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Online-Plattform syg.ma: „Wir wollen Solidaritätsnetzwerke über nationale Grenzen hinweg errichten“

Posted on 29. März 2024 by Elisabeth Bauer
syg.ma ist eine mehrsprachige, selbstorganisierte, offene Online-Plattform. Nach Beginn der russischen vollumfänglichen Invasion in die Ukraine nahm syg.ma eine klare Antikriegshaltung ein. novinki veröffentlicht ein Interview mit Konstantin Korjagin, einem der Redakteure von syg.ma.

Read this interview in English.  / Читать интервью на русском языке.

 

syg.ma ist eine mehrsprachige, selbstorganisierte, offene Online-Plattform, auf der Forscher*innen, Künstler*innen, Kleinverlage und aktivistische Gemeinschaften ihr eigenes Material veröffentlichen. syg.ma wurde 2014 in Moskau gegründet und ist heute nicht nur ein lebendiges Medium, sondern auch ein Archiv mit mehr als 25.000 Veröffentlichungen zu Philosophie, Kunst, Politik, Psychoanalyse und Film, darunter aktivistische Manifeste, akademische Aufsätze und Gedichtsammlungen. Die Website wird monatlich von 150.000 bis 250.000 Nutzern aus der ganzen Welt besucht.

Nach Beginn der vollumfänglichen Invasion Russlands in die Ukraine wurde das Hauptziel von syg.ma – eine Plattform zu sein, die verschiedene Gemeinschaften zusammenbringt – noch wichtiger: syg.ma nahm eine klare Antikriegshaltung ein und konzentrierte sich darauf, sein internationales Publikum zu erweitern, indem es seine sprachliche Präsenz auf der Plattform diversifizierte und künstlerische, kulturelle und aktivistische Communities aus der ganzen Welt, einschließlich der Ukraine, engagierte. In seinem Streben nach Horizontalität und einem ausgeprägten Plattformcharakter stellt syg.ma eine wertvolle Alternative sowohl zu kremlnahen als auch zu „unabhängigen“ liberalen Medien im russischsprachigen und internationalen Medienraum dar.

novinki veröffentlicht ein Interview mit Konstantin Korjagin, einem der Redakteure von syg.ma. Als Russland die Ukraine angriff, beschloss er, nicht nach Russland zurückzukehren, sondern in Berlin zu bleiben, und fand sich schließlich, wie ein Großteil der Redaktion, im Exil wieder. syg.ma steht mit (vor allem linken) Gemeinschaften und Autoren sowohl im Land des Aggressors als auch in der ganzen Welt in Verbindung – und strebt danach, eine Plattform zu sein, „auf der verschiedene aktivistische und ehrenamtliche Gemeinschaften sich gegenseitig lesen und kennenlernen, ihre Erfahrungen und Leserschaften untereinander austauschen“, auf der sich „aktivistische Texte und vertiefte Analysen und Recherchen gegenseitig ergänzen, indem sie tiefgehende Theorie und Praxis miteinander verbinden.“

 

novinki: Wann und in welchem Rahmen hast Du zum ersten Mal von syg.ma gehört? Seit wann bist Du Redaktionsmitglied und was ist Deine derzeitige Position im Team?

Konstantin Korjagin: Ich habe syg.ma in seinem Gründungsjahr 2014 kennengelernt. Ich erinnere mich, dass mir sehr gut gefiel, wie auf der Plattform tagebuchartige Notizen von mir unbekannten Autoren neben ernsthaften akademischen Aufsätzen von namhaften Philosophen, experimentelle Poesie neben großen Sonderprojekten wie dem „offiziellen Blog der Moskauer Biennale“ platziert waren. Für mich war dies ein sehr inspirierendes Beispiel für die horizontale Umverteilung von symbolischem Kapital und die Verschiebung etablierter Hierarchien. Durch die Lektüre von syg.ma war es möglich, das Leben der selbstorganisierten kulturellen Initiativen im russischsprachigen Raum zu verfolgen und sich über die Neuheiten unabhängiger Buchverlage auf dem Laufenden zu halten. Außerdem wurden viele Texte zur zeitgenössischen kontinentalen Philosophie und Psychoanalyse, womit ich mich damals stark beschäftigte, veröffentlicht.

Ich wurde im März 2018 Redaktionsmitglied, während ich an der Philosophischen Fakultät in St. Petersburg studierte. Ein Freund holte mich in die Redaktion. Seitdem bin ich einer der Redakteure/Kuratoren der Plattform und hauptsächlich dafür verantwortlich, Autor*innen, Texte und Themen zu finden, Communities einzuladen Teil der Plattform zu werden, mit ihnen zu kommunizieren. Hin und wieder verwalte ich auch die sozialen Medien.

 

novinki: Wie viele feste Redaktionsmitglieder gibt es derzeit, wo sind sie mittlerweile ansässig?

К. K.: Im Moment besteht syg.ma aus sechs Personen: drei Redakteur*innen, zwei Programmier*innen, ein Redaktionsleiter. Und wenn wir Geld haben, stellen wir eine*n SMM-Manager*in auf Honorarbasis ein. Wenn kein Geld da ist, betreiben die Redakteur*innen die sozialen Netzwerke selbst. Abgesehen von einer Person, die in Usbekistan geboren und aufgewachsen ist, sind die anderen Mitglieder der Redaktion in verschiedenen Regionen Russlands geboren und aufgewachsen. Nach Kriegsbeginn verließ jener Teil des Redaktionsteams, der noch in Russland war, das Land, weil er sich gegen den Krieg positionierte – und weil es einfach nicht sicher war, ein solches Projekt in Russland zu weiterzuführen. Jetzt sind wir über die ganze Welt verstreut: in Georgien, Armenien, Deutschland, den USA.

Zu unserem Ökosystem gehört auch das radio.syg.ma – mit Mixes, Veröffentlichungen und Live-Auftritten von experimentellen Musikern aus der ganzen Welt. Das Radio hat zwar seine eigene Redaktion, aber sein Weg, seine Positionierung und seine geografische Verortung sind ganz ähnlich wie unsere.

 

novinki: Das Gründungsjahr von syg.ma ist 2014. Fällt es zufällig mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine zusammen oder steht es möglicherweise in irgendeiner Verbindung dazu?

К. K.: Das ist ein Zufall.

 

syg.ma ist eine selbstorganisierte Plattform,
die Autoren und Gemeinschaften platzieren ihre Texte
meist selbst auf unserer Plattform“

 

novinki: Eines der Ziele des Projekts ist es, alternative Kollektive und Gemeinschaften zu unterstützen – hauptsächlich in Russland, aber nicht nur. syg.ma wurde als „experimentelle“ Plattform konzipiert – ein neues, alternatives Medienprojekt, das es in der russischsprachigen Medienwelt bisher nicht gab. Bitte erzähl uns ein wenig über die Struktur und die Ziele der Plattform.

К. K.: Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass syg.ma eine selbstorganisierte Plattform ist. Die Autoren und Gemeinschaften platzieren ihre Texte meist selbst auf unserer Plattform und nutzen sie als ihre eigene Website und als Archiv, in dem ihre Texte gespeichert sind. So finden sich auf syg.ma heute Sammlungen von unabhängigen Buchverlagen, von künstlerischen und aktivistischen Gemeinschaften, von kulturellen Institutionen und einzelnen Autor*innen. Diese Texte werden von uns bewusst nicht redigiert. Die Aufgabe und Funktion der Redateur*innen der Plattform ist daher überwiegend kuratorisch und besteht in der Autor*innen- und Community-Suche und im Kommunizieren mit ihnen. Außerdem in der Auswahl der Texte, die auf syg.ma veröffentlicht werden: Wir wählen aus, welche Beiträge wir fördern und auf der Plattform sichtbarer machen (z.B. indem wir sie auf die Startseite stellen, sie in thematische Sammlungen aufnehmen und in sozialen Netzwerken posten) und welche nicht. Deshalb bezeichnen wir uns auch oft als eine „schwache Redaktion“.

Zudem haben wir Spezialprojekte, etwa den „Atlas“, bei dem wir und unsere Autor*innen über Grenzen und Identitäten nachdenken, oder „Taškent-Tiblisi“ über die Geschichte und Kultur Zentralasiens, für die wir über Budgets (meist Stipendien) verfügen und bei denen wir als vollwertiges Redaktionsteam fungieren: Wir denken uns im Voraus Themen aus, zahlen den Autoren Honorare, lesen und redigieren die Texte. Wir organisieren auch die Zusammenarbeit mit anderen Medien, z.B. haben wir eine eigene Sammlung russischer Übersetzungen ausgewählter Texte der Zeitschrift e-flux.

Unser ursprüngliches Ziel war es, einen Präzedenzfall einer selbstorganisierten Plattform zu schaffen, die sich selbst finanziert und gleichzeitig relativ populär ist, um auf diese Weise die Stimmen selbstorganisierter künstlerischer und kultureller Initiativen, unabhängiger Verlage, linker und feministischer politischer Bewegungen, dekolonialer Aktivist*innen, wissenschaftsnaher Autor*innen und Lyrik-Gemeinschaften zu stärken, indem wir ihnen Zugang zu den Publikumskreisen der jeweils anderen zu verschaffen. Wir wollten die Sichtbarkeit all derer erhöhen, die sich in den klassischen Medien, die in Russland vor dem Krieg entweder staatlich-konservativ oder oppositionell, aber rechtsliberal ausgerichtet waren, nicht wiederfanden. In diesem Sinne stellte und stellt syg.ma natürlich eine Alternative dar.

Es sollte verstanden werden, dass wir nie ein Nachrichtenmedium waren und auch in Zukunft nicht sein werden, ein Medium, wie es zum Beispiel DOXA in vielerlei Hinsicht geworden ist. Es kann also nicht gesagt werden, dass wir auf dem gleichen Feld wie diese „klassischen“ Medien gespielt und versucht haben, mit ihnen zu konkurrieren. Wir hatten schon immer einen anderen, experimentelleren, diskursiven und analytischen Schwerpunkt: Wir haben feministische Poesie, dekoloniale Studien, Tagebuchaufsätze, akademische Essays über Philosophie und Psychoanalyse, Kunstkritik, Philosophieübersetzungen und anderes veröffentlicht.

Illustration (auch Beitragsbild, oben): © Sonja Umanskaja / Sonya Umanskaya.

novinki: syg.ma bietet nicht nur einzelnen Autor:innen, sondern auch Kollektiven eine Plattform. Dies wurde auch nach Februar 2022 deutlich, als verschiedene Positionen und Manifeste gegen den Krieg auf syg.ma erschienen. Wie hat syg.ma auf die russische Invasion in die Ukraine reagiert, welche Materialien sind seither erschienen? Kann syg.ma eine Plattform für eine kritische Reflexion des Krieges und für Antikriegsprotest innerhalb (und außerhalb) des „Aggressorlandes“ werden?

К. K: Als der Krieg begann, stellten wir unsere Arbeit für einen Monat ein, da wir keine Möglichkeit sahen, in einem solchen Moment Inhalte über Kultur zu veröffentlichen. Als dann klar wurde, dass der Krieg nicht enden würde, und andere oppositionelle Medien in Russland blockiert wurden, beschlossen wir, dass es sehr wichtig war, unsere Arbeit wieder aufzunehmen, um Antikriegspositionen und eine unzensierte Diskussion der sich vollziehenden Situation zu unterstützen.

Wir verfassten die folgende Erklärung. Wir haben zwar nicht alles umsetzen können, was wir uns vorgenommen hatten, aber unsere redaktionellen Richtlinien haben sich trotzdem stark verändert: Wir haben die Moderationsregeln und die Kriterien für die Aufnahme von Texten auf die Startseite verschärft (alle Texte, die die russische Aggression auf irgendeine noch so subtile Weise verteidigen, werden ohnehin blockiert und gelöscht), wir haben unseren Schwerpunkt von kulturellen, künstlerischen und akademischen auf aktivistische und Freiwilligenkollektive bzw. ihre Texte verlagert, sind von einer russischen auf eine mehrsprachige Seitenstruktur umgestiegen (obwohl wir damit schon vor dem Krieg begonnen hatten) und die gesamte Infrastruktur der Plattform auf Englisch umgestellt. Wir haben auch damit begonnen, gezielt nicht-russischsprachige Autor:innen für unsere Plattform zu gewinnen. Wir haben jetzt viele Texte auf Englisch und Ukrainisch, es gibt Texte auf Deutsch, und bald werden wir eine ganze Textsammlung auf Usbekisch veröffentlichen. Es kann direkt auf der Startseite auf die gewünschte Sprache umgeschaltet werden.

Kurz nachdem wir eine offene Antikriegshaltung eingenommen hatten, wurden wir in Russland blockiert – wir können dort aber weiterhin über VPN gelesen werden.

Wie ich schon sagte, haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, aktivistische, ehrenamtliche und gegen den Krieg eingestellte Gemeinschaften für die Plattform zu gewinnen. Und auch wichtige Übersetzungen zu veröffentlichen, die diesen Krieg analysieren. Verschiedene Texte, die den Krieg analysieren, können in zwei speziellen redaktionellen Sammlungen gefunden werden: https://syg.ma/antiwar und https://syg.ma/antiwar2. Noch interessant, was Gemeinschaften anbelangt: Einige einige große feministische Organisationen nutzen syg.ma als Hauptplattform zur Veröffentlichung seiner Texte, es gibt eine Textsammlung der media resistance group, Materialen der University Platform und viele andere.

Die Umverlagerung des Schwerpunkts auf Antikriegsinitiativen bedeutet dagegen längst nicht, dass wir aufgehört haben, zu anderen Themen zu veröffentlichen. Auch die Präsentation von Lyrik, Filmkritik, Texte zu Kunst und Philosophie wird auf syg.ma florieren weiterentwickelt und ausgebaut, und junge Autor*innen stellen ihre Videoarbeiten auf der Plattform vor.

 

„Als klar wurde, dass der Krieg nicht enden würde,
und andere oppositionelle Medien in Russland blockiert wurden,
beschlossen wir, unsere Arbeit wieder aufzunehmen,
um Antikriegspositionen und eine unzensierte Diskussion zu unterstützen“

 

novinki: Welche Bedeutung hat die internationale Ausrichtung der Plattform für Euch  – und wie wichtig ist es Euch, die Verbindung zu Kollektiven, die innerhalb Russlands starker Zensur ausgesetzt sind, aufrecht zu erhalten? Welche Verbindungen habt Ihr in die Ukraine?

К. K.: Die internationale Ausrichtung ist uns sehr wichtig, weil wir Netzwerke der Solidarität über nationalen Grenzen aufbauen wollen. Wir wollen eine Plattform sein, auf der sich Texte und Menschen aus verschiedenen Ländern und Kontexten treffen, die aber darüber hinaus gewisse gemeinsame Werte teilen. Deshalb freuen wir uns besonders darüber, dass während des Krieges verschiedene Autoren und Gemeinschaften aus der Ukraine, die auf Ukrainisch schreiben, zu syg.ma hinzugestoßen sind. Einige von ihnen haben wir gezielt angesprochen, andere kamen von sich aus. Es handelt sich zumeist um Aktivist*innen und Forscher*innen mit linken Positionen, was meiner Meinung nach nicht verwunderlich ist, da in linken Kreisen schon immer eine universelle, internationale Komponente betont wurde. Wir unterhalten auch Kontakte zu Autor*innen aus Russland, von denen viele anonym oder unter Pseudonym veröffentlichen.

Als Beispiel des zuvor Gesagten möchte ich die bei uns veröffentlichten „Kriegstagebücher“ der ukrainischen Genderforscherin und Feministin Irina Žerebkina nennen.

 

novinki: Gibt es Daten, die mehr darüber verraten könnten, wer syg.ma liest, wie groß Euer Publikum ist und wie viele feste/freie Autor*innen mit Euch zusammenarbeiten?

К. K.: In neun Jahren hat syg.ma etwa 25.000 Beiträge veröffentlicht. In diesem Sinne können wir sagen, dass wir ein vollwertiges Archiv des kulturellen und intellektuellen Lebens des letzten Jahrzehnts in Russland sind. Pro Monat besuchen zwischen 150.000 und 250.000 einzigartige Nutzer*innen die Website. Bedingte Aufschlüsselung nach Ländern pro Monat: aus Russland 9000, aus der Ukraine 6000, aus Deutschland 4000, aus den USA 2500, aus Frankreich 2000, aus Kasachstan, Belarus, Georgien, Armenien je 1500 usw.

 

novinki: Welche Bedeutung haben Spenden für die Existenz der Plattform und ihrer Projekte?

К. K.: syg.ma wird weitgehend ehrenamtlich betrieben. Die meiste Zeit arbeiten wir unentgeltlich, in unserer Freizeit realisieren wir (oft mit dem gesamten Redaktionsteam) bezahlte Projekte nebenher, manchmal gewinnen wir für einzelne Projekte Fördermittel von Stiftungen und Institutionen – dann wird unsere Arbeit bezahlt.

In den letzten beiden Jahren vor dem großen Einmarsch konnte die Redaktion durch Spenden eine Person finanzieren, die unsere sozialen Netzwerke betreute. Nach des Krieges, als Überweisungen aus Russland blockiert wurden, verschwand diese Möglichkeit und die Zahl der Spenden ging stark zurück. Außerdem haben wir beschlossen, nicht mit russischen Institutionen zusammenzuarbeiten, was unsere finanziellen Mittel ebenfalls einschränkte. Nach Beginn der vollumfänglichen Invasion halfen uns mehrere europäische Stiftungen, einige große Sonderprojekte umzusetzen und unterstützten damit uns und unsere Autor*innen. Diese sind nun beendet und es gibt nichts, was syg.ma momentan finanzielle Unterstützung bringen würde. Wer ein internationales Konto hat, kann uns über Patreon unterstützen.

 

novinki: Welche Aspekte schätzt Du an der Arbeit in der syg.ma-Redaktion, welche Zweifel und Sorgen hast Du möglicherweise? Wie sieht die nähere Zukunft der Plattform aus?

К. K.: syg.ma ist für mich ein sehr wichtiges Projekt, dem ich mich ethisch, theoretisch und ideologisch tief verbunden fühle. Am meisten schätze ich die Möglichkeit, mit einer großen Anzahl von mir sehr am Herzen liegenden Initiativen zu kommunizieren – und dazu jeden Tag interessante Texte zu lesen, denn das ist buchstäblich mein Job. Was Sorgen angeht, so kann es natürlich sein, dass ich und der Rest des Teams aus verschiedenen Gründen irgendwann nicht mehr genug Zeit und Energie für die notwendige Betreuung und Aktualisierung der Plattform haben – wenn wir es nicht bewerkstelligen, auf ihrer Grundlage zumindest eine minimale finanzielle Stabilität zu erlangen.

In Zukunft wollen wir den Plattformcharakter der Seite noch stärker in den Mittelpunkt rücken, sodass die Communities unsere Plattform unabhängig vom Redaktionsbetrieb als ihre eigene Website nutzen können. So können sie ihre Sammlungen individuell gestalten (siehe zum Beispiel FAS oder Cosmic Bulletin). Wir wünschen uns natürlich, dass noch mehr verschiedene Sprachen und Perspektiven auf der Plattform vertreten sind; möchten, dass sich aktivistische Texte und vertiefte Analysen und Recherchen gegenseitig ergänzen, indem sie tiefgehende Theorie und Praxis miteinander verbinden.

Außerdem haben wir vor kurzem eine große Aktualisierung unseres Editorprogramms vorgenommen und die Möglichkeit hinzugefügt, noch visuellere Bildbeiträge zu erstellen. Wir haben die Navigation und die Suchfunktion der Plattform verbessert. Insgesamt denke ich, dass die Struktur unseres Projekts bereits etabliert ist und gut funktioniert. Mit einem relativ geringen personellen und zeitlichen Ressourcenverbrauch des Redaktionsteams wird die Plattform weiterbetrieben, entwickelt und reproduziert sich.

 

novinki: Wie ist die Redaktion 2014 auf den Namen syg.ma gekommen?

K.K.: Das passierte ziemlich zufällig. Wir orientierten uns damals auf Ebene der Funktionalität an medium.com, und eine der Gründerinnen des Projekts hatte die Idee, dass – da eine der Bedeutungen von ‚sigma‘ in der Mathematik entweder 200 oder 400 ist – dies als Erklärung dafür verwendet werden kann, dass jeder Plattformbeitrag eine Mindestanzahl von Zeichen haben wird (im Gegensatz zu Twitter, wo es eine maximale Anzahl von Zeichen gibt). Dann war da noch der Gedanke, dass ‚sigma‘ Summe bedeutet. Aber all das war schnell vergessen, als wir feststellten, dass allen Freunden, mit denen wir uns berieten, das Wort einfach gefiel.

 

novinki: Vielen Dank, dass Du Dir Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten!

 

Das Interview wurde von Elisabeth Bauer im Februar 2024 geführt.

Online-Plattform syg.ma: „Wir wollen Solidaritätsnetzwerke über nationale Grenzen hinweg errichten“ - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Online-Platt­form syg.ma: „Wir wollen Soli­da­ri­täts­netz­werke über natio­nale Grenzen hinweg errichten“

Read this inter­view in Eng­lish.  / Читать интервью на русском языке.

 

syg.ma ist eine mehr­spra­chige, selbst­or­ga­ni­sierte, offene Online-Platt­form, auf der Forscher*innen, Künstler*innen, Klein­ver­lage und akti­vis­ti­sche Gemein­schaften ihr eigenes Mate­rial ver­öf­fent­li­chen. syg.ma wurde 2014 in Moskau gegründet und ist heute nicht nur ein leben­diges Medium, son­dern auch ein Archiv mit mehr als 25.000 Ver­öf­fent­li­chungen zu Phi­lo­so­phie, Kunst, Politik, Psy­cho­ana­lyse und Film, dar­unter akti­vis­ti­sche Mani­feste, aka­de­mi­sche Auf­sätze und Gedicht­samm­lungen. Die Web­site wird monat­lich von 150.000 bis 250.000 Nut­zern aus der ganzen Welt besucht.

Nach Beginn der voll­um­fäng­li­chen Inva­sion Russ­lands in die Ukraine wurde das Haupt­ziel von syg.ma – eine Platt­form zu sein, die ver­schie­dene Gemein­schaften zusam­men­bringt – noch wich­tiger: syg.ma nahm eine klare Anti­kriegs­hal­tung ein und kon­zen­trierte sich darauf, sein inter­na­tio­nales Publikum zu erwei­tern, indem es seine sprach­liche Prä­senz auf der Platt­form diver­si­fi­zierte und künst­le­ri­sche, kul­tu­relle und akti­vis­ti­sche Com­mu­ni­ties aus der ganzen Welt, ein­schließ­lich der Ukraine, enga­gierte. In seinem Streben nach Hori­zon­ta­lität und einem aus­ge­prägten Platt­form­cha­rakter stellt syg.ma eine wert­volle Alter­na­tive sowohl zu kreml­nahen als auch zu „unab­hän­gigen“ libe­ralen Medien im rus­sisch­spra­chigen und inter­na­tio­nalen Medi­en­raum dar.

novinki ver­öf­fent­licht ein Inter­view mit Kon­stantin Kor­jagin, einem der Redak­teure von syg.ma. Als Russ­land die Ukraine angriff, beschloss er, nicht nach Russ­land zurück­zu­kehren, son­dern in Berlin zu bleiben, und fand sich schließ­lich, wie ein Groß­teil der Redak­tion, im Exil wieder. syg.ma steht mit (vor allem linken) Gemein­schaften und Autoren sowohl im Land des Aggres­sors als auch in der ganzen Welt in Ver­bin­dung – und strebt danach, eine Platt­form zu sein, „auf der ver­schie­dene akti­vis­ti­sche und ehren­amt­liche Gemein­schaften sich gegen­seitig lesen und ken­nen­lernen, ihre Erfah­rungen und Leser­schaften unter­ein­ander aus­tau­schen“, auf der sich „akti­vis­ti­sche Texte und ver­tiefte Ana­lysen und Recher­chen gegen­seitig ergänzen, indem sie tief­ge­hende Theorie und Praxis mit­ein­ander verbinden.“

 

novinki: Wann und in wel­chem Rahmen hast Du zum ersten Mal von syg.ma gehört? Seit wann bist Du Redak­ti­ons­mit­glied und was ist Deine der­zei­tige Posi­tion im Team?

Kon­stantin Kor­jagin: Ich habe syg.ma in seinem Grün­dungs­jahr 2014 ken­nen­ge­lernt. Ich erin­nere mich, dass mir sehr gut gefiel, wie auf der Platt­form tage­buch­ar­tige Notizen von mir unbe­kannten Autoren neben ernst­haften aka­de­mi­schen Auf­sätzen von nam­haften Phi­lo­so­phen, expe­ri­men­telle Poesie neben großen Son­der­pro­jekten wie dem „offi­zi­ellen Blog der Mos­kauer Bien­nale“ plat­ziert waren. Für mich war dies ein sehr inspi­rie­rendes Bei­spiel für die hori­zon­tale Umver­tei­lung von sym­bo­li­schem Kapital und die Ver­schie­bung eta­blierter Hier­ar­chien. Durch die Lek­türe von syg.ma war es mög­lich, das Leben der selbst­or­ga­ni­sierten kul­tu­rellen Initia­tiven im rus­sisch­spra­chigen Raum zu ver­folgen und sich über die Neu­heiten unab­hän­giger Buch­ver­lage auf dem Lau­fenden zu halten. Außerdem wurden viele Texte zur zeit­ge­nös­si­schen kon­ti­nen­talen Phi­lo­so­phie und Psy­cho­ana­lyse, womit ich mich damals stark beschäf­tigte, veröffentlicht.

Ich wurde im März 2018 Redak­ti­ons­mit­glied, wäh­rend ich an der Phi­lo­so­phi­schen Fakultät in St. Peters­burg stu­dierte. Ein Freund holte mich in die Redak­tion. Seitdem bin ich einer der Redakteure/Kuratoren der Platt­form und haupt­säch­lich dafür ver­ant­wort­lich, Autor*innen, Texte und Themen zu finden, Com­mu­ni­ties ein­zu­laden Teil der Platt­form zu werden, mit ihnen zu kom­mu­ni­zieren. Hin und wieder ver­walte ich auch die sozialen Medien.

 

novinki: Wie viele feste Redak­ti­ons­mit­glieder gibt es der­zeit, wo sind sie mitt­ler­weile ansässig?

К. K.: Im Moment besteht syg.ma aus sechs Per­sonen: drei Redakteur*innen, zwei Programmier*innen, ein Redak­ti­ons­leiter. Und wenn wir Geld haben, stellen wir eine*n SMM-Manager*in auf Hono­rar­basis ein. Wenn kein Geld da ist, betreiben die Redakteur*innen die sozialen Netz­werke selbst. Abge­sehen von einer Person, die in Usbe­ki­stan geboren und auf­ge­wachsen ist, sind die anderen Mit­glieder der Redak­tion in ver­schie­denen Regionen Russ­lands geboren und auf­ge­wachsen. Nach Kriegs­be­ginn ver­ließ jener Teil des Redak­ti­ons­teams, der noch in Russ­land war, das Land, weil er sich gegen den Krieg posi­tio­nierte – und weil es ein­fach nicht sicher war, ein sol­ches Pro­jekt in Russ­land zu wei­ter­zu­führen. Jetzt sind wir über die ganze Welt ver­streut: in Geor­gien, Arme­nien, Deutsch­land, den USA.

Zu unserem Öko­system gehört auch das radio.syg.ma – mit Mixes, Ver­öf­fent­li­chungen und Live-Auf­tritten von expe­ri­men­tellen Musi­kern aus der ganzen Welt. Das Radio hat zwar seine eigene Redak­tion, aber sein Weg, seine Posi­tio­nie­rung und seine geo­gra­fi­sche Ver­or­tung sind ganz ähn­lich wie unsere.

 

novinki: Das Grün­dungs­jahr von syg.ma ist 2014. Fällt es zufällig mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine zusammen oder steht es mög­li­cher­weise in irgend­einer Ver­bin­dung dazu?

К. K.: Das ist ein Zufall.

 

syg.ma ist eine selbst­or­ga­ni­sierte Plattform,
die Autoren und Gemein­schaften plat­zieren ihre Texte
meist selbst auf unserer Plattform“

 

novinki: Eines der Ziele des Pro­jekts ist es, alter­na­tive Kol­lek­tive und Gemein­schaften zu unter­stützen – haupt­säch­lich in Russ­land, aber nicht nur. syg.ma wurde als „expe­ri­men­telle“ Platt­form kon­zi­piert – ein neues, alter­na­tives Medi­en­pro­jekt, das es in der rus­sisch­spra­chigen Medi­en­welt bisher nicht gab. Bitte erzähl uns ein wenig über die Struktur und die Ziele der Plattform.

К. K.: Es ist sehr wichtig zu ver­stehen, dass syg.ma eine selbst­or­ga­ni­sierte Platt­form ist. Die Autoren und Gemein­schaften plat­zieren ihre Texte meist selbst auf unserer Platt­form und nutzen sie als ihre eigene Web­site und als Archiv, in dem ihre Texte gespei­chert sind. So finden sich auf syg.ma heute Samm­lungen von unab­hän­gigen Buch­ver­lagen, von künst­le­ri­schen und akti­vis­ti­schen Gemein­schaften, von kul­tu­rellen Insti­tu­tionen und ein­zelnen Autor*innen. Diese Texte werden von uns bewusst nicht redi­giert. Die Auf­gabe und Funk­tion der Redateur*innen der Platt­form ist daher über­wie­gend kura­to­risch und besteht in der Autor*innen- und Com­mu­nity-Suche und im Kom­mu­ni­zieren mit ihnen. Außerdem in der Aus­wahl der Texte, die auf syg.ma ver­öf­fent­licht werden: Wir wählen aus, welche Bei­träge wir för­dern und auf der Platt­form sicht­barer machen (z.B. indem wir sie auf die Start­seite stellen, sie in the­ma­ti­sche Samm­lungen auf­nehmen und in sozialen Netz­werken posten) und welche nicht. Des­halb bezeichnen wir uns auch oft als eine „schwache Redaktion“.

Zudem haben wir Spe­zi­al­pro­jekte, etwa den „Atlas“, bei dem wir und unsere Autor*innen über Grenzen und Iden­ti­täten nach­denken, oder „Taškent-Tiblisi“ über die Geschichte und Kultur Zen­tral­asiens, für die wir über Bud­gets (meist Sti­pen­dien) ver­fügen und bei denen wir als voll­wer­tiges Redak­ti­ons­team fun­gieren: Wir denken uns im Voraus Themen aus, zahlen den Autoren Hono­rare, lesen und redi­gieren die Texte. Wir orga­ni­sieren auch die Zusam­men­ar­beit mit anderen Medien, z.B. haben wir eine eigene Samm­lung rus­si­scher Über­set­zungen aus­ge­wählter Texte der Zeit­schrift e‑flux.

Unser ursprüng­li­ches Ziel war es, einen Prä­ze­denz­fall einer selbst­or­ga­ni­sierten Platt­form zu schaffen, die sich selbst finan­ziert und gleich­zeitig relativ populär ist, um auf diese Weise die Stimmen selbst­or­ga­ni­sierter künst­le­ri­scher und kul­tu­reller Initia­tiven, unab­hän­giger Ver­lage, linker und femi­nis­ti­scher poli­ti­scher Bewe­gungen, deko­lo­nialer Aktivist*innen, wis­sen­schafts­naher Autor*innen und Lyrik-Gemein­schaften zu stärken, indem wir ihnen Zugang zu den Publi­kums­kreisen der jeweils anderen zu ver­schaffen. Wir wollten die Sicht­bar­keit all derer erhöhen, die sich in den klas­si­schen Medien, die in Russ­land vor dem Krieg ent­weder staat­lich-kon­ser­vativ oder oppo­si­tio­nell, aber rechts­li­beral aus­ge­richtet waren, nicht wie­der­fanden. In diesem Sinne stellte und stellt syg.ma natür­lich eine Alter­na­tive dar.

Es sollte ver­standen werden, dass wir nie ein Nach­rich­ten­me­dium waren und auch in Zukunft nicht sein werden, ein Medium, wie es zum Bei­spiel DOXA in vie­lerlei Hin­sicht geworden ist. Es kann also nicht gesagt werden, dass wir auf dem glei­chen Feld wie diese „klas­si­schen“ Medien gespielt und ver­sucht haben, mit ihnen zu kon­kur­rieren. Wir hatten schon immer einen anderen, expe­ri­men­tel­leren, dis­kur­siven und ana­ly­ti­schen Schwer­punkt: Wir haben femi­nis­ti­sche Poesie, deko­lo­niale Stu­dien, Tage­buch­auf­sätze, aka­de­mi­sche Essays über Phi­lo­so­phie und Psy­cho­ana­lyse, Kunst­kritik, Phi­lo­so­phie­über­set­zungen und anderes veröffentlicht.

Illus­tra­tion (auch Bei­trags­bild, oben): © Sonja Umans­kaja / Sonya Umanskaya.

novinki: syg.ma bietet nicht nur ein­zelnen Autor:innen, son­dern auch Kol­lek­tiven eine Platt­form. Dies wurde auch nach Februar 2022 deut­lich, als ver­schie­dene Posi­tionen und Mani­feste gegen den Krieg auf syg.ma erschienen. Wie hat syg.ma auf die rus­si­sche Inva­sion in die Ukraine reagiert, welche Mate­ria­lien sind seither erschienen? Kann syg.ma eine Platt­form für eine kri­ti­sche Refle­xion des Krieges und für Anti­kriegs­pro­test inner­halb (und außer­halb) des „Aggres­sor­landes“ werden?

К. K: Als der Krieg begann, stellten wir unsere Arbeit für einen Monat ein, da wir keine Mög­lich­keit sahen, in einem sol­chen Moment [des Angriffs­krieges – Anm. der Redak­tion] Inhalte über Kultur zu ver­öf­fent­li­chen. Als dann klar wurde, dass der Krieg nicht enden würde, und andere oppo­si­tio­nelle Medien in Russ­land blo­ckiert wurden, beschlossen wir, dass es sehr wichtig war, unsere Arbeit wieder auf­zu­nehmen, um Anti­kriegs­po­si­tionen und eine unzen­sierte Dis­kus­sion der sich voll­zie­henden Situa­tion zu unterstützen.

Wir ver­fassten die fol­gende Erklä­rung. Wir haben zwar nicht alles umsetzen können, was wir uns vor­ge­nommen hatten, aber unsere redak­tio­nellen Richt­li­nien haben sich trotzdem stark ver­än­dert: Wir haben die Mode­ra­ti­ons­re­geln und die Kri­te­rien für die Auf­nahme von Texten auf die Start­seite ver­schärft (alle Texte, die die rus­si­sche Aggres­sion auf irgend­eine noch so sub­tile Weise ver­tei­digen, werden ohnehin blo­ckiert und gelöscht), wir haben unseren Schwer­punkt von kul­tu­rellen, künst­le­ri­schen und aka­de­mi­schen auf akti­vis­ti­sche und Frei­wil­li­gen­kol­lek­tive bzw. ihre Texte ver­la­gert, sind von einer rus­si­schen auf eine mehr­spra­chige Sei­ten­struktur umge­stiegen (obwohl wir damit schon vor dem Krieg begonnen hatten) und die gesamte Infra­struktur der Platt­form auf Eng­lisch umge­stellt. Wir haben auch damit begonnen, gezielt nicht-rus­sisch­spra­chige Autor:innen für unsere Platt­form zu gewinnen. Wir haben jetzt viele Texte auf Eng­lisch und Ukrai­nisch, es gibt Texte auf Deutsch, und bald werden wir eine ganze Text­samm­lung auf Usbe­kisch ver­öf­fent­li­chen. Es kann direkt auf der Start­seite auf die gewünschte Sprache umge­schaltet werden.

Kurz nachdem wir eine offene Anti­kriegs­hal­tung ein­ge­nommen hatten, wurden wir in Russ­land blo­ckiert – wir können dort aber wei­terhin über VPN gelesen werden.

Wie ich schon sagte, haben wir es uns zur Auf­gabe gemacht, akti­vis­ti­sche, ehren­amt­liche und gegen den Krieg ein­ge­stellte Gemein­schaften für die Platt­form zu gewinnen. Und auch wich­tige Über­set­zungen zu ver­öf­fent­li­chen, die diesen Krieg ana­ly­sieren. Ver­schie­dene Texte, die den Krieg ana­ly­sieren, können in zwei spe­zi­ellen redak­tio­nellen Samm­lungen gefunden werden: https://syg.ma/antiwar und https://syg.ma/antiwar2. Noch inter­es­sant, was Gemein­schaften anbe­langt: Einige einige große femi­nis­ti­sche Orga­ni­sa­tionen nutzen syg.ma als Haupt­platt­form zur Ver­öf­fent­li­chung seiner Texte, es gibt eine Text­samm­lung der media resis­tance group, Mate­rialen der Uni­ver­sity Plat­form und viele andere.

Die Umver­la­ge­rung des Schwer­punkts auf Anti­kriegs­in­itia­tiven bedeutet dagegen längst nicht, dass wir auf­ge­hört haben, zu anderen Themen zu ver­öf­fent­li­chen. Auch die Prä­sen­ta­tion von Lyrik, Film­kritik, Texte zu Kunst und Phi­lo­so­phie wird auf syg.ma flo­rieren wei­ter­ent­wi­ckelt und aus­ge­baut, und junge Autor*innen stellen ihre Video­ar­beiten auf der Platt­form vor.

 

„Als klar wurde, dass der Krieg nicht enden würde,
und andere oppo­si­tio­nelle Medien in Russ­land blo­ckiert wurden,
beschlossen wir, unsere Arbeit wieder aufzunehmen,
um Anti­kriegs­po­si­tionen und eine unzen­sierte Dis­kus­sion zu unterstützen“

 

novinki: Welche Bedeu­tung hat die inter­na­tio­nale Aus­rich­tung der Platt­form für Euch  – und wie wichtig ist es Euch, die Ver­bin­dung zu Kol­lek­tiven, die inner­halb Russ­lands starker Zensur aus­ge­setzt sind, auf­recht zu erhalten? Welche Ver­bin­dungen habt Ihr in die Ukraine?

К. K.: Die inter­na­tio­nale Aus­rich­tung ist uns sehr wichtig, weil wir Netz­werke der Soli­da­rität über natio­nalen Grenzen auf­bauen wollen. Wir wollen eine Platt­form sein, auf der sich Texte und Men­schen aus ver­schie­denen Län­dern und Kon­texten treffen, die aber dar­über hinaus gewisse gemein­same Werte teilen. Des­halb freuen wir uns beson­ders dar­über, dass wäh­rend des Krieges ver­schie­dene Autoren und Gemein­schaften aus der Ukraine, die auf Ukrai­nisch schreiben, zu syg.ma hin­zu­ge­stoßen sind. Einige von ihnen haben wir gezielt ange­spro­chen, andere kamen von sich aus. Es han­delt sich zumeist um Aktivist*innen und Forscher*innen mit linken Posi­tionen, was meiner Mei­nung nach nicht ver­wun­der­lich ist, da in linken Kreisen schon immer eine uni­ver­selle, inter­na­tio­nale Kom­po­nente betont wurde. Wir unter­halten auch Kon­takte zu Autor*innen aus Russ­land, von denen viele anonym oder unter Pseud­onym veröffentlichen.

Als Bei­spiel des zuvor Gesagten möchte ich die bei uns ver­öf­fent­lichten „Kriegs­ta­ge­bü­cher“ der ukrai­ni­schen Gen­der­for­scherin und Femi­nistin Irina Žereb­kina nennen.

 

novinki: Gibt es Daten, die mehr dar­über ver­raten könnten, wer syg.ma liest, wie groß Euer Publikum ist und wie viele feste/freie Autor*innen mit Euch zusammenarbeiten?

К. K.: In neun Jahren hat syg.ma etwa 25.000 Bei­träge ver­öf­fent­licht. In diesem Sinne können wir sagen, dass wir ein voll­wer­tiges Archiv des kul­tu­rellen und intel­lek­tu­ellen Lebens des letzten Jahr­zehnts in Russ­land sind. Pro Monat besu­chen zwi­schen 150.000 und 250.000 ein­zig­ar­tige Nutzer*innen die Web­site. Bedingte Auf­schlüs­se­lung nach Län­dern pro Monat: aus Russ­land 9000, aus der Ukraine 6000, aus Deutsch­land 4000, aus den USA 2500, aus Frank­reich 2000, aus Kasach­stan, Belarus, Geor­gien, Arme­nien je 1500 usw.

 

novinki: Welche Bedeu­tung haben Spenden für die Exis­tenz der Platt­form und ihrer Projekte?

К. K.: syg.ma wird weit­ge­hend ehren­amt­lich betrieben. Die meiste Zeit arbeiten wir unent­gelt­lich, in unserer Frei­zeit rea­li­sieren wir (oft mit dem gesamten Redak­ti­ons­team) bezahlte Pro­jekte nebenher, manchmal gewinnen wir für ein­zelne Pro­jekte För­der­mittel von Stif­tungen und Insti­tu­tionen – dann wird unsere Arbeit bezahlt.

In den letzten beiden Jahren vor dem großen Ein­marsch konnte die Redak­tion durch Spenden eine Person finan­zieren, die unsere sozialen Netz­werke betreute. Nach [Aus­wei­tung] des Krieges, als Über­wei­sungen aus Russ­land blo­ckiert wurden, ver­schwand diese Mög­lich­keit und die Zahl der Spenden ging stark zurück. Außerdem haben wir beschlossen, nicht mit rus­si­schen Insti­tu­tionen zusam­men­zu­ar­beiten, was unsere finan­zi­ellen Mittel eben­falls ein­schränkte. Nach Beginn der voll­um­fäng­li­chen Inva­sion halfen uns meh­rere euro­päi­sche Stif­tungen, einige große Son­der­pro­jekte umzu­setzen und unter­stützten damit uns und unsere Autor*innen. Diese sind nun beendet und es gibt nichts, was syg.ma momentan finan­zi­elle Unter­stüt­zung bringen würde. Wer ein inter­na­tio­nales Konto hat, kann uns über Patreon unterstützen.

 

novinki: Welche Aspekte schätzt Du an der Arbeit in der syg.ma-Redak­tion, welche Zweifel und Sorgen hast Du mög­li­cher­weise? Wie sieht die nähere Zukunft der Platt­form aus?

К. K.: syg.ma ist für mich ein sehr wich­tiges Pro­jekt, dem ich mich ethisch, theo­re­tisch und ideo­lo­gisch tief ver­bunden fühle. Am meisten schätze ich die Mög­lich­keit, mit einer großen Anzahl von mir sehr am Herzen lie­genden Initia­tiven zu kom­mu­ni­zieren – und dazu jeden Tag inter­es­sante Texte zu lesen, denn das ist buch­stäb­lich mein Job. Was Sorgen angeht, so kann es natür­lich sein, dass ich und der Rest des Teams aus ver­schie­denen Gründen irgend­wann nicht mehr genug Zeit und Energie für die not­wen­dige Betreuung und Aktua­li­sie­rung der Platt­form haben – wenn wir es nicht bewerk­stel­ligen, auf ihrer Grund­lage zumin­dest eine mini­male finan­zi­elle Sta­bi­lität zu erlangen.

In Zukunft wollen wir den Platt­form­cha­rakter der Seite noch stärker in den Mit­tel­punkt rücken, sodass die Com­mu­ni­ties unsere Platt­form unab­hängig vom Redak­ti­ons­be­trieb als ihre eigene Web­site nutzen können. So können sie ihre Samm­lungen indi­vi­duell gestalten (siehe zum Bei­spiel FAS oder Cosmic Bul­letin). Wir wün­schen uns natür­lich, dass noch mehr ver­schie­dene Spra­chen und Per­spek­tiven auf der Platt­form ver­treten sind; möchten, dass sich akti­vis­ti­sche Texte und ver­tiefte Ana­lysen und Recher­chen gegen­seitig ergänzen, indem sie tief­ge­hende Theorie und Praxis mit­ein­ander verbinden.

Außerdem haben wir vor kurzem eine große Aktua­li­sie­rung unseres Edi­tor­pro­gramms vor­ge­nommen und die Mög­lich­keit hin­zu­ge­fügt, noch visu­el­lere Bild­bei­träge zu erstellen. Wir haben die Navi­ga­tion und die Such­funk­tion der Platt­form ver­bes­sert. Ins­ge­samt denke ich, dass die Struktur unseres Pro­jekts bereits eta­bliert ist und gut funk­tio­niert. Mit einem relativ geringen per­so­nellen und zeit­li­chen Res­sour­cen­ver­brauch des Redak­ti­ons­teams wird die Platt­form wei­ter­be­trieben, ent­wi­ckelt und repro­du­ziert sich.

 

novinki: Wie ist die Redak­tion 2014 auf den Namen syg.ma gekommen?

K.K.: Das pas­sierte ziem­lich zufällig. Wir ori­en­tierten uns damals auf Ebene der Funk­tio­na­lität an medium.com, und eine der Grün­de­rinnen des Pro­jekts hatte die Idee, dass – da eine der Bedeu­tungen von ‚sigma‘ in der Mathe­matik ent­weder 200 oder 400 ist – dies als Erklä­rung dafür ver­wendet werden kann, dass jeder Platt­form­bei­trag eine Min­dest­an­zahl von Zei­chen haben wird (im Gegen­satz zu Twitter, wo es eine maxi­male Anzahl von Zei­chen gibt). Dann war da noch der Gedanke, dass ‚sigma‘ Summe bedeutet. Aber all das war schnell ver­gessen, als wir fest­stellten, dass allen Freunden, mit denen wir uns berieten, das Wort ein­fach gefiel.

 

novinki: Vielen Dank, dass Du Dir Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten!

 

Das Inter­view wurde von Elisabeth Bauer im Februar 2024 geführt.