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Im „Honigland" Ukraine

Posted on 18. Juli 2023 by Viktoria Garms
In seinem Roman „Graue Bienen" schickt Andrij Kurkov den Imker Sergej aus dem Donbass auf einen Roadtrip durch die Ukraine – gemeinsam mit seinen Bienenstöcken, um sie vor dem Krieg zu retten. Kurkov braucht das Schlachtfeld nicht, um dennoch eine Geschichte über den Krieg zu erzählen.

In seinem Roman Graue Bienen schickt Andrij Kurkov den Imker Sergej aus dem Donbass auf einen Roadtrip durch die Ukraine – gemeinsam mit seinen Bienenstöcken, um sie vor dem Krieg zu retten. Kurkov braucht das Schlachtfeld nicht, um dennoch eine Geschichte über den Krieg zu erzählen.

 

Der schneebedeckte Boden, das menschenleere Dorf Malaja Starogradovka und die Zone der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen russischen Separatisten und ukrainischen Milizen haben eines gemeinsam: Sie alle sind grau. Dieses Grau färbt ab auf das Leben des in sich gekehrten Imkers Sergej, auf seinen eintönigen kräftezehrenden Winteralltag, der sich aufgrund des fehlenden Stroms kraftaufwendig gestaltet. Unter der ständigen Geräuschkulisse des Artilleriebeschusses, die längst schon Bestandteil der „Stille" geworden ist, erledigt Sergej tägliche Routinen, um das Wohlergehen seiner Bienen, aber auch das eigene Überleben zu sichern. Wenig nur unterbricht den geregelten Tagesablauf, und das Wenige scheint nicht an Sergejs Gleichmut zu rütteln. Ab und an besucht ihn Paška, sein einstiger Schulkamerad und heute politischer Gegner. Aber nun, in dem verlassenen Dorf ohne Strom, Radioempfang oder Einkaufsmöglichkeit brauchen sie einander, um wenigstens ein paar spärliche Worte wechseln zu können.

Sergej und Paška, die beiden Frührenter, stehen in Graue Bienen stellvertretend für die verfeindeten Lager auf dem Schlachtfeld in der „Grauen Zone". Das sind Gebiete, die sich in der Nähe der Frontlinie befinden. In ihnen kommt es immer wieder zu Kampfhandlungen zwischen den Separatisten, der russischen Armee und ausländischen Söldnern, die den Raum für sich beanspruchen, und den ukrainischen Streitkräften, unter deren Kontrolle das Land steht. Obwohl Kurkov die im Winter 2016 einsetzende Romanhandlung auf dem Donbass-Konflikt aufbaut, fokussiert das Buch die Grausamkeiten des Krieges nicht, sondern schildert vielmehr das alltägliche Leiden in den umkämpften Donezker Gebieten. Kurkov observiert das Leben derjenigen, die in den Kriegsgebieten zurückgeblieben sind und nun zwischen den Fronten leben, wie im Fall von Sergej.

Der 1961 in Sankt Petersburg geborene Autor ist einer der bekanntesten und produktivsten ukrainischen Gegenwartsschriftsteller. Seine Werke verfasst Kurkov zumeist auf Russisch. Auch Graue Bienen (Serye pčely) erschien 2018 in russischer Sprache. Obwohl sich sein Sergej als Ukrainer fühlt, scheint er sich schwer mit seinem ukrainisierten Namen Serhij Serhijovyč zu identifizieren, bevorzugt weiterhin das russische Sergej Sergejič. Sergej steht stellvertretend für die Gruppe russischsprachiger Arbeitsmigrant_innen aus dem Industriesektor der Ostukraine und war selbst einst in den Kohlekraftwerken Inspektor für Arbeitssicherheit. Wegen seiner Feinstaublunge und durch Bestechung der Ärztin aus der Poliklinik wurde er als Invalide entlassen. Seit sich seine Frau von ihm trennte und mit der gemeinsamen Tochter die Ostukraine in westliche Richtung nach Winnyzja verließ, widmet er sich nur noch den Bienenvölkern. Stolz erinnert er sich an den Besuch des Gouverneurs, der ihn einst für seine Bienenzucht auszeichnete.

Die Bienenzucht genießt traditionell einen hohen Stellenwert in der Ukraine. Das Land gehört zu den größten Honigproduzenten Europas, feiert alljährlich am 19. August das Honigfest und kann mit der weltweit ersten Bienenzucht-Schule aufwarten, dem Petro-Prokopovyč-Institut für Imkerei. Von alters her besitzt die Biene eine hohe Symbolkraft, auf die Kurkov in seinem Roman anspielt. Im slawischen Raum steht sie für Emsigkeit und Fleiß. So sinniert der kindlich-naive Sergej immer wieder über das Imkerdasein, die Bedeutung von Honig und Wachs für den Menschen. Imker sein heißt für ihn, Krisen meistern zu können. Nicht zuletzt deshalb versucht er, das Überleben seiner Bienenstämme im Krieg zu sichern.

Der Reiz des Romans besteht in genau diesem Kontrast zwischen den verheerenden Zerstörungen des Krieges und der unaufgeregten Organisiertheit der Bienenvölker. Sergejs Leben mit den Bienen plätschert so trotz der Kämpfe ruhig dahin, bis er im Frühjahr überraschend mit den Bienen aufbricht. Aus der introspektiven Beobachtung eines Imkers wird ein aktiver Roadtrip. Sergej verstaut seine sechs Bienenstöcke in einem alten Schiguli und landet dann unter Umwegen auf der annektierten Krim. Dort herrscht eine auf den ersten Blick friedlichere Atmosphäre, die allerdings von russischer Seite erzwungen wird, wie sich bald am Schicksal einer tatarischen Familie herausstellen soll. In anderen Landesteilen dagegen wird Sergej selbst immer wieder angefeindet, weil man ihn für einen Separatisten hält. Die Front reist immer mit ihm und den Bienen.

Kurkov, der unter anderem in seinem Ukrainischen Tagebuch (Dnevnik Majdana) von 2014 zu aktuellen politischen Ereignissen und dem Krieg in der Ukraine Stellung nahm, schrieb mit Graue Bienen einen klassischen Antikriegsroman. Es geht ihm nicht um die Kriegsereignisse selbst oder die detaillierte Schilderung von Kämpfen. Vielmehr stellt er anhand der Bienen dar, wie Mensch und Tier im Krieg leiden, wie sie sich dennoch anpassen und selbst im Krieg versuchen, Normalität herzustellen. Die Bienen bilden so den Gegenpart zum Chaos der Kämpfe: Sie schwärmen friedlich aus, kehren wieder zurück und übertönen mit ihrem Summen den Lärm beziehungsweise die „Stille" der Artillerie. Dass auch sie eines Tages ergrauen könnten wie die Landschaft ringsum, das ist der Alptraum des Imkers Sergej, gegen den er sich mit seinem Roadtrip stemmt.

 

Kurkow, Andrej: Graue Bienen. Aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing. Zürich: Diogenes Verlag, 2019, 445 S.

 

Weiterführende Links:

http://prokopovich.com.ua/

https://www.stadtbienen.org/imkern-ukraine/

Im „Honigland" Ukraine - novinki
Redak­tion „novinki“

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Im „Honig­land” Ukraine

In seinem Roman Graue Bienen schickt Andrij Kurkov den Imker Sergej aus dem Don­bass auf einen Road­trip durch die Ukraine – gemeinsam mit seinen Bie­nen­stö­cken, um sie vor dem Krieg zu retten. Kurkov braucht das Schlacht­feld nicht, um den­noch eine Geschichte über den Krieg zu erzählen.

 

Der schnee­be­deckte Boden, das men­schen­leere Dorf Malaja Sta­ro­gra­dovka und die Zone der gewalt­samen Aus­ein­an­der­set­zungen zwi­schen rus­si­schen Sepa­ra­tisten und ukrai­ni­schen Milizen haben eines gemeinsam: Sie alle sind grau. Dieses Grau färbt ab auf das Leben des in sich gekehrten Imkers Sergej, auf seinen ein­tö­nigen kräf­te­zeh­renden Win­ter­alltag, der sich auf­grund des feh­lenden Stroms kraft­auf­wendig gestaltet. Unter der ständigen Geräuschkulisse des Artil­le­rie­be­schusses, die längst schon Bestand­teil der „Stille” geworden ist, erle­digt Sergej täg­liche Rou­tinen, um das Wohl­ergehen seiner Bienen, aber auch das eigene Überleben zu sichern. Wenig nur unter­bricht den gere­gelten Tages­ab­lauf, und das Wenige scheint nicht an Ser­gejs Gleichmut zu rütteln. Ab und an besucht ihn Paška, sein eins­tiger Schul­ka­merad und heute poli­ti­scher Gegner. Aber nun, in dem ver­las­senen Dorf ohne Strom, Radio­emp­fang oder Ein­kaufs­mög­lich­keit brau­chen sie ein­ander, um wenigs­tens ein paar spärliche Worte wech­seln zu können.

Sergej und Paška, die beiden Früh­renter, stehen in Graue Bienen stell­ver­tre­tend für die ver­fein­deten Lager auf dem Schlacht­feld in der „Grauen Zone”. Das sind Gebiete, die sich in der Nähe der Front­linie befinden. In ihnen kommt es immer wieder zu Kampf­hand­lungen zwi­schen den Sepa­ra­tisten, der rus­si­schen Armee und aus­län­di­schen Söld­nern, die den Raum für sich bean­spru­chen, und den ukrai­ni­schen Streit­kräften, unter deren Kon­trolle das Land steht. Obwohl Kurkov die im Winter 2016 ein­set­zende Roman­hand­lung auf dem Don­bass-Kon­flikt auf­baut, fokus­siert das Buch die Grau­sam­keiten des Krieges nicht, son­dern schil­dert viel­mehr das all­täg­liche Leiden in den umkämpften Donezker Gebieten. Kurkov obser­viert das Leben der­je­nigen, die in den Kriegs­ge­bieten zurückgeblieben sind und nun zwi­schen den Fronten leben, wie im Fall von Sergej.

Der 1961 in Sankt Peters­burg gebo­rene Autor ist einer der bekann­testen und pro­duk­tivsten ukrai­ni­schen Gegen­warts­schrift­steller. Seine Werke ver­fasst Kurkov zumeist auf Rus­sisch. Auch Graue Bienen (Serye pčely) erschien 2018 in rus­si­scher Sprache. Obwohl sich sein Sergej als Ukrainer fühlt, scheint er sich schwer mit seinem ukrai­ni­sierten Namen Serhij Ser­hi­jovyč zu iden­ti­fi­zieren, bevor­zugt wei­terhin das rus­si­sche Sergej Ser­gejič. Sergej steht stell­ver­tre­tend für die Gruppe rus­sisch­spra­chiger Arbeitsmigrant_innen aus dem Indus­trie­sektor der Ost­ukraine und war selbst einst in den Koh­le­kraft­werken Inspektor für Arbeits­si­cher­heit. Wegen seiner Fein­staub­lunge und durch Bestechung der Ärztin aus der Poli­klinik wurde er als Inva­lide ent­lassen. Seit sich seine Frau von ihm trennte und mit der gemein­samen Tochter die Ost­ukraine in west­liche Rich­tung nach Win­nyzja ver­ließ, widmet er sich nur noch den Bienenvölkern. Stolz erin­nert er sich an den Besuch des Gou­ver­neurs, der ihn einst für seine Bie­nen­zucht auszeichnete.

Die Bie­nen­zucht genießt tra­di­tio­nell einen hohen Stel­len­wert in der Ukraine. Das Land gehört zu den größten Honig­pro­du­zenten Europas, feiert all­jähr­lich am 19. August das Honig­fest und kann mit der welt­weit ersten Bie­nen­zucht-Schule auf­warten, dem Petro-Pro­ko­povyč-Institut für Imkerei. Von alters her besitzt die Biene eine hohe Sym­bol­kraft, auf die Kurkov in seinem Roman anspielt. Im sla­wi­schen Raum steht sie für Emsig­keit und Fleiß. So sin­niert der kind­lich-naive Sergej immer wieder über das Imker­da­sein, die Bedeu­tung von Honig und Wachs für den Men­schen. Imker sein heißt für ihn, Krisen meis­tern zu können. Nicht zuletzt des­halb ver­sucht er, das Überleben seiner Bie­nen­stämme im Krieg zu sichern.

Der Reiz des Romans besteht in genau diesem Kon­trast zwi­schen den ver­hee­renden Zerstörungen des Krieges und der unauf­ge­regten Orga­ni­siert­heit der Bienenvölker. Ser­gejs Leben mit den Bienen plät­schert so trotz der Kämpfe ruhig dahin, bis er im Früh­jahr über­ra­schend mit den Bienen auf­bricht. Aus der intro­spek­tiven Beob­ach­tung eines Imkers wird ein aktiver Road­trip. Sergej ver­staut seine sechs Bie­nen­stöcke in einem alten Schi­guli und landet dann unter Umwegen auf der annek­tierten Krim. Dort herrscht eine auf den ersten Blick fried­li­chere Atmosphäre, die aller­dings von rus­si­scher Seite erzwungen wird, wie sich bald am Schicksal einer tata­ri­schen Familie her­aus­stellen soll. In anderen Lan­des­teilen dagegen wird Sergej selbst immer wieder ange­feindet, weil man ihn für einen Sepa­ra­tisten hält. Die Front reist immer mit ihm und den Bienen.

Kurkov, der unter anderem in seinem Ukrai­ni­schen Tage­buch (Dnevnik Maj­dana) von 2014 zu aktu­ellen poli­ti­schen Ereig­nissen und dem Krieg in der Ukraine Stel­lung nahm, schrieb mit Graue Bienen einen klas­si­schen Anti­kriegs­roman. Es geht ihm nicht um die Kriegs­er­eig­nisse selbst oder die detail­lierte Schil­de­rung von Kämpfen. Viel­mehr stellt er anhand der Bienen dar, wie Mensch und Tier im Krieg leiden, wie sie sich den­noch anpassen und selbst im Krieg ver­su­chen, Nor­ma­lität her­zu­stellen. Die Bienen bilden so den Gegen­part zum Chaos der Kämpfe: Sie schwärmen fried­lich aus, kehren wieder zurück und über­tönen mit ihrem Summen den Lärm bezie­hungs­weise die „Stille” der Artil­lerie. Dass auch sie eines Tages ergrauen könnten wie die Land­schaft ringsum, das ist der Alp­traum des Imkers Sergej, gegen den er sich mit seinem Road­trip stemmt.

 

Kurkow, Andrej: Graue Bienen. Aus dem Rus­si­schen von Johanna Marx und Sabine Gre­bing. Zürich: Dio­genes Verlag, 2019, 445 S.

 

Wei­ter­füh­rende Links:

http://prokopovich.com.ua/

https://www.stadtbienen.org/imkern-ukraine/