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Die Intimität als Ort der Grausamkeit

Posted on 23. Mai 2024 by Muriel Fischer
Der Dokumentarfilm „Intercepted“ von Oksana Karpovyč feierte auf der Berlinale 2024, zwei Jahre nach Beginn der Totalinvasion, Weltpremiere. Ruhige Standbilder mischen sich mit abgehörten Telefongesprächen russischer Soldaten. Ein krasses Zeugnis von Desinformation und Grausamkeit.

Der Dokumentarfilm „Intercepted“ von Oksana Karpovyč feierte auf der Berlinale im Februar 2024, zwei Jahre nach Beginn der Totalinvasion, Weltpremiere. Die in verschiedenen Teilen der Ukraine gefilmten Standbilder, unterlegt mit Fragmenten abgehörter Telefongespräche russischer Soldaten mit ihren Frauen und Müttern, sind ein krasses Zeugnis von Desinformation und Grausamkeit.

 

Schon fast muten die ruhigen Standbilder des Dokumentarfilms „Intercepted“ poetisch an: Sie zeigen die durch den russischen Angriffskrieg verursachte massive Zerstörung, aber auch das Leben, das sich trotz aller Angriffe in der Ukraine gehalten hat – und stehen im deutlichen Gegensatz zur Tonspur des Filmes. Gezeigt werden ostukrainische Landschaften, Innenansichten zerstörter Gebäude und Straßenszenen aus einem Leben im Krieg. Zugleich hören wir, wie russische Soldaten ihren Frauen und Müttern aus dem Krieg berichten. In den Telefongesprächen geht es um banale Dinge: Den Ukrainer*innen würde es viel besser gehen, der Beweis dafür seien ihre Wohnhäuser voller Markenkleider und teurer Vitamintabletten. Die russischen Soldaten erzählen von ihren Plünderungen jener Häuser – und die Frauen am anderen Ende des Drahtes sichern sich ab, dass auch für sie etwas dabei rausspringt. Nebenbei wird teilnahmslos über die Ermordung von Zivilist*innen gesprochen.

 

Das Berlinale-Publikum lacht unangenehm berührt angesichts der russischen Sehnsucht nach Qualitätsware.  Es ist unklar, ob das deutsche Publikum aus Ungläubigkeit gegenüber der belanglosen Habgier der russischen Soldaten auf Raubzug lacht, aus Verlegenheit über ihren eigenen Wohlstand oder zum Spannungsabbau gegenüber der thematisierten Gewalt.

 

Der Film ist eine Montage aus Telefongesprächen russischer Soldaten, welche seit 2014 vom ukrainischen Sicherheitsdienst abgehört wurden, und den oben beschriebenen teils idyllischen, teils hoffnungslosen Aufnahmen. Die Filmbilder hat Oksana Karpovyč in Frontnähe in verschiedenen Teilen der Ost- und Südukraine aufgenommen. Bei den Telefongesprächen hat sie sich zuerst das gesamte auf YouTube verfügbare Material angehört. Eine Anfrage für das komplette Audiomaterial wurde vom ukrainischen Sicherheitsdienst abgelehnt, weil es noch als Beweismaterial für offene Gerichtsfälle dient. Bei der Auswahl ging es ihr nicht nur darum, was in den Telefongesprächen gesagt wird, sondern auch wie es gesagt wird.

 

Besonders weil das Material aufgrund der Grausamkeit, die sich in den zugleich intimen Gesprächen zeigt, so verstörend ist, kamen nach dem Film auch Fragen aus dem Publikum: Ob nicht die Brutalität der hochgeladenen Aussagen dem Algorithmus geschuldet sei, der immer das Schlimmste vom Schlimmsten (bzw. Beste vom Besten) auf Onlineplattformen wie hier auf YouTube pusht?

 

Es ist vor allem die Kälte und Grausamkeit in den Stimmen der Frauen zuhause, die schmerzlich heraussticht. Es ist eine hörbar werdende Teilnahmslosigkeit, die die Entmenschlichung der ukrainischen Zivilist*innen im von der Kreml-Propaganda verblendeten Teil der russischen Gesellschaft widerspiegelt. Die Frauen bestätigen ihre Männer darin, dass auch die ukrainischen Zivilist*innen „Nazis“ seien und es keinen Grund gäbe, diese nicht zu töten. Flackert in der Stimme eines Soldaten moralischer Zweifel auf, weiß seine Frau oder Mutter die passenden Worte der Legitimation für den Krieg. Tagaus tagein der Desinformation ausgesetzt, wiederholen die Frauen zuhause die bekannten Narrative und fragen nach NATO-Stützpunkten und Seuchenlaboren.

 

Immer wieder geht es darum, was im russischen Fernsehen behauptet wird. Einmal fällt der Satz eines Soldaten als Antwort darauf, dass die russische Armee im Begriff sei, den Krieg zu gewinnen: „Das sagen sie euch im Fernsehen, in Wirklichkeit ist es viel komplizierter.“ Zuweilen ist aus den Worten der russischen Soldaten eine Plan- und Ahnungslosigkeit herauszuhören. Sie sprechen am Telefon über ihre eigenen Erfahrungen im Krieg, eine Erfahrung der Verrohung. Trotz den Zweifeln, die an wenigen Stellen anklingen, schlagen sie immer wieder den Bogen zu den russischen Desinformationsnarrativen, vor allem zu jenem, dass die Ukraine von „ukrainischen Faschisten“ befreit werden müsse – eine Behauptung, die der Rechtfertigung der eigenen Gewalttaten dient. Auch in den Frauenstimmen wird vor allem diese von der russischen Regierung vorgefertigte Erzählung hörbar, welche automatisiert wiedergegeben wird. Dieser mechanische Wiedergabemodus verstärkt die Grausamkeit des Inhalts massgeblich.

 

In all den Gesprächen gibt es nur eine Frau, die trotz aller Propagandakampagnen zu wissen scheint, was sich tatsächlich ereignet. Anstelle motivierender Worte für weiteres Morden lässt sie eine wütende Tirade ab: Er, der Soldat, solle erst gar nicht nach Hause zurückkehren. Sie wird die einzige Stimme im Film bleiben, die ihr in der russischen Armee kämpfendes Gegenüber als Verbrecher anprangert.

 

Im an den Film anschliessenden Q&A auf der Berlinale stellte eine Zuschauerin der Filmemacherin Oksana Karpovyč die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, den Fokus anstatt auf die Grausamkeit der russischen Soldaten auf „Empathie und Humanität“ zu legen. Karpovyč winkte vehement ab: Sie verfolge nicht das Ziel, die russischen Soldaten zu humanisieren, sondern sie als die Verbrecher zu zeigen, die sie seien, sagte sie emotional. Unter den 130 Konversationen – insgesamt ca. 30 Stunden Audiomaterial – habe sich schlicht und einfach nur eine einzige kritische Stimme finden lassen, antwortete sie.

 

Fragen wie diese spiegeln die Ungläubigkeit der Zuschauenden gegenüber dem Inhalt der abgehörten Telefongespräche wider, in denen es an jeglicher Empathie fehlt. Oksana Karpovyč findet im Interview mit arte eine klare Antwort darauf: „Der Krieg hat eine sehr starke dehumanisierende Kraft und die russische Propaganda dehumanisiert sogar noch stärker als der Krieg.“ Sie verweist als Erklärung aber auch auf die enge Verknüpfung von Dokumentarfilmen und Objektivität in den Köpfen der Zuschauer*innen. Entgegen dieser Dichotomie zeigt der Dokumentarfilm von Karpovyč, dass Aufklärung unter Einsatz dokumentarischen Materials künstlerisch umgesetzt werden kann.

 

Nach dem Berlinale-Screening hob Oksana Karpovyč auch ihre Absicht hervor, durch diese gegenläufigen Spuren von Bild und Ton eine kognitive Dissonanz erzeugen zu wollen: Mithilfe der parallellaufenden Narrative, also der Gegenüberstellung von teilweise hoffnungsvollen Bildern aus der Ukraine und den intimen russischen Gesprächen voller Grausamkeit, ist ihr das gelungen. Sie habe die Realität des Krieges abbilden wollen, die nicht unbedingt „filmtauglich“ ist, sagte Karpovyč: die Spannung, das Warten und die Stille, welche sie selbst an der Front im Zuge ihrer Arbeit als „Fixerin“ erlebt hatte. Erreicht hat sie das vor allem durch die Wahl des Bildmaterials in Form von Standbildern, aber auch durch den sparsamen Einsatz spannungsvoller Musik, welche zwingt, sich der drückenden Stille auszusetzen.

 

Im Film „Intercepted“ gibt es gegen Ende Aufnahmen von russischen Kriegsgefangenen, deren Gesichter nachträglich unkenntlich gemacht worden sind. Die Folgen des Krieges sind an ihren gekrümmten, vom Krieg ausgelaugten Körpern sichtbar; die Auswirkungen auf die Psyche lassen sich nur erahnen. Karpovyč war es wichtig, die Soldaten im Film nicht als unschuldige Opfer darzustellen, sondern zu zeigen, dass sie Verantwortung für die von ihnen begangenen (Kriegs-)Verbrechen tragen. Dass die russischen Soldaten zu sadistischen Tätern degradieren, wird an einem Telefongespräch besonders deutlich, wenn der Soldatensohn zur Mutter sagt „Ich werde total verrückt hier!“ und ihr anschließend begeistert die Foltermethoden erläutert, welche er bereits angewendet habe. Mindestens genauso verstörend ist die Antwort der Mutter, die ihm beipflichtet, ihn ermutigt und meint, dass sie immer gewusst hätte, aus welchem Holz er geschnitzt sei: „Nur weiter so.“

 

In dieser Konversation kulminiert die Grausamkeit. Sogar die intimsten Konversationen sind durchdrungen von den entmenschlichenden Desinformationsnarrativen der russischen Regierung, wie jener Erzählung, die Ukraine müsse von „Nazis“ befreit werden im Zuge eines heiligen Krieges gegen das Böse, den westlichen Imperialismus. In all diesen verdrehten Behauptungen tritt das zentrale Kalkül russischer Propaganda – im Sinne der Legitimation der eigenen Kriegshandlungen dem ukrainischen Volk sein Recht auf die schiere Existenz abzusprechen ­­– deutlich hervor.

 

Oksana Karpovyč, „Intercepted“ (ukr. „Myrni ljudy“), 95 Minuten, Canada / France / Ukraine 2024.

Beitragsbild: Intercepted, Filmstill. (c) Christopher Nunn. Bildquelle: Lightbox, https://lightdox.com/intercepted/.

Bilder im Beitrag: Intercepted, Filmstills. (c) Christopher Nunn. Bildquelle: Lightbox, https://lightdox.com/intercepted/.

Die Intimität als Ort der Grausamkeit - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
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Die Inti­mität als Ort der Grausamkeit

Der Doku­men­tar­film „Inter­cepted“ von Oksana Kar­povyč fei­erte auf der Ber­li­nale im Februar 2024, zwei Jahre nach Beginn der Tota­l­in­va­sion, Welt­pre­miere. Die in ver­schie­denen Teilen der Ukraine gefilmten Stand­bilder, unter­legt mit Frag­menten abge­hörter Tele­fon­ge­spräche rus­si­scher Sol­daten mit ihren Frauen und Müt­tern, sind ein krasses Zeugnis von Des­in­for­ma­tion und Grausamkeit.

 

Schon fast muten die ruhigen Stand­bilder des Doku­men­tar­films „Inter­cepted“ poe­tisch an: Sie zeigen die durch den rus­si­schen Angriffs­krieg ver­ur­sachte mas­sive Zer­stö­rung, aber auch das Leben, das sich trotz aller Angriffe in der Ukraine gehalten hat – und stehen im deut­li­chen Gegen­satz zur Ton­spur des Filmes. Gezeigt werden ost­ukrai­ni­sche Land­schaften, Innen­an­sichten zer­störter Gebäude und Stra­ßen­szenen aus einem Leben im Krieg. Zugleich hören wir, wie rus­si­sche Sol­daten ihren Frauen und Müt­tern aus dem Krieg berichten. In den Tele­fon­ge­sprä­chen geht es um banale Dinge: Den Ukrainer*innen würde es viel besser gehen, der Beweis dafür seien ihre Wohn­häuser voller Mar­ken­kleider und teurer Vit­amin­ta­bletten. Die rus­si­schen Sol­daten erzählen von ihren Plün­de­rungen jener Häuser – und die Frauen am anderen Ende des Drahtes sichern sich ab, dass auch für sie etwas dabei raus­springt. Nebenbei wird teil­nahmslos über die Ermor­dung von Zivilist*innen gesprochen.

 

Das Ber­li­nale-Publikum lacht unan­ge­nehm berührt ange­sichts der rus­si­schen Sehn­sucht nach Qua­li­täts­ware.  Es ist unklar, ob das deut­sche Publikum aus Ungläu­big­keit gegen­über der belang­losen Hab­gier der rus­si­schen Sol­daten auf Raubzug lacht, aus Ver­le­gen­heit über ihren eigenen Wohl­stand oder zum Span­nungs­abbau gegen­über der the­ma­ti­sierten Gewalt.

 

Der Film ist eine Mon­tage aus Tele­fon­ge­sprä­chen rus­si­scher Sol­daten, welche seit 2014 vom ukrai­ni­schen Sicher­heits­dienst abge­hört wurden, und den oben beschrie­benen teils idyl­li­schen, teils hoff­nungs­losen Auf­nahmen. Die Film­bilder hat Oksana Kar­povyč in Front­nähe in ver­schie­denen Teilen der Ost- und Süd­ukraine auf­ge­nommen. Bei den Tele­fon­ge­sprä­chen hat sie sich zuerst das gesamte auf You­Tube ver­füg­bare Mate­rial ange­hört. Eine Anfrage für das kom­plette Audio­ma­te­rial wurde vom ukrai­ni­schen Sicher­heits­dienst abge­lehnt, weil es noch als Beweis­ma­te­rial für offene Gerichts­fälle dient. Bei der Aus­wahl ging es ihr nicht nur darum, was in den Tele­fon­ge­sprä­chen gesagt wird, son­dern auch wie es gesagt wird.

 

Beson­ders weil das Mate­rial auf­grund der Grau­sam­keit, die sich in den zugleich intimen Gesprä­chen zeigt, so ver­stö­rend ist, kamen nach dem Film auch Fragen aus dem Publikum: Ob nicht die Bru­ta­lität der hoch­ge­la­denen Aus­sagen dem Algo­rithmus geschuldet sei, der immer das Schlimmste vom Schlimmsten (bzw. Beste vom Besten) auf Online­platt­formen wie hier auf You­Tube pusht?

 

Es ist vor allem die Kälte und Grau­sam­keit in den Stimmen der Frauen zuhause, die schmerz­lich her­aus­sticht. Es ist eine hörbar wer­dende Teil­nahms­lo­sig­keit, die die Ent­mensch­li­chung der ukrai­ni­schen Zivilist*innen im von der Kreml-Pro­pa­ganda ver­blen­deten Teil der rus­si­schen Gesell­schaft wider­spie­gelt. Die Frauen bestä­tigen ihre Männer darin, dass auch die ukrai­ni­schen Zivilist*innen „Nazis“ seien und es keinen Grund gäbe, diese nicht zu töten. Fla­ckert in der Stimme eines Sol­daten mora­li­scher Zweifel auf, weiß seine Frau oder Mutter die pas­senden Worte der Legi­ti­ma­tion für den Krieg. Tagaus tagein der Des­in­for­ma­tion aus­ge­setzt, wie­der­holen die Frauen zuhause die bekannten Nar­ra­tive und fragen nach NATO-Stütz­punkten und Seu­chen­la­boren.

 

Immer wieder geht es darum, was im rus­si­schen Fern­sehen behauptet wird. Einmal fällt der Satz eines Sol­daten als Ant­wort darauf, dass die rus­si­sche Armee im Begriff sei, den Krieg zu gewinnen: „Das sagen sie euch im Fern­sehen, in Wirk­lich­keit ist es viel kom­pli­zierter.“ Zuweilen ist aus den Worten der rus­si­schen Sol­daten eine Plan- und Ahnungs­lo­sig­keit her­aus­zu­hören. Sie spre­chen am Telefon über ihre eigenen Erfah­rungen im Krieg, eine Erfah­rung der Ver­ro­hung. Trotz den Zwei­feln, die an wenigen Stellen anklingen, schlagen sie immer wieder den Bogen zu den rus­si­schen Des­in­for­ma­ti­ons­nar­ra­tiven, vor allem zu jenem, dass die Ukraine von „ukrai­ni­schen Faschisten“ befreit werden müsse – eine Behaup­tung, die der Recht­fer­ti­gung der eigenen Gewalt­taten dient. Auch in den Frau­en­stimmen wird vor allem diese von der rus­si­schen Regie­rung vor­ge­fer­tigte Erzäh­lung hörbar, welche auto­ma­ti­siert wie­der­ge­geben wird. Dieser mecha­ni­sche Wie­der­ga­be­modus ver­stärkt die Grau­sam­keit des Inhalts massgeblich.

 

In all den Gesprä­chen gibt es nur eine Frau, die trotz aller Pro­pa­gan­da­kam­pa­gnen zu wissen scheint, was sich tat­säch­lich ereignet. Anstelle moti­vie­render Worte für wei­teres Morden lässt sie eine wütende Tirade ab: Er, der Soldat, solle erst gar nicht nach Hause zurück­kehren. Sie wird die ein­zige Stimme im Film bleiben, die ihr in der rus­si­schen Armee kämp­fendes Gegen­über als Ver­bre­cher anprangert.

 

Im an den Film anschlies­senden Q&A auf der Ber­li­nale stellte eine Zuschauerin der Fil­me­ma­cherin Oksana Kar­povyč die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, den Fokus anstatt auf die Grau­sam­keit der rus­si­schen Sol­daten auf „Empa­thie und Huma­nität“ zu legen. Kar­povyč winkte vehe­ment ab: Sie ver­folge nicht das Ziel, die rus­si­schen Sol­daten zu huma­ni­sieren, son­dern sie als die Ver­bre­cher zu zeigen, die sie seien, sagte sie emo­tional. Unter den 130 Kon­ver­sa­tionen – ins­ge­samt ca. 30 Stunden Audio­ma­te­rial – habe sich schlicht und ein­fach nur eine ein­zige kri­ti­sche Stimme finden lassen, ant­wor­tete sie.

 

Fragen wie diese spie­geln die Ungläu­big­keit der Zuschau­enden gegen­über dem Inhalt der abge­hörten Tele­fon­ge­spräche wider, in denen es an jeg­li­cher Empa­thie fehlt. Oksana Kar­povyč findet im Inter­view mit arte eine klare Ant­wort darauf: „Der Krieg hat eine sehr starke dehu­ma­ni­sie­rende Kraft und die rus­si­sche Pro­pa­ganda dehu­ma­ni­siert sogar noch stärker als der Krieg.“ Sie ver­weist als Erklä­rung aber auch auf die enge Ver­knüp­fung von Doku­men­tar­filmen und Objek­ti­vität in den Köpfen der Zuschauer*innen. Ent­gegen dieser Dicho­tomie zeigt der Doku­men­tar­film von Kar­povyč, dass Auf­klä­rung unter Ein­satz doku­men­ta­ri­schen Mate­rials künst­le­risch umge­setzt werden kann.

 

Nach dem Ber­li­nale-Scree­ning hob Oksana Kar­povyč auch ihre Absicht hervor, durch diese gegen­läu­figen Spuren von Bild und Ton eine kogni­tive Dis­so­nanz erzeugen zu wollen: Mit­hilfe der par­al­lel­lau­fenden Nar­ra­tive, also der Gegen­über­stel­lung von teil­weise hoff­nungs­vollen Bil­dern aus der Ukraine und den intimen rus­si­schen Gesprä­chen voller Grau­sam­keit, ist ihr das gelungen. Sie habe die Rea­lität des Krieges abbilden wollen, die nicht unbe­dingt „film­taug­lich“ ist, sagte Kar­povyč: die Span­nung, das Warten und die Stille, welche sie selbst an der Front im Zuge ihrer Arbeit als „Fixerin“ erlebt hatte. Erreicht hat sie das vor allem durch die Wahl des Bild­ma­te­rials in Form von Stand­bil­dern, aber auch durch den spar­samen Ein­satz span­nungs­voller Musik, welche zwingt, sich der drü­ckenden Stille auszusetzen.

 

Im Film „Inter­cepted“ gibt es gegen Ende Auf­nahmen von rus­si­schen Kriegs­ge­fan­genen, deren Gesichter nach­träg­lich unkennt­lich gemacht worden sind. Die Folgen des Krieges sind an ihren gekrümmten, vom Krieg aus­ge­laugten Kör­pern sichtbar; die Aus­wir­kungen auf die Psyche lassen sich nur erahnen. Kar­povyč war es wichtig, die Sol­daten im Film nicht als unschul­dige Opfer dar­zu­stellen, son­dern zu zeigen, dass sie Ver­ant­wor­tung für die von ihnen began­genen (Kriegs-)Verbrechen tragen. Dass die rus­si­schen Sol­daten zu sadis­ti­schen Tätern degra­dieren, wird an einem Tele­fon­ge­spräch beson­ders deut­lich, wenn der Sol­da­ten­sohn zur Mutter sagt „Ich werde total ver­rückt hier!“ und ihr anschlie­ßend begeis­tert die Fol­ter­me­thoden erläu­tert, welche er bereits ange­wendet habe. Min­des­tens genauso ver­stö­rend ist die Ant­wort der Mutter, die ihm bei­pflichtet, ihn ermu­tigt und meint, dass sie immer gewusst hätte, aus wel­chem Holz er geschnitzt sei: „Nur weiter so.“

 

In dieser Kon­ver­sa­tion kul­mi­niert die Grau­sam­keit. Sogar die intimsten Kon­ver­sa­tionen sind durch­drungen von den ent­mensch­li­chenden Des­in­for­ma­ti­ons­nar­ra­tiven der rus­si­schen Regie­rung, wie jener Erzäh­lung, die Ukraine müsse von „Nazis“ befreit werden im Zuge eines hei­ligen Krieges gegen das Böse, den west­li­chen Impe­ria­lismus. In all diesen ver­drehten Behaup­tungen tritt das zen­trale Kalkül rus­si­scher Pro­pa­ganda – im Sinne der Legi­ti­ma­tion der eigenen Kriegs­hand­lungen dem ukrai­ni­schen Volk sein Recht auf die schiere Exis­tenz abzu­spre­chen ­­– deut­lich hervor.

 

Oksana Kar­povyč, „Inter­cepted“ (ukr. „Myrni ljudy“), 95 Minuten, Canada / France / Ukraine 2024.

Bei­trags­bild: Inter­cepted, Film­still. © Chris­to­pher Nunn. Bild­quelle: Lightbox, https://lightdox.com/intercepted/.

Bilder im Bei­trag: Inter­cepted, Film­stills. © Chris­to­pher Nunn. Bild­quelle: Lightbox, https://lightdox.com/intercepted/.