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Das Leben eines bedeutsamen Unbedeutenden

Posted on 15. Juni 2017 by Julia Koifman
Es war einmal ein kleiner Lazik, der ging hinaus in die weite Welt und schlängelte sich so mir nichts, dir nichts unbeschadet durch die Scherben ihrer zerberstenden Fassaden. Il'ja Ėrenburgs lange Zeit in Vergessenheit geratener Roman "Burnaja žizn' Lazika Rojtšvaneca" ("Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz") ist 2016 schelmisch wie sein Protagonist ohne jegliche Erlaubnis der Parteigenossen von den Toten auferstanden.

Es war einmal ein kleiner Lazik, der ging hinaus in die weite Welt und schlängelte sich so mir nichts, dir nichts unbeschadet durch die Scherben ihrer zerberstenden Fassaden. Il'ja Ėrenburgs lange Zeit in Vergessenheit geratener Roman Burnaja žizn' Lazika Rojtšvaneca (Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz) ist 2016 schelmisch wie sein Protagonist ohne jegliche Erlaubnis der Parteigenossen von den Toten auferstanden.

 

roitschwantz_coverKleiner Mann – was nun?
Womöglich inspiriert von Falladas „kleinem Mann“, den Protagonisten Evgenij in Puškins Mednyj vsadnik (Der eherne Reiter) und Akakij Akakievič in Gogol´s Šinel’ (Der Mantel), zwei paradigmatischen Beispielen für gescheiterte Existenzen, deren Dasein im Bewusstsein der Menschen keine bleibenden Spuren hinterlässt, schreibt sich Ėrenburgs Held in eine lange literarische Tradition ein. Bereits Laziks Vater wurde vor der Geburt seines Sohnes zum Objekt eines symbolischen Aktes, der den Tod quasi herausfordern sollte nach dem Motto: Es sterben immer die Falschen. „Sie fanden den unglücklichsten aller Juden, einen Moitel Lasik Roitschwantz. Er besaß nur einen trübseligen Familiennamen. Mit einem Wort, er hätte ruhig an der Cholera sterben können, und kein Mensch hätte ihn beklagt.“ Sie suchten das „allerungücklichste Mädchen“ aus und sagten: „Ihr sollt von uns dreißig Rubel kriegen, ihr sollt Huhn und Fisch haben, aber eure Hochzeit wollen wir auf dem Friedhof begehen, um den Tod ein wenig aufzuheitern.“ Man könnte annehmen, dieses gleichzeitig tragische und irrsinnig komische Ereignis würde den späteren Lebensweg des Lazik Rojtšvanc vorgezeichnet haben, der einerseits vom ständigen Scheitern, andererseits von traditionell jüdischer Lebenshaltung durchzogen war.

 

Ein anpassungsfähiges Chamäleon?

Der Protagonist Lazik Rojtšvanc, ein kleinwüchsiger, armer jüdischer Herrenschneider aus dem weißrussischen Schtetl Homel, muss mehrere Monate im Gefängnis absitzen. Der Grund: ein versehentlicher Seufzer als Reaktion auf ein Plakat, das vom Tod des ehrenvollen Parteigenossen Schmurygin berichtet. So seltsam es auch scheinen mag, mit dem Motiv des Seufzens werden mehrere Kapitel eingeleitet, in denen in ironischem und hinterfragendem Ton über die Folgen eines solchen Versehens nachgedacht wird: „Man kann behaupten, daß das ganze Leben Lasiks mit einem unvorsichtigen Seufzer begann. Es wäre besser gewesen, er hätte nicht geseufzt." Dem Gefängnisaufenthalt folgt der erschütternde Verlust des ganzen Hab und Guts sowie seiner Herzensdame, es bleiben ihm lediglich das Portrait eines portugiesischen Kämpfers und seine schmutzige Kleidung. Doch aufgeben ist für Lazik ein Fremdwort. Lazik ist ein Narr par excellence, der sich dafür bezahlen lässt, die Stadt zu verlassen, um – so seine Begründung – den Einwohnern des Hauses nicht „auf die Pelle zu rücken“ und vor ihrem Haus zu „verwahrlosen“. Er begibt sich auf eine „Pilgerreise“, die ihn über Kiew, Moskau, Königsberg, Berlin und Paris ins Heilige Land führt. Ob er in Kiew im Kaninchenzuchthaus ohne Kaninchen arbeitet, sich in Frankfurt am Main als Rabbiner ausgibt und der Gemeinde zur Freude den Menschen alle Speisegesetze erlässt und das am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur – Lazik ist ein Anpassungskünstler, der vor keiner Tätigkeit zurückschreckt, um sich über Wasser zu halten. Vom Kommunismus im nachrevolutionären Russland der Jahre 1918/19 über Kapitalismus im Westen und christliches Missionarentum in London bis hin zum Zionismus in Palästina werden alle Ideologien, mit denen er in den diversen Ländern Erfahrung macht, in Frage gestellt und letztendlich ad absurdum geführt. Was bleibt, ist der Wunsch nach dem Ausleben der eigenen Individualität, der jedoch nicht verwirklicht werden kann.

 

Ewig auf Reise

Ilja Ėrenburg (1891-1967) bringt die Zumutungen des 20. Jahrhunderts in seinen umfassenden Memoiren Ljudi, gody, žizn’ (Menschen Jahre Leben, 1960) wie folgt auf den Punkt: „Wenn wir als sowjetische Schriftsteller noch am Leben sind, so deshalb, weil wir die größten Akrobaten der Welt sind .“ Ėrenburg war jüdisch-sowjetischer Schriftsteller, Dichter und aktiver Kriegsberichterstatter während des spanischen Bürgerkrieges ebenso wie während des Zweiten Weltkrieges; er fungierte als kultureller Vermittler zwischen Ost und West, Paris und Moskau. Sein Roman Tauwetter (1954) gab einer ganzen Epoche ihren Namen. Hinzu kommt sein Einsatz im Jüdischen Antifaschistischen Komitee und die daraus resultierende Herausgabe einer Sammlung von bedeutsamen Zeugnissen über den Genozid an sowjetischen Juden während des Zweiten Weltkrieges unter dem Titel Černaja kniga (Schwarzbuch, 1947). Umso überraschender ist der lebensgefährliche Drahtseilakt, den Ėrenburg als einer der wenigen sowjetischen Schriftsteller physisch unbeschadet übersteht.

 

Überlebenskünstler und Schelm

Im Eingehen von Risiken und sich trotz aller Umstände immer wieder Herauswinden ähneln sich Ėrenburg und sein Held Lazik. Burnaja žizn’ Lazika Rojtšvaneca steht in der Tradition des Schelmenromans. Als Schelm sondergleichen, erinnert Lazik an seinen tschechischen Zeitgenossen Švejk im Roman von Jaroslav Hašek.

 

Sprache – Sinnbild einer untergegangenen Kultur?

Der durchgängig ironische und zuweilen sogar sarkastische Stil lässt Freiraum für diverse Lesarten, kann gleichzeitig aber auch zu Fehlinterpretationen verleiten. Der Roman, der auf den ersten Blick wie leichte Feuilletonistik wirkt, setzt einen gebildeten und aufmerksamen Leser voraus.

Komplexe Stilistik ist eines der wesentlichen Spezifika, die den Roman ausmachen. In Laziks Wortgebrauch vermischen sich jiddischer Jargon, wie er ihn sich durch das Talmudstudium und sein jüdisches Umfeld in Homel angeeignet hat, und die vorrevolutionäre russische Sprache, mit dem Sprachregister der bolschewistischen Nomenklatur und ihren Neologismen, und lässt so ein „Jidrusbolschisch“ (Erfindung der Autorin), eine Art jüdisch-russisches Esperanto entstehen. Mit Hilfe talmudischer und chassidischer Lebensgeschichten, die Lazik perfekt erzählen kann, entflieht er in eine imaginäre Welt, die ihn ein Stück weit vor der grausamen Realität bewahrt. Doch gerade der Gebrauch jüdischer- und jiddischer Weisheiten, Parabeln, Gleichnisse und Anekdoten weckt den Argwohn von Parteigenossen und gibt Anlass für Sanktionen gegen ihn. Die mit der jüdischen Lebenswelt und ihren Erzähl- und Kommunikationsformen weniger vertrauten Leser könnten manchmal Gefahr laufen, sich in den verzweigten Exkursen zu verirren.

 

Kongenial übersetzt

Der 1927 zuerst in Paris erschienene Roman stieß dort sofort auf große Resonanz. Später geriet er in Vergessenheit, bis er erst 1989 in der Sowjetunion offiziell zugänglich und in postsowjetischer Zeit erneut aufgelegt wurde. Schon 1928 hat sich Waldemar Jollos an eine deutsche Übersetzung gewagt, deren Meisterleistung nun 2016 von der Anderen Bibliothek endlich wiederentdeckt, neuaufgelegt und mit einem aufschlussreichen Nachwort von Peter Hamm zur (Werk-)Biografie versehen wurde.

„Jeden Tag, glaube ich, werden hundert Roitschwantze gekreuzigt, und kein Mensch legt dagegen Verwahrung ein. Aber das Kinderlachen? Aber das frische Brot auf dem Tisch der Armen? Nun, das sind lächerliche Vorstellungen. Schweig still, törichter Roitschwantz! Du hast hier nicht zu philosophieren! Das Höchste, was man von dir verlangt, ist – ohne Hosen zu galoppieren.“

 

Ėrenburg, Il'ja: Burnaja žizn' Lazika Rojtšvaneca. Moskva: Sovetskij pisatel‘, 1991.
Ehrenburg, Ilja: Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz. Aus dem Russischen von Waldemar Jollos. Berlin: Die Andere Bibliothek, 2016.

 

Weiterführende Literatur:
Sicher, Efraim: Jews in Russian literature after the October Revolution: writers and artists between hope and apostasy. Cambridge: Cambridge University Press, 1995.

Das Leben eines bedeutsamen Unbedeutenden - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Das Leben eines bedeut­samen Unbedeutenden

Es war einmal ein kleiner Lazik, der ging hinaus in die weite Welt und schlän­gelte sich so mir nichts, dir nichts unbe­schadet durch die Scherben ihrer zer­bers­tenden Fas­saden. Il’ja Ėren­burgs lange Zeit in Ver­ges­sen­heit gera­tener Roman Bur­naja žizn’ Lazika Roj­tš­va­neca (Das bewegte Leben des Lasik Roit­schwantz) ist 2016 schel­misch wie sein Prot­ago­nist ohne jeg­liche Erlaubnis der Par­tei­ge­nossen von den Toten auferstanden.

 

roitschwantz_coverKleiner Mann – was nun?
Womög­lich inspi­riert von Fal­ladas „kleinem Mann“, den Prot­ago­nisten Evgenij in Puškins Mednyj vsadnik (Der eherne Reiter) und Akakij Aka­kievič in Gogol´s Šinel’ (Der Mantel), zwei para­dig­ma­ti­schen Bei­spielen für geschei­terte Exis­tenzen, deren Dasein im Bewusst­sein der Men­schen keine blei­benden Spuren hin­ter­lässt, schreibt sich Ėren­burgs Held in eine lange lite­ra­ri­sche Tra­di­tion ein. Bereits Laziks Vater wurde vor der Geburt seines Sohnes zum Objekt eines sym­bo­li­schen Aktes, der den Tod quasi her­aus­for­dern sollte nach dem Motto: Es sterben immer die Fal­schen. „Sie [die rei­chen Juden] fanden den unglück­lichsten aller Juden, einen Moitel Lasik Roit­schwantz. […] Er besaß nur einen trüb­se­ligen Fami­li­en­namen. […] Mit einem Wort, er hätte ruhig an der Cho­lera sterben können, und kein Mensch hätte ihn beklagt.“ Sie suchten das „aller­un­gück­lichste Mäd­chen“ aus und sagten: „Ihr sollt von uns dreißig Rubel kriegen, ihr sollt Huhn und Fisch haben, aber eure Hoch­zeit wollen wir auf dem Friedhof begehen, um den Tod ein wenig auf­zu­hei­tern.“ Man könnte annehmen, dieses gleich­zeitig tra­gi­sche und irr­sinnig komi­sche Ereignis würde den spä­teren Lebensweg des Lazik Roj­tš­vanc [Lasik Roit­schwantz] vor­ge­zeichnet haben, der einer­seits vom stän­digen Schei­tern, ande­rer­seits von tra­di­tio­nell jüdi­scher Lebens­hal­tung durch­zogen war.

 

Ein anpas­sungs­fä­higes Chamäleon?

Der Prot­ago­nist Lazik Roj­tš­vanc, ein klein­wüch­siger, armer jüdi­scher Her­ren­schneider aus dem weiß­rus­si­schen Schtetl Homel, muss meh­rere Monate im Gefängnis absitzen. Der Grund: ein ver­se­hent­li­cher Seufzer als Reak­tion auf ein Plakat, das vom Tod des ehren­vollen Par­tei­ge­nossen Schmu­rygin berichtet. So seltsam es auch scheinen mag, mit dem Motiv des Seuf­zens werden meh­rere Kapitel ein­ge­leitet, in denen in iro­ni­schem und hin­ter­fra­gendem Ton über die Folgen eines sol­chen Ver­se­hens nach­ge­dacht wird: „Man kann behaupten, daß das ganze Leben Lasiks mit einem unvor­sich­tigen Seufzer begann. Es wäre besser gewesen, er hätte nicht geseufzt.” Dem Gefäng­nis­auf­ent­halt folgt der erschüt­ternde Ver­lust des ganzen Hab und Guts sowie seiner Her­zens­dame, es bleiben ihm ledig­lich das Por­trait eines por­tu­gie­si­schen Kämp­fers und seine schmut­zige Klei­dung. Doch auf­geben ist für Lazik ein Fremd­wort. Lazik ist ein Narr par excel­lence, der sich dafür bezahlen lässt, die Stadt zu ver­lassen, um – so seine Begrün­dung – den Ein­woh­nern des Hauses nicht „auf die Pelle zu rücken“ und vor ihrem Haus zu „ver­wahr­losen“. Er begibt sich auf eine „Pil­ger­reise“, die ihn über Kiew, Moskau, Königs­berg, Berlin und Paris ins Hei­lige Land führt. Ob er in Kiew im Kanin­chen­zucht­haus ohne Kanin­chen arbeitet, sich in Frank­furt am Main als Rab­biner aus­gibt und der Gemeinde zur Freude den Men­schen alle Spei­se­ge­setze erlässt und das am höchsten jüdi­schen Fei­ertag, Jom Kippur – Lazik ist ein Anpas­sungs­künstler, der vor keiner Tätig­keit zurück­schreckt, um sich über Wasser zu halten. Vom Kom­mu­nismus im nach­re­vo­lu­tio­nären Russ­land der Jahre 1918/19 über Kapi­ta­lismus im Westen und christ­li­ches Mis­sio­na­rentum in London bis hin zum Zio­nismus in Paläs­tina werden alle Ideo­lo­gien, mit denen er in den diversen Län­dern Erfah­rung macht, in Frage gestellt und letzt­end­lich ad absurdum geführt. Was bleibt, ist der Wunsch nach dem Aus­leben der eigenen Indi­vi­dua­lität, der jedoch nicht ver­wirk­licht werden kann.

 

Ewig auf Reise

Ilja Ėren­burg (1891–1967) bringt die Zumu­tungen des 20. Jahr­hun­derts in seinen umfas­senden Memoiren Ljudi, gody, žizn’ (Men­schen Jahre Leben, 1960) wie folgt auf den Punkt: „Wenn wir als sowje­ti­sche Schrift­steller noch am Leben sind, so des­halb, weil wir die größten Akro­baten der Welt sind […].“ Ėren­burg war jüdisch-sowje­ti­scher Schrift­steller, Dichter und aktiver Kriegs­be­richt­erstatter wäh­rend des spa­ni­schen Bür­ger­krieges ebenso wie wäh­rend des Zweiten Welt­krieges; er fun­gierte als kul­tu­reller Ver­mittler zwi­schen Ost und West, Paris und Moskau. Sein Roman Tau­wetter (1954) gab einer ganzen Epoche ihren Namen. Hinzu kommt sein Ein­satz im Jüdi­schen Anti­fa­schis­ti­schen Komitee und die daraus resul­tie­rende Her­aus­gabe einer Samm­lung von bedeut­samen Zeug­nissen über den Genozid an sowje­ti­schen Juden wäh­rend des Zweiten Welt­krieges unter dem Titel Čer­naja kniga (Schwarz­buch, 1947). Umso über­ra­schender ist der lebens­ge­fähr­liche Draht­seilakt, den Ėren­burg als einer der wenigen sowje­ti­schen Schrift­steller phy­sisch unbe­schadet übersteht.

 

Über­le­bens­künstler und Schelm

Im Ein­gehen von Risiken und sich trotz aller Umstände immer wieder Her­aus­winden ähneln sich Ėren­burg und sein Held Lazik. Bur­naja žizn’ Lazika Roj­tš­va­neca steht in der Tra­di­tion des Schel­men­ro­mans. Als Schelm son­der­glei­chen, erin­nert Lazik an seinen tsche­chi­schen Zeit­ge­nossen Švejk im Roman von Jaroslav Hašek.

 

Sprache – Sinn­bild einer unter­ge­gan­genen Kultur?

Der durch­gängig iro­ni­sche und zuweilen sogar sar­kas­ti­sche Stil lässt Frei­raum für diverse Les­arten, kann gleich­zeitig aber auch zu Fehl­in­ter­pre­ta­tionen ver­leiten. Der Roman, der auf den ersten Blick wie leichte Feuil­le­to­nistik wirkt, setzt einen gebil­deten und auf­merk­samen Leser voraus.

Kom­plexe Sti­listik ist eines der wesent­li­chen Spe­zi­fika, die den Roman aus­ma­chen. In Laziks Wort­ge­brauch ver­mi­schen sich jid­di­scher Jargon, wie er ihn sich durch das Tal­mud­stu­dium und sein jüdi­sches Umfeld in Homel ange­eignet hat, und die vor­re­vo­lu­tio­näre rus­si­sche Sprache, mit dem Sprach­re­gister der bol­sche­wis­ti­schen Nomen­klatur und ihren Neo­lo­gismen, und lässt so ein „Jid­rus­bol­schisch“ (Erfin­dung der Autorin), eine Art jüdisch-rus­si­sches Espe­ranto ent­stehen. Mit Hilfe tal­mu­di­scher und chas­si­di­scher Lebens­ge­schichten, die Lazik per­fekt erzählen kann, ent­flieht er in eine ima­gi­näre Welt, die ihn ein Stück weit vor der grau­samen Rea­lität bewahrt. Doch gerade der Gebrauch jüdi­scher- und jid­di­scher Weis­heiten, Para­beln, Gleich­nisse und Anek­doten weckt den Arg­wohn von Par­tei­ge­nossen und gibt Anlass für Sank­tionen gegen ihn. Die mit der jüdi­schen Lebens­welt und ihren Erzähl- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­formen weniger ver­trauten Leser könnten manchmal Gefahr laufen, sich in den ver­zweigten Exkursen zu verirren.

 

Kon­ge­nial übersetzt

Der 1927 zuerst in Paris erschie­nene Roman stieß dort sofort auf große Reso­nanz. Später geriet er in Ver­ges­sen­heit, bis er erst 1989 in der Sowjet­union offi­ziell zugäng­lich und in post­so­wje­ti­scher Zeit erneut auf­ge­legt wurde. Schon 1928 hat sich Wal­demar Jollos an eine deut­sche Über­set­zung gewagt, deren Meis­ter­leis­tung nun 2016 von der Anderen Biblio­thek end­lich wie­der­ent­deckt, neu­auf­ge­legt und mit einem auf­schluss­rei­chen Nach­wort von Peter Hamm zur (Werk-)Biografie ver­sehen wurde.

„Jeden Tag, glaube ich, werden hun­dert Roit­schwantze gekreu­zigt, und kein Mensch legt dagegen Ver­wah­rung ein. Aber das Kin­der­la­chen? Aber das fri­sche Brot auf dem Tisch der Armen? Nun, das sind lächer­liche Vor­stel­lungen. Schweig still, törichter Roit­schwantz! Du hast hier nicht zu phi­lo­so­phieren! Das Höchste, was man von dir ver­langt, ist – ohne Hosen zu galoppieren.“

 

Ėren­burg, Il’ja: Bur­naja žizn’ Lazika Roj­tš­va­neca. Moskva: Sovetskij pisatel‘, 1991.
Ehren­burg, Ilja: Das bewegte Leben des Lasik Roit­schwantz. Aus dem Rus­si­schen von Wal­demar Jollos. Berlin: Die Andere Biblio­thek, 2016.

 

Wei­ter­füh­rende Literatur:
Sicher, Efraim: Jews in Rus­sian lite­ra­ture after the October Revo­lu­tion: wri­ters and artists bet­ween hope and apo­stasy. Cam­bridge: Cam­bridge Uni­ver­sity Press, 1995.