Dieser Text wurde am 28. November 2011 auf dem novinki-Blog veröffentlicht. Nach Gründung von novinki.de 2006 kam der novinki-Blog ab 2010 hinzu. Im 15. ‚Lebensjahr‘ von novinki veröffentlichen wir im Rahmen der Lesereihe REWIND – 15 Jahre novinki ehemalige Blog-Texte aus den 2010er Jahren in überarbeiteter Form. Der Blog ist seit 2019 eingestellt. Diese Texte aus den Anfangsjahren dokumentieren als Artefakte die Entwicklung der Plattform, Zeitschrift und Redaktion novinki.de – Neuerscheinungen aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa.Kommentar:
Marina Abramović ist Kult. Sie gehört zu den bekanntesten Künstler_innen der Welt, ihre Performances sind eindringlich, radikal, beeindruckend, gehen bis an die Grenzen des körperlich Möglichen und manchmal auch darüber hinaus. Genauso ist Marina Abramović Pop. Weil sich Stars wie Lady Gaga für sie begeistern (“She is so incredible. She is a limitless human being, she is boundless”), weil sie mit ihren Performances in Serien wie “Sex and the City” oder “House” auftrat.
Unter dem Titel “The Artist is present – V prisutstvii chudožnika” wurde in Moskau nun eine Retrospektive der Künstlerin gezeigt, die 40 Jahre ihres Schaffens dokumentiert. Das Interessante an der ursprünglich für das MOMA in New York konzipierte Ausstellung ist, dass nicht nur Videos und Fotografien von Performances gezeigt werden, sondern dass auch einige der bekanntesten Arbeiten Abramovićs erneut aufgeführt wurden.
Für die Neuinszenierungen hatte Abramović die Perfomer_innen selbst trainiert, um sie auf die sowohl physisch als auch psychisch herausfordernden Aktionen vorzubereiten. Es sind vordergründig junge Leute dabei: Tänzer und Schauspieler, einige sind einfach über eine Ausschreibung bei Facebook dazugekommen.
Und sie haben es sicher nicht leicht: Das wird den Besucher_innen bereits beim Betreten der Ausstellung klar. Zutritt zum ersten Saal bekommt man nur, indem man sich durch zwei nackte Körper hindurchzwängt, die einander so eng gegenüberstehen, dass man entweder der Frau oder dem Mann den Rücken zukehren muss (die meisten wenden sich dem nackten Mädchen zu und huschen gesenkten Blicks weiter). “Imponderabilia” nennt sich dieses Werk aus den 1970er Jahren, das bei seiner Erstaufführung durch einen Polizeieinsatz vorzeitig beendet werden musste. In Moskau greift die Polizei zwar nicht ein (was tatsächlich verwundert, wurden doch schon viel weniger provokative Ausstellungen boykottiert), vielen Besucher_innen ist aber anzusehen, dass sie es bevorzugt hätten, die Ausstellung anders zu betreten.
Der gesamte erste Saal zeigt Reproduktionen von bekannten Performances. Direkt an der Wand hängt mit ausgespreizten Beinen ein blondes Mädchen (“Luminosity”/1997). Ihre Muskeln zittern und sie starrt mit gequältem Blick in die Leere. In der Mitte des Raumes befindet sich die Installation “Nude with Skeleton” (2002/2005): eine Frau liegt auf dem Boden unter einem Skelett. Die Atmung der Frau bringt das Skelett in Bewegung, sodass es sich hebt und senkt und langsam Teil ihres Körpers wird. Angelehnt an ein tibetanisches Totenritual thematisiert die Arbeit die Angst und die Konfrontation mit dem eigenen Tod. Ebenfalls nachgestellt ist die Performance “Point of Contact” (1980), bei der sich zwei Menschen so nahe gegenüberstehen, dass sie sich fast berühren, aber vor dem Moment der eigentlichen Berührung stundenlang verharren.
In chronologischer Abfolge werden in weiteren Räumen Arbeiten Abramovićs gezeigt, die den Körper als Instrument und Material der Künstlerin zeigen: in “Rhythm 0” (1974) lieferte sie sich völlig dem Publikum aus, welches aus einer Reihe von vorhandenen Gegenständen (darunter Farben, Seife, Blumen, ein Messer, eine Pistole, eine Kamera, Honig) auswählen konnte, um damit eine Veränderung am Körper Abramovićs zu veranlassen. Das riskante Experiment eskalierte bereits nach wenigen Stunden und wurde auf Wunsch der Zuschauer_innen abgebrochen.
Die Ausstellung dokumentiert im Weiteren noch die Arbeiten “The Lips of Thomas” (1975/2005), eine stark autobiographisch gefärbte Performance, in der Abramović Kommunismus und Orthodoxie, zwei zentrale Momente ihrer Jugend in Jugoslawien, thematisiert (auch diese Performance wurde in New York bei der Erstaufführung durch die Intervention der Zuschauer_innen beendet), sowie “Role exchange” (1974/2004), in der sie für wenige Stunden mit einer Amsterdamer Prostituierten die Rollen tauschte.
Ein weiterer Abschnitt der Retrospektive ist den gemeinsamen Arbeiten von Abramović und dem deutschen Künstler Ulay (Frank Uwe Laysiepen) gewidmet, mit dem sie von 1976 bis 1989 zusammenarbeitete. Das Paar untersuchte in ihren Performances die Grenzen des Körperlichen und strebte nach totaler künstlerischer Einheit des Männlichen und des Weiblichen. Sie atmeten bis zur Bewusstlosigkeit durch den Mund des jeweils anderen aus und ein, schrien einander an, bis ihre Stimmen versagen, rannten mit nackten Körpern frontal aufeinander zu, um durch den Zusammenprall ihre Energien zu vereinen. “The Great Wall Walk” (1988) ist die letzte gemeinsame Performance der beiden. Etwa drei Monate lang gingen sie entlang der Chinesischen Mauer aufeinander zu. Nachdem jeder etwa zweieinhalbtausend Kilometer zurückgelegt hatte, stellten sie bei ihrem Wiedersehen fest, dass sie einander nicht mehr lieben, und mussten von nun an in Kunst und Leben getrennte Wege gehen.
Von den Werken “Balkan Baroque” (1997) und “The House with the Ocean View” (2002) gibt es nur die Kulisse zu sehen. Für “Balkan Baroque” trennte Abramović in Erinnerung an die Balkankriege auf der Biennale in Venedig etwa eineinhalb Tonnen Rinderknochen von Rohfleisch. In Moskau lief nur das aufgezeichnete Video, die fahlen Knochen lagen auf einem großen Haufen in der Ecke. Der von ihnen verbreitete unangenehme Geruch zwang die meisten Besucher_innen, den Raum schnell wieder zu verlassen.
Für “The House with the Ocean View” lebte die Künstlerin zwölf Tage lang in einer New Yorker Galerie und ließ sich von den Besucher_innen bei ihren asketischen, alltäglichen Ritualen beobachten. Während in früheren Performances vor allem der Körper, oft auch Schmerz oder Angst im Mittelpunkt standen, ging es in den neueren Arbeiten Abramovićs um Spiritualität und Energie. Zelebriert wurde die meditative Langatmigkeit eines Kunstwerks sowie die Ko-Präsenz zwischen Künstlerin und Zuschauer_in.
Deutlich wird das vor allem in der letzten ausgestellten Performance, die Abramović für die MOMA-Retrospektive konzipierte: dort hatten die Besucher_innen die Möglichkeit, der Künstlerin gegenüber an einem Tisch mit zwei einfachen Holzstühlen zu sitzen und mehr als 600 Stunden lang (oder so lange wie gewünscht) von ihrem Blick fixiert zu werden.
Die Performancekunst lebt eigentlich von der Idee, dass eine Aktion etwas Einmaliges ist. Eine bereits stattgefundene Performance neu zu inszenieren stellt die Künstler_innen vor viele neue Herausforderungen und vergrößert den Rahmen der möglichen Interpretationen eines Werks. Abramović selbst hatte einst Performances von Beuys, Valie Export oder Bruce Nauman wiederaufgeführt, und von Zeit zu Zeit auch ihre eigenen Projekte ein zweites Mal gezeigt. Die Reinszenierung, so Abramović, halte die Arbeiten am Leben, auch wenn eine Wiederholung weder in Form noch Wirkung jemals mit der ursprünglichen Performance identisch sein könne.
Obwohl die Reinszenierungen in Moskau durch ihre Direktheit und ihren Mut beeindruckt haben, konnten sie doch hinsichtlich der Intensität nicht an die Originalperformances heranreichen. Die jungen Schauspieler_innen vermitteln leider nichts von der Präsenz und der Energie, für die Abramovićs Performances so berühmt sind (sogar ein Vergleich mit einer einfachen Videoaufzeichnung macht das deutlich). Als Ergebnis daraus verweilt kaum eine Besucher_in länger als ein-zwei Minuten vor einer Arbeit. Es entsteht der Eindruck, dass durch das Nebeneinanderstellen von mehreren Performances auf so engem Raum, diese zu statischen Kunstwerken oder zu Gemälden in einer Bildergalerie werden, an denen man einfach vorbeigehen kann. Allerdings hängt das möglicherweise auch mit dem unbewussten Wunsch zusammen, den unangenehmen Gefühlen zu entkommen, die diese auslösen könnten.
Von den Originalperformances Abramovićs sind in Moskau leider nur die Requisiten zu sehen. Über den Wänden flimmern Videoaufnahmen von ihren Arbeiten, mit denen einem noch einmal eindringlich ihre Radikalität vor Augen geführt wird. Die Besucher_innen sind aufgefordert, “so lange wie gewollt” auf einem der Stühle Platz zu nehmen, um sich die Videos anzuschauen. Doch der Blick auf die Dokumentation kann mit einem wahren Zusammentreffen mit der Künstlerin nicht verglichen werden.
Marina Abramović – The Artist is Present. Center for contemporary culture “Garaž”, 8. Oktober – 4. Dezember 2011;
Марина Абрамович – В присутствии художника. Центр современной культуры “Гараж”, 8 октября – 4 декабря 2011.