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Präsidentschaftswahlen im Taxi - der Dokumentarfilm "Maršrut perestroen" von Maksim Šved

Posted on 11. Mai 2023 by Anna Gromadina
Belarus im Jahr 2020. Nur wenige Wochen bis zur dramatischen Präsidentschaftswahl. Der Dokumentarfilm "Maršrut perestroen" (engl. "The Route Recalculated") des Regisseurs Maksim Shved sprechen ein Taxifahrer und eine Taxifahrerin: Er gegen Lukaschenko, sie für ihn. Nicht anders die Fahrgäste. Was erwarten sie alle von der Wahl und worauf hoffen sie?

Belarus im Jahr 2020. Nur wenige Wochen bis zur dramatischen Präsidentschaftswahl. Ein Taxifahrer und eine Taxifahrerin: Er gegen Lukaschenko, sie für ihn. Nicht anders die Fahrgäste. Was erwarten sie alle von der Wahl und worauf hoffen sie?

 

Der Dokumentarfilm Maršrut perestroen (engl. The Route Recalculated) des Regisseurs Maksim Shved aus dem Jahr 2020 stellt uns den jungen Pavel aus der belarusischen Hauptstadt Minsk und die etwa 50-jährige Anna Michajlovna aus der Kleinstadt Baranavičy vor. Beide Taxifahrer_innen hören in ihren Autos Radio. Pavel hört politische Podcasts und Gespräche über alternative Kandidaten, in Anna Michajlovnas Wagen sind Nachrichten offizieller Sender zu hören. Im Laufe des Films erfahren wir, dass sich Pavel politische Veränderungen wünscht und gegen Diktator Alexander Lukaschenko trotz der Gefahr verhaftet zu werden protestieren will. Anna Michajlovna hingegen sehnt sich nach Stabilität und möchte für Lukaschenko abstimmen. Sie versteht nicht, wofür Menschen auf die Straße gehen und welche Art von Veränderungen sie wollen. Sie glaubt, dass Lukaschenko das Richtige für sie und ihr Land tut.

 

Maksim Shveds informativer Dokumentarfilm steht in einer Reihe von Filmen über die Proteste in Belarus im Jahre 2020, wie Smelost‘ (dt. Courage, 2021) von Aliaksei Paluyan , Mara (2022) von Sasha Kulak und Minsk (2021) von Boris Guts. Er hält fest, was vor der Wahl in Belarus im Sommer 2020 bereits in der Luft hing und dokumentiert zudem einige der friedlichen Demonstrationen zur Unterstützung der oppositionellen Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja .

 

Im Mittelpunkt der Handlung stehen Dialoge zwischen den Fahrgästen, die mit mehreren, im Innenraum des Taxis befestigten, Kleinkameras gefilmt wurden. So haben wir fast während des ganzen Films die Möglichkeit, den Gesprächen in den beiden Taxis zu folgen und eine Illusion des unmittelbaren Miterlebens vor Ort zu bekommen. Nur am Ende steigen wir mit den Taxifahrer_innen aus den Autos aus, um an der Wahl teilzunehmen und geraten dann mitten hinein in den Wirbel des Protests.

 

Die Idee von Shved ähnelt der im Spielfilm Night on Earth von Jim Jarmusch (1991), dessen Komposition auf Gesprächen in Taxis in fünf Städten der Welt basiert, oder dem Film Taxi des iranischen Regisseurs Jafar Panahi (2015), in dem Dialoge im Auto die politische Situation im Staat verdeutlichen. In diesen Filmen wird das Taxi zu einem intimen Raum, in dem Vertrauen zwischen den Protagonist_innen entsteht. In Maršrut perestroen existiert der Taxi-Raum parallel zum brutalen öffentlichen Raum mit seinen politischen Institutionen und wird zu einem Ort, in dem man sich frei äußern kann. In diesem Mikrokosmos treffen Menschen mit völlig unterschiedlichen Ansichten aufeinander. Einige Taxifahrgäste wünschen sich die sogenannte „Stabilität“, die ihnen Diktator Lukaschenko verspricht. Andere, meist junge Menschen, sehnen sich nach grundsätzlichen politischen Veränderungen wie Machtwechsel, Wiederherstellung der Meinungsfreiheit und Einhaltung der Menschenrechte.

 

Die agonale Symmetrie der Handlung in Maršrut perestroen lässt nachempfinden, wie dramatisch die belarusische Gesellschaft gespalten ist. „Was haben sie euch versprochen?“ – fragt Anna Michajlovna skeptisch, als sich zwei Jungen mit weiß-rot-weißen Fahnen, die von einer Demo mit Zichanoŭskaja kommen, in ihr Auto setzen. Sie ist überzeugt, dass die Demonstrierenden von „Terroristen“ aus dem Ausland mobilisiert wurden und will ihnen deswegen nicht trauen. „Hoffnung auf Veränderung“, kommt die wage Antwort der Jungen. Ein anderer, pro Lukaschenko gestimmter Fahrgast ist überzeugt, dass sein Kandidat gar keine besondere Unterstützung nötig habe. Die öffentliche Unterstützung Lukaschenkos und seiner Regierung ist in Wahlplakaten omnipräsent. Durch die Augen der Taxifahrgäste sehen wir ideologisch aufgeladene Propagandaplakate an der Windschutzscheibe vorbeiziehen: „Ich würde gerne zur Armee gehen“; „Batka, geh voran, das Volk ist mit dir“.

 

Die versprochene Stabilität ist aber eine Illusion, was sich auch im Stadtbild zeigt: Während Kinder friedlich im Park spielen, ziehen sich Bereitschaftspolizist_innen und Panzer an großen Versammlungsplätzen zusammen. Diese Koexistenz von friedlichen Menschen und von Gewalt ausübenden Vertreter_innen staatlicher Institutionen macht deutlich, wie stark politische Unterdrückung den Alltag in Belarus bestimmt. Später wird sie in den wochenlang andauernden gewaltsamen Provokationen gegen friedlich protestierende Bürger_innen Belarus zum Ausdruck kommen.

 

Am 10. November, dem Tag, an dem der Film Maršrut perestroen auf dem FilmFestival Cottbus gezeigt wurde, hat das Innenministerium von Belarus den Slogan der Regimegegner_innen für ein freies Belarus „Živye Belarus“ mit Nazi-Symbolik gleichgesetzt. „Živye Belarus“ laut zu sagen, gilt seither dem belarusischen Gesetz zufolge als extremistisch. „Man weiß nie, ob man verhaftet wird oder nicht, sie lassen dich ständig Angst spüren“, sagte der Regisseur nach der Filmvorführung in Cottbus. Am Ende des Films erfahren die Zuschauer_innen die tragischen Lebensumstände der Taxifahrgäste, die sich gegen das Regime gestellt haben. Jemand wurde verhaftet, jemand emigrierte, jemand musste wegen der politischen Ansichten seinen Job aufgeben. Der Regisseur und der Kameramann wurden selbst während der Proteste in Minsk auf der Straße verhaftet und mussten ins Exil.

 

Am letzten Drehtag, dem Tag der Wahl, sieht man überall Gefangenentransporter mit der Aufschrift „Menschen“. Sie versperren den Autos den Weg, weshalb das Navigationsgerät die Fahrroute ständig ändern muss. Die überall entstehenden Sackgassen entsprechen der Hoffnungslosigkeit, die sich nach dem Sieg Lukaschenkos und der brutalen Niederschlagung der Proteste im Stadtraum und im ganzen Land verbreitet. Und doch scheinen manche Fahrgäste überzeugt davon, dass der Wandel noch bevorsteht, die Route also tatsächlich berechnet werden kann.

 

Maksim Shved: MARSHRUT PERESTROEN (The Route Recalculated). Belarus, 2020, 52 min.

Präsidentschaftswahlen im Taxi - der Dokumentarfilm "Maršrut perestroen" von Maksim Šved - novinki
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Prä­si­dent­schafts­wahlen im Taxi – der Doku­men­tar­film “Maršrut pere­stroen” von Maksim Šved

Belarus im Jahr 2020. Nur wenige Wochen bis zur dra­ma­ti­schen Prä­si­dent­schafts­wahl. Ein Taxi­fahrer und eine Taxi­fah­rerin: Er gegen Lukaschenko, sie für ihn. Nicht anders die Fahr­gäste. Was erwarten sie alle von der Wahl und worauf hoffen sie?

 

Der Doku­men­tar­film Maršrut pere­stroen (engl. The Route Recal­cu­lated) des Regis­seurs Maksim Shved [Maksim Šved] aus dem Jahr 2020 stellt uns den jungen Pavel aus der bela­ru­si­schen Haupt­stadt Minsk und die etwa 50-jäh­rige Anna Michaj­l­ovna aus der Klein­stadt Bar­a­na­vičy vor. Beide Taxifahrer_innen hören in ihren Autos Radio. Pavel hört poli­ti­sche Pod­casts und Gespräche über alter­na­tive Kan­di­daten, in Anna Michaj­l­ovnas Wagen sind Nach­richten offi­zi­eller Sender zu hören. Im Laufe des Films erfahren wir, dass sich Pavel poli­ti­sche Ver­än­de­rungen wünscht und gegen Dik­tator Alex­ander Lukaschenko trotz der Gefahr ver­haftet zu werden pro­tes­tieren will. Anna Michaj­l­ovna hin­gegen sehnt sich nach Sta­bi­lität und möchte für Lukaschenko abstimmen. Sie ver­steht nicht, wofür Men­schen auf die Straße gehen und welche Art von Ver­än­de­rungen sie wollen. Sie glaubt, dass Lukaschenko das Rich­tige für sie und ihr Land tut.

 

Maksim Shveds infor­ma­tiver Doku­men­tar­film steht in einer Reihe von Filmen über die Pro­teste in Belarus im Jahre 2020, wie Sme­lost‘ (dt. Cou­rage, 2021) von Ali­aksei Paluyan [Aljaksej Palujan], Mara (2022) von Sasha Kulak [Aleksandra/Saša Kulak] und Minsk (2021) von Boris Guts. Er hält fest, was vor der Wahl in Belarus im Sommer 2020 bereits in der Luft hing und doku­men­tiert zudem einige der fried­li­chen Demons­tra­tionen zur Unter­stüt­zung der oppo­si­tio­nellen Prä­si­dent­schafts­kan­di­datin Swet­lana Tich­anows­kaja [Svjat­lana Zichanoŭskaja].

 

Im Mit­tel­punkt der Hand­lung stehen Dia­loge zwi­schen den Fahr­gästen, die mit meh­reren, im Innen­raum des Taxis befes­tigten, Klein­ka­meras gefilmt wurden. So haben wir fast wäh­rend des ganzen Films die Mög­lich­keit, den Gesprä­chen in den beiden Taxis zu folgen und eine Illu­sion des unmit­tel­baren Mit­er­le­bens vor Ort zu bekommen. Nur am Ende steigen wir mit den Taxifahrer_innen aus den Autos aus, um an der Wahl teil­zu­nehmen und geraten dann mitten hinein in den Wirbel des Protests.

 

Die Idee von Shved ähnelt der im Spiel­film Night on Earth von Jim Jar­musch (1991), dessen Kom­po­si­tion auf Gesprä­chen in Taxis in fünf Städten der Welt basiert, oder dem Film Taxi des ira­ni­schen Regis­seurs Jafar Panahi (2015), in dem Dia­loge im Auto die poli­ti­sche Situa­tion im Staat ver­deut­li­chen. In diesen Filmen wird das Taxi zu einem intimen Raum, in dem Ver­trauen zwi­schen den Protagonist_innen ent­steht. In Maršrut pere­stroen exis­tiert der Taxi-Raum par­allel zum bru­talen öffent­li­chen Raum mit seinen poli­ti­schen Insti­tu­tionen und wird zu einem Ort, in dem man sich frei äußern kann. In diesem Mikro­kosmos treffen Men­schen mit völlig unter­schied­li­chen Ansichten auf­ein­ander. Einige Taxi­fahr­gäste wün­schen sich die soge­nannte „Sta­bi­lität“, die ihnen Dik­tator Lukaschenko ver­spricht. Andere, meist junge Men­schen, sehnen sich nach grund­sätz­li­chen poli­ti­schen Ver­än­de­rungen wie Macht­wechsel, Wie­der­her­stel­lung der Mei­nungs­frei­heit und Ein­hal­tung der Menschenrechte.

 

Die ago­nale Sym­me­trie der Hand­lung in Maršrut pere­stroen lässt nach­emp­finden, wie dra­ma­tisch die bela­ru­si­sche Gesell­schaft gespalten ist. „Was haben sie euch ver­spro­chen?“ – fragt Anna Michaj­l­ovna skep­tisch, als sich zwei Jungen mit weiß-rot-weißen Fahnen, die von einer Demo mit Zichanoŭskaja kommen, in ihr Auto setzen. Sie ist über­zeugt, dass die Demons­trie­renden von „Ter­ro­risten“ aus dem Aus­land mobi­li­siert wurden und will ihnen des­wegen nicht trauen. „Hoff­nung auf Ver­än­de­rung“, kommt die wage Ant­wort der Jungen. Ein anderer, pro Lukaschenko gestimmter Fahr­gast ist über­zeugt, dass sein Kan­didat gar keine beson­dere Unter­stüt­zung nötig habe. Die öffent­liche Unter­stüt­zung Lukaschenkos und seiner Regie­rung ist in Wahl­pla­katen omni­prä­sent. Durch die Augen der Taxi­fahr­gäste sehen wir ideo­lo­gisch auf­ge­la­dene Pro­pa­gan­da­pla­kate an der Wind­schutz­scheibe vor­bei­ziehen: „Ich würde gerne zur Armee gehen“; „Batka, geh voran, das Volk ist mit dir“.

 

Die ver­spro­chene Sta­bi­lität ist aber eine Illu­sion, was sich auch im Stadt­bild zeigt: Wäh­rend Kinder fried­lich im Park spielen, ziehen sich Bereitschaftspolizist_innen und Panzer an großen Ver­samm­lungs­plätzen zusammen. Diese Koexis­tenz von fried­li­chen Men­schen und von Gewalt aus­übenden Vertreter_innen staat­li­cher Insti­tu­tionen macht deut­lich, wie stark poli­ti­sche Unter­drü­ckung den Alltag in Belarus bestimmt. Später wird sie in den wochen­lang andau­ernden gewalt­samen Pro­vo­ka­tionen gegen fried­lich pro­tes­tie­rende Bürger_innen Belarus zum Aus­druck kommen.

 

Am 10. November, dem Tag, an dem der Film Maršrut pere­stroen auf dem Film­Fes­tival Cottbus gezeigt wurde, hat das Innen­mi­nis­te­rium von Belarus den Slogan der Regimegegner_innen für ein freies Belarus „Živye Belarus“ mit Nazi-Sym­bolik gleich­ge­setzt. „Živye Belarus“ laut zu sagen, gilt seither dem bela­ru­si­schen Gesetz zufolge als extre­mis­tisch. „Man weiß nie, ob man ver­haftet wird oder nicht, sie lassen dich ständig Angst spüren“, sagte der Regis­seur nach der Film­vor­füh­rung in Cottbus. Am Ende des Films erfahren die Zuschauer_innen die tra­gi­schen Lebens­um­stände der Taxi­fahr­gäste, die sich gegen das Regime gestellt haben. Jemand wurde ver­haftet, jemand emi­grierte, jemand musste wegen der poli­ti­schen Ansichten seinen Job auf­geben. Der Regis­seur und der Kame­ra­mann wurden selbst wäh­rend der Pro­teste in Minsk auf der Straße ver­haftet und mussten ins Exil.

 

Am letzten Drehtag, dem Tag der Wahl, sieht man überall Gefan­ge­nen­trans­porter mit der Auf­schrift „Men­schen“. Sie ver­sperren den Autos den Weg, wes­halb das Navi­ga­ti­ons­gerät die Fahr­route ständig ändern muss. Die überall ent­ste­henden Sack­gassen ent­spre­chen der Hoff­nungs­lo­sig­keit, die sich nach dem Sieg Lukaschenkos und der bru­talen Nie­der­schla­gung der Pro­teste im Stadt­raum und im ganzen Land ver­breitet. Und doch scheinen manche Fahr­gäste über­zeugt davon, dass der Wandel noch bevor­steht, die Route also tat­säch­lich berechnet werden kann.

 

Maksim Shved: MARSHRUT PERESTROEN (The Route Recal­cu­lated). Belarus, 2020, 52 min.