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Ausbruch aus dem Unbewussten

Posted on 22. November 2009 by Tatjana Petzer
Es wird nicht still um Kroatiens lost generation der 1990er und das Lesen lohnt sich. Das meint jedenfalls Dalibor Šimpraga, der als Schriftsteller den Anspruch hat, postsozialistische Verfahren in der Literatur zu erproben. Nun hat er einen Roman veröffentlicht, der den Blick für die Epiphanien des Alltags schärft.

Ein Interview mit Dalibor Šimpraga

 

Der Autor Dalibor Šimpraga (*1969) lebt in seiner Geburtsstadt Zagreb, wo er hauptberuflich als Kulturredakteur der Zeitschrift Globus arbeitet.

SimpragaBekannt wurde er für seine Kaffeechen (Kavice), Kurzgeschichten im Zagreber Slang, die er in den 1990er Jahren unter einem Pseudonym im Internet veröffentlichte. Gemeinsam mit seinem Schriftstellerkollegen Igor Štiks gab er das Buch 22 im Schatten, eine Anthologie junger kroatischer Prosa der 1990er Jahre,heraus. 2003 war er Mitbegründer der Literaturzeitschrift Phantom der Freiheit, die Neues aus der literarischen und intellektuellen Szene präsentiert. Für sein Romandebüt Anastasia erhielt er 2008 den derzeit höchstdotierten kroatischen Literaturpreis roman@tportal.hr.

 

novinki: In den 1990er Jahren hast Du Dir eine Doppelidentität als „Andrej Puplin“ zugelegt. Wie kam es zu diesem Spiel mit Identitäten, der Mystifikation von Autorschaft?

 

Dalibor Šimpraga: Ich stellte fest, dass Angaben zu Autoren einzig in einem kurzen Vermerk auf dem Klappentext eines Buches zu finden waren oder aber direkt unter der Veröffentlichung in einer Zeitschrift – ich spreche natürlich von der Zeit vor dem Internet. Damals kam es in Kroation selten vor, dass zu den Infos auch noch die Fotografie des Schriftstellers abgedruckt wurde, schon gar nicht, wenn es sich um junge Literaten handelte, die weder celebrities waren noch Interviews in Zeitschriften gaben. Also wagte ich ein Experiment und dachte mir eine neue Autorenpersönlichkeit aus.1995 begann ich, Kurzgeschichten im Zagreber Slang zu schreiben und diese unter dem Namen Andrej Puplin zu veröffentlichen. Dann passierte etwas, was ich so nicht erwartet hatte. Vermutlich lag es am spezifischen Humor und an der subversiven Thematik dieser Texte, also an der Art und Weise, wie hier mit der aktuellen Politik und den staatlichen „Wahrheiten“ umgegangen wurde – die Kurzgeschichten erfreuten sich jedenfalls wachsender Popularität. Puplins Texte dienten als Vorlage für ein Monodrama, das sogar verfilmt wurde. Also entschied ich mich, das Spiel fortzusetzen. Ich führte mit diesem vermeintlichen Schriftsteller ein Interview für eine Literaturzeitschrift – die Täuschung war perfekt.
Als ich mich viele Jahre später dazu entschied, die Geschichten gesammelt zu veröffentlichen, stimmte ich, ein wenig auch unter dem Einfluß des Herausgebers Nenad Popović, zu, unter das Buch Andrej Puplins Kaffeechen meinen Namen zu setzen. Das Spiel war nun eine Sache der Vergangenheit, und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, also 2002, wußten bereits viele, dass ich der eigentliche Verfasser von Puplins Texten war. Dennoch habe ich jenes Interview mit Puplin angefügt, als Appendix sozusagen, der dem Ganzen Züge des postmodernistischen Spiels und literarischer Kombinatorik verleiht.

 

n.: Auch der Held Deines Romans Anastasia gehört zu der 1990er-Generation: Goran Kanevski, 30 Jahre alt, Studium der Kunstgeschichte, wohnhaft in Zagreb bei seiner Mutter, befangen in der Liebe, verstrickt in Träumen und deren Ausdeutungen. Gorans Geschichte erzählst Du allerdings mehrschichtig: die real-fiktive wird durch eine geschichtlich-imaginäre und eine phantastische Ebene komplementiert.

 

Š.: Genau. Ich glaube, die nackte Erzählung von einem jungen Mann, der im Zagreb der 1990er ohne Orientierung vor sich hinlebt, hätte kaum jemanden in Kroatien, geschweige denn jenseits der Landesgrenzen interessiert. Als der Roman Anastasia erschien, waren bereits um die zehn Prosabände auf dem Markt, die von desorientierten Menschen handelten. Das Thema der Transitionsrealität sowie der Kriegs- und Nachkriegstraumata galt sogar als Trend in der Literatur. Die Literaturkritik hatte dafür bereits einen Namen gefunden, sie nannte das „Wirklichkeitsprosa“. Das heißt wohl nichts anderes, als sich gut auf „Realismus“, „Neorealismus“, „Naturalismus“ usw. zu verstehen. Aber darin liegt doch kein neuer, postsozialistischer Ansatz. Als Autor hätte ich jedenfalls kein Interesse, dieses Schema zu bedienen.Das Schreiben über die „verlorene Generation“ bildet in Anastasia lediglich das Fundament für eine komplexe Romanstruktur, die sich aus mehreren Erzähsträngen zusammensetzt: den Träumen der Hauptfigur Goran Kanevski, ein psychoanalytischer Bericht über die Therapie, der er sich unterworfen hat, die Erzählung vom byzantischen Alchemisten Konstantin, die wiederum ein Roman ist, den Goran schreibt usw. Alle Nebenfiguren, also der Psychiater, der Alchemist usw., sind allesamt Gorans alter ega.

 

n.: Und da wäre noch Mehmet Karagöz – Gorans alter ego aus dem Bosnien des 16. Jahrhunderts…

 

Š.: Zunächst einmal hat die Erzählung von Mehmet Karagöz und der Zerstörung der Alten Brücke von Mostar im Jahre 1993 eine große symbolische Bedeutung. Sie ist deshalb im Roman auch an zentraler Stelle positioniert und ideologisch mächtig aufgeladen. Die Zerstörung der Brücke ist ein Verbrechen, das von kroatischer Seite in den kriegerischen Auseinandersetzungen von 1991-1995 begangen wurde.
Mehmet Karagöz, im Roman der Enkel des erwähnten Alchemisten, ist also eine weiteres alter ego der Hauptfigur. Er dient als Metapher für einen Menschen, der aus dem Unvermögen, etwas Bedeutsames zu erschaffen, in einem herausragenden Kunstwerk von anderer Hand ein geheimes Zeichen hinterläßt, in der Hoffnung, dass es irgendjemand irgendwann zu entschlüsseln vermag. Die Analogie zwischen der Alten Brücke und dem Roman Anastasia ist hier keineswegs zufällig.

 

n.: Dein Roman verzeichnet an mehreren Stellen tektonische Brüche, die für den Balkanraum schicksalsträchtig waren. Neben dem Fall der Alten Brücke in Mostar unter den Geschossen der HVO meine ich konkret den „Fall“ der Hagia Sophia unter Sultan Mehmet II. Geopolitische Umschichtungen und die Demütigung dieser (architektonischen) Schönheiten gehen hier Hand in Hand.

 

Š.: Das stimmt. Insbesondere bei Nationen, die arm an architektonischen Remakes sind, nehmen derartige Bauwerke einen besonderen Platz ein. Sie sind der Beweis für heutige und frühere Zivilisationen, die sich im Raum überlagerten. Wenn ein Krieg oder ein Erdbeben nun ein solches Meisterwerk der Ewigkeit vernichtet, ruft dies, wie der Tod von Menschen, ein kollektives Trauma hervor.Nun weckt das Verschwinden von baulichen Schönheiten, der architektonischen Epiphanien, in mir auch persönliche Gefühle. Ich empfinde immer Trauer oder Unbehagen, ganz gleich ob es sich um die Buddha-Statuen von Bamiyan, die durch die Taliban zerstört wurden, Monte Cassino, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, die Nase der Sphinx, die Napoleons Soldaten zermalmt haben sollen, oder eben die Alte Brücke in Mostar handelt. Mir fällt es schwer, eine Erklärung für dieses Gefühl zu finden. Es scheint unrealistisch, und doch ist es wirklich da. Das Gefühl überkommt mich jedenfalls auch, wenn ich an den römischen Aquädukt denke, der vor 2000 Jahren erbaut wurde und ganz in der Nähe des Hauses von meinem Vater in seinem dalmatinischen Dorf entlangführte. Leider ist er nicht erhalten geblieben. Im Roman habe ich meine Gefühlslage in das Zerstörungsmotiv eingeschrieben.

 

n.: Kommen wir zurück zu Deinem Helden der „verlorenen Generation“, der sich ja auf einer Art Selbstfindungstrip befindet. Warum läßt du Goran gerade mit Hilfe der Psychoanalyse der Frage nach dem Sinn seines Lebens nachspüren?

 

Š.: Im Roman dient mir die Psychoanalyse als eine Metode zur Entdeckung neuer Kontinente in sich selbst. Diese kartographische Arbeit kann ausgesprochen heilsam sein, vorausgesetzt, das Ziel besteht nicht darin, sich aus narzistischen Trieben mit sich selbst zu befassen, sondern weil einen wirklich etwas quält und nicht leben läßt. Die Traumdeutung kann, wie auch andere irrationale Erkenntnismethoden, etwa die Astrologie oder Tarot, eine solide Methode der Heilung und Befreiung sein: von inneren Zwängen und aus Dilemmata, von persönlichen Komplexen und emotionalen Knoten usw. Genau das ist das Thema des Romans: Wie kann man sich befreien? Was heißt: Wie schafft man es, nicht in der Illusion zu leben? Wie kann man sich von den fatalen Folgen einer Illusion befreien, egal ob diese nun aus einer Liebesbeziehung oder der Ehe, der Religion oder der Verteidigung eines Kaiserreichs herrührt?Darüber hinaus hat der psychoanalytische Bericht im Roman noch eine rein pragmatische Funktion. Diese Erzähltechnik ermöglicht es, über den Helden noch eine andere Wahrheit mitzuteilen, der sich dieser gar nicht bewußt ist, und zwar ohne den Text selbst mit apodiktischen Kommentaren von der Sorte „er denkt, er sei so, doch ich, der Erzähler, finde, dass er eigentlich so ist“ zu beschweren. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Hauptfigur Goran Kanevski führt seit Jahren eine Art „erotische Freundschaft“, er hat, wie man das nennt, seine fuck buddy gefunden, ein häufiges Motiv der Männerphantasie. Aus der Perspektive des Psychoanalytikers wird nun allerdings aufgedeckt, dass es sich dabei keinesfalls um eine unverbindliche Beziehung handelt, sondern vielmehr um eine Form starker emotionaler Abhängigkeit.

 

n.: Zu einem Zeitpunkt, da man vielerorts in Zagreb ein klares „Nein“ zum Balkan hört, begibt sich Dein Held ausgerechnet nach Makedonien, dem Land seiner Ahnen. Warum begeistert sich Goran gerade für die byzantinische Kultur und schreibt, wie du vorhin erwähnt hast, einen Roman über den Alchemisten Konstantin?

 

Š.: Die These, der Balkan sei des Unbewußte Westeuropas, ist nicht neu. Für die westlichen Teile des ehemaligen Jugoslawiens wiederum, für Slowenien und Kroatien, ja sogar für Bosnien und die Herzegowina, verkörpern Serbien und Makedonien das Unbewußte. Der Aufbruch in das Herz des Balkans verkörpert den Abstieg in den Untergrund, in das Unbewußte. Es ist im Übrigen das gleiche Unbewußte, das Goran Kanevski während seiner Psychoanalyse durchquert, denn die Traumdeutung ist eine Art Abstieg in das eigene Unbewußte. Und das ist wiederum ein uraltes Motiv: Odysseus, der in den Hades, oder Dante, der in die Hölle hinabsteigt. Diese Erfahrung ist – wenigstens haben uns das Freud, C. G. Jung und ihre Nachfolger gelehrt – für die Reinigung und Heilung innerer Knoten erforderlich. Der Held des Romans, den Goran Kanevski schreibt, ist nicht zufällig ein Alchemist, denn auch dieser sucht nach einer „Lösung“, nach einer Formel zur Rettung.

 

n.: Der konzentrische Romanaufbau von Anastasia, das Erzählen von historischen Momenten, das Balancieren zwischen Gut und Böse – das erinnert alles an Ivo Andrić. Dein Roman stellt auch andere intertextuelle Bezüge her, etwa zu Stefan Zweig, und er hat einen Hauch von Zahlenmystik. Welchen Traditionen in der Literatur fühlst Du Dich verbunden?

 

Š.: Ich bevorzuge Schriftststeller, die komplexe narrative, ja enzyklopädische Stukturen entwerfen. Aber es darf nicht auf „l'art pour l'art“ hinauslaufen. Auch wenn mit der Romanarchitektur gespielt wird, darf der Bezug zum außerliterarischen Leben nicht verloren gehen. Solche Romane unterscheiden sich stark von der so genannten „Literatur aus dem Supermarkt“, also der leichten Lektüre. Es handelt sind um Werke, die sich für eine Sache engagieren, aber dennoch mit intertextuellen Bezügen arbeiten und auf ihre Art und Weise magisch bleiben.Von den Klassikern des westlichen Kanons bevorzuge ich Schriftsteller wie Stendhal, Goethe, Flaubert, Joyce, Thomas Mann… Diese Liste klingt etwas altmodisch, aber gerade diese Autoren scheinen mir heute noch absolut modern. Aus den Reihen der neuen so genannten literarischen „Enzyklopädisten“ favorisiere ich John Fowles und Thomas Pynchon. Ich mag aber auch Autoren, die im Hinblick auf die Komposition keine große Ambitionen zu hegen scheinen und dennoch sehr komplex schreiben: Michel Tournier, John Updike, J. D. Salinger. Von den Jüngsten sind auf meiner Liste der italienische Schriftsteller Niccolò Ammaniti und Jonathan Franzen, der „amerikanische Tolstoj“, dessen Werk The Corrections mir die Hoffnung zurückgab, dass die Zeit der großen Romane noch nicht vorbei ist.

 

n.: Und worin liegt aus Deiner Sicht heute das Potential der kroatischen Literatur?

 

Š.: Diese Frage läßt sich ganz verschieden beantworten. Einerseits sind die Romane und Erzählbände der letzten zehn Jahre, zumindest im Hinblick auf das quantitative Angebot und die Vielfalt an Themen, ein Phänomen des Literatur-Booms, den es in dieser Form in Kroatien noch nicht gegeben hat. Es schreiben Alte und Junge, Hausfrauen und Universitätsprofessoren, Journalisten und Soldaten, Diplomaten und die Ehrfrauen von Fußballspielern, sie schreiben allesamt über Gott und die Welt. Darunter findet man auch einige Titel, die es sich wirklich zu lesen lohnt. Andererseits hat die kroatische Literatur ein touristisches Potential. Ich meine das ohne Ironie. Bevor ich ins Ausland fahre, lese ich gern einen zeitgenössischen Schriftsteller oder schaue mir einen Film aus diesem Land an, und zwar aus dem banalen Grund, dass Literatur und Film viel besser Auskunft über mein Reiseziel geben, als die üblichen trockenen Daten aus dem Internet. Der Roman Schnee von Orhan Pamuk etwa vermittelt einen Einblick in die Türkei, der so in keinem Reiseführer zu finden ist. Ebenso empfielt es sich, ein kroatisches Buch zur Hand zu nehmen, wenn man zum Sommerurlaub an die Adria fährt – es wird jedenfalls kein Fehlgriff sein.

 

22 u hladu: Antologija nove hrvatske proze 90-ih. Zagreb: Celeber 1999. (gemeinsam mit Igor Štiks)
Kavice Andreja Puplina. Zagreb-Sarajevo-Cetinje: Durieux 2002.
Anastasia. Zagreb-Sarajevo-Cetinje: Durieux 2007.

 

Ausbruch aus dem Unbewussten - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Aus­bruch aus dem Unbewussten

Ein Inter­view mit Dalibor Šimpraga

 

Der Autor Dalibor Šim­praga (*1969) lebt in seiner Geburts­stadt Zagreb, wo er haupt­be­ruf­lich als Kul­tur­re­dak­teur der Zeit­schrift Globus arbeitet.

Simpraga

Bekannt wurde er für seine Kaf­fee­chen (Kavice), Kurz­ge­schichten im Zagreber Slang, die er in den 1990er Jahren unter einem Pseud­onym im Internet ver­öf­fent­lichte. Gemeinsam mit seinem Schrift­stel­ler­kol­legen Igor Štiks gab er das Buch 22 im Schatten, eine Antho­logie junger kroa­ti­scher Prosa der 1990er Jahre,heraus. 2003 war er Mit­be­gründer der Lite­ra­tur­zeit­schrift Phantom der Frei­heit, die Neues aus der lite­ra­ri­schen und intel­lek­tu­ellen Szene prä­sen­tiert. Für sein Roman­debüt Ana­stasia erhielt er 2008 den der­zeit höchst­do­tierten kroa­ti­schen Lite­ra­tur­preis roman@tportal.hr.

 

novinki: In den 1990er Jahren hast Du Dir eine Dop­pel­iden­tität als „Andrej Puplin“ zuge­legt. Wie kam es zu diesem Spiel mit Iden­ti­täten, der Mys­ti­fi­ka­tion von Autorschaft?

 

Dalibor Šim­praga: Ich stellte fest, dass Angaben zu Autoren einzig in einem kurzen Ver­merk auf dem Klap­pen­text eines Buches zu finden waren oder aber direkt unter der Ver­öf­fent­li­chung in einer Zeit­schrift – ich spreche natür­lich von der Zeit vor dem Internet. Damals kam es in Kroa­tion selten vor, dass zu den Infos auch noch die Foto­grafie des Schrift­stel­lers abge­druckt wurde, schon gar nicht, wenn es sich um junge Lite­raten han­delte, die weder cele­bri­ties waren noch Inter­views in Zeit­schriften gaben. Also wagte ich ein Expe­ri­ment und dachte mir eine neue Autoren­per­sön­lich­keit aus.1995 begann ich, Kurz­ge­schichten im Zagreber Slang zu schreiben und diese unter dem Namen Andrej Puplin zu ver­öf­fent­li­chen. Dann pas­sierte etwas, was ich so nicht erwartet hatte. Ver­mut­lich lag es am spe­zi­fi­schen Humor und an der sub­ver­siven The­matik dieser Texte, also an der Art und Weise, wie hier mit der aktu­ellen Politik und den staat­li­chen „Wahr­heiten“ umge­gangen wurde – die Kurz­ge­schichten erfreuten sich jeden­falls wach­sender Popu­la­rität. Puplins Texte dienten als Vor­lage für ein Mono­drama, das sogar ver­filmt wurde. Also ent­schied ich mich, das Spiel fort­zu­setzen. Ich führte mit diesem ver­meint­li­chen Schrift­steller ein Inter­view für eine Lite­ra­tur­zeit­schrift – die Täu­schung war perfekt.
Als ich mich viele Jahre später dazu ent­schied, die Geschichten gesam­melt zu ver­öf­fent­li­chen, stimmte ich, ein wenig auch unter dem Ein­fluß des Her­aus­ge­bers Nenad Popović, zu, unter das Buch Andrej Puplins Kaf­fee­chen meinen Namen zu setzen. Das Spiel war nun eine Sache der Ver­gan­gen­heit, und zum Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung, also 2002, wußten bereits viele, dass ich der eigent­liche Ver­fasser von Puplins Texten war. Den­noch habe ich jenes Inter­view mit Puplin ange­fügt, als Appendix sozu­sagen, der dem Ganzen Züge des post­mo­der­nis­ti­schen Spiels und lite­ra­ri­scher Kom­bi­na­torik verleiht.

 

n.: Auch der Held Deines Romans Ana­stasia gehört zu der 1990er-Gene­ra­tion: Goran Kan­evski, 30 Jahre alt, Stu­dium der Kunst­ge­schichte, wohn­haft in Zagreb bei seiner Mutter, befangen in der Liebe, ver­strickt in Träumen und deren Aus­deu­tungen. Gorans Geschichte erzählst Du aller­dings mehr­schichtig: die real-fik­tive wird durch eine geschicht­lich-ima­gi­näre und eine phan­tas­ti­sche Ebene komplementiert.

 

Š.: Genau. Ich glaube, die nackte Erzäh­lung von einem jungen Mann, der im Zagreb der 1990er ohne Ori­en­tie­rung vor sich hin­lebt, hätte kaum jemanden in Kroa­tien, geschweige denn jen­seits der Lan­des­grenzen inter­es­siert. Als der Roman Ana­stasia erschien, waren bereits um die zehn Pro­sa­bände auf dem Markt, die von des­ori­en­tierten Men­schen han­delten. Das Thema der Tran­si­ti­ons­rea­lität sowie der Kriegs- und Nach­kriegs­trau­mata galt sogar als Trend in der Lite­ratur. Die Lite­ra­tur­kritik hatte dafür bereits einen Namen gefunden, sie nannte das „Wirk­lich­keits­prosa“. Das heißt wohl nichts anderes, als sich gut auf „Rea­lismus“, „Neo­rea­lismus“, „Natu­ra­lismus“ usw. zu ver­stehen. Aber darin liegt doch kein neuer, post­so­zia­lis­ti­scher Ansatz. Als Autor hätte ich jeden­falls kein Inter­esse, dieses Schema zu bedienen.Das Schreiben über die „ver­lo­rene Gene­ra­tion“ bildet in Ana­stasia ledig­lich das Fun­da­ment für eine kom­plexe Rom­an­struktur, die sich aus meh­reren Erzäh­strängen zusam­men­setzt: den Träumen der Haupt­figur Goran Kan­evski, ein psy­cho­ana­ly­ti­scher Bericht über die The­rapie, der er sich unter­worfen hat, die Erzäh­lung vom byzan­ti­schen Alche­misten Kon­stantin, die wie­derum ein Roman ist, den Goran schreibt usw. Alle Neben­fi­guren, also der Psych­iater, der Alche­mist usw., sind alle­samt Gorans alter ega.

 

n.: Und da wäre noch Mehmet Karagöz – Gorans alter ego aus dem Bos­nien des 16. Jahrhunderts…

 

Š.: Zunächst einmal hat die Erzäh­lung von Mehmet Karagöz und der Zer­stö­rung der Alten Brücke von Mostar im Jahre 1993 eine große sym­bo­li­sche Bedeu­tung. Sie ist des­halb im Roman auch an zen­traler Stelle posi­tio­niert und ideo­lo­gisch mächtig auf­ge­laden. Die Zer­stö­rung der Brücke ist ein Ver­bre­chen, das von kroa­ti­scher Seite in den krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zungen von 1991–1995 begangen wurde.
Mehmet Karagöz, im Roman der Enkel des erwähnten Alche­misten, ist also eine wei­teres alter ego der Haupt­figur. Er dient als Meta­pher für einen Men­schen, der aus dem Unver­mögen, etwas Bedeut­sames zu erschaffen, in einem her­aus­ra­genden Kunst­werk von anderer Hand ein geheimes Zei­chen hin­ter­läßt, in der Hoff­nung, dass es irgend­je­mand irgend­wann zu ent­schlüs­seln vermag. Die Ana­logie zwi­schen der Alten Brücke und dem Roman Ana­stasia ist hier kei­nes­wegs zufällig.

 

n.: Dein Roman ver­zeichnet an meh­reren Stellen tek­to­ni­sche Brüche, die für den Bal­kan­raum schick­sals­trächtig waren. Neben dem Fall der Alten Brücke in Mostar unter den Geschossen der HVO meine ich kon­kret den „Fall“ der Hagia Sophia unter Sultan Mehmet II. Geo­po­li­ti­sche Umschich­tungen und die Demü­ti­gung dieser (archi­tek­to­ni­schen) Schön­heiten gehen hier Hand in Hand.

 

Š.: Das stimmt. Ins­be­son­dere bei Nationen, die arm an archi­tek­to­ni­schen Remakes sind, nehmen der­ar­tige Bau­werke einen beson­deren Platz ein. Sie sind der Beweis für heu­tige und frü­here Zivi­li­sa­tionen, die sich im Raum über­la­gerten. Wenn ein Krieg oder ein Erd­beben nun ein sol­ches Meis­ter­werk der Ewig­keit ver­nichtet, ruft dies, wie der Tod von Men­schen, ein kol­lek­tives Trauma hervor.Nun weckt das Ver­schwinden von bau­li­chen Schön­heiten, der archi­tek­to­ni­schen Epi­pha­nien, in mir auch per­sön­liche Gefühle. Ich emp­finde immer Trauer oder Unbe­hagen, ganz gleich ob es sich um die Buddha-Sta­tuen von Bamiyan, die durch die Taliban zer­stört wurden, Monte Cas­sino, das im Zweiten Welt­krieg zer­stört wurde, die Nase der Sphinx, die Napo­leons Sol­daten zer­malmt haben sollen, oder eben die Alte Brücke in Mostar han­delt. Mir fällt es schwer, eine Erklä­rung für dieses Gefühl zu finden. Es scheint unrea­lis­tisch, und doch ist es wirk­lich da. Das Gefühl über­kommt mich jeden­falls auch, wenn ich an den römi­schen Aquä­dukt denke, der vor 2000 Jahren erbaut wurde und ganz in der Nähe des Hauses von meinem Vater in seinem dal­ma­ti­ni­schen Dorf ent­lang­führte. Leider ist er nicht erhalten geblieben. Im Roman habe ich meine Gefühls­lage in das Zer­stö­rungs­motiv eingeschrieben.

 

n.: Kommen wir zurück zu Deinem Helden der „ver­lo­renen Gene­ra­tion“, der sich ja auf einer Art Selbst­fin­dungs­trip befindet. Warum läßt du Goran gerade mit Hilfe der Psy­cho­ana­lyse der Frage nach dem Sinn seines Lebens nachspüren?

 

Š.: Im Roman dient mir die Psy­cho­ana­lyse als eine Metode zur Ent­de­ckung neuer Kon­ti­nente in sich selbst. Diese kar­to­gra­phi­sche Arbeit kann aus­ge­spro­chen heilsam sein, vor­aus­ge­setzt, das Ziel besteht nicht darin, sich aus nar­zis­ti­schen Trieben mit sich selbst zu befassen, son­dern weil einen wirk­lich etwas quält und nicht leben läßt. Die Traum­deu­tung kann, wie auch andere irra­tio­nale Erkennt­nis­me­thoden, etwa die Astro­logie oder Tarot, eine solide Methode der Hei­lung und Befreiung sein: von inneren Zwängen und aus Dilem­mata, von per­sön­li­chen Kom­plexen und emo­tio­nalen Knoten usw. Genau das ist das Thema des Romans: Wie kann man sich befreien? Was heißt: Wie schafft man es, nicht in der Illu­sion zu leben? Wie kann man sich von den fatalen Folgen einer Illu­sion befreien, egal ob diese nun aus einer Lie­bes­be­zie­hung oder der Ehe, der Reli­gion oder der Ver­tei­di­gung eines Kai­ser­reichs herrührt?Darüber hinaus hat der psy­cho­ana­ly­ti­sche Bericht im Roman noch eine rein prag­ma­ti­sche Funk­tion. Diese Erzähl­technik ermög­licht es, über den Helden noch eine andere Wahr­heit mit­zu­teilen, der sich dieser gar nicht bewußt ist, und zwar ohne den Text selbst mit apo­dik­ti­schen Kom­men­taren von der Sorte „er denkt, er sei so, doch ich, der Erzähler, finde, dass er eigent­lich so ist“ zu beschweren. Um nur ein Bei­spiel zu nennen: Die Haupt­figur Goran Kan­evski führt seit Jahren eine Art „ero­ti­sche Freund­schaft“, er hat, wie man das nennt, seine fuck buddy gefunden, ein häu­figes Motiv der Män­ner­phan­tasie. Aus der Per­spek­tive des Psy­cho­ana­ly­ti­kers wird nun aller­dings auf­ge­deckt, dass es sich dabei kei­nes­falls um eine unver­bind­liche Bezie­hung han­delt, son­dern viel­mehr um eine Form starker emo­tio­naler Abhängigkeit.

 

n.: Zu einem Zeit­punkt, da man vie­ler­orts in Zagreb ein klares „Nein“ zum Balkan hört, begibt sich Dein Held aus­ge­rechnet nach Make­do­nien, dem Land seiner Ahnen. Warum begeis­tert sich Goran gerade für die byzan­ti­ni­sche Kultur und schreibt, wie du vorhin erwähnt hast, einen Roman über den Alche­misten Konstantin?

 

Š.: Die These, der Balkan sei des Unbe­wußte West­eu­ropas, ist nicht neu. Für die west­li­chen Teile des ehe­ma­ligen Jugo­sla­wiens wie­derum, für Slo­we­nien und Kroa­tien, ja sogar für Bos­nien und die Her­ze­go­wina, ver­kör­pern Ser­bien und Make­do­nien das Unbe­wußte. Der Auf­bruch in das Herz des Bal­kans ver­kör­pert den Abstieg in den Unter­grund, in das Unbe­wußte. Es ist im Übrigen das gleiche Unbe­wußte, das Goran Kan­evski wäh­rend seiner Psy­cho­ana­lyse durch­quert, denn die Traum­deu­tung ist eine Art Abstieg in das eigene Unbe­wußte. Und das ist wie­derum ein uraltes Motiv: Odys­seus, der in den Hades, oder Dante, der in die Hölle hin­ab­steigt. Diese Erfah­rung ist – wenigs­tens haben uns das Freud, C. G. Jung und ihre Nach­folger gelehrt – für die Rei­ni­gung und Hei­lung innerer Knoten erfor­der­lich. Der Held des Romans, den Goran Kan­evski schreibt, ist nicht zufällig ein Alche­mist, denn auch dieser sucht nach einer „Lösung“, nach einer Formel zur Rettung.

 

n.: Der kon­zen­tri­sche Roman­aufbau von Ana­stasia, das Erzählen von his­to­ri­schen Momenten, das Balan­cieren zwi­schen Gut und Böse – das erin­nert alles an Ivo Andrić. Dein Roman stellt auch andere inter­tex­tu­elle Bezüge her, etwa zu Stefan Zweig, und er hat einen Hauch von Zah­len­mystik. Wel­chen Tra­di­tionen in der Lite­ratur fühlst Du Dich verbunden?

 

Š.: Ich bevor­zuge Schriftst­steller, die kom­plexe nar­ra­tive, ja enzy­klo­pä­di­sche Stuk­turen ent­werfen. Aber es darf nicht auf „l’art pour l’art“ hin­aus­laufen. Auch wenn mit der Roman­ar­chi­tektur gespielt wird, darf der Bezug zum außer­li­te­ra­ri­schen Leben nicht ver­loren gehen. Solche Romane unter­scheiden sich stark von der so genannten „Lite­ratur aus dem Super­markt“, also der leichten Lek­türe. Es han­delt sind um Werke, die sich für eine Sache enga­gieren, aber den­noch mit inter­tex­tu­ellen Bezügen arbeiten und auf ihre Art und Weise magisch bleiben.Von den Klas­si­kern des west­li­chen Kanons bevor­zuge ich Schrift­steller wie Stendhal, Goethe, Flau­bert, Joyce, Thomas Mann… Diese Liste klingt etwas alt­mo­disch, aber gerade diese Autoren scheinen mir heute noch absolut modern. Aus den Reihen der neuen so genannten lite­ra­ri­schen „Enzy­klo­pä­disten“ favo­ri­siere ich John Fowles und Thomas Pyn­chon. Ich mag aber auch Autoren, die im Hin­blick auf die Kom­po­si­tion keine große Ambi­tionen zu hegen scheinen und den­noch sehr kom­plex schreiben: Michel Tour­nier, John Updike, J. D. Salinger. Von den Jüngsten sind auf meiner Liste der ita­lie­ni­sche Schrift­steller Nic­colò Amma­niti und Jona­than Franzen, der „ame­ri­ka­ni­sche Tol­stoj“, dessen Werk The Cor­rec­tions mir die Hoff­nung zurückgab, dass die Zeit der großen Romane noch nicht vorbei ist.

 

n.: Und worin liegt aus Deiner Sicht heute das Poten­tial der kroa­ti­schen Literatur?

 

Š.: Diese Frage läßt sich ganz ver­schieden beant­worten. Einer­seits sind die Romane und Erzähl­bände der letzten zehn Jahre, zumin­dest im Hin­blick auf das quan­ti­ta­tive Angebot und die Viel­falt an Themen, ein Phä­nomen des Lite­ratur-Booms, den es in dieser Form in Kroa­tien noch nicht gegeben hat. Es schreiben Alte und Junge, Haus­frauen und Uni­ver­si­täts­pro­fes­soren, Jour­na­listen und Sol­daten, Diplo­maten und die Ehr­frauen von Fuß­ball­spie­lern, sie schreiben alle­samt über Gott und die Welt. Dar­unter findet man auch einige Titel, die es sich wirk­lich zu lesen lohnt. Ande­rer­seits hat die kroa­ti­sche Lite­ratur ein tou­ris­ti­sches Poten­tial. Ich meine das ohne Ironie. Bevor ich ins Aus­land fahre, lese ich gern einen zeit­ge­nös­si­schen Schrift­steller oder schaue mir einen Film aus diesem Land an, und zwar aus dem banalen Grund, dass Lite­ratur und Film viel besser Aus­kunft über mein Rei­se­ziel geben, als die übli­chen tro­ckenen Daten aus dem Internet. Der Roman Schnee von Orhan Pamuk etwa ver­mit­telt einen Ein­blick in die Türkei, der so in keinem Rei­se­führer zu finden ist. Ebenso emp­fielt es sich, ein kroa­ti­sches Buch zur Hand zu nehmen, wenn man zum Som­mer­ur­laub an die Adria fährt – es wird jeden­falls kein Fehl­griff sein.

 

22 u hladu: Anto­lo­gija nove hrvatske proze 90-ih. Zagreb: Celeber 1999. (gemeinsam mit Igor Štiks)
Kavice Andreja Puplina. Zagreb-Sara­jevo-Cet­inje: Durieux 2002.
Ana­stasia. Zagreb-Sara­jevo-Cet­inje: Durieux 2007.