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Über das Bedürfnis nach einem Gespräch in Zeiten von Social Media und über die Kunst der Reportage in Polen

Posted on 10. Juli 2016 by Dominika Herbst
Włodzimierz Nowak, 1958 in Poznań geboren, ist ein polnischer Autor und Journalist. Er arbeitet seit 1993 als Reporter für die wichtigste polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza und ist dort Chefredakteur des Reportagemagazins Duży Format („Großes Format“). Bekannt wurde er in Polen und in Deutschland mit seinen literarischen Reportagen Obwód głowy (2007, dt. Die Nacht von Wildenhagen: zwölf deutsch-polnische Schicksale, 2009).

Interview mit Włodzimierz Nowak

Włodzimierz Nowak, 1958 in Poznań geboren, ist ein polnischer Autor und Journalist. Er arbeitet seit 1993 als Reporter für die wichtigste polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza und ist dort Chefredakteur des Reportagemagazins Duży Format („Großes Format“). Bekannt wurde er in Polen und in Deutschland mit seinen literarischen Reportagen Obwód głowy (2007, dt. Die Nacht von Wildenhagen: zwölf deutsch-polnische Schicksale, 2009). 2016 erschien sein zweites Buch Serce narodu koło przystanku (2009) auf Deutsch unter dem Titel Das Herz der Nation an der Bushaltestelle, in dem er das Alltagsleben in der polnischen Provinz porträtiert. Für seine Reportagen wurde Nowak mit dem Preis des Polnischen Journalistenverbands, dem Deutsch-Polnischen Journalistenpreis und 2010 gemeinsam mit seiner Übersetzerin Joanna Manc mit dem Georg-Dehio-Ehrenpreis ausgezeichnet.

Wir sprachen mit Włodzimierz Nowak im Rahmen des „Polnischen Jahres“ an der Universität Potsdam über das Genre der literarischen Reportage und seine besondere Popularität in Polen sowie über die Rolle des Reporters und die Kunst des Zuhörens.

 

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Foto: Franziska Koch.

 

Die literarische Reportage

 

novinki: Herr Nowak, Sie leiten die Redaktion des Reportagemagazins "Duży Format" der "Gazeta Wyborcza", das jeden Donnerstag beinahe in einem Buchumfang erscheint. Auf der Liste der diesjährigen Nominierungen für den "NIKE-Preis", dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, sind gleich sieben Reportage-Bände zu finden. Wie erklären Sie sich den Erfolg der literarischen Reportage in Polen?

 

Włodzimierz Nowak: Die Schriftsteller protestieren schon, denn der NIKE-Preis ist die höchste Auszeichnung im Bereich der Literatur in Polen. Jedes Jahr schaffen es ein paar Reportage-Bücher auf die Liste der Nominierten, aber in diesem Jahr ist die Gattung überrepräsentiert, so dass es wirklich einen Wettstreit zwischen Autoren und Reportern geben wird.

 

n.: Was macht diese steigende oder besser gesagt anhaltende enorme Wertschätzung der Reportage aus Ihrer Sicht aus?

 

W.N.: In Polen kann man wirklich von einem anhaltenden Boom der Reportage sprechen. Es gibt neben dem NIKE-Preis auch noch den Ryszard-Kapuściński-Preis, der für das beste Reportage-Buch des Jahres verliehen wird. Dass Reportage-Bücher ihre Leser finden, ist aus meiner Sicht noch durchaus verständlich, aber dass die Zeitungsreportage weiter Bestand und einen festen Platz in der Tageszeitung hat, ist wirklich erstaunlich. Das Magazin Duży Format war zunächst als reines Reporter-Magazin gedacht. Außer Reportagen gibt es hier aber auch Interviews, darunter eine spezielle Form des Interviews, die eher eine Art Porträt ist. Auch Feuilletons, kürzere reportagenhafte Betrachtungen eines Wojciech Tochman oder Mariusz Szczygieł, werden hier veröffentlicht. Wir stehen allerdings in einem ständigen Wettbewerb mit den sozialen Medien, mit Facebook, Twitter und anderen Formen der schnellen Nachrichtenkommunikation.

 

n.: Wie entsteht eine Zeitungsreportage?

 

W.N.: Zunächst muss der Reporter für ein paar Tage (manchmal auch Wochen) die Redaktion verlassen und sich auf die Reise begeben, er muss seine Helden treffen, sich für sie Zeit nehmen, sich mit den Orten und Menschen vertraut machen. Dann ordnet er das Material, macht sich Gedanken über die entsprechende Form, was weitere zwei-drei Tage dauert. Das heißt, man braucht mindestens eine Woche, bis eine Reportage fertig ist. Hinzu kommt, dass, wenn der Reporter von seiner Reise zurückkehrt, das Ereignis, was Anlass seiner Reise war, schon längst vergessen ist, und er den Leser erst wieder daran erinnern muss, was vor einer Woche, also gefühlt vor hundert Jahren passiert ist. Diese Art der Reportage ist auch sehr teuer, da es nicht bei einem Anruf oder ein paar Recherchen im Internet bleibt, sondern meistens eine mehrtägige Reise erforderlich ist.

 

n.: Bei der literarischen Reportage handelt es sich um ein besonderes Genre zwischen Literatur und Journalistik. Bereits vor dem Krieg, in den 1920er und 1930er Jahren, hatten die Reportagen als Literaturgattung in Polen eine hohe Konjunktur. Zu Zeiten der Volksrepublik Polen sprach man bereits von einer „polnischen Schule der Reportage“. Welche „Reportage-Schule“ ist Ihnen wichtig? In welcher Tradition sehen Sie ihr eigenes Schreiben?

 

W.N.: Es ist schwer, die Masse an Reportagen, die in den letzten Jahrzehnten erschienen ist, eindeutig bestimmten „Schulen“ zuzuordnen. Das mischt sich alles, inspiriert und beeinflusst sich gegenseitig. Ganz deutlich kann man nur den Stamm unterscheiden: die drei großen K: Krall, Kapuściński, Kąkolewski. Ich würde dann noch ein Sz wie Szejnert hinzufügen, die eine Art Reportagen-Fresko praktiziert, oder mit ihren Worten ausgedrückt: eine sich aus mehreren Handlungssträngen, reich an Verzierungen, zusammensetzende Stickerei schafft. Das ist meine Meisterin, von ihr habe ich das Handwerk des Reportageschreibens gelernt. Einen ganz eigenen Stil, bei dem der Autor-Reporter im Vordergrund steht, prägte Jacek Hugo-Bader. Er ist selbst Teil der Ereignisse und kommentiert sie zugleich. Er erinnert dabei ein wenig an Wallraff.
Vor kurzem war ich auf einem Reportertreffen in der Nähe von Kazimierz, einer privaten Veranstaltung, organisiert von Małgorzata Szejnert, in ihrem Landhaus am Ufer der Weichsel. Einer der Reporter erinnerte sich, wie Szejnert als Redaktionsleiterin bei der Gazeta Wyborcza den jungen Mariusz Szczygieł und Wojciech Tochman „ent-krallen“ musste. Wir alle waren sehr stark beeinflusst von Hanna Krall und ihrer Art des Erzählens. Was wiederum die jungen Reporter betrifft, orientieren sie sich stark an Mariusz Szczygieł. Er hat viele Jahre das Magazin Duży Format geleitet und als Redakteur die nächste Generation geprägt. Szczygieł ist sicherlich einer der bekanntesten und populärsten Reporter-Autoren in Polen, zu dem die jungen Leute hochschauen. Ich persönlich schätze die Reportagen von Lidia Ostałowska, ihr feines Gespür für die Gesellschaft und ihr Gehör für die kleinen und wichtigen Themen und Geschichten des Landes. Sie hat ihre ganz eigene Nische innerhalb der polnischen Reportage gefunden, die ich wichtig finde und die mir zugleich sehr nah ist.

 

n.: Worin besteht das Erfolgsrezept der literarischen Reportage in Polen? Weder die Zensur in den Zeiten der Volksrepublik noch die Konkurrenz mit den neuen Medien haben das Genre untergehen lassen. Wie erklären Sie sich die Unverwüstlichkeit der Reportage?

 

W.N.: Dazu könnte ich viel sagen. Paradoxerweise ist es tatsächlich so, dass die Zensur in der Volksrepublik die Reportage eher beflügelt hat: das Sprechen zwischen den Zeilen, die metaphorische Sprache und die Aufmerksamkeit für die Details, die auf ein größeres Bild oder einen Universalismus verweisen. Ein Beispiel hierfür wäre Ryszard Kapuścińskis Reportage Heban (dt. Afrikanisches Fieber) über einen äthiopischen Kaiser, die alle als Kritik am sozialistischen Staat lasen. Es war natürlich nicht möglich, über das Regime, die Unterdrückung und die Mangelwirtschaft dieses fatalen Systems zu schreiben. Aber man konnte – pars pro toto – am konkreten Beispiel eines Fabrikdirektors und der unter ihm leidenden Arbeiterin eine Geschichte erzählen, die gleichzeitig nicht nur ein persönliches Schicksal abbildete, sondern auch das ganze System indirekt in Frage stellte. Problematisch wurde es erst, als die Zensur wegfiel. Die Reportage hätte eigentlich gemeinsam mit dem sozialistischen System untergehen müssen.

 

n.: Ja, genau. Das tat sie aber nicht…

 

W.N.: Nein, denn die Menschen haben immer noch das starke Bedürfnis nach einem authentischen Gespräch und der Geschichte eines Gegenübers, der man mit Spannung lauschen kann. Durch die Geschichte des Helden kann man Welten Anderer betreten und sich wichtigen oder interessanten Geschichten nähern, die für einen selbst, für die eigene Gegenwart relevant sind. Deshalb überlebte die Reportage bis heute trotz Twitter und anderer sozialer Medien.

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Lesung im Literaturladen Wist im Rahmen des „Polnischen Jahres“ an der Universität Potsdam. Foto: Franziska Koch

 

Der Reporter als Zuhörer und Zeuge

 

n.: Was passiert eigentlich in diesem „authentischen“ Gespräch zwischen dem Interviewer und der interviewten Person?

 

W.N.: In den langen Gesprächen zwischen Reporter und Helden entsteht eine besondere Situation, die einer Beichte gleicht, und die den Leser zu einem Zeugen dieses Bekenntnisses werden lässt. Er nimmt Anteil an den Emotionen und Stimmungen des Gesprächs und der oft fast hypnotischen Spannung zwischen Reporter und seinem Gesprächspartner. So zum Beispiel in der Reportage Die Nacht von Wildenhagen, wo wir Zeugen des persönlichen Traumas der Protagonistin Adelheid Nagel werden. Eine polnische Leserin oder ein polnischer Leser haben die Möglichkeit, vom Schicksal einer Deutschen zu hören und daran Anteil zu nehmen. Das erscheint mir von großem Wert.

 

n.: Herr Nowak, neben der Geschichte von Adelheid Nagel, beschreibt Ihr erstes Buch "Die Nacht von Wildenhagen" auch noch andere polnisch-deutsche Schicksale, die die komplexe, oftmals schwierige, gemeinsame Geschichte Deutschlands und Polens widerspiegeln. Was hat Sie dazu bewogen, sich gerade der Themen Krieg, Flucht und Vertreibung sowie der Gegenwart der Grenzregion anzunehmen?

 

W.N.: Diese Frage muss differenziert beantwortet werden. Ein Beweggrund war sicherlich meine eigene Biographie. Ich wurde 13 Jahre nach Kriegsende geboren und bin in Großpolen aufgewachsen. Ich hatte somit von Anfang an meine Probleme mit „dem Deutschen“. Er war für mich die Personifikation des Bösen, ein 1,90 m großer Mann, der schrie und anderen Befehle gab, der noch vor kurzem auf meine Eltern und Großeltern geschossen hatte und mir ansonsten völlig unbekannt war. Ich spreche von der Situation in den 1960er und 1970er Jahren in Polen. Die Reportagen entwickelten sich dann aus der Perspektive eines Jungen, der auf der einen Seite der Oder-Neiße-Grenze steht und auf das andere Ufer hinüber späht, der wissen möchte, wer diese Deutschen wirklich sind.

 

n.: Wie hat sich ihr Bild der Deutschen dann verändert? Und wie sind Sie auf die Geschichten gestoßen?

 

W.N.: Nach dem Studium in Poznań bin ich in die polnische Provinz nach Pszczew umgezogen, es war die Zeit des Kriegsrechts , ich flüchtete damals vor dem Regime und begab mich in eine Art innere Emigration. Pszczew ist eine kleine Ortschaft im Westen Polens und dort machte ich als Leiter des Regionalmuseums besondere Erfahrungen. Ab und zu kamen Deutsche, um ihre alte Heimat zu besuchen, und ich saugte diese Leute förmlich aus, wollte all ihre Geschichten und Erinnerungen hören und aufschreiben, um das Gedächtnis dieses Ortes aufrechtzuerhalten. Viele konnten mir die Geschichten der einzelnen Häuser in ihrer Straße erzählen und ich erfuhr einiges über den Handel der Vorkriegszeit sowie die Morde und Selbstmorde von 1945. Ich sammelte diese Geschichten, um sie an die polnischen Vertriebenen und Umgesiedelten aus dem Osten weiterzugeben, die ab den 1970er Jahren schon nicht mehr davon sprachen, in ihre alte Heimat zurückzukehren, sondern sich vielmehr in den neuen Gebieten eingelebt hatten und nun neugierig waren. Sie wollten mehr über die Vergangenheit dieser Orte erfahren, um dort endgültig Wurzeln schlagen zu können.
Auf jeden Fall lernte ich, den Deutschen zuzuhören, und das half mir später als Reporter dabei, den Heldinnen und Helden meiner deutsch-polnischen Reportagen die richtigen Fragen zu stellen. Ich befand mich im Grunde genommen schon damals in der Rolle eines Reporters. Auf der einen Seite waren die ehemaligen Bewohner dieser Orte, die zu Protagonisten der Geschichten wurden, und auf der anderen Seite hatte ich eine Leserschaft von Ankömmlingen aus dem ehemaligen polnischen Osten, die nichts über ihre neue Heimat wussten und neugierig waren auf die Geschichten dieser Orte und Landstriche. Meine Aufgabe war es, diese Geschichten in eine völlig andere Realität, in eine polnische Wirklichkeit zu übersetzen. Das war meine erste bewusste Erfahrung als Reporter.


Von der Notwendigkeit des Erzählens

 

n.: Das Buch wurde von Joanna Manc ins Deutsche übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Wie waren die deutschen Reaktionen auf dieses Buch? Wie haben Sie die Lesungen in Deutschland erlebt?

 

W.N.: Als meine Übersetzerin, Joanna Manc, und ich die Reportage über Wildenhagen an verschiedenen Orten lasen, gab es unterschiedliche Reaktionen. Ich kann mich noch gut an eine Lesung in einem Gemeindehaus in der Nähe von Kiel erinnern. Die Leute brachten ihre eigenen Stühle mit und der Saal füllte sich, es wurde voller und voller, so dass wir uns schließlich ganz dicht gegenüber saßen. Alle kamen, um den über die Deutschen schreibenden Polen lesen zu hören. Ich spürte eine gewisse Skepsis im Raum. Als wir dann zu lesen begannen, war die Spannung kaum zu ertragen. Die Menschen schauten nicht mehr mich an, sondern schauten nach unten auf den Boden oder zum Fenster hinaus und man spürte die aufgeladene Atmosphäre. Sie haben uns nach der Lesung auf ein Bier eingeladen und es wurde ein langer Abend, bei dem uns viele Geschichten über das Schweigen in den deutschen Familien erzählt wurden. Das waren oft sehr persönliche und intime Geschichten. Sie erzählten von der Unerträglichkeit des Schweigens und den Konsequenzen, die es für die Familie und die nächsten Generationen mit sich brachte.
Auch in Frankfurt gab es eine Situation, die sich mir eingeprägt hat. Einer der Verlagsredakteure war sehr berührt von meinem Text und erzählte mir von seinem Vater, der sein Leben lang geschwiegen und die Fragen des Sohnes nicht beantwortet hatte. Vater und Sohn redeten nur über Belangloses und alle wirklich wichtigen und ernsten Gespräche fanden nicht statt. Als wir uns begegneten, lag sein Vater im Sterben und begann in diesem halbkomatösen Zustand seine Kriegserlebnisse der Krankenschwester, die ihn täglich pflegte, zu erzählen. Erst durch diese Krankenschwester erfuhr der Sohn die Geschichte seines Vaters, die eine Art Beichte war.

 

n.: Das Interview, das ein Reporter führt, gleicht dieser eben beschriebenen Gesprächssituation, in der die Krankenschwester am Bett des Sterbenden Zeugin und Zuhörerin einer Lebensbeichte wird. Eine neutrale Person, der man Dinge anvertraut und erzählt, die man mit anderen eher nicht teilen würde, verdrängte und verschwiegene Geschichten. Wie kommt es dazu, dass die Menschen Ihnen diese Geschichten anvertrauen?

 

W.N.: Damit die Menschen ihre Geschichten erzählen, muss man einen guten Grund haben, mit einem wirklich wichtigen Anliegen zu ihnen kommen. Es geht nicht darum, jemanden zum Gespräch zu zwingen. Das ist eine intime Situation und wenn sich beide Seiten dessen bewusst sind, dann wird das Gespräch tiefgründig. Oft stellt sich dann heraus, dass die Leute auf ein solches Gespräch gewartet haben und deshalb gerne erzählen.

 

n.: In Ihrem zweiten Buch Das Herz der Nation an der Bushaltestelle, das dieses Jahr in Deutschland erschienen ist, sind es die polnischen Provinzen und ihre Bewohner, die im Mittelpunkt der Reportagen stehen. Mich haben diese Erzählungen bewegt und zum Teil auch schockiert. Es sind Geschichten über das Scheitern, zerstörte Träume und Überlebensstrategien in der Nachwendezeit in Polen. In der Reportage "Finansówki" (dt. "Schlimmer als Mörderinnen") stehen die Schicksale der sogenannten Finanzbetrügerinnen oder – in der Übersetzung von Joanna Manc – „Profiteusen“ im Mittelpunkt. Wie kam es zu den Interviews mit den inhaftierten Frauen?

 

W.N.: Diese Frauen waren im Gefängnis. Und jemand hatte die Idee, dass wir eine Art Workshop mit den Frauen veranstalten sollten, damit sie ihre Geschichten loswerden und verarbeiten könnten. Dieser Vorschlag wurde mir unterbreitet und ich nahm die Rolle des Interviewers ein. Wir gingen durch ein Tor und mehrere Schleusen und mussten verschiedene Gegenstände abgeben, beispielsweise unsere Handys. Zunächst war die Situation etwas seltsam. Beide Seiten wurden zu diesem Gespräch überredet, und ich merkte, dass die Frauen gleichgültig, beinahe lustlos dasaßen. Ich dachte, dass es wahrscheinlich keine interessanten Geschichten werden würden. Ich habe die Situation anfangs unterschätzt. Erst als sie erzählten, habe ich verstanden, dass die Frauen selbst Opfer der Gesellschaft geworden waren, eines neuen Polens und eines männlichen Systems. Es war der Anfang des Kapitalismus, ein paar Jahre nach der Wende, und viele Männer, die vorher die Hauptversorger waren und das Geld nach Hause brachten, fanden sich in der Transformationszeit nicht mehr zurecht. Sehr häufig ergriffen dann die Frauen die Initiative. Sie übernahmen diese neue Rolle und tappten gleichzeitig in alle Fallen des neuen Systems.

Es stellte sich heraus, dass diese Art von Straftaten vor allem von Frauen verübt wurde. Sie waren keine Mörderinnen oder Totschlägerinnen, sondern Betrügerinnen, die in der Zeit des wilden Kapitalismus Geld veruntreut und gestohlen hatten, um ihren Familien ein besseres Leben zu ermöglichen. Sie waren Opfer des neuen Systems.

 

n.: Wie werden aus den Geschichten Ihrer Protagonistinnen und Protagonisten Ihre eigenen Texte?

 

W.N.: Ich verstecke mich natürlich gerne hinter den Geschichten meiner Heldinnen und Helden. Es gibt Reportagen, die auf die Erzählung in der ersten Person verzichten. Wenn ich mich aber für diese Form entschieden habe, dann gebe ich die Stimme komplett an die Protagonistinnen und Protagonisten ab, wie in dem Beispiel der Finanzbetrügerinnen, hinter deren Geschichte ich als Autor völlig zurücktrete. Hier reichte es, die Frauen zu befragen, nachzuhaken und ihre „Beichten“ aufzuschreiben. In der Reportage Die Nacht von Wildenhagen ist meine Rolle als Reporter eine ganz andere. Ich versuche der Frage nachzugehen, warum so viele Frauen im Winter 1945 Selbstmord begingen, und befrage nicht nur die Heldin Adelheid Nagel, sondern auch Experten, Historiker und Soziologen.

 

n.: Herr Nowak, in Polen ist vor kurzem ihr drittes Buch erschienen mit dem Titel "Niemiec. Wszystkie ucieczki Zygrfyda" („Der Deutsche. Zygfryds Fluchtversuche“), in dem Sie die widersprüchliche und verworrene Geschichte des Deutsch-Polen Zygfryd Kapela rekonstruieren. Was hat Sie an dieser Geschichte interessiert?

 

W.N.: Der Deutsche erzählt die Geschichte eines Menschen, der sein ganzes Leben auf der Flucht ist. Er flüchtet vor dem sozialistischen Polen, das System fängt ihn aber immer wieder ein und stopft ihn sich noch tiefer in die Hosentasche, verletzt ihn auf vielerlei Weise. Der Held ist halb Deutscher, halb Pole, er wurde zwei Jahre nach Kriegsende geboren, in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten, in denen alles Deutsche nicht gerne gesehen war. Und seine Eltern nennen ihn ausgerechnet Zygfryd, ein Name, der im damaligen Polen hyperdeutsch und feindlich klingt. Zygfryd empfindet die Volksrepublik als einen Käfig, aus dem er entfliehen will. Er desertiert, versucht die Donau zu durchschwimmen, er wird verhaftet und an der deutsch-deutschen Grenze angeschossen. Das Buch erzählt von der Volksrepublik wie von einem schlechten Brettspiel, dessen Regeln niemand kannte, die Würfel warf die Partei und der Bürger war nur eine einfache Spielfigur. Es ist im Grunde genommen eine Erzählung über den elementaren Drang nach Freiheit

n.: Ich bedanke mich ganz herzlich für das Gespräch.

 

 

Das Interview wurde von Dominika Herbst geführt und aus dem Polnischen übersetzt.


Literatur von Włodzimierz Nowak:

Obwód głowy. Wołowiec 2007.
Die Nacht von Wildenhagen. Zwölf deutsch-polnische Schicksale. Aus dem Polnischen von Joanna Manc. Frankfurt a. M. 2009.

Serce narodu koło przystanku. Wołowiec 2009.
Das Herz der Nation an der Bushaltestelle. Aus dem Polnischen von Joanna Manc. Berlin 2016.

Niemiec. Wszystkie ucieczki Zygfryda. Warszawa 2016.

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Über das Bedürfnis nach einem Gespräch in Zeiten von Social Media und über die Kunst der Repor­tage in Polen

Inter­view mit Włod­zi­mierz Nowak

Włod­zi­mierz Nowak, 1958 in Poznań geboren, ist ein pol­ni­scher Autor und Jour­na­list. Er arbeitet seit 1993 als Reporter für die wich­tigste pol­ni­sche Tages­zei­tung Gazeta Wyborcza und ist dort Chef­re­dak­teur des Repor­ta­ge­ma­ga­zins Duży Format („Großes Format“). Bekannt wurde er in Polen und in Deutsch­land mit seinen lite­ra­ri­schen Repor­tagen Obwód głowy (2007, dt. Die Nacht von Wil­den­hagen: zwölf deutsch-pol­ni­sche Schick­sale, 2009). 2016 erschien sein zweites Buch Serce narodu koło przystanku (2009) auf Deutsch unter dem Titel Das Herz der Nation an der Bus­hal­te­stelle, in dem er das All­tags­leben in der pol­ni­schen Pro­vinz por­trä­tiert. Für seine Repor­tagen wurde Nowak mit dem Preis des Pol­ni­schen Jour­na­lis­ten­ver­bands, dem Deutsch-Pol­ni­schen Jour­na­lis­ten­preis und 2010 gemeinsam mit seiner Über­set­zerin Joanna Manc mit dem Georg-Dehio-Ehren­preis ausgezeichnet.

Wir spra­chen mit Włod­zi­mierz Nowak im Rahmen des „Pol­ni­schen Jahres“ an der Uni­ver­sität Potsdam über das Genre der lite­ra­ri­schen Repor­tage und seine beson­dere Popu­la­rität in Polen sowie über die Rolle des Repor­ters und die Kunst des Zuhörens.

 

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Foto: Fran­ziska Koch.

 

Die lite­ra­ri­sche Reportage

 

novinki: Herr Nowak, Sie leiten die Redak­tion des Repor­ta­ge­ma­ga­zins “Duży Format” der “Gazeta Wyborcza”, das jeden Don­nerstag bei­nahe in einem Buch­um­fang erscheint. Auf der Liste der dies­jäh­rigen Nomi­nie­rungen für den “NIKE-Preis”, dem wich­tigsten pol­ni­schen Lite­ra­tur­preis, sind gleich sieben Repor­tage-Bände zu finden. Wie erklären Sie sich den Erfolg der lite­ra­ri­schen Repor­tage in Polen?

 

Włod­zi­mierz Nowak: Die Schrift­steller pro­tes­tieren schon, denn der NIKE-Preis ist die höchste Aus­zeich­nung im Bereich der Lite­ratur in Polen. Jedes Jahr schaffen es ein paar Repor­tage-Bücher auf die Liste der Nomi­nierten, aber in diesem Jahr ist die Gat­tung über­re­prä­sen­tiert, so dass es wirk­lich einen Wett­streit zwi­schen Autoren und Repor­tern geben wird.

 

n.: Was macht diese stei­gende oder besser gesagt anhal­tende enorme Wert­schät­zung der Repor­tage aus Ihrer Sicht aus?

 

W.N.: In Polen kann man wirk­lich von einem anhal­tenden Boom der Repor­tage spre­chen. Es gibt neben dem NIKE-Preis auch noch den Rys­zard-Kapuściński-Preis, der für das beste Repor­tage-Buch des Jahres ver­liehen wird. Dass Repor­tage-Bücher ihre Leser finden, ist aus meiner Sicht noch durchaus ver­ständ­lich, aber dass die Zei­tungs­re­por­tage weiter Bestand und einen festen Platz in der Tages­zei­tung hat, ist wirk­lich erstaun­lich. Das Magazin Duży Format war zunächst als reines Reporter-Magazin gedacht. Außer Repor­tagen gibt es hier aber auch Inter­views, dar­unter eine spe­zi­elle Form des Inter­views, die eher eine Art Por­trät ist. Auch Feuil­le­tons, kür­zere repor­ta­gen­hafte Betrach­tungen eines Wojciech Tochman oder Mariusz Szc­zy­gieł, werden hier ver­öf­fent­licht. Wir stehen aller­dings in einem stän­digen Wett­be­werb mit den sozialen Medien, mit Face­book, Twitter und anderen Formen der schnellen Nachrichtenkommunikation.

 

n.: Wie ent­steht eine Zeitungsreportage?

 

W.N.: Zunächst muss der Reporter für ein paar Tage (manchmal auch Wochen) die Redak­tion ver­lassen und sich auf die Reise begeben, er muss seine Helden treffen, sich für sie Zeit nehmen, sich mit den Orten und Men­schen ver­traut machen. Dann ordnet er das Mate­rial, macht sich Gedanken über die ent­spre­chende Form, was wei­tere zwei-drei Tage dauert. Das heißt, man braucht min­des­tens eine Woche, bis eine Repor­tage fertig ist. Hinzu kommt, dass, wenn der Reporter von seiner Reise zurück­kehrt, das Ereignis, was Anlass seiner Reise war, schon längst ver­gessen ist, und er den Leser erst wieder daran erin­nern muss, was vor einer Woche, also gefühlt vor hun­dert Jahren pas­siert ist. Diese Art der Repor­tage ist auch sehr teuer, da es nicht bei einem Anruf oder ein paar Recher­chen im Internet bleibt, son­dern meis­tens eine mehr­tä­gige Reise erfor­der­lich ist.

 

n.: Bei der lite­ra­ri­schen Repor­tage han­delt es sich um ein beson­deres Genre zwi­schen Lite­ratur und Jour­na­listik. Bereits vor dem Krieg, in den 1920er und 1930er Jahren, hatten die Repor­tagen als Lite­ra­tur­gat­tung in Polen eine hohe Kon­junktur. Zu Zeiten der Volks­re­pu­blik Polen sprach man bereits von einer „pol­ni­schen Schule der Repor­tage“. Welche „Repor­tage-Schule“ ist Ihnen wichtig? In wel­cher Tra­di­tion sehen Sie ihr eigenes Schreiben?

 

W.N.: Es ist schwer, die Masse an Repor­tagen, die in den letzten Jahr­zehnten erschienen ist, ein­deutig bestimmten „Schulen“ zuzu­ordnen. Das mischt sich alles, inspi­riert und beein­flusst sich gegen­seitig. Ganz deut­lich kann man nur den Stamm unter­scheiden: die drei großen K: Krall, Kapuściński, Kąko­lewski. Ich würde dann noch ein Sz wie [Mał­gorzata] Sze­j­nert hin­zu­fügen, die eine Art Repor­tagen-Fresko prak­ti­ziert, oder mit ihren Worten aus­ge­drückt: eine sich aus meh­reren Hand­lungs­strängen, reich an Ver­zie­rungen, zusam­men­set­zende Sti­ckerei schafft. Das ist meine Meis­terin, von ihr habe ich das Hand­werk des Repor­ta­ge­schrei­bens gelernt. Einen ganz eigenen Stil, bei dem der Autor-Reporter im Vor­der­grund steht, prägte Jacek Hugo-Bader. Er ist selbst Teil der Ereig­nisse und kom­men­tiert sie zugleich. Er erin­nert dabei ein wenig an [Günter] Wallraff.
Vor kurzem war ich auf einem Repor­ter­treffen in der Nähe von Kazi­mierz, einer pri­vaten Ver­an­stal­tung, orga­ni­siert von Mał­gorzata Sze­j­nert, in ihrem Land­haus am Ufer der Weichsel. Einer der Reporter erin­nerte sich, wie Sze­j­nert als Redak­ti­ons­lei­terin bei der Gazeta Wyborcza den jungen Mariusz Szc­zy­gieł und Wojciech Tochman „ent-krallen“ musste. Wir alle waren sehr stark beein­flusst von Hanna Krall und ihrer Art des Erzäh­lens. Was wie­derum die jungen Reporter betrifft, ori­en­tieren sie sich stark an Mariusz Szc­zy­gieł. Er hat viele Jahre das Magazin Duży Format geleitet und als Redak­teur die nächste Gene­ra­tion geprägt. Szc­zy­gieł ist sicher­lich einer der bekann­testen und popu­lärsten Reporter-Autoren in Polen, zu dem die jungen Leute hoch­schauen. Ich per­sön­lich schätze die Repor­tagen von Lidia Ost­ałowska, ihr feines Gespür für die Gesell­schaft und ihr Gehör für die kleinen und wich­tigen Themen und Geschichten des Landes. Sie hat ihre ganz eigene Nische inner­halb der pol­ni­schen Repor­tage gefunden, die ich wichtig finde und die mir zugleich sehr nah ist.

 

n.: Worin besteht das Erfolgs­re­zept der lite­ra­ri­schen Repor­tage in Polen? Weder die Zensur in den Zeiten der Volks­re­pu­blik noch die Kon­kur­renz mit den neuen Medien haben das Genre unter­gehen lassen. Wie erklären Sie sich die Unver­wüst­lich­keit der Reportage?

 

W.N.: Dazu könnte ich viel sagen. Para­do­xer­weise ist es tat­säch­lich so, dass die Zensur in der Volks­re­pu­blik die Repor­tage eher beflü­gelt hat: das Spre­chen zwi­schen den Zeilen, die meta­pho­ri­sche Sprache und die Auf­merk­sam­keit für die Details, die auf ein grö­ßeres Bild oder einen Uni­ver­sa­lismus ver­weisen. Ein Bei­spiel hierfür wäre Rys­zard Kapuścińskis Repor­tage Heban (dt. Afri­ka­ni­sches Fieber) über einen äthio­pi­schen Kaiser, die alle als Kritik am sozia­lis­ti­schen Staat lasen. Es war natür­lich nicht mög­lich, über das Regime, die Unter­drü­ckung und die Man­gel­wirt­schaft dieses fatalen Sys­tems zu schreiben. Aber man konnte – pars pro toto – am kon­kreten Bei­spiel eines Fabrik­di­rek­tors und der unter ihm lei­denden Arbei­terin eine Geschichte erzählen, die gleich­zeitig nicht nur ein per­sön­li­ches Schicksal abbil­dete, son­dern auch das ganze System indi­rekt in Frage stellte. Pro­ble­ma­tisch wurde es erst, als die Zensur weg­fiel. Die Repor­tage hätte eigent­lich gemeinsam mit dem sozia­lis­ti­schen System unter­gehen müssen.

 

n.: Ja, genau. Das tat sie aber nicht…

 

W.N.: Nein, denn die Men­schen haben immer noch das starke Bedürfnis nach einem authen­ti­schen Gespräch und der Geschichte eines Gegen­übers, der man mit Span­nung lau­schen kann. Durch die Geschichte des Helden kann man Welten Anderer betreten und sich wich­tigen oder inter­es­santen Geschichten nähern, die für einen selbst, für die eigene Gegen­wart rele­vant sind. Des­halb über­lebte die Repor­tage bis heute trotz Twitter und anderer sozialer Medien.

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Lesung im Lite­ra­tur­laden Wist im Rahmen des „Pol­ni­schen Jahres“ an der Uni­ver­sität Potsdam. Foto: Fran­ziska Koch

 

Der Reporter als Zuhörer und Zeuge

 

n.: Was pas­siert eigent­lich in diesem „authen­ti­schen“ Gespräch zwi­schen dem Inter­viewer und der inter­viewten Person?

 

W.N.: In den langen Gesprä­chen zwi­schen Reporter und Helden ent­steht eine beson­dere Situa­tion, die einer Beichte gleicht, und die den Leser zu einem Zeugen dieses Bekennt­nisses werden lässt. Er nimmt Anteil an den Emo­tionen und Stim­mungen des Gesprächs und der oft fast hyp­no­ti­schen Span­nung zwi­schen Reporter und seinem Gesprächs­partner. So zum Bei­spiel in der Repor­tage Die Nacht von Wil­den­hagen, wo wir Zeugen des per­sön­li­chen Traumas der Prot­ago­nistin Adel­heid Nagel werden. Eine pol­ni­sche Leserin oder ein pol­ni­scher Leser haben die Mög­lich­keit, vom Schicksal einer Deut­schen zu hören und daran Anteil zu nehmen. Das erscheint mir von großem Wert.

 

n.: Herr Nowak, neben der Geschichte von Adel­heid Nagel, beschreibt Ihr erstes Buch “Die Nacht von Wil­den­hagen” auch noch andere pol­nisch-deut­sche Schick­sale, die die kom­plexe, oft­mals schwie­rige, gemein­same Geschichte Deutsch­lands und Polens wider­spie­geln. Was hat Sie dazu bewogen, sich gerade der Themen Krieg, Flucht und Ver­trei­bung sowie der Gegen­wart der Grenz­re­gion anzunehmen?

 

W.N.: Diese Frage muss dif­fe­ren­ziert beant­wortet werden. Ein Beweg­grund war sicher­lich meine eigene Bio­gra­phie. Ich wurde 13 Jahre nach Kriegs­ende geboren und bin in Groß­polen auf­ge­wachsen. Ich hatte somit von Anfang an meine Pro­bleme mit „dem Deut­schen“. Er war für mich die Per­so­ni­fi­ka­tion des Bösen, ein 1,90 m großer Mann, der schrie und anderen Befehle gab, der noch vor kurzem auf meine Eltern und Groß­el­tern geschossen hatte und mir ansonsten völlig unbe­kannt war. Ich spreche von der Situa­tion in den 1960er und 1970er Jahren in Polen. Die Repor­tagen ent­wi­ckelten sich dann aus der Per­spek­tive eines Jungen, der auf der einen Seite der Oder-Neiße-Grenze steht und auf das andere Ufer hin­über späht, der wissen möchte, wer diese Deut­schen wirk­lich sind.

 

n.: Wie hat sich ihr Bild der Deut­schen dann ver­än­dert? Und wie sind Sie auf die Geschichten gestoßen?

 

W.N.: Nach dem Stu­dium in Poznań bin ich in die pol­ni­sche Pro­vinz nach Pszczew umge­zogen, es war die Zeit des Kriegs­rechts [Anfang der 1980er Jahre], ich flüch­tete damals vor dem Regime und begab mich in eine Art innere Emi­gra­tion. Pszczew ist eine kleine Ort­schaft im Westen Polens und dort machte ich als Leiter des Regio­nal­mu­seums beson­dere Erfah­rungen. Ab und zu kamen Deut­sche, um ihre alte Heimat zu besu­chen, und ich saugte diese Leute förm­lich aus, wollte all ihre Geschichten und Erin­ne­rungen hören und auf­schreiben, um das Gedächtnis dieses Ortes auf­recht­zu­er­halten. Viele konnten mir die Geschichten der ein­zelnen Häuser in ihrer Straße erzählen und ich erfuhr einiges über den Handel der Vor­kriegs­zeit sowie die Morde und Selbst­morde von 1945. Ich sam­melte diese Geschichten, um sie an die pol­ni­schen Ver­trie­benen und Umge­sie­delten aus dem Osten wei­ter­zu­geben, die ab den 1970er Jahren schon nicht mehr davon spra­chen, in ihre alte Heimat zurück­zu­kehren, son­dern sich viel­mehr in den neuen Gebieten ein­ge­lebt hatten und nun neu­gierig waren. Sie wollten mehr über die Ver­gan­gen­heit dieser Orte erfahren, um dort end­gültig Wur­zeln schlagen zu können.
Auf jeden Fall lernte ich, den Deut­schen zuzu­hören, und das half mir später als Reporter dabei, den Hel­dinnen und Helden meiner deutsch-pol­ni­schen Repor­tagen die rich­tigen Fragen zu stellen. Ich befand mich im Grunde genommen schon damals in der Rolle eines Repor­ters. Auf der einen Seite waren die ehe­ma­ligen Bewohner dieser Orte, die zu Prot­ago­nisten der Geschichten wurden, und auf der anderen Seite hatte ich eine Leser­schaft von Ankömm­lingen aus dem ehe­ma­ligen pol­ni­schen Osten, die nichts über ihre neue Heimat wussten und neu­gierig waren auf die Geschichten dieser Orte und Land­striche. Meine Auf­gabe war es, diese Geschichten in eine völlig andere Rea­lität, in eine pol­ni­sche Wirk­lich­keit zu über­setzen. Das war meine erste bewusste Erfah­rung als Reporter.


Von der Not­wen­dig­keit des Erzählens

 

n.: Das Buch wurde von Joanna Manc ins Deut­sche über­setzt und mehr­fach aus­ge­zeichnet. Wie waren die deut­schen Reak­tionen auf dieses Buch? Wie haben Sie die Lesungen in Deutsch­land erlebt?

 

W.N.: Als meine Über­set­zerin, Joanna Manc, und ich die Repor­tage über Wil­den­hagen an ver­schie­denen Orten lasen, gab es unter­schied­liche Reak­tionen. Ich kann mich noch gut an eine Lesung in einem Gemein­de­haus in der Nähe von Kiel erin­nern. Die Leute brachten ihre eigenen Stühle mit und der Saal füllte sich, es wurde voller und voller, so dass wir uns schließ­lich ganz dicht gegen­über saßen. Alle kamen, um den über die Deut­schen schrei­benden Polen lesen zu hören. Ich spürte eine gewisse Skepsis im Raum. Als wir dann zu lesen begannen, war die Span­nung kaum zu ertragen. Die Men­schen schauten nicht mehr mich an, son­dern schauten nach unten auf den Boden oder zum Fenster hinaus und man spürte die auf­ge­la­dene Atmo­sphäre. Sie haben uns nach der Lesung auf ein Bier ein­ge­laden und es wurde ein langer Abend, bei dem uns viele Geschichten über das Schweigen in den deut­schen Fami­lien erzählt wurden. Das waren oft sehr per­sön­liche und intime Geschichten. Sie erzählten von der Uner­träg­lich­keit des Schwei­gens und den Kon­se­quenzen, die es für die Familie und die nächsten Gene­ra­tionen mit sich brachte.
Auch in Frank­furt gab es eine Situa­tion, die sich mir ein­ge­prägt hat. Einer der Ver­lags­re­dak­teure war sehr berührt von meinem Text und erzählte mir von seinem Vater, der sein Leben lang geschwiegen und die Fragen des Sohnes nicht beant­wortet hatte. Vater und Sohn redeten nur über Belang­loses und alle wirk­lich wich­tigen und ernsten Gespräche fanden nicht statt. Als wir uns begeg­neten, lag sein Vater im Sterben und begann in diesem halb­ko­ma­tösen Zustand seine Kriegs­er­leb­nisse der Kran­ken­schwester, die ihn täg­lich pflegte, zu erzählen. Erst durch diese Kran­ken­schwester erfuhr der Sohn die Geschichte seines Vaters, die eine Art Beichte war.

 

n.: Das Inter­view, das ein Reporter führt, gleicht dieser eben beschrie­benen Gesprächs­si­tua­tion, in der die Kran­ken­schwester am Bett des Ster­benden Zeugin und Zuhö­rerin einer Lebens­beichte wird. Eine neu­trale Person, der man Dinge anver­traut und erzählt, die man mit anderen eher nicht teilen würde, ver­drängte und ver­schwie­gene Geschichten. Wie kommt es dazu, dass die Men­schen Ihnen diese Geschichten anvertrauen?

 

W.N.: Damit die Men­schen ihre Geschichten erzählen, muss man einen guten Grund haben, mit einem wirk­lich wich­tigen Anliegen zu ihnen kommen. Es geht nicht darum, jemanden zum Gespräch zu zwingen. Das ist eine intime Situa­tion und wenn sich beide Seiten dessen bewusst sind, dann wird das Gespräch tief­gründig. Oft stellt sich dann heraus, dass die Leute auf ein sol­ches Gespräch gewartet haben und des­halb gerne erzählen.

 

n.: In Ihrem zweiten Buch Das Herz der Nation an der Bus­hal­te­stelle, das dieses Jahr in Deutsch­land erschienen ist, sind es die pol­ni­schen Pro­vinzen und ihre Bewohner, die im Mit­tel­punkt der Repor­tagen stehen. Mich haben diese Erzäh­lungen bewegt und zum Teil auch scho­ckiert. Es sind Geschichten über das Schei­tern, zer­störte Träume und Über­le­bens­stra­te­gien in der Nach­wen­de­zeit in Polen. In der Repor­tage “Fin­an­sówki” (dt. “Schlimmer als Mör­de­rinnen”) stehen die Schick­sale der soge­nannten Finanz­be­trü­ge­rinnen oder – in der Über­set­zung von Joanna Manc – „Pro­fi­teusen“ im Mit­tel­punkt. Wie kam es zu den Inter­views mit den inhaf­tierten Frauen?

 

W.N.: Diese Frauen waren im Gefängnis. Und jemand hatte die Idee, dass wir eine Art Work­shop mit den Frauen ver­an­stalten sollten, damit sie ihre Geschichten los­werden und ver­ar­beiten könnten. Dieser Vor­schlag wurde mir unter­breitet und ich nahm die Rolle des Inter­viewers ein. Wir gingen durch ein Tor und meh­rere Schleusen und mussten ver­schie­dene Gegen­stände abgeben, bei­spiels­weise unsere Handys. Zunächst war die Situa­tion etwas seltsam. Beide Seiten wurden zu diesem Gespräch über­redet, und ich merkte, dass die Frauen gleich­gültig, bei­nahe lustlos dasaßen. Ich dachte, dass es wahr­schein­lich keine inter­es­santen Geschichten werden würden. Ich habe die Situa­tion anfangs unter­schätzt. Erst als sie erzählten, habe ich ver­standen, dass die Frauen selbst Opfer der Gesell­schaft geworden waren, eines neuen Polens und eines männ­li­chen Sys­tems. Es war der Anfang des Kapi­ta­lismus, ein paar Jahre nach der Wende, und viele Männer, die vorher die Haupt­ver­sorger waren und das Geld nach Hause brachten, fanden sich in der Trans­for­ma­ti­ons­zeit nicht mehr zurecht. Sehr häufig ergriffen dann die Frauen die Initia­tive. Sie über­nahmen diese neue Rolle und tappten gleich­zeitig in alle Fallen des neuen Systems.

Es stellte sich heraus, dass diese Art von Straf­taten vor allem von Frauen verübt wurde. Sie waren keine Mör­de­rinnen oder Tot­schlä­ge­rinnen, son­dern Betrü­ge­rinnen, die in der Zeit des wilden Kapi­ta­lismus Geld ver­un­treut und gestohlen hatten, um ihren Fami­lien ein bes­seres Leben zu ermög­li­chen. Sie waren Opfer des neuen Systems.

 

n.: Wie werden aus den Geschichten Ihrer Prot­ago­nis­tinnen und Prot­ago­nisten Ihre eigenen Texte?

 

W.N.: Ich ver­stecke mich natür­lich gerne hinter den Geschichten meiner Hel­dinnen und Helden. Es gibt Repor­tagen, die auf die Erzäh­lung in der ersten Person ver­zichten. Wenn ich mich aber für diese Form ent­schieden habe, dann gebe ich die Stimme kom­plett an die Prot­ago­nis­tinnen und Prot­ago­nisten ab, wie in dem Bei­spiel der Finanz­be­trü­ge­rinnen, hinter deren Geschichte ich als Autor völlig zurück­trete. Hier reichte es, die Frauen zu befragen, nach­zu­haken und ihre „Beichten“ auf­zu­schreiben. In der Repor­tage Die Nacht von Wil­den­hagen ist meine Rolle als Reporter eine ganz andere. Ich ver­suche der Frage nach­zu­gehen, warum so viele Frauen im Winter 1945 Selbst­mord begingen, und befrage nicht nur die Heldin Adel­heid Nagel, son­dern auch Experten, His­to­riker und Soziologen.

 

n.: Herr Nowak, in Polen ist vor kurzem ihr drittes Buch erschienen mit dem Titel “Nie­miec. Wszystkie ucieczki Zygrfyda” („Der Deut­sche. Zyg­fryds Flucht­ver­suche“), in dem Sie die wider­sprüch­liche und ver­wor­rene Geschichte des Deutsch-Polen Zyg­fryd Kapela rekon­stru­ieren. Was hat Sie an dieser Geschichte interessiert?

 

W.N.: Der Deut­sche erzählt die Geschichte eines Men­schen, der sein ganzes Leben auf der Flucht ist. Er flüchtet vor dem sozia­lis­ti­schen Polen, das System fängt ihn aber immer wieder ein und stopft ihn sich noch tiefer in die Hosen­ta­sche, ver­letzt ihn auf vie­lerlei Weise. Der Held ist halb Deut­scher, halb Pole, er wurde zwei Jahre nach Kriegs­ende geboren, in den soge­nannten wie­der­ge­won­nenen Gebieten, in denen alles Deut­sche nicht gerne gesehen war. Und seine Eltern nennen ihn aus­ge­rechnet Zyg­fryd, ein Name, der im dama­ligen Polen hyper­deutsch und feind­lich klingt. Zyg­fryd emp­findet die Volks­re­pu­blik als einen Käfig, aus dem er ent­fliehen will. Er deser­tiert, ver­sucht die Donau zu durch­schwimmen, er wird ver­haftet und an der deutsch-deut­schen Grenze ange­schossen. Das Buch erzählt von der Volks­re­pu­blik wie von einem schlechten Brett­spiel, dessen Regeln nie­mand kannte, die Würfel warf die Partei und der Bürger war nur eine ein­fache Spiel­figur. Es ist im Grunde genommen eine Erzäh­lung über den ele­men­taren Drang nach Freiheit

n.: Ich bedanke mich ganz herz­lich für das Gespräch.

 

 

Das Inter­view wurde von Domi­nika Herbst geführt und aus dem Pol­ni­schen übersetzt.


Lite­ratur von Włod­zi­mierz Nowak:

Obwód głowy. Woło­wiec 2007.
Die Nacht von Wil­den­hagen. Zwölf deutsch-pol­ni­sche Schick­sale. Aus dem Pol­ni­schen von Joanna Manc. Frank­furt a. M. 2009.

Serce narodu koło przystanku. Woło­wiec 2009.
Das Herz der Nation an der Bus­hal­te­stelle. Aus dem Pol­ni­schen von Joanna Manc. Berlin 2016.

Nie­miec. Wszystkie ucieczki Zyg­fryda. Wars­zawa 2016.