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Banat Gothic. Mrtvo polje und Espirando von Srđan Srdić

Posted on 12. September 2012 by Goran Lazičić
Der Roman "Mrtvo polje" und die Erzählsammlung "Espirando" von Srđan Srdić vereint Horror- und Roadmovie-Versatzstücke, Pop-Surrealismus, die Ästhetik des Hässlichen, mit Death Metal, Trash, postmoderner Absurdität und zuletzt mit dem Amselfeld, um im eigens geschaffenen Genre einer „Banat Gothic“ Serbien - alle narrativen Register ziehend - auseinanderzunehmen.

Kikinda als „kleine Abscheulichkeit“ , die Erkenntnis, dass „der Tod eine ernsthafte Institution“ ist und „verpflichtet“, Horror- und Roadmovie-Versatzstücke, Banat Gothic als Genre, Pop-Expressionismus und Pop-Surrealismus, postmoderne Absurdität, die Ästhetik des Hässlichen, Groteske und politischer Antikarneval, Underground, Trash Discographie und Videographie (Alternative Rock, Death Metal, Post-Metal; Bad Lieutenant, Eraserhead) und dazu die Schlacht auf dem Amselfeld... - wem all dies zusammengenommen auf den ersten Blick eine irrwitzige Kombination zu sein scheint, werfe einen Blick in den Roman Mrtvo polje und die Erzählsammlung Espirando von Srđan Srdić.
Srđan Srdić, 1977 in Kikinda geboren, in der Literaturszene bis dato vor allem als Intendant des Literaturfestivals Kikinda Short und als Autor weniger, dafür preisgekrönter Kurzgeschichten bekannt, brachte nun innerhalb von zwei Jahren seine ersten Bücher auf den serbischen Buchmarkt.
Die Handlung seines Debutromans Mrtvo polje (Totes Feld, erschienen bei Stubovi kulture, Belgrad 2010) fällt auf einen Augusttag (den Tag des Heiligen Ilija) im berüchtigten Jahr 1993, das zur Chiffre und zum Symbol des (selbstverschuldeten) Fehltritts und vermutlich tiefsten Fall der serbischen Gesellschaft in der Geschichte wurde. Das Titel-Syntagma „Totes Feld“, das einen umgangssprachlichen Ausdruck für jene Wiesen darstellt, auf denen verseuchtes Vieh verbrannt und anschließend verscharrt wird, formt aus der Schlacke der Geschichte retrospektiv eine schmerzhaft-suggestive Metapher für das, was von der serbischen Gesellschaft nach bzw. wegen 1993 noch übrig ist. Mrtvo polje liefert eine schwermütige, düstere und auch mahnende Geschichte, die - in dichtem, poetischen Stil verfasst - von der ‚tragischen’ und zufälligen Begegnung einer Handvoll Romanfiguren bei einem Verkehrsunfall auf einer Straße in der Vojvodina erzählt. Aus dem Schicksal zweier junger Männer, Paolos und Pablos, die aus Belgrad vor der Zwangsmobilisierung flüchten, und aus dem Schicksal Stelas, die der familiären und allgemeinen Perspektivlosigkeit in Kikinda durch den Umzug nach Belgrad entkommen will, modelliert Srdić die sozial und ökonomisch in sich zusammen gefallene serbische Gesellschaft zur Zeit der Kriege in Kroatien und Bosnien. Mit außerordentlicher sprachlicher Energie und erzählerischer Innovativität zwingt Srđan Srdić den Leser förmlich direkt ins Zentrum des „vampirischen“ Nationalismus und der Kriegshysterie eines vermeintlich „himmlischen Volkes“ . Am Ort des schrecklichen Unfalls, an dem auch Kinder auf dem Schulausflug ums Leben kamen, schlägt Zoran Čukić auf, eine ‚trocken’ realistische Figur (Stichwort hier: der aus Videospielen bekannte militärische Realismus), die gerade dadurch dämonische Züge trägt. Es ist die Rede von einem ehemaligen JNA-Offizier , den der Krieg „unendlich freut“ und der kurz zuvor erst aus dem Kampfgebiet zurückgekehrt ist. Čukićs Portrait steht genaugenommen für die Kehrseite und für die Funktionsmechanismen des serbischen (und nicht nur des serbischen) Nationalismus in den 1990ern.
Srdić hat eine passgenaue, hybride Erzählform für diesen Roman über eine Gesellschaft gefunden, die selbst (bedauerlicherweise heute noch) auf der Scheide zwischen Realem und Fantastischem steht. Sein Erzählen setzt sich aus einer upgrade-Version der narrativen Technik des Bewusstseinsstroms - ein ganzer Katalog an Stimmen, anderen auditiven Reizen und Sinneswahrnehmungen dringt im Roman zum (Unter-)Bewusstsein des Protagonisten vor - und unterschiedlichen intertextuellen Verweisen zusammen: außer Anspielungen und Zitaten sind dies parodistische Elemente und satirische Dekonstruktionen mehrerer literarischer und philosophischer Diskurse, literarischer Genres und kanonischer Werke der heimischen und der Weltliteratur, vor allem aber sind es – Musik und Film. Srdićs Roman ist ein ausgesprochen intermedialer, synkretistischer Text, ein einzigartiges polyphones Mosaik, das aus einer Vielzahl an ‚Sprachen’ und Stilen zusammengesetzt ist. (Mrtvo polje ist auf seine Weise ein stilistisch-narratives Gegenstück zu Arsenijevićs Roman U potpaljublju: beide Bücher sind Janusgesichter, sie entsprechen den zwei Seiten ein und derselben Medaille).
Sprache und Körper erhalten beide in Mrtvo polje privilegierten Status und werden mit dem (politisch) Bösen und dem Tod in Verbindung gebracht, deren Aspekte oder genauer gesagt Instrumente sie darstellen. Die Sprache als Produzent und Distributor des Bösen ist die Sprache des nationalistischen Diskurses, den Srdić, allen voran durch seinen Charakter Pablo, meisterhaft parodiert und entlarvt.
Das große Finale und zentrale Crescendo findet sich im Roman im Kapitel Obojena ptica (Der angemalte Vogel), in dem eine grotesk und anti-karnevalesk gestaltete Episode über brutale und blutige Ereignisse in der Dorfkneipe Kokotova kafana (die an Miodrag Bulatović erinnert) und die poetische Darstellung der Liebesnacht Stelas und Paolos, quasi als Gegengewicht („sie wuchsen über sich hinaus, aufgeblüht, vom Gewicht befreit und körperlos“) unmittelbar nebeneinander gestellt werden. Und dennoch wird sich herausstellen, dass Srdićs Roman keinen Trost und keine Ausfluchtmöglichkeiten parat hält, jedenfalls nicht für das Serbien der 90er Jahre.

So wie Mrtvo polje ein Roman-Poem darstellt, so enthält die ein Jahr später veröffentlichte Erzählungsammlung eben Erzähl-Poeme oder, wie der Autor selbst nahe legt, Lieder auf den Tod. Espirando (erschienen bei Stubovi kulture, Belgrad 2011), ein Begriff aus der Musik, der einen langsam absterbenden und verklingenden Ton bezeichnet, vereint neun Erzählungen im gemeinsamen Thema des Todes. Im Frühjahr diesen Jahres erhielt das Buch den Preis der Serbischen Buchgesellschaft „Biljana Jovanović“ und in Istrien den Preis „Edo Budiša“. Zwar lässt sich hervorheben, dass der Autor thematisch vom Tod eingenommen ist, allerdings muss man im selben Atemzug hinzufügen, dass der Tod bei Srdić in zwei sich wesentlich unterscheidenden Aspekten zur Sprache kommt, die dann auch noch in einer Vielzahl nuancierter Erscheinungsformen Funken schlagen. In Srdićs Erzählungen ist der Tod ein Signifikant, der zwischen dem genrespezifisch Konventionellen auf der einen Seite – Tod im Sinne eines ‚entleerten’, lediglich dekorativen und der Stimmung dienenden Elements (in Horror, Gothic, Metal Music...) – und auf der anderen Seite dem tatsächlich Bezeichneten – d.h. Tod im biologischen, auch im philosophischen und mitunter auch metaphysischen und ethischem Sinne – fluktuiert.
Die Helden und Antihelden aus Srdićs Erzählungen sind ein krebskranker Taxifahrer, der vor den Augen des Liebhabers seiner Frau Selbstmord begeht, ein gealteter wahnwitziger und egomanischer Literaturprofessor aus der Provinz, ein junger Mann, der im Totenhaus Zivildienst leistet und sich in eine todgeweihte Kranke verliebt, und ein Vater am Rande des Wahnsinns (oder der Genialität?), der einen Mann tötet, weil dieser seine Tochter in eine Drogenclique gebracht hat.
Die Erzählung „Igra na nesreću“ , in der traditionell-religiöse Vorstellungen vom Tod und vom Übergang „in jene Welt“ ebenso parodiert werden wie pop-kulturelle, liefert durch die Rekapitulation des Lebenswegs der Hauptfigur (eines Clowns) eine komprimierte, faktisch-konkretisierte und das Historische wiedergebende Geschichte der letzten serbischen zwanzig Jahre. Und doch bleibt die Erzählung dabei im Wesentlichen eine universale Allegorie voll archetypischer Konstellationen und Elemente: Sohn-Mutter, Vater-Sohn und eine mythopoetisch in ursprüngliche elementare Kräfte zerlegte Welt.
Srdićs ‚Jenseits’-Phantastik befindet sich, ganz wie die Figur des Zirkusclowns, irgendwo auf halben Weg zwischen fröhlich und gespenstisch. Die Erzählung „Eine Rose für Emilija“ stellt das ‚serbisierte’ (oder genauer: ‚banatisierte’) parodistische Remake einer der bekanntesten Erzählungen Faulkners dar (daher: Banat-Gothic): Emilija Gras ist die Tochter reicher, am Ende des Krieges von Partisanen getöteter Deutscher aus Kikinda, die die nachfolgenden fünfzig Jahre „als Erblast der Stadt“ zurückgezogen in einer versteckten Bude am Stadtrand lebt.
In der Erzählung „Zozorba“ geht Srdić mit seinem Experimentieren und Aufheben der Grenzen zwischen Dichtung und Prosa, bzw. zwischen Literatur, Musik und Film am weitesten. Der Autor selbst klassifiziert die Erzählung als „Soundscape Text“, der als „Prosareaktion“ auf die „epische Komposition“ der amerikanischen Post-Metal Band Old Man Gloom entstanden sei.
Die erste und letzte Erzählung der Sammlung „Mücken“ und „Slow divers“ lassen sich als versteckter, kontrastiv konzipierter Rahmen der Gesamtkomposition der Erzählsammlung begreifen. Auf der einen Seite finden wir ein türkisches Mittelklasse-Hotel, erschreckend banales Sozial-Kolorit (ein türkischer Ultranationalist und Vergewaltiger trägt ein Ratko Mladić-Shirt mit der Aufschrift Serbian Hero – das Geschenk eines serbischen ‚Kollegen’) und eine bizarre tagespolitische Verschwörung vor, auf der anderen Seite ein Luxushotel auf einer griechischen Insel als Kulisse für eine ekstatische (lesbische) Liebesgeschichte, in der sich Traum und Horror, Wirklichkeit und erotische Phantasie nicht auseinander halten lassen.
Srdićs narrative Register reichen, wie in Mrtvo polje, von mörderischer Satire bis zu ekstatischer Poetizität, von der Persiflage des wissenschaftlichen Traktats bis zur Technik des Bewusstseinsstroms und gänzlich gebrochener Syntax. Dem Autor von Espirando gelingt es, ein Gleichgewicht zwischen Konkret-Historischem (sowie Konkret-Geographischem) und dem Allgemeingültigen, poetisch Verabsolutierten herzustellen. Nur in wenigen, extremen Fällen fällt Srdić ein Stück weit in deklamatorische Verallgemeinerungen und pseudophilosophische Pathetik, die sich am ehesten mit den Texten der Metal Musik vergleichen lässt.
Der Autor von Mrtvo polje und Espirando ist eine willkommene neue Stimme in der serbischen Gegenwartsliteratur und meines Erachtens der talentierteste Schreiber, der nach der Generation aus der Anthologie von Saša Ilić „Pseći vek“ (erschienen bei Beopolis, Belgrad 2000), d.h. Schriftstellern wie Srđan V. Tešin, Uglješa Šajtinac, Nenad Jovanović, Borivoje Adašević, Mihajlo Spasojević and Saša Ilić selbst, auf der Bildfläche erschienen ist.

 

Übersetzt von Miranda Jakiša
Mrtvo polje, Stubovi kulture, Belgrad 2010
Espirando, Stubovi kulture, Belgrad 2011

Banat Gothic. Mrtvo polje und Espirando von Srđan Srdić - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Banat Gothic. Mrtvo polje und Espi­rando von Srđan Srdić

Kikinda als „kleine Abscheu­lich­keit“ [Kikinda: Klein­stadt in der Voj­vo­dina an der ser­bisch-rumä­ni­schen Grenze und Aus­tra­gungsort des gleich­na­migen Lite­ra­tur­fes­ti­vals; Anmer­kung der Redak­tion], die Erkenntnis, dass „der Tod eine ernst­hafte Insti­tu­tion“ ist und „ver­pflichtet“, Horror- und Road­movie-Ver­satz­stücke, Banat Gothic als Genre, Pop-Expres­sio­nismus und Pop-Sur­rea­lismus, post­mo­derne Absur­dität, die Ästhetik des Häss­li­chen, Gro­teske und poli­ti­scher Anti­kar­neval, Under­ground, Trash Dis­co­gra­phie und Video­gra­phie (Alter­na­tive Rock, Death Metal, Post-Metal; Bad Lieu­tenant, Era­ser­head) und dazu die Schlacht auf dem Amsel­feld… – wem all dies zusam­men­ge­nommen auf den ersten Blick eine irr­wit­zige Kom­bi­na­tion zu sein scheint, werfe einen Blick in den Roman Mrtvo polje und die Erzähl­samm­lung Espi­rando von Srđan Srdić.
Srđan Srdić, 1977 in Kikinda geboren, in der Lite­ra­tur­szene bis dato vor allem als Inten­dant des Lite­ra­tur­fes­ti­vals Kikinda Short und als Autor weniger, dafür preis­ge­krönter Kurz­ge­schichten bekannt, brachte nun inner­halb von zwei Jahren seine ersten Bücher auf den ser­bi­schen Buchmarkt.
Die Hand­lung seines Debut­ro­mans Mrtvo polje (Totes Feld, erschienen bei Stu­bovi kul­ture, Bel­grad 2010) fällt auf einen Augusttag (den Tag des Hei­ligen Ilija) im berüch­tigten Jahr 1993, das zur Chiffre und zum Symbol des (selbst­ver­schul­deten) Fehl­tritts und ver­mut­lich tiefsten Fall der ser­bi­schen Gesell­schaft in der Geschichte wurde. Das Titel-Syn­tagma „Totes Feld“, das einen umgangs­sprach­li­chen Aus­druck für jene Wiesen dar­stellt, auf denen ver­seuchtes Vieh ver­brannt und anschlie­ßend ver­scharrt wird, formt aus der Schlacke der Geschichte retro­spektiv eine schmerz­haft-sug­ges­tive Meta­pher für das, was von der ser­bi­schen Gesell­schaft nach bzw. wegen 1993 noch übrig ist. Mrtvo polje lie­fert eine schwer­mü­tige, düs­tere und auch mah­nende Geschichte, die – in dichtem, poe­ti­schen Stil ver­fasst – von der ‚tra­gi­schen’ und zufäl­ligen Begeg­nung einer Hand­voll Roman­fi­guren bei einem Ver­kehrs­un­fall auf einer Straße in der Voj­vo­dina erzählt. Aus dem Schicksal zweier junger Männer, Paolos und Pablos, die aus Bel­grad vor der Zwangs­mo­bi­li­sie­rung flüchten, und aus dem Schicksal Stelas, die der fami­liären und all­ge­meinen Per­spek­tiv­lo­sig­keit in Kikinda durch den Umzug nach Bel­grad ent­kommen will, model­liert Srdić die sozial und öko­no­misch in sich zusammen gefal­lene ser­bi­sche Gesell­schaft zur Zeit der Kriege in Kroa­tien und Bos­nien. Mit außer­or­dent­li­cher sprach­li­cher Energie und erzäh­le­ri­scher Inno­va­ti­vität zwingt Srđan Srdić den Leser förm­lich direkt ins Zen­trum des „vam­pi­ri­schen“ Natio­na­lismus und der Kriegs­hys­terie eines ver­meint­lich „himm­li­schen Volkes“ [nebeski narod: ein Aus­druck für die Son­der­rolle, die dem ser­bi­schen Volk in den Lie­dern des Kosovo-Mythos zuge­spro­chen wird; Anmer­kung der Redak­tion]. Am Ort des schreck­li­chen Unfalls, an dem auch Kinder auf dem Schul­aus­flug ums Leben kamen, schlägt Zoran Čukić auf, eine ‚tro­cken’ rea­lis­ti­sche Figur (Stich­wort hier: der aus Video­spielen bekannte mili­tä­ri­sche Rea­lismus), die gerade dadurch dämo­ni­sche Züge trägt. Es ist die Rede von einem ehe­ma­ligen JNA-Offi­zier [JNA: Abkür­zung für die Jugo­sla­wi­sche Volks­armee; Anmer­kung der Redak­tion], den der Krieg „unend­lich freut“ und der kurz zuvor erst aus dem Kampf­ge­biet zurück­ge­kehrt ist. Čukićs Por­trait steht genau­ge­nommen für die Kehr­seite und für die Funk­ti­ons­me­cha­nismen des ser­bi­schen (und nicht nur des ser­bi­schen) Natio­na­lismus in den 1990ern.
Srdić hat eine pass­ge­naue, hybride Erzähl­form für diesen Roman über eine Gesell­schaft gefunden, die selbst (bedau­er­li­cher­weise heute noch) auf der Scheide zwi­schen Realem und Fan­tas­ti­schem steht. Sein Erzählen setzt sich aus einer upgrade-Ver­sion der nar­ra­tiven Technik des Bewusst­seins­stroms – ein ganzer Katalog an Stimmen, anderen audi­tiven Reizen und Sin­nes­wahr­neh­mungen dringt im Roman zum (Unter-)Bewusstsein des Prot­ago­nisten vor – und unter­schied­li­chen inter­tex­tu­ellen Ver­weisen zusammen: außer Anspie­lungen und Zitaten sind dies par­odis­ti­sche Ele­mente und sati­ri­sche Dekon­struk­tionen meh­rerer lite­ra­ri­scher und phi­lo­so­phi­scher Dis­kurse, lite­ra­ri­scher Genres und kano­ni­scher Werke der hei­mi­schen und der Welt­li­te­ratur, vor allem aber sind es – Musik und Film. Srdićs Roman ist ein aus­ge­spro­chen inter­me­dialer, syn­kre­tis­ti­scher Text, ein ein­zig­ar­tiges poly­phones Mosaik, das aus einer Viel­zahl an ‚Spra­chen’ und Stilen zusam­men­ge­setzt ist. (Mrtvo polje ist auf seine Weise ein sti­lis­tisch-nar­ra­tives Gegen­stück zu Arse­ni­je­vićs Roman U pot­pal­jublju: beide Bücher sind Janus­ge­sichter, sie ent­spre­chen den zwei Seiten ein und der­selben Medaille).
Sprache und Körper erhalten beide in Mrtvo polje pri­vi­le­gierten Status und werden mit dem (poli­tisch) Bösen und dem Tod in Ver­bin­dung gebracht, deren Aspekte oder genauer gesagt Instru­mente sie dar­stellen. Die Sprache als Pro­du­zent und Dis­tri­butor des Bösen ist die Sprache des natio­na­lis­ti­schen Dis­kurses, den Srdić, allen voran durch seinen Cha­rakter Pablo, meis­ter­haft par­odiert und entlarvt.
Das große Finale und zen­trale Cre­scendo findet sich im Roman im Kapitel Obo­jena ptica (Der ange­malte Vogel), in dem eine gro­tesk und anti-kar­ne­valesk gestal­tete Epi­sode über bru­tale und blu­tige Ereig­nisse in der Dorf­kneipe Koko­tova kafana (die an Miodrag Bula­tović erin­nert) und die poe­ti­sche Dar­stel­lung der Lie­bes­nacht Stelas und Paolos, quasi als Gegen­ge­wicht („sie wuchsen über sich hinaus, auf­ge­blüht, vom Gewicht befreit und kör­perlos“) unmit­telbar neben­ein­ander gestellt werden. Und den­noch wird sich her­aus­stellen, dass Srdićs Roman keinen Trost und keine Aus­flucht­mög­lich­keiten parat hält, jeden­falls nicht für das Ser­bien der 90er Jahre.

So wie Mrtvo polje ein Roman-Poem dar­stellt, so ent­hält die ein Jahr später ver­öf­fent­lichte Erzäh­lung­samm­lung eben Erzähl-Poeme oder, wie der Autor selbst nahe legt, Lieder auf den Tod. Espi­rando (erschienen bei Stu­bovi kul­ture, Bel­grad 2011), ein Begriff aus der Musik, der einen langsam abster­benden und ver­klin­genden Ton bezeichnet, ver­eint neun Erzäh­lungen im gemein­samen Thema des Todes. Im Früh­jahr diesen Jahres erhielt das Buch den Preis der Ser­bi­schen Buch­ge­sell­schaft „Bil­jana Jova­nović“ und in Istrien den Preis „Edo Budiša“. Zwar lässt sich her­vor­heben, dass der Autor the­ma­tisch vom Tod ein­ge­nommen ist, aller­dings muss man im selben Atemzug hin­zu­fügen, dass der Tod bei Srdić in zwei sich wesent­lich unter­schei­denden Aspekten zur Sprache kommt, die dann auch noch in einer Viel­zahl nuan­cierter Erschei­nungs­formen Funken schlagen. In Srdićs Erzäh­lungen ist der Tod ein Signi­fi­kant, der zwi­schen dem gen­re­spe­zi­fisch Kon­ven­tio­nellen auf der einen Seite – Tod im Sinne eines ‚ent­leerten’, ledig­lich deko­ra­tiven und der Stim­mung die­nenden Ele­ments (in Horror, Gothic, Metal Music…) – und auf der anderen Seite dem tat­säch­lich Bezeich­neten – d.h. Tod im bio­lo­gi­schen, auch im phi­lo­so­phi­schen und mit­unter auch meta­phy­si­schen und ethi­schem Sinne – fluktuiert.
Die Helden und Anti­helden aus Srdićs Erzäh­lungen sind ein krebs­kranker Taxi­fahrer, der vor den Augen des Lieb­ha­bers seiner Frau Selbst­mord begeht, ein geal­teter wahn­wit­ziger und ego­ma­ni­scher Lite­ra­tur­pro­fessor aus der Pro­vinz, ein junger Mann, der im Toten­haus Zivil­dienst leistet und sich in eine tod­ge­weihte Kranke ver­liebt, und ein Vater am Rande des Wahn­sinns (oder der Genia­lität?), der einen Mann tötet, weil dieser seine Tochter in eine Dro­gen­clique gebracht hat.
Die Erzäh­lung „Igra na nes­reću“ [schwer über­trag­bares Wort­spiel: „Spiel auf gut Unglück“], in der tra­di­tio­nell-reli­giöse Vor­stel­lungen vom Tod und vom Über­gang „in jene Welt“ ebenso par­odiert werden wie pop-kul­tu­relle, lie­fert durch die Reka­pi­tu­la­tion des Lebens­wegs der Haupt­figur (eines Clowns) eine kom­pri­mierte, fak­tisch-kon­kre­ti­sierte und das His­to­ri­sche wie­der­ge­bende Geschichte der letzten ser­bi­schen zwanzig Jahre. Und doch bleibt die Erzäh­lung dabei im Wesent­li­chen eine uni­ver­sale Alle­gorie voll arche­ty­pi­scher Kon­stel­la­tionen und Ele­mente: Sohn-Mutter, Vater-Sohn und eine mytho­poe­tisch in ursprüng­liche ele­men­tare Kräfte zer­legte Welt.
Srdićs ‚Jenseits’-Phantastik befindet sich, ganz wie die Figur des Zir­kus­clowns, irgendwo auf halben Weg zwi­schen fröh­lich und gespens­tisch. Die Erzäh­lung „Eine Rose für Emi­lija“ stellt das ‚ser­bi­sierte’ (oder genauer: ‚bana­ti­sierte’) par­odis­ti­sche Remake einer der bekann­testen Erzäh­lungen Faul­k­ners dar (daher: Banat-Gothic): Emi­lija Gras ist die Tochter rei­cher, am Ende des Krieges von Par­ti­sanen getö­teter Deut­scher aus Kikinda, die die nach­fol­genden fünfzig Jahre „als Erb­last der Stadt“ zurück­ge­zogen in einer ver­steckten Bude am Stadt­rand lebt.
In der Erzäh­lung „Zozorba“ geht Srdić mit seinem Expe­ri­men­tieren und Auf­heben der Grenzen zwi­schen Dich­tung und Prosa, bzw. zwi­schen Lite­ratur, Musik und Film am wei­testen. Der Autor selbst klas­si­fi­ziert die Erzäh­lung als „Sound­scape Text“, der als „Prosare­ak­tion“ auf die „epi­sche Kom­po­si­tion“ der ame­ri­ka­ni­schen Post-Metal Band Old Man Gloom ent­standen sei.
Die erste und letzte Erzäh­lung der Samm­lung „Mücken“ und „Slow divers“ lassen sich als ver­steckter, kon­trastiv kon­zi­pierter Rahmen der Gesamt­kom­po­si­tion der Erzähl­samm­lung begreifen. Auf der einen Seite finden wir ein tür­ki­sches Mit­tel­klasse-Hotel, erschre­ckend banales Sozial-Kolorit (ein tür­ki­scher Ultra­na­tio­na­list und Ver­ge­wal­tiger trägt ein Ratko Mladić-Shirt mit der Auf­schrift Ser­bian Hero – das Geschenk eines ser­bi­schen ‚Kol­legen’) und eine bizarre tages­po­li­ti­sche Ver­schwö­rung vor, auf der anderen Seite ein Luxus­hotel auf einer grie­chi­schen Insel als Kulisse für eine eksta­ti­sche (les­bi­sche) Lie­bes­ge­schichte, in der sich Traum und Horror, Wirk­lich­keit und ero­ti­sche Phan­tasie nicht aus­ein­ander halten lassen.
Srdićs nar­ra­tive Register rei­chen, wie in Mrtvo polje, von mör­de­ri­scher Satire bis zu eksta­ti­scher Poe­ti­zität, von der Per­si­flage des wis­sen­schaft­li­chen Trak­tats bis zur Technik des Bewusst­seins­stroms und gänz­lich gebro­chener Syntax. Dem Autor von Espi­rando gelingt es, ein Gleich­ge­wicht zwi­schen Kon­kret-His­to­ri­schem (sowie Kon­kret-Geo­gra­phi­schem) und dem All­ge­mein­gül­tigen, poe­tisch Ver­ab­so­lu­tierten her­zu­stellen. Nur in wenigen, extremen Fällen fällt Srdić ein Stück weit in dekla­ma­to­ri­sche Ver­all­ge­mei­ne­rungen und pseu­do­phi­lo­so­phi­sche Pathetik, die sich am ehesten mit den Texten der Metal Musik ver­glei­chen lässt.
Der Autor von Mrtvo polje und Espi­rando ist eine will­kom­mene neue Stimme in der ser­bi­schen Gegen­warts­li­te­ratur und meines Erach­tens der talen­tier­teste Schreiber, der nach der Gene­ra­tion aus der Antho­logie von Saša Ilić „Pseći vek“ (erschienen bei Beo­polis, Bel­grad 2000), d.h. Schrift­stel­lern wie Srđan V. Tešin, Ugl­ješa Šaj­tinac, Nenad Jova­nović, Bori­voje Adašević, Mihajlo Spa­so­jević and Saša Ilić selbst, auf der Bild­fläche erschienen ist.

 

Über­setzt von Miranda Jakiša
Mrtvo polje, Stu­bovi kul­ture, Bel­grad 2010
Espi­rando, Stu­bovi kul­ture, Bel­grad 2011