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Epitaph: Im Andenken an Viktorija Amelina

Posted on 5. Juli 2023 by Elisabeth Bauer
Anstelle eines Nachrufs veröffentlicht novinki Viktorija Amelinas (*1986 in L‘viv, ✝ 1. Juli 2023 in Dnipro) Gedicht „Alarm“, das die Autorin und Menschenrechtlerin im April vergangenen Jahres unter dem Eindruck des russischen vollumfassenden Krieges verfasste – in der deutschen Übertragung von Chrystyna Nazarkevyč.

In tiefer Trauer teilen wir den Schmerz von Freund*innen und Kolleg*innen über den unermesslichen Verlust, den der Tod der ukrainischen Schriftstellerin Viktorija Amelina mit sich bringt: Die mehrfach ausgezeichnete Roman- und Lyrikautorin erlag am 1. Juli 2023 den schweren Verletzungen, die ihr bei dem mit russischen Präzisionsraketen systematisch unternommenen Bombardement eines beliebten Restaurants in Kramatorsk zugeführt worden waren. Amelina hatte sich sofort nach der vollumfassenden Invasion der Menschrechtsinitiative Truth Hounds angeschlossen, in deokkupierten Gebieten mit Kindern gearbeitet und Kriegsverbrechen dokumentiert.

novinki veröffentlicht – anstelle eines Nachrufs – das Gedicht „Alarm“, das Viktorija Amelina (*1986 in L‘viv) im April vergangenen Jahres unter dem Eindruck des katastrophalen russischen Krieges verfasste, in der deutschen Übertragung von Chrystyna Nazarkevyč: „Heute bist das nicht du. Entwarnung“, schreibt die Autorin – und meint das existenzielle, tragische Zufallsspiel des antizipierten Raketenschlags, wenn wieder einmal der Luftalarm ertönt. In einem anderen Text, einige Monate nach dem hier publizierten Gedicht entstanden, reflektiert Amelina über die Unmöglichkeit von Lyrik in Zeiten der großen Katastrophe des fortlaufenden Krieges: Sprachsplitter seien lyrischen Formen nur vordergründig ähnlich: „Die Realität des Krieges verschlingt Satzzeichen (…) als wäre die Sprache von einem Geschoss getroffen worden“, formuliert sie.

Am 30. Juni, dem Tag an dem die russischen Invasoren auf die zivile Infrastruktur des Restaurants „Ria Lounge“ zielten und der langen Liste unverzeihlicher Kriegsverbrechen ein weiteres hinzufügten, gab es keine Entwarnung für die 37-Jährige, ebenso wenig für zwölf andere Menschen, die demselben Angriff bereits an Ort und Stelle zum Opfer fielen. An diesem Abend wurde Viktorija Amelinas Sprache, schon längst gezeichnet von der Zeugenschaft unmenschlicher Gewalt und unsagbarem Leid, von russischen Geschossen getroffen – und unwiederbringlich getötet.

„Solange ein Autor gelesen wird, lebt er“, schreibt Amelina im Vorwort des Buches I Am Transforming… A Diary of Occupation, das im Juni auf der Kyjiwer Buchmesse Arsenal dem ukrainischen Publikum vorgestellt worden ist und ausgewählte Tagebucheinträge des Schriftstellers Volodymyr Vakulenko enthält. Wie der Buchtitel nahelegt handelt es sich um Texte, die Vakulenko unter russischer Besatzung in Izjum bis zu seiner Ermordung verfasst hatte. Amelina fand das Buch im September zusammen mit dem Vater des Autors im befreiten Izjum – und leitete Fotografien der Tagebuchseiten an das Literaturmuseum von Charkiv weiter. Im November bestätigte eine DNA-Analyse, dass ein Körper von 447 im Massengrab Nr. 319 gefundener menschlicher Leichname endgültig Vakulenko zugeordnet werden könne.

Solange eine Autorin gelesen wird, lebt sie. Aus gegebenem Anlass möchten wir Amelinas Worte – ihre Sprache – mit diesem Beitrag würdigen – und diesen sowie weitere Texte der unzeitig aus dem Leben gerissenen Autorin lesen.

Alarm
Luftalarm im ganzen Land
als würden alle gleichzeitig zur Erschießung
geführt,
dabei nur auf einen gezielt,
meistens auf den am Rande.

 

Heute bist das nicht du. Entwarnung.

 

Aus dem Ukrainischen von Chrystyna Nazarkevyč

Viktorija Amelina. © Juan Vega de Soto / PEN Ukraine.

Titelbild: © Daniel Mordzinski / PEN Ukraine.

Epitaph: Im Andenken an Viktorija Amelina - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Viktorija Amelina. Credits: Daniel Mordzinski / PEN Ukraine.

Epi­taph: Im Andenken an Vik­to­rija Amelina

In tiefer Trauer teilen wir den Schmerz von Freund*innen und Kolleg*innen über den uner­mess­li­chen Ver­lust, den der Tod der ukrai­ni­schen Schrift­stel­lerin Vik­to­rija Ame­lina mit sich bringt: Die mehr­fach aus­ge­zeich­nete Roman- und Lyrik­au­torin erlag am 1. Juli 2023 den schweren Ver­let­zungen, die ihr bei dem mit rus­si­schen Prä­zi­si­ons­ra­keten sys­te­ma­tisch unter­nom­menen Bom­bar­de­ment eines beliebten Restau­rants in Kra­ma­torsk zuge­führt worden waren. Ame­lina hatte sich sofort nach der voll­um­fas­senden Inva­sion der Men­sch­rechts­in­itia­tive Truth Hounds ange­schlossen, in deok­ku­pierten Gebieten mit Kin­dern gear­beitet und Kriegs­ver­bre­chen dokumentiert.

novinki ver­öf­fent­licht – anstelle eines Nach­rufs – das Gedicht „Alarm“, das Vik­to­rija Ame­lina (*1986 in L‘viv) im April ver­gan­genen Jahres unter dem Ein­druck des kata­stro­phalen rus­si­schen Krieges ver­fasste, in der deut­schen Über­tra­gung von Chry­styna Nazar­kevyč: „Heute bist das nicht du. Ent­war­nung“, schreibt die Autorin – und meint das exis­ten­zi­elle, tra­gi­sche Zufalls­spiel des anti­zi­pierten Rake­ten­schlags, wenn wieder einmal der Luft­alarm ertönt. In einem anderen Text, einige Monate nach dem hier publi­zierten Gedicht ent­standen, reflek­tiert Ame­lina über die Unmög­lich­keit von Lyrik in Zeiten der großen Kata­strophe des fort­lau­fenden Krieges: Sprach­splitter seien lyri­schen Formen nur vor­der­gründig ähn­lich: „Die Rea­lität des Krieges ver­schlingt Satz­zei­chen (…) als wäre die Sprache von einem Geschoss getroffen worden“, for­mu­liert sie.

Am 30. Juni, dem Tag an dem die rus­si­schen Inva­soren auf die zivile Infra­struktur des Restau­rants „Ria Lounge“ zielten und der langen Liste unver­zeih­li­cher Kriegs­ver­bre­chen ein wei­teres hin­zu­fügten, gab es keine Ent­war­nung für die 37-Jäh­rige, ebenso wenig für zwölf andere Men­schen, die dem­selben Angriff bereits an Ort und Stelle zum Opfer fielen. An diesem Abend wurde Vik­to­rija Ame­linas Sprache, schon längst gezeichnet von der Zeu­gen­schaft unmensch­li­cher Gewalt und unsag­barem Leid, von rus­si­schen Geschossen getroffen – und unwie­der­bring­lich getötet.

„Solange ein Autor gelesen wird, lebt er“, schreibt Ame­lina im Vor­wort des Buches I Am Trans­forming… A Diary of Occu­pa­tion, das im Juni auf der Kyjiwer Buch­messe Arsenal dem ukrai­ni­schen Publikum vorgestellt worden ist und aus­ge­wählte Tage­buch­ein­träge des Schrift­stel­lers Volo­dymyr Vaku­lenko ent­hält. Wie der Buch­titel nahe­legt han­delt es sich um Texte, die Vaku­lenko unter rus­si­scher Besat­zung in Izjum bis zu seiner Ermor­dung ver­fasst hatte. Ame­lina fand das Buch im Sep­tember zusammen mit dem Vater des Autors im befreiten Izjum – und lei­tete Foto­gra­fien der Tage­buch­seiten an das Lite­ra­tur­mu­seum von Charkiv weiter. Im November bestä­tigte eine DNA-Ana­lyse, dass ein Körper von 447 im Mas­sen­grab Nr. 319 gefun­dener mensch­li­cher Leich­name end­gültig Vaku­lenko zuge­ordnet werden könne.

Solange eine Autorin gelesen wird, lebt sie. Aus gege­benem Anlass möchten wir Ame­linas Worte – ihre Sprache – mit diesem Bei­trag wür­digen – und diesen sowie wei­tere Texte der unzeitig aus dem Leben geris­senen Autorin lesen.

Alarm
Luft­alarm im ganzen Land
als würden alle gleich­zeitig zur Erschießung
geführt,
dabei nur auf einen gezielt,
meis­tens auf den am Rande.

 

Heute bist das nicht du. Entwarnung.

 

Aus dem Ukrai­ni­schen von Chry­styna Nazarkevyč

Vik­to­rija Ame­lina. © Juan Vega de Soto / PEN Ukraine.

Titel­bild: © Daniel Mord­zinski / PEN Ukraine.