Filmemachen als Traumabewältigung: Interview mit dem Filmemacher Dužan Duong

Wie können Brüder, die auf zwei unterschiedlichen Kontinenten aufgewachsen sind, wieder zueinanderzufinden? Und wie unterschiedlich wird innerhalb einer Familie Erlebtes wahrgenommen und erinnert? Diese und andere Fragen thematisiert der Spielfilm Summer School, 2001 – die erste vietnamesisch-tschechische Produktion überhaupt. Nach Sichtung des Films auf dem Filmfestival Cottbus – Festival des osteuropäischen Films im Herbst 2025, führte Charlina Strelow mit Regisseur Dužan Duong ein Gespräch per Videoanruf – über Filmarbeit als Traumabewältigung, Vater-Sohn-Beziehungen und generationsübergreifende Spuren von Immigration.

 

novinki: Der wichtigste Schauplatz des Films ist der Markt, auf dem der Vater Dũng gefälschte Sachen verkauft. Ähnlich wie in Ihrer Kindheit. Waren Sie für die Dreharbeiten nochmal dort?

Dužan Duong: Nur indirekt, durch alte Fotos, die wir zu Hause hatten. Früher war der Markt riesig, er war ein zentraler Platz zum Einkaufen. All die Deutschen kamen, um billige Waren zu kaufen. Aber dann lief das Geschäft nicht mehr gut. Der Großteil des Markts wurde zerstört, um dort etwas anderes zu bauen. Der Markt ist also noch da, aber sehr, sehr klein.

 

novinki: Wieso lief das Geschäft nicht mehr?

D.D.: Alles war gefälscht. Die Zollbeamten haben die Ware oft konfisziert. Als dann die Fastfashion-Marken kamen, gab es keinen Grund mehr, billige Fälschungen zu kaufen.

 

novinki: Für Summer School, 2001 haben Sie hauptsächlich mit Darstellern ohne Schauspielerfahrung zusammengearbeitet. Wie hat das den Film geprägt?

D.D.: Sie haben viele Ideen eingebracht. Ich habe ihnen nicht mal das Drehbuch gegeben, daran glaube ich nicht. Ich wollte, dass sie viel improvisieren. Ich spreche kein fließendes Vietnamesisch und stecke nicht so tief in der Kultur. Deshalb habe ich Platz für ihre Darstellung gemacht.

 

 

novinki: Beinahe hätten Sie mehr Bezug zur vietnamesischen Kultur gehabt… Genau wie der ältere Sohn im Film, Kien, wollten Ihre Eltern Sie als Kind nach Vietnam schicken. Die beiden waren sich unsicher, ob ein Leben in Tschechien von Dauer sein kann. Ihr tschechisches Kindermädchen sprach sich dagegen aus. Was hat das mit Ihnen gemacht?

D.D.: In dem Alter denkt man noch nicht darüber nach, dass das etwas Schlechtes ist. Das realisiert man erst, wenn man älter wird. Ich habe viel aufgearbeitet, während ich das Drehbuch für den Film geschrieben habe. Mein Trauma in meine Arbeit einfließen zu lassen, ist wie eine Therapie. Anfangs hatte ich Angst, diese Vater-Sohn-Beziehung miteinzubringen. Es hat fast sechs Jahre gedauert, bis ich eingesehen habe, dass ich nicht davonrennen sollte. Ich bin jetzt auch Vater geworden, das hilft, beide Perspektiven besser zu verstehen.

 

novinki: Die einzige Perspektive der Familie, die nicht explizit im Fokus steht, ist die der Mutter. Warum?

D.D.: Ich wollte diese verlorenen Männer zeigen, die miteinander kämpfen. Ich bin nicht mutig genug, mich in die Lage einer Frau zu versetzen. Diese Perspektive würde sich in der Geschichte künstlich anfühlen, so, als würde ich bloß eine Quote erfüllen. Das heißt nicht, dass es nicht mehr Platz für weibliche Perspektiven braucht. Aber ich wollte sehr ehrlich sein – und das konnte ich besser aus Sicht der Männer, weil ich ein Mann bin.

 

novinki: Kien, Tai und ihr Vater Dũng sind sich uneinig, was es heißt, ‚ein Mann‘ zu sein. Gibt es einen Unterschied zwischen vietnamesischer und tschechischer Männlichkeit?

D.D.:  Oh, das ist eine knifflige Frage. Ich bin zwischen den beiden Kulturen aufgewachsen… Ich war nie vollständig Tscheche, also bin ich mir unsicher. Aber ich glaube, dass die Themen im Film universell sind. Als Vater will man immer für seine Familie sorgen, vergisst dabei aber manchmal, dass die Kinder einen vermissen, während man arbeitet.

 

novinki: „Männer weinen nicht“, erklärt das Familienoberhaupt Dũng zu Beginn. Als er sich am Ende mit seinem Sohn Kien ausspricht, weint er doch…

D.D.: Es ist sehr wichtig, solche Gespräche zu führen und ehrlich miteinander zu sein. Gerade vietnamesischen Familien fehlte diese Einsicht häufig. Sie kommunizierten nicht miteinander, sie schickten ihre Söhne sogar für zehn Jahre weg… Ich habe meinen Vater bisher ein einziges Mal weinen sehen.

 

novinki: Warum fehlte diese Kommunikation gerade bei vietnamesischen Familien?

D.D.: Wir sind quasi ohne unsere Eltern aufgewachsen. Wir saßen entweder vor dem Fernseher oder verbrachten Zeit mit unseren Kindermädchen. Unser Vietnamesisch ist deshalb nicht sehr gut. Das verstärkt die Barriere, die es zwischen uns und unseren Eltern gibt.

 

 

novinki: Haben Sie Ihre Eltern so wenig gesehen, weil sie sich eine Lebensgrundlage in Tschechien erarbeiten mussten?

D.D.: Ja. Migranten haben ein großes Ziel: viel Geld verdienen, damit sie für ihre Familie sorgen können. Und auch für die Familie, die noch in Vietnam ist. Es ist schwer für sie, nicht über die Arbeit nachzudenken.

 

novinki: Fühlen Sie sich als Sohn unter Druck gesetzt, ebenfalls für Ihre Familie zu sorgen?

D.D.: Ja, ich glaube, das ist in mir einprogrammiert. Ich werde mich um meine Familie kümmern, wenn sie alt ist. Für mich ist das natürlich.

 

novinki: Trotzdem haben Sie sich entschieden, nach Ihrem Wirtschaftsstudium noch an der Prager Filmhochschule zu studieren. Eine Branche, die deutlich weniger Sicherheit bietet… Wie kam es dazu?

D.D.: Ich wusste, dass ich erstmal die Wirtschaftsschule zu Ende bringen muss. Ich wollte nicht ständig hören, wie sich meine Eltern beschweren, weil ich das Studium abgebrochen habe. Also habe ich das für mich getan. Und für sie, natürlich. Vielleicht habe ich deshalb am Anfang viel in der Werbebranche gearbeitet. Ich wollte für die Familie sorgen. Geld haben, falls es gebraucht wird. Aber jetzt denke ich: Ich kann mal etwas egoistisch sein. Ich kann machen, was ich will.

 

novinki: Gab es einen Schlüsselmoment für diesen Sinneswandel?

D.D.: Als ich meinen zweiten Kurzfilm (Bo Hai, aus dem Jahr 2017) gedreht habe, der etwas Aufmerksamkeit bekommen hat. Da dachte ich, dass ich es jetzt wagen kann. Und dass ich nie wieder zurück in die Werbebranche gehe, sobald ich Summer School, 2001 veröffentliche.

 

novinki: In diesem Kurzfim, Bo Hai, geht es ebenfalls um eine Vater-Sohn-Beziehung. Der Vater wird von Ihrem echten Vater verkörpert. Was haben Sie in der Zusammenarbeit übereinander gelernt?

D.D.: Zu kommunizieren. Ich war der Regisseur, er der Schauspieler. Also war ich in der Machtposition (lacht), das hat sich gut angefühlt. Ich habe mehr über seine Widerstandsfähigkeit gelernt, die Widerstandsfähigkeit eines Immigranten. Ich glaube, ich habe sie auch. Du siehst, dass deine Eltern alles für dich tun, aber wertschätzen kannst du es erst später. Es geht nicht, solange du noch jung bist.

 

novinki: Summer School, 2001 ist der erste vietnamesisch-tschechische Spielfilm überhaupt. In einem Interview haben Sie erzählt, dass die Erwartungen der vietnamesisch-tschechischen Zuschauer sie nervös machen. Über welche Reaktion haben Sie sich am meisten gefreut?

D.D.: Wenn Menschen mir erzählen, dass sie ihre Eltern mit ins Kino gebracht haben. Vietnamesische Eltern arbeiten immer, die Kinder müssen also richtig Überzeugungsarbeit leisten. Einige haben erzählt, dass sie wegen des Films eine Unterhaltung mit ihren Eltern hatten, die stundenlang dauerte. Ich habe mir nie erträumt, dass das passieren würde, aber jetzt tut es das. Ich glaube, deshalb mache ich Filme.

 

 

Dužan Duong: Letní škola, 2001 (Summer School, 2001), Tschechien, Slovakia, 2025, 103 Minuten.

Quelle des Filmplakats: https://letterboxd.com/film/summer-school-2001/

Quelle der Filmstills: https://www.filmcenter.cz/en/films-people/4283-summer-school-2001

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