Realität des damaligen Russland erscheint und nicht ironisch in Zweifel gezogen wird. Erstaunlich ist, wie die prosaische und sehr strukturierte Erzählweise Vodolazkins die Emotionen und Gedanken der Figuren nicht nur beschreibt, sondern auch anhand von Körperhaltung und Verhaltensweisen meisterhaft in Szene setzt. Dadurch entsteht immer wieder hohe szenische und räumliche Plastizität.

 

Die professionellen Spieler*innen

Laurus ist der zweite Roman Evgenij Vodolazkins, der, 1964 in Kiew geboren, seit 1990 als Wissenschaftler und Spezialist für altrussische Literatur am Institut für Russische Literatur der Akademie der Wissenschaften (dem berühmten „Puškin-Haus“) in Sankt Petersburg arbeitet. Auch als Autor ist der ausgewiesene Mittelalterspezialist seit einigen Jahren sehr erfolgreich, was zahlreiche Preise und Übersetzungen, darunter auch die deutsche Übersetzung seines Romans Laurus beim Zürcher Dörlemann Verlag, zeigen.

Olga Radetzkaja, Übersetzerin und Redakteurin der Zeitschrift Osteuropa, hat sich der Herausforderung gestellt, diesen stilistisch hochkomplexen Roman für eine deutschsprachige Leserschaft zu rekonstruieren. Textstellen, die aus mittelalterlichen russischen Quellen zitiert wurden, werden durch deutsche Entsprechungen vor allem aus frühneuhochdeutschen Texten des 16. Jahrhunderts ersetzt. Um im Deutschen eine dem russischen Original äquivalente Wirkung und Stimmung zu erzeugen, nutzt sie Zitate aus den Werken von Martin Luther, Hans Sachs, Sebastian Brant, Andreas Gryphius, Erhard Hegenwald und Bernhard von Breidenbach.

Die Lesarten von Laurus sind vielfältig und es bleibt jedem*r Leser*in selbst überlassen, wie er*sie diesen Roman liest: als Historienroman oder postmoderne Hagiografie, als Saga oder Prophezeiung. In jedem Fall sollte nicht unberücksichtigt bleiben, dass es ein zeitgenössischer Roman ist, der eine gegenwartsbezogene Betrachtung nicht nur zulässt, sondern fordert. Auch unsere heutige Welt mit ihrer relativ stabilen Lebensordnung befindet sich in ständiger Bedrohung, durch neuen Aberglauben oder Fanatismus in eine Instabilität mittelalterlicher Prägung abzudriften. In diesem Sinne kann Laurus auch als Appell an Toleranz und Verantwortung jedes einzelnen Menschen gelesen werden, die nicht an scheinbaren kulturellen Grenzen enden sollten.

In jedem Fall wird Vodolazkins Laurus zu einer wahrhaft wundersamen Lesereise, bei der nur von einem abzuraten wäre: die obskuren Heilmittel und fragwürdigen medizinischen Ratschläge Arsenijs in die Tat umzusetzen.

 

Literatur:
Vodolazkin, Evgenij: Laurus. Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja. Zürich: Dörlemann Verlag, 2016.
Vodolazkin, Evgenij: Lavr. Neistoriceskij roman. Moskva: Astrel', 2012.

 

Weiterführende Links:
Vachedin, Dmitry: Evgenij Vodolazkin: „Ich spüre in Russland eine neue Energie“. Beitrag in: Russia beyond the headlines. Russland und Deutschland.

Das Spiel mit den Zeiten - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Das Spiel mit den Zeiten

Laurus. Eine post­mo­derne Hei­li­gen­vita, die auf wun­der­same Weise vom Leben und der Rela­ti­vität der Zeiten erzählt. Der erste Roman Evgenij Vodo­laz­kins in deut­scher Über­set­zung erschien 2016.

 

Glauben und Aber­glauben, der stän­dige Über­le­bens­kampf mit der Natur und der all­ge­gen­wärtig lau­ernde Tod scheinen das mensch­liche Leben im Europa des 15. Jahr­hun­derts zu bestimmen. Es ist eine zer­brech­liche Welt, die sich in stän­diger Gefahr befindet, durch Sünde, Krank­heit und Tod zu zer­bersten und das Schöne, das Leben, die Liebe in das ewig dunkle Nichts hin­fort zu reißen. In diese Zeit wird Arsenij [Arseni], der Prot­ago­nist des Romans Laurus von Evgenij Vodo­lazkin, geboren und erfährt bereits in seinen frühen Kin­der­tagen von der bevor­ste­henden Apokalypse.

 

Ein klas­si­scher Historienroman?

Erzählt wird die Bio­grafie eines Wun­der­hei­lers, der mit suspekten, teil­weise aber­wit­zigen Heil­mit­teln und Rat­schlägen den lei­denden Men­schen Lin­de­rung ver­schafft und durch fast schon sui­zi­dale Selbst­kas­teiung zu einem lebenden Hei­ligen sti­li­siert wird. Mit der kom­po­si­to­ri­schen Ein­tei­lung des Romans in ver­schie­dene Bücher, die jeweils bestimmte Phasen im Leben des Prot­ago­nisten schil­dern, greift Vodo­lazkin auf for­male Aspekte des mit­tel­al­ter­li­chen Genres der Hei­li­gen­vita, der soge­nannten Hagio­gra­phie, zurück. Mit­hilfe des Prot­ago­nisten wird der Alltag der euro­päi­schen Kultur des Spät­mit­tel­al­ters facet­ten­reich und in seiner inneren Logik glaub­haft insze­niert. Ein klas­si­scher His­to­ri­en­roman in Sujet und Form, könnte man annehmen. Mit­nichten! Laurus spielt mit sol­chen Kon­ven­tionen. Das gleich­zei­tige Ein­be­ziehen unter­schied­li­cher Epo­chen, durch Pro­phe­zei­ungen wie bei­spiels­weise über die Ent­de­ckung Ame­rikas, lässt die Epo­chen und Jahr­hun­derte mit­ein­ander ver­schmelzen. Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft werden zu einem mehr­di­men­sio­nalen Netz ver­flochten, wodurch gerad­linig ver­lau­fende und con­tai­ner­hafte Vor­stel­lungen zeit­li­cher Epo­chen über­wunden werden. Der Autor selbst bezeichnet seinen Roman als einen „ahis­to­ri­schen“, denn er eman­zi­piert sich gegen­über der Zeit.

 

Sprache als Spei­cher der Zeiten

Auf exem­pla­ri­sche Weise bedient sich Vodo­lazkin des Phä­no­mens, dass sich Zeit in den Wort­schatz der Sprache ein­schreibt. Die Gegen­warts­sprache des Autors geht mit Zitaten aus his­to­ri­schen Quellen – wie bei­spiels­weise mit­tel­al­ter­li­chen Geset­zes­texten, reli­giösen Schriften, Hagio­gra­phien, Chro­niken – und sowje­ti­schem Voka­bular eine sti­lis­ti­sche Sym­biose ein. Ver­wir­rend aller­dings ist, dass man sich beim Layout dazu ent­schlossen hat, Zitate aus mit­tel­al­ter­li­chen Quellen kursiv abzu­dru­cken, um den Leser*innen eine Ori­en­tie­rungs­hilfe anzu­bieten. Hat man nun aber das Nach­wort nicht vor dem Roman gelesen, erkennt man die Zitate nicht als solche und sucht erfolglos nach einer zugrun­de­lie­genden Logik. Die Ver­wen­dung von Begriffen wie „Intim­hy­giene“, „trübe Plas­tik­fla­schen“, „Rela­ti­vi­täts­theorie“ und das Wissen der Figuren, dass sie sich im „Mit­tel­alter“ befinden, wirken wie Strom­schwan­kungen, die dieses Holo­gramm einer mit­tel­al­ter­li­chen Dar­stel­lung immer wieder ver­zerren. In einem Inter­view erklärt der Autor, dass er damit die „Illu­sion der Zeit“ sichtbar machen möchte.

 

Die Summe meiner ein­zelnen Teile

Diese Stra­tegie geht auf. Nicht nur sprach­lich, son­dern auch im Auf­zeigen der ver­schie­denen Geschwin­dig­keiten der Zeit, die sich in den Inno­va­tions- und Trans­for­ma­ti­ons­pro­zessen von Arte­fakten, Prak­tiken und Denk­mus­tern mensch­li­cher Lebens­be­reiche mani­fes­tieren. Die Ent­fer­nung zwi­schen „Heute“ und „Damals“ ist nicht jene, die wir annehmen, son­dern eine rela­tive. Die Zeit zer­fällt in kleine Ein­heiten oder frag­men­ta­ri­sche Fetzen. Vodo­lazkin über­trägt diese Idee auf das bio­gra­fi­sche Kon­zept seines Prot­ago­nisten. Die an die Hagio­gra­phie ange­lehnte Ein­tei­lung des Romans wird nicht teleo­lo­gisch, son­dern frag­men­ta­risch-mosa­ik­haft verstanden:„Ich war Arseni, Ustin und Amwrossi, und jetzt bin ich Laurus. Mein Leben wurde von vier ganz ver­schie­denen Men­schen gelebt, mit ver­schie­denen Kör­pern und ver­schie­denen Namen. […] Mein Leben gleicht einem Mosaik, es zer­fällt in ein­zelne Teile.“ Zur Mosa­ik­haf­tig­keit trägt auch die Mehr­fach­ko­die­rung des Namens Laurus bei. Namens­pa­tron des späten Arsenij ist der Hei­lige Laurus, der im Chris­tentum gemeinsam mit seinem Zwil­lings­bruder Florus am 18. August als Mär­tyrer ver­ehrt wird. An diesem Tag erhielt Arsenij die Mönchs­weihe und seinen Namen. Zugleich ist „Laurus“ auch die latei­ni­sche Bezeich­nung für den immer­grünen Lor­beer, der neben wei­teren sym­bo­li­schen Bedeu­tungen vor allem für Unsterb­lich­keit steht.

 

Das gekonnte Spiel mit den Leser*innen

vodolazkin_laurus_cover_ruVodo­laz­kins beein­dru­ckender Schreib­stil ruft immer wieder Vor­ah­nungen und bestimmte Erwar­tungen hervor. Als Leser*in glaubt man, den wei­teren Ver­lauf der Hand­lung zu über­bli­cken, um dann im ent­schei­denden Moment mit einer uner­war­teten Wen­dung kon­fron­tiert zu werden. Auf­kom­menden Fragen und kurzen Zwei­feln beim Lesen – ein wohl beab­sich­tigter Effekt – wird sogleich mit Ant­worten begegnet. Aber ver­raten wird nie zu viel. Der Erzähler ergänzt Infor­ma­tionen gezielt und suk­zessiv wie in einem Puzzle, so dass die Leser*innen zugleich Ver­bün­dete, auf­merk­samer Schüler*innen und Augenzeug*innen des Gesche­hens werden. Die Hand­lung und das Leben des Prot­ago­nisten fügen sich all­mäh­lich zu einem großen Ganzen zusammen. Der Zusam­men­hang von frü­heren Bege­ben­heiten, Träumen und Visionen mit spä­teren Ereig­nissen wird erkennbar. „Wenn Arseni in den Ofen blickte, sah er dort manchmal sein eigenes Gesicht. Es war umrahmt von grauem Haar, das am Hin­ter­kopf zu einem Knoten zusam­men­ge­fasst war, und voller Falten. Trotzdem erkannte der Junge in diesem Bild sich selbst, nur viele Jahre später.“

An Glaub­haf­tig­keit gewinnt der Roman auch durch einen grund­sätz­lich sach­lich-nüch­ternen Erzähl­stil, durch den die reli­giöse und aber­gläu­bi­sche Welt­vor­stel­lung als ernst zu neh­mende Rea­lität des dama­ligen Russ­land erscheint und nicht iro­nisch in Zweifel gezogen wird. Erstaun­lich ist, wie die pro­sa­ische und sehr struk­tu­rierte Erzähl­weise Vodo­laz­kins die Emo­tionen und Gedanken der Figuren nicht nur beschreibt, son­dern auch anhand von Kör­per­hal­tung und Ver­hal­tens­weisen meis­ter­haft in Szene setzt. Dadurch ent­steht immer wieder hohe sze­ni­sche und räum­liche Plastizität.

 

Die pro­fes­sio­nellen Spieler*innen

Laurus ist der zweite Roman Evgenij Vodo­laz­kins, der, 1964 in Kiew geboren, seit 1990 als Wis­sen­schaftler und Spe­zia­list für alt­rus­si­sche Lite­ratur am Institut für Rus­si­sche Lite­ratur der Aka­demie der Wis­sen­schaften (dem berühmten „Puškin-Haus“) in Sankt Peters­burg arbeitet. Auch als Autor ist der aus­ge­wie­sene Mit­tel­al­ter­spe­zia­list seit einigen Jahren sehr erfolg­reich, was zahl­reiche Preise und Über­set­zungen, dar­unter auch die deut­sche Über­set­zung seines Romans Laurus beim Zür­cher Dör­le­mann Verlag, zeigen.

Olga Radetz­kaja, Über­set­zerin und Redak­teurin der Zeit­schrift Ost­eu­ropa, hat sich der Her­aus­for­de­rung gestellt, diesen sti­lis­tisch hoch­kom­plexen Roman für eine deutsch­spra­chige Leser­schaft zu rekon­stru­ieren. Text­stellen, die aus mit­tel­al­ter­li­chen rus­si­schen Quellen zitiert wurden, werden durch deut­sche Ent­spre­chungen vor allem aus früh­neu­hoch­deut­schen Texten des 16. Jahr­hun­derts ersetzt. Um im Deut­schen eine dem rus­si­schen Ori­ginal äqui­va­lente Wir­kung und Stim­mung zu erzeugen, nutzt sie Zitate aus den Werken von Martin Luther, Hans Sachs, Sebas­tian Brant, Andreas Gry­phius, Erhard Hegen­wald und Bern­hard von Breidenbach.

Die Les­arten von Laurus sind viel­fältig und es bleibt jedem*r Leser*in selbst über­lassen, wie er*sie diesen Roman liest: als His­to­ri­en­roman oder post­mo­derne Hagio­grafie, als Saga oder Pro­phe­zeiung. In jedem Fall sollte nicht unbe­rück­sich­tigt bleiben, dass es ein zeit­ge­nös­si­scher Roman ist, der eine gegen­warts­be­zo­gene Betrach­tung nicht nur zulässt, son­dern for­dert. Auch unsere heu­tige Welt mit ihrer relativ sta­bilen Lebens­ord­nung befindet sich in stän­diger Bedro­hung, durch neuen Aber­glauben oder Fana­tismus in eine Insta­bi­lität mit­tel­al­ter­li­cher Prä­gung abzu­driften. In diesem Sinne kann Laurus auch als Appell an Tole­ranz und Ver­ant­wor­tung jedes ein­zelnen Men­schen gelesen werden, die nicht an schein­baren kul­tu­rellen Grenzen enden sollten.

In jedem Fall wird Vodo­laz­kins Laurus zu einer wahr­haft wun­der­samen Lese­reise, bei der nur von einem abzu­raten wäre: die obskuren Heil­mittel und frag­wür­digen medi­zi­ni­schen Rat­schläge Arse­nijs in die Tat umzusetzen.

 

Lite­ratur:
Vodo­lazkin, Evgenij: Laurus. Aus dem Rus­si­schen von Olga Radetz­kaja. Zürich: Dör­le­mann Verlag, 2016.
Vodo­lazkin, Evgenij: Lavr. Neis­to­ri­ceskij roman. Moskva: Astrel’, 2012.

 

Wei­ter­füh­rende Links:
Vachedin, Dmitry: Evgenij Vodo­lazkin: „Ich spüre in Russ­land eine neue Energie“. Bei­trag in: Russia beyond the head­lines. Russ­land und Deutschland.