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Die Natur des Bösen – oder der Holocaust in Serbien

Posted on 1. Juli 2017 by Manuel Matuzović
Erinnern oder Vergessen? Pointiert und unverblümt schreibt Filip David in "Kuća sećanja i zaborava" ("Das Haus des Erinnerns und des Vergessens") über den Holocaust in Serbien und dessen Folgen bis in die Gegenwart – und nimmt damit ein Thema in den Blick, über das man in Serbien nur ungern spricht. Übersetzt wurde der Roman von Johannes Eigner, dem amtierenden österreichischen Botschafter in Serbien.

Erinnern oder Vergessen? Pointiert und unverblümt schreibt Filip David in Kuća sećanja i zaborava (Das Haus des Erinnerns und des Vergessens) über den Holocaust in Serbien und dessen Folgen bis in die Gegenwart – und nimmt damit ein Thema in den Blick, über das man in Serbien nur ungern spricht. Übersetzt wurde der Roman von Johannes Eigner, dem amtierenden österreichischen Botschafter in Serbien.

 

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Der Autor und Dramaturg Filip David hat zahlreiche Erzählungen, Essays und Romane in seiner Muttersprache Serbisch verfasst. Sein neuester Roman Kuća sećanja i zaborava (Das Haus des Erinnerns und des Vergessens) ist jedoch der erste, der auch ins Deutsche übersetzt wurde. Das Buch thematisiert den Holocaust in Serbien und die Rolle Serbiens im Zweiten Weltkrieg. Dabei setzt es sich mit dem Bösen, der Schuld und dem Erinnern und Vergessen auseinander. Übersetzt wurde der Roman von Johannes Eigner, dem amtierenden österreichischen Botschafter in Serbien.

 

Schicksal und Schuld des Albert Vajs

In Filip Davids Roman erzählt Albert Vajs seine Lebens- und Leidensgeschichte in Form von Tagebucheinträgen. Ohne große Abschweifungen schildert er, welches Schicksal ihn und seine Familie, sephardische und aschkenasische Juden, in seiner Heimat Serbien ereilt hat. 1942, im Alter von 7 Jahren, wird Albert mit seiner Familie in einen Zug gepfercht und deportiert. In einem Akt der Verzweiflung versuchen Alberts Eltern ihre Kinder zu retten und schieben zuerst den Bruder Elijah und dann Albert durch ein Loch im Holzboden des Zuges hinaus in die schneebedeckte Winternacht. Bevor Albert ins Ungewisse stürzt, bitten ihn die Eltern noch, auf seinen einige Jahre jüngeren Bruder aufzupassen. Diesen Wunsch wird er ihnen jedoch nicht erfüllen können, da er seinen Bruder trotz stundenlanger Suche in der dunklen Kälte nicht wiederfindet. Die Nacht verschlingt Elijah und beinahe hätte Albert ein ähnliches Schicksal erlitten, wären da nicht der „volksdeutsche“ Förster Johann Kraft und seine Frau gewesen. Sie retten Albert vor dem Tod und wollen ihn sogar als ihr eigenes Kind aufziehen, nachdem sie erst wenige Wochen zuvor ihren Sohn Hans bei einem tragischen Unfall verloren haben. Albert flieht, als ihm klar wird, dass er ein Ersatz für Hans sein soll und er seine eigene Familie nie wieder sehen wird.

Diese Ereignisse in der Kindheit prägen Alberts Leben maßgeblich. Er sieht die Verantwortung für den Tod seines Bruders bei sich, und die Schuld und der unermessliche Schmerz verfolgen ihn bis in seine Träume. Gebeutelt vom Überlebensschuld-Syndrom glaubt Albert, dass er „hätte nie überleben sollen. Darin liegt das Problem. Es war nicht vorgesehen, dass ich überlebe.“ Doch auch wenn die Erinnerung zerstörerisch ist, fragt er sich, ob Vergessen denn besser sei. Filip David misst dieser titelgebenden Auseinandersetzung eine ganz besondere Bedeutung zu. Sie kulminiert in einem Kapitel, in dem sich Albert mitten in New York an einem utopischen Ort, dem sogenannten House of Memories and Oblivion, wiederfindet. In diesem phantastischen Einschub im Roman betritt Albert zwei Zimmer. Im ersten wird er visuell mit frühesten Kindheitserinnerungen konfrontiert, die seinen tiefen Schmerz intensivieren. Im zweiten Zimmer wird ihm die Erlösung geboten, indem er die Möglichkeit bekommt, all diese Erinnerungen zu löschen und damit zu vergessen. „Jedoch, was täte er ohne das, ohne den ihn tief durchdringenden Schmerz? In ihm ist die Erinnerung an den Vater, die Mutter, an Elijah aufbewahrt. Dieser Schmerz ist all das, was er selbst ist, ohne diesen Schmerz existiert er, Albert Weisz, nicht.“

 

Der Regisseur: Filip David

In der Art und Weise wie erzählt wird, wie Zeit und Ort wechseln und Realität und Fiktion verschwimmen, wird Davids Hintergrund als Dramaturg und Fernsehtexter spürbar. Die Auszüge aus Alberts Tagebuch stammen aus unterschiedlichen Jahrzehnten und Phasen seines Lebens, wobei sich das Ereignis des ersten Eintrags 2004 in New York abspielt. Die Schauplätze variieren und die Handlung ist zeitlich verschachtelt, sie erstreckt sich von seiner frühen Kindheit bis hin zur Gegenwart. Neben Albert Vajs’ Geschichte werden auch die Schicksale anderer Überlebender geschildert. David nutzt eine Vielzahl von literarischen Techniken, um diese Geschichten und unterstützenden Randereignisse an die Leser_in zu bringen. Das Buch setzt sich zusammen aus verschiedenen Textsorten, die auch unterschiedliche Perspektiven umsetzen. Neben den bereits erwähnten Tagebucheinträgen finden sich Traumsequenzen, Berichte, Zeitungsmeldungen, Briefe, sowie die klassische Form des auktorialen Erzählens.

 

Es bedarf einer eigenen Sprache, um die Abgründe des Bösen erfassen zu können

Vajs und die anderen Holocaust-Überlebenden in dem Roman sind auf der Suche nach einer Erklärung für die Schmerzen und das Leid, das sie erfahren haben. Dabei versuchen sie, der Natur des Bösen auf die Spur zu kommen. Filip Davids Roman legt sich in dieser für das Werk zentralen Frage nicht endgültig fest. Er schließt an Hannah Arendts Banalität des Bösen an und nimmt Umwege über Wahnsinn, Krankheit, Abartigkeit, obsessiven Zwang zur Destruktion, um schließlich auch über die irrationale, übermenschliche und kosmische Natur des Bösen zu sinnieren. Es finden sich mystische, kabbalistische und fantastische Elemente, wie Symbole, Geheimbünde, Dämonen oder besessene Kinder. Die meiste Zeit bleibt das Buch jedoch realistisch, es lassen sich sogar biographische Parallelen zu Davids Leben ziehen. Er wurde 1940 in Kragujevac im Königreich Jugoslawien auf dem Gebiet des heutigen Serbiens geboren und hat den Holocaust selbst als Kind miterlebt. Wie viele seiner Figuren musste auch er sich vor den Nazis verstecken und zwischenzeitlich sogar seine Identität ändern.

 

Serbiens Rolle im zweiten Weltkrieg

David stellt in seinem Werk die Realität des Holocaust in Serbien pointiert und unverblümt dar. Er erinnert eindringlich an das serbische Quisling-Regime und an die Verbrechen an serbischen Juden. Filip David schreibt folglich nicht einfach noch einen weiteren Holocaust-Roman, er schreibt über den Holocaust in Serbien, über Verbrechen, die auch von Serben an Serben verübt worden sind – ein Thema, über das man in Serbien nur ungern spricht. Nach Aleksandar Tišmas und Danilo Kišs literarischen Holocaustreflexionen liegt uns nun ein an die serbische Gegenwart anschließender Text auf Deutsch vor. Dass die Übersetzung noch dazu vom Österreichischen Botschafter in Serbien, Johannes Eigner, stammt, betont, wie wichtig das Erinnern bleibt: hier wie dort. Das Haus des Erinnerns und des Vergessens ist Eigners erste Übersetzung aus dem Serbischen. In Gesprächen unterstreicht er die anhaltende Notwendigkeit des Erinnerns an den Holocaust, ebenso wie David selbst, mit dem Eigner während der Arbeit an der Übersetzung in regelmäßigem Kontakt stand.

Zu erinnern heißt gleichzeitig eben nicht zu vergessen. Ohne die Auseinandersetzung mit unserer eigenen Geschichte, vergessen wir. Nur durch aktives Erinnern ist es möglich aus der Kontinuität des Vergessens auszubrechen und, wie Vajs, das Vergessen bewusst abzulehnen. Erinnern bedeutet auch, dass jene Orte, an denen Menschen zu Tode kamen, nicht in Vergessenheit geraten dürfen: auch Sajmište , Topovske Šupe oder Srebrenica. Um Mahnmale an diesen Orten wird zur Zeit heftig debattiert und gestritten. Davids Buch gemahnt auch daran, dass politische Ängste oder wirtschaftliche Interessen dabei nicht die zentrale Rolle spielen dürfen.

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Denkmal am Rand des ehemaligen KZ Sajmište in Belgrad

 

Für Das Haus des Erinnerns und des Vergessens hat Filip David 2014 den Preis für den besten Roman der renommierten Wochenzeitung NIN sowie den Meša-Selimović-Preis erhalten.

 

David, Filip: Kuća sećanja i zaborava. Beograd 2014.
David, Filip: Das Haus des Erinnerns und des Vergessens. Aus dem Serbischen von Johannes Eigner. Klagenfurt 2016.

 

Weitere Literatur von Filip David (Auswahl):
San o ljubavi i smrti. Beograd 2007.
Hodočasnici neba i zemlje. Beograd 1994.
Bunar u tamnoj šumi. Beograd 1964.
Fragmenti iz mračnih vremena. Beograd 1994.

 

Weiterführende Links:
Autoportret: Filip David (Video in serbischer Sprache)

Die Natur des Bösen – oder der Holocaust in Serbien - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die Natur des Bösen – oder der Holo­caust in Serbien

Erin­nern oder Ver­gessen? Poin­tiert und unver­blümt schreibt Filip David in Kuća sećanja i zabo­rava (Das Haus des Erin­nerns und des Ver­ges­sens) über den Holo­caust in Ser­bien und dessen Folgen bis in die Gegen­wart – und nimmt damit ein Thema in den Blick, über das man in Ser­bien nur ungern spricht. Über­setzt wurde der Roman von Johannes Eigner, dem amtie­renden öster­rei­chi­schen Bot­schafter in Serbien.

 

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Der Autor und Dra­ma­turg Filip David hat zahl­reiche Erzäh­lungen, Essays und Romane in seiner Mut­ter­sprache Ser­bisch ver­fasst. Sein neu­ester Roman Kuća sećanja i zabo­rava (Das Haus des Erin­nerns und des Ver­ges­sens) ist jedoch der erste, der auch ins Deut­sche über­setzt wurde. Das Buch the­ma­ti­siert den Holo­caust in Ser­bien und die Rolle Ser­biens im Zweiten Welt­krieg. Dabei setzt es sich mit dem Bösen, der Schuld und dem Erin­nern und Ver­gessen aus­ein­ander. Über­setzt wurde der Roman von Johannes Eigner, dem amtie­renden öster­rei­chi­schen Bot­schafter in Serbien.

 

Schicksal und Schuld des Albert Vajs

In Filip Davids Roman erzählt Albert Vajs [Albert Weisz] seine Lebens- und Lei­dens­ge­schichte in Form von Tage­buch­ein­trägen. Ohne große Abschwei­fungen schil­dert er, wel­ches Schicksal ihn und seine Familie, sephar­di­sche und asch­ke­na­si­sche Juden, in seiner Heimat Ser­bien ereilt hat. 1942, im Alter von 7 Jahren, wird Albert mit seiner Familie in einen Zug gepfercht und depor­tiert. In einem Akt der Ver­zweif­lung ver­su­chen Alberts Eltern ihre Kinder zu retten und schieben zuerst den Bruder Elijah und dann Albert durch ein Loch im Holz­boden des Zuges hinaus in die schnee­be­deckte Win­ter­nacht. Bevor Albert ins Unge­wisse stürzt, bitten ihn die Eltern noch, auf seinen einige Jahre jün­geren Bruder auf­zu­passen. Diesen Wunsch wird er ihnen jedoch nicht erfüllen können, da er seinen Bruder trotz stun­den­langer Suche in der dunklen Kälte nicht wie­der­findet. Die Nacht ver­schlingt Elijah und bei­nahe hätte Albert ein ähn­li­ches Schicksal erlitten, wären da nicht der „volks­deut­sche“ Förster Johann Kraft und seine Frau gewesen. Sie retten Albert vor dem Tod und wollen ihn sogar als ihr eigenes Kind auf­ziehen, nachdem sie erst wenige Wochen zuvor ihren Sohn Hans bei einem tra­gi­schen Unfall ver­loren haben. Albert flieht, als ihm klar wird, dass er ein Ersatz für Hans sein soll und er seine eigene Familie nie wieder sehen wird.

Diese Ereig­nisse in der Kind­heit prägen Alberts Leben maß­geb­lich. Er sieht die Ver­ant­wor­tung für den Tod seines Bru­ders bei sich, und die Schuld und der uner­mess­liche Schmerz ver­folgen ihn bis in seine Träume. Gebeu­telt vom Über­le­bens­schuld-Syn­drom glaubt Albert, dass er „hätte nie über­leben sollen. Darin liegt das Pro­blem. Es war nicht vor­ge­sehen, dass ich über­lebe.“ Doch auch wenn die Erin­ne­rung zer­stö­re­risch ist, fragt er sich, ob Ver­gessen denn besser sei. Filip David misst dieser titel­ge­benden Aus­ein­an­der­set­zung eine ganz beson­dere Bedeu­tung zu. Sie kul­mi­niert in einem Kapitel, in dem sich Albert mitten in New York an einem uto­pi­schen Ort, dem soge­nannten House of Memo­ries and Obli­vion, wie­der­findet. In diesem phan­tas­ti­schen Ein­schub im Roman betritt Albert zwei Zimmer. Im ersten wird er visuell mit frü­hesten Kind­heits­er­in­ne­rungen kon­fron­tiert, die seinen tiefen Schmerz inten­si­vieren. Im zweiten Zimmer wird ihm die Erlö­sung geboten, indem er die Mög­lich­keit bekommt, all diese Erin­ne­rungen zu löschen und damit zu ver­gessen. „Jedoch, was täte er ohne das, ohne den ihn tief durch­drin­genden Schmerz? In ihm ist die Erin­ne­rung an den Vater, die Mutter, an Elijah auf­be­wahrt. Dieser Schmerz ist all das, was er selbst ist, ohne diesen Schmerz exis­tiert er, Albert Weisz, nicht.“

 

Der Regis­seur: Filip David

In der Art und Weise wie erzählt wird, wie Zeit und Ort wech­seln und Rea­lität und Fik­tion ver­schwimmen, wird Davids Hin­ter­grund als Dra­ma­turg und Fern­seh­texter spürbar. Die Aus­züge aus Alberts Tage­buch stammen aus unter­schied­li­chen Jahr­zehnten und Phasen seines Lebens, wobei sich das Ereignis des ersten Ein­trags 2004 in New York abspielt. Die Schau­plätze vari­ieren und die Hand­lung ist zeit­lich ver­schach­telt, sie erstreckt sich von seiner frühen Kind­heit bis hin zur Gegen­wart. Neben Albert Vajs’ Geschichte werden auch die Schick­sale anderer Über­le­bender geschil­dert. David nutzt eine Viel­zahl von lite­ra­ri­schen Tech­niken, um diese Geschichten und unter­stüt­zenden Rand­er­eig­nisse an die Leser_in zu bringen. Das Buch setzt sich zusammen aus ver­schie­denen Text­sorten, die auch unter­schied­liche Per­spek­tiven umsetzen. Neben den bereits erwähnten Tage­buch­ein­trägen finden sich Traum­se­quenzen, Berichte, Zei­tungs­mel­dungen, Briefe, sowie die klas­si­sche Form des aukt­orialen Erzählens.

 

Es bedarf einer eigenen Sprache, um die Abgründe des Bösen erfassen zu können

Vajs und die anderen Holo­caust-Über­le­benden in dem Roman sind auf der Suche nach einer Erklä­rung für die Schmerzen und das Leid, das sie erfahren haben. Dabei ver­su­chen sie, der Natur des Bösen auf die Spur zu kommen. Filip Davids Roman legt sich in dieser für das Werk zen­tralen Frage nicht end­gültig fest. Er schließt an Hannah Are­ndts Bana­lität des Bösen an und nimmt Umwege über Wahn­sinn, Krank­heit, Abar­tig­keit, obses­siven Zwang zur Destruk­tion, um schließ­lich auch über die irra­tio­nale, über­mensch­liche und kos­mi­sche Natur des Bösen zu sin­nieren. Es finden sich mys­ti­sche, kab­ba­lis­ti­sche und fan­tas­ti­sche Ele­mente, wie Sym­bole, Geheim­bünde, Dämonen oder beses­sene Kinder. Die meiste Zeit bleibt das Buch jedoch rea­lis­tisch, es lassen sich sogar bio­gra­phi­sche Par­al­lelen zu Davids Leben ziehen. Er wurde 1940 in Kra­gu­jevac im König­reich Jugo­sla­wien auf dem Gebiet des heu­tigen Ser­biens geboren und hat den Holo­caust selbst als Kind mit­er­lebt. Wie viele seiner Figuren musste auch er sich vor den Nazis ver­ste­cken und zwi­schen­zeit­lich sogar seine Iden­tität ändern.

 

Ser­biens Rolle im zweiten Weltkrieg

David stellt in seinem Werk die Rea­lität des Holo­caust in Ser­bien poin­tiert und unver­blümt dar. Er erin­nert ein­dring­lich an das ser­bi­sche Quis­ling-Regime und an die Ver­bre­chen an ser­bi­schen Juden. Filip David schreibt folg­lich nicht ein­fach noch einen wei­teren Holo­caust-Roman, er schreibt über den Holo­caust in Ser­bien, über Ver­bre­chen, die auch von Serben an Serben verübt worden sind – ein Thema, über das man in Ser­bien nur ungern spricht. Nach Alek­sandar Tišmas und Danilo Kišs lite­ra­ri­schen Holo­caust­re­fle­xionen liegt uns nun ein an die ser­bi­sche Gegen­wart anschlie­ßender Text auf Deutsch vor. Dass die Über­set­zung noch dazu vom Öster­rei­chi­schen Bot­schafter in Ser­bien, Johannes Eigner, stammt, betont, wie wichtig das Erin­nern bleibt: hier wie dort. Das Haus des Erin­nerns und des Ver­ges­sens ist Eig­ners erste Über­set­zung aus dem Ser­bi­schen. In Gesprä­chen unter­streicht er die anhal­tende Not­wen­dig­keit des Erin­nerns an den Holo­caust, ebenso wie David selbst, mit dem Eigner wäh­rend der Arbeit an der Über­set­zung in regel­mä­ßigem Kon­takt stand.

Zu erin­nern heißt gleich­zeitig eben nicht zu ver­gessen. Ohne die Aus­ein­an­der­set­zung mit unserer eigenen Geschichte, ver­gessen wir. Nur durch aktives Erin­nern ist es mög­lich aus der Kon­ti­nuität des Ver­ges­sens aus­zu­bre­chen und, wie Vajs, das Ver­gessen bewusst abzu­lehnen. Erin­nern bedeutet auch, dass jene Orte, an denen Men­schen zu Tode kamen, nicht in Ver­ges­sen­heit geraten dürfen: auch Saj­mište [ehe­ma­liges Kon­zen­tra­tions- und spä­teres Anhal­te­lager in Bel­grad, Anm. d. Red.], Topovske Šupe [KZ nahe Bel­grad] oder Sre­bre­nica. Um Mahn­male an diesen Orten wird zur Zeit heftig debat­tiert und gestritten. Davids Buch gemahnt auch daran, dass poli­ti­sche Ängste oder wirt­schaft­liche Inter­essen dabei nicht die zen­trale Rolle spielen dürfen.

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Denkmal am Rand des ehe­ma­ligen KZ Saj­mište in Belgrad

 

Für Das Haus des Erin­nerns und des Ver­ges­sens hat Filip David 2014 den Preis für den besten Roman der renom­mierten Wochen­zei­tung NIN sowie den Meša-Seli­mović-Preis erhalten.

 

David, Filip: Kuća sećanja i zabo­rava. Beograd 2014.
David, Filip: Das Haus des Erin­nerns und des Ver­ges­sens. Aus dem Ser­bi­schen von Johannes Eigner. Kla­gen­furt 2016.

 

Wei­tere Lite­ratur von Filip David (Aus­wahl):
San o lju­bavi i smrti. Beograd 2007.
Hodočas­nici neba i zemlje. Beograd 1994.
Bunar u tamnoj šumi. Beograd 1964.
Frag­menti iz mračnih vre­mena. Beograd 1994.

 

Wei­ter­füh­rende Links:
Auto­portret: Filip David (Video in ser­bi­scher Sprache)