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Die nicht mehr neuen Menschen. Die Rückkehr des selbstbestimmten Subjekts

Posted on 28. Januar 2013 by Tatjana Hofmann
Identität, Individualität und Immunität biografischer Verläufe, die sich in der politischen und sozialen Willkür des postsowjetischen Russlands eigensinnig verfestigen – mit diesen Kennzeichen neuerer Romane und Filme scheint sich die Postmoderne endgültig zu verabschieden. Zumindest stellen sie eine Spannung zu jener Sinnoffenheit her, die in den letzten Jahrzehnten die ästhetischen Konturen vorgegeben hat. Diesen Grundkonflikt untersucht der von Bettina Lange, Nina Weller und Georg Witte herausgegebene Band "Die nicht mehr neuen Menschen. Russische Filme und Romane der Jahrtausendwende".

Identität, Individualität und Immunität biografischer Verläufe, die sich in der politischen und sozialen Willkür des postsowjetischen Russlands eigensinnig verfestigen – mit diesen Kennzeichen neuerer Romane und Filme scheint sich die Postmoderne endgültig zu verabschieden. Zumindest stellen sie eine Spannung zu jener Sinnoffenheit her, die in den letzten Jahrzehnten die ästhetischen Konturen vorgegeben hat. Diesen Grundkonflikt untersucht der von Bettina Lange, Nina Weller und Georg Witte herausgegebene Band Die nicht mehr neuen Menschen. Russische Filme und Romane der Jahrtausendwende. Hervorgegangen ist er aus dem medienvergleichenden Projekt Die nicht mehr neuen Menschen. Fiktionalisierung von Individualität im postsowjetischen russischen Film und Roman, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und von Georg Witte, dem Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin, geleitet worden ist.
Die Auswahl des analysierten Prosa- und Filmmaterials aus Russland fokussiert eine doppelte Schwelle: Die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion und die Wende zwischen den Jahrtausenden. Letzteres mag eine pragmatische Entscheidung oder dem Zufall geschuldet sein, dominiert insgesamt doch die Auseinandersetzung mit dem sowjetischen Erbe stärker als eine davon losgelöste Ausrichtung auf die Gestaltung der Zukunft. So interessiert sich Ellen Rutten in ihrem Artikel Post-Communist Sincerity and Sorokin’s Thrilogy (sic) für die Rhetorik der Neuen Aufrichtigkeit(novaja iskrennost’) als einen Diskurs der zeitgenössischen (russischen) Kultur und zeigt am Beispiel von Vladimir Sorokins Trilogija (2002-2005), dass diese Tendenz eine ästhetische, aber auch eine soziale Dimension aufweist und sich mit der postkommunistischen Realität möglichst unmittelbar auseinandersetzt. Sie findet sich auch bei anderen Konzeptualisten (Prigov, Rubinštejn) und lässt sich noch weiter zurück bis zu dem Aufsatz des Kritikers Vladimir Pomerancev Über Aufrichtigkeit in der Literatur von 1953 verfolgen. In Sorokins Blogeinträgen zeichnet sie sich nicht zuletzt durch die Inszeniertheit der authentischen Autorstimme aus und ist mit ihrem Aktualitätsbezug u. a. kommerziell motiviert.
Im Hinblick auf einen poetisch aktiv mitbestimmten, prospektiven Entwurf lässt sich Oleg Jur’evs utopischer Roman Vineta (Die Russische Fracht) interpretieren. Miriam Finkelstein und Nina Weller betrachten ihn als ein Reservoir an mythopoetischen Dekonstruktionen und Neukonstruktionen russisch-jüdischer Identität – eine wichtige, da ergänzende Sicht zu den Rezensionen der deutschen Übersetzung des Romans, die dem jüdischen Aspekt des verschlungenen Narrativs wenig Beachtung schenken. Der russisch-jüdische Protagonist, der eine Dissertation über die Spiegelung von Sankt Petersburg und Vineta schreibt, betreibt auf einem Kühlschiff in der Ostsee nicht nur eine beinah literaturwissenschaftlich anmutende Überdeterminierung des Reise-Sujets, sondern auch biografisch-poetische Selbstanalyse. Der Roman erschaffe einen anderen „neuen Menschen“: Der Protagonist vervollständigt sein lückenhaftes Wissen über sich selbst mit Hilfe von Mitreisenden aus seiner Vergangenheit bzw. seiner Imagination. Auf diese Weise gelingt es ihm, seine Lebensgeschichte sinnstiftend zusammenzusetzen. Der Grundtenor der Autorinnen hebt hervor, dass der Roman, anstatt die Vergangenheit sowjetischer/russischer Juden zu beklagen, ihre positive – kohärente – Zukunft vorschlägt.
Während der Titel des Bandes nur Literatur und Film ankündigt, wird bei der Lektüre ersichtlich, dass ein weiteres Medium diesen künstlerischen Übergangszustand kennzeichnet: Das Internet. Henrike Schmidt geht in ihrem Beitrag Ein Jahr im Leben des Evgenij Griškovec’. Rubaška (Das Hemd) auf die Druckfassung des Blogs God žžizni (Ein Jahr LLeben, 2008) ein, welche ungeachtet des Vorwurfs der Graphomanie grosse Popularität geniesst und Folgebände nach sich gezogen hat. Die Gattung Blog eignet sich für digitale Autor-Inszenierungen – in Mystifikationen (so bei Boris Akunin und Viktor Pelevin) oder auch in der Pose der inszenierten Authentizität (Alexandra Marinina, Sergej Luk’janenko). Das Blog, so Schmidt, ist als Milieu-Dokument für die zeitgenössische Literatur deshalb so wichtig, weil es den empirischen Autor mit seiner selbst erschaffenen Aura und den zur Schau gestellten, quasi ‚natürlichen’ Affekten in den Vordergrund rückt und damit jener Fragmentierung und Verspieltheit entgegen setzt, die die russische Literatur der letzten Jahrzehnte geprägt hat. Die Autorin weist darauf hin, dass eine Wende zum Empirischen und Authentischen hin nicht nur den Autor betrifft, sondern auch den Leser, der in die kollektive Privatheit des Bloggers einbezogen wird.
In dem Essay Ernst als Spiel oder Helden der Nuller Jahre: Evgenij Griškovec’ Rubaška (Das Hemd) betrachtet Christine Gölz den Roman Rubaška als repräsentativ für die Literatur der Nuller Jahre. Ihr Artikel übt explizitKritik gegenüber „Erwartungen an die Literatur einer neuen, ernsthaften Empfindsamkeit mit Hilfe eines als  n o r m a l  bezeichneten und, wie sich zeigen wird, gerade darin beschränkten Helden zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ und ihrer literarischen Einlösung in der Konstruktion eines „normalen“ Helden innerhalb der so genannten „Middl-literatura“. Diese steht zwischen der elitären Hochliteratur und der populären Unterhaltungsliteratur und ist als „Neue Aufrichtigkeit light“ (Gölz) den Radikalen Realisten entgegengesetzt. Der „normale Mensch“ wird als ein männlicher Großstadttypus modelliert, der den „Ernst des Gefühls“ feiere und, so die Literaturwissenschaftlerin, als Benimmbuch für den Szene-Mann der glamourösen Megapolis dienen könne.
In ihren Lektüren interessieren sich die AutorenInnen des Bandes immer wieder für die Protagonisten, so z. B. für den Typus des „kleinen Mannes“, des Pilgers, Wanderers – des strannik und Narren in Christo (jurodivyj). Auf diese Figurentypen fokussiert sich besonders stark Svetlana Sirotininas und Nina Wellers Artikel Heimatsuche und Raumaneignung bei Aleksandr Iličevskij und Aleksej Ivanov. Entwurzelung, soziale Entfremdung und der Topos der Russlandreise dienen der Heimataneignung und Ich-Konfiguration. Die beiden Romane haben gemeinsam, dass sie die Selbstsuche in den Imaginationsräumen naturhafter, urbaner und mythisch-transzendenter Landschaften ausprobieren. Zusammengefasst heisst es: „Bei aller Unterschiedlichkeit zwischen Iličevskijs metaphorischer, stark mäandernder und Ivanovs realistischer und überwiegend linearer Erzählweise stehen beide Romane für eine in der russischen Literatur der Nuller Jahre verstärkt in Erscheinung tretende Suche nach neuen chronotopischen Formen der Existenz, welche sich hier in der ‚Antihaltung’ der Protagonisten gegenüber konventionellen gesellschaftlichen Vorstellungen eines ‚erfolgreichen’ Lebenslaufs artikuliert, ohne dass teleologische Entwicklungssujets der ‚Sinnsuche’ gänzlich aufgegeben würden.“
Beide Romane knüpfen an die romantische Tradition an. Ivanov spiegelt in den Naturschilderungen das Seelenleben des Helden. Dessen poetisch-imaginative Interaktionen mit dem Heimatraum beleben örtliche Mythen wieder. Iličevskij verwendet die Landschaft als erkenntnistheoretische Schlüsselkategorie. Ihre Wahrnehmung generiert die raum- und gedankenstrukturierende Poetik eines ‚neuen’, hochgradig subjektiven, ästhetisierten und spirituellen Sehens. Die Autorinnen gelangen zu dem Schluss, dass die Protagonisten beider Romane nicht als individuelle Charaktere hervortreten, sondern ‚romantisch-eskapistische’ Aussenseitertypen ohne kritische Brechungsmomente bleiben.
Die Beiträge haben gemeinsam, dass sie sich jeweils einem oder zwei Werken widmen. Diese deskriptiven, komparatistischen und anschaulichen Analysen entstehen aus einer Perspektive, die von der postmodernen Theorie stark geprägt ist. Die Lektüren suchen offenbar – im Kontrast zu ihrem Gegenstand – nicht nach neuen methodischen Ansätzen, um der beobachteten Ablösung von konsensfähig gewordenen Verfahren gerecht zu werden. Die Kommentare diagnostizieren Sujets, die auf persönliche Rede und subjektive Innerlichkeit setzen, die existentielle Erfahrungsdimension aktivieren und von der Identitäts-, Sinn-, Glücks- und Heimatsuche bestimmt sind. Methodisch dominieren genrenahe und kontextualisierte Analysen. So geht Bettina Lange in Neue Russen zweiter Klasse: Genre und Identität in Kira Muratovas Vtorostepennye ljudi (Menschen zweiter Klasse) der These nach, dass in Muratovas Film über dysfunktionale Elemente kriminalfilmtypischer narrativer Muster und über eine heterogene Erzählstruktur Identitätsmodelle in der postsowjetischen Zeit verhandelt werden.
Barbara Wurm stellt in Simulanten des Zauderns. Verweigerungs-Figuren in Aleksej Popogrebskijs Prostye vešči (Simple things) und Kak ja provel ėtim letom (How I Ended this Summer) fest, dass Filme unter dem Produktionslabel „Koktebel Film Company“ ein Erfolgsmodell der Nuller Jahre sind, da sie zwischen dem radikal ästhetisiertem Autorenfilm und dem konventionellen Genrekino eine Alternative bieten, eine Balance zwischen trauriger Komödie und ironischer Tragödie halten und mit konstruierter Inkonsequenz spielen. Typisch für diese Filme sei, dass in die Routine des Alltags mit einem Mal ein Moment der Unterbrechung, des Innehaltens und Nachdenkens einbricht. Die Autorin spürt dabei vier nicht-postmoderne Kontextualisierungen auf: Die Tradition des russischen Romans, a-teleologisches Erzählen und Kontingenz, eine am Dokumentarischen orientierte Alltagspoetik und das sowjetische Kino der „signs of the everyday“.
Besonders überzeugend sticht an dem Band hervor, dass sich die meisten Artikel an einem close reading anlehnen und vor dem Hintergrund zeitgenössischen künstlerischen Geschehens feinfühlige Beobachtungen der jeweiligen ästhetischen Spezifik vornehmen, ohne sie allzu generalisierend einzuordnen. Zugleich wären zwischendurch mutigere Thesen und Ableitungen der post-postmodernen Charakteristika wünschenswert. Wenn die Beiträge wiederholt darauf verweisen, dass Erfahrungen von Kontingenz und Unsicherheit vor allem Offenheit, Kreativität und einen positiven Möglichkeitsraum suggerieren (so der Einleitungsartikel der HerausgeberInnen) und transitorische Ich-Entwürfe innovativ seien (so Eva Hausbacher in ihrem Beitrag Seelenoptik. Marija Rybakovas Briefroman Anna Grom i ee prizrak (Die Reise der Anna Grom), so entsteht der Eindruck, dass sie erneut die – mittlerweile mehr neoliberale als postmoderne – Forderung nach Flexibilität, der Lust an Unbestimmtheit und Nichtfestlegung bei den Lebensentwürfen erheben und demgegenüber die Mittel und Motive im Umfeld des „neuen Realismus“ als unterkomplex und anachronistisch abtun. Insgesamt werfen die Lektüren die Frage auf, ob nicht sie es sind, die einem gewissen Anachronismus unterliegen, wenn sie Werke und Autoren, die mitunter bewusst die Postmoderne überwinden, auf ihre immer noch andauernde Postmodernität, die Zerrissenheit ihrer Figuren und die Ambivalenz ihrer Erzählformen hin lesen, anstatt sich ihnen mit neuen theoretischen Impulsen zu stellen.
Einerseits ignorieren dem Grundtenor der Interpretationen nach die Selbstkonzeptionen der Protagonisten in den besprochenen Werken die sowjetische Utopie des „neuen Menschen“ und dessen Folie des sozialistischen Realismus. Andererseits diagnostizieren mehrere Beiträge ein Erzählen, das sich um einen engagierten, gesellschaftskritischen Realismus und Entwicklungsgeschichten bemüht, persönliche Befindlichkeiten akzentuiert, den Alltag ins Zentrum rückt und sich doch um die Etablierung eines neuen, wenngleich unsowjetischen Menschentypus dreht. Dabei kann offenbar kaum etwas die gewohnt gewordene Ausdrucks- und Abbildungsskepsis der WissenschaftlerInnen mehr provozieren als die Authentizität, die das Primärmaterial immer wieder zu vermitteln versucht. Auch wenn das textnahe Beobachten dessen, wie die Noch- und Nicht-Mehr-Postmoderne sich ästhetisch transformiert, den Tiefenanalysen bestens gelingt, bleibt insgesamt der Eindruck, dass es darüber hinaus interessant gewesen wäre, es zu wagen, anhand von exemplarischen Werken den Anbruch der post-postmodernen Epoche genauer zu definieren.

 

Bettina Lange, Nina Weller, Georg Witte (Hrsg.): Die nicht mehr neuen Menschen. Russische Filme und Romane der Jahrtausendwende. Verlag Otto Sagner, München u. a. 2012.

Die nicht mehr neuen Menschen. Die Rückkehr des selbstbestimmten Subjekts - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die nicht mehr neuen Men­schen. Die Rück­kehr des selbst­be­stimmten Subjekts

Iden­tität, Indi­vi­dua­lität und Immu­nität bio­gra­fi­scher Ver­läufe, die sich in der poli­ti­schen und sozialen Willkür des post­so­wje­ti­schen Russ­lands eigen­sinnig ver­fes­tigen – mit diesen Kenn­zei­chen neuerer Romane und Filme scheint sich die Post­mo­derne end­gültig zu ver­ab­schieden. Zumin­dest stellen sie eine Span­nung zu jener Sinn­of­fen­heit her, die in den letzten Jahr­zehnten die ästhe­ti­schen Kon­turen vor­ge­geben hat. Diesen Grund­kon­flikt unter­sucht der von Bet­tina Lange, Nina Weller und Georg Witte her­aus­ge­ge­bene Band Die nicht mehr neuen Men­schen. Rus­si­sche Filme und Romane der Jahr­tau­send­wende. Her­vor­ge­gangen ist er aus dem medi­en­ver­glei­chenden Pro­jekt Die nicht mehr neuen Men­schen. Fik­tio­na­li­sie­rung von Indi­vi­dua­lität im post­so­wje­ti­schen rus­si­schen Film und Roman, das von der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft geför­dert und von Georg Witte, dem Inhaber des Lehr­stuhls für All­ge­meine und Ver­glei­chende Lite­ra­tur­wis­sen­schaft am Peter-Szondi-Institut der Freien Uni­ver­sität Berlin, geleitet worden ist.
Die Aus­wahl des ana­ly­sierten Prosa- und Film­ma­te­rials aus Russ­land fokus­siert eine dop­pelte Schwelle: Die Zeit nach dem Zer­fall der Sowjet­union und die Wende zwi­schen den Jahr­tau­senden. Letz­teres mag eine prag­ma­ti­sche Ent­schei­dung oder dem Zufall geschuldet sein, domi­niert ins­ge­samt doch die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem sowje­ti­schen Erbe stärker als eine davon los­ge­löste Aus­rich­tung auf die Gestal­tung der Zukunft. So inter­es­siert sich Ellen Rutten in ihrem Artikel Post-Com­mu­nist Sin­ce­rity and Sorokin’s Thri­logy (sic) für die Rhe­torik der Neuen Auf­rich­tig­keit(novaja iskren­nost’) als einen Dis­kurs der zeit­ge­nös­si­schen (rus­si­schen) Kultur und zeigt am Bei­spiel von Vla­dimir Sor­okins Tri­lo­gija (2002–2005), dass diese Ten­denz eine ästhe­ti­sche, aber auch eine soziale Dimen­sion auf­weist und sich mit der post­kom­mu­nis­ti­schen Rea­lität mög­lichst unmit­telbar aus­ein­an­der­setzt. Sie findet sich auch bei anderen Kon­zep­tua­listen (Prigov, Rubinš­tejn) und lässt sich noch weiter zurück bis zu dem Auf­satz des Kri­ti­kers Vla­dimir Pome­rancev Über Auf­rich­tig­keit in der Lite­ratur von 1953 ver­folgen. In Sor­okins Blog­ein­trägen zeichnet sie sich nicht zuletzt durch die Insze­niert­heit der authen­ti­schen Autor­stimme aus und ist mit ihrem Aktua­li­täts­bezug u. a. kom­mer­ziell motiviert.
Im Hin­blick auf einen poe­tisch aktiv mit­be­stimmten, pro­spek­tiven Ent­wurf lässt sich Oleg Jur’evs uto­pi­scher Roman Vineta (Die Rus­si­sche Fracht) inter­pre­tieren. Miriam Fin­kel­stein und Nina Weller betrachten ihn als ein Reser­voir an mytho­poe­ti­schen Dekon­struk­tionen und Neu­kon­struk­tionen rus­sisch-jüdi­scher Iden­tität – eine wich­tige, da ergän­zende Sicht zu den Rezen­sionen der deut­schen Über­set­zung des Romans, die dem jüdi­schen Aspekt des ver­schlun­genen Nar­ra­tivs wenig Beach­tung schenken. Der rus­sisch-jüdi­sche Prot­ago­nist, der eine Dis­ser­ta­tion über die Spie­ge­lung von Sankt Peters­burg und Vineta schreibt, betreibt auf einem Kühl­schiff in der Ostsee nicht nur eine beinah lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lich anmu­tende Über­de­ter­mi­nie­rung des Reise-Sujets, son­dern auch bio­gra­fisch-poe­ti­sche Selbst­ana­lyse. Der Roman erschaffe einen anderen „neuen Men­schen“: Der Prot­ago­nist ver­voll­stän­digt sein lücken­haftes Wissen über sich selbst mit Hilfe von Mit­rei­senden aus seiner Ver­gan­gen­heit bzw. seiner Ima­gi­na­tion. Auf diese Weise gelingt es ihm, seine Lebens­ge­schichte sinn­stif­tend zusam­men­zu­setzen. Der Grund­tenor der Autorinnen hebt hervor, dass der Roman, anstatt die Ver­gan­gen­heit sowjetischer/russischer Juden zu beklagen, ihre posi­tive – kohä­rente – Zukunft vorschlägt.
Wäh­rend der Titel des Bandes nur Lite­ratur und Film ankün­digt, wird bei der Lek­türe ersicht­lich, dass ein wei­teres Medium diesen künst­le­ri­schen Über­gangs­zu­stand kenn­zeichnet: Das Internet. Hen­rike Schmidt geht in ihrem Bei­trag Ein Jahr im Leben des Evgenij Griš­kovec’. Rubaška (Das Hemd) auf die Druck­fas­sung des Blogs God žžizni (Ein Jahr LLeben, 2008) ein, welche unge­achtet des Vor­wurfs der Gra­pho­manie grosse Popu­la­rität geniesst und Fol­ge­bände nach sich gezogen hat. Die Gat­tung Blog eignet sich für digi­tale Autor-Insze­nie­rungen – in Mys­ti­fi­ka­tionen (so bei Boris Akunin und Viktor Pelevin) oder auch in der Pose der insze­nierten Authen­ti­zität (Alex­andra Mari­nina, Sergej Luk’janenko). Das Blog, so Schmidt, ist als Milieu-Doku­ment für die zeit­ge­nös­si­sche Lite­ratur des­halb so wichtig, weil es den empi­ri­schen Autor mit seiner selbst erschaf­fenen Aura und den zur Schau gestellten, quasi ‚natür­li­chen’ Affekten in den Vor­der­grund rückt und damit jener Frag­men­tie­rung und Ver­spielt­heit ent­gegen setzt, die die rus­si­sche Lite­ratur der letzten Jahr­zehnte geprägt hat. Die Autorin weist darauf hin, dass eine Wende zum Empi­ri­schen und Authen­ti­schen hin nicht nur den Autor betrifft, son­dern auch den Leser, der in die kol­lek­tive Pri­vat­heit des Blog­gers ein­be­zogen wird.
In dem Essay Ernst als Spiel oder Helden der Nuller Jahre: Evgenij Griš­kovec’ Rubaška (Das Hemd) betrachtet Chris­tine Gölz den Roman Rubaška als reprä­sen­tativ für die Lite­ratur der Nuller Jahre. Ihr Artikel übt expli­zit­Kritik gegen­über „Erwar­tungen an die Lite­ratur einer neuen, ernst­haften Emp­find­sam­keit mit Hilfe eines als  n o r m a l  bezeich­neten und, wie sich zeigen wird, gerade darin beschränkten Helden zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts“ und ihrer lite­ra­ri­schen Ein­lö­sung in der Kon­struk­tion eines „nor­malen“ Helden inner­halb der so genannten „Middl-lite­ra­tura“. Diese steht zwi­schen der eli­tären Hoch­li­te­ratur und der popu­lären Unter­hal­tungs­li­te­ratur und ist als „Neue Auf­rich­tig­keit light“ (Gölz) den Radi­kalen Rea­listen ent­ge­gen­ge­setzt. Der „nor­male Mensch“ wird als ein männ­li­cher Groß­stadt­typus model­liert, der den „Ernst des Gefühls“ feiere und, so die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin, als Benimm­buch für den Szene-Mann der gla­mou­rösen Mega­polis dienen könne.
In ihren Lek­türen inter­es­sieren sich die Autoren­Innen des Bandes immer wieder für die Prot­ago­nisten, so z. B. für den Typus des „kleinen Mannes“, des Pil­gers, Wan­de­rers – des strannik und Narren in Christo (juro­divyj). Auf diese Figu­ren­typen fokus­siert sich beson­ders stark Svet­lana Siro­ti­ninas und Nina Wel­lers Artikel Hei­mat­suche und Raum­an­eig­nung bei Alek­sandr Iličevskij und Aleksej Ivanov. Ent­wur­ze­lung, soziale Ent­frem­dung und der Topos der Russ­land­reise dienen der Hei­mat­an­eig­nung und Ich-Kon­fi­gu­ra­tion. Die beiden Romane haben gemeinsam, dass sie die Selbst­suche in den Ima­gi­na­ti­ons­räumen natur­hafter, urbaner und mythisch-tran­szen­denter Land­schaften aus­pro­bieren. Zusam­men­ge­fasst heisst es: „Bei aller Unter­schied­lich­keit zwi­schen Iličevs­kijs meta­pho­ri­scher, stark mäan­dernder und Iva­novs rea­lis­ti­scher und über­wie­gend linearer Erzähl­weise stehen beide Romane für eine in der rus­si­schen Lite­ratur der Nuller Jahre ver­stärkt in Erschei­nung tre­tende Suche nach neuen chro­no­to­pi­schen Formen der Exis­tenz, welche sich hier in der ‚Anti­hal­tung’ der Prot­ago­nisten gegen­über kon­ven­tio­nellen gesell­schaft­li­chen Vor­stel­lungen eines ‚erfolg­rei­chen’ Lebens­laufs arti­ku­liert, ohne dass teleo­lo­gi­sche Ent­wick­lungs­su­jets der ‚Sinn­suche’ gänz­lich auf­ge­geben würden.“
Beide Romane knüpfen an die roman­ti­sche Tra­di­tion an. Ivanov spie­gelt in den Natur­schil­de­rungen das See­len­leben des Helden. Dessen poe­tisch-ima­gi­na­tive Inter­ak­tionen mit dem Hei­mat­raum beleben ört­liche Mythen wieder. Iličevskij ver­wendet die Land­schaft als erkennt­nis­theo­re­ti­sche Schlüs­sel­ka­te­gorie. Ihre Wahr­neh­mung gene­riert die raum- und gedan­ken­struk­tu­rie­rende Poetik eines ‚neuen’, hoch­gradig sub­jek­tiven, ästhe­ti­sierten und spi­ri­tu­ellen Sehens. Die Autorinnen gelangen zu dem Schluss, dass die Prot­ago­nisten beider Romane nicht als indi­vi­du­elle Cha­rak­tere her­vor­treten, son­dern ‚roman­tisch-eska­pis­ti­sche’ Aus­sen­sei­ter­typen ohne kri­ti­sche Bre­chungs­mo­mente bleiben.
Die Bei­träge haben gemeinsam, dass sie sich jeweils einem oder zwei Werken widmen. Diese deskrip­tiven, kom­pa­ra­tis­ti­schen und anschau­li­chen Ana­lysen ent­stehen aus einer Per­spek­tive, die von der post­mo­dernen Theorie stark geprägt ist. Die Lek­türen suchen offenbar – im Kon­trast zu ihrem Gegen­stand – nicht nach neuen metho­di­schen Ansätzen, um der beob­ach­teten Ablö­sung von kon­sens­fähig gewor­denen Ver­fahren gerecht zu werden. Die Kom­men­tare dia­gnos­ti­zieren Sujets, die auf per­sön­liche Rede und sub­jek­tive Inner­lich­keit setzen, die exis­ten­ti­elle Erfah­rungs­di­men­sion akti­vieren und von der Identitäts‑, Sinn‑, Glücks- und Hei­mat­suche bestimmt sind. Metho­disch domi­nieren gen­re­nahe und kon­tex­tua­li­sierte Ana­lysen. So geht Bet­tina Lange in Neue Russen zweiter Klasse: Genre und Iden­tität in Kira Mura­tovas Vto­ros­te­pennye ljudi (Men­schen zweiter Klasse) der These nach, dass in Mura­tovas Film über dys­funk­tio­nale Ele­mente kri­mi­nal­film­ty­pi­scher nar­ra­tiver Muster und über eine hete­ro­gene Erzähl­struktur Iden­ti­täts­mo­delle in der post­so­wje­ti­schen Zeit ver­han­delt werden.
Bar­bara Wurm stellt in Simu­lanten des Zau­derns. Ver­wei­ge­rungs-Figuren in Aleksej Popo­grebs­kijs Pro­stye vešči (Simple things) und Kak ja provel ėtim letom (How I Ended this Summer) fest, dass Filme unter dem Pro­duk­ti­ons­label „Kok­tebel Film Com­pany“ ein Erfolgs­mo­dell der Nuller Jahre sind, da sie zwi­schen dem radikal ästhe­ti­siertem Autoren­film und dem kon­ven­tio­nellen Gen­re­kino eine Alter­na­tive bieten, eine Balance zwi­schen trau­riger Komödie und iro­ni­scher Tra­gödie halten und mit kon­stru­ierter Inkon­se­quenz spielen. Typisch für diese Filme sei, dass in die Rou­tine des All­tags mit einem Mal ein Moment der Unter­bre­chung, des Inne­hal­tens und Nach­den­kens ein­bricht. Die Autorin spürt dabei vier nicht-post­mo­derne Kon­tex­tua­li­sie­rungen auf: Die Tra­di­tion des rus­si­schen Romans, a‑teleologisches Erzählen und Kon­tin­genz, eine am Doku­men­ta­ri­schen ori­en­tierte All­tags­poetik und das sowje­ti­sche Kino der „signs of the everyday“.
Beson­ders über­zeu­gend sticht an dem Band hervor, dass sich die meisten Artikel an einem close rea­ding anlehnen und vor dem Hin­ter­grund zeit­ge­nös­si­schen künst­le­ri­schen Gesche­hens fein­füh­lige Beob­ach­tungen der jewei­ligen ästhe­ti­schen Spe­zifik vor­nehmen, ohne sie allzu gene­ra­li­sie­rend ein­zu­ordnen. Zugleich wären zwi­schen­durch muti­gere Thesen und Ablei­tungen der post-post­mo­dernen Cha­rak­te­ris­tika wün­schens­wert. Wenn die Bei­träge wie­der­holt darauf ver­weisen, dass Erfah­rungen von Kon­tin­genz und Unsi­cher­heit vor allem Offen­heit, Krea­ti­vität und einen posi­tiven Mög­lich­keits­raum sug­ge­rieren (so der Ein­lei­tungs­ar­tikel der Her­aus­ge­be­rInnen) und tran­si­to­ri­sche Ich-Ent­würfe inno­vativ seien (so Eva Haus­ba­cher in ihrem Bei­trag See­len­optik. Marija Ryba­kovas Brief­roman Anna Grom i ee prizrak (Die Reise der Anna Grom), so ent­steht der Ein­druck, dass sie erneut die – mitt­ler­weile mehr neo­li­be­rale als post­mo­derne – For­de­rung nach Fle­xi­bi­lität, der Lust an Unbe­stimmt­heit und Nicht­fest­le­gung bei den Lebens­ent­würfen erheben und dem­ge­gen­über die Mittel und Motive im Umfeld des „neuen Rea­lismus“ als unter­kom­plex und ana­chro­nis­tisch abtun. Ins­ge­samt werfen die Lek­türen die Frage auf, ob nicht sie es sind, die einem gewissen Ana­chro­nismus unter­liegen, wenn sie Werke und Autoren, die mit­unter bewusst die Post­mo­derne über­winden, auf ihre immer noch andau­ernde Post­mo­der­nität, die Zer­ris­sen­heit ihrer Figuren und die Ambi­va­lenz ihrer Erzähl­formen hin lesen, anstatt sich ihnen mit neuen theo­re­ti­schen Impulsen zu stellen.
Einer­seits igno­rieren dem Grund­tenor der Inter­pre­ta­tionen nach die Selbst­kon­zep­tionen der Prot­ago­nisten in den bespro­chenen Werken die sowje­ti­sche Utopie des „neuen Men­schen“ und dessen Folie des sozia­lis­ti­schen Rea­lismus. Ande­rer­seits dia­gnos­ti­zieren meh­rere Bei­träge ein Erzählen, das sich um einen enga­gierten, gesell­schafts­kri­ti­schen Rea­lismus und Ent­wick­lungs­ge­schichten bemüht, per­sön­liche Befind­lich­keiten akzen­tu­iert, den Alltag ins Zen­trum rückt und sich doch um die Eta­blie­rung eines neuen, wenn­gleich unso­wje­ti­schen Men­schen­typus dreht. Dabei kann offenbar kaum etwas die gewohnt gewor­dene Aus­drucks- und Abbil­dungs­skepsis der Wis­sen­schaft­le­rInnen mehr pro­vo­zieren als die Authen­ti­zität, die das Pri­mär­ma­te­rial immer wieder zu ver­mit­teln ver­sucht. Auch wenn das text­nahe Beob­achten dessen, wie die Noch- und Nicht-Mehr-Post­mo­derne sich ästhe­tisch trans­for­miert, den Tie­fen­ana­lysen bes­tens gelingt, bleibt ins­ge­samt der Ein­druck, dass es dar­über hinaus inter­es­sant gewesen wäre, es zu wagen, anhand von exem­pla­ri­schen Werken den Anbruch der post-post­mo­dernen Epoche genauer zu definieren.

 

Bet­tina Lange, Nina Weller, Georg Witte (Hrsg.): Die nicht mehr neuen Men­schen. Rus­si­sche Filme und Romane der Jahr­tau­send­wende. Verlag Otto Sagner, Mün­chen u. a. 2012.