Eine Mutter, ihr Sohn und die Suche nach Leichtigkeit

Eine sonnengetränkte Flucht durch das Sommeridyll Italien: KARAVAN (2025) zeigt ein einfühlsames Porträt einer alleinerziehenden Mutter und ihres Sohnes mit Behinderung. Zuzana Kirchnerovás Langspielfilmdebüt erzählt von Verantwortung, Fürsorge und der Sehnsucht nach Freiheit und Unbeschwertheit.

 

KARAVAN – Zuzana Kirchnerovás Langspielfilmdebüt – wurde beim 78. Film Festival 2025 in Cannes in der Sektion Un Certain Regard gezeigt und war damit das erste tschechische Werk in der Auswahl seit dreißig Jahren. Im November 2025 war der Film beim Filmfestival Cottbus zu sehen.

 

Kirchnerová erzählt darin die intime Geschichte von Ester (Aňa Geislerová) und ihrem Sohn David (David Vodstrčil), einem nicht-sprechenden Jugendlichen mit Trisomie 21 und Autismus. Ester, 45 Jahre alt und alleinerziehend, widmet den Großteil ihres Lebens der Pflege und den Bedürfnissen ihres Sohnes. Als sich die Gelegenheit ergibt, ihre alte Freundin Petra (Jana Plodková) und deren Familie in ihrem Haus an der italienischen Küste zu besuchen, ergreift sie diese in der Hoffnung auf einen kurzen Moment der Erholung. Doch kaum angekommen, zeigt sich, wie fragil diese Hoffnung ist.

 

Der Film eröffnet mit einem Bild sommerlicher Ruhe: glitzerndes Sonnenlicht auf sanften Wellen, das Kreischen der Möwen, ein träger Nachmittag am Strand. Gleichzeitig wird bereits zu Beginn die Distanz zwischen den beiden Familien spürbar, vor allem das fehlende Einfühlungsvermögen in Esters Lebensrealität, die durch die Behinderung ihres Sohnes geprägt ist. Ein Gespräch zwischen Petra und ihrem Mann Tommaso (Giandomenico Cupaiuolo), in dem Ester als maßlos überlastet dargestellt und bemitleidet wird, verdeutlicht die unterschwelligen Spannungen und die Berührungsängste, die die Behinderung mit sich bringt. Davids Verhalten ist für die Familienfreunde gewöhnungsbedürftig: Es wechselt zwischen spielerischer Zuneigung zu seiner Umwelt und sturer Wut, die er oftmals an Ester austrägt. Kratzer und Bisswunden an ihren Armen zeugen von den alltäglichen Herausforderungen. Trotzdem bleibt ihre Zuneigung ungebrochen. Außenstehende sind dagegen weniger tolerant: Als David eine Situation eskaliert und das Wohnzimmer verwüstet, reagiert eines von Petras Kindern mit den Worten: „Ich will nicht, dass er hier ist.“

 

 

Auf dieses Ereignis folgt die Auslagerung des Mutter-Sohn-Gespanns in das alte Wohnmobil der Familie. Das Fahrzeug eröffnet Ester die Chance auf eine neue Freiheit: In der Dunkelheit der Nacht startet sie den Motor und fährt mit dem schlafenden David davon. Die Reise führt durch abgelegene Regionen Italiens und ermöglicht die Begegnung mit Zuza (Juliána Brutovská), einer jungen Tramperin, die sich sofort spielerisch und ungezwungen auf David einlässt und sich den beiden anschließt. Zuzas Präsenz bringt einen neuen Rhythmus und eine gewisse Unbeschwertheit mit sich.

 

Der Film wird zum Roadmovie, schickt seine Figuren sowohl physisch als auch emotional auf eine Reise. Mit Zuza an ihrer Seite erlebt Ester Momente der Ausgelassenheit und der Entlastung: Tanzen, Feiern und die romantische Bekanntschaft mit Marco (Mario Russo) lassen sie erahnen, wie ein Leben jenseits von Fürsorge und Verantwortung aussehen könnte. Marco, ein junger Mann, der (migrantische) Landarbeitende betreut, verhilft ihr zu einem Job. Währenddessen erfährt David ein Gefühl der selbstverständlichen Zugehörigkeit zu anderen jungen Erwachsenen. Das Erzähltempo ist gemächlich und schafft für Davids Verhaltensweisen einen passenden filmischen Rahmen. Die Kamera verweilt lange auf Gesten, Blicken und Berührungen, die eine unmittelbare Nähe zwischen Zuschauenden und Figuren entstehen lässt.

 

Aňa Geislerová verleiht ihrer Figur Ester eine eindringliche und beeindruckende Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit, und auch David Vodstrčil, ein nicht-professioneller Schauspieler mit Trisomie 21, bringt eine berührende Authentizität in seine Rolle. Das Zusammenspiel der beiden wirkt stets glaubwürdig und nahbar.

 

KARAVAN gewinnt seine Intensität und Authentizität vor allem durch den persönlichen Bezug der Regisseurin: Zuzana Kirchnerová, selbst Mutter eines Kindes mit Trisomie 21 und Autismus, erzählt aus eigener Erfahrung. Im anschließenden Publikumsgespräch beim Filmfestival Cottbus erklärte sie, dass der Film aus dem tiefen Wunsch entstand, für einen Moment Atem zu holen und dem überwältigenden Alltag einer alleinerziehenden Mutter mit zwei Kindern zu entkommen. Das Ergebnis ist eine feinfühlige Erzählung über Fürsorge, Verantwortung und die Sehnsucht nach Freiheit. Ester bringt es so auf den Punkt: „Du brauchst immer etwas von mir. Du machst mich verdammt nochmal wahnsinnig.“

 

 

Zuzana Kirchnervová: KARAVAN (Caravan), Tschechische Republik, Slowakei, Italien, 2025, 100 Minuten.

Quelle des Filmplakats: https://aidkid.cz/project/karavan

Quelle der Filmstills: https://www.filmcenter.cz/en/films-people/4342-caravan

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