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Jurij Andruchowytsch und Halyna Petrosanyak zu Gast in Zürich

Posted on 9. Juni 2023 by Philine Bickhardt
Am 05. Juni waren die preisgekrönten und wichtigen ukrainischen Schriftsteller_innen und Intellektuellen Jurij Andruchowytsch und Halyna Petrosanyak in der Aula der Universität Zürich zu Gast, um über die Instrumentalisierung des kollektiven Gedächtnisses in Russlands Krieg gegen die Ukraine zu sprechen. Die Veranstaltung wurde in Kooperation der Universität Zürich (Slavisches Seminar) und des Ukrainischen Vereins in der Schweiz "Aventyka" ausgerichtet. novinki berichtet.

Am 05. Juni waren die preisgekrönten ukrainischen Schriftsteller_innen und Intellektuellen Jurij Andruchowytsch und Halyna Petrosanyak in der Aula der Universität Zürich zu Gast, um über die Instrumentalisierung des kollektiven Gedächtnisses in Russlands Krieg gegen die Ukraine zu sprechen. Die Veranstaltung wurde in Kooperation zwischen der Universität Zürich (Slavisches Seminar) und dem Schweizer Ukrainischen Verein "Aventyka" ausgerichtet. novinki berichtet.

Das Vortragsplakat im Foyer der Universität Zürich.

Der heute besonders für seine Romane aus den frühen 1990er und 2000er Jahren bekannte Jurij Andruchowytsch – seine literarischen Anfänge hatte er in der Dichtung und literarischen Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu (steht für „бурлеск-балаган-буфонада) der 1980er Jahre –, betonte in seinem Vortrag die im Westen vorherrschende "Phantasie" von der "großen russischen Kultur" als maßgebliches Problem für eine Wehrhaftigkeit gegen russische Propaganda und Kriegsführung. Er fragt, warum der westliche Rationalismus vor dem russischen mythischen Irrationalismus kapituliere? Es sei die hartnäckige Annahme, der Westen könne in seiner "spirituellen Begrenztheit" einfach nicht an die große russische Literatur und Kultur heranreichen. Die "informative psychologische Maschinerie" würde auf die Vorstellung eines "seelenlosen Westens" und demnach die Berechtigung Russlands, einen angeblich gerechten Krieg für eine "spirituell saubere Weltordnung" zu führen, abzielen. Dies würde sich nur wenig – so Andruchowytsch – von den Terrororganisationen wie der Taliban oder des Islamischen Staats (IS) unterscheiden. Der Kampf für das "Gute" gegen das Böse, die Unterwerfung anderer Völker und das Diktat zum angeblich besseren Leben unter Angst würde im Falle Russlands allerdings noch zusätzlich mit den "geistigen Tiefen" russischer Kultur ausgestattet. Andruchowytsch beschreibt das im Westen dominierende Russlandverständnis als eine Triade von "schlimmem Regime", "gutem Volk" und "großer Kultur", die nun eine Akzentverschiebung erfahren hätte: Das "schlimme" wird zum "verbrecherischen" Regime, das "gute" Volk zu einem "verführten" – aber die "große" Kultur, die bleibt groß.

 

Adruchowytsch (links), Petrosanyak (mittig), Übersetzung vom Ukrainischen Verein "Avtentyka" (rechts).

Während Andruchowytsch in den Kategorien West-Ost versucht (und diesen Kategorien doch auch ein wenig verhaften bleibt?), die Anfälligkeit westlicher demokratischer Industriestaaten für russische Propaganda auf diesen "Effekt der Heiligen Kuh", wie er sagt, zurückzuführen, wirft die seit 2016 in Basel lebende Dichterin und Übersetzerin Halyna Petrosanyak einen historischen Blick auf die russisch-zaristischen Versuche, die ukrainische Sprache zu verbieten, beginnend mit dem "Erlass zum Verbot der ukrainischen Sprache" 1876. Sie fokussiert sich auf die Vorstellung von literarischen Werken, die ins Deutsche übersetzt wurden, wie etwa "Der Charme von Marokko" von Sofia Yablonska, "Das Mädchen mit dem Bären" von Viktor Domontowytsch, "Die Stadt" von Walerjan Pidmohylnyi . Sie macht auch auf das erst kürzlich erschienene Buch "Alles ist teurer als ukrainisches Leben", herausgegeben von Aleksandra Konarzwska, Schamma Schahadat und Nina Weller, und den Begriff des Westsplaining – bezugnehmend auf den bereits für chauvinistisch-männliches Bevormunden etablierten Begriff des Mansplaining – als Kategorie in der bundesdeutschen und Schweizer Diskussion aufmerksam. Nach einer anschließenden, kontrovers geführten Diskussion, die auch von Ukrainerinnen aus dem Publikum bereichert wurde, konnten Bücher der beiden Schrifsteller_innen gekauft werden. Zuletzt ist auf Deutsch von Andruchowytsch der Roman "Radio Nacht" (2022) im Suhrkamp Verlag und von Halyna Petrosanyak der Gedichtband "Exophonien" (2022) im Schweizer Verlag essais agités erschienen. Die Lyrikerin wird überdies zu Gast sein auf der Züricher Sommerschule zu Mehrsprachigkeit und Migration im September 2023.

Jurij Andruchowytsch und Halyna Petrosanyak zu Gast in Zürich - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Jurij Andrucho­wytsch und Halyna Petro­sanyak zu Gast in Zürich

Am 05. Juni waren die preis­ge­krönten ukrai­ni­schen Schriftsteller_innen und Intel­lek­tu­ellen Jurij Andrucho­wytsch und Halyna Petro­sanyak in der Aula der Uni­ver­sität Zürich zu Gast, um über die Instru­men­ta­li­sie­rung des kol­lek­tiven Gedächt­nisses in Russ­lands Krieg gegen die Ukraine zu spre­chen. Die Ver­an­stal­tung wurde in Koope­ra­tion zwi­schen der Uni­ver­sität Zürich (Sla­vi­sches Seminar) und dem Schweizer Ukrai­ni­schen Verein “Aven­tyka” aus­ge­richtet. novinki berichtet.

Das Vor­trags­plakat im Foyer der Uni­ver­sität Zürich.

Der heute beson­ders für seine Romane aus den frühen 1990er und 2000er Jahren bekannte Jurij Andrucho­wytsch – seine lite­ra­ri­schen Anfänge hatte er in der Dich­tung und lite­ra­ri­schen Per­for­mance-Gruppe Bu-Ba-Bu (steht für „бурлеск-балаган-буфонада) der 1980er Jahre –, betonte in seinem Vor­trag die im Westen vor­herr­schende “Phan­tasie” von der “großen rus­si­schen Kultur” als maß­geb­li­ches Pro­blem für eine Wehr­haf­tig­keit gegen rus­si­sche Pro­pa­ganda und Kriegs­füh­rung. Er fragt, warum der west­liche Ratio­na­lismus vor dem rus­si­schen mythi­schen Irra­tio­na­lismus kapi­tu­liere? Es sei die hart­nä­ckige Annahme, der Westen könne in seiner “spi­ri­tu­ellen Begrenzt­heit” ein­fach nicht an die große rus­si­sche Lite­ratur und Kultur her­an­rei­chen. Die “infor­ma­tive psy­cho­lo­gi­sche Maschi­nerie” würde auf die Vor­stel­lung eines “see­len­losen Wes­tens” und dem­nach die Berech­ti­gung Russ­lands, einen angeb­lich gerechten Krieg für eine “spi­ri­tuell sau­bere Welt­ord­nung” zu führen, abzielen. Dies würde sich nur wenig – so Andrucho­wytsch – von den Ter­ror­or­ga­ni­sa­tionen wie der Taliban oder des Isla­mi­schen Staats (IS) unter­scheiden. Der Kampf für das “Gute” gegen das Böse, die Unter­wer­fung anderer Völker und das Diktat zum angeb­lich bes­seren Leben unter Angst würde im Falle Russ­lands aller­dings noch zusätz­lich mit den “geis­tigen Tiefen” rus­si­scher Kultur aus­ge­stattet. Andrucho­wytsch beschreibt das im Westen domi­nie­rende Russ­land­ver­ständnis als eine Triade von “schlimmem Regime”, “gutem Volk” und “großer Kultur”, die nun eine Akzent­ver­schie­bung erfahren hätte: Das “schlimme” wird zum “ver­bre­che­ri­schen” Regime, das “gute” Volk zu einem “ver­führten” – aber die “große” Kultur, die bleibt groß.

 

Adrucho­wytsch (links), Petro­sanyak (mittig), Über­set­zung vom Ukrai­ni­schen Verein “Avten­tyka” (rechts).

Wäh­rend Andrucho­wytsch in den Kate­go­rien West-Ost ver­sucht (und diesen Kate­go­rien doch auch ein wenig ver­haften bleibt?), die Anfäl­lig­keit west­li­cher demo­kra­ti­scher Indus­trie­staaten für rus­si­sche Pro­pa­ganda auf diesen “Effekt der Hei­ligen Kuh”, wie er sagt, zurück­zu­führen, wirft die seit 2016 in Basel lebende Dich­terin und Über­set­zerin Halyna Petro­sanyak einen his­to­ri­schen Blick auf die rus­sisch-zaris­ti­schen Ver­suche, die ukrai­ni­sche Sprache zu ver­bieten, begin­nend mit dem “Erlass zum Verbot der ukrai­ni­schen Sprache” 1876. Sie fokus­siert sich auf die Vor­stel­lung von lite­ra­ri­schen Werken, die ins Deut­sche über­setzt wurden, wie etwa “Der Charme von Marokko” von Sofia Yablonska, Das Mäd­chen mit dem Bären von Viktor Domon­to­wytsch, “Die Stadt” von Walerjan Pidmo­hylnyi [Anm. d. Red.: Das Buch wurde im Rahmen eines Über­set­zungs­se­mi­nars am Ber­liner Redak­ti­ons­standort Hum­boldt-Uni­ver­sität über­setzt und erschien anschlie­ßend im Gug­golz-Verlag]. Sie macht auch auf das erst kürz­lich erschie­nene Buch “Alles ist teurer als ukrai­ni­sches Leben”, her­aus­ge­geben von Alek­sandra Kon­arzwska, Schamma Schahadat und Nina Weller, und den Begriff des West­s­plai­ning – bezug­neh­mend auf den bereits für chau­vi­nis­tisch-männ­li­ches Bevor­munden eta­blierten Begriff des Mans­plai­ning – als Kate­gorie in der bun­des­deut­schen und Schweizer Dis­kus­sion auf­merksam. Nach einer anschlie­ßenden, kon­tro­vers geführten Dis­kus­sion, die auch von Ukrai­ne­rinnen aus dem Publikum berei­chert wurde, konnten Bücher der beiden Schrifsteller_innen gekauft werden. Zuletzt ist auf Deutsch von Andrucho­wytsch der Roman “Radio Nacht” (2022) im Suhr­kamp Verlag und von Halyna Petro­sanyak der Gedicht­band “Exo­pho­nien” (2022) im Schweizer Verlag essais agités erschienen. Die Lyri­kerin wird über­dies zu Gast sein auf der Züri­cher Som­mer­schule zu Mehr­spra­chig­keit und Migra­tion im Sep­tember 2023.