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Ein paar Tage mitten im Krieg. Yevgenia Belorusets

Posted on 20. März 2023 by Yevgenia Belorusets
Die Schriftstellerin Yevgenia Belorusets hält seit des flächendeckenden Angriffs Russlands auf die Ukraine am 24.02.2022 ihre Beobachtungen, Gedanken und Fragen in Form von Kriegstagebüchern, u.a. für den Spiegel und den Rbb, fest. Auf novinki berichtet sie über das Frühjahr 2023.

Die Schriftstellerin Yevgenia Belorusets hält seit des flächendeckenden Angriffs Russlands auf die Ukraine am 24.02.2022 ihre Beobachtungen, Gedanken und Fragen in Form von Kriegstagebüchern, u.a. für den Spiegel und den Rbb, fest. Auf novinki berichtet sie über das Frühjahr 2023. In einer englischen Fassung erschien dieser Text erstmals in der Financial Times.

31.1.23

Der Zug, der mich in die Ukraine bringt, ist voll. In meinem Wagen fahren fast nur Frauen. Das Abteil teilt eine Frau mit mir, die schweigsam ist und manchmal glücklich lacht. Sie war eine Woche lang in Polen. Dort besuchte sie ihre Freundin und hatte eine gute Zeit, aber jetzt fährt sie endlich in die Ukraine zurück. Manchmal wird unser Schweigen unterbrochen. In den langen Stunden, wenn der Zug steht, kommen Pass- und Zollkontrollen vorbei. Dann sprechen wir ein paar Sätze miteinander. Sie erinnert sich an die Februartage des vorigen Jahres.

Sie erwartet ein Kind und klingt fast immer fröhlich, auch wenn sie über etwas Schreckliches oder Gewaltsames spricht. Das Erste, was sie erzählt, ist die Beschreibung eines Privathauses, einer Datscha, die im Laufe der letzten Jahre so umgebaut wurde, dass der Krieg einem kaum noch was anhaben kann. Die Elektrizität kommt von einem Generator, das Wasser aus dem privaten Brunnen, die Heizung ist auch autonom. Wenn sie ihr Haus beschreibt, wird klar, es liegt außerhalb Kiews, in einem Dorf in der Richtung von Obuhiv, in Ortschaften, die nie von der russischen Armee besetzt waren.

Viele Kiewer besitzen eine Datscha und die, die zufällig in dieser Region ein Ferienhaus haben, können sich glücklich schätzen.

In den ersten Tagen des Krieges flohen viele meiner Bekannten in ihre Privathäuser in der Kiewer Oblast. Meistens waren es Ferienhäuser, in denen die Familien normalerweise im Frühling und Sommer leben. Nun war es unklar, was passieren würde. Noch in den ersten Kriegstagen war eine große Invasion im Stil des zweiten Weltkrieges, mit ruinierten Straßen, zerstörter Infrastruktur, mit Millionen von Flüchtlingen, Tausenden Verletzten und Toten kaum vorstellbar. Auch meine eigene Phantasie reichte vor einem Jahr für so eine Vorstellung der Realität nicht aus. Viele Kiewer dachten, es wäre leichter eine kurzfristige Unruhe auf der Datscha in so einer unscheinbaren Ortschaft abzuwarten. Und sie packten in Eile ihre Koffer und fuhren unter anderem in Richtung Butscha, Irpin, Moschun, Gorynka, d.h. genau in jene Ortschaften, wo sie – wie wir heute wissen – im Fall ihres Überlebens verurteilt sein würden, Zeugen der schrecklichsten Verbrechen dieses Krieges zu werden.

Wenn meine Abteilnachbarin über den Krieg sprach, wollte sie wieder und wieder nur über ein Bild reden: sie erinnerte sich an einen russischen Panzer, der am 25. Februar 2022 neben ihrem Hochhaus im Bezirk Obolon herumfuhr. Der Panzer zerstörte den Kinderspielplatz in ihrem Hof. Die schockierten Nachbarn filmten das Fahrzeug aus den Fenstern des Hauses. Nach elf Monaten Krieg ist der Kinderspielplatz nur notdürftig renoviert. Wenn sie nach Hause kommt, um einige Tage in Kiew zu verbringen, würde sie wieder die Spuren des Panzers und den zerstörten Hof ihres Hauses sehen.

Praktisch ohne weiteren Kommentar zeigte meine Nachbarin mir ein Video, in dem ein Schützenpanzer zu sehen ist, der wie betrunken durch die Straßen fährt, auf den Bürgersteig klettert, in einen kleinen Kinderspielplatz neben Mehrfamilienhäusern hineinfährt. Es ist ein Fragment einer Nachrichtensendung. Der ukrainische Moderator kommentiert diesen Unfall mit besorgter Stimme. Er erklärt: eine der russischen Diversions- und Aufklärungseinheiten hat es geschafft, ukrainische Kriegsfahrzeuge zu stehlen und bedroht damit viel mehr die Bewohner von Kiew als die ukrainische Armee oder Regierung. Überrascht fragt er: „Verstehen sie (die diesen Panzer gestohlen haben) denn nicht, dass damit nicht die von der russischen Regierung erklärten Kriegsziele getroffen werden, sondern die friedlichen Menschen, die Bewohner von Kiew in die Gefahr gebracht werden?“

Ich denke, diese wahrhaftige, aufrichtige Erschütterung des ukrainischen Nachrichtenmoderators sollte ins Museum der Gefühle dieses Krieges kommen.

 

3.2. bis 9.2.23

Vor ein paar Wochen, nach dem Raketenangriff am 31. Dezember 2022, war die Zentralheizung in meinem Haus zwei Wochen lang abgeschaltet.

Damals riefen mich meine Nachbarn von dort in Berlin an und erzählten mir, dass es ihnen hervorragend gehe, dass ihnen warm sei und dass sie gelernt hätten, ihre Wohnungen ohne Zentralheizung zu durchzuwärmen. Es sei ihnen egal, ob sie angeschaltet wird oder nicht.

Aber hier in Kiew höre ich Beschwerden über die Kälte. Eine Bekannte besucht mich. Nach Kriegsbeginn zogen sie und ihr Mann in das Haus ihrer wohlhabenden Verwandten ein, eines älteren Ehepaars, das die Ukraine verlassen hatte. Das Ehepaar hatte zwei Katzen und zwei Hunde, die im Haus aufgewachsen sind.

"Dieses Haus ist ungewohnt luxuriös", sagt sie zu mir, "aber mein Mann und ich finden es schwierig, darin zu leben. Hier ist überall Marmor. Und wenn der Strom ausfällt, gibt es auch keine Heizung. Das Haus wird nicht richtig warm, es ist immer kalt. Es gibt einen Generator, aber der verbraucht zu viel Benzin, wir benutzen ihn nicht", fügt sie mit müder Stimme hinzu, als ob sie für mich alle Besonderheiten des Lebens in Kiew unter Beschuss protokollierte.

Dieses luxuriöse Haus befindet sich nicht weit von einem der Kiewer Kraftwerke entfernt. Jeder Raketenangriff bringt es in Gefahr. Aber sie können die Tiere nicht in ihre kleine Ein-Zimmer-Wohnung mitnehmen und bleiben wegen ihnen im Haus.

Bei einem Stromausfall fangen die Katzen an, jämmerlich zu miauen; den Beschuss ertragen sie jedoch gelassen. Hingegen kommen die Hunde auch neben den Menschen nicht zur Ruhe.

Bei einem der letzten Bombardements saßen sie mit den Tieren zusammen in einem der am meisten geschützten kleinen Räume des Hauses, wo sie sich immer wieder in solchen Momenten der Gefahr versteckten, und da bemerkte meine Freundin, dass die Tiere auf die Wand starrten. Das Haus erbebte. Sie sah, wie sich ein Riss langsam an der Hauswand entlangschlich. Man konnte nirgendwo hingehen, draußen war es viel gefährlicher. Zusammengekauert sahen Menschen und Tiere zu, wie der Riss ein neues Muster an der Wand schuf und seine verzweigten Äste nach oben trieb, und schwiegen. Was sollte man auch sagen.

Jeden Tag werden in der Ukraine Wohnhäuser beschossen. In Kälte und Dunkelheit werden Rettungsarbeiten unter Beschuss durchgeführt.

Eine Freiwillige, die in Bachmut arbeitete, berichtete in einem der Telegramkanäle, dass die Rettungskräfte aufgrund des Beschusses nicht in der Lage waren, sich einem zerstörten Haus zu nähern, obwohl aus den Trümmern Stöhnen zu hören war.

Sie schrieb auch, dass es in Bachmut unmöglich geworden ist, zwischen Leben und Tod zu unterscheiden, alles ist durcheinander geraten und Gefühle hören auf, mit den bekannten Schmerzreaktionen auf Zerstörung und Tod zu reagieren.

Währenddessen höre ich in Kiew nach dem Erdbeben in der Türkei an jeder Stelle Worte des Мitleids.

 

10.2.23

Kiew unter Beschuss. Mehrmals Luftangriffsalarm. Ein Anruf der Bekannten, über die ich schrieb. Sie mache sich Sorgen um mich, weil ihr Mann und ihre Tiere bei ihr waren, aber ich war allein in der Wohnung. Sie versucht eindringlich, mich zu beruhigen: "Weißt du, was ich immer zu meiner besten Freundin sage, die aus irgendeinem Grund bei jedem Luftangriff eine Panikattacke bekommt? Ich sage ihr: 'Schätzchen, denk doch mal nach, wird jemand eine Rakete auf dich abfeuern? Eine Rakete ist eine sehr teure Sache, wertvoll! Mit einer Rakete kann man ein Privathaus im Zentrum von Kiew bauen! Mit einer Rakete kann man ein ganzes Dorf ein Jahr lang versorgen. Du bist also sicher. Niemand wird eine ganze Rakete für Leute wie uns ausgeben."

Sie lachte. Ich nahm an, dass sie heute keine Nachrichten gelesen hatte und beschloss, sie nicht zu beunruhigen. Heute Morgen wurden über Kiew 10 Raketen abgeschossen, von denen ein Trümmerstück ein Privathaus am Rande der Stadt beschädigt hat. In den letzten 24 Stunden hat Russland 100 Raketen in Richtung Ukraine abgefeuert, einige davon waren auf die zivile Infrastruktur gerichtet.

 

11.2.23

Ich besuchte meine Tante, die Kiew seit Beginn des Krieges für keinen einzigen Tag verlassen hat. Sie lebt in einem Privathaus mit Haustieren und engen Verwandten, für die sie verantwortlich ist. Als sie mich begrüßte und ich ihr ins Gesicht sah, wurde mir bewusst, wie erschöpft sie war von den letzten Monaten.

Sie ist im Verlagwesen tätig. Vor einem Jahr, einen Tag vor der großen russischen Invasion, bekam sie einen Anruf und wurde zur Mitarbeit in einem neu gegründeten jungen Verlag eingeladen. Der Krieg kam, die Verlangsgründung wurde abgebrochen und bis jetzt nicht wieder aufgenommen.

Zu dieser Zeit bereitete sie das Buch eines Kiewers für die Publikation vor, der vor fast hundert Jahren geboren wurde. Dieser Mann hat die deutschen und sowjetischen Konzentrationslager überlebt, wurde repressiert, hat sich mit Archäologie beschäftigt und beschlossen, in den letzten Jahren seines Lebens eine Autobiographie zu schreiben. Meine Tante half ihm dabei. Nach Monaten der Arbeit wurde das Buch schließlich einige Tage vor dem 24. Februar in die Druckerei gegeben.

Am 25. Februar 2022, am zweiten Tag des Krieges, rief dieser Mann meine Tante an, um über das Schicksal seines Buches zu fragen. Sie musste ihm sagen, dass die Druckerei, in der das Buch gedruckt werden sollte, unter Beschuss geraten war und abgebrannt war. Der Leiter der Druckerei hatte beschlossen, als Freiwilliger der ukrainischen Armee beizutreten.

Wie auch viele andere, wurde dieses Buch nie gedruckt.

Heute Abend gab es Raketenangriffe auf Charkiw. Über die Anzahl der Opfer ist derzeit nichts bekannt.

 

12.2.23

Ein Sonntag in Kiew nach einer Woche, in der die Ukraine unentwegt beschossen wurde. Ein Tag, an dem scheinbar nichts passiert. Man geht durch die Stadt und möchte eigentlich gar keine neuen Nachrichten hören.

In der Nacht hörte ich entfernte Explosionen und immer wieder ein neues unbekanntes Geräusch in der Luft. Als ich las, dass es ukrainische Flugzeuge oder Drohnen sein sollen, beruhigte ich mich.

Dann sah ich auf einem der Telegramkanäle ein Video mit dem Gründer und Leiter von Wagner, Yevgeny Prigozhin, der Tausende russischen Häftlinge für den Krieg gegen die Ukraine rekrutierte. Dabei versprach er den Gefangenen Freilassung und die Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen. In einem dunklen Raum, irgendwo in Russland saß er auf einer Bank und kommentierte in die Kamera: „Der Krieg,“ - sagte er, - „ist nur eine Arbeit, eine Frontarbeit. Wenn den Häftlingen im Kampf ein Arm oder ein Bein abgerissen wird, sind sie immer noch glücklich und lachen ganz fröhlich. Vielleicht entdecken sie etwas an dieser Härte“.

Gerade jetzt, wo Kiew an diesem Wochenende fast feierlich aussieht, findet im Osten des Landes eine russische Offensive statt. Der Krieg migriert ständig von einer Stadt in die nächste. Und wenn es ihn heute hier nicht gibt, entsteht sehr schnell eine Illusion der Sicherheit und friedlichen Ruhe. Straßenmusik, laute Stimmen, Eltern mit kleinen Kindern laufen mit verträumten Gesichtern durch das Stadtzentrum.

Später am Abend besuche ich meine Freundin, eine Filmkritikerin und Wissenschaftlerin, die Geburtstag feierte. Auf der kleinen Versammlung in ihrer Wohnung begrüßen mich meine alten Bekannten. In ihren festen Umarmungen spüre ich eine erstaunte Wärme. Diese Menschen wundern sich, dass sie ihre Freunde wiedersehen dürfen, dass so ein Sonntag gekommen ist, wo man sich in einer Gesellschaft versammelt, um zu feiern. Nein, es ist nicht nur das. Wir haben uns seit Anfang des Krieges nicht gesehen. Wir schauen uns gegenseitig an, als ob wir uns wieder neu kennenlernten. Der Krieg wurde zu einer Spur, die man schweigend vom Gesicht abliest. Alle Stimmen klingen etwas leiser als früher.

 

14.2.2022

Als das Dröhnen des Fliegeralarms das erste Mal seit meiner Ankunft ertönte, empfand ich immer noch Angst, aber auch eine Art absurd sentimentale Freude, die Freude, etwas Vertrautes, Bekanntes und Verlorenes zu sehen. Der Luftalarm war eingebettet in die Geräuschkulisse der Stadt. Seine Klänge erinnerten mich daran, wie ich in den ersten Kriegsmonaten Kiew nicht verlassen wollte.

Auch der heutige Tag begann mit einer Sirene. Ich lauschte den Geräuschen und dachte darüber nach, wie wenig sie für mich jetzt bedeuteten. Wie für viele Menschen in meiner Umgebung ist der Luftschutzalarm zu einem lästigen Ärgernis geworden, das man einfach beiseite schiebt, ohne darüber nachzudenken.

In einem kleinen Geschäft in der Nähe meines Hauses, das ich besonders häufig aufsuche, fragte mich vor ein paar Tagen eine Verkäuferin mit brennenden Augen zu den durchdringenden Sirenen: "Sagen Sie mal, bereiten Sie sich auf den 14. Februar vor! Das ist doch der Tag aller Verliebten! Wir denken alle an ihn. Ich überlege, welches Geschenk ich besorgen soll!"

Ich sagte ihr, dass ich den 14. Februar vergessen hätte. Sie sah so enttäuscht aus, dass ich zu den Regalen mit den Souvenirs hinüberging und sie mir ansah, als würde ich sorgfältig abwägen, was ich für diesen Anlass gebrauchen könnte.

Zehn Tage vor dem großen Einmarsch, am 14. Februar 2022, war ich in Kiew. Der Abend dieses Tages brachte eine Fülle von Nachrichten. Ich schaue mir die Schlagzeilen an:

"Verteidigungsminister Oleksiy Reznikov sagte: 'Meine Einschätzung der Lage ist definitiv nicht alarmierend. Es gibt keinen Grund für die Verhängung des Kriegsrechts".  Neben diesen optimistischen Worten standen zwei Erklärungen des US-Außenministeriums. In der einen hieß es, dass die US-Botschaft nach Lemberg verlegt worden sei, in der anderen, dass "Putin noch keine formelle Entscheidung für eine Invasion getroffen hat."

In diesem höchst unscheinbaren Wort "noch" steckte eine Botschaft über die Zukunft, die uns erwartete und über die man zu diesem Zeitpunkt nur spekulieren konnte.

Dieses "noch " enthielt die Niederlage des Völkerrechts, der Diplomatie, ein Manifest der Schwäche und der Bereitschaft, sich dem Schicksal gerade dann zu ergeben, wenn dringende und wirksame Maßnahmen erforderlich waren, um einen Krieg zu verhindern.

Vielleicht lauert die Zukunft auch jetzt irgendwo zwischen den Schlagzeilen, in kleinen, unscheinbaren Worten, die wie zufällig ausgesprochen werden.

Warum eine Offensive für viele Menschen undenkbar schien, hatte eine Vielzahl von Gründen, von denen jeder einzelne logisch gültig und unwiderlegbar schien. Man konnte sie durchgehen, sie schienen unverrückbare Bastionen des gesunden Menschenverstands in dem chaotischen Durcheinander von Signalen zu sein, die bestätigten, dass ein Krieg doch möglich war.

Es schien, als könne man den Krieg abwenden, indem man sich seine Folgen vorstellte: Millionen von Flüchtlingen, Zehntausende von Toten, zerstörtes Leben, besetzte Städte, Menschen, die die Besatzungsmacht hassen.

Ich erinnere mich an viele Spekulationen von Experten vor dem Krieg, dass Russland theoretisch ukrainische Städte besetzen könnte, aber wie sollte es sie halten, wenn die Bevölkerung nicht loyal war? Daraus wurde gefolgert, dass eine Stadt mit einer illoyalen Bevölkerung eine Belastung für das erobernde Land darstellen würde. Eine Problemstadt, eine Stadt, in der es ständig Proteste und Revolutionen gibt, die man besser in Ruhe lässt, als sie mit Gewalt zu erobern.

Wie auch immer diese Annahmen lauten mögen, keiner von ihnen ist in seinen Zukunftsvisionen so weit gekommen, dass Russland einen Krieg mit einer Taktik des „Feuerwalls“ führen wird. Die Bevölkerung der ukrainischen Städte würde zusammen mit Straßen, Parks, Museen, Häusern und der Infrastruktur zerstört werden. Die Stadt, die für die Besetzung ausgewählt wird, ist vielleicht keine Stadt mehr, sondern eine Ruine, in der sich die letzten paar hundert Einwohner unter den Trümmern verstecken.

Offensichtlich ist die Besetzung ukrainischer Städte ein Vorwand, damit russische korrupte Beamte über eine gut erledigte Arbeit berichten können. Eine Formalität, die kein Leben voraussetzt, egal in welcher Form.

Es sieht so aus, als ob die ukrainische Stadt in den Augen Russlands nie existiert hat; es geht um eine Formalität, die nur darin besteht, dem Vorgesetzten zu berichten, dass der Befehl ausgeführt wurde und "die Stadt erobert" wurde.

Jede unserer Städte, die von der russischen Offensive erreicht wird, kann zu so einer Formalität werden, die keinerlei Leben in irgendeiner Form in Betracht zieht.

Ukrainische Soldaten, vor dem Krieg Künstler, Ingenieure, Programmierer, Ärzte - Erschöpfte, mit kaum verheilten Wunden, die kaum Zeit für die Erholung hatten, sind gezwungen, immer wieder an die Front zurückzukehren. Ich traf heute einen solchen Mann. Er verbrachte nur wenige Tage in Kiew und muss wieder an die Frontlinie, die in ihrer Länge mit den Landesgrenzen Deutschlands vergleichbar ist.

In den Ländern, die an Ramstein-Treffen zur Ukraine teilnehmen, werden weiterhin Diskussionen geführt, ob und wie schnell der Ukraine alle zur Selbstverteidigung erforderlichen Waffen zur Verfügung gestellt werden sollten.

 

15.2.2023

Für viele meiner begabten Bekannten, die in Kiew im Rhythmus der Strom-, Wärme- und Wasserausfälle leben, ist es fast unmöglich geworden, über den Krieg nachzudenken. Sie haben den Krieg auf den Zeitpunkt verschoben, wo sie selbst gezwungen sein werden, sich ihm direkt zu stellen: an die Front zu gehen, sich für Hilfsmaßnahmen zu engagieren, Geld zu sammeln. Ansonsten sind sie in ihren Alltag vertieft, und es ist möglich, mit ihnen über alles andere als den Krieg zu sprechen.

Heute ist ein sonniger, ruhiger Tag, der bisher von keiner Störung aus der Luft unterbrochen wurde. In Bachmut und entlang der gesamten Frontlinie wird weiter gekämpft.

In Pokrowsk, wo ich früher gearbeitet habe, wurde ein mehrstöckiges Gebäude beschossen. Es ist teilweise eingestürzt, Menschen liegen unter den Trümmern.

Wo ich auch hinschaue, sehe ich den Krieg gestern und morgen. Es ist unmöglich, vom Standpunkt des Krieges aus zu sprechen, jede Rede verliert ihren Sinn vor dem Hintergrund der anhaltenden Zerstörung, der Auslöschung von Städten, Straßen, menschlichen Welten.

Ein Jahr des Krieges ist vergangen, jede Sekunde davon steht unter der Beobachtung der Medien. Die Leichen der Toten, das Stöhnen der Verwundeten, die Trümmer eines verschwindend friedlichen Lebens, das Medienrauschen breitet sich über gigantische Entfernungen aus.

Als ich mit meinem Tagebuch begann, schien es mir, dass jede derartige Nachricht ein Grund für sofortiges Handeln sein sollte. Die Ukraine muss genügend Luftabwehrsysteme und Waffen bekommen, damit die Menschen nicht mehr sterben, damit nicht immer mehr Städte zu einer Leere, einem Schlachtfeld werden.

Ich sehe jetzt, dass Internationale Experten den Zeitrahmen des Krieges verschieben und berichten, dass er wahrscheinlich noch ein, zwei, drei oder fünf Jahre dauern wird. Solange Russland über genügend "Ressourcen" verfügt, um weiterzumachen.

Irgendwie befinde ich mich nicht nur in einem Krieg, sondern auch in einer Welt, in der Gewalt und Verbrechen so lange andauern können, wie der Täter die Energie, den Willen und die Kraft hat, sie auszuführen.

Die Angst vor dem Aggressor zerstört nicht nur die Idee der gemeinsamen Sicherheit, sie zerstört das politische Feld und die Werte, für die der europäische Kontinent im letzten Jahrhundert gekämpft hat.

 

15.2., 15 Uhr: Während ich diese Zeilen gerade fertigschreibe, ertönt Luftalarm.

Das Beitragsbild ist von Elisabeth Bauer und bildet mit den anderen Beiträgen des Ukraine-Spezials eine Einheit in Form der Fotoserie “Ukrainisches Berlin: Die Stadt als gelb-blauer Symbolraum”.

Ein paar Tage mitten im Krieg. Yevgenia Belorusets - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ein paar Tage mitten im Krieg. Yev­genia Belorusets

Die Schrift­stel­lerin Yev­genia Bel­o­ru­sets hält seit des flä­chen­de­ckenden Angriffs Russ­lands auf die Ukraine am 24.02.2022 ihre Beob­ach­tungen, Gedanken und Fragen in Form von Kriegs­ta­ge­bü­chern, u.a. für den Spiegel und den Rbb, fest. Auf novinki berichtet sie über das Früh­jahr 2023. In einer eng­li­schen Fas­sung erschien dieser Text erst­mals in der Finan­cial Times.

31.1.23

Der Zug, der mich in die Ukraine bringt, ist voll. In meinem Wagen fahren fast nur Frauen. Das Abteil teilt eine Frau mit mir, die schweigsam ist und manchmal glück­lich lacht. Sie war eine Woche lang in Polen. Dort besuchte sie ihre Freundin und hatte eine gute Zeit, aber jetzt fährt sie end­lich in die Ukraine zurück. Manchmal wird unser Schweigen unter­bro­chen. In den langen Stunden, wenn der Zug steht, kommen Pass- und Zoll­kon­trollen vorbei. Dann spre­chen wir ein paar Sätze mit­ein­ander. Sie erin­nert sich an die Febru­ar­tage des vorigen Jahres.

Sie erwartet ein Kind und klingt fast immer fröh­lich, auch wenn sie über etwas Schreck­li­ches oder Gewalt­sames spricht. Das Erste, was sie erzählt, ist die Beschrei­bung eines Pri­vat­hauses, einer Dat­scha, die im Laufe der letzten Jahre so umge­baut wurde, dass der Krieg einem kaum noch was anhaben kann. Die Elek­tri­zität kommt von einem Gene­rator, das Wasser aus dem pri­vaten Brunnen, die Hei­zung ist auch autonom. Wenn sie ihr Haus beschreibt, wird klar, es liegt außer­halb Kiews, in einem Dorf in der Rich­tung von Obuhiv, in Ort­schaften, die nie von der rus­si­schen Armee besetzt waren.

Viele Kiewer besitzen eine Dat­scha und die, die zufällig in dieser Region ein Feri­en­haus haben, können sich glück­lich schätzen.

In den ersten Tagen des Krieges flohen viele meiner Bekannten in ihre Pri­vat­häuser in der Kiewer Oblast. Meis­tens waren es Feri­en­häuser, in denen die Fami­lien nor­ma­ler­weise im Früh­ling und Sommer leben. Nun war es unklar, was pas­sieren würde. Noch in den ersten Kriegs­tagen war eine große Inva­sion im Stil des zweiten Welt­krieges, mit rui­nierten Straßen, zer­störter Infra­struktur, mit Mil­lionen von Flücht­lingen, Tau­senden Ver­letzten und Toten kaum vor­stellbar. Auch meine eigene Phan­tasie reichte vor einem Jahr für so eine Vor­stel­lung der Rea­lität nicht aus. Viele Kiewer dachten, es wäre leichter eine kurz­fris­tige Unruhe auf der Dat­scha in so einer unschein­baren Ort­schaft abzu­warten. Und sie packten in Eile ihre Koffer und fuhren unter anderem in Rich­tung But­scha, Irpin, Moschun, Gorynka, d.h. genau in jene Ort­schaften, wo sie – wie wir heute wissen – im Fall ihres Über­le­bens ver­ur­teilt sein würden, Zeugen der schreck­lichsten Ver­bre­chen dieses Krieges zu werden.

Wenn meine Abteil­nach­barin über den Krieg sprach, wollte sie wieder und wieder nur über ein Bild reden: sie erin­nerte sich an einen rus­si­schen Panzer, der am 25. Februar 2022 neben ihrem Hoch­haus im Bezirk Obolon her­um­fuhr. Der Panzer zer­störte den Kin­der­spiel­platz in ihrem Hof. Die scho­ckierten Nach­barn filmten das Fahr­zeug aus den Fens­tern des Hauses. Nach elf Monaten Krieg ist der Kin­der­spiel­platz nur not­dürftig reno­viert. Wenn sie nach Hause kommt, um einige Tage in Kiew zu ver­bringen, würde sie wieder die Spuren des Pan­zers und den zer­störten Hof ihres Hauses sehen.

Prak­tisch ohne wei­teren Kom­mentar zeigte meine Nach­barin mir ein Video, in dem ein Schüt­zen­panzer zu sehen ist, der wie betrunken durch die Straßen fährt, auf den Bür­ger­steig klet­tert, in einen kleinen Kin­der­spiel­platz neben Mehr­fa­mi­li­en­häu­sern hin­ein­fährt. Es ist ein Frag­ment einer Nach­rich­ten­sen­dung. Der ukrai­ni­sche Mode­rator kom­men­tiert diesen Unfall mit besorgter Stimme. Er erklärt: eine der rus­si­schen Diver­sions- und Auf­klä­rungs­ein­heiten hat es geschafft, ukrai­ni­sche Kriegs­fahr­zeuge zu stehlen und bedroht damit viel mehr die Bewohner von Kiew als die ukrai­ni­sche Armee oder Regie­rung. Über­rascht fragt er: „Ver­stehen sie (die diesen Panzer gestohlen haben) denn nicht, dass damit nicht die von der rus­si­schen Regie­rung erklärten Kriegs­ziele getroffen werden, son­dern die fried­li­chen Men­schen, die Bewohner von Kiew in die Gefahr gebracht werden?“

Ich denke, diese wahr­haf­tige, auf­rich­tige Erschüt­te­rung des ukrai­ni­schen Nach­rich­ten­mo­de­ra­tors sollte ins Museum der Gefühle dieses Krieges kommen.

 

3.2. bis 9.2.23

Vor ein paar Wochen, nach dem Rake­ten­an­griff am 31. Dezember 2022, war die Zen­tral­hei­zung in meinem Haus zwei Wochen lang abgeschaltet.

Damals riefen mich meine Nach­barn von dort in Berlin an und erzählten mir, dass es ihnen her­vor­ra­gend gehe, dass ihnen warm sei und dass sie gelernt hätten, ihre Woh­nungen ohne Zen­tral­hei­zung zu durch­zu­wärmen. Es sei ihnen egal, ob sie ange­schaltet wird oder nicht.

Aber hier in Kiew höre ich Beschwerden über die Kälte. Eine Bekannte besucht mich. Nach Kriegs­be­ginn zogen sie und ihr Mann in das Haus ihrer wohl­ha­benden Ver­wandten ein, eines älteren Ehe­paars, das die Ukraine ver­lassen hatte. Das Ehe­paar hatte zwei Katzen und zwei Hunde, die im Haus auf­ge­wachsen sind.

“Dieses Haus ist unge­wohnt luxu­riös”, sagt sie zu mir, “aber mein Mann und ich finden es schwierig, darin zu leben. Hier ist überall Marmor. Und wenn der Strom aus­fällt, gibt es auch keine Hei­zung. Das Haus wird nicht richtig warm, es ist immer kalt. Es gibt einen Gene­rator, aber der ver­braucht zu viel Benzin, wir benutzen ihn nicht”, fügt sie mit müder Stimme hinzu, als ob sie für mich alle Beson­der­heiten des Lebens in Kiew unter Beschuss protokollierte.

Dieses luxu­riöse Haus befindet sich nicht weit von einem der Kiewer Kraft­werke ent­fernt. Jeder Rake­ten­an­griff bringt es in Gefahr. Aber sie können die Tiere nicht in ihre kleine Ein-Zimmer-Woh­nung mit­nehmen und bleiben wegen ihnen im Haus.

Bei einem Strom­aus­fall fangen die Katzen an, jäm­mer­lich zu miauen; den Beschuss ertragen sie jedoch gelassen. Hin­gegen kommen die Hunde auch neben den Men­schen nicht zur Ruhe.

Bei einem der letzten Bom­bar­de­ments saßen sie mit den Tieren zusammen in einem der am meisten geschützten kleinen Räume des Hauses, wo sie sich immer wieder in sol­chen Momenten der Gefahr ver­steckten, und da bemerkte meine Freundin, dass die Tiere auf die Wand starrten. Das Haus erbebte. Sie sah, wie sich ein Riss langsam an der Haus­wand ent­lang­schlich. Man konnte nir­gendwo hingehen, draußen war es viel gefähr­li­cher. Zusam­men­ge­kauert sahen Men­schen und Tiere zu, wie der Riss ein neues Muster an der Wand schuf und seine ver­zweigten Äste nach oben trieb, und schwiegen. Was sollte man auch sagen.

Jeden Tag werden in der Ukraine Wohn­häuser beschossen. In Kälte und Dun­kel­heit werden Ret­tungs­ar­beiten unter Beschuss durchgeführt.

Eine Frei­wil­lige, die in Bachmut arbei­tete, berich­tete in einem der Tele­gram­ka­näle, dass die Ret­tungs­kräfte auf­grund des Beschusses nicht in der Lage waren, sich einem zer­störten Haus zu nähern, obwohl aus den Trüm­mern Stöhnen zu hören war.

Sie schrieb auch, dass es in Bachmut unmög­lich geworden ist, zwi­schen Leben und Tod zu unter­scheiden, alles ist durch­ein­ander geraten und Gefühle hören auf, mit den bekannten Schmerz­re­ak­tionen auf Zer­stö­rung und Tod zu reagieren.

Wäh­rend­dessen höre ich in Kiew nach dem Erd­beben in der Türkei an jeder Stelle Worte des Мitleids.

 

10.2.23

Kiew unter Beschuss. Mehr­mals Luft­an­griffsalarm. Ein Anruf der Bekannten, über die ich schrieb. Sie mache sich Sorgen um mich, weil ihr Mann und ihre Tiere bei ihr waren, aber ich war allein in der Woh­nung. Sie ver­sucht ein­dring­lich, mich zu beru­higen: “Weißt du, was ich immer zu meiner besten Freundin sage, die aus irgend­einem Grund bei jedem Luft­an­griff eine Panik­at­tacke bekommt? Ich sage ihr: ‘Schätz­chen, denk doch mal nach, wird jemand eine Rakete auf dich abfeuern? Eine Rakete ist eine sehr teure Sache, wert­voll! Mit einer Rakete kann man ein Pri­vat­haus im Zen­trum von Kiew bauen! Mit einer Rakete kann man ein ganzes Dorf ein Jahr lang ver­sorgen. Du bist also sicher. Nie­mand wird eine ganze Rakete für Leute wie uns ausgeben.”

Sie lachte. Ich nahm an, dass sie heute keine Nach­richten gelesen hatte und beschloss, sie nicht zu beun­ru­higen. Heute Morgen wurden über Kiew 10 Raketen abge­schossen, von denen ein Trüm­mer­stück ein Pri­vat­haus am Rande der Stadt beschä­digt hat. In den letzten 24 Stunden hat Russ­land 100 Raketen in Rich­tung Ukraine abge­feuert, einige davon waren auf die zivile Infra­struktur gerichtet.

 

11.2.23

Ich besuchte meine Tante, die Kiew seit Beginn des Krieges für keinen ein­zigen Tag ver­lassen hat. Sie lebt in einem Pri­vat­haus mit Haus­tieren und engen Ver­wandten, für die sie ver­ant­wort­lich ist. Als sie mich begrüßte und ich ihr ins Gesicht sah, wurde mir bewusst, wie erschöpft sie war von den letzten Monaten.

Sie ist im Ver­lag­wesen tätig. Vor einem Jahr, einen Tag vor der großen rus­si­schen Inva­sion, bekam sie einen Anruf und wurde zur Mit­ar­beit in einem neu gegrün­deten jungen Verlag ein­ge­laden. Der Krieg kam, die Ver­langsgrün­dung wurde abge­bro­chen und bis jetzt nicht wieder aufgenommen.

Zu dieser Zeit berei­tete sie das Buch eines Kie­wers für die Publi­ka­tion vor, der vor fast hun­dert Jahren geboren wurde. Dieser Mann hat die deut­schen und sowje­ti­schen Kon­zen­tra­ti­ons­lager über­lebt, wurde repres­siert, hat sich mit Archäo­logie beschäf­tigt und beschlossen, in den letzten Jahren seines Lebens eine Auto­bio­gra­phie zu schreiben. Meine Tante half ihm dabei. Nach Monaten der Arbeit wurde das Buch schließ­lich einige Tage vor dem 24. Februar in die Dru­ckerei gegeben.

Am 25. Februar 2022, am zweiten Tag des Krieges, rief dieser Mann meine Tante an, um über das Schicksal seines Buches zu fragen. Sie musste ihm sagen, dass die Dru­ckerei, in der das Buch gedruckt werden sollte, unter Beschuss geraten war und abge­brannt war. Der Leiter der Dru­ckerei hatte beschlossen, als Frei­wil­liger der ukrai­ni­schen Armee beizutreten.

Wie auch viele andere, wurde dieses Buch nie gedruckt.

Heute Abend gab es Rake­ten­an­griffe auf Charkiw. Über die Anzahl der Opfer ist der­zeit nichts bekannt.

 

12.2.23

Ein Sonntag in Kiew nach einer Woche, in der die Ukraine unent­wegt beschossen wurde. Ein Tag, an dem scheinbar nichts pas­siert. Man geht durch die Stadt und möchte eigent­lich gar keine neuen Nach­richten hören.

In der Nacht hörte ich ent­fernte Explo­sionen und immer wieder ein neues unbe­kanntes Geräusch in der Luft. Als ich las, dass es ukrai­ni­sche Flug­zeuge oder Drohnen sein sollen, beru­higte ich mich.

Dann sah ich auf einem der Tele­gram­ka­näle ein Video mit dem Gründer und Leiter von Wagner, Yev­geny Pri­gozhin, der Tau­sende rus­si­schen Häft­linge für den Krieg gegen die Ukraine rekru­tierte. Dabei ver­sprach er den Gefan­genen Frei­las­sung und die Mög­lich­keit, ein neues Leben zu beginnen. In einem dunklen Raum, irgendwo in Russ­land saß er auf einer Bank und kom­men­tierte in die Kamera: „Der Krieg,“ – sagte er, – „ist nur eine Arbeit, eine Front­ar­beit. Wenn den Häft­lingen im Kampf ein Arm oder ein Bein abge­rissen wird, sind sie immer noch glück­lich und lachen ganz fröh­lich. Viel­leicht ent­de­cken sie etwas an dieser Härte“.

Gerade jetzt, wo Kiew an diesem Wochen­ende fast fei­er­lich aus­sieht, findet im Osten des Landes eine rus­si­sche Offen­sive statt. Der Krieg migriert ständig von einer Stadt in die nächste. Und wenn es ihn heute hier nicht gibt, ent­steht sehr schnell eine Illu­sion der Sicher­heit und fried­li­chen Ruhe. Stra­ßen­musik, laute Stimmen, Eltern mit kleinen Kin­dern laufen mit ver­träumten Gesich­tern durch das Stadtzentrum.

Später am Abend besuche ich meine Freundin, eine Film­kri­ti­kerin und Wis­sen­schaft­lerin, die Geburtstag fei­erte. Auf der kleinen Ver­samm­lung in ihrer Woh­nung begrüßen mich meine alten Bekannten. In ihren festen Umar­mungen spüre ich eine erstaunte Wärme. Diese Men­schen wun­dern sich, dass sie ihre Freunde wie­der­sehen dürfen, dass so ein Sonntag gekommen ist, wo man sich in einer Gesell­schaft ver­sam­melt, um zu feiern. Nein, es ist nicht nur das. Wir haben uns seit Anfang des Krieges nicht gesehen. Wir schauen uns gegen­seitig an, als ob wir uns wieder neu ken­nen­lernten. Der Krieg wurde zu einer Spur, die man schwei­gend vom Gesicht abliest. Alle Stimmen klingen etwas leiser als früher.

 

14.2.2022

Als das Dröhnen des Flie­ger­alarms das erste Mal seit meiner Ankunft ertönte, emp­fand ich immer noch Angst, aber auch eine Art absurd sen­ti­men­tale Freude, die Freude, etwas Ver­trautes, Bekanntes und Ver­lo­renes zu sehen. Der Luft­alarm war ein­ge­bettet in die Geräusch­ku­lisse der Stadt. Seine Klänge erin­nerten mich daran, wie ich in den ersten Kriegs­mo­naten Kiew nicht ver­lassen wollte.

Auch der heu­tige Tag begann mit einer Sirene. Ich lauschte den Geräu­schen und dachte dar­über nach, wie wenig sie für mich jetzt bedeu­teten. Wie für viele Men­schen in meiner Umge­bung ist der Luft­schutz­alarm zu einem läs­tigen Ärgernis geworden, das man ein­fach bei­seite schiebt, ohne dar­über nachzudenken.

In einem kleinen Geschäft in der Nähe meines Hauses, das ich beson­ders häufig auf­suche, fragte mich vor ein paar Tagen eine Ver­käu­ferin mit bren­nenden Augen zu den durch­drin­genden Sirenen: “Sagen Sie mal, bereiten Sie sich auf den 14. Februar vor! Das ist doch der Tag aller Ver­liebten! Wir denken alle an ihn. Ich über­lege, wel­ches Geschenk ich besorgen soll!”

Ich sagte ihr, dass ich den 14. Februar ver­gessen hätte. Sie sah so ent­täuscht aus, dass ich zu den Regalen mit den Sou­ve­nirs hin­über­ging und sie mir ansah, als würde ich sorg­fältig abwägen, was ich für diesen Anlass gebrau­chen könnte.

Zehn Tage vor dem großen Ein­marsch, am 14. Februar 2022, war ich in Kiew. Der Abend dieses Tages brachte eine Fülle von Nach­richten. Ich schaue mir die Schlag­zeilen an:

“Ver­tei­di­gungs­mi­nister Oleksiy Rez­nikov sagte: ‘Meine Ein­schät­zung der Lage ist defi­nitiv nicht alar­mie­rend. Es gibt keinen Grund für die Ver­hän­gung des Kriegs­rechts”.  Neben diesen opti­mis­ti­schen Worten standen zwei Erklä­rungen des US-Außen­mi­nis­te­riums. In der einen hieß es, dass die US-Bot­schaft nach Lem­berg ver­legt worden sei, in der anderen, dass “Putin noch keine for­melle Ent­schei­dung für eine Inva­sion getroffen hat.”

In diesem höchst unschein­baren Wort “noch” steckte eine Bot­schaft über die Zukunft, die uns erwar­tete und über die man zu diesem Zeit­punkt nur spe­ku­lieren konnte.

Dieses “noch ” ent­hielt die Nie­der­lage des Völ­ker­rechts, der Diplo­matie, ein Mani­fest der Schwäche und der Bereit­schaft, sich dem Schicksal gerade dann zu ergeben, wenn drin­gende und wirk­same Maß­nahmen erfor­der­lich waren, um einen Krieg zu verhindern.

Viel­leicht lauert die Zukunft auch jetzt irgendwo zwi­schen den Schlag­zeilen, in kleinen, unschein­baren Worten, die wie zufällig aus­ge­spro­chen werden.

Warum eine Offen­sive für viele Men­schen undenkbar schien, hatte eine Viel­zahl von Gründen, von denen jeder ein­zelne logisch gültig und unwi­der­legbar schien. Man konnte sie durch­gehen, sie schienen unver­rück­bare Bas­tionen des gesunden Men­schen­ver­stands in dem chao­ti­schen Durch­ein­ander von Signalen zu sein, die bestä­tigten, dass ein Krieg doch mög­lich war.

Es schien, als könne man den Krieg abwenden, indem man sich seine Folgen vor­stellte: Mil­lionen von Flücht­lingen, Zehn­tau­sende von Toten, zer­störtes Leben, besetzte Städte, Men­schen, die die Besat­zungs­macht hassen.

Ich erin­nere mich an viele Spe­ku­la­tionen von Experten vor dem Krieg, dass Russ­land theo­re­tisch ukrai­ni­sche Städte besetzen könnte, aber wie sollte es sie halten, wenn die Bevöl­ke­rung nicht loyal war? Daraus wurde gefol­gert, dass eine Stadt mit einer illoyalen Bevöl­ke­rung eine Belas­tung für das erobernde Land dar­stellen würde. Eine Pro­blem­stadt, eine Stadt, in der es ständig Pro­teste und Revo­lu­tionen gibt, die man besser in Ruhe lässt, als sie mit Gewalt zu erobern.

Wie auch immer diese Annahmen lauten mögen, keiner von ihnen ist in seinen Zukunfts­vi­sionen so weit gekommen, dass Russ­land einen Krieg mit einer Taktik des „Feu­er­walls“ führen wird. Die Bevöl­ke­rung der ukrai­ni­schen Städte würde zusammen mit Straßen, Parks, Museen, Häu­sern und der Infra­struktur zer­stört werden. Die Stadt, die für die Beset­zung aus­ge­wählt wird, ist viel­leicht keine Stadt mehr, son­dern eine Ruine, in der sich die letzten paar hun­dert Ein­wohner unter den Trüm­mern verstecken.

Offen­sicht­lich ist die Beset­zung ukrai­ni­scher Städte ein Vor­wand, damit rus­si­sche kor­rupte Beamte über eine gut erle­digte Arbeit berichten können. Eine For­ma­lität, die kein Leben vor­aus­setzt, egal in wel­cher Form.

Es sieht so aus, als ob die ukrai­ni­sche Stadt in den Augen Russ­lands nie exis­tiert hat; es geht um eine For­ma­lität, die nur darin besteht, dem Vor­ge­setzten zu berichten, dass der Befehl aus­ge­führt wurde und “die Stadt erobert” wurde.

Jede unserer Städte, die von der rus­si­schen Offen­sive erreicht wird, kann zu so einer For­ma­lität werden, die kei­nerlei Leben in irgend­einer Form in Betracht zieht.

Ukrai­ni­sche Sol­daten, vor dem Krieg Künstler, Inge­nieure, Pro­gram­mierer, Ärzte – Erschöpfte, mit kaum ver­heilten Wunden, die kaum Zeit für die Erho­lung hatten, sind gezwungen, immer wieder an die Front zurück­zu­kehren. Ich traf heute einen sol­chen Mann. Er ver­brachte nur wenige Tage in Kiew und muss wieder an die Front­linie, die in ihrer Länge mit den Lan­des­grenzen Deutsch­lands ver­gleichbar ist.

In den Län­dern, die an Ram­stein-Treffen zur Ukraine teil­nehmen, werden wei­terhin Dis­kus­sionen geführt, ob und wie schnell der Ukraine alle zur Selbst­ver­tei­di­gung erfor­der­li­chen Waffen zur Ver­fü­gung gestellt werden sollten.

 

15.2.2023

Für viele meiner begabten Bekannten, die in Kiew im Rhythmus der Strom‑, Wärme- und Was­ser­aus­fälle leben, ist es fast unmög­lich geworden, über den Krieg nach­zu­denken. Sie haben den Krieg auf den Zeit­punkt ver­schoben, wo sie selbst gezwungen sein werden, sich ihm direkt zu stellen: an die Front zu gehen, sich für Hilfs­maß­nahmen zu enga­gieren, Geld zu sam­meln. Ansonsten sind sie in ihren Alltag ver­tieft, und es ist mög­lich, mit ihnen über alles andere als den Krieg zu sprechen.

Heute ist ein son­niger, ruhiger Tag, der bisher von keiner Stö­rung aus der Luft unter­bro­chen wurde. In Bachmut und ent­lang der gesamten Front­linie wird weiter gekämpft.

In Pokrowsk, wo ich früher gear­beitet habe, wurde ein mehr­stö­ckiges Gebäude beschossen. Es ist teil­weise ein­ge­stürzt, Men­schen liegen unter den Trümmern.

Wo ich auch hin­schaue, sehe ich den Krieg ges­tern und morgen. Es ist unmög­lich, vom Stand­punkt des Krieges aus zu spre­chen, jede Rede ver­liert ihren Sinn vor dem Hin­ter­grund der anhal­tenden Zer­stö­rung, der Aus­lö­schung von Städten, Straßen, mensch­li­chen Welten.

Ein Jahr des Krieges ist ver­gangen, jede Sekunde davon steht unter der Beob­ach­tung der Medien. Die Lei­chen der Toten, das Stöhnen der Ver­wun­deten, die Trümmer eines ver­schwin­dend fried­li­chen Lebens, das Medi­en­rau­schen breitet sich über gigan­ti­sche Ent­fer­nungen aus.

Als ich mit meinem Tage­buch begann, schien es mir, dass jede der­ar­tige Nach­richt ein Grund für sofor­tiges Han­deln sein sollte. Die Ukraine muss genü­gend Luft­ab­wehr­sys­teme und Waffen bekommen, damit die Men­schen nicht mehr sterben, damit nicht immer mehr Städte zu einer Leere, einem Schlacht­feld werden.

Ich sehe jetzt, dass Inter­na­tio­nale Experten den Zeit­rahmen des Krieges ver­schieben und berichten, dass er wahr­schein­lich noch ein, zwei, drei oder fünf Jahre dauern wird. Solange Russ­land über genü­gend “Res­sourcen” ver­fügt, um weiterzumachen.

Irgendwie befinde ich mich nicht nur in einem Krieg, son­dern auch in einer Welt, in der Gewalt und Ver­bre­chen so lange andauern können, wie der Täter die Energie, den Willen und die Kraft hat, sie auszuführen.

Die Angst vor dem Aggressor zer­stört nicht nur die Idee der gemein­samen Sicher­heit, sie zer­stört das poli­ti­sche Feld und die Werte, für die der euro­päi­sche Kon­ti­nent im letzten Jahr­hun­dert gekämpft hat.

 

15.2., 15 Uhr: Wäh­rend ich diese Zeilen gerade fer­tig­schreibe, ertönt Luftalarm.

Das Bei­trags­bild ist von Eli­sa­beth Bauer und bildet mit den anderen Bei­trägen des Ukraine-Spe­zials eine Ein­heit in Form der Foto­serie “Ukrai­ni­sches Berlin: Die Stadt als gelb-blauer Sym­bol­raum”.