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Raus aus Bratislava! – Preč! Preč! von Jana Beňová

Posted on 21. März 2014 by Sarah Houtermans
Die Koffer packen, abreisen, egal wohin, niemals ankommen, Ungehorsam, Rebellion. Jana Beňová hat mit "Preč! Preč! (Weg! Weg!)" einen bilderreichen Text geschaffen, der mit viel Sprachspiel und Humor existenzielle Themen verhandelt. Das Verlangen der Protagonistin nach Unabhängigkeit kann man dabei fast körperlich miterleben.

Preč! Preč! (Weg! Weg!), Jana Beňovás drittes Prosawerk nach Parker und Der Geleitplan (Café Hyena), handelt von Flucht und Ausreißen, von Ungehorsam und Abenteuern. Der Ausruf ist gewissermaßen Lebensmotto für Jana Beňovás Protagonistin, für Rosa, „das Mädchen vom Hauptbahnhof“, die aufgewachsen ist in dem Haus hinter den Gleisen, den Blick auf die Nachtzüge Richtung Norden gerichtet. Aber auch für Son, ihren Mann, der sich noch nie wohlgefühlt hat in fremden Wohnungen und unter fremden Menschen und am wenigsten dann, wenn beides zusammenkommt. Als Kind hat er deshalb, als er mit den Eltern bei Freunden eingeladen war, Mutter und Vater am Hosenbein gezupft und verlangt: „Weg! Weg!“.

 

So beginnt der Text. Daneben stellt die Autorin die Anekdote von der Prager Fürstentochter, die ihre Ferien bei der Thurn-und-Taxis-Verwandtschaft in Deutschland verbringen muss. Als sie von ihrer Gastgeberin großzügig gefragt wird, was sie sich denn wünschen würde, antwortet das adelige Mädchen, sie würde es ja gerne sagen, aber das sei einfach ungehörig, viel zu ungezogen. Als die Fürstin insistiert, antwortet das Mädchen: „Weg! Weg!“.

 

Das Thema ist damit gesetzt. Es geht um das schnelle Kofferpacken, um die Flucht aus Situationen, in denen man sich nicht befinden will, um die Reise an egal welchen Ort, Hauptsache an einen anderen, aber auch um Ungehorsam, Rebellion. Grundlage jedes Arbeitslebens ist das Ausreißen, das Schwänzen, behauptet Rosa, im Jetzt der Erzählung eine vierzigjährige Frau. Dabei ist sie nicht immer so rebellisch gewesen. Als Kind, erinnert sie sich, ging sie gerne zur Schule. Erst später, auf dem Gymnasium in der Vorstadt, hielt sie es nicht mehr aus. Dort gab es kein echtes Leben, nur Autobahnen, graue Häuser, schwarzen Schnee und beschränkte Menschen. Zusammen mit den Anderen fühlte sie sich unwohl, gefangen im Kollektiv; ein besonderer Horror dabei: das gemeinsame Mittagessen, der Geruch des aufgezwungenen Essens, die Geräusche der Mitschüler. Hier entsteht ihr Freiheitsdrang: Aus dem reglementierten Schulalltag flieht sie in kleine Cafés, zieht durch die Stadt, zum Bahnhof, trinkt Rotwein, raucht. So erschafft sie sich ihr Paris inmitten der tristen Tschechoslowakei, denn, so die erwachsene Rosa, wenn man sich mit sechzehn nicht ein eigenes Paris erfindet (vor allem am frühen Abend), wenn man nicht in den Tag hineinlebt, nicht Albert Camus liest, dann wird man es auch später nie (er)finden.

 

Fortan bestimmen Fluchten und Reisen Rosas Leben. Die erste Reise führt sie zu ihrem Onkel nach Amerika, wo sie sich Abenteuer erhofft. Stattdessen verbringt sie die Tage in der Autowerkstatt des Onkels, der ihr abends immer wieder Ausflüge verspricht – je mehr er trinkt, desto großspuriger seine Pläne. Doch am nächsten Morgen schläft der Onkel bis mittags, um dann wieder in der Werkstatt zu verschwinden.

 

In Rosas Leben lösen die Aufbrüche einander ab, geben ihr Kraft; die neuen Orte dagegen sind desillusionierend, niemals kommt sie in ihnen an, kehrt immer wieder zurück in die trostlose slowakische Plattenbausiedlung. Auch die vierzigjährige Rosa muss also weg von hier, ist wie früher in der Schule den Mitschülern, jetzt den ständig plaudernden Kolleginnen ausgeliefert: „Arbeit, Kinder, Familie, Geld, Musik, Familie, Kinder, Arbeit, Essen, Kognak, Sex, Schönheitsoperationen, politische Theorie, Cellulitis, Essen, Kognak, Arbeit, Geld, Sex, Cellulitis“, sind die nichtssagenden Themen, die ohne Unterlass diskutiert werden (obwohl man sich fragt, was die „politische Theorie“ hier zu suchen hat – Beňová mit ihrem gewohnt ironischen Unterton mag hier das Pausenraumgemecker über die Unfähigkeit der politischen Klasse vorgeschwebt haben).

 

Ebenso gefangen fühlt sich Rosa in der Ehe mit Son, dem Dichter. Ihre Beziehung scheint am Ende, sie hält es nicht aus mit ihm. So kommt es, dass in diesem Jahr der Januar, für sie der schwärzeste Monat, bis in den März hinein andauert. Im Januar, so Rosa, sind sogar Spaziergänge überflüssig, „denn alles ist tot, was bleibt, ist Selbstmord, d.h. eine Ehe plus vierzig Stunden Büroarbeit, oder ein Revolver“.

 

Stattdessen nimmt sie den Zug, reist nach Österreich, zu einem anderen Mann, zu Corman, dem Marionettenspieler. Mit ihm reist sie weiter, durch Slowenien, egal wohin. Ein Ziel gibt es wie immer nicht, schon gar nicht das Meer (das auf dem Buchcover abgebildet ist), denn, so bemerkt sie auf einem Flughafen voller Südurlauber: „Wir kommen aus einer Gegend, wo man sich Wärme verdienen muss, sie erschaffen muss. Im eigenen Körper ein eigenes Feuer entzünden. ... Wir haben kein Meer. Und wollen auch keins.“ Und wie immer kehrt sie auch dieses Mal zurück, zu Son, in die Plattenbausiedlung, lebt zwischen zwei Welten, zwei Männern, trauert über das, was war, das, was ist, denn: „Wenn der Geliebte verschwindet, tauchen sehr viele Wörter auf, die man gerne noch sagen würde. Sie wirbeln in einem herum. Fallen in den Tag wie schlammige Steine. Radioaktiver Abfall.“ Und auf ihrer Suche nach Unabhängigkeit, angetrieben von ihrem „Weg! Weg!“, das zwischendurch zumindest den Männern wie ein Schlachtruf in den Ohren klingen muss, kommt sie zum Schluss vielleicht doch an. Versteht vielmehr, dass abzureisen auch bedeutet, irgendwo anders anzukommen.

 

Weg! Weg! beginnt gewissermaßen da, wo Jana Beňovás Der Geleitplan aufhört. Die Protagonistinnen ähneln sich: Die rebellische Rosa könnte eine Zwillingsschwester der starken Elza aus dem Geleitplan sein, und auch Son teilt nicht nur die schlechten Augen mit Ian, dem alternden Dichter. Aber während Elza bleibt, sich eine eigene Welt in der Tristesse der Plattenbauten zusammenbastelt (wie auch die sechzehnjährige Rosa), nach einem „Geleitplan“ für das Hier und Jetzt sucht, in dem sie trotz allem fest verankert ist, wagt Rosa die Flucht nach vorn, ist ständig in Bewegung. Sie bleibt nicht in der unglücklichen Beziehung, wo sie von ihrem schlecht sehenden Dichtermann „abhängig ist wie ein Blindenhund“. Da steht sie lieber weinend auf dem Bahnsteig und trauert dem Ende ihrer Liebe nach. Aber: Sie geht, muss gehen, um zu überleben.

 

Jana Beňová verhandelt die Suche von Frauen nach Unabhängigkeit, das Scheitern von Beziehungen mit allzu selbstbezogenen Männern, die sich wandelnde Rolle von Frauen in den Gesellschaften Mitteleuropas, die Erfahrung einer Kindheit im Sozialismus. Das Gefühl der Enge, kleine Fluchten, die Freiheit in engen Weinkaschemmen, in den Straßen der Stadt und die Sehnsucht nach fremden Orten sind viel beschriebene Motive ihrer Generation, die während der „Normalisierung“ in der Tschechoslowakei aufwuchs. Beňová widmet sich ihnen aber auf ihre ganz eigene, unnachahmliche und alles andere als banale Weise.

 

Weg! Weg! ist untertitelt mit „Roman / Gedicht“, und zweigeteilt ist auch der Text, wobei beide Teile den gleichen Titel „Weg!“ tragen. Und ja, es ist ein Roman, es gibt die oben beschriebene Handlung, Protagonisten, Ereignisse. Gleichzeitig quillt der Text über vor Bildern, freien Assoziationen, ist häufig radikal aus Rosas Perspektive und in der Technik des Bewusstseinsstroms erzählt. Beňová hat mit Rosa eine noch stärkere, wildere Erzählstimme als die ihrer Elza geschaffen, die im Vergleich fast etwas zurückgenommen, distanziert klingt. Rosa lässt die Leser näher an sich heran, ihr Verlangen nach Unabhängigkeit und Abgrenzung sind so unmittelbar, dass man sie fast körperlich miterlebt. Aber ihre Suche nach Sinn, nach dem eigenen Platz in der Welt ist keinesfalls linear erzählt, sondern voller Brüche und Zeitsprünge. Die Autorin spielt mit der Wahrnehmung ihrer Leser, lässt keine klaren Zuordnungen von Raum und Zeit, von Realität und Traum zu. Textpassagen brechen plötzlich ab, bis der Faden an späterer Stelle wiederaufgenommen wird und die Ereignisse oft in völlig neuem Licht erscheinen.

 

Und wie schon im Geleitplan ist Beňovás Prosa von einer bewundernswerten Leichtigkeit, erscheint der Erzählstil niemals künstlich oder gewollt. Fast noch genauer, noch treffender sind ihre Bilder geworden, die knappen Sätze, mit denen alles gesagt ist. Dazu kommt ihr unvergleichlicher Humor, etwa wenn sie Rosa den Zustand ihrer Beziehung zu Son bei einem Restaurantbesuch so charakterisieren lässt: „Ich habe mich wahrscheinlich falsch hingesetzt. Auf den schlechtesten Platz. Genau gegenüber von Son.“ Oder wenn Rosa, die ängstlich auf den Geliebten wartet, denkt: „Wäre es möglich, dass Corman mich verlässt? Dass er es fertig bekäme, die Frau zu verlassen, die ihm das Nachtleben von Krems gezeigt hat?“

 

Jana Beňová hat mit Preč! Preč! einen erfrischend rebellischen, mitreißend erzählten Text geschaffen. Humorvoll und ironisch verhandelt sie existenzielle Themen, wie es sich leben lässt, wenn die Liebe verschwindet, wenn es einen anderen Mann gibt, man aber mit dem ersten das ganze Leben verbracht hat. Beňová schreibt im besten Sinne berührend; sprachliche Verspieltheit, Leichtheit, Selbstironie und Humor treffen bei ihr auf die tieferen Wahrnehmungsschichten und Entfremdungspraktiken moderner Gesellschaften. Leider liegt Preč! Preč! bisher nicht in deutscher Übersetzung vor – schade, denn Besseres war aus der Slowakei seit Langem nicht zu lesen.

 

Beňová, Jana: Preč! Preč! Bratislava: Marenčin PT, 2012.

 

Alle Zitate wurden von Sarah Houtermans aus dem Slowakischen übertragen.

Rezension_Benova_Prec

Raus aus Bratislava! – Preč! Preč! von Jana Beňová - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Raus aus Bra­tis­lava! – Preč! Preč! von Jana Beňová

Preč! Preč! (Weg! Weg!), Jana Beňovás drittes Pro­sa­werk nach Parker und Der Geleit­plan (Café Hyena), han­delt von Flucht und Aus­reißen, von Unge­horsam und Aben­teuern. Der Ausruf ist gewis­ser­maßen Lebens­motto für Jana Beňovás Prot­ago­nistin, für Rosa, „das Mäd­chen vom Haupt­bahnhof“, die auf­ge­wachsen ist in dem Haus hinter den Gleisen, den Blick auf die Nacht­züge Rich­tung Norden gerichtet. Aber auch für Son, ihren Mann, der sich noch nie wohl­ge­fühlt hat in fremden Woh­nungen und unter fremden Men­schen und am wenigsten dann, wenn beides zusam­men­kommt. Als Kind hat er des­halb, als er mit den Eltern bei Freunden ein­ge­laden war, Mutter und Vater am Hosen­bein gezupft und ver­langt: „Weg! Weg!“.

 

So beginnt der Text. Daneben stellt die Autorin die Anek­dote von der Prager Fürs­ten­tochter, die ihre Ferien bei der Thurn-und-Taxis-Ver­wandt­schaft in Deutsch­land ver­bringen muss. Als sie von ihrer Gast­ge­berin groß­zügig gefragt wird, was sie sich denn wün­schen würde, ant­wortet das ade­lige Mäd­chen, sie würde es ja gerne sagen, aber das sei ein­fach unge­hörig, viel zu unge­zogen. Als die Fürstin insis­tiert, ant­wortet das Mäd­chen: „Weg! Weg!“.

 

Das Thema ist damit gesetzt. Es geht um das schnelle Kof­fer­pa­cken, um die Flucht aus Situa­tionen, in denen man sich nicht befinden will, um die Reise an egal wel­chen Ort, Haupt­sache an einen anderen, aber auch um Unge­horsam, Rebel­lion. Grund­lage jedes Arbeits­le­bens ist das Aus­reißen, das Schwänzen, behauptet Rosa, im Jetzt der Erzäh­lung eine vier­zig­jäh­rige Frau. Dabei ist sie nicht immer so rebel­lisch gewesen. Als Kind, erin­nert sie sich, ging sie gerne zur Schule. Erst später, auf dem Gym­na­sium in der Vor­stadt, hielt sie es nicht mehr aus. Dort gab es kein echtes Leben, nur Auto­bahnen, graue Häuser, schwarzen Schnee und beschränkte Men­schen. Zusammen mit den Anderen fühlte sie sich unwohl, gefangen im Kol­lektiv; ein beson­derer Horror dabei: das gemein­same Mit­tag­essen, der Geruch des auf­ge­zwun­genen Essens, die Geräu­sche der Mit­schüler. Hier ent­steht ihr Frei­heits­drang: Aus dem regle­men­tierten Schul­alltag flieht sie in kleine Cafés, zieht durch die Stadt, zum Bahnhof, trinkt Rot­wein, raucht. So erschafft sie sich ihr Paris inmitten der tristen Tsche­cho­slo­wakei, denn, so die erwach­sene Rosa, wenn man sich mit sech­zehn nicht ein eigenes Paris erfindet (vor allem am frühen Abend), wenn man nicht in den Tag hin­ein­lebt, nicht Albert Camus liest, dann wird man es auch später nie (er)finden.

 

Fortan bestimmen Fluchten und Reisen Rosas Leben. Die erste Reise führt sie zu ihrem Onkel nach Ame­rika, wo sie sich Aben­teuer erhofft. Statt­dessen ver­bringt sie die Tage in der Auto­werk­statt des Onkels, der ihr abends immer wieder Aus­flüge ver­spricht – je mehr er trinkt, desto groß­spu­riger seine Pläne. Doch am nächsten Morgen schläft der Onkel bis mit­tags, um dann wieder in der Werk­statt zu verschwinden.

 

In Rosas Leben lösen die Auf­brüche ein­ander ab, geben ihr Kraft; die neuen Orte dagegen sind des­il­lu­sio­nie­rend, nie­mals kommt sie in ihnen an, kehrt immer wieder zurück in die trost­lose slo­wa­ki­sche Plat­ten­bau­sied­lung. Auch die vier­zig­jäh­rige Rosa muss also weg von hier, ist wie früher in der Schule den Mit­schü­lern, jetzt den ständig plau­dernden Kol­le­ginnen aus­ge­lie­fert: „Arbeit, Kinder, Familie, Geld, Musik, Familie, Kinder, Arbeit, Essen, Kognak, Sex, Schön­heits­ope­ra­tionen, poli­ti­sche Theorie, Cel­lu­litis, Essen, Kognak, Arbeit, Geld, Sex, Cel­lu­litis“, sind die nichts­sa­genden Themen, die ohne Unter­lass dis­ku­tiert werden (obwohl man sich fragt, was die „poli­ti­sche Theorie“ hier zu suchen hat – Beňová mit ihrem gewohnt iro­ni­schen Unterton mag hier das Pau­sen­raum­ge­me­cker über die Unfä­hig­keit der poli­ti­schen Klasse vor­ge­schwebt haben).

 

Ebenso gefangen fühlt sich Rosa in der Ehe mit Son, dem Dichter. Ihre Bezie­hung scheint am Ende, sie hält es nicht aus mit ihm. So kommt es, dass in diesem Jahr der Januar, für sie der schwär­zeste Monat, bis in den März hinein andauert. Im Januar, so Rosa, sind sogar Spa­zier­gänge über­flüssig, „denn alles ist tot, was bleibt, ist Selbst­mord, d.h. eine Ehe plus vierzig Stunden Büro­ar­beit, oder ein Revolver“.

 

Statt­dessen nimmt sie den Zug, reist nach Öster­reich, zu einem anderen Mann, zu Corman, dem Mario­net­ten­spieler. Mit ihm reist sie weiter, durch Slo­we­nien, egal wohin. Ein Ziel gibt es wie immer nicht, schon gar nicht das Meer (das auf dem Buch­cover abge­bildet ist), denn, so bemerkt sie auf einem Flug­hafen voller Süd­ur­lauber: „Wir kommen aus einer Gegend, wo man sich Wärme ver­dienen muss, sie erschaffen muss. Im eigenen Körper ein eigenes Feuer ent­zünden. … Wir haben kein Meer. Und wollen auch keins.“ Und wie immer kehrt sie auch dieses Mal zurück, zu Son, in die Plat­ten­bau­sied­lung, lebt zwi­schen zwei Welten, zwei Män­nern, trauert über das, was war, das, was ist, denn: „Wenn der Geliebte ver­schwindet, tau­chen sehr viele Wörter auf, die man gerne noch sagen würde. Sie wir­beln in einem herum. Fallen in den Tag wie schlam­mige Steine. Radio­ak­tiver Abfall.“ Und auf ihrer Suche nach Unab­hän­gig­keit, ange­trieben von ihrem „Weg! Weg!“, das zwi­schen­durch zumin­dest den Män­nern wie ein Schlachtruf in den Ohren klingen muss, kommt sie zum Schluss viel­leicht doch an. Ver­steht viel­mehr, dass abzu­reisen auch bedeutet, irgendwo anders anzukommen.

 

Weg! Weg! beginnt gewis­ser­maßen da, wo Jana Beňovás Der Geleit­plan auf­hört. Die Prot­ago­nis­tinnen ähneln sich: Die rebel­li­sche Rosa könnte eine Zwil­lings­schwester der starken Elza aus dem Geleit­plan sein, und auch Son teilt nicht nur die schlechten Augen mit Ian, dem alternden Dichter. Aber wäh­rend Elza bleibt, sich eine eigene Welt in der Tris­tesse der Plat­ten­bauten zusam­men­bas­telt (wie auch die sech­zehn­jäh­rige Rosa), nach einem „Geleit­plan“ für das Hier und Jetzt sucht, in dem sie trotz allem fest ver­an­kert ist, wagt Rosa die Flucht nach vorn, ist ständig in Bewe­gung. Sie bleibt nicht in der unglück­li­chen Bezie­hung, wo sie von ihrem schlecht sehenden Dich­ter­mann „abhängig ist wie ein Blin­den­hund“. Da steht sie lieber wei­nend auf dem Bahn­steig und trauert dem Ende ihrer Liebe nach. Aber: Sie geht, muss gehen, um zu überleben.

 

Jana Beňová ver­han­delt die Suche von Frauen nach Unab­hän­gig­keit, das Schei­tern von Bezie­hungen mit allzu selbst­be­zo­genen Män­nern, die sich wan­delnde Rolle von Frauen in den Gesell­schaften Mit­tel­eu­ropas, die Erfah­rung einer Kind­heit im Sozia­lismus. Das Gefühl der Enge, kleine Fluchten, die Frei­heit in engen Wein­ka­schemmen, in den Straßen der Stadt und die Sehn­sucht nach fremden Orten sind viel beschrie­bene Motive ihrer Gene­ra­tion, die wäh­rend der „Nor­ma­li­sie­rung“ in der Tsche­cho­slo­wakei auf­wuchs. Beňová widmet sich ihnen aber auf ihre ganz eigene, unnach­ahm­liche und alles andere als banale Weise.

 

Weg! Weg! ist unter­ti­telt mit „Roman / Gedicht“, und zwei­ge­teilt ist auch der Text, wobei beide Teile den glei­chen Titel „Weg!“ tragen. Und ja, es ist ein Roman, es gibt die oben beschrie­bene Hand­lung, Prot­ago­nisten, Ereig­nisse. Gleich­zeitig quillt der Text über vor Bil­dern, freien Asso­zia­tionen, ist häufig radikal aus Rosas Per­spek­tive und in der Technik des Bewusst­seins­stroms erzählt. Beňová hat mit Rosa eine noch stär­kere, wil­dere Erzähl­stimme als die ihrer Elza geschaffen, die im Ver­gleich fast etwas zurück­ge­nommen, distan­ziert klingt. Rosa lässt die Leser näher an sich heran, ihr Ver­langen nach Unab­hän­gig­keit und Abgren­zung sind so unmit­telbar, dass man sie fast kör­per­lich mit­er­lebt. Aber ihre Suche nach Sinn, nach dem eigenen Platz in der Welt ist kei­nes­falls linear erzählt, son­dern voller Brüche und Zeit­sprünge. Die Autorin spielt mit der Wahr­neh­mung ihrer Leser, lässt keine klaren Zuord­nungen von Raum und Zeit, von Rea­lität und Traum zu. Text­pas­sagen bre­chen plötz­lich ab, bis der Faden an spä­terer Stelle wie­der­auf­ge­nommen wird und die Ereig­nisse oft in völlig neuem Licht erscheinen.

 

Und wie schon im Geleit­plan ist Beňovás Prosa von einer bewun­derns­werten Leich­tig­keit, erscheint der Erzähl­stil nie­mals künst­lich oder gewollt. Fast noch genauer, noch tref­fender sind ihre Bilder geworden, die knappen Sätze, mit denen alles gesagt ist. Dazu kommt ihr unver­gleich­li­cher Humor, etwa wenn sie Rosa den Zustand ihrer Bezie­hung zu Son bei einem Restau­rant­be­such so cha­rak­te­ri­sieren lässt: „Ich habe mich wahr­schein­lich falsch hin­ge­setzt. Auf den schlech­testen Platz. Genau gegen­über von Son.“ Oder wenn Rosa, die ängst­lich auf den Geliebten wartet, denkt: „Wäre es mög­lich, dass Corman mich ver­lässt? Dass er es fertig bekäme, die Frau zu ver­lassen, die ihm das Nacht­leben von Krems gezeigt hat?“

 

Jana Beňová hat mit Preč! Preč! einen erfri­schend rebel­li­schen, mit­rei­ßend erzählten Text geschaffen. Humor­voll und iro­nisch ver­han­delt sie exis­ten­zi­elle Themen, wie es sich leben lässt, wenn die Liebe ver­schwindet, wenn es einen anderen Mann gibt, man aber mit dem ersten das ganze Leben ver­bracht hat. Beňová schreibt im besten Sinne berüh­rend; sprach­liche Ver­spielt­heit, Leicht­heit, Selbst­ironie und Humor treffen bei ihr auf die tie­feren Wahr­neh­mungs­schichten und Ent­frem­dungs­prak­tiken moderner Gesell­schaften. Leider liegt Preč! Preč! bisher nicht in deut­scher Über­set­zung vor – schade, denn Bes­seres war aus der Slo­wakei seit Langem nicht zu lesen.

 

Beňová, Jana: Preč! Preč! Bra­tis­lava: Marenčin PT, 2012.

 

Alle Zitate wurden von Sarah Hou­ter­mans aus dem Slo­wa­ki­schen übertragen.

Rezension_Benova_Prec