Für gut einen Monat wurde das Berliner Gorki Theater zum Raum für zeitgenössische armenische Kunst. In Theaterstücken, Lesungen, Filmvorführungen, Gesprächen und einer Ausstellung zeigte die Festivalreihe 100 + 10 – Armenian Allegories künstlerische Arbeiten aus Armenien und der Diaspora – und thematisierte dabei die vielschichtigen Erfahrungen des armenischen Exils.
Unter dem dichten Blätterdach der Kastanien erklingen atmosphärische Klänge im Ambientstil aus Sergei Parajanovs Film Die Farbe des Granatapfels. Auf mehreren Bildschirmen, die temporär vor dem Haupteingang des Gorki Theaters stehen, sind die von Daniel Bird restaurierten Outtakes des armenischen Filmklassikers zu sehen. Die Videoinstallation bietet einen ersten Einblick in das Festival 100 + 10 – Armenian Allegories, das 110 Jahre nach dem Völkermord an den Armenier*innen aktuelle Verhandlungen von Erinnerung, Exil und künstlerischer Widerständigkeit zeigt. Auf der Eingangstreppe des Theaters stellt sich Vigen Galstyan, Kurator der Kunst- und Filmreihen des Festivals, den Teilnehmer*innen der Führung durch die Kunstausstellung Future Imperfect vor; die Outtakes aus Die Farbe des Granatapfels bilden dabei einen akustischen Hintergrund zu Galstyans Begrüßung.
Die von Galstyan kuratierte Ausstellung umfasst über 70 zeitgenössische Werke von 37 Künstler*innen, die sowohl in Armenien als auch in der Diaspora leben. Die Ausstellung wird von einem Programm aus Theaterstücken, Lesungen, Konzerten, Gesprächen und Filmvorführungen begleitet. Das von der Intendantin des Gorki Theaters, Shermin Langhoff, ins Leben gerufene Festival zielt darauf ab, eine Verbindung zwischen der Geschichte des Völkermords an den Armenier*innen von 1915 und der komplexen Gegenwart zu ziehen, in der 2023 die gesamte armenische Bevölkerung von Artsakh fliehen musste, nachdem die Regierung Aserbaidschans das Gebiet annektiert hatte. Für Langhoff ist es, wie sie im Editorial des Gorki-Theaters zum Festival schreibt, „ein Wunder, dass mitten in dem verheerenden Geschehen Kunst entsteht” – und genau dieses Wunder feiert das Theater zehn Jahre nach seiner ersten Veranstaltungsreihe, die sich mit dem Thema des armenischen Genozids befasst hat. Das diesjährige Festival knüpft daran an, richtet den Blick jedoch stärker auf die Gegenwart und wird so zu einem spannenden Ort, um unterschiedliche Ausdrucksformen und Erfahrungen des Exils zu erkunden.
Die armenische Diaspora – rund acht Millionen Menschen weltweit – umfasst nahezu das Dreifache der heutigen Bevölkerung Armeniens. Dieses Verhältnis macht Armenien zu einer der am weitesten zerstreuten Nationen der Welt und verleiht dem Begriff „Exil” eine vielschichtige Bedeutung.
Im Panel-Talk Armenian Art in Diaspora am 25. Mai 2025 im Gorki Kiosk begegnen sich drei künstlerische Perspektiven auf diese Erfahrung. Die in Argentinien geborene Künstlerin Silvina Der Meguerditchian, deren Arbeiten sich zwischen performativen Praktiken, textilen Techniken und audiovisuellen Medien bewegen, beschreibt als Überlebende des Genozids in dritter Generation die Diaspora als „einen fruchtbaren Boden mit unterschiedlichen Hürden” – die größte davon sei ihrer Meinung nach das Fehlen von Struktur, Organisation und nachhaltiger Infrastruktur. Ihre künstlerische Arbeit ist durch eine Dringlichkeit geprägt, die sie körperlich spürt: Schlaflosigkeit, eine rastlose Energie, besonders im Angesicht der Tragödie von Artsakh. Kunst ist für sie keine Option, sondern eine Notwendigkeit.
Gleichzeitig bleibt das Verhältnis zwischen der Diaspora und der Kunstszene in Armenien ein fragiles. Der Meguerditchian berichtet von persönlichen Erfahrungen der Zurückweisung: „Wir haben nichts gemeinsam” sei eine Haltung, die ihr mehrfach begegnet sei. Ihre Arbeiten seien nie auf Einladung aus Armenien gezeigt worden, sondern ausschließlich durch internationale Kurator*innen. Die Kunstszenen blieben weitgehend voneinander getrennt, so ihre Beobachtung.
Auch Arsinée Khanjian, Schauspielerin, Aktivistin und Nachfahrin von Genozid-Überlebenden aus Kanada, setzt sich im Theaterstück Donation (Regie: Atom Egoyan), das im Rahmen des Festivals am Gorki Theater uraufgeführt wurde, mit Fragen von Zugehörigkeit auseinander. Im Zentrum steht ein zunächst harmlos erscheinendes Interview mit dem Theaterarchivar Günther, das sich im Verlauf immer stärker in ein Verhör verwandelt. Khanjian reflektiert darin, ob und in welcher Form sie als Exil-Armenierin das Recht hat, sich zur politischen Lage im Land zu äußern. 2018 war Khanjian nach Armenien gereist und hatte sich öffentlich gegen Premierminister Nikol Paschinjan engagiert. Ihre Haltung wurde von Teilen der armenischen Gesellschaft kritisiert – mit dem Vorwurf, sie mische sich in innenpolitische Angelegenheiten eines Landes ein, dem sie nicht wirklich angehöre.
Was diese Dynamik noch weiter verkompliziert, ist, wie sehr sich die Erfahrungen von Exil und Identität im Spannungsfeld zwischen post-genozidaler und post-sowjetischer Diaspora unterscheiden. Während die eine vom schmerzhaften Erbe des Völkermords und dem langen Prozess der kulturellen Selbstbehauptung im Exil geprägt ist, ist die andere das Ergebnis eines abrupten ideologischen Wandels nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Diese unterschiedlichen historischen Ausgangspunkte haben zu divergierenden Prozessen geführt, die nicht nur das kulturelle Selbstverständnis beeinflussen, sondern auch den Blick auf Armenien selbst – als realen wie als symbolischen Ort.
Garush Melkonyan, einem der Gesprächspartner von Der Meguerditchian im Panel-Talk Armenian Art in Diaspora, der nach dem Zerfall der Sowjetunion in Armenien geboren wurde und mit dem Kurzfilm Cosmovisión Teil der Ausstellung ist, begegnet im Austausch mit westlichen Diaspora-Armenier*innen oft ein seltsam idealisiertes Bild seiner Heimat – ein „mythologisiertes Armenien”, das mit der heutigen Realität im Land nur wenig zu tun habe. Der sowjetische Einfluss – sei es in Architektur, Bildung oder Mentalität – werde in der Diaspora häufig als fremd empfunden. Wenn Diaspora-Armenier*innen das Land bereisen, so Melkonyan, treffe ihre Vorstellung von Armenien auf eine postsowjetische Realität, mit der sie kaum etwas anfangen könnten.
Auch Galstyan, der den Panel-Talk moderiert, spricht über die Unterschiede, die im Kontext der sowjetischen Geschichte noch kaum öffentlich aufgearbeitet worden seien. Während in der Westdiaspora – also jenen Gemeinschaften, die aus dem Osmanischen Reich vor einhundert Jahren flohen – ein spezifischer Kulturbestand konserviert und tradiert worden sei, habe sich die Kultur in Ostarmenien unter sowjetischem Einfluss weiterentwickelt: Sprache, Kunst und Ideologie seien zentralisiert, standardisiert und neu organisiert worden. Es fehlen gemeinsame Referenzen für beide Erfahrungswelten; zugleich gibt es im Land vorgeschriebene und begrenzte Vorstellungen von armenischer Identität – „nur wenige Schubladen, in die wir uns einordnen dürfen”, so Galstyan.
Gerade deshalb kommt dem Berliner Gorki Theater eine besondere Rolle zu. Beim taz lab am 26. April 2025 erklärte die Autorin und Kuratorin der Literaturreihe Meine Seele im Exil, Anahit Bagradjans, dass das Festival armenische Identität als Teil eines vielstimmigen, translokal vernetzten Gegenwartserlebens sichtbar machen möchte – und dies ganz bewusst in Berlin, mit seiner „radikalen Diversität der Herkünfte”. Das Festival biete dabei nicht nur Raum für armenische Perspektiven, sondern bringe sie auch in den Dialog mit türkischen, kurdischen und anderen migrantischen Stimmen – etwa durch gemeinsame Diskussionen oder Filmvorführungen – mit dem Ziel, neue Formen von Solidarität und Resonanz zu schaffen.
Ein Beispiel dafür war die Eröffnungsveranstaltung der Reihe Meine Seele im Exil am 27. April 2025, benannt nach der Novelle von Zabel Yesayan. Die armenisch-osmanische Schriftstellerin, eine der wenigen Frauen der Istanbuler Kulturszene Anfang des 20. Jahrhunderts, war die einzige Frau auf der Deportationsliste vom 24. April 1915 und überlebte den Genozid nur knapp. In ihrer Novelle zeichnet sie ein eindrucksvolles Porträt des armenischen Lebens im Osmanischen Reich kurz vor der Katastrophe. Im Gorki wurde dieser Text zur Ausgangsbasis für Bagradjans Gespräch mit den Autorinnen Fatma Aydemir und Karosh Taha. Aydemir, Enkelin türkisch-kurdischer Arbeitsmigrant*innen und bekannt für ihre journalistische Arbeit sowie ihre Romane Ellbogen (2017) und Dschinns (2022), plädiert dafür, Heimat als Zukunftsprojekt zu denken – nicht als nostalgische Rückschau, sondern als eine Bewegung nach vorn.
Dieser zukunftsgewandte Heimatbegriff lässt sich in vielen der gezeigten künstlerischen Arbeiten im Gorki Theater wiederfinden: So etwa in der Fotografie des in Jerewan lebenden Dokumentarfotografen Are Balayan, dessen familiäre Wurzeln in Artsakh liegen. In seinem Werk Evacuation 18, aufgenommen im November 2020 auf der Straße zwischen Stepanakert und Martakert, sieht man ein Auto, das ein ganzes kleines Haus auf seinem Dach trägt – eine fast surreal anmutende Szene, die zugleich tief bewegend ist. Anstatt auf Zerstörung oder Gewalt zu fokussieren, richtet Balayan seinen Blick auf den menschlichen Drang zu bewahren, mitzunehmen, sich zu verorten. Heimat erscheint hier nicht als gegebener Ort, sondern als schöpferischer Akt.
In der armenischen Kultur, die stark durch Materialität und Handwerk geprägt ist, erhält dieses Bild eine besondere Resonanz: Es ist weniger ein Bild der Flucht als eines des Beharrens. Diese Haltung verbindet sich mit dem größeren Anliegen des Festivals: (armenische) Identität nicht als statische Größe zu behandeln, sondern als Prozess. Dabei stehen Erinnerung, Widerstand und künstlerische Zukunftsgestaltung gleichberechtigt nebeneinander.
Doch wie lange wird dieser Raum noch bestehen können? Festivalinitiatorin und Gorki-Intendantin Shermin Langhoff verweist in diesem Zusammenhang bei mehreren Veranstaltungen des Festivals auf die drohenden Förderkürzungen des Berliner Senats, die gerade jene politisch engagierten Orte wie das Gorki massiv treffen könnten. In den kommenden Jahren wird sich die Frage stellen, welche kulturellen Projekte gefördert werden – und welche nicht. Aktionen wie 100 + 10 – Armenian Allegories zeigen eindrücklich, was verloren ginge, wenn gerade jene Räume geschwächt würden, die sich der Komplexität von Geschichte und Gegenwart, Exil und Zugehörigkeit widmen.
Festival 100 + 10 – Armenian Allegories, 24. April – 31. Mai 2025, Kurator*innen: Shermin Langhoff, Anahit Bagradjans und Vigen Galstyan; Maxim Gorki Theater, Berlin.
Fotos im Beitrag: Polina Eremenko.