Made in EU: Arbeit bis zum Umfallen

Die Näherinnen einer bulgarischen Textilfabrik können es sich nicht leisten, krank zu werden. Wenn sie einen Tag lang fehlen, wird ihr Monatsgehalt halbiert. Und dann bricht die Coronapandemie aus. Regisseur Stephan Komandarev porträtiert Abgründe europäischer Ungleichheit.

 

Eigentlich hat Iva (Gergana Pletynova) nur getan, was alle tun. Sich trotz Krankheit frühmorgens in den Bus quälen, der sie die kurvige Bergstraße hoch zur Fabrik bringt; ihre Symptome durch Schmerztabletten unterdrücken, um die Produktionsquote einzuhalten. Bis sie ohnmächtig umkippt. Im Krankenhaus wird Iva als erste in ihrer Stadt positiv auf Corona getestet. Als der lokale Nachrichtensender sie als „Patient 0“ diffamiert, wendet sich fast die ganze Stadt gegen sie. Iva und ihr Sohn Misho (Todor Kotsev) werden immer stärker aus der Gemeinschaft verstoßen, bis es sogar zu Gewalt kommt. Einzig Doktor Rusev (Ivaylo Hristov) steht ihnen bei. Er erkennt etwa, dass der italienische Fabrikbesitzer Mr. Mancini kürzlich die Corona-Hochburg Bergamo besucht hatte. Iva hingegen hat sich seit Jahren keinen Urlaub mehr leisten können.

 

Made in EU zu schauen, ist an vielen Stellen frustrierend. „Ihr habt doch auch ständig krank gearbeitet!“ –  möchte man den anderen Näherinnen, die Iva stigmatisieren, entgegenschreien.  Doch die Bewohner*innen sind abhängig von Mr. Mancini, der der Stadt unzählige Jobs verschafft hat. Es ist einfacher, einen Sündenbock zu suchen, als sich mit der eigenen Notlage auseinanderzusetzen. Schön ist, dass der Film dabei nicht in ein Schwarz-Weiß-Denken abrutscht, sondern komplexe Menschen zeigt, die gleichzeitig Täter und Opfer werden. Besonders hervorzuheben ist hier der Fabrikvorsteher (Gerasim Georgiev). Einerseits triezt er ständig die Näherinnen und überlässt Iva gnadenlos ihrem Schicksal. Andererseits steckt dahinter seine Angst, seine Arbeit zu verlieren und wieder in der Mine arbeiten zu müssen, in der er einen traumatischen Unfall miterleben musste. Auch er ist abhängig von Mr. Mancini.

 

 

Die Kamera hat einen starken Anteil an der Erzählung. Zunächst blicken wir durch mehrere Überwachungskameras in die Fabrik. Die Näherinnen sitzen zusammengepfercht im grellen Licht, die Körper reduziert auf ihre Arbeitskraft. Dann eine Nahaufnahme: Das Label „Made in EU“ wird auf ein Kleidungsetikett genäht. Später, als Iva ohnmächtig wird, verrutscht ihr die Naht beim gleichen Etikett. Ein erster Bruch im säuberlich aufgebauten Image der EU-Produktionen. Der erste Blick auf die Hauptfigur ist derweil ein medizinisch-diagnostischer. Iva steht in einem Behandlungszimmer, blickt oberkörperfrei auf eine Metallmaschine. Wir sehen bloß ihren Rücken, auf den der Scanner ein Kreuz wirft. Schon in den ersten Momenten des Films wird Iva so zur Zielscheibe.

 

„Gleiche Rechte, Solidarität, ein vereintes Europa… Ich habe sofort gefühlt, dass es da eine Wand gab. Das Europa, von dem wir geträumt haben, existiert nicht“, berichtet Doktor Rusev von seinem Aufenthalt in Deutschland. Er will Ivas Sohn davon überzeugen, dass Auswandern seine Probleme nicht schlagartig verschwinden lässt. Während des Gesprächs stehen sie auf einem Balkon, sind für die Zuschauer*innen teils nur durch die Spiegelung in der Balkontür sichtbar. Immer wieder wird ihre Sicht durch Türrahmen begrenzt, sie bleiben auf der Schwelle stehen. Die Wand, von der Doktor Rusev spricht, funktioniert nun andersherum. Der Film erlaubt einen Einblick in intime Gedanken und Räume, lässt die Zuschauer*innen jedoch niemals ganz eintreten. Die europäischen Mauern sind noch lange nicht eingebrochen.

 

 

Weitaus weniger subtil als die ästhetische ist die politische Dimension des Films, die von vielen Charakteren direkt angesprochen, oder durch prominent platzierte Europaflaggen klar kommuniziert wird. Der Film versteckt seine Intention nicht, die ausbeuterischen Strukturen offenzulegen und zu kritisieren. Der Preis dafür ist, dass sich eine gewisse Vorhersehbarkeit einstellt, nur wenig Zeit für die Charakterentwicklung bleibt. So ahnt man bereits zu Beginn, dass Ivas Handyaufnahmen einmal einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, und auch die plötzliche Lösung des Konflikts zum Ende des Films hin wirkt etwas übereilt.

 

Made in EU ist bereits der dreizehnte Film von Stephan Komandarev, der nach Oscar-Einreichungen wie Blagas Lessons (Urozite na Blaga, 2023) und The World is Big and Salvation Lurks Around the Corner (Svetat e golyam i spasenie debne otvsyakade, 2008) zu einer festen Größe des bulgarischen Kinos gehört. Wie ein Mitarbeiter einer am Dreh beteiligten Leipziger Produktionsfirma im Rahmen eines Q&A beim Filmfestival in Cottbus erzählt, hatten Komandarev und sein Drehbuchautor Simeon Ventsislavov das Thema der Textilindustrie schon länger im Auge. Dann kam es im März 2020 in der Stadt Pleven im Norden Bulgariens zu einem Covid-19-Ausbruch in einer Bekleidungsfabrik, der zur Vorlage für Made in EU werden sollte. Lange genug ist bekannt, dass die Bekleidungsindustrie, eine der größten Arbeitgeber und Exporteure Bulgariens, ihre Arbeiter*innen systematisch ausbeutet. Nicht umsonst wird das Land auch als der „Sweatshop Europas“ bezeichnet. Monatslöhne liegen Recherchen der Clean Clothes Campaign zufolge zwischen 129 und 340 Euro – bei Arbeitswochen, die bis zu 75 Stunden umfassen.

 

Wenig überraschend, dass der Film ausgerechnet am 19. Februar, also pünktlich zum Welttag der sozialen Gerechtigkeit, in die deutschen Kinos kam. Seine eindrücklichen Darstellungen der prekären Lebensbedingungen bulgarischer Näher*innen, die durchweg überzeugenden Schauspielleistungen sowie die interessante Komposition der Bilder dürften dabei dazu beitragen, dass er seine Wirkung nicht verfehlt.

 

 

Komandarev, Stephan: Made in EU. Bulgarien, 2025, 102 Minuten.

Quelle der Filmstills im Beitrag und des Plakats (links): https://jip-film.de/made-in-eu/

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