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„Es waren, frei nach Shakespeare, die Tauben und nicht der Pleitegeier“

Posted on 31. Mai 2017 by Miroslav Grimm
Mit "Superheldinnen" hat Barbi Marković einen hoffnungslosen und zugleich optimistischen Roman abgeliefert. Er besticht mit Witz und dezidierten Pop-Qualitäten. Was es mit der Gegenüberstellung von Tauben und dem Pleitegeier auf sich hat, offenbart sich zum Ende des Romans und ließe sich mit dem Kalauer „ist das Glas halb leer oder halb voll?“ umschreiben. Oder anders gesagt: Als Rezensent sollte ich nicht spoilern und tue es doch!

Die in Belgrad geborene und seit zehn Jahren in Wien lebende Autorin Barbi Marković, die 2012 auch Stadtschreiberin in Graz war, hat 2016 mit „Superheldinnen“ einen hoffnungslosen und zugleich optimistischen Roman abgeliefert. Er besticht mit Witz und dezidierten Pop-Qualitäten. Was es mit der Gegenüberstellung von Tauben und dem Pleitegeier auf sich hat, offenbart sich zum Ende des Romans und ließe sich mit dem Kalauer „ist das Glas halb leer oder halb voll?“ umschreiben. Oder anders gesagt: Als Rezensent sollte ich nicht spoilern und tue es doch!


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Die drei Protagonistinnen aus Superheldinnen treffen sich jeden Samstag in einem trostlosen, heruntergekommenen Wiener Vorstadtcafé. Dass es sich nach der Adresse „Siebenbrunnengasse“ – holprig übersetzt und italienische Eleganz vorgebend – „Sette Fontane“ nennt, macht die finanzielle und soziale Situation der drei Frauen kaum erträglicher.

Sie, vom Krieg noch beeinträchtigte Frauen Mitte dreißig aus dem ehemaligen Jugoslawien, träumen in Österreich vom Aufstieg in die bürgerliche Mittelschicht. Doch der permanente Geldmangel und die prekäre Einkommenssituation als freie Autorinnen in Diensten einer dubiosen Zeitschrift mit dem Namen „Astroblick“ lässt sie gerade noch nicht unter die Armutsgrenze fallen. Unter der Armutsgrenze aber warten schon die Wiener Tauben, die, wenn es sein muss, auch Erbrochenes fressen. Als Leitmotiv durchziehen sie den Romantext. Sie tauchen als Symbol der großstädtischen Boheme – der verarmten, aber produktiven Künstlerschaft – an Schlüsselstellen auf oder fliegen, treffender gesagt, ein. Bei Auftreten von Problemen werden sie in Superheldinnen gar als „verstärkte Taubendichte“ wahrgenommen.

 

„...unsere Kräfte waren auf eine gewisse Weise dark“

Die Superheldinnen Mascha, „sattelfest in Magie wie auch im Sozialbereich“, Direktorka, „mit dem Potential für etwas Großes in sich“, und die Ich-Erzählerin, „enttäuscht vom Leben und mit einem dehnbaren Gewissen“, verfügen über zwei übersinnliche Fähigkeiten: den „Blitz des Schicksals“ und die „Auslöschung“. Sie haben sie von ihren parapsychologisch begabten Nachbarinnen und Großmüttern aus Belgrad und Sarajevo geerbt, die damit sogar Wirtschaftskrisen auszulösen vermochten.

Beide Superkräfte lassen die Superheldinnen allwöchentlich ausgewählten Personen angedeihen. Mit einem gebündelten Energiestrom können sie Personen entweder mit dem Blitz in eine bessere Welt befördern oder sie aus der Erinnerung aller löschen. Die Fähigkeit, jemanden „zum Teufel zu schicken“ oder ihm eine „Freifahrt zur Hölle“ zu spendieren, sowie diejenige, vom Leben gebeutelte Kreaturen, als welche die Protagonistinnen auch sich selbst sehen, wieder aufzurichten, unterstreicht die eigentliche Ohnmacht der ‚Superheldinnen’.

 

„...unsere Herkunft war nicht unser Lieblingsthema“

Mascha, Direktorka und „Ich“, „aus Hauptstädten ärmerer benachbarter Länder“ nach Wien gezogen, steht schon ihr Akzent im Wege, denn fast jede zufällige Bekanntschaft führt unweigerlich zu einem unliebsamen Gespräch über die Herkunft. Der bürgerlichen Mittelschicht fühlen sie sich „dem Herzen jedenfalls, nicht jedoch dem Budget nach zugehörig“. Selbst das autochthone Proletariat hat für sie nur Verachtung übrig. Es ist klar, dass „diejenigen, die wenig hatten, Angst vor jenen hatten, die wenig zu verlieren hatten.“ Diese sozialpolitische Feststellung lässt sich auch drastischer mit einem Sager ausdrücken: „Wenn du bis Oberkante-Unterlippe im Dreck steckst, bewege dich nicht, um keine Wellen zu verursachen. Das könnte böse Folgen haben.“ Und sie bewegen sich nicht, erdulden stattdessen, ausgenutzt zu werden. Man prellt sie um ihre mickrigen Löhne, doch „trotz regelmäßiger Demütigungen“ wahren sie „die Contenance.“

Über die ernüchternde Vorgeschichte der Superheldinnen erfährt man im typisch unaufgeregten und dadurch immens tragisch-witzigen Barbi-Ton, dass Direktorka zunächst als Kellnerin arbeitete. Alseine Aktivistengruppe aus Serbien sie für Kurzfilme zu den „Themenschwerpunkten Menschenrechte und Minderheiten“ einspannt,  erkennt sie bald, „dass Qualität vielleicht noch nie ein Kriterium der engagierten Kunst gewesen ist“ und kehrt hinter den Tresen zurück.

 

Graz, Alexanderplatz

Direktorkas geplanten Fortzug nach Berlin verhindert die Ich-Erzählerin mit der Schilderung der eigenen „Flucht“ nach Berlin, bei der sich alle Hoffnungen auf ein besseres Leben bereits auf dem Alexanderplatz zerschlagen. Die Einsamkeit in der Berliner Eiseskälte und die gesichtslose Masse der eilenden Menschen stehen für sie im Widerspruch zu den grellen Reklamen, die ein sorgenfreies Leben vorgaukeln. An dieser Stelle kommt die Grazer Stadtschreiberin in Barbi Marković besonders durch, die auch in Superheldinnen immer wieder Werbetexte einfügt. Bereits in ihrem 2012 erschienen Roman Graz, Alexanderplatz hatte Marković ‚abgeschrieben’, was sie in mehreren Städten auf zentralen Plätzen gesehen hat. Den Entschluss, mit dem nächsten Bus zurück nach Wien zu fahren, fasst die Protagonistin, als ein Unbekannter sie als Prostituierte anspricht und mit ihr ins Geschäft kommen will.

Als Leser könnte man hier versucht sein, Parallelen zwischen schriftstellerischen Auftragsarbeiten und einem anrüchigen Gewerbe zu ziehen. Graz, Alexanderplatz (Leykam-Verlag 2012), das den Grazern versprochene Stadtschreiber-Projekt, kam lange nicht an die fesselnde Qualität von Markovićs erstem, auf Serbisch verfassten und an Thomas Bernhards Erzählung Gehen angelehnten Roman Izlaženje (2006, Ausgehen, dt. 2009) heran. Ihre langjährige Übersetzerin, Mascha Dabić, die damals Ausgehen für Suhrkamp ins Deutsche übertrug und auch die serbischen Teile des in zwei Sprachen geschriebenen Romans Superheldinnen übersetzte, stellt übrigens die deutlich wiedererkennbare Vorlage für die gleichnamige Figur.

 

Showdown im Casino – oder wie man sich Wohlstand ehrlich erarbeitet

Es ist dann auch Mascha, die an ihrem letzten Abend im schäbigen „Sette Fontane“ die ersehnte Wende mit drei Casino-Gutscheinen in ihr Leben bringt. Die nach finanzieller Freiheit lechzenden Frauen beschließen, ihre paranormalen Fähigkeiten zu bündeln und im Casino zum Einsatz zu bringen. Die Tauben, Repräsentantinnen des von den kärglichen Resten der Gesellschaft lebenden Prekariats, unternehmen ihren letzten Angriff, um sie den Verhältnissen nicht entkommen zu lassen. Nacheinander fliegen sie – Hitchcock lässt grüßen – an die Scheibe des „Sette Fontane“ und stürzen verletzt oder tot auf den Gehsteig. Von jetzt an ist es aus mit dem Konsum von Erbrochenem, das endlich durch Kaffee, Eisbecher und Nahrungsergänzungsmittel aus der Apotheke ersetzt werden kann.

Als Milieustudie ist Barbi Markovićs Roman an Zynismus kaum zu überbieten: Das Casino am Romanende bietet weder mondänes Flair noch elegant gekleidete Gäste, dafür aber kaputte Typen in Jogginghosen, die vergeblich hoffen, ihr Leben verändern zu können. Haben Glücksspiele da Hochsaison, wo man die Hoffnung verloren hat, mit ehrlicher Arbeit zur Mittelklasse aufzusteigen und seine finanziellen Probleme lösen zu können? Oder ist es ohnehin obsolet, von der ehrlichen Arbeit zu räsonieren?

 

Literaturpreise als Klopapierhalter

Barbi Marković erhielt für Superheldinnen den Literaturpreis Alpha 2016 sowie den Förderpreis des Adelbert-von-Chamisso-Preises 2017, weil sie laut Laudatio „anders“ von den Arbeitsbedingungen der heutigen Zeit schreibt. Ein Schelm, der Böses dabei denkt, dass der Literaturpreis Alpha von den Casinos Austria gestiftet wurde. Als Klopapierablage und witziger Kommentar zum product-placement taucht der Alpha-Literaturpreis im Hintergrund des Preisträger-Videos wieder auf, das die Bosch-Stiftung von Barbi Marković ins Internet gestellt hat.

 

literaturpreis_klopapierhalter

 

Mascha, Direktorka und die Ich-Erzählerin gewinnen beim Roulette und als sie das Casino verlassen, hat sich die Taubendichte normalisiert. Ihre unnötig gewordenen Superkräfte sind verloren, doch der beträchtliche Gewinn ermöglicht ihnen das erträumte „Leben im Mittelstand“. „Begeistert vom Geschmack ihres Eisbechers“ haben sie vor, nun mit dem echten Leben anzufangen. „Was sollen wir anfangen? fragt Direktorka. Uns zu interessieren, sage ich. Für das Weltall, für Politik oder für Gartenkunst.“

 

„ein neoliberales Roboterselftrackerastronautenhappyend“

Barbi Marković serviert uns hier ein halb leeres, halb volles Superheldinnen-Glas. Sie kommt nicht mit der berüchtigten Keule der Gesellschaftskritik daher. Was bedeutet es, wenn das Recht auf Mittelschicht hier ohne jegliche Revolutionsromantik eingeklagt wird? Die Superheldinnen, klassische Antiheldinnen, wollen nicht für eine bessere Welt kämpfen, sondern einfach nur sorgenfrei leben, shoppen und keine Angst mehr vor Handyrechnungen haben. Hat nicht auch die österreichische Mittelschicht ihren Wohlstand, ohne ihn erstreiten zu müssen, in den Schoß gelegt bekommen?

„Später, als Mascha aus der Kabine herauskommt, hält sie zehn unterschiedliche Sommerkleider in der Hand. Es wäre dumm von mir, alle zehn zu kaufen, sagt sie, was denkt ihr? Wir unterstützen einander bei leichten Entscheidungen. Du kannst niemals zu viele Sommerkleider haben, sage ich. Wir bezahlen wieder mit unseren Karten und haben keine Angst, es könnte zu wenig Geld auf dem Konto sein.“

Die Bühnenfassung von Superheldinnen wird seit Februar 2017 am Wiener Volkstheater gespielt. Scheint, dass Barbi Marković etwas zu sagen hat.

 

Marković, Barbi: Superheldinnen. Teilweise übersetzt von Mascha Dabić. Salzburg/Wien: Residenzverlag, 2016.

 

Weiterführende Links:
Video mit Barbi Marković anlässlich der Verleihung des Adelbert-von-Chamisso-Förderpreises 2017, veröffentlicht von der Robert Bosch Stiftung.
novinki-Interview mit Barbi Marković vom 19.04.2012: „Textwiederverwertung ist für mich einfach ganz normal...“

 

Weitere Literatur von Barbi Marković:
Izlaženje. Beograd: Rende, 2006.
Ausgehen. Aus dem Serbischen von Mascha Dabić. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009.
Graz, Alexanderplatz. Graz: Leykam-Verlag, 2012.

„Es waren, frei nach Shakespeare, die Tauben und nicht der Pleitegeier“ - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Es waren, frei nach Shake­speare, die Tauben und nicht der Pleitegeier“

Die in Bel­grad gebo­rene und seit zehn Jahren in Wien lebende Autorin Barbi Mar­ković, die 2012 auch Stadt­schrei­berin in Graz war, hat 2016 mit „Super­hel­dinnen“ einen hoff­nungs­losen und zugleich opti­mis­ti­schen Roman abge­lie­fert. Er besticht mit Witz und dezi­dierten Pop-Qua­li­täten. Was es mit der Gegen­über­stel­lung von Tauben und dem Plei­te­geier auf sich hat, offen­bart sich zum Ende des Romans und ließe sich mit dem Kalauer „ist das Glas halb leer oder halb voll?“ umschreiben. Oder anders gesagt: Als Rezen­sent sollte ich nicht spoi­lern und tue es doch!


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Die drei Prot­ago­nis­tinnen aus Super­hel­dinnen treffen sich jeden Samstag in einem trost­losen, her­un­ter­ge­kom­menen Wiener Vor­stadt­café. Dass es sich nach der Adresse „Sie­ben­brun­nen­gasse“ – holprig über­setzt und ita­lie­ni­sche Ele­ganz vor­ge­bend – „Sette Fon­tane“ nennt, macht die finan­zi­elle und soziale Situa­tion der drei Frauen kaum erträglicher.

Sie, vom Krieg noch beein­träch­tigte Frauen Mitte dreißig aus dem ehe­ma­ligen Jugo­sla­wien, träumen in Öster­reich vom Auf­stieg in die bür­ger­liche Mit­tel­schicht. Doch der per­ma­nente Geld­mangel und die pre­käre Ein­kom­mens­si­tua­tion als freie Autorinnen in Diensten einer dubiosen Zeit­schrift mit dem Namen „Astro­b­lick“ lässt sie gerade noch nicht unter die Armuts­grenze fallen. Unter der Armuts­grenze aber warten schon die Wiener Tauben, die, wenn es sein muss, auch Erbro­chenes fressen. Als Leit­motiv durch­ziehen sie den Roman­text. Sie tau­chen als Symbol der groß­städ­ti­schen Boheme – der ver­armten, aber pro­duk­tiven Künst­ler­schaft – an Schlüs­sel­stellen auf oder fliegen, tref­fender gesagt, ein. Bei Auf­treten von Pro­blemen werden sie in Super­hel­dinnen gar als „ver­stärkte Tau­ben­dichte“ wahrgenommen.

 

„…unsere Kräfte waren auf eine gewisse Weise dark“ 

Die Super­hel­dinnen Mascha, „sat­tel­fest in Magie wie auch im Sozi­al­be­reich“, Direk­torka, „mit dem Poten­tial für etwas Großes in sich“, und die Ich-Erzäh­lerin, „ent­täuscht vom Leben und mit einem dehn­baren Gewissen“, ver­fügen über zwei über­sinn­liche Fähig­keiten: den „Blitz des Schick­sals“ und die „Aus­lö­schung“. Sie haben sie von ihren para­psy­cho­lo­gisch begabten Nach­ba­rinnen und Groß­müt­tern aus Bel­grad und Sara­jevo geerbt, die damit sogar Wirt­schafts­krisen aus­zu­lösen vermochten.

Beide Super­kräfte lassen die Super­hel­dinnen all­wö­chent­lich aus­ge­wählten Per­sonen ange­deihen. Mit einem gebün­delten Ener­gie­strom können sie Per­sonen ent­weder mit dem Blitz in eine bes­sere Welt beför­dern oder sie aus der Erin­ne­rung aller löschen. Die Fähig­keit, jemanden „zum Teufel zu schi­cken“ oder ihm eine „Frei­fahrt zur Hölle“ zu spen­dieren, sowie die­je­nige, vom Leben gebeu­telte Krea­turen, als welche die Prot­ago­nis­tinnen auch sich selbst sehen, wieder auf­zu­richten, unter­streicht die eigent­liche Ohn­macht der ‚Super­hel­dinnen’.

 

„…unsere Her­kunft war nicht unser Lieblingsthema“

Mascha, Direk­torka und „Ich“, „aus Haupt­städten ärmerer benach­barter Länder“ nach Wien gezogen, steht schon ihr Akzent im Wege, denn fast jede zufäl­lige Bekannt­schaft führt unwei­ger­lich zu einem unlieb­samen Gespräch über die Her­kunft. Der bür­ger­li­chen Mit­tel­schicht fühlen sie sich „dem Herzen jeden­falls, nicht jedoch dem Budget nach zuge­hörig“. Selbst das auto­chthone Pro­le­ta­riat hat für sie nur Ver­ach­tung übrig. Es ist klar, dass „die­je­nigen, die wenig hatten, Angst vor jenen hatten, die wenig zu ver­lieren hatten.“ Diese sozi­al­po­li­ti­sche Fest­stel­lung lässt sich auch dras­ti­scher mit einem Sager aus­drü­cken: „Wenn du bis Ober­kante-Unter­lippe im Dreck steckst, bewege dich nicht, um keine Wellen zu ver­ur­sa­chen. Das könnte böse Folgen haben.“ Und sie bewegen sich nicht, erdulden statt­dessen, aus­ge­nutzt zu werden. Man prellt sie um ihre mick­rigen Löhne, doch „trotz regel­mä­ßiger Demü­ti­gungen“ wahren sie „die Contenance.“

Über die ernüch­ternde Vor­ge­schichte der Super­hel­dinnen erfährt man im typisch unauf­ge­regten und dadurch immens tra­gisch-wit­zigen Barbi-Ton, dass Direk­torka zunächst als Kell­nerin arbei­tete. Alseine Akti­vis­ten­gruppe aus Ser­bien sie für Kurz­filme zu den „The­men­schwer­punkten Men­schen­rechte und Min­der­heiten“ ein­spannt,  erkennt sie bald, „dass Qua­lität viel­leicht noch nie ein Kri­te­rium der enga­gierten Kunst gewesen ist“ und kehrt hinter den Tresen zurück.

 

Graz, Alex­an­der­platz

Direk­torkas geplanten Fortzug nach Berlin ver­hin­dert die Ich-Erzäh­lerin mit der Schil­de­rung der eigenen „Flucht“ nach Berlin, bei der sich alle Hoff­nungen auf ein bes­seres Leben bereits auf dem Alex­an­der­platz zer­schlagen. Die Ein­sam­keit in der Ber­liner Eises­kälte und die gesichts­lose Masse der eilenden Men­schen stehen für sie im Wider­spruch zu den grellen Reklamen, die ein sor­gen­freies Leben vor­gau­keln. An dieser Stelle kommt die Grazer Stadt­schrei­berin in Barbi Mar­ković beson­ders durch, die auch in Super­hel­dinnen immer wieder Wer­be­texte ein­fügt. Bereits in ihrem 2012 erschienen Roman Graz, Alex­an­der­platz hatte Mar­ković ‚abge­schrieben’, was sie in meh­reren Städten auf zen­tralen Plätzen gesehen hat. Den Ent­schluss, mit dem nächsten Bus zurück nach Wien zu fahren, fasst die Prot­ago­nistin, als ein Unbe­kannter sie als Pro­sti­tu­ierte anspricht und mit ihr ins Geschäft kommen will.

Als Leser könnte man hier ver­sucht sein, Par­al­lelen zwi­schen schrift­stel­le­ri­schen Auf­trags­ar­beiten und einem anrü­chigen Gewerbe zu ziehen. Graz, Alex­an­der­platz (Leykam-Verlag 2012), das den Gra­zern ver­spro­chene Stadt­schreiber-Pro­jekt, kam lange nicht an die fes­selnde Qua­lität von Mar­ko­vićs erstem, auf Ser­bisch ver­fassten und an Thomas Bern­hards Erzäh­lung Gehen ange­lehnten Roman Izlaženje (2006, Aus­gehen, dt. 2009) heran. Ihre lang­jäh­rige Über­set­zerin, Mascha Dabić, die damals Aus­gehen für Suhr­kamp ins Deut­sche über­trug und auch die ser­bi­schen Teile des in zwei Spra­chen geschrie­benen Romans Super­hel­dinnen über­setzte, stellt übri­gens die deut­lich wie­der­erkenn­bare Vor­lage für die gleich­na­mige Figur.

 

Show­down im Casino – oder wie man sich Wohl­stand ehr­lich erarbeitet

Es ist dann auch Mascha, die an ihrem letzten Abend im schä­bigen „Sette Fon­tane“ die ersehnte Wende mit drei Casino-Gut­scheinen in ihr Leben bringt. Die nach finan­zi­eller Frei­heit lech­zenden Frauen beschließen, ihre para­nor­malen Fähig­keiten zu bün­deln und im Casino zum Ein­satz zu bringen. Die Tauben, Reprä­sen­tan­tinnen des von den kärg­li­chen Resten der Gesell­schaft lebenden Pre­ka­riats, unter­nehmen ihren letzten Angriff, um sie den Ver­hält­nissen nicht ent­kommen zu lassen. Nach­ein­ander fliegen sie – Hitch­cock lässt grüßen – an die Scheibe des „Sette Fon­tane“ und stürzen ver­letzt oder tot auf den Geh­steig. Von jetzt an ist es aus mit dem Konsum von Erbro­chenem, das end­lich durch Kaffee, Eis­be­cher und Nah­rungs­er­gän­zungs­mittel aus der Apo­theke ersetzt werden kann.

Als Milieu­studie ist Barbi Mar­ko­vićs Roman an Zynismus kaum zu über­bieten: Das Casino am Roma­nende bietet weder mon­dänes Flair noch ele­gant geklei­dete Gäste, dafür aber kaputte Typen in Jog­ging­hosen, die ver­geb­lich hoffen, ihr Leben ver­än­dern zu können. Haben Glücks­spiele da Hoch­saison, wo man die Hoff­nung ver­loren hat, mit ehr­li­cher Arbeit zur Mit­tel­klasse auf­zu­steigen und seine finan­zi­ellen Pro­bleme lösen zu können? Oder ist es ohnehin obsolet, von der ehr­li­chen Arbeit zu räsonieren?

 

Lite­ra­tur­preise als Klopapierhalter

Barbi Mar­ković erhielt für Super­hel­dinnen den Lite­ra­tur­preis Alpha 2016 sowie den För­der­preis des Adel­bert-von-Cha­misso-Preises 2017, weil sie laut Lau­datio „anders“ von den Arbeits­be­din­gungen der heu­tigen Zeit schreibt. Ein Schelm, der Böses dabei denkt, dass der Lite­ra­tur­preis Alpha von den Casinos Aus­tria gestiftet wurde. Als Klo­pa­pier­ab­lage und wit­ziger Kom­mentar zum pro­duct-pla­ce­ment taucht der Alpha-Lite­ra­tur­preis im Hin­ter­grund des Preis­träger-Videos wieder auf, das die Bosch-Stif­tung von Barbi Mar­ković ins Internet gestellt hat.

 

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Mascha, Direk­torka und die Ich-Erzäh­lerin gewinnen beim Rou­lette und als sie das Casino ver­lassen, hat sich die Tau­ben­dichte nor­ma­li­siert. Ihre unnötig gewor­denen Super­kräfte sind ver­loren, doch der beträcht­liche Gewinn ermög­licht ihnen das erträumte „Leben im Mit­tel­stand“. „Begeis­tert vom Geschmack ihres Eis­be­chers“ haben sie vor, nun mit dem echten Leben anzu­fangen. „Was sollen wir anfangen? fragt Direk­torka. Uns zu inter­es­sieren, sage ich. Für das Weltall, für Politik oder für Gartenkunst.“

 

„ein neo­li­be­rales Roboterselftrackerastronautenhappyend“

Barbi Mar­ković ser­viert uns hier ein halb leeres, halb volles Super­hel­dinnen-Glas. Sie kommt nicht mit der berüch­tigten Keule der Gesell­schafts­kritik daher. Was bedeutet es, wenn das Recht auf Mit­tel­schicht hier ohne jeg­liche Revo­lu­ti­ons­ro­mantik ein­ge­klagt wird? Die Super­hel­dinnen, klas­si­sche Anti­hel­dinnen, wollen nicht für eine bes­sere Welt kämpfen, son­dern ein­fach nur sor­gen­frei leben, shoppen und keine Angst mehr vor Han­dy­rech­nungen haben. Hat nicht auch die öster­rei­chi­sche Mit­tel­schicht ihren Wohl­stand, ohne ihn erstreiten zu müssen, in den Schoß gelegt bekommen?

„Später, als Mascha aus der Kabine her­aus­kommt, hält sie zehn unter­schied­liche Som­mer­kleider in der Hand. Es wäre dumm von mir, alle zehn zu kaufen, sagt sie, was denkt ihr? Wir unter­stützen ein­ander bei leichten Ent­schei­dungen. Du kannst nie­mals zu viele Som­mer­kleider haben, sage ich. Wir bezahlen wieder mit unseren Karten und haben keine Angst, es könnte zu wenig Geld auf dem Konto sein.“

Die Büh­nen­fas­sung von Super­hel­dinnen wird seit Februar 2017 am Wiener Volks­theater gespielt. Scheint, dass Barbi Mar­ković etwas zu sagen hat.

 

Mar­ković, Barbi: Super­hel­dinnen. Teil­weise über­setzt von Mascha Dabić. Salzburg/Wien: Resi­denz­verlag, 2016.

 

Wei­ter­füh­rende Links:
Video mit Barbi Mar­ković anläss­lich der Ver­lei­hung des Adel­bert-von-Cha­misso-För­der­preises 2017, ver­öf­fent­licht von der Robert Bosch Stiftung.
novinki-Inter­view mit Barbi Mar­ković vom 19.04.2012: „Text­wie­der­ver­wer­tung ist für mich ein­fach ganz normal…“

 

Wei­tere Lite­ratur von Barbi Mar­ković:
Izlaženje. Beograd: Rende, 2006.
Aus­gehen. Aus dem Ser­bi­schen von Mascha Dabić. Frank­furt am Main: Suhr­kamp, 2009.
Graz, Alex­an­der­platz. Graz: Leykam-Verlag, 2012.