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Die Vergiftung der Sprache durch den Krieg und das (Gegen-)Gift der Poesie. Vasyl’ Machnos "Vijna" (Krieg)

Posted on 20. März 2023 by Manuel Ghilarducci
Der Krieg verändert den Wortschatz, behauptet Serhij Žadan in Kapläne und Atheisten. Er befüllt ihn mit nach Metall schmeckenden und nach Brand riechenden Begriffen, die in unserer Alltagssprache für immer Spuren hinterlassen. Die Sprache des Kriegs verändert auch das Schreiben und ‚infiziert‛ literarische Texte. Das Gedicht Krieg (Vijna) von Vasyl’ Machno (geb. 1964), ukrainischem Dichter, Übersetzer und Publizist, zeigt deutlich, wie die russische Aggression der Ukraine die Sprache der Lyrik ‚ansteckt‛.

Der Krieg verändert den Wortschatz, behauptet Serhij Žadan in Kapläne und Atheisten. Er befüllt ihn mit nach Metall schmeckenden und nach Brand riechenden Begriffen, die in unserer Alltagssprache für immer Spuren hinterlassen. Die Sprache des Kriegs verändert auch das Schreiben und ‚infiziert‛ literarische Texte. Das Gedicht Krieg (Vijna) von Vasyl’ Machno (geb. 1964), ukrainischem Dichter, Übersetzer und Publizist, zeigt deutlich, wie die russische Aggression der Ukraine die Sprache der Lyrik ‚ansteckt‛. Der Text wurde am 24. Februar auf die Webseite Čytomo hochgeladen und ist demnach eine unmittelbare (und wütende) Antwort auf die Invasion. In Krieg verflechtet sich eine militärische Begrifflichkeit mit intertextuellen Verweisen auf die russische Literatur (Belyj, Blok und Esenin), auf ein Gedicht des sowjetisch-ukrainischen Dichters Pavlo Tyčyna (1891-1967) und auf das ambivalente mittelalterliche Epos Igorlied. Die Geschichte der Rus’ reaktiviert und reaktualisiert sich in die antikoloniale Hassrede des lyrischen Subjektes gegen das russländische Volk, das in einem suggestiven Bild als eine Horde von Barbaren dargestellt wird, die, barfuß auf einem Wolf reitend, das Herz der Ukraine (Kyiv) angreift und von allen Seiten umzingelt. Die Aggressoren scheinen sogar den Weg der Zivilisation verlassen zu haben. Weil Patriarch Kyrill den Krieg unterstützt, wurden die Ikonen schwarz, sie sind von Hass und Gewalt kontaminiert – so wie der weiße Februarschnee vom gegossenen Blut kontaminiert wird. Aber die Russen sind nicht an allem schuld. Es ist – das ist die Botschaft der letzten Strophe – auch Menschen wie Tyčyna zu verdanken, dass Russland der Ukraine jegliche Souveränität abspricht. In den 1920er Jahren hat Tyčyna die Bolschewiki willkommen geheißen, und in den 1930er Jahren hat er sich an die Dogmen des Sozialistischen Realismus angepasst und politische Karriere in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik gemacht. Warum haben Ukrainerinnen und Ukrainer die Gedichte Tyčynas nicht ernst genommen, in denen der Dichter Russland als seine Heimat betrachtet? Jetzt ist der Feind da, er hat – wie Igors Heer im Igorlied – Flüsse und Grenzen überquert, alea iacta est.

Die deutsche Übersetzung von Vijna wurde im Rahmen des Benefizworkshops „Übersetzungsworkshop: Ukrainische Gedichte über den Krieg“ verfasst, den Manuel Ghilarducci am 24. Juni 2022 an der Universität Potsdam angeboten hatte. Herzlicher Dank gilt den Workshop-Teilnehmenden, die  dieses interessante, aber auch sehr komplexe Gedicht einem breiteren Publikum zugänglich gemacht haben.

Війна

Господи, як там в Тичини:

«І Бєлий, і Блок, і Єсєнін»

як вони нас оточили

з усіх чотирьох обсіли

дай же нам сили і міці

тривожну валізку і хліб

брешуть же їхні лисиці

що в нас ні щитів ні століть

кудись же веде нас Ігор

за Дон зі своїм полком

сьогодні з лютневим снігом

і завтра – з черленим щитом

а тьма їхня з Тьмуторокані

а їхні – мокша і чудь

стріляють по нашому стані

по наших позиціях б’ють

то що там у «Слові о полку»?

і що там «шт» та «жд»

ви – скачучи босим вовком

гублячи слину вражди

дійшли до річок та кордонів

до серця мого в кулаці

зчорніли ваші ікони

не відбілите і в молоці

Господи як там в Тичини:

про Київ – Месію – про край

чому ми ці вірші не вчили?

стікай – моє серце – стікай

Krieg

Gott, wie heißt es bei Tyčyna

„Belyj, Blok und Esenin“

wie sie uns umringt haben

umzingelt von allen Seiten

so gib uns Kraft und Stärke

Marschgepäck und Brot

lügen doch ihre Füchse

dass wir weder Schilde noch Jahrhunderte haben

wohin führt uns denn Igor

hinter den Don mit seinem Heer

heute mit Februarschnee

und morgen mit blutrotem Schild

und ihre Horden aus T’mutorokan’

und ihre Mokša und Čud’

schießen auf unsere Posten

schlagen auf unsere Stellungen ein

und was steht da im „Igorlied“?

und was sollen die „št“ und „žd“ da

ihr – reitet barfuß auf einem Wolf

und trieft vor Feindseligkeit

seid vorgedrungen bis zu Flüssen und Grenzen

mein Herz schon in der Faust

es schwärzten sich eure Ikonen

und auch mit Milch bekommt ihr sie nicht mehr weiß

Gott, wie heißt es bei Tyčyna

über Kyiv, den Messias, das Land

Warum haben wir diese Verse nicht wirklich gelernt?

beruhige dich, mein Herz, beruhige dich

Das zitierte Gedicht von Tyčyna stammt aus dem Jahr 1919 und beginnt mit den Versen „Belyj, Blok, Esenin und Kljuev: Russland, Russland, o mein Russland!“ („І Бєлий, і Блок, і Єсєнін, і Клюєв: / Росіє, Росіє, Росіє моя!“).

Hier sind sowohl die Schilder der Rus’ als auch die Schilde im Sinne der Schutzausrüstung gemeint.

Auch: T’mutarakan’. Mittelalterliche Stadt im Halbinsel Taman, die auch im Igorlied vorkommt. Umgangssprachlich bezeichnet das Wort einen einsamen, abgelegenen Ort.

Mokša: Wolgafinnen, die heute in Mordwinien leben. Čud’: altrussische Bezeichnung zunächst für die Esten, dann für alle baltischen Völker. Möglicherweise verwandt mit čuždyj (‚fremd‛). In dieser Strophe verweist der Dichter zum einen auf die Rekrutierung in die russische Armee von jedem, der kampfbereit ist, zum anderen bestreitet er implizit die Zugehörigkeit der Russen zur slawischen Welt und dadurch die Verwandtschaft mit den Ukrainer*innen. Es handelt sich um eine Strategie des othering, die die Andersartigkeit des Anderen (nicht zuletzt rassistisch) hervorhebt.

Möglicherweise ein Verweis auf altrussische Lauten.

Übersetzung von: Manuel Ghilarducci, Angela Huber, Leander Lukas, Jennifer Oslan, Alexander Wöll

Das Beitragsbild ist von Elisabeth Bauer und bildet mit den anderen Beiträgen des Ukraine-Spezials eine Einheit in Form der Fotoserie “Ukrainisches Berlin: Die Stadt als gelb-blauer Symbolraum”.

Die Vergiftung der Sprache durch den Krieg und das (Gegen-)Gift der Poesie. Vasyl’ Machnos "Vijna" (Krieg) - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die Ver­gif­tung der Sprache durch den Krieg und das (Gegen-)Gift der Poesie. Vasyl’ Machnos “Vijna” (Krieg)

Der Krieg ver­än­dert den Wort­schatz, behauptet Serhij Žadan in Kapläne und Athe­isten. Er befüllt ihn mit nach Metall schme­ckenden und nach Brand rie­chenden Begriffen, die in unserer All­tags­sprache für immer Spuren hin­ter­lassen. Die Sprache des Kriegs ver­än­dert auch das Schreiben und ‚infi­ziert‛ lite­ra­ri­sche Texte. Das Gedicht Krieg (Vijna) von Vasyl’ Machno (geb. 1964), ukrai­ni­schem Dichter, Über­setzer und Publi­zist, zeigt deut­lich, wie die rus­si­sche Aggres­sion der Ukraine die Sprache der Lyrik ‚ansteckt‛. Der Text wurde am 24. Februar auf die Web­seite Čytomo hoch­ge­laden und ist dem­nach eine unmit­tel­bare (und wütende) Ant­wort auf die Inva­sion. In Krieg ver­flechtet sich eine mili­tä­ri­sche Begriff­lich­keit mit inter­tex­tu­ellen Ver­weisen auf die rus­si­sche Lite­ratur (Belyj, Blok und Esenin), auf ein Gedicht des sowje­tisch-ukrai­ni­schen Dich­ters Pavlo Tyčyna (1891–1967) und auf das ambi­va­lente mit­tel­al­ter­liche Epos Igor­lied. Die Geschichte der Rus’ reak­ti­viert und reak­tua­li­siert sich in die anti­ko­lo­niale Hass­rede des lyri­schen Sub­jektes gegen das russ­län­di­sche Volk, das in einem sug­ges­tiven Bild als eine Horde von Bar­baren dar­ge­stellt wird, die, barfuß auf einem Wolf rei­tend, das Herz der Ukraine (Kyiv) angreift und von allen Seiten umzin­gelt. Die Aggres­soren scheinen sogar den Weg der Zivi­li­sa­tion ver­lassen zu haben. Weil Patri­arch Kyrill den Krieg unter­stützt, wurden die Ikonen schwarz, sie sind von Hass und Gewalt kon­ta­mi­niert – so wie der weiße Febru­ar­schnee vom gegos­senen Blut kon­ta­mi­niert wird. Aber die Russen sind nicht an allem schuld. Es ist – das ist die Bot­schaft der letzten Strophe – auch Men­schen wie Tyčyna zu ver­danken, dass Russ­land der Ukraine jeg­liche Sou­ve­rä­nität abspricht. In den 1920er Jahren hat Tyčyna die Bol­sche­wiki will­kommen geheißen, und in den 1930er Jahren hat er sich an die Dogmen des Sozia­lis­ti­schen Rea­lismus ange­passt und poli­ti­sche Kar­riere in der Ukrai­ni­schen Sozia­lis­ti­schen Sowjet­re­pu­blik gemacht. Warum haben Ukrai­ne­rinnen und Ukrainer die Gedichte Tyčynas nicht ernst genommen, in denen der Dichter Russ­land als seine Heimat betrachtet? Jetzt ist der Feind da, er hat – wie Igors Heer im Igor­lied – Flüsse und Grenzen über­quert, alea iacta est.

Die deut­sche Über­set­zung von Vijna wurde im Rahmen des Bene­fiz­work­shops „Über­set­zungs­work­shop: Ukrai­ni­sche Gedichte über den Krieg“ ver­fasst, den Manuel Ghi­lar­ducci am 24. Juni 2022 an der Uni­ver­sität Potsdam ange­boten hatte. Herz­li­cher Dank gilt den Work­shop-Teil­neh­menden, die  dieses inter­es­sante, aber auch sehr kom­plexe Gedicht einem brei­teren Publikum zugäng­lich gemacht haben.

Війна

Господи, як там в Тичини:

«І Бєлий, і Блок, і Єсєнін»

як вони нас оточили

з усіх чотирьох обсіли

дай же нам сили і міці

тривожну валізку і хліб

брешуть же їхні лисиці

що в нас ні щитів ні століть

кудись же веде нас Ігор

за Дон зі своїм полком

сьогодні з лютневим снігом

і завтра – з черленим щитом

а тьма їхня з Тьмуторокані

а їхні – мокша і чудь

стріляють по нашому стані

по наших позиціях б’ють

то що там у «Слові о полку»?

і що там «шт» та «жд»

ви – скачучи босим вовком

гублячи слину вражди

дійшли до річок та кордонів

до серця мого в кулаці

зчорніли ваші ікони

не відбілите і в молоці

Господи як там в Тичини:

про Київ – Месію – про край

чому ми ці вірші не вчили?

стікай – моє серце – стікай

Krieg

Gott, wie heißt es bei Tyčyna

„Belyj, Blok und Esenin“[1]

wie sie uns umringt haben

umzin­gelt von allen Seiten

so gib uns Kraft und Stärke

Marsch­ge­päck und Brot

lügen doch ihre Füchse

dass wir weder Schilde[2] noch Jahr­hun­derte haben

wohin führt uns denn Igor

hinter den Don mit seinem Heer

heute mit Februarschnee

und morgen mit blut­rotem Schild

und ihre Horden aus T’mutorokan’[3]

und ihre Mokša und Čud’[4]

schießen auf unsere Posten

schlagen auf unsere Stel­lungen ein

und was steht da im „Igor­lied“?

und was sollen die „št“ und „žd“[5] da

ihr – reitet barfuß auf einem Wolf

und trieft vor Feindseligkeit

seid vor­ge­drungen bis zu Flüssen und Grenzen

mein Herz schon in der Faust

es schwärzten sich eure Ikonen

und auch mit Milch bekommt ihr sie nicht mehr weiß

Gott, wie heißt es bei Tyčyna

über Kyiv, den Mes­sias, das Land

Warum haben wir diese Verse nicht wirk­lich gelernt?

beru­hige dich, mein Herz, beru­hige dich

[1] Das zitierte Gedicht von Tyčyna stammt aus dem Jahr 1919 und beginnt mit den Versen „Belyj, Blok, Esenin und Kljuev: Russ­land, Russ­land, o mein Russ­land!“ („І Бєлий, і Блок, і Єсєнін, і Клюєв: / Росіє, Росіє, Росіє моя!“).

[2] Hier sind sowohl die Schilder der Rus’ als auch die Schilde im Sinne der Schutz­aus­rüs­tung gemeint.

[3] Auch: T’mutarakan’. Mit­tel­al­ter­liche Stadt im Halb­insel Taman, die auch im Igor­lied vor­kommt. Umgangs­sprach­lich bezeichnet das Wort einen ein­samen, abge­le­genen Ort.

[4] Mokša: Wol­ga­finnen, die heute in Mord­wi­nien leben. Čud’: alt­rus­si­sche Bezeich­nung zunächst für die Esten, dann für alle bal­ti­schen Völker. Mög­li­cher­weise ver­wandt mit čuždyj (‚fremd‛). In dieser Strophe ver­weist der Dichter zum einen auf die Rekru­tie­rung in die rus­si­sche Armee von jedem, der kampf­be­reit ist, zum anderen bestreitet er implizit die Zuge­hö­rig­keit der Russen zur sla­wi­schen Welt und dadurch die Ver­wandt­schaft mit den Ukrainer*innen. Es han­delt sich um eine Stra­tegie des othe­ring, die die Anders­ar­tig­keit des Anderen (nicht zuletzt ras­sis­tisch) hervorhebt.

[5] Mög­li­cher­weise ein Ver­weis auf alt­rus­si­sche Lauten.

Über­set­zung von: Manuel Ghi­lar­ducci, Angela Huber, Leander Lukas, Jen­nifer Oslan, Alex­ander Wöll

Das Bei­trags­bild ist von Eli­sa­beth Bauer und bildet mit den anderen Bei­trägen des Ukraine-Spe­zials eine Ein­heit in Form der Foto­serie “Ukrai­ni­sches Berlin: Die Stadt als gelb-blauer Sym­bol­raum”.