Ein (alb-)traumhaftes Schauermärchen

Der experimentelle Folklore-Horrorfilm November von Rainer Sarnet aus dem Jahr 2017 gewährt mit (alb)traumhaften Schwarzweißaufnahmen einen einzigartigen Einblick in die heidnische Mythologie Estlands.

 

Wintereinbruch in einem estnischen Dorf im 19. Jahrhundert: Mithilfe von Kratts – arbeitswütigen Geschöpfen, die durch dunkle Magie zum Leben erweckt wurden – versuchen die armen Bewohner*innen, die kalte Jahreszeit zu überstehen. Dabei lügen, stehlen und betrügen sie wann und wo sie können. Geister von Verstorbenen, die ihren Angehörigen an Allerheiligen einen Besuch abstatten, um nach dem Rechten zu sehen, sind hier ebenso gewöhnlich wie Werwölfe oder die personifizierte Pest als todbringender Gestaltenwandler. In dieser dunklen, harten Welt lebt das Bauernmädchen Liina, das in den jungen Hans verliebt ist. Dieser jedoch verfällt der schönen Tochter eines deutschen Barons, die unerreichbar für ihn scheint. In ihrer Verzweiflung sind sowohl Liina als auch Hans bereit, viel für die Gunst des bzw. der Auserwählten zu geben.

 

Dieses verhängnisvolle Liebesdreieck, eingebettet in einer oberflächlich christlichen, aber im Grunde heidnisch geprägten Dorfgemeinschaft, entstammt dem Roman Der Scheunenvogt (im estnischen Original Rehepapp ehk November) von Andrus Kivirähk. Dass die Umsetzung von Rainer Sarnet, der sowohl das Drehbuch schrieb als auch die Regie übernahm, kein Film wie jeder andere ist, wird direkt klar. Die Handlung spielt eine untergeordnete Rolle, viele Szenen enthalten so gut wie keinen Dialog.

 

Im Vordergrund stehen dabei satte Schwarzweiß-Aufnahmen, die mit ihrer surrealen, poetischen Bildsprache an Filme von Andrej Tarkowskij oder Béla Tarr erinnern. Der Einsatz von Infrarot-Technik, verschiedenen Film- und Digitalformaten und dramatischer Beleuchtung erzeugt eine geisterhafte, entrückte Wirkung. Die herausragende Arbeit von Kameramann Mart Taniel lässt den Kontrast zwischen der eisigen Schönheit der Natur und dem kargen Leben der Menschen auf außergewöhnliche Weise zur Geltung kommen, und wurde mit etlichen Preisen, wie etwa dem „American Society of Cinematographers Spotlight Award“, ausgezeichnet.

 

 

Die visuelle Wucht von November wird passend untermalt von Michał Jacaszeks eigens für den Film komponierter Musik; Chöre, Streicher, elektrische Gitarren und sogar eine Maultrommel tragen zu der düster-makabren Atmosphäre bei. Diese Kombination aus sakral anmutenden Klängen und ungewöhnlicher Instrumentierung verstärkt den Eindruck einer Welt zwischen Spiritualität und Aberglauben. In einer besonders eindrucksvollen Szene, in der die beinahe ätherisch anmutende Baronin schlafwandelnd über das Schlossdach schreitet, erklingt zudem Beethovens Mondscheinsonate.

 

Ebenfalls hervorragend gestaltet sind die Spezialeffekte des Films. Die „Kratts“ wurden – für einen zeitgenössischen Fantasyfilm eher ungewöhnlich – nicht digital, sondern mittels Puppen kreiert. Diese Technik haucht den aus Werkzeugen, Tierskeletten und allerlei Schrott zusammengeschusterten Kreaturen eine spürbare physische Präsenz ein, zudem erscheinen ihre ruckartigen, mechanischen Bewegungen grotesk und unheimlich. Ohnehin machen diese ambivalenten, im Dorfalltag omnipräsenten Wesen von der ersten Szene an einen Großteil des Gruselfaktors aus, da sie zwar unentbehrliche Helfer für Haus und Hof sind, aber ohne Beschäftigung zu einer unkontrollierbaren Gefahr werden.

 

 

Auch die schauspielerischen Leistungen sind durchweg stimmig. Hier glänzen vor allem Rea Lest, die der Hauptfigur Liina sowohl Stärke als auch Unschuld verleiht, und Dieter Laser, der in einer Nebenrolle den blassen Baron im bizarren Paillettenanzug mit so viel Würde und Verletzlichkeit verkörpert, dass er ihm über das bloße Klischee eines bösen Deutschen hinaus Tiefe gibt. Einige der kleineren Rollen sind außerdem mit Laiendarsteller*innen besetzt, was zur skurrilen Wirkung dieser Charaktere beiträgt: Ihre unbeholfene, wenig stilisierte Spielweise steht im Gegensatz zu den anderen, märchenhaft überhöhten Figuren.

 

Inhaltlich bietet der Film einen seltenen und daher wertvollen Zugang zu Estlands Geschichte und Brauchtum. Neben der noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschenden deutsch-baltischen Oberschicht wird auch die wachsende Nationalbewegung innerhalb der Bevölkerung thematisiert. Eindeutig im Fokus steht jedoch der Alltag und der heidnische Aberglaube des Bauerntums. Dabei nutzt der Film diese Motive weniger, um ein historisch präzises Bild zu zeichnen, als vielmehr, um grundlegende menschliche Verhaltensweisen sichtbar zu machen: Gier, Neid und unerfüllte Sehnsucht treiben die Figuren ebenso an wie der Wunsch, den eigenen Lebensumständen zu entkommen. Hier sucht man bei Problemen nicht Hilfe beim Priester oder bittet um Erlösung bei der Jesusfigur in der Kirche, sondern wendet sich ohne Zögern an die örtliche Hexe oder schließt im nächtlichen Wald einen Pakt mit dem Teufel.

 

Rainer Sarnet ist mit November ein wunderschönes und zugleich verstörendes Schauermärchen in unvergesslichen Bildern gelungen, das magischen Realismus mit schwarzer Romantik und absurdem Humor vereint. Die Besucher*innen des 35. FilmFestivals Cottbus hatten im Rahmen der Sektion „Close-Up: Estonia. Zwischen Geschichte und Gegenwart“ die Gelegenheit, diesen besonderen Film auf der großen Leinwand zu entdecken. Für das Mitternachtskino bestens geeignet, sei er allen Neugierigen sehr empfohlen.

 

Rainer Sarnet: November. Estland/Niederlande/Polen, 2017, 115 Minuten.

Quelle des Filmplakats: https://www.imdb.com/de/title/tt6164502/

Quelle der Filmstills: https://www.homelessbob.ee/movies/rehepapp/

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