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„Chleb i sól“ – Zwischen Alltagsrassismen und Gastfreundschaft

Posted on 7. November 2023 by Selma Hartmann
Die Symbolik von Brot und Salz verwendet Damain Kocur in seinem preisgekrönten Spielfilmdebut „Chleb i sól” (2022), um von Xenophobie und Alltagsrassismen in der polnischen Provinz zu erzählen.

Brot und Salz – ein Brauch, den viele Kulturen zu teilen scheinen. In Polen ein Symbol der Gastfreundschaft, in der arabischen Kultur ein Ausdruck eines Freundschaftsbündnisses. Wenn zwischen zwei Personen Brot und Salz ist, sind sie Brüder. Diese Symbolik verwendet Damain Kocur in seinem preisgekrönten Spielfilmdebut „Chleb i sól” (2022), um von einem Vorfall in einer von Xenophobie und Alltagsrassismen geprägten Kleinstadt in der polnischen Provinz zu erzählen.

 

Tymek, ein junger Musikstudent, kehrt über die Sommerferien in seine kleine Heimatstadt in Polen zurück und wird dort Zeuge von Intoleranz und Gewalt. Während er zum Studieren in eine Großstadt gezogen war, hat sich in seiner Heimat nicht viel verändert: Nur ein Kebab-Laden, in dem sich seine Freunde, wenn sie nicht gerade zu Hause oder auf dem Spielplatz rumlungern und trinken, ihre Zeit vertreiben, ist neu hinzugekommen. In dem durch Cliquen-Dynamiken und Aussichtslosigkeit geprägten tristen Kleinstadtleben spitzt sich schließlich ein Konflikt zwischen den arabischstämmigen Mitarbeitern des Imbisses und den polnischen Jugendlichen zu – mit tragischen Folgen.

 

Die Handlung basiert auf wahren Begebenheiten: 2017 wurde in Elk, einer Stadt mit 60.000 Einwohnern im Nordosten Polens, eine Welle rassistischer Unruhen losgetreten. Auslöser der Gewalt war der Mord an einem 21-jährigen Polen vor einem Kebab-Restaurant in der Silvesternacht. Der junge Mann habe Ladendiebstahl begangen, hieß es, woraufhin der tunesische Ladeninhaber ihn im Handgemenge erstochen haben soll. Dieses Ereignis führte zu einer hitzigen gesellschaftlichen Debatte, begleitet von zahlreichen rassistisch motivierten Ausschreitungen.

 

Damain Kocur ist selbst in einer polnischen Kleinstadt aufgewachsen, wodurch ihm das Dargestellte wohlbekannt ist. Um die Realitätsnähe und den Dokumentarismus zu bewahren, besetzte er den Film mit Freunden und Bekannten. Der Hauptdarsteller, Tymoteusz Bies, und Kocur sind seit ihrer Kindheit befreundet; beide zogen – genauso wie Protagonist Tymek – für das Studium in eine Großstadt. Bies und Kocur schrieben das Drehbuch gemeinsam, das am Set um weitere spontane Ideen und Improvisationen ergänzt wurde. Als studierter Pianist hat Bies zudem für den Film Klavierstücke komponiert, die die kalte Kulisse der Plattenbausiedlung kontrapunktisch untermalen und die Zuschauenden in eine fesselnde, melancholische Trance versetzen.

 

Ziel des Films war es jedoch nicht, den tragischen Fall aus der Stadt Elk nur nachzuerzählen. Indem er das Publikum zu stillen Zeug_innen brutaler Szenen von Gewalt macht, gelingt es Kocur nach der Verantwortung jedes einzelnen Individuums zu fragen. So schaut man in einem Bus einem Übergriff auf einen der Imbiss-Mitarbeiter zu, als wäre man selbst ein_e Mitfahrer_in, die oder der sich gegen die aktive Zivilcourage entscheidet – und bleibt mit dem Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht zurück. Das Ausmaß von jahrelang vernachlässigtem Rassismus, der das Zusammenleben prägt und den Alltag Vieler mitbestimmt, macht die Zuschauenden in jeder Hinsicht sprachlos.

 

Der Film erhielt auf den 79. Internationalen Filmfestspielen von Venedig den Jurypreis in der Sektion Orizzonti und wurde auf dem Filmfestival Cottbus mit dem Spezialpreis für die beste Regie ausgezeichnet.

 

Kocur, Damian: Chleb i sól (Bread and Salt), Polen, 2022, 100 Min.

Quelle des Titelbildes: https://mittelpunkteuropa.de/filme/chleb-i-sol-bread-and-salt/ (zuletzt aufgerufen am 7.11.2023).

„Chleb i sól“ – Zwischen Alltagsrassismen und Gastfreundschaft - novinki
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„Chleb i sól“ – Zwi­schen All­tags­ras­sismen und Gastfreundschaft

Brot und Salz – ein Brauch, den viele Kul­turen zu teilen scheinen. In Polen ein Symbol der Gast­freund­schaft, in der ara­bi­schen Kultur ein Aus­druck eines Freund­schafts­bünd­nisses. Wenn zwi­schen zwei Per­sonen Brot und Salz ist, sind sie Brüder. Diese Sym­bolik ver­wendet Damain Kocur in seinem preis­ge­krönten Spiel­film­debut „Chleb i sól” (2022), um von einem Vor­fall in einer von Xeno­phobie und All­tags­ras­sismen geprägten Klein­stadt in der pol­ni­schen Pro­vinz zu erzählen. 

 

Tymek, ein junger Musik­stu­dent, kehrt über die Som­mer­fe­rien in seine kleine Hei­mat­stadt in Polen zurück und wird dort Zeuge von Into­le­ranz und Gewalt. Wäh­rend er zum Stu­dieren in eine Groß­stadt gezogen war, hat sich in seiner Heimat nicht viel ver­än­dert: Nur ein Kebab-Laden, in dem sich seine Freunde, wenn sie nicht gerade zu Hause oder auf dem Spiel­platz rum­lun­gern und trinken, ihre Zeit ver­treiben, ist neu hin­zu­ge­kommen. In dem durch Cli­quen-Dyna­miken und Aus­sichts­lo­sig­keit geprägten tristen Klein­stadt­leben spitzt sich schließ­lich ein Kon­flikt zwi­schen den ara­bisch­stäm­migen Mit­ar­bei­tern des Imbisses und den pol­ni­schen Jugend­li­chen zu – mit tra­gi­schen Folgen.

 

Die Hand­lung basiert auf wahren Bege­ben­heiten: 2017 wurde in Elk, einer Stadt mit 60.000 Ein­woh­nern im Nord­osten Polens, eine Welle ras­sis­ti­scher Unruhen los­ge­treten. Aus­löser der Gewalt war der Mord an einem 21-jäh­rigen Polen vor einem Kebab-Restau­rant in der Sil­ves­ter­nacht. Der junge Mann habe Laden­dieb­stahl begangen, hieß es, wor­aufhin der tune­si­sche Laden­in­haber ihn im Hand­ge­menge ersto­chen haben soll. Dieses Ereignis führte zu einer hit­zigen gesell­schaft­li­chen Debatte, begleitet von zahl­rei­chen ras­sis­tisch moti­vierten Ausschreitungen.

 

Damain Kocur ist selbst in einer pol­ni­schen Klein­stadt auf­ge­wachsen, wodurch ihm das Dar­ge­stellte wohl­be­kannt ist. Um die Rea­li­täts­nähe und den Doku­men­ta­rismus zu bewahren, besetzte er den Film mit Freunden und Bekannten. Der Haupt­dar­steller, Tymo­teusz Bies, und Kocur sind seit ihrer Kind­heit befreundet; beide zogen – genauso wie Prot­ago­nist Tymek – für das Stu­dium in eine Groß­stadt. Bies und Kocur schrieben das Dreh­buch gemeinsam, das am Set um wei­tere spon­tane Ideen und Impro­vi­sa­tionen ergänzt wurde. Als stu­dierter Pia­nist hat Bies zudem für den Film Kla­vier­stücke kom­po­niert, die die kalte Kulisse der Plat­ten­bau­sied­lung kon­tra­punk­tisch unter­malen und die Zuschau­enden in eine fes­selnde, melan­cho­li­sche Trance versetzen.

 

Ziel des Films war es jedoch nicht, den tra­gi­schen Fall aus der Stadt Elk nur nach­zu­er­zählen. Indem er das Publikum zu stillen Zeug_innen bru­taler Szenen von Gewalt macht, gelingt es Kocur nach der Ver­ant­wor­tung jedes ein­zelnen Indi­vi­duums zu fragen. So schaut man in einem Bus einem Über­griff auf einen der Imbiss-Mit­ar­beiter zu, als wäre man selbst ein_e Mitfahrer_in, die oder der sich gegen die aktive Zivil­cou­rage ent­scheidet – und bleibt mit dem Gefühl von Hilf­lo­sig­keit und Ohn­macht zurück. Das Ausmaß von jah­re­lang ver­nach­läs­sigtem Ras­sismus, der das Zusam­men­leben prägt und den Alltag Vieler mit­be­stimmt, macht die Zuschau­enden in jeder Hin­sicht sprachlos.

 

Der Film erhielt auf den 79. Inter­na­tio­nalen Film­fest­spielen von Venedig den Jury­preis in der Sek­tion Oriz­zonti und wurde auf dem Film­fes­tival Cottbus mit dem Spe­zi­al­preis für die beste Regie ausgezeichnet.

 

Kocur, Damian: Chleb i sól (Bread and Salt), Polen, 2022, 100 Min.

Quelle des Titel­bildes: https://mittelpunkteuropa.de/filme/chleb-i-sol-bread-and-salt/ (zuletzt auf­ge­rufen am 7.11.2023).