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Eine Familie im Prager Frühling

Posted on 19. Mai 2023 by Katherina Kraft
"SLOVO" (The Word) ist ein Familiendrama aus dem Jahr 2022, in dem die preisgekrönte Regisseurin Beata Parkanová das Persönliche zum Politischen macht und ihre Familie aus einer kleineren Stadt in der Tschechoslowakei in der Periode des Prager Frühlings porträtiert.

SLOVO (The Word) ist ein Familiendrama aus dem Jahr 2022, in dem die preisgekrönte Regisseurin Beata Parkanová das Persönliche zum Politischen macht und ihre Familie aus einer kleineren Stadt in der Tschechoslowakei in der Periode des Prager Frühlings porträtiert.

Mit schonungsloser Eindringlichkeit zeigt Parkanová, wie ihre Großeltern versuchten, in dieser historischen Phase ihres Landes als Familie zusammenzuhalten. Zwei Erwachsene, die sich gegenseitig nicht gut tun und trotzdem mit standhafter Zärtlichkeit und Solidarität zueinander halten. Der Kampf gegen das innere Zusammenbrechen der Familie unter dem politischen Druck lässt die Hauptfiguren letztendlich näher zusammenrücken.

 

Dabei gerät der Protagonist Václav an seine Grenzen. Gespielt von Martin Finger, verkörpert er einen liebevollen und friedliebenden Vater. Als Notar erfreut er sich wegen seines scharfen Blickes für zwischenmenschliche Konflikte eines ausgezeichneten Rufs. Damit gerät er ins Visier der Kommunistischen Partei, die ihn als Repräsentanten für sich rekrutieren will. Doch Václav hält als Regimegegner sein „Nein“ zum Parteibeitritt. „Wenn du dein Wort gegeben hast, dann musst du es auch halten“, so seine zu Beginn des Films geäußerte Überzeugung. Seine Unbeugsamkeit und das damit einhergehende Gefühl, sich im Krieg zu befinden, kostet ihn seine psychische Gesundheit. Der Film begleitet ihn durch seine Psychose, in der er hilfsbedürftig und realitätsfremd wird.

 

Im absoluten Kontrast dazu zeigt seine Ehefrau Věra keine Schwäche. Sie hält mit verstörendem, auf ihre Familie gerichteten Kontrollzwang das ganze Konstrukt der Kleinfamilie zusammen. Sie tritt auf in einengender Kleidung, streng nach hinten gebundenem Haar, gegen Wind und hohe Treppen ankämpfend, mit verkrampftem Lächeln, steifer Körperhaltung und neurotischen Dialogen. Der Theaterschauspielerin Gabriela Mikulková ist es beeindruckend gelungen, eine Frau zu spielen, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hat und davon gezeichnet wurde: Hart, autoritär, höchst zwanghaft, immunisiert sie sich gegen Angriffe der Außenwelt. Obwohl sie sich nicht als explizite Regimegegnerin zu erkennen gibt und von der Krankheit ihres Mannes überfordert ist, hält sie ebenfalls zu Václavs „Nein“ zur Partei. Auch wenn sie viele vom Gegenteil überzeugen wollen, lässt sie ihren Lebenspartner nicht im Stich.

 

Die langen, zähen Szenen ohne Musik und mit einer unbeweglichen Kamera fesseln die Zuschauenden umso stärker an das Geschehen. Die Kulissen wurden auf das Häusliche und Alltägliche beschränkt, immer wieder laufen die verunsicherten Kinder ins Bild und werden von der Mutter, die so tut, als sei alles wie immer, verscheucht. Oft folgt man nur hinter einer verschlossenen Glastür den Gesprächen der Erwachsenen. So entsteht für die Zuschauenden der Eindruck, in der Perspektive eines lauschenden Kindes gefangen zu bleiben, es entwickelt sich eine Sympathie für die Tochter Eda. Diese platzt wiederholt in die angespannten Situationen und die Ängste der Erwachsenen bleiben vor ihr nicht verborgen. Das Gefühl einer steigenden Bedrohung lässt den Film unheimlich werden.

 

„Slovo“ überwältigt und rührt. Die Zuschauenden entwickeln großes Mitgefühl für die porträtierte Familie. Der Film endet mit einer langen Szene, in der nur noch die Tochter Eda zu sehen ist, die sich aus dem Fenster eines fahrenden Autos lehnt. Mit dem Fokus auf das Kind wird die Fortsetzung der Familiengeschichte bis in die Gegenwart versinnbildlicht: Traumata und Ängste, vorgelebte Reaktionsmuster werden der nächsten Generation mitgegeben. Der Film ist ein mutiger, psychoanalytisch argumentierter Versuch, familiäre Dynamiken unter prekären politischen Bedingungen zu verstehen. Dazu lädt er mit Nachdruck ein.

Beata Parkanová: SLOVO (The word). CZ/SK, 2022, 94 min.

Eine Familie im Prager Frühling - novinki
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Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
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Eine Familie im Prager Frühling

SLOVO (The Word) ist ein Fami­li­en­drama aus dem Jahr 2022, in dem die preis­ge­krönte Regis­seurin Beata Parka­nová das Per­sön­liche zum Poli­ti­schen macht und ihre Familie aus einer klei­neren Stadt in der Tsche­cho­slo­wakei in der Periode des Prager Früh­lings porträtiert.

Mit scho­nungs­loser Ein­dring­lich­keit zeigt Parka­nová, wie ihre Groß­el­tern ver­suchten, in dieser his­to­ri­schen Phase ihres Landes als Familie zusam­men­zu­halten. Zwei Erwach­sene, die sich gegen­seitig nicht gut tun und trotzdem mit stand­hafter Zärt­lich­keit und Soli­da­rität zuein­ander halten. Der Kampf gegen das innere Zusam­men­bre­chen der Familie unter dem poli­ti­schen Druck lässt die Haupt­fi­guren letzt­end­lich näher zusammenrücken.

 

Dabei gerät der Prot­ago­nist Václav an seine Grenzen. Gespielt von Martin Finger, ver­kör­pert er einen lie­be­vollen und fried­lie­benden Vater. Als Notar erfreut er sich wegen seines scharfen Bli­ckes für zwi­schen­mensch­liche Kon­flikte eines aus­ge­zeich­neten Rufs. Damit gerät er ins Visier der Kom­mu­nis­ti­schen Partei, die ihn als Reprä­sen­tanten für sich rekru­tieren will. Doch Václav hält als Regime­gegner sein „Nein“ zum Par­tei­bei­tritt. „Wenn du dein Wort gegeben hast, dann musst du es auch halten“, so seine zu Beginn des Films geäu­ßerte Über­zeu­gung. Seine Unbeug­sam­keit und das damit ein­her­ge­hende Gefühl, sich im Krieg zu befinden, kostet ihn seine psy­chi­sche Gesund­heit. Der Film begleitet ihn durch seine Psy­chose, in der er hilfs­be­dürftig und rea­li­täts­fremd wird.

 

Im abso­luten Kon­trast dazu zeigt seine Ehe­frau Věra keine Schwäche. Sie hält mit ver­stö­rendem, auf ihre Familie gerich­teten Kon­troll­zwang das ganze Kon­strukt der Klein­fa­milie zusammen. Sie tritt auf in ein­engender Klei­dung, streng nach hinten gebun­denem Haar, gegen Wind und hohe Treppen ankämp­fend, mit ver­krampftem Lächeln, steifer Kör­per­hal­tung und neu­ro­ti­schen Dia­logen. Der Thea­ter­schau­spie­lerin Gabriela Mikul­ková ist es beein­dru­ckend gelungen, eine Frau zu spielen, die den Zweiten Welt­krieg über­lebt hat und davon gezeichnet wurde: Hart, auto­ritär, höchst zwang­haft, immu­ni­siert sie sich gegen Angriffe der Außen­welt. Obwohl sie sich nicht als expli­zite Regime­geg­nerin zu erkennen gibt und von der Krank­heit ihres Mannes über­for­dert ist, hält sie eben­falls zu Václavs „Nein“ zur Partei. Auch wenn sie viele vom Gegen­teil über­zeugen wollen, lässt sie ihren Lebens­partner nicht im Stich.

 

Die langen, zähen Szenen ohne Musik und mit einer unbe­weg­li­chen Kamera fes­seln die Zuschau­enden umso stärker an das Geschehen. Die Kulissen wurden auf das Häus­liche und All­täg­liche beschränkt, immer wieder laufen die ver­un­si­cherten Kinder ins Bild und werden von der Mutter, die so tut, als sei alles wie immer, ver­scheucht. Oft folgt man nur hinter einer ver­schlos­senen Glastür den Gesprä­chen der Erwach­senen. So ent­steht für die Zuschau­enden der Ein­druck, in der Per­spek­tive eines lau­schenden Kindes gefangen zu bleiben, es ent­wi­ckelt sich eine Sym­pa­thie für die Tochter Eda. Diese platzt wie­der­holt in die ange­spannten Situa­tionen und die Ängste der Erwach­senen bleiben vor ihr nicht ver­borgen. Das Gefühl einer stei­genden Bedro­hung lässt den Film unheim­lich werden.

 

„Slovo“ über­wäl­tigt und rührt. Die Zuschau­enden ent­wi­ckeln großes Mit­ge­fühl für die por­trä­tierte Familie. Der Film endet mit einer langen Szene, in der nur noch die Tochter Eda zu sehen ist, die sich aus dem Fenster eines fah­renden Autos lehnt. Mit dem Fokus auf das Kind wird die Fort­set­zung der Fami­li­en­ge­schichte bis in die Gegen­wart ver­sinn­bild­licht: Trau­mata und Ängste, vor­ge­lebte Reak­ti­ons­muster werden der nächsten Gene­ra­tion mit­ge­geben. Der Film ist ein mutiger, psy­cho­ana­ly­tisch argu­men­tierter Ver­such, fami­liäre Dyna­miken unter pre­kären poli­ti­schen Bedin­gungen zu ver­stehen. Dazu lädt er mit Nach­druck ein.

Beata Parka­nová: SLOVO (The word). CZ/SK, 2022, 94 min.