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Zwischen Raum

Posted on 15. Januar 2008 by Tamina Kutscher, Lucia Zimmermann
Der mazedonische Schriftsteller Nikola Madžirov setzt seine Verse zwischen verblasste Aufkleber und angebissene Äpfel, neben Zitate und Erinnerungen, über Bibelstellen und Tao – zwischen Zeilen der Weltliteratur und die Prosaik des Alltags. Er weiss, dass alles schon gesagt wurde. Trotzdem will er mit seiner Poesie neue Räume schaffen.

Der mazedonische Schriftsteller Nikola Madžirov erschreibt das „Dazwischen“

 

„Madžiri“ sind Menschen ohne Zuhause. Der mazedonische Schriftsteller Nikola Madžirov (geb. 1973) baut sich seines im „Dazwischen“: Er setzt seine Verse zwischen verblasste Aufkleber und angebissene Äpfel, neben Zitate und Erinnerungen, über Bibelstellen und Tao – zwischen Zeilen der Weltliteratur und die Prosaik des Alltags. Eine Suche nach neuen Worten, im Bewusstsein, dass alles schon einmal gesagt wurde. Sein Nomadismus ist aber nicht nur ein mentaler. Madžirov reist auch viel. novinki hat ihn in Berlin getroffen, wo er beim Poesiefestival zu Gast war. Seinen neuen Gedichtband Premesten Kamen (Der versetzte Fels), für den er unter anderem im April 2007 mit dem Hubert Burda Preis für osteuropäische Lyrik ausgezeichnet wurde, hatte er auch im Gepäck.

 

Nikola+Madzirov+-+photo+5novinki: Du kommst vom Balkan, aus Mazedonien, und hast in deinem Essay „Der Reiche, der Bettler und der Arme – ein balkanischer Spaghetti Western“ eine eigene Spezies Mensch erschrieben, den „homo balcanicus“. Was ist das für ein Typ?

 

Nikola Madžirov: Der „homo balcanicus" ist ein Mensch, an dem gezweifelt wird und der an sich zweifelt. Er gehört zu vielen Kulturen, zu vielen Ländern, zu vielen historischen Augenblicken. Ein mazedo-nischer Schriftsteller hat einmal gesagt, dass es im Balkan nicht möglich ist, in ein und demselben Land geboren zu werden und zu sterben. Das liegt an den spezifischen ideologischen, geopolitischen und ästhetischen Dynamiken dieser Region.

 

n.: Auch an deinem Nachnamen „Madžirov“ kann man diese Veränderungen und Bewegungen ablesen.

 

M.: Das ist richtig. Mein Nachname „Madžirov“ ist mit der Bewegung von einem Ort zum anderen verbunden, und zwar als Folge der Balkankriege. Meine Vorfahren waren gezwungen, von dem Teil Mazedoniens wegzugehen, der jetzt zu Griechenland gehört. Deswegen wurden sie „madžiri“ genannt, Menschen ohne Zuhause. Dieses Wort ist ursprünglich arabisch und stammt von den Anhängern Mohammeds ab, die mit ihm von Mekka nach Medina gezogen sind. Heute benennt dieser Begriff in unterschiedlichen Spra-chen das Schicksal von Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, egal, ob Christen oder Moslems, egal, ob aus Asien oder Europa. Es ist ein überzeitlicher Begriff, denn es wird immer Bewegungen durch Zeit und Raum geben.

 

n.: Für dein neues Buch Premesten Kamen (Der versetzte Fels) hast du dich nicht nur im übertragenen Sinne in Bewegung gesetzt, sondern du hast unterwegs geschrieben. Du bist für ein Stipendium nach Österreich gefahren und hast in Wien angefangen zu arbeiten, nicht in Mazedonien.

 

M.: Der Prozess des Reisens ist ein Teil der Schöpfung dieser Texte. Ich bin viel gereist, mit dem Bus, dem Flugzeug, mit dem Zug. Das ist ein Konzept des Buches, dass alle Gedichte außerhalb meines Zuhauses in Mazedonien entstanden sind. Das steht auch in Verbindung mit dem Titel meines Bandes „Der versetzte Fels“.

 

n.: Inwiefern?

 

M.: Der Fels ist statisch und stabil und ist für mich ein Symbol für etwas, das unsere innere Haltung zeigt, unsere Sichtweise der Welt. Bei der „Versetzung des Felsens“ geht es mir darum, diese innere Haltung in Bewegung zu bringen, also Denkmuster zu hinterfragen und Positionen zu überdenken. Mich beeindruckt Derridas Idee von der „privilegierten Instabilität“ (privilegirana nepostojanost). Derzufolge ist es ein Zeichen von Privilegiertheit, wenn man die Möglichkeit hat, sich sein Leben lang immer wieder neu zu positionieren, nicht nur äußerlich, sondern auch im Inneren. Ich glaube an den mentalen Nomadismus im Sinne von Kenneth White. Vielleicht ist das der Grund weswegen ich so oft die Orte wechsle, um Personen oder Gedichte als Punkte zu finden, die diesen neuen Raum bilden.

 

n.: In deinen Gedichten fällt aber gerade auf, dass das lyrische Ich oft sehr passiv ist, einfach im Bett liegt und nichts macht. Dinge oder Tiere kommen dann zu ihm hin, zum Beispiel im Gedicht „Ich wachse“, in dem es heißt: „Es kamen Rehe an mein Bett/ und Hasen / tatsächlich/ auch Pferde und Schafe / und die Ziegen waren da/ und dann begann unter meinem Bett/ Gras zu wachsen /(...).“ Wie passt das zusammen?

 

M.: Das ist paradox (lacht), jedoch nur eine mögliche Sichtweise. Manchmal ist das lyrische Subjekt außerhalb des Gedichts als Beobachter. Wenn man Dinge beobachtet, scheinen sie sich zu einem hin zu bewegen. Wenn man sich außerhalb eines Ambientes befindet, hat man den Eindruck, dass man sich die ganze Zeit bewegt. Auf Bildern von alten chinesischen Malern sind Menschen oder Tiere sehr klein. Sie stehen nicht im Zentrum, sondern sind Teil der Bäume, der Berge, kurz, ihrer Umgebung. Es gibt also kein Zentrum, weder Subjekt noch Objekt. Nur im Westen wird immer nach dem Zentrum gesucht.

 

n.: Wonach suchst du denn?

 

M.: Ich suche nach dem „Dazwischen“, nach Zwischensituationen, die immer Teil einer Bewegung sind. Wenn man eine leere Plastiktüte im Wind fliegen sieht, dann ist diese Tüte auch im Dazwischen. Sie bewegt sich und auch ein Vogel bewegt sich, um im Dazwischen zu sein. Solche Bewegungen sind das poetische Fundament meines neuen Buches.

 

n.: Kann dieses Dazwischen auch in der Zeit lokalisiert werden?

 

M.: Natürlich. Für mich haben Raum und Zeit viele Ebenen. Einige Theoretiker und Philosophen unterteilen die Zeit in eine kosmologische Zeit, in der die Welt entstanden ist, und in eine historische Zeit, in die Zeit unserer gemeinsamen Geschichte und in unsere persönliche Geschichte. Gadamer, einer meiner liebsten Philosophen, unterscheidet zwei Arten von Zeit: zum einen die Zeit der Dinge und zum anderen unsere Zeit. Die Zeit der Dinge steht in einem sozialen Kontext, das ist die Zeit für die Dinge, die wir tun müssen. Die zweite Zeit ist die Zeit unserer Kindheit, die Zeit unseres Lebens, die Zeit unseres Todes. Wir leben im Dazwischen dieser beiden Zeiten. Zwischen beiden Zeiten liegt der Raum.

 

n.: Ist die Kindheit dabei eine besondere Zeit für dich? In deinen Gedichten tauchen „Aufkleber der Kindheit am Kühlschrank“ auf, ein verirrtes Kind oder Spielzeuge, die vergraben sind. Warum blickst du immer wieder in dieses vergangene Stadium zurück?

 

M.: Ich spreche über die räumliche, nicht über die zeitliche Dimension der Kindheit. Kindheit ist für mich ein kleines Haus, dessen Schlüssel versteckt oder verloren ist, und wir suchen ununterbrochen danach. Wir erinnern uns an Bilder, reden lächelnd über unsere Kindheit, wissen aber, dass wir dieses Haus nicht mehr betreten können. Den Schlüssel jedoch suchen wir. Kinder beeindrucken mich: Wenn sie in frischen Asphalt treten, dann nicht, um ein Zeichen zu hinterlassen in der Art von „schau mich an, ich bin lebendig“, sondern weil ihre Fußabdrücke die Struktur ver-ändern. Sie suchen nach neuen Mustern, neuen Erfahrungen, neuen Ebenen. Erwachsene dagegen wollen unbedingt Spuren hinterlassen auf der Suche nach Ewigkeit.

 

n.: Wie soll der „Fußabdruck“ deiner Gedichte Strukturen verändern?

 

M.: Die Künstlerin und Musiker Laurie Anderson hat eine interessante, kosmologische Geschichte über Erin-nerung erzählt. Danach gab es am Anfang nur fliegende Vögel und weil es noch keine Erde gab, waren sie gezwungen pausenlos zu fliegen. Da starb der Vater eines Vogels und sein Sohn überlegte sich, wo er ihn begraben könnte. Da es keinen Boden gab, beschloss er, den Vater in seinem Kopf zu begraben. So entstand die Erinnerung, als Verbindung zu einer Vergangenheit, die eigentlich nicht existiert. Meine Gedichte basieren auf unvollständigen Bildern einer unvollständigen Erinnerung. Es macht mich glücklich, wenn meine Gedichte für jemanden, der sie liest, einen fehlenden Teil seines Gedächtnisses darstellen und dadurch ein Bild vervollständigen können. Das ist einer der Gründe weswegen ich schreibe, um die Welt zu vervollständigen, die persönliche Welt von irgendjemandem und vielleicht auch meine.

 

n.: Du erzählst ja auch von ganz persönlichen Dingen, die jedem vertraut sind: von einem Blumentopf, einem Teekessel, einer Briefmarke, einem angebissenen Apfel. Welche Rolle spielen diese alltäglichen Dinge in deinen Gedichten?

 

M.: Mit ihnen erzähle ich eben diese persönliche Geschichte. Aber wahr-scheinlich schreibe ich eine allgemeine und eine persönliche Geschichte zugleich. Das ist ein weiteres Paradoxon. Alle Menschen, alle Dinge, die mir begegnet sind und die ich wahrgenommen habe, sind Teil dieser Geschichte. Ich will diese Dinge nicht ewig machen, sondern präsent. Dinge zeigen unsere Anwesenheit, wenn wir sie in die Leere des Raumes stellen, das hat Zbigniew Herbert gesagt. Seine Worte haben meine Poetik inspiriert. Es geht aber auch darum, Vertrautes neu zu entdecken und neu zu erleben, „auf der Oberfläche des Wassers zu gehen“, wie ich in einem meiner Gedichte schreibe.

 

n.: Das ist ein Zitat aus deinem Gedicht „Neue Länder“ (Novi zemji). Dort heißt es: „Man muss neue Länder erfinden, damit man wieder über das Wasser gehen kann“. Weshalb bemühst du da ein biblisches Bild?

 

M.: Natürlich gibt es diesen biblischen Kontext. Aber es ist eigentlich eher eine Säkularisierung, ein Symbol des Los-lassens unseres Geistes. Manchmal haben wir es wirklich nötig zu gehen, sogar auf dem Wasser ohne dabei Angst zu haben, dass wir auf dem Grund aller uns umgebenden Prozesse enden. Auch derjenigen Prozesse, die Teil großer politischer Veränderungen oder sozialer Bewegungen sind. Dieses Bild ist sehr stark für mich. Ich habe es verwendet, weil es keinen Menschen auf dieser Welt gibt, der nicht auf dem Wasser oder in der Luft gehen können möchte.

 

n.: In „Neue Länder“ schreibst du auch von der „Karte der neuen Welt, in die neue Reiserouten eingetragen werden“. Glaubst du, die Poesie hat die Kraft, neue Welten oder Länder zu erschaffen?

 

M.: Ich bin beeindruckt von den Surrealisten, deren Ziel es war, nicht die Welt zu verändern, sondern das Leben. Ich sehe Poesie als Teil dieses Prozesses etwas zu verändern. Vielleicht nicht das Leben, das ist sehr allgemein, sondern etwas in der Art und Weise, Dinge wahrzu-nehmen. Es geht darum, Dinge nicht vom ersten Eindruck her zu beurteilen, denn es gibt immer mehrere Ebenen. Unser Leben ist in einer gewissen Weise ein Palimpsest und Poesie ist ein Teil davon.

 

n.: Verstehst du auch deine Gedichte als Palimpseste, mit denen du vergangene Spuren sichtbar machen und so Vergangenheit und Gegenwart verbinden willst?

 

M.: Ich verwende das Palimpsest auf zwei Ebenen, einer vertikalen und einer horizontalen. Unter „vertikal“ verstehe ich meine persönliche Erfahrung eines Augenblicks. Ein Palimpsest hat viele Ebenen und eine überdeckt die andere, ein Augenblick überdeckt den anderen. Das Palimpsest lässt die verdeckten Augen-blicke eines Tages wieder zum Vorschein kommen, wenn jemand danach gräbt. Diese palimpsestische Struktur ist die Grundlage meiner Poetik, deswegen taucht der Begriff in einem meiner Gedichte auf. Er hat keine intellektuelle Bedeutung.

 

n.: Und was wäre die „horizontale Ebene“ deiner Gedichte?

 

M.: Die andere, horizontale Ebene kann man vielleicht als chronologische Linie ansehen. Ich schreibe auf kein leeres Blatt, sondern auf ein Blatt, das schon beschrieben ist, vielleicht von einem Dichter der Vergangenheit, vielleicht von irgend-jemandem, der seine Eindrücke ins Gästebuch eines Museums geschrieben hat, oder ins Beschwerdebuch beim Verlas-sen des Hotels. Unsere Worte sind immer schon geschrieben und wir denken, dass sie mehr Gewicht haben, wenn wir gehen. Ich sehe die geschriebenen Worte als einen Beweis, dass jemand vor mir gekommen und gegangen ist.

 

n.: Eine letzte Frage noch: Was heißt es, ein Dichter aus einem ganz konkreten Raum, nämlich Mazedonien, zu sein?

 

M.: Jeder Dichter sollte wieder mehr die Möglichkeiten erforschen, die der Raum ihm bietet, in dem er lebt. Dieser Raum hat selbstverständlich einen großen Einfluss auf sein Werk. Ein Dichter in Mazedonien zu sein, ist wie ein Poet irgendwo auf der Welt zu sein. Wegen der Globalisierung und dem Internet gibt es mehr Möglichkeiten, sein eigenes Werk zu zeigen oder mit anderen Dichtern in Kontakt zu treten. Doch Poesie hat nichts mit der Zahl der Auflagen oder Leser zu tun. Enzensberger stellte fest, dass es überall auf der Welt, in jedem Land 1354 Leser eines Gedichts gibt. Nach Enzensberger sind, je kleiner ein Land ist, dessen Gedichte umso bedeutender. Und in größeren Ländern ist Poesie nicht so wichtig, da diese andere Mittel und Möglich-keiten haben, ihre Kultur in der Welt zu zeigen. Deswegen ist er auf diese konstante Zahl gekommen.

 

n.: Und hat Enzensberger Recht?

 

M.: (lacht) Ich weiß nicht. Aber es ist zumindest sehr interessant sich vorzustellen, dass – egal ob in China, in Mazedonien oder in Deutschland – die Zahl der Leser eines Gedichts 1354 ist.

 

 

Nikola Madžirov (geb. 1973) lebt in Strumica (Mazedonien). Sein neuer Gedichtband Premesten Kamen („Der versetzte Fels“) entstand in Wien und wurde sowohl mit dem Hubert Burda Preis für osteuropäische Lyrik sowie dem renommiertesten mazedonischen Poesiepreis „Braka Miladinovci“ ausgezeichnet. Schon für sein schriftstellerisches Debut Zaklučeni vo gradot (1999, „Eingeschlossen in der Stadt“) hat er den Preis „Studentski zbor“ erhalten, das zweite Werk Nekade nikade (1999, „Nirgends niemals“) wurde mit dem Aco Karamanov Preis prämiert. Sein Werk ist in 12 Sprachen übersetzt. Nikola Madžirov ist Herausgeber des literarischen Online-Magazins Blesok (www.blesok.com.mk) und der mazedonische Verantwortliche für das internationale Poesie-Portal Lyrikline (www.lyrikline.org).

Zaklučeni vo gradot (Eingeschlossen in der Stadt). Magor. Skopje 1999.

Nekade nikade (Nirgends niemals). Karamanov Poetry Meetings. Radovish 1999.

Asfilt, no nebo (Asphalt oder Himmel). Templum. Skopje  2003.

Premesten kamen (Der versetzte Fels). Magor. Skopje 2007.

www.eurozine.com/articles/2004-03-22-madzirov-de.html

Zwischen Raum - novinki
Redak­tion „novinki“

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Zwi­schen Raum

Der maze­do­ni­sche Schrift­steller Nikola Madžirov erschreibt das „Dazwi­schen“

 

„Madžiri“ sind Men­schen ohne Zuhause. Der maze­do­ni­sche Schrift­steller Nikola Madžirov (geb. 1973) baut sich seines im „Dazwi­schen“: Er setzt seine Verse zwi­schen ver­blasste Auf­kleber und ange­bis­sene Äpfel, neben Zitate und Erin­ne­rungen, über Bibel­stellen und Tao – zwi­schen Zeilen der Welt­li­te­ratur und die Pro­saik des All­tags. Eine Suche nach neuen Worten, im Bewusst­sein, dass alles schon einmal gesagt wurde. Sein Noma­dismus ist aber nicht nur ein men­taler. Madžirov reist auch viel. novinki hat ihn in Berlin getroffen, wo er beim Poe­sie­fes­tival zu Gast war. Seinen neuen Gedicht­band Pre­mesten Kamen (Der ver­setzte Fels), für den er unter anderem im April 2007 mit dem Hubert Burda Preis für ost­eu­ro­päi­sche Lyrik aus­ge­zeichnet wurde, hatte er auch im Gepäck.

 

Nikola+Madzirov+-+photo+5

novinki: Du kommst vom Balkan, aus Maze­do­nien, und hast in deinem Essay „Der Reiche, der Bettler und der Arme – ein bal­ka­ni­scher Spa­ghetti Wes­tern“ eine eigene Spe­zies Mensch erschrieben, den „homo bal­ca­nicus“. Was ist das für ein Typ?

 

Nikola Madžirov: Der „homo bal­ca­nicus” ist ein Mensch, an dem gezwei­felt wird und der an sich zwei­felt. Er gehört zu vielen Kul­turen, zu vielen Län­dern, zu vielen his­to­ri­schen Augen­bli­cken. Ein mazedo-nischer Schrift­steller hat einmal gesagt, dass es im Balkan nicht mög­lich ist, in ein und dem­selben Land geboren zu werden und zu sterben. Das liegt an den spe­zi­fi­schen ideo­lo­gi­schen, geo­po­li­ti­schen und ästhe­ti­schen Dyna­miken dieser Region.

 

n.: Auch an deinem Nach­namen „Madžirov“ kann man diese Ver­än­de­rungen und Bewe­gungen ablesen.

 

M.: Das ist richtig. Mein Nach­name „Madžirov“ ist mit der Bewe­gung von einem Ort zum anderen ver­bunden, und zwar als Folge der Bal­kan­kriege. Meine Vor­fahren waren gezwungen, von dem Teil Maze­do­niens weg­zu­gehen, der jetzt zu Grie­chen­land gehört. Des­wegen wurden sie „madžiri“ genannt, Men­schen ohne Zuhause. Dieses Wort ist ursprüng­lich ara­bisch und stammt von den Anhän­gern Moham­meds ab, die mit ihm von Mekka nach Medina gezogen sind. Heute benennt dieser Begriff in unter­schied­li­chen Spra-chen das Schicksal von Men­schen, die ihre Heimat ver­lassen mussten, egal, ob Christen oder Mos­lems, egal, ob aus Asien oder Europa. Es ist ein über­zeit­li­cher Begriff, denn es wird immer Bewe­gungen durch Zeit und Raum geben.

 

n.: Für dein neues Buch Pre­mesten Kamen (Der ver­setzte Fels) hast du dich nicht nur im über­tra­genen Sinne in Bewe­gung gesetzt, son­dern du hast unter­wegs geschrieben. Du bist für ein Sti­pen­dium nach Öster­reich gefahren und hast in Wien ange­fangen zu arbeiten, nicht in Mazedonien.

 

M.: Der Pro­zess des Rei­sens ist ein Teil der Schöp­fung dieser Texte. Ich bin viel gereist, mit dem Bus, dem Flug­zeug, mit dem Zug. Das ist ein Kon­zept des Buches, dass alle Gedichte außer­halb meines Zuhauses in Maze­do­nien ent­standen sind. Das steht auch in Ver­bin­dung mit dem Titel meines Bandes „Der ver­setzte Fels“.

 

n.: Inwie­fern?

 

M.: Der Fels ist sta­tisch und stabil und ist für mich ein Symbol für etwas, das unsere innere Hal­tung zeigt, unsere Sicht­weise der Welt. Bei der „Ver­set­zung des Fel­sens“ geht es mir darum, diese innere Hal­tung in Bewe­gung zu bringen, also Denk­muster zu hin­ter­fragen und Posi­tionen zu über­denken. Mich beein­druckt Der­ridas Idee von der „pri­vi­le­gierten Insta­bi­lität“ (pri­vi­le­gi­rana nepos­to­ja­nost). Der­zu­folge ist es ein Zei­chen von Pri­vi­le­giert­heit, wenn man die Mög­lich­keit hat, sich sein Leben lang immer wieder neu zu posi­tio­nieren, nicht nur äußer­lich, son­dern auch im Inneren. Ich glaube an den men­talen Noma­dismus im Sinne von Ken­neth White. Viel­leicht ist das der Grund wes­wegen ich so oft die Orte wechsle, um Per­sonen oder Gedichte als Punkte zu finden, die diesen neuen Raum bilden.

 

n.: In deinen Gedichten fällt aber gerade auf, dass das lyri­sche Ich oft sehr passiv ist, ein­fach im Bett liegt und nichts macht. Dinge oder Tiere kommen dann zu ihm hin, zum Bei­spiel im Gedicht „Ich wachse“, in dem es heißt: „Es kamen Rehe an mein Bett/ und Hasen / tatsächlich/ auch Pferde und Schafe / und die Ziegen waren da/ und dann begann unter meinem Bett/ Gras zu wachsen /(…).“ Wie passt das zusammen?

 

M.: Das ist paradox (lacht), jedoch nur eine mög­liche Sicht­weise. Manchmal ist das lyri­sche Sub­jekt außer­halb des Gedichts als Beob­achter. Wenn man Dinge beob­achtet, scheinen sie sich zu einem hin zu bewegen. Wenn man sich außer­halb eines Ambi­entes befindet, hat man den Ein­druck, dass man sich die ganze Zeit bewegt. Auf Bil­dern von alten chi­ne­si­schen Malern sind Men­schen oder Tiere sehr klein. Sie stehen nicht im Zen­trum, son­dern sind Teil der Bäume, der Berge, kurz, ihrer Umge­bung. Es gibt also kein Zen­trum, weder Sub­jekt noch Objekt. Nur im Westen wird immer nach dem Zen­trum gesucht.

 

n.: Wonach suchst du denn?

 

M.: Ich suche nach dem „Dazwi­schen“, nach Zwi­schen­si­tua­tionen, die immer Teil einer Bewe­gung sind. Wenn man eine leere Plas­tik­tüte im Wind fliegen sieht, dann ist diese Tüte auch im Dazwi­schen. Sie bewegt sich und auch ein Vogel bewegt sich, um im Dazwi­schen zu sein. Solche Bewe­gungen sind das poe­ti­sche Fun­da­ment meines neuen Buches.

 

n.: Kann dieses Dazwi­schen auch in der Zeit loka­li­siert werden?

 

M.: Natür­lich. Für mich haben Raum und Zeit viele Ebenen. Einige Theo­re­tiker und Phi­lo­so­phen unter­teilen die Zeit in eine kos­mo­lo­gi­sche Zeit, in der die Welt ent­standen ist, und in eine his­to­ri­sche Zeit, in die Zeit unserer gemein­samen Geschichte und in unsere per­sön­liche Geschichte. Gadamer, einer meiner liebsten Phi­lo­so­phen, unter­scheidet zwei Arten von Zeit: zum einen die Zeit der Dinge und zum anderen unsere Zeit. Die Zeit der Dinge steht in einem sozialen Kon­text, das ist die Zeit für die Dinge, die wir tun müssen. Die zweite Zeit ist die Zeit unserer Kind­heit, die Zeit unseres Lebens, die Zeit unseres Todes. Wir leben im Dazwi­schen dieser beiden Zeiten. Zwi­schen beiden Zeiten liegt der Raum.

 

n.: Ist die Kind­heit dabei eine beson­dere Zeit für dich? In deinen Gedichten tau­chen „Auf­kleber der Kind­heit am Kühl­schrank“ auf, ein ver­irrtes Kind oder Spiel­zeuge, die ver­graben sind. Warum blickst du immer wieder in dieses ver­gan­gene Sta­dium zurück?

 

M.: Ich spreche über die räum­liche, nicht über die zeit­liche Dimen­sion der Kind­heit. Kind­heit ist für mich ein kleines Haus, dessen Schlüssel ver­steckt oder ver­loren ist, und wir suchen unun­ter­bro­chen danach. Wir erin­nern uns an Bilder, reden lächelnd über unsere Kind­heit, wissen aber, dass wir dieses Haus nicht mehr betreten können. Den Schlüssel jedoch suchen wir. Kinder beein­dru­cken mich: Wenn sie in fri­schen Asphalt treten, dann nicht, um ein Zei­chen zu hin­ter­lassen in der Art von „schau mich an, ich bin lebendig“, son­dern weil ihre Fuß­ab­drücke die Struktur ver-ändern. Sie suchen nach neuen Mus­tern, neuen Erfah­rungen, neuen Ebenen. Erwach­sene dagegen wollen unbe­dingt Spuren hin­ter­lassen auf der Suche nach Ewigkeit.

 

n.: Wie soll der „Fuß­ab­druck“ deiner Gedichte Struk­turen verändern?

 

M.: Die Künst­lerin und Musiker Laurie Anderson hat eine inter­es­sante, kos­mo­lo­gi­sche Geschichte über Erin-nerung erzählt. Danach gab es am Anfang nur flie­gende Vögel und weil es noch keine Erde gab, waren sie gezwungen pau­senlos zu fliegen. Da starb der Vater eines Vogels und sein Sohn über­legte sich, wo er ihn begraben könnte. Da es keinen Boden gab, beschloss er, den Vater in seinem Kopf zu begraben. So ent­stand die Erin­ne­rung, als Ver­bin­dung zu einer Ver­gan­gen­heit, die eigent­lich nicht exis­tiert. Meine Gedichte basieren auf unvoll­stän­digen Bil­dern einer unvoll­stän­digen Erin­ne­rung. Es macht mich glück­lich, wenn meine Gedichte für jemanden, der sie liest, einen feh­lenden Teil seines Gedächt­nisses dar­stellen und dadurch ein Bild ver­voll­stän­digen können. Das ist einer der Gründe wes­wegen ich schreibe, um die Welt zu ver­voll­stän­digen, die per­sön­liche Welt von irgend­je­mandem und viel­leicht auch meine.

 

n.: Du erzählst ja auch von ganz per­sön­li­chen Dingen, die jedem ver­traut sind: von einem Blu­men­topf, einem Tee­kessel, einer Brief­marke, einem ange­bis­senen Apfel. Welche Rolle spielen diese all­täg­li­chen Dinge in deinen Gedichten?

 

M.: Mit ihnen erzähle ich eben diese per­sön­liche Geschichte. Aber wahr-schein­lich schreibe ich eine all­ge­meine und eine per­sön­liche Geschichte zugleich. Das ist ein wei­teres Para­doxon. Alle Men­schen, alle Dinge, die mir begegnet sind und die ich wahr­ge­nommen habe, sind Teil dieser Geschichte. Ich will diese Dinge nicht ewig machen, son­dern prä­sent. Dinge zeigen unsere Anwe­sen­heit, wenn wir sie in die Leere des Raumes stellen, das hat Zbi­gniew Her­bert gesagt. Seine Worte haben meine Poetik inspi­riert. Es geht aber auch darum, Ver­trautes neu zu ent­de­cken und neu zu erleben, „auf der Ober­fläche des Was­sers zu gehen“, wie ich in einem meiner Gedichte schreibe.

 

n.: Das ist ein Zitat aus deinem Gedicht „Neue Länder“ (Novi zemji). Dort heißt es: „Man muss neue Länder erfinden, damit man wieder über das Wasser gehen kann“. Wes­halb bemühst du da ein bibli­sches Bild?

 

M.: Natür­lich gibt es diesen bibli­schen Kon­text. Aber es ist eigent­lich eher eine Säku­la­ri­sie­rung, ein Symbol des Los-las­sens unseres Geistes. Manchmal haben wir es wirk­lich nötig zu gehen, sogar auf dem Wasser ohne dabei Angst zu haben, dass wir auf dem Grund aller uns umge­benden Pro­zesse enden. Auch der­je­nigen Pro­zesse, die Teil großer poli­ti­scher Ver­än­de­rungen oder sozialer Bewe­gungen sind. Dieses Bild ist sehr stark für mich. Ich habe es ver­wendet, weil es keinen Men­schen auf dieser Welt gibt, der nicht auf dem Wasser oder in der Luft gehen können möchte.

 

n.: In „Neue Länder“ schreibst du auch von der „Karte der neuen Welt, in die neue Rei­se­routen ein­ge­tragen werden“. Glaubst du, die Poesie hat die Kraft, neue Welten oder Länder zu erschaffen?

 

M.: Ich bin beein­druckt von den Sur­rea­listen, deren Ziel es war, nicht die Welt zu ver­än­dern, son­dern das Leben. Ich sehe Poesie als Teil dieses Pro­zesses etwas zu ver­än­dern. Viel­leicht nicht das Leben, das ist sehr all­ge­mein, son­dern etwas in der Art und Weise, Dinge wahrzu-nehmen. Es geht darum, Dinge nicht vom ersten Ein­druck her zu beur­teilen, denn es gibt immer meh­rere Ebenen. Unser Leben ist in einer gewissen Weise ein Palim­psest und Poesie ist ein Teil davon.

 

n.: Ver­stehst du auch deine Gedichte als Palim­pseste, mit denen du ver­gan­gene Spuren sichtbar machen und so Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart ver­binden willst?

 

M.: Ich ver­wende das Palim­psest auf zwei Ebenen, einer ver­ti­kalen und einer hori­zon­talen. Unter „ver­tikal“ ver­stehe ich meine per­sön­liche Erfah­rung eines Augen­blicks. Ein Palim­psest hat viele Ebenen und eine über­deckt die andere, ein Augen­blick über­deckt den anderen. Das Palim­psest lässt die ver­deckten Augen-blicke eines Tages wieder zum Vor­schein kommen, wenn jemand danach gräbt. Diese palim­pses­ti­sche Struktur ist die Grund­lage meiner Poetik, des­wegen taucht der Begriff in einem meiner Gedichte auf. Er hat keine intel­lek­tu­elle Bedeutung.

 

n.: Und was wäre die „hori­zon­tale Ebene“ deiner Gedichte?

 

M.: Die andere, hori­zon­tale Ebene kann man viel­leicht als chro­no­lo­gi­sche Linie ansehen. Ich schreibe auf kein leeres Blatt, son­dern auf ein Blatt, das schon beschrieben ist, viel­leicht von einem Dichter der Ver­gan­gen­heit, viel­leicht von irgend-jemandem, der seine Ein­drücke ins Gäs­te­buch eines Museums geschrieben hat, oder ins Beschwer­de­buch beim Verlas-sen des Hotels. Unsere Worte sind immer schon geschrieben und wir denken, dass sie mehr Gewicht haben, wenn wir gehen. Ich sehe die geschrie­benen Worte als einen Beweis, dass jemand vor mir gekommen und gegangen ist.

 

n.: Eine letzte Frage noch: Was heißt es, ein Dichter aus einem ganz kon­kreten Raum, näm­lich Maze­do­nien, zu sein?

 

M.: Jeder Dichter sollte wieder mehr die Mög­lich­keiten erfor­schen, die der Raum ihm bietet, in dem er lebt. Dieser Raum hat selbst­ver­ständ­lich einen großen Ein­fluss auf sein Werk. Ein Dichter in Maze­do­nien zu sein, ist wie ein Poet irgendwo auf der Welt zu sein. Wegen der Glo­ba­li­sie­rung und dem Internet gibt es mehr Mög­lich­keiten, sein eigenes Werk zu zeigen oder mit anderen Dich­tern in Kon­takt zu treten. Doch Poesie hat nichts mit der Zahl der Auf­lagen oder Leser zu tun. Enzens­berger stellte fest, dass es überall auf der Welt, in jedem Land 1354 Leser eines Gedichts gibt. Nach Enzens­berger sind, je kleiner ein Land ist, dessen Gedichte umso bedeu­tender. Und in grö­ßeren Län­dern ist Poesie nicht so wichtig, da diese andere Mittel und Mög­lich-keiten haben, ihre Kultur in der Welt zu zeigen. Des­wegen ist er auf diese kon­stante Zahl gekommen.

 

n.: Und hat Enzens­berger Recht?

 

M.: (lacht) Ich weiß nicht. Aber es ist zumin­dest sehr inter­es­sant sich vor­zu­stellen, dass – egal ob in China, in Maze­do­nien oder in Deutsch­land – die Zahl der Leser eines Gedichts 1354 ist.

 

 

Nikola Madžirov (geb. 1973) lebt in Strumica (Maze­do­nien). Sein neuer Gedicht­band Pre­mesten Kamen („Der ver­setzte Fels“) ent­stand in Wien und wurde sowohl mit dem Hubert Burda Preis für ost­eu­ro­päi­sche Lyrik sowie dem renom­mier­testen maze­do­ni­schen Poe­sie­preis „Braka Mila­di­novci“ aus­ge­zeichnet. Schon für sein schrift­stel­le­ri­sches Debut Zak­lučeni vo gradot (1999, „Ein­ge­schlossen in der Stadt“) hat er den Preis „Stu­dentski zbor“ erhalten, das zweite Werk Nekade nikade (1999, „Nir­gends nie­mals“) wurde mit dem Aco Kara­manov Preis prä­miert. Sein Werk ist in 12 Spra­chen über­setzt. Nikola Madžirov ist Her­aus­geber des lite­ra­ri­schen Online-Maga­zins Blesok (www.blesok.com.mk) und der maze­do­ni­sche Ver­ant­wort­liche für das inter­na­tio­nale Poesie-Portal Lyrik­line (www.lyrikline.org).

Zak­lučeni vo gradot (Ein­ge­schlossen in der Stadt). Magor. Skopje 1999.

Nekade nikade (Nir­gends nie­mals). Kara­manov Poetry Mee­tings. Rado­vish 1999.

Asfilt, no nebo (Asphalt oder Himmel). Templum. Skopje  2003.

Pre­mesten kamen (Der ver­setzte Fels). Magor. Skopje 2007.

www.eurozine.com/articles/2004–03-22-madzirov-de.html [Essay „Der Reiche, der Bettler und der Arme. Ein bal­ka­ni­scher Spa­ghetti-Wes­tern“ von Nikola Madžirov]

[Gedichte]