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Es gibt einen ironischen Andrić

Posted on 30. Januar 2013 by novinki

Interview mit Tihomir Brajović, Professor für südslawische Komparatistik an der Philologischen Fakultät der Universität Belgrad

novinki: Wo hat Ivo Andrić heute seinen Platz in der serbischen Kultur- und Literaturgeschichte?

Tihomir Brajović: Andrić hat einen herausragenden Platz in der Geschichte der serbischen Literatur und Kultur. Nach allgemeinem Verständnis ist er einer der bedeutendsten serbischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, zugleich sieht man ihn hier auch als einen südslawischen – früher sagte man „jugoslawischen“ – Schriftsteller, und zwar deshalb, weil er die Kultur aller südslawischen Völker beerbt hat, darüber hinaus auch die Kultur einiger großer slawischer Völker wie der Polen. Soweit mir bekannt, gibt es hierzulande keinen Streit darüber. Man ist der Ansicht, dass Andrić durch seine eigene Entscheidung ein serbischer Schriftsteller geworden ist, und man weist auf verschiedene Fakten hin, die dies bekräftigen. In einem breiteren Sinne wird aber den anderen südslawischen Völkern nicht das Recht abgesprochen, ihn für ihren Schriftsteller zu halten – wie das heute in einer globalisierten Kultur auch mit etlichen weiteren Autoren geschieht, welche in verschiedener Weise an verschiedenen Kulturen partizipieren. Wir hatten hier in Belgrad eine Tagung über Andrić, wir luden Schriftsteller aus Kroatien und Bosnien-Herzegowina ein und wir wurden uns einig, dass Andrić ein integralistischer Jugoslawe war. Als Schriftsteller und Intellektueller gehörte er zu der Generation, die von der Entstehung Jugoslawiens träumte und die 1918 ihre Träume in Erfüllung gehen sah. Andrić blieb der jugoslawischen Idee treu bis zu seinem Lebensende. Das ist unbestritten.

n.: Andrićs wichtigstes Thema war Bosnien. Wie hat er als integralistischer Jugoslawe, der die Vereinigung der südslawischen Völker anstrebte, Bosnien gesehen? War er ein Gegner oder ein Befürworter des multikulturellen Bosnien?

T.B.: Ich möchte mich auf Andrićs Worte beziehen. Im Buch von Ljubo Jandrić (Jandrić, Ljubo: Sa Ivom Andrićem, Sarajevo 1982) sagt Andrić, dass er Bosnien sehr liebe und dass es ihm Leid täte, nicht in Bosnien auf die Welt zu kommen, wenn er noch einmal geboren werden sollte. Er liebte Bosnien also, konnte aber – wie andere große moderne Intellektuelle auch – dessen Widersprüche nicht übersehen. Unter anderem ist er gerade deshalb ein großer Schriftsteller. Ganz bestimmt war er dem multikulturellen Bosnien zugeneigt. Andererseits – dies ist das Ergebnis meiner jahrzehntelangen Lektüre seiner Texte – gibt es einen ironischen Andrić. Wenn ich von Ironie spreche, meine ich nicht Verspottung, sondern Ironie in der modernen Bedeutung des Wortes, also ein komplexes Verstehen von Dingen.

n.: Was verursachte Ihres Erachtens die Wende in der Wahrnehmung von Andrić – der ehemalige Vorzeigeschriftsteller der jugoslawischen Brüderlichkeit und Einheit wurde zu einem Schriftsteller, der angeblich beweisen wollte, dass ein friedliches Zusammenleben der Nationen in Bosnien unmöglich sei?

T.B.: Das ist sehr kompliziert. Bereits vor dieser Wende hat sich in Ex-Jugoslawien die Politik in die Kultur eingemischt. Die Kultur war natürlich nie frei von politischen Interessen. Aber hier geht es um eine vulgäre Einmischung der Politik in die Angelegenheiten von Kultur und Literatur, und das ist nicht gut. Man vereinnahmt Andrić oder man verachtet ihn. Ich glaube, dass Andrić der jugoslawischen Gemeinschaft und dem, was wir heute Multikulturalität nennen, sehr zugetan war, das kommt in seinem Werk deutlich zum Ausdruck. Auf der anderen Seite betrachtete er den Einfluss des Osmanischen Reiches und der Habsburger Monarchie auf Bosnien aus der Sicht eines jugoslawischen Patrioten, der wegen seiner jugoslawischen Gesinnung im Ersten Weltkrieg ja im Gefängnis saß. Ich glaube, dass diejenigen, die bestimmte Bemerkungen einzelner Figuren in den literarischen Texten Andrićs, aber auch manche Bemerkungen zu der Auswirkung der osmanischen Herrschaft auf Bosnien aus seiner Dissertation als Kritik daran interpretieren, was heute die bosniakische Identität genannt wird, Äpfel mit Birnen vergleichen. Andrić hat das so nicht gesehen. Er war ein zu gut gebildeter Intellektueller, ein zu gut informierter Historiker und eine zu intelligente Person, als dass er so hätte denken können. Hätten wir genügend Zeit, so könnte ich das stundenlang an Beispielen aus seiner Literatur belegen.

n.: Andrićs Kritiker werfen ihm vor allem die Dissertation vor, wo er sagt, dass der Einfluss der osmanischen Herrschaft in Bosnien negativ war.

T.B.: Ja gut, und was weiter? Er sagt, dass das Osmanische Reich sich hierzulande negativ auf die Annäherung der Ethnien auswirkte. Er spricht von einem negativen Einfluss in der Kultur, auch in der Politik, aber er spricht ebenso über positive Effekte, die gibt es also auch. Wenn er vom negativen Einfluss des Osmanischen Reiches spricht, dann vom Standpunkt seiner integralistischen jugoslawischen Gesinnung.

n.: Andrić selbst hielt die Literatur für die eigentliche Geschichtsschreibung, er war der Meinung, dass sie einen besseren Einblick in die Geschichte gewährt als die Historiographie.

T.B.: Wenn Andrić sagt, dass man durch die Literatur die Geschichte eines Volkes oder der Zivilisation besser versteht, bezieht er sich, glaube ich, in erster Linie auf die Möglichkeit der Beleuchtung der Dinge aus verschiedenen Perspektiven. Denn die Geschichte wird von den Siegern geschrieben, eine bestimmte Ideologie oder Politik diktieren die Sicht auf die Geschehnisse. Die Literatur indes – wenn sie selbst nicht allzu sehr der Ideologie oder Politik erliegt – kann uns die verschiedenen Perspektiven vermitteln und ermöglichen, dass wir selbst etwas verstehen. Dabei denke ich nicht, dass Andrić ein Anhänger des Relativismus war. Man kann ihn mit Thomas Mann oder zum Teil mit Robert Musil vergleichen, mit Schriftstellern also, die ein überlegener ironischer Standpunkt gegenüber der Geschichte der Menschheit charakterisiert. Mit einem überlegenen ironischen Standpunkt meine ich, dass Andrić Beschränkungen und Einseitigkeiten wahrnahm und dass er sie zum Thema machte – auch in den Romanen Wesire und Konsuln (Travnička hronika) und Die Brücke über die Drina (Na Drini ćuprija), für die er manchmal kritisiert wird. Man muss diese Werke nur sorgfältig genug lesen. Unsere zeitgenössische Zivilisation sucht leider nach vereinfachten Lösungen und Deutungen, das gilt manchmal auch für die Interpreten von Literatur.

n.: Einige dieser Interpreten erklären, dass Andrićs Beschreibungen des osmanischen Terrors an den Serben bei serbischen Lesern ausschließlich Hass gegenüber den Osmanen hervorrufen können. Sie sind der Ansicht, dass Andrić sich dessen wohl bewusst war. Die Szene der Pfählung des serbischen Bauern Radisav an der Brücke an der Drina sei beispiellos in der Literaturgeschichte, heißt es, man müsste Andrić deshalb zur Verantwortung ziehen, wäre er noch am Leben.

T.B.: Das ist absurd. Die Literatur und Kunst überhaupt richtet sich nicht nach den Geboten der Political Correctness. Das war noch nie der Fall. Ähnliche Interpretationen bestehen in Bezug auf das Werk von Petar Petrović Njegoš. Aber wenn man Njegoš liest, muss man sich vergegenwärtigen, dass er seine Texte vor 150 Jahren und mehr geschrieben hat. Genauso wie Ivan Mažuranić und einige andere Autoren. Wenn wir alles vom heutigen Standpunkt lesen wollen, dann werden wir am Ende den Geboten Platons erliegen, dass man die Dichter aus dem Staat verbannen müsse, weil sie den Wünschen der Herrscher nicht entsprächen. Schriftsteller müssen nicht politisch korrekt sein. Was sollte mit solchen Schriftstellern wie dem Franzosen Lautréamont geschehen? Ist es wörtlich zu nehmen, wenn er sagt, dass man Kinder zerstückeln solle? Diejenigen, die Literatur wie ein politisches Pamphlet deuten, begehen einen Anfängerfehler. Ich weiß nicht, ob sie sich befugte Literaturinterpreten nennen dürfen. Natürlich ist die Szene der Pfählung von Radisav im Roman Die Brücke über die Drina eine brutale Szene, aber Literatur und Kunst sind voll davon. Auf der anderen Seite beruht Die Brücke über die Drina im Ganzen gesehen auf der Idee eines Bauprojektes, das einen Fortschritt für die Stadt und die ganze Umgebung mit sich bringt, und das in einer Verbindung des Einheimischen und des Fremden entstanden ist. Verkörpert wird diese Verbindung in der Figur des Großwesirs Mehmed Pascha Sokolović, eines in Bosnien geborenen Mannes, der in der Türkei ausgebildet wurde, wo er auch die Macht errang, die er dann in konstruktiver Weise für seine Heimat einsetzte. Man darf nicht vergessen, dass Andrićs Werk auch eine Art Selbstkritik des balkanischen Dünkels enthält, die keinen Hass gegenüber dem eigenen Volk oder der eigenen Ethnie bedeutet. Die Travniker aus dem Roman Wesire und Konsuln halten ihre Stadt für die wichtigste auf der ganzen Welt. Dann kommen die Konsuln, der österreichische und der französische Konsul, die sich hier wie abgeschnitten von der Welt fühlen, denn hier wird nichts Wichtiges entschieden, hier ist Provinz. Andrić setzt die beiden Sichtweisen gegeneinander. Auf der einen Seite steht der Dünkel, den man hierzulande auch heute spürt. In den vergangenen zwanzig Jahren waren wir davon überzeugt, im Mittelpunkt der Geschichte Europas und der Welt zu stehen. In einem Augenblick waren wir es in einem negativen Sinn, dann hat sich das Interesse der Großmächte auf andere Regionen verlegt, und viele hier haben das nicht mitbekommen. Andrić hat diesen Zug unserer Mentalität ausgezeichnet eingefangen. Und wir tadeln Andrić, weil er dieses oder jenes so oder anders gesagt hat. Was wollen wir von ihm? Dass er ein korrekter Politiker sei. Die Welt ist voll davon, Ex-Jugoslawien ist voll davon, was haben sie uns Gutes gebracht? Also, Andrić war ein ziemlich scharfer Kritiker des Osmanischen Reiches, aber er hat auch die guten Seiten gesehen. Hat er auch alle guten Seiten gesehen? Wahrscheinlich nicht, denn niemand kann alles sehen, was gut ist. Ihm indes vorzuwerfen, er sei einseitig und parteiisch, das wäre eine extreme Instrumentalisierung.

Das Interview führten Ksenija Cvetković-Sander und Martin Sander.
Übersetzung von Ksenija Cvetković-Sander

Es gibt einen ironischen Andrić - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Es gibt einen iro­ni­schen Andrić

Inter­view mit Tihomir Bra­jović, Pro­fessor für süd­sla­wi­sche Kom­pa­ra­tistik an der Phi­lo­lo­gi­schen Fakultät der Uni­ver­sität Belgrad

novinki: Wo hat Ivo Andrić heute seinen Platz in der ser­bi­schen Kultur- und Literaturgeschichte?

Tihomir Bra­jović: Andrić hat einen her­aus­ra­genden Platz in der Geschichte der ser­bi­schen Lite­ratur und Kultur. Nach all­ge­meinem Ver­ständnis ist er einer der bedeu­tendsten ser­bi­schen Schrift­steller des 20. Jahr­hun­derts, zugleich sieht man ihn hier auch als einen süd­sla­wi­schen – früher sagte man „jugo­sla­wi­schen“ – Schrift­steller, und zwar des­halb, weil er die Kultur aller süd­sla­wi­schen Völker beerbt hat, dar­über hinaus auch die Kultur einiger großer sla­wi­scher Völker wie der Polen. Soweit mir bekannt, gibt es hier­zu­lande keinen Streit dar­über. Man ist der Ansicht, dass Andrić durch seine eigene Ent­schei­dung ein ser­bi­scher Schrift­steller geworden ist, und man weist auf ver­schie­dene Fakten hin, die dies bekräf­tigen. In einem brei­teren Sinne wird aber den anderen süd­sla­wi­schen Völ­kern nicht das Recht abge­spro­chen, ihn für ihren Schrift­steller zu halten – wie das heute in einer glo­ba­li­sierten Kultur auch mit etli­chen wei­teren Autoren geschieht, welche in ver­schie­dener Weise an ver­schie­denen Kul­turen par­ti­zi­pieren. Wir hatten hier in Bel­grad eine Tagung über Andrić, wir luden Schrift­steller aus Kroa­tien und Bos­nien-Her­ze­go­wina ein und wir wurden uns einig, dass Andrić ein inte­gra­lis­ti­scher Jugo­slawe war. Als Schrift­steller und Intel­lek­tu­eller gehörte er zu der Gene­ra­tion, die von der Ent­ste­hung Jugo­sla­wiens träumte und die 1918 ihre Träume in Erfül­lung gehen sah. Andrić blieb der jugo­sla­wi­schen Idee treu bis zu seinem Lebens­ende. Das ist unbestritten.

n.: Andrićs wich­tigstes Thema war Bos­nien. Wie hat er als inte­gra­lis­ti­scher Jugo­slawe, der die Ver­ei­ni­gung der süd­sla­wi­schen Völker anstrebte, Bos­nien gesehen? War er ein Gegner oder ein Befür­worter des mul­ti­kul­tu­rellen Bosnien?

T.B.: Ich möchte mich auf Andrićs Worte beziehen. Im Buch von Ljubo Jan­drić (Jan­drić, Ljubo: Sa Ivom Andrićem, Sara­jevo 1982) sagt Andrić, dass er Bos­nien sehr liebe und dass es ihm Leid täte, nicht in Bos­nien auf die Welt zu kommen, wenn er noch einmal geboren werden sollte. Er liebte Bos­nien also, konnte aber – wie andere große moderne Intel­lek­tu­elle auch – dessen Wider­sprüche nicht über­sehen. Unter anderem ist er gerade des­halb ein großer Schrift­steller. Ganz bestimmt war er dem mul­ti­kul­tu­rellen Bos­nien zuge­neigt. Ande­rer­seits – dies ist das Ergebnis meiner jahr­zehn­te­langen Lek­türe seiner Texte – gibt es einen iro­ni­schen Andrić. Wenn ich von Ironie spreche, meine ich nicht Ver­spot­tung, son­dern Ironie in der modernen Bedeu­tung des Wortes, also ein kom­plexes Ver­stehen von Dingen.

n.: Was ver­ur­sachte Ihres Erach­tens die Wende in der Wahr­neh­mung von Andrić – der ehe­ma­lige Vor­zei­ge­schrift­steller der jugo­sla­wi­schen Brü­der­lich­keit und Ein­heit wurde zu einem Schrift­steller, der angeb­lich beweisen wollte, dass ein fried­li­ches Zusam­men­leben der Nationen in Bos­nien unmög­lich sei?

T.B.: Das ist sehr kom­pli­ziert. Bereits vor dieser Wende hat sich in Ex-Jugo­sla­wien die Politik in die Kultur ein­ge­mischt. Die Kultur war natür­lich nie frei von poli­ti­schen Inter­essen. Aber hier geht es um eine vul­gäre Ein­mi­schung der Politik in die Ange­le­gen­heiten von Kultur und Lite­ratur, und das ist nicht gut. Man ver­ein­nahmt Andrić oder man ver­achtet ihn. Ich glaube, dass Andrić der jugo­sla­wi­schen Gemein­schaft und dem, was wir heute Mul­ti­kul­tu­ra­lität nennen, sehr zugetan war, das kommt in seinem Werk deut­lich zum Aus­druck. Auf der anderen Seite betrach­tete er den Ein­fluss des Osma­ni­schen Rei­ches und der Habs­burger Mon­ar­chie auf Bos­nien aus der Sicht eines jugo­sla­wi­schen Patrioten, der wegen seiner jugo­sla­wi­schen Gesin­nung im Ersten Welt­krieg ja im Gefängnis saß. Ich glaube, dass die­je­nigen, die bestimmte Bemer­kungen ein­zelner Figuren in den lite­ra­ri­schen Texten Andrićs, aber auch manche Bemer­kungen zu der Aus­wir­kung der osma­ni­schen Herr­schaft auf Bos­nien aus seiner Dis­ser­ta­tion als Kritik daran inter­pre­tieren, was heute die bos­nia­ki­sche Iden­tität genannt wird, Äpfel mit Birnen ver­glei­chen. Andrić hat das so nicht gesehen. Er war ein zu gut gebil­deter Intel­lek­tu­eller, ein zu gut infor­mierter His­to­riker und eine zu intel­li­gente Person, als dass er so hätte denken können. Hätten wir genü­gend Zeit, so könnte ich das stun­den­lang an Bei­spielen aus seiner Lite­ratur belegen.

n.: Andrićs Kri­tiker werfen ihm vor allem die Dis­ser­ta­tion vor, wo er sagt, dass der Ein­fluss der osma­ni­schen Herr­schaft in Bos­nien negativ war.

T.B.: Ja gut, und was weiter? Er sagt, dass das Osma­ni­sche Reich sich hier­zu­lande negativ auf die Annä­he­rung der Eth­nien aus­wirkte. Er spricht von einem nega­tiven Ein­fluss in der Kultur, auch in der Politik, aber er spricht ebenso über posi­tive Effekte, die gibt es also auch. Wenn er vom nega­tiven Ein­fluss des Osma­ni­schen Rei­ches spricht, dann vom Stand­punkt seiner inte­gra­lis­ti­schen jugo­sla­wi­schen Gesinnung.

n.: Andrić selbst hielt die Lite­ratur für die eigent­liche Geschichts­schrei­bung, er war der Mei­nung, dass sie einen bes­seren Ein­blick in die Geschichte gewährt als die Historiographie.

T.B.: Wenn Andrić sagt, dass man durch die Lite­ratur die Geschichte eines Volkes oder der Zivi­li­sa­tion besser ver­steht, bezieht er sich, glaube ich, in erster Linie auf die Mög­lich­keit der Beleuch­tung der Dinge aus ver­schie­denen Per­spek­tiven. Denn die Geschichte wird von den Sie­gern geschrieben, eine bestimmte Ideo­logie oder Politik dik­tieren die Sicht auf die Gescheh­nisse. Die Lite­ratur indes – wenn sie selbst nicht allzu sehr der Ideo­logie oder Politik erliegt – kann uns die ver­schie­denen Per­spek­tiven ver­mit­teln und ermög­li­chen, dass wir selbst etwas ver­stehen. Dabei denke ich nicht, dass Andrić ein Anhänger des Rela­ti­vismus war. Man kann ihn mit Thomas Mann oder zum Teil mit Robert Musil ver­glei­chen, mit Schrift­stel­lern also, die ein über­le­gener iro­ni­scher Stand­punkt gegen­über der Geschichte der Mensch­heit cha­rak­te­ri­siert. Mit einem über­le­genen iro­ni­schen Stand­punkt meine ich, dass Andrić Beschrän­kungen und Ein­sei­tig­keiten wahr­nahm und dass er sie zum Thema machte – auch in den Romanen Wesire und Kon­suln (Trav­nička hro­nika) und Die Brücke über die Drina (Na Drini ćuprija), für die er manchmal kri­ti­siert wird. Man muss diese Werke nur sorg­fältig genug lesen. Unsere zeit­ge­nös­si­sche Zivi­li­sa­tion sucht leider nach ver­ein­fachten Lösungen und Deu­tungen, das gilt manchmal auch für die Inter­preten von Literatur.

n.: Einige dieser Inter­preten erklären, dass Andrićs Beschrei­bungen des osma­ni­schen Ter­rors an den Serben bei ser­bi­schen Lesern aus­schließ­lich Hass gegen­über den Osmanen her­vor­rufen können. Sie sind der Ansicht, dass Andrić sich dessen wohl bewusst war. Die Szene der Pfäh­lung des ser­bi­schen Bauern Radisav an der Brücke an der Drina sei bei­spiellos in der Lite­ra­tur­ge­schichte, heißt es, man müsste Andrić des­halb zur Ver­ant­wor­tung ziehen, wäre er noch am Leben.

T.B.: Das ist absurd. Die Lite­ratur und Kunst über­haupt richtet sich nicht nach den Geboten der Poli­tical Cor­rect­ness. Das war noch nie der Fall. Ähn­liche Inter­pre­ta­tionen bestehen in Bezug auf das Werk von Petar Petrović Njegoš. Aber wenn man Njegoš liest, muss man sich ver­ge­gen­wär­tigen, dass er seine Texte vor 150 Jahren und mehr geschrieben hat. Genauso wie Ivan Mažu­ranić und einige andere Autoren. Wenn wir alles vom heu­tigen Stand­punkt lesen wollen, dann werden wir am Ende den Geboten Pla­tons erliegen, dass man die Dichter aus dem Staat ver­bannen müsse, weil sie den Wün­schen der Herr­scher nicht ent­sprä­chen. Schrift­steller müssen nicht poli­tisch kor­rekt sein. Was sollte mit sol­chen Schrift­stel­lern wie dem Fran­zosen Lau­tré­a­mont geschehen? Ist es wört­lich zu nehmen, wenn er sagt, dass man Kinder zer­stü­ckeln solle? Die­je­nigen, die Lite­ratur wie ein poli­ti­sches Pam­phlet deuten, begehen einen Anfän­ger­fehler. Ich weiß nicht, ob sie sich befugte Lite­ra­tur­in­ter­preten nennen dürfen. Natür­lich ist die Szene der Pfäh­lung von Radisav im Roman Die Brücke über die Drina eine bru­tale Szene, aber Lite­ratur und Kunst sind voll davon. Auf der anderen Seite beruht Die Brücke über die Drina im Ganzen gesehen auf der Idee eines Bau­pro­jektes, das einen Fort­schritt für die Stadt und die ganze Umge­bung mit sich bringt, und das in einer Ver­bin­dung des Ein­hei­mi­schen und des Fremden ent­standen ist. Ver­kör­pert wird diese Ver­bin­dung in der Figur des Groß­we­sirs Mehmed Pascha Soko­lović, eines in Bos­nien gebo­renen Mannes, der in der Türkei aus­ge­bildet wurde, wo er auch die Macht errang, die er dann in kon­struk­tiver Weise für seine Heimat ein­setzte. Man darf nicht ver­gessen, dass Andrićs Werk auch eine Art Selbst­kritik des bal­ka­ni­schen Dün­kels ent­hält, die keinen Hass gegen­über dem eigenen Volk oder der eigenen Ethnie bedeutet. Die Trav­niker aus dem Roman Wesire und Kon­suln halten ihre Stadt für die wich­tigste auf der ganzen Welt. Dann kommen die Kon­suln, der öster­rei­chi­sche und der fran­zö­si­sche Konsul, die sich hier wie abge­schnitten von der Welt fühlen, denn hier wird nichts Wich­tiges ent­schieden, hier ist Pro­vinz. Andrić setzt die beiden Sicht­weisen gegen­ein­ander. Auf der einen Seite steht der Dünkel, den man hier­zu­lande auch heute spürt. In den ver­gan­genen zwanzig Jahren waren wir davon über­zeugt, im Mit­tel­punkt der Geschichte Europas und der Welt zu stehen. In einem Augen­blick waren wir es in einem nega­tiven Sinn, dann hat sich das Inter­esse der Groß­mächte auf andere Regionen ver­legt, und viele hier haben das nicht mit­be­kommen. Andrić hat diesen Zug unserer Men­ta­lität aus­ge­zeichnet ein­ge­fangen. Und wir tadeln Andrić, weil er dieses oder jenes so oder anders gesagt hat. Was wollen wir von ihm? Dass er ein kor­rekter Poli­tiker sei. Die Welt ist voll davon, Ex-Jugo­sla­wien ist voll davon, was haben sie uns Gutes gebracht? Also, Andrić war ein ziem­lich scharfer Kri­tiker des Osma­ni­schen Rei­ches, aber er hat auch die guten Seiten gesehen. Hat er auch alle guten Seiten gesehen? Wahr­schein­lich nicht, denn nie­mand kann alles sehen, was gut ist. Ihm indes vor­zu­werfen, er sei ein­seitig und par­tei­isch, das wäre eine extreme Instrumentalisierung.

Das Inter­view führten Kse­nija Cvet­ković-Sander und Martin Sander.
Über­set­zung von Kse­nija Cvetković-Sander