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Kaukasische Dystopie als Warnung

Posted on 13. Dezember 2014 by Maria Leskova
„Mein Buch ist gar nicht so fantastisch, wie es zuerst vorkommen mag: Das alles kann eigentlich jeden Tag wahr werden“, kommentiert die russische Schriftstellerin Alissa Ganijewa ihren ersten Roman, der Anfang dieses Jahres auch auf Deutsch erschienen ist. Die bisher vor allem als Literaturkritikerin bekannte junge Autorin beschreibt den Alltag im umstrittensten Teil Russlands – Dagestan – und präsentiert ein Szenario möglicher Konsequenzen des Extremismus und der Zerspaltung.

„Mein Buch ist gar nicht so fantastisch, wie es zuerst vorkommen mag: Das alles kann eigentlich jeden Tag wahr werden“, kommentiert die russische Schriftstellerin Alissa Ganijewa ihren ersten Roman, der Anfang dieses Jahres auch auf Deutsch erschienen ist. Die bisher vor allem als Literaturkritikerin bekannte junge Autorin beschreibt den Alltag im umstrittensten Teil Russlands – Dagestan – und präsentiert ein Szenario möglicher Konsequenzen des Extremismus und der Zerspaltung.

 

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Seit der ersten Veröffentlichung im Jahr 2012 sorgt Alissa Ganijewas Romandebüt Die russische Mauer (Orig.: Prazdničnaja gora) in Russland für Debatten und Kritik unterschiedlicher Art: Einige reden von einem Durchbruch in Ganijewas Karriere, die anderen betrachten das Buch der in Dagestan aufgewachsenen und heute in Moskau lebenden Autorin als Verrat und Verspottung ihrer Heimat. Der Grund dafür ist vor allem die kontroverse und, einigen Meinungen nach, geradezu abfällige Darstellung des heutigen Dagestan und seiner Bevölkerung.

 

Ganijewa ist weder die erste noch die einzige russischsprachige Autorin, die sich mit dem Kaukasusthema beschäftigt. Viel Aufmerksamkeit bekamen im letzten Jahrzehntentweder kriegsbezogene, oft autobiographische Erfahrungsberichte (z.B. von Zakhar Prilepin, Arkadi Babtschenko, Polina Scherebtsowa) oder Versuche, den Kriegsterror und seine Gründe von innen heraus zu begreifen (German Sadulajew, Marina Achmedowa). Ein persönliches Verhältnis zum Thema bzw. eine Ich-Erzähler-Perspektive verbindet die Texte dieser Autoren.

 

Ganijewa dagegen verzichtet auf einen (auto-)biographischen Bezug und den Kriegsaspekt. Stattdessen erschafft sie eine objektiv wirkende, detaillierte fiktionale Schilderung der aktuellen dagestanischen Realität, die sich zu einer dystopischen und düsteren Fantasie über den Untergang des von innen zerrissenen Landes entfaltet. Trotzdem wirkt das Buch nicht weniger persönlich und aktuell. Immerhin scheint es der Autorin bei dieser „Was-wäre-wenn“-Geschichte vor allem darum zu gehen, die dunklen Seiten und die sozialen Spannungen in ihrer Heimat ans Licht zu bringen und auf die potenzielle Gefahr aufmerksam zu machen. Und wenn man offen und mutig genug ist, kann man einiges aus der Geschichte auch in anderen Ländern und Kulturen wiedererkennen.

 

Die fiktive Handlungslinie des Romans stützt sich auf das Gerücht über eine Mauer, die von den Russen gebaut wird, um sich vom Kaukasus abzutrennen. Das Gerücht erweist sich jedoch als schockierende Wahrheit, die einige tragische Ereignisse zur Folge hat. Aber bevor es dazu kommt, lernt man eine ganze Reihe an Protagonisten und Nebenfiguren kennen, die kurze Zeit vor der plötzlichen Katastrophe ihren gewohnten Alltag durchleben. Zahlreiche Fragmente dieses Alltags erweisen sich als (eher willkürlich) mit der Geschichte von Schamil, einem jungen Reporter, verbunden.

 

Schon auf der ersten Seite beginnt eine Tourganijewa_russische_mauer_cover_russ durch dagestanische Haushalte, Straßen, Büros und Klubs. Man entdeckt das Land mit verschiedenen Sprachen, miteinander konkurrierenden ethnischen Identitäten und politischen Einstellungen. Aufrufe zur Autonomie und Unabhängigkeit stehen den prorussischen Gegenargumenten gegenüber, Konfessionen und islamische Gruppierungen streiten um Glauben und Brauchtum. Rigorose islamische Beschränkungen und jahrhundertealte Traditionen befinden sich in einer bizarren Koexistenz mit modernen westlichen Sitten, Korruption und Popkultur. Die plötzliche Erlösung von der russischen Kontrolle durch die Mauer verschärft die Auseinandersetzungen und das Chaos.

 

Die Mosaikstruktur des Romans erinnert eher an ethnografische Fernsehdokumentationen: Dialoge und Szenen wechseln sich ab mit historischen und landeskundlichen Auskünften, eine differenzierte Charakterstudie ist hier nicht zu finden, dafür eher eine Galerie von anschaulichen Portraits, die für verschiedene Klassen und Schichten der dagestanischen Gesellschaft stehen.

 

Dabei legt Ganijewa viel Wert darauf, die Sprache und die Dialoge der Protagonisten möglichst authentisch wiederzugeben: häufige Kolloquialismen, islamische Begriffe und dagestanische Wörter tragen zum Kolorit und zur Begegnung mit der fremden Kultur bei. Das Experimentieren der Autorin mit verschiedenen literarischen Stilen und Formen (von Folklore über Puškins Balladen bis hin zum Sozrealismus) dagegen ist zwar beeindruckend und gekonnt, wirkt aber stellenweise auch überstrapaziert und gewollt.

 

Nach und nach entsteht aus diesem bunten und vielstimmigen Puzzle das Bild einer kleinen Welt, die dermaßen gespalten und widersprüchlich ist, dass sie sich nicht mehr wehren kann, wenn es nötig wird. In der zweiten Hälfte des Romans, in der diese Welt geradezu apokalyptische Züge erhält, wird Dagestan von den Radikalislamisten erobert und zerstört. Das wohl Beeindruckendste am Roman ist – abgesehen von seinem ethnographischen Wert –die beängstigende Beschreibung des Zerfalls eines Landes unter einem fanatischen Regime: Entsetzen, Angst und Wut macht Freunde, Nachbarn und friedliche Bürger zu Feinden und Mördern in der eigenen Heimat. Und gerade wenn man sich vormachen möchte, dies alles sei bloß eine surreale Fiktion über eine ferne exotische Region, hört man Berichte über Flüchtlinge aus Syrien, über nationalistische Stimmungen in Russland und anderen Ländern oder darüber, dass immer mehr ausländische Rekruten ISIS im Irak beitreten. Spätestens hier werden die dystopischen Bilder aus dem Roman in den aktuellen Nachrichten und Reportagen erkennbar. Ganijewa warnt: Eine Gesellschaft, die mit ihrer Verschiedenartigkeit und Komplexität nicht tolerant umgehen kann bzw. will, kann nicht gut enden. Die fiktive Mauer zeigt, was passieren könnte, wenn so eine Gesellschaft plötzlich auf sich allein gestellt wird.

 

Im Endeffekt dient die Mauer im Roman als Prüfstein sowohl für die veralteten sozialen Normen und strengen religiösen Vorschriften als auch für die Verkommenheit und Liederlichkeit der Gesellschaft. In diesem Sinne scheint die deutsche Übersetzung des Titels gut zu passen, gibt aber nicht die bittere Ironie der Originalversion wieder. Prazdničnaja gora heißt wörtlich „Berg der Feste“ und bezieht sich auf die verloren gehende Vorstellung von einem stolzen, schönen und starken Land.

 

Ganijewa, Alissa: Die russische Mauer. Aus dem Russischen von Christiane Körner. Berlin: Suhrkamp, 2014.
Ganijewa, Alissa: Prazdničnaja gora. Moskau: Astrel, 2012.

 

Weiterführende Links:
Über Alissa Ganijewa beim Ö1-Morgenjournal (ORF)
Interview mit Alissa Ganijewa (auf Russisch)
Alissa Ganijewas Blog (auf Russisch)

Kaukasische Dystopie als Warnung - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Kau­ka­si­sche Dys­topie als Warnung

„Mein Buch ist gar nicht so fan­tas­tisch, wie es zuerst vor­kommen mag: Das alles kann eigent­lich jeden Tag wahr werden“, kom­men­tiert die rus­si­sche Schrift­stel­lerin Alissa Gani­jewa ihren ersten Roman, der Anfang dieses Jahres auch auf Deutsch erschienen ist. Die bisher vor allem als Lite­ra­tur­kri­ti­kerin bekannte junge Autorin beschreibt den Alltag im umstrit­tensten Teil Russ­lands – Dage­stan – und prä­sen­tiert ein Sze­nario mög­li­cher Kon­se­quenzen des Extre­mismus und der Zerspaltung.

 

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Seit der ersten Ver­öf­fent­li­chung im Jahr 2012 sorgt Alissa Gani­jewas Roman­debüt Die rus­si­sche Mauer (Orig.: Prazdničnaja gora) in Russ­land für Debatten und Kritik unter­schied­li­cher Art: Einige reden von einem Durch­bruch in Gani­jewas Kar­riere, die anderen betrachten das Buch der in Dage­stan auf­ge­wach­senen und heute in Moskau lebenden Autorin als Verrat und Ver­spot­tung ihrer Heimat. Der Grund dafür ist vor allem die kon­tro­verse und, einigen Mei­nungen nach, gera­dezu abfäl­lige Dar­stel­lung des heu­tigen Dage­stan und seiner Bevölkerung.

 

Gani­jewa ist weder die erste noch die ein­zige rus­sisch­spra­chige Autorin, die sich mit dem Kau­ka­sus­thema beschäf­tigt. Viel Auf­merk­sam­keit bekamen im letzten Jahr­zehnt­ent­weder kriegs­be­zo­gene, oft auto­bio­gra­phi­sche Erfah­rungs­be­richte (z.B. von Zakhar Pril­epin, Arkadi Babt­schenko, Polina Scher­ebt­sowa) oder Ver­suche, den Kriegs­terror und seine Gründe von innen heraus zu begreifen (German Sadu­lajew, Marina Ach­me­dowa). Ein per­sön­li­ches Ver­hältnis zum Thema bzw. eine Ich-Erzähler-Per­spek­tive ver­bindet die Texte dieser Autoren.

 

Gani­jewa dagegen ver­zichtet auf einen (auto-)biographischen Bezug und den Kriegs­aspekt. Statt­dessen erschafft sie eine objektiv wir­kende, detail­lierte fik­tio­nale Schil­de­rung der aktu­ellen dage­sta­ni­schen Rea­lität, die sich zu einer dys­to­pi­schen und düs­teren Fan­tasie über den Unter­gang des von innen zer­ris­senen Landes ent­faltet. Trotzdem wirkt das Buch nicht weniger per­sön­lich und aktuell. Immerhin scheint es der Autorin bei dieser „Was-wäre-wenn“-Geschichte vor allem darum zu gehen, die dunklen Seiten und die sozialen Span­nungen in ihrer Heimat ans Licht zu bringen und auf die poten­zi­elle Gefahr auf­merksam zu machen. Und wenn man offen und mutig genug ist, kann man einiges aus der Geschichte auch in anderen Län­dern und Kul­turen wiedererkennen.

 

Die fik­tive Hand­lungs­linie des Romans stützt sich auf das Gerücht über eine Mauer, die von den Russen gebaut wird, um sich vom Kau­kasus abzu­trennen. Das Gerücht erweist sich jedoch als scho­ckie­rende Wahr­heit, die einige tra­gi­sche Ereig­nisse zur Folge hat. Aber bevor es dazu kommt, lernt man eine ganze Reihe an Prot­ago­nisten und Neben­fi­guren kennen, die kurze Zeit vor der plötz­li­chen Kata­strophe ihren gewohnten Alltag durch­leben. Zahl­reiche Frag­mente dieses All­tags erweisen sich als (eher will­kür­lich) mit der Geschichte von Schamil, einem jungen Reporter, verbunden.

 

Schon auf der ersten Seite beginnt eine Tourganijewa_russische_mauer_cover_russ durch dage­sta­ni­sche Haus­halte, Straßen, Büros und Klubs. Man ent­deckt das Land mit ver­schie­denen Spra­chen, mit­ein­ander kon­kur­rie­renden eth­ni­schen Iden­ti­täten und poli­ti­schen Ein­stel­lungen. Auf­rufe zur Auto­nomie und Unab­hän­gig­keit stehen den pro­rus­si­schen Gegen­ar­gu­menten gegen­über, Kon­fes­sionen und isla­mi­sche Grup­pie­rungen streiten um Glauben und Brauchtum. Rigo­rose isla­mi­sche Beschrän­kungen und jahr­hun­der­te­alte Tra­di­tionen befinden sich in einer bizarren Koexis­tenz mit modernen west­li­chen Sitten, Kor­rup­tion und Pop­kultur. Die plötz­liche Erlö­sung von der rus­si­schen Kon­trolle durch die Mauer ver­schärft die Aus­ein­an­der­set­zungen und das Chaos.

 

Die Mosa­ik­struktur des Romans erin­nert eher an eth­no­gra­fi­sche Fern­seh­do­ku­men­ta­tionen: Dia­loge und Szenen wech­seln sich ab mit his­to­ri­schen und lan­des­kund­li­chen Aus­künften, eine dif­fe­ren­zierte Cha­rak­ter­studie ist hier nicht zu finden, dafür eher eine Galerie von anschau­li­chen Por­traits, die für ver­schie­dene Klassen und Schichten der dage­sta­ni­schen Gesell­schaft stehen.

 

Dabei legt Gani­jewa viel Wert darauf, die Sprache und die Dia­loge der Prot­ago­nisten mög­lichst authen­tisch wie­der­zu­geben: häu­fige Kol­lo­quia­lismen, isla­mi­sche Begriffe und dage­sta­ni­sche Wörter tragen zum Kolorit und zur Begeg­nung mit der fremden Kultur bei. Das Expe­ri­men­tieren der Autorin mit ver­schie­denen lite­ra­ri­schen Stilen und Formen (von Folk­lore über Puškins Bal­laden bis hin zum Soz­rea­lismus) dagegen ist zwar beein­dru­ckend und gekonnt, wirkt aber stel­len­weise auch über­stra­pa­ziert und gewollt.

 

Nach und nach ent­steht aus diesem bunten und viel­stim­migen Puzzle das Bild einer kleinen Welt, die der­maßen gespalten und wider­sprüch­lich ist, dass sie sich nicht mehr wehren kann, wenn es nötig wird. In der zweiten Hälfte des Romans, in der diese Welt gera­dezu apo­ka­lyp­ti­sche Züge erhält, wird Dage­stan von den Radi­kal­is­la­misten erobert und zer­stört. Das wohl Beein­dru­ckendste am Roman ist – abge­sehen von seinem eth­no­gra­phi­schen Wert –die beängs­ti­gende Beschrei­bung des Zer­falls eines Landes unter einem fana­ti­schen Regime: Ent­setzen, Angst und Wut macht Freunde, Nach­barn und fried­liche Bürger zu Feinden und Mör­dern in der eigenen Heimat. Und gerade wenn man sich vor­ma­chen möchte, dies alles sei bloß eine sur­reale Fik­tion über eine ferne exo­ti­sche Region, hört man Berichte über Flücht­linge aus Syrien, über natio­na­lis­ti­sche Stim­mungen in Russ­land und anderen Län­dern oder dar­über, dass immer mehr aus­län­di­sche Rekruten ISIS im Irak bei­treten. Spä­tes­tens hier werden die dys­to­pi­schen Bilder aus dem Roman in den aktu­ellen Nach­richten und Repor­tagen erkennbar. Gani­jewa warnt: Eine Gesell­schaft, die mit ihrer Ver­schie­den­ar­tig­keit und Kom­ple­xität nicht tole­rant umgehen kann bzw. will, kann nicht gut enden. Die fik­tive Mauer zeigt, was pas­sieren könnte, wenn so eine Gesell­schaft plötz­lich auf sich allein gestellt wird.

 

Im End­ef­fekt dient die Mauer im Roman als Prüf­stein sowohl für die ver­al­teten sozialen Normen und strengen reli­giösen Vor­schriften als auch für die Ver­kom­men­heit und Lie­der­lich­keit der Gesell­schaft. In diesem Sinne scheint die deut­sche Über­set­zung des Titels gut zu passen, gibt aber nicht die bit­tere Ironie der Ori­gi­nal­ver­sion wieder. Prazdničnaja gora heißt wört­lich „Berg der Feste“ und bezieht sich auf die ver­loren gehende Vor­stel­lung von einem stolzen, schönen und starken Land.

 

Gani­jewa, Alissa: Die rus­si­sche Mauer. Aus dem Rus­si­schen von Chris­tiane Körner. Berlin: Suhr­kamp, 2014.
Gani­jewa, Alissa: Prazdničnaja gora. Moskau: Astrel, 2012.

 

Wei­ter­füh­rende Links:
Über Alissa Gani­jewa beim Ö1-Mor­gen­journal (ORF)
Inter­view mit Alissa Gani­jewa (auf Russisch)
Alissa Gani­jewas Blog (auf Russisch)