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Filmisch inszeniert: Ein Theater der Ausgrenzung

Posted on 13. Juni 2024 by Klara Prautzsch
„Three Thousand Numbered Pieces“ (2022): Ein ungarisches Roma-Ensemble bringt seine eigenen Diskriminierungserfahrungen auf die deutsche Theaterbühne und sorgt für Empörung. Ein konfrontativer Film über gesellschaftlich und persönlich internalisierten Rassismus und dessen absurde Erscheinungsformen.

„Three Thousand Numbered Pieces“ (2022) – dreitausend nummerierte Stücke. Ein ungarisches Roma-Ensemble bringt seine eigenen Diskriminierungserfahrungen auf die deutsche Theaterbühne und sorgt für Empörung. Wieviel Satire ist zu viel? Und wer darf wie über Minderheiten sprechen? Ein konfrontativer Film über gesellschaftlich und persönlich internalisierten Rassismus und dessen absurde Erscheinungsformen.

 

Eine Straße in einem ungarischen Dorf: Ein Hof nach dem anderen zieht in Schrittgeschwindigkeit vorüber, schreiende Kinder rennen um verfallene Häuser. Hunde bellen, Jugendliche und ältere Menschen in Trainingsanzügen stehen zusammen, lachend und rauchend. Die Höfe gleichen einander. Eine rohe Fassade folgt der nächsten, ein geflicktes Fenster reiht sich an das andere. Die immer gleichen Bretterzäune drängen sich an Schotterwege voller Schlaglöcher. Die Straße weitet sich. Das Dorf scheint nicht enden zu wollen, bis es dann doch langsam aus dem Sichtfeld verschwindet. Zunächst breitet sich Erleichterung aus, die jedoch allmählich von einem Gefühl der Verwirrung und Schuld überschattet wird.

Diese letzte Szene von „Three Thousand Numbered Pieces“ ist technisch und narrativ auf ein Minimum reduziert. Sie unterscheidet sich dadurch drastisch von der überinszeniert anmutenden Theatralik des restlichen Films. Mit diesem überraschenderweise realistischen Ende entsteht eine besondere Eindringlichkeit. Eine Art voyeuristische Faszination scheint von der Szenerie auszugehen. Gleichzeitig führt die Länge der ungeschnittenen Szene zu einem Unbehagen, worin sich eines der vorherrschenden Gefühle manifestiert, das der Film zu erzeugen versteht: die Scham angesichts des eigenen internalisierten Rassismus.

Der Regisseur und Drehbuchautor Ádám Császi verhandelt in seinem zweiten Spielfilm die systematische Diskriminierung der Roma, der größten ethnischen Minderheit seines Heimatlandes Ungarn. Eine besondere Brisanz erhält der Film zudem dadurch, dass Császi als Oppositioneller des Orbán-Regimes ein Leben im Exil führt und sein Werk in Ungarn kaum rezipiert wird. Der Film basiert auf dem Theaterstück Gipsy Hungarian von Kristóf Horváth, der zudem im Film die Rolle des Regisseurs verkörpert. Im Zentrum der Geschichte steht ein fiktives ungarisches Roma-Theaterensemble unter der Leitung eines weißen namenlosen Regisseurs. Das Ensemble erarbeitet ein autobiografisches Stück, das die persönlichen Lebensgeschichten der Schauspieler*innen thematisiert. Im Vordergrund steht dabei die Aufarbeitung traumatischer rassistischer Diskriminierungserfahrungen. Schließlich wird das Ensemble dazu eingeladen, das Stück im Rahmen eines Festivals am Deutschen Theater in Berlin aufzuführen. Die Konfrontation mit der Presse und dem Publikum in Deutschland führt zu vielschichtigen Konflikten, auch innerhalb des Ensembles. Besonders deutlich wird dies während einer Pressekonferenz, bei der das Ensemble mit rassistischen Fragen konfrontiert wird. Die Schauspieler*innen reagieren, indem sie den Journalist*innen durch provokante Rückfragen ihr rassistisches Verhalten spiegeln. Die Situation eskaliert schließlich derart, dass sich paradoxerweise alle anwesenden Medienleute angegriffen fühlen und den Raum verlassen. Die Absurdität dieser Dynamik, bei der sich die nicht von Diskriminierung betroffene Partei diskreditiert fühlt, spielt eine zentrale Rolle im gesamten Film. Horváth ist selbst Angehöriger der Roma, verkörpert im Film jedoch den weißen Regisseur, was bereits interessante Fragen nach Bevormundung und Aneignung aufwirft.

Die Rolle des Regisseurs, die Kristóf Horváth sehr überzeugend interpretiert, ist besonders schillernd und ambivalent. In dem Glauben, durch das Stück zur Dekonstruktion von Rassismus beizutragen, erreicht er letztlich genau das Gegenteil. Als weiße Person in einer übergeordneten hierarchischen Position profitiert er von den Traumata der Ensemble-Mitglieder, indem er sie wie fremdartige Objekte schonungslos ausstellt. Seine Rolle verweist gewissermaßen auf die Position, in der sich der Film-Regisseur Ádám Császi selbst befindet, der ebenfalls weiß ist und nicht der Minderheit der Roma angehört. Jedoch arbeitet Császi mit der großen Herausforderung, die in diesem Widerspruch liegt, und beweist: Auch aus seiner Position heraus kann die Rassismuskritik im Film funktionieren. Eines seiner wichtigsten Werkzeuge ist dabei das Erzeugen von Brüchen, auf inhaltlicher wie visueller Ebene. Ständig werden beim Zusehen eigene Vorurteile entlarvt und Solidaritätsbekundungen dekonstruiert.

So zieht etwa das Schicksal eines Ensemble-Mitglieds das Publikum kurzzeitig in seinen Bann und wiegt es in Sicherheit. Kurz darauf wendet sich das Blatt jedoch wieder und stellt soeben aufgekommene Gefühle von Mitleid bloß, macht den dadurch reproduzierten Rassismus offensichtlich. Es gibt keinen stringenten Handlungsverlauf, stattdessen diverse Zeitsprünge und fragmentarische, lose zusammenhängende Szenen.

Hinzu kommt die ausgesprochen dynamische Kamera, die mit etablierten Sehgewohnheiten bricht. Durch überraschende Schwenks und Perspektivwechsel sowie lange Einstellungen kann die Inszeniertheit der Situation selten vergessen werden. Das geschärfte Bewusstsein über die Medialität des Films ermöglicht die Distanzierung vom Geschehen, die zur Konfrontation der Zuschauer*innen mit sich selbst und der eigenen Position führt. Die permanente Adressierung der Zuschauer*innen wird außerdem durch das häufige Durchbrechen der sogenannten „vierten Wand“ erzeugt. Die Schauspieler*innen nehmen unvermittelt Blickkontakt zur Kamera auf und adressieren das Publikum direkt in ihrer Ansprache. „Three Thousand Numbered Pieces“ erlaubt somit keine passive Rezeptionshaltung, die die Verantwortung an den Film abgibt.

Der Film provoziert, überschreitet Grenzen, klagt an und birgt das Potential zu verärgern, zu verunsichern und zu empören. Allerdings liegt genau darin auch dessen großer Unterhaltungsfaktor. Der Film ist keine anklagende Moralpredigt, sondern vielmehr eine scharfe Satire. Immer wieder wird eine bewertende Haltung eingefordert und an die Selbstreflexion der Zuschauenden appelliert. Dabei richtet sich der Film vorrangig an weiße Menschen und deren Verortung im Spannungsfeld zwischen Solidarisierung und White Saviourism. Gemeint ist die anmaßende Bevormundung nicht-weißer Menschen in Form eigennütziger Hilfeleistungen. Die Figur des namenlosen Regisseurs bietet daher Identifikationspotential für das Publikum, das ständig dazu aufgefordert wird, die eigene Position zu hinterfragen.

Als der Theater-Regisseur den Umzug eines kompletten Wohnhauses einer Roma-Familie auf die deutsche Bühne veranlasst, wird kulturelle Aneignung im ganz wörtlichen Sinne verhandelt. Das Wohnhaus wird in einem ungarischen Dorf in dreitausend nummerierte Bruchstücke zerlegt, um danach originalgetreu in Berlin wieder aufgebaut zu werden. Es drängen sich Fragen nach Kontextualisierung und Diskurshoheit auf. Welchen Wert hat das Haus auf einer deutschen Bühne, seinem Originalkontext entrissen? Heiligt der Zweck immer die Mittel? Die Bemühungen weißer Menschen, Stigmatisierung entgegenzuwirken, indem Betroffene bevormundet werden, werden hier ad absurdum geführt.

„Three Thousand Numbered Pieces“ – dreitausend nummerierte Stücke. Dieser Titel kommt dem Eindruck ziemlich nah, mit dem der Film die Zuschauer*innen zurücklässt: Zersplittert in unzählige Assoziationen, Momente der Erkenntnis und der Verwirrung. Gefühle von Schuld, Wut und Unsicherheit. Kleinteilige Fragmente, die sich ergänzen und abstoßen, sich ausdehnen oder zerfallen, je länger sie betrachtet werden. Es scheint zunächst um die Realisierung der eigenen Wahrnehmungsmuster zu gehen, was in der Folge zum Verstehen gesellschaftlicher Ursachen führen kann. Die Selbstreflexion des Publikums steht dabei im Wechselspiel mit der Selbstreflexivität des Films, der sich permanent selbst hinterfragt.

Dennoch: Der Anspruch, durch den Film eindeutige Antworten auf all die entstandenen Fragen zu erhalten, ist zum Scheitern verurteilt. Allerdings ist es genau diese Uneindeutigkeit, die den Film trägt. Császis mutiges Werk versteht es, dem Publikum einen Spiegel vorzuhalten. Das Spiegelbild fällt erschreckend aus und verdeutlicht: Rassismus beginnt vielleicht nicht beim Individuum, aber er setzt sich darin fort und muss auch genau von dort aus überwunden werden.

Császi, Ádám: Three Thousand Numbered Pieces, Ungarn, 2022, 96 Min.

Beitragsbild: Three Thousand Numbered Pieces, Filmstill. Bildquelle: Tallinn Black Nights Film Festival (Pimedate Ööde filmifestival, PÖFF), https://poff.ee/en/film/three-thousand-numbered-pieces/.

Bilder im Beitrag: Three Thousand Numbered Pieces, Filmstills. Bildquelle: Tallinn Black Nights Film Festival (Pimedate Ööde filmifestival, PÖFF), https://poff.ee/en/film/three-thousand-numbered-pieces/ & (c) Zsofia Sivak, Bildquelle: https://magyar.film.hu/filmhu/hir/farkas-franciska-szurrealis-szinhazi-turne-forog-csaszi-adam-uj-mozifilmje.html.

Filmisch inszeniert: Ein Theater der Ausgrenzung - novinki
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Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
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Unter den Linden 6
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Fil­misch insze­niert: Ein Theater der Ausgrenzung

„Three Thousand Num­bered Pieces“ (2022) – drei­tau­send num­me­rierte Stücke. Ein unga­ri­sches Roma-Ensemble bringt seine eigenen Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­rungen auf die deut­sche Thea­ter­bühne und sorgt für Empö­rung. Wie­viel Satire ist zu viel? Und wer darf wie über Min­der­heiten spre­chen? Ein kon­fron­ta­tiver Film über gesell­schaft­lich und per­sön­lich inter­na­li­sierten Ras­sismus und dessen absurde Erscheinungsformen.

 

Eine Straße in einem unga­ri­schen Dorf: Ein Hof nach dem anderen zieht in Schritt­ge­schwin­dig­keit vor­über, schrei­ende Kinder rennen um ver­fal­lene Häuser. Hunde bellen, Jugend­liche und ältere Men­schen in Trai­nings­an­zügen stehen zusammen, lachend und rau­chend. Die Höfe glei­chen ein­ander. Eine rohe Fas­sade folgt der nächsten, ein geflicktes Fenster reiht sich an das andere. Die immer glei­chen Bret­ter­zäune drängen sich an Schot­ter­wege voller Schlag­lö­cher. Die Straße weitet sich. Das Dorf scheint nicht enden zu wollen, bis es dann doch langsam aus dem Sicht­feld ver­schwindet. Zunächst breitet sich Erleich­te­rung aus, die jedoch all­mäh­lich von einem Gefühl der Ver­wir­rung und Schuld über­schattet wird.

Diese letzte Szene von „Three Thousand Num­bered Pieces“ ist tech­nisch und nar­rativ auf ein Minimum redu­ziert. Sie unter­scheidet sich dadurch dras­tisch von der über­in­sze­niert anmu­tenden Thea­tralik des rest­li­chen Films. Mit diesem über­ra­schen­der­weise rea­lis­ti­schen Ende ent­steht eine beson­dere Ein­dring­lich­keit. Eine Art voy­eu­ris­ti­sche Fas­zi­na­tion scheint von der Sze­nerie aus­zu­gehen. Gleich­zeitig führt die Länge der unge­schnit­tenen Szene zu einem Unbe­hagen, worin sich eines der vor­herr­schenden Gefühle mani­fes­tiert, das der Film zu erzeugen ver­steht: die Scham ange­sichts des eigenen inter­na­li­sierten Rassismus.

Der Regis­seur und Dreh­buch­autor Ádám Császi ver­han­delt in seinem zweiten Spiel­film die sys­te­ma­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung der Roma, der größten eth­ni­schen Min­der­heit seines Hei­mat­landes Ungarn. Eine beson­dere Bri­sanz erhält der Film zudem dadurch, dass Császi als Oppo­si­tio­neller des Orbán-Regimes ein Leben im Exil führt und sein Werk in Ungarn kaum rezi­piert wird. Der Film basiert auf dem Thea­ter­stück Gipsy Hun­ga­rian von Kristóf Horváth, der zudem im Film die Rolle des Regis­seurs ver­kör­pert. Im Zen­trum der Geschichte steht ein fik­tives unga­ri­sches Roma-Thea­ter­en­semble unter der Lei­tung eines weißen namen­losen Regis­seurs. Das Ensemble erar­beitet ein auto­bio­gra­fi­sches Stück, das die per­sön­li­chen Lebens­ge­schichten der Schauspieler*innen the­ma­ti­siert. Im Vor­der­grund steht dabei die Auf­ar­bei­tung trau­ma­ti­scher ras­sis­ti­scher Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­rungen. Schließ­lich wird das Ensemble dazu ein­ge­laden, das Stück im Rahmen eines Fes­ti­vals am Deut­schen Theater in Berlin auf­zu­führen. Die Kon­fron­ta­tion mit der Presse und dem Publikum in Deutsch­land führt zu viel­schich­tigen Kon­flikten, auch inner­halb des Ensem­bles. Beson­ders deut­lich wird dies wäh­rend einer Pres­se­kon­fe­renz, bei der das Ensemble mit ras­sis­ti­schen Fragen kon­fron­tiert wird. Die Schauspieler*innen reagieren, indem sie den Journalist*innen durch pro­vo­kante Rück­fragen ihr ras­sis­ti­sches Ver­halten spie­geln. Die Situa­tion eska­liert schließ­lich derart, dass sich para­do­xer­weise alle anwe­senden Medi­en­leute ange­griffen fühlen und den Raum ver­lassen. Die Absur­dität dieser Dynamik, bei der sich die nicht von Dis­kri­mi­nie­rung betrof­fene Partei dis­kre­di­tiert fühlt, spielt eine zen­trale Rolle im gesamten Film. Horváth ist selbst Ange­hö­riger der Roma, ver­kör­pert im Film jedoch den weißen Regis­seur, was bereits inter­es­sante Fragen nach Bevor­mun­dung und Aneig­nung aufwirft.

Die Rolle des Regis­seurs, die Kristóf Horváth sehr über­zeu­gend inter­pre­tiert, ist beson­ders schil­lernd und ambi­va­lent. In dem Glauben, durch das Stück zur Dekon­struk­tion von Ras­sismus bei­zu­tragen, erreicht er letzt­lich genau das Gegen­teil. Als weiße Person in einer über­ge­ord­neten hier­ar­chi­schen Posi­tion pro­fi­tiert er von den Trau­mata der Ensemble-Mit­glieder, indem er sie wie fremd­ar­tige Objekte scho­nungslos aus­stellt. Seine Rolle ver­weist gewis­ser­maßen auf die Posi­tion, in der sich der Film-Regis­seur Ádám Császi selbst befindet, der eben­falls weiß ist und nicht der Min­der­heit der Roma ange­hört. Jedoch arbeitet Császi mit der großen Her­aus­for­de­rung, die in diesem Wider­spruch liegt, und beweist: Auch aus seiner Posi­tion heraus kann die Ras­sis­mus­kritik im Film funk­tio­nieren. Eines seiner wich­tigsten Werk­zeuge ist dabei das Erzeugen von Brü­chen, auf inhalt­li­cher wie visu­eller Ebene. Ständig werden beim Zusehen eigene Vor­ur­teile ent­larvt und Soli­da­ri­täts­be­kun­dungen dekonstruiert.

So zieht etwa das Schicksal eines Ensemble-Mit­glieds das Publikum kurz­zeitig in seinen Bann und wiegt es in Sicher­heit. Kurz darauf wendet sich das Blatt jedoch wieder und stellt soeben auf­ge­kom­mene Gefühle von Mit­leid bloß, macht den dadurch repro­du­zierten Ras­sismus offen­sicht­lich. Es gibt keinen strin­genten Hand­lungs­ver­lauf, statt­dessen diverse Zeit­sprünge und frag­men­ta­ri­sche, lose zusam­men­hän­gende Szenen.

Hinzu kommt die aus­ge­spro­chen dyna­mi­sche Kamera, die mit eta­blierten Seh­ge­wohn­heiten bricht. Durch über­ra­schende Schwenks und Per­spek­tiv­wechsel sowie lange Ein­stel­lungen kann die Insze­niert­heit der Situa­tion selten ver­gessen werden. Das geschärfte Bewusst­sein über die Media­lität des Films ermög­licht die Distan­zie­rung vom Geschehen, die zur Kon­fron­ta­tion der Zuschauer*innen mit sich selbst und der eigenen Posi­tion führt. Die per­ma­nente Adres­sie­rung der Zuschauer*innen wird außerdem durch das häu­fige Durch­bre­chen der soge­nannten „vierten Wand“ erzeugt. Die Schauspieler*innen nehmen unver­mit­telt Blick­kon­takt zur Kamera auf und adres­sieren das Publikum direkt in ihrer Ansprache. „Three Thousand Num­bered Pieces“ erlaubt somit keine pas­sive Rezep­ti­ons­hal­tung, die die Ver­ant­wor­tung an den Film abgibt.

Der Film pro­vo­ziert, über­schreitet Grenzen, klagt an und birgt das Poten­tial zu ver­är­gern, zu ver­un­si­chern und zu empören. Aller­dings liegt genau darin auch dessen großer Unter­hal­tungs­faktor. Der Film ist keine ankla­gende Moral­pre­digt, son­dern viel­mehr eine scharfe Satire. Immer wieder wird eine bewer­tende Hal­tung ein­ge­for­dert und an die Selbst­re­fle­xion der Zuschau­enden appel­liert. Dabei richtet sich der Film vor­rangig an weiße Men­schen und deren Ver­or­tung im Span­nungs­feld zwi­schen Soli­da­ri­sie­rung und White Saviou­rism. Gemeint ist die anma­ßende Bevor­mun­dung nicht-weißer Men­schen in Form eigen­nüt­ziger Hil­fe­leis­tungen. Die Figur des namen­losen Regis­seurs bietet daher Iden­ti­fi­ka­ti­ons­po­ten­tial für das Publikum, das ständig dazu auf­ge­for­dert wird, die eigene Posi­tion zu hinterfragen.

Als der Theater-Regis­seur den Umzug eines kom­pletten Wohn­hauses einer Roma-Familie auf die deut­sche Bühne ver­an­lasst, wird kul­tu­relle Aneig­nung im ganz wört­li­chen Sinne ver­han­delt. Das Wohn­haus wird in einem unga­ri­schen Dorf in drei­tau­send num­me­rierte Bruch­stücke zer­legt, um danach ori­gi­nal­ge­treu in Berlin wieder auf­ge­baut zu werden. Es drängen sich Fragen nach Kon­tex­tua­li­sie­rung und Dis­kurs­ho­heit auf. Wel­chen Wert hat das Haus auf einer deut­schen Bühne, seinem Ori­gi­nal­kon­text ent­rissen? Hei­ligt der Zweck immer die Mittel? Die Bemü­hungen weißer Men­schen, Stig­ma­ti­sie­rung ent­ge­gen­zu­wirken, indem Betrof­fene bevor­mundet werden, werden hier ad absurdum geführt.

„Three Thousand Num­bered Pieces“ – drei­tau­send num­me­rierte Stücke. Dieser Titel kommt dem Ein­druck ziem­lich nah, mit dem der Film die Zuschauer*innen zurück­lässt: Zer­split­tert in unzäh­lige Asso­zia­tionen, Momente der Erkenntnis und der Ver­wir­rung. Gefühle von Schuld, Wut und Unsi­cher­heit. Klein­tei­lige Frag­mente, die sich ergänzen und abstoßen, sich aus­dehnen oder zer­fallen, je länger sie betrachtet werden. Es scheint zunächst um die Rea­li­sie­rung der eigenen Wahr­neh­mungs­muster zu gehen, was in der Folge zum Ver­stehen gesell­schaft­li­cher Ursa­chen führen kann. Die Selbst­re­fle­xion des Publi­kums steht dabei im Wech­sel­spiel mit der Selbst­re­fle­xi­vität des Films, der sich per­ma­nent selbst hinterfragt.

Den­noch: Der Anspruch, durch den Film ein­deu­tige Ant­worten auf all die ent­stan­denen Fragen zu erhalten, ist zum Schei­tern ver­ur­teilt. Aller­dings ist es genau diese Unein­deu­tig­keit, die den Film trägt. Császis mutiges Werk ver­steht es, dem Publikum einen Spiegel vor­zu­halten. Das Spie­gel­bild fällt erschre­ckend aus und ver­deut­licht: Ras­sismus beginnt viel­leicht nicht beim Indi­vi­duum, aber er setzt sich darin fort und muss auch genau von dort aus über­wunden werden.

Császi, Ádám: Three Thousand Num­bered Pieces, Ungarn, 2022, 96 Min.

Bei­trags­bild: Three Thousand Num­bered Pieces, Film­still. Bild­quelle: Tal­linn Black Nights Film Fes­tival (Pime­date Ööde fil­mi­fes­tival, PÖFF), https://poff.ee/en/film/three-thousand-numbered-pieces/.

Bilder im Bei­trag: Three Thousand Num­bered Pieces, Film­stills. Bild­quelle: Tal­linn Black Nights Film Fes­tival (Pime­date Ööde fil­mi­fes­tival, PÖFF), https://poff.ee/en/film/three-thousand-numbered-pieces/ & © Zsofia Sivak, Bild­quelle: https://magyar.film.hu/filmhu/hir/farkas-franciska-szurrealis-szinhazi-turne-forog-csaszi-adam-uj-mozifilmje.html.