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„Textwiederverwertung ist für mich einfach ganz normal…"

Posted on 19. April 2012 by Miranda Jakiša
Barbi Marković, 2011/2012 Stadtschreiberin in Graz, arbeitet zur Zeit an einem literarischen Projekt mit ungewissem Ausgang: Dem Stadtabschreiben. Akribisch schreibt sie alles ab, was sie in Berlin, Wien, Sarajevo, Graz, Zagreb und Belgrad an Schriftzügen, Reklameaufschriften, Verbotshinweisen, Graffitis findet und übersetzt den entstehenden Text ins B/K/S und Deutsche. Wie ihr Aufsehen erregender Roman Izlaženje, der ein Bernhard-‚Plagiat‘ und Konzeptkunst zugleich darstellte, so ist auch das neue Buch-Projekt vor allem ein Experiment.

Ein Interview mit Barbi Marković

 

Barbi Marković, 2011/2012 Stadtschreiberin in Graz, arbeitet zur Zeit an einem literarischen Projekt mit ungewissem Ausgang: Dem Stadtabschreiben. Akribisch schreibt sie alles ab, was sie in Berlin, Wien, Sarajevo, Graz, Zagreb und Belgrad an Schriftzügen, Reklameaufschriften, Verbotshinweisen, Graffitis findet und übersetzt den entstehenden Text ins Bosnisch/Kroatisch/Serbische und Deutsche. Wie ihr Aufsehen erregender Roman Izlaženje, der ein Bernhard-‚Plagiat‘ und Konzeptkunst zugleich darstellte, so ist auch das neue Buch-Projekt vor allem ein Experiment. Es ist Ausdruck des steten Versuchs, unentdeckte Nischen „auf dem großen Texthaufen, der täglich produziert wird“ für die Literatur ausfindig zu machen.

 

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Illustration: Nastasia Louveau

novinki: Barbi, was fällt Dir zum Stichwort “längst überfällige Reform der Copyrights“ ein?

 

Barbi Marković: Ein interessantes Thema. Ich bin mir nicht sicher, worauf sich die Frage genau bezieht? Soll ich frei assoziieren? Danger Mouse, Goethe, Amazon noire, Creative Commons, Zitathaftigkeit, digitale Literatur, Cut-up, Torrent, E-Book, Kind of bloop, Tantiemen, ACTA etc.

 

novinki: Eine exzellente Antwort! Lassen wir sie in ihrer Unschuld einmal stehen und fragen weiter. Dein Bernhard-Remix, der 2006 erschienene Roman Izlaženje, liefert eine faszinierende Mischung aus Konzeptkunst und eigenem flow, einzigartigem Setting. Kannst Du uns etwas zur Entstehungsgeschichte sagen, dazu, wie Du den Text zwischen akribischer Vorlagenorientierung und eigener Ästhetik geschaffen hast?

 

Barbi: Das Buch entstand aus zwei unterschiedlichen Wünschen. 1) Ich wollte lange schon einmal eine absichtlich falsche Übersetzung machen, indem ich von vielen möglichen Übersetzungen eines Wortes immer das falsche Wort nehme, das zu dem Kontext nicht passt. Daraus wollte ich eine neue Geschichte basteln. 2) Ich wollte (in der damaligen Welle der Popliteratur) ein Buch sehen, das die Musik nicht nur benennt, sondern in seine Form mit hineinnimmt.
So entstand die akribische Vorlagenorientierung.
Der Rest kam aus dem Bauch heraus als Resultat der jahrelangen Proust-Lektüre, seiner Faszination für Salons (Roland Barthes soll auch nicht ganz unschuldig sein) und als ein Generationsschrei der Belgrader Kids der 90er Jahre.

 

novinki: Izlaženje ist 2009 bei Suhrkamp auf Deutsch erschienen. Was ist zwischen den Übersetzungen deutsch–serbisch–deutsch Deines Erachtens passiert? Überhaupt, wie verhält es sich mit Übersetzungen, kulturellen wie sprachlichen in deiner Arbeit, aber auch in Deiner Erfahrung?

 

Barbi: Zwischen den Übersetzungen habe ich zum größten Teil ein herkömmliches Nicht-EU-Germanistikstudentinnen-Leben geführt. Bis ich Mascha Dabić, die Übersetzerin, zufällig getroffen habe. Bis zur deutschen Übersetzung habe ich mit den Belgrader Literaturkritikern, die über mein Buch geschrieben haben (Tihomir Brajović, Teofil Panci, Mica Vujicić) den Verdacht geteilt, dass das Buch vielleicht nicht funktioniert, wenn man die Vorlage kennt. Die Rezeption im deutschsprachigen Raum war daher eine große Freude/Erleichterung für mich.

Die Übersetzung, die Vermittlungsarbeit zwischen zwei Seiten, die sich nicht verstehen, und kleine und große Bedeutungsverschiebungen bei der Umformulierung von Sätzen scheinen mich schon immer interessiert zu haben.

 

novinki: Das ist interessant. Dein Buch übersetzt zwischen den Locations (Wien–Belgrad), zwischen den Kulturen und Sprachen (bisher ist ja Bernhards „Gehen“ nicht einmal ins Serbische übersetzt – und dann ausgerechnet die ‚Übersetzung‘ „Ausgehen“!), aber auch zwischen den Künsten (Literatur–Musik), zwischen Hoch- und Populärkulturellem (was auch immer beides sein mag), sagen wir auch zwischen Generationen. Du sagst, die beiden Seiten der Übersetzung verstehen einander nicht. Heißt „übersetzen“ in Deinem Verständnis vor allem, Bedeutungsverschiebungen ausfindig zu machen und bestmöglich zu kompensieren oder das kleine Klaffen zwischen den Seiten für sich, für die eigene Botschaft zu nutzen?

 

Barbi: Oh, das gefällt mir. Stimmt beides. Je nach Kontext und Laune. Und es hängt auch sehr von den Gesprächspartnern ab, welche Position ich in der Hinsicht einnehme. Es ist ein ständiges Hin-und-her-Übersetzen.

 

barbi-markovic

Foto Nastasia Louveau

novinki: Kannst Du uns noch mehr zur Form von Izlaženje sagen? Bernhards Sätze sind kunstvoll (um)geformt und übertragen worden. Dann aber hast Du die Endlosschleife seines Textes auch noch strukturiert: durch Absätze, durch eingeschobene Musikdateititel … Welche Idee steckt dahinter?

 

Barbi: Die Musikdateititel habe ich eingeschoben, um das im Buch beschriebene Musikgeschmackverhalten – das postmoderne Allesfressertum – zu illustrieren. Das war selbstkritisch. Es handelt sich um die Musik, die in dem Moment auf meiner Festplatte zu finden war. Gleichzeitig konnte/wollte ich die Bernhardsche Härte dem Leser gegenüber nicht tragen. Ich habe uns kleine Pausen im Text gegönnt.
Die Absätze und Untertitel im serbischen Text waren die Intervention des Lektors. Ich habe in der Diskussion um Untertitel nachgegeben und mit der Zeit eingesehen, warum das wichtig war. Dann kam aber die deutsche Übersetzung, und der andere Lektor hat mich überzeugen müssen, dass es ohne Absätze (also wie ursprünglich) viel besser sei. Ich bin wie ein Blatt im Wind.

 

novinki: Du bist gegenwärtig Stadtschreiberin in Graz. Wann und warum hast Du beschlossen, den Avatar aus dem ursprünglich geplanten Projekt – zumindest vorerst – zu deaktivieren? Per Avatar sollte eine völlig neue Art des Stadtführers entstehen.

 

Barbi: Als sogenannte Stadtschreiberin muss ich bis März ein gelungenes Projekt liefern, das in Buchform erscheint. Der Avatar wurde mir zu unsicher. In anderen Worten: Ich war zu feig und habe beschlossen, stattdessen Stadtabschreiberin zu sein.

 

novinki: Was genau macht eine Stadtabschreiberin?

 

Barbi: „On se proteže na otvorenom prozoru i posmatra trg na kome stanuje - sve što se na njemu odvija, pacova koji se duž slivnika zavlači u ispust, decu što se igraju, sve to ga zanima sa takvom zivotnom pribranošću kao neku devojčicu od šesnaest godina."
Eine Stadtabschreiberin widmet sich allen Schriften auf einem Platz. Sie eignet sich langsam alle Werbesprüche, Verbote und handgeschriebenen Botschaften an. Sie (es ist komisch, in dritter Person über sich selbst zu reden) schreibt monatelang, stundenlang Schriftzüge ab und übersetzt dadurch eine Stadt in eine Textdatei, die wiederum in andere Sprachen übersetzbar ist.

 

novinki: Welche Städte schreibst Du ab? Und in welche Sprache übersetzt Du sie? Wie fallen denn überhaupt Übersetzungen von Plätzen aus? Werden sie auch unverständlich? Kommen in der Originalsprache wenig sichtbare Aspekte ans Licht? Ich stelle mir eben vor, wie Belgrad ins Deutsche übersetzt klingt …

 

Barbi: Im Moment sind Wien, Berlin, Graz, Belgrad, Sarajevo und Zagreb geplant und die Übersetzungen in beide Richtungen BKS – Deutsch und umgekehrt. Wie die Übersetzungen ausfallen, kann ich noch nicht sagen. Ich vermute, dass der Platztext in dem Übersetzungsprozess reicher und interessanter wird, da einiges auch erklärt werden muss. Ich habe nicht vor, einen widerwärtig unverständlichen Salat zu produzieren. Gleichzeitig wird der Text kaum linear lesbar sein.

 

novinki: Du wirst oft zu Belgrad und der Clubbingszene der 1990er, zur der Atmosphäre und dem Selbstverständnis jener Zeit gefragt. Wie ist Dein Verhältnis zu Belgrad heute?

 

Barbi: Ich habe Angst vor Belgrad,

manchmal kann ich kurzfristig auch eine alte Faszination mit der Stadt herbeirufen,

ohne Belgrad hätte ich Identitätsprobleme

und ich denke nicht mehr so viel über Belgrad nach.

 

novinki: Wow! Vorhin hast Du mit einem Zitat geantwortet. Welche Rolle spielt Intertextualität für Literatur? Was machen für Dich Texte mit Texten?

 

Barbi: Intertextualität, hm ... nennen wir es Textwiederverwertung. Als Schreibstrategie oder literarische Erscheinung ist das für mich einfach ganz normal. Oft gefallen mir die Ergebnisse. Ich bin aber keine Textwiederverwertungsaktivistin.

 

novinki: Deine ‚Appropriationskunst‘ (Werbetext Suhrkamp), das ‚Konzept‘ für Bernhard/Izlaženje, aber auch Deine Idee eines Avatar-Stadtschreibers und des Städteabschreibens macht deutlich, dass Du andere Wege für Deine Literatur suchst. Braucht die Literatur Erneuerung? Wie siehst Du persönlich ihre Zukunft?

 

Barbi: Tatsächlich suche ich immer neue Wege, bzw. das sind die Ideen, die ich habe, die ich gut finde und von denen ich denke, dass sie möglicherweise einen Platz auf dem großen Texthaufen, der täglich produziert wird, finden könnten. Was das Wahrsagen betrifft, sehe ich die Entwicklung in viele unterschiedliche Richtungen – eigentlich ist das nicht die Zukunft. Das ist die Gegenwart. Was allerdings tatsächlich oft nach Erneuerung und Erfrischung schreit, sind die Institutionen, die sich mit Literaturvermittlung beschäftigen. Und die Lesungen...

 

novinki: Absolut! Das wird sofort unserer ‚Mutterorganisation’, der Slawistik an der Humboldt Universität zurückgemeldet. Wer allerdings mit den Verlagen und Literaturfestivals spricht...

 

Danke, Barbi! Wir freuen uns auf die abgeschriebenen Städte und natürlich auf die Berlin-Passagen darin.

„Textwiederverwertung ist für mich einfach ganz normal…" - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Text­wie­der­ver­wer­tung ist für mich ein­fach ganz normal…”

Ein Inter­view mit Barbi Marković

 

Barbi Mar­ković, 2011/2012 Stadt­schrei­berin in Graz, arbeitet zur Zeit an einem lite­ra­ri­schen Pro­jekt mit unge­wissem Aus­gang: Dem Stadt­ab­schreiben. Akri­bisch schreibt sie alles ab, was sie in Berlin, Wien, Sara­jevo, Graz, Zagreb und Bel­grad an Schrift­zügen, Rekla­me­auf­schriften, Ver­bots­hin­weisen, Graf­fitis findet und über­setzt den ent­ste­henden Text ins Bosnisch/Kroatisch/Serbische und Deut­sche. Wie ihr Auf­sehen erre­gender Roman Izlaženje, der ein Bernhard-‚Plagiat‘ und Kon­zept­kunst zugleich dar­stellte, so ist auch das neue Buch-Pro­jekt vor allem ein Expe­ri­ment. Es ist Aus­druck des steten Ver­suchs, unent­deckte Nischen „auf dem großen Text­haufen, der täg­lich pro­du­ziert wird“ für die Lite­ratur aus­findig zu machen.

 

louveau_barbimarkovic-lesung

Illus­tra­tion: Nastasia Louveau

novinki: Barbi, was fällt Dir zum Stich­wort “längst über­fäl­lige Reform der Copy­rights“ ein?

 

Barbi Mar­ković: Ein inter­es­santes Thema. Ich bin mir nicht sicher, worauf sich die Frage genau bezieht? Soll ich frei asso­zi­ieren? Danger Mouse, Goethe, Amazon noire, Crea­tive Com­mons, Zitat­haf­tig­keit, digi­tale Lite­ratur, Cut-up, Tor­rent, E‑Book, Kind of bloop, Tan­tiemen, ACTA etc.

 

novinki: Eine exzel­lente Ant­wort! Lassen wir sie in ihrer Unschuld einmal stehen und fragen weiter. Dein Bern­hard-Remix, der 2006 erschie­nene Roman Izlaženje, lie­fert eine fas­zi­nie­rende Mischung aus Kon­zept­kunst und eigenem flow, ein­zig­ar­tigem Set­ting. Kannst Du uns etwas zur Ent­ste­hungs­ge­schichte sagen, dazu, wie Du den Text zwi­schen akri­bi­scher Vor­la­gen­ori­en­tie­rung und eigener Ästhetik geschaffen hast?

 

Barbi: Das Buch ent­stand aus zwei unter­schied­li­chen Wün­schen. 1) Ich wollte lange schon einmal eine absicht­lich fal­sche Über­set­zung machen, indem ich von vielen mög­li­chen Über­set­zungen eines Wortes immer das fal­sche Wort nehme, das zu dem Kon­text nicht passt. Daraus wollte ich eine neue Geschichte bas­teln. 2) Ich wollte (in der dama­ligen Welle der Pop­li­te­ratur) ein Buch sehen, das die Musik nicht nur benennt, son­dern in seine Form mit hineinnimmt.
So ent­stand die akri­bi­sche Vorlagenorientierung.
Der Rest kam aus dem Bauch heraus als Resultat der jah­re­langen Proust-Lek­türe, seiner Fas­zi­na­tion für Salons (Roland Bar­thes soll auch nicht ganz unschuldig sein) und als ein Gene­ra­ti­ons­schrei der Bel­grader Kids der 90er Jahre.

 

novinki: Izlaženje ist 2009 bei Suhr­kamp auf Deutsch erschienen. Was ist zwi­schen den Über­set­zungen deutsch–serbisch–deutsch Deines Erach­tens pas­siert? Über­haupt, wie ver­hält es sich mit Über­set­zungen, kul­tu­rellen wie sprach­li­chen in deiner Arbeit, aber auch in Deiner Erfahrung?

 

Barbi: Zwi­schen den Über­set­zungen habe ich zum größten Teil ein her­kömm­li­ches Nicht-EU-Ger­ma­nis­tik­stu­den­tinnen-Leben geführt. Bis ich Mascha Dabić, die Über­set­zerin, zufällig getroffen habe. Bis zur deut­schen Über­set­zung habe ich mit den Bel­grader Lite­ra­tur­kri­ti­kern, die über mein Buch geschrieben haben (Tihomir Bra­jović, Teofil Panci, Mica Vujicić) den Ver­dacht geteilt, dass das Buch viel­leicht nicht funk­tio­niert, wenn man die Vor­lage kennt. Die Rezep­tion im deutsch­spra­chigen Raum war daher eine große Freude/Erleichterung für mich.

Die Über­set­zung, die Ver­mitt­lungs­ar­beit zwi­schen zwei Seiten, die sich nicht ver­stehen, und kleine und große Bedeu­tungs­ver­schie­bungen bei der Umfor­mu­lie­rung von Sätzen scheinen mich schon immer inter­es­siert zu haben.

 

novinki: Das ist inter­es­sant. Dein Buch über­setzt zwi­schen den Loca­tions (Wien–Belgrad), zwi­schen den Kul­turen und Spra­chen (bisher ist ja Bern­hards „Gehen“ nicht einmal ins Ser­bi­sche über­setzt – und dann aus­ge­rechnet die ‚Über­set­zung‘ „Aus­gehen“!), aber auch zwi­schen den Künsten (Literatur–Musik), zwi­schen Hoch- und Popu­lär­kul­tu­rellem (was auch immer beides sein mag), sagen wir auch zwi­schen Gene­ra­tionen. Du sagst, die beiden Seiten der Über­set­zung ver­stehen ein­ander nicht. Heißt „über­setzen“ in Deinem Ver­ständnis vor allem, Bedeu­tungs­ver­schie­bungen aus­findig zu machen und best­mög­lich zu kom­pen­sieren oder das kleine Klaffen zwi­schen den Seiten für sich, für die eigene Bot­schaft zu nutzen?

 

Barbi: Oh, das gefällt mir. Stimmt beides. Je nach Kon­text und Laune. Und es hängt auch sehr von den Gesprächs­part­nern ab, welche Posi­tion ich in der Hin­sicht ein­nehme. Es ist ein stän­diges Hin-und-her-Übersetzen.

 

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Foto Nastasia Louveau

novinki: Kannst Du uns noch mehr zur Form von Izlaženje sagen? Bern­hards Sätze sind kunst­voll (um)geformt und über­tragen worden. Dann aber hast Du die End­los­schleife seines Textes auch noch struk­tu­riert: durch Absätze, durch ein­ge­scho­bene Musik­da­tei­titel … Welche Idee steckt dahinter?

 

Barbi: Die Musik­da­tei­titel habe ich ein­ge­schoben, um das im Buch beschrie­bene Musik­ge­schmack­ver­halten – das post­mo­derne Alles­fres­sertum – zu illus­trieren. Das war selbst­kri­tisch. Es han­delt sich um die Musik, die in dem Moment auf meiner Fest­platte zu finden war. Gleich­zeitig konnte/wollte ich die Bern­hard­sche Härte dem Leser gegen­über nicht tragen. Ich habe uns kleine Pausen im Text gegönnt.
Die Absätze und Unter­titel im ser­bi­schen Text waren die Inter­ven­tion des Lek­tors. Ich habe in der Dis­kus­sion um Unter­titel nach­ge­geben und mit der Zeit ein­ge­sehen, warum das wichtig war. Dann kam aber die deut­sche Über­set­zung, und der andere Lektor hat mich über­zeugen müssen, dass es ohne Absätze (also wie ursprüng­lich) viel besser sei. Ich bin wie ein Blatt im Wind.

 

novinki: Du bist gegen­wärtig Stadt­schrei­berin in Graz. Wann und warum hast Du beschlossen, den Avatar aus dem ursprüng­lich geplanten Pro­jekt – zumin­dest vor­erst – zu deak­ti­vieren? Per Avatar sollte eine völlig neue Art des Stadt­füh­rers entstehen.

 

Barbi: Als soge­nannte Stadt­schrei­berin muss ich bis März ein gelun­genes Pro­jekt lie­fern, das in Buch­form erscheint. Der Avatar wurde mir zu unsi­cher. In anderen Worten: Ich war zu feig und habe beschlossen, statt­dessen Stadt­ab­schrei­berin zu sein.

 

novinki: Was genau macht eine Stadtabschreiberin?

 

Barbi: „On se pro­teže na otvo­r­enom pro­zoru i pos­matra trg na kome sta­nuje – sve što se na njemu odvija, pacova koji se duž sliv­nika zav­lači u ispust, decu što se igraju, sve to ga zanima sa takvom zivotnom pri­bra­nošću kao neku devo­jčicu od šes­naest godina.”
Eine Stadt­ab­schrei­berin widmet sich allen Schriften auf einem Platz. Sie eignet sich langsam alle Wer­be­sprüche, Ver­bote und hand­ge­schrie­benen Bot­schaften an. Sie (es ist komisch, in dritter Person über sich selbst zu reden) schreibt mona­te­lang, stun­den­lang Schrift­züge ab und über­setzt dadurch eine Stadt in eine Text­datei, die wie­derum in andere Spra­chen über­setzbar ist.

 

novinki: Welche Städte schreibst Du ab? Und in welche Sprache über­setzt Du sie? Wie fallen denn über­haupt Über­set­zungen von Plätzen aus? Werden sie auch unver­ständ­lich? Kommen in der Ori­gi­nal­sprache wenig sicht­bare Aspekte ans Licht? Ich stelle mir eben vor, wie Bel­grad ins Deut­sche über­setzt klingt …

 

Barbi: Im Moment sind Wien, Berlin, Graz, Bel­grad, Sara­jevo und Zagreb geplant und die Über­set­zungen in beide Rich­tungen BKS – Deutsch und umge­kehrt. Wie die Über­set­zungen aus­fallen, kann ich noch nicht sagen. Ich ver­mute, dass der Platz­text in dem Über­set­zungs­pro­zess rei­cher und inter­es­santer wird, da einiges auch erklärt werden muss. Ich habe nicht vor, einen wider­wärtig unver­ständ­li­chen Salat zu pro­du­zieren. Gleich­zeitig wird der Text kaum linear lesbar sein.

 

novinki: Du wirst oft zu Bel­grad und der Club­bing­szene der 1990er, zur der Atmo­sphäre und dem Selbst­ver­ständnis jener Zeit gefragt. Wie ist Dein Ver­hältnis zu Bel­grad heute?

 

Barbi: Ich habe Angst vor Belgrad,

manchmal kann ich kurz­fristig auch eine alte Fas­zi­na­tion mit der Stadt herbeirufen,

ohne Bel­grad hätte ich Identitätsprobleme

und ich denke nicht mehr so viel über Bel­grad nach.

 

novinki: Wow! Vorhin hast Du mit einem Zitat geant­wortet. Welche Rolle spielt Inter­tex­tua­lität für Lite­ratur? Was machen für Dich Texte mit Texten?

 

Barbi: Inter­tex­tua­lität, hm … nennen wir es Text­wie­der­ver­wer­tung. Als Schreib­stra­tegie oder lite­ra­ri­sche Erschei­nung ist das für mich ein­fach ganz normal. Oft gefallen mir die Ergeb­nisse. Ich bin aber keine Textwiederverwertungsaktivistin.

 

novinki: Deine ‚Appro­pria­ti­ons­kunst‘ (Wer­be­text Suhr­kamp), das ‚Kon­zept‘ für Bernhard/Izlaženje, aber auch Deine Idee eines Avatar-Stadt­schrei­bers und des Städ­te­ab­schrei­bens macht deut­lich, dass Du andere Wege für Deine Lite­ratur suchst. Braucht die Lite­ratur Erneue­rung? Wie siehst Du per­sön­lich ihre Zukunft?

 

Barbi: Tat­säch­lich suche ich immer neue Wege, bzw. das sind die Ideen, die ich habe, die ich gut finde und von denen ich denke, dass sie mög­li­cher­weise einen Platz auf dem großen Text­haufen, der täg­lich pro­du­ziert wird, finden könnten. Was das Wahr­sagen betrifft, sehe ich die Ent­wick­lung in viele unter­schied­liche Rich­tungen – eigent­lich ist das nicht die Zukunft. Das ist die Gegen­wart. Was aller­dings tat­säch­lich oft nach Erneue­rung und Erfri­schung schreit, sind die Insti­tu­tionen, die sich mit Lite­ra­tur­ver­mitt­lung beschäf­tigen. Und die Lesungen…

 

novinki: Absolut! Das wird sofort unserer ‚Mut­ter­or­ga­ni­sa­tion’, der Sla­wistik an der Hum­boldt Uni­ver­sität zurück­ge­meldet. Wer aller­dings mit den Ver­lagen und Lite­ra­tur­fes­ti­vals spricht…

 

Danke, Barbi! Wir freuen uns auf die abge­schrie­benen Städte und natür­lich auf die Berlin-Pas­sagen darin.