http://www.novinki.de

Yevgenia Belorusets: A Cycle of Lectures on the Modern Lives of Animals

Posted on 23. März 2022 by Yelizaveta Landenberger
Yevgenia Belorusets dokumentiert gerade den Krieg in ihrem Kriegstagebuch von ihrer Heimatstadt Kyjiw aus. Vor einigen Monaten erschien ihr neues Buch Modern Animal. Für den novinki-rezensiert Yelizaveta Landenberger dieses "intermediale literarische Kunstwerk".

Yevgenia Belorusets dokumentiert gerade den Krieg in ihrem Kriegstagebuch von ihrer Heimatstadt Kyjiw aus. Vor einigen Monaten erschien ihr neues Buch "Modern Animal". Für den novinki-Blog rezensiert Yelizaveta Landenberger dieses "intermediale literarische Kunstwerk".

And still, animals cannot understand humans, they remain enigmas.

The human is enveloped in an impenetrable shroud of mystery and no matter what an animal does, it cannot get under it.

No matter how cunning the animal may be, it cannot conclusively decide what a human is and what distinguishes it from an animal: what humans lack entirely, what capacities are somewhat developed, and which ones are even developed to a phenomenal extent (i.e. the sense of smell). In humans, animals only see reflections of themselves mere reflections of their own qualities.

 

Dieser “Einführungsvorlesungstext” stammt aus dem zweiten Buch der ukrainischen Fotografin und Autorin Yevgenia Belorusets Tsikl lektsij o sovremennoj žizni životnych (zu Deutsch, vorläufiger Titel: Vorlesungen über das Leben der Tiere in der heutigen Zeit), ihr erstes Buch Sčastlivyje padenija (Ščaslyvi padinnja) aus dem Jahr 2018 erschien als Glückliche Fälle in deutscher Übersetzung von Claudia Dathe 2019 bei Matthes und Seitz. Aktuell befindet sich Yevgenia Belorusets in Kyjiw und schreibt von dort aus ihr Kriegstagebuch.

Modern Animal ist im vergangenen Sommer fast zeitgleich im russischen Original unter dem Titel Tsikl lektsij o sovremennoj žizni životnych beim Charkiwer Verlag IST Publishing und in englischer Übersetzung (von Bela Shayevich, redigiert von Val Vinokur) als Modern Animal. A Cycle of Lectures on the Modern Lives of Animals in leicht abgeänderter, gekürzter Version in der Reihe von Miniaturausgaben des amerikanischen Kleinverlags isolarii erschienen. Aktuell wird die deutsche Übersetzung vorbereitet – diese wird wieder eine neue, veränderte Fassung des Textes werden, der nicht einfach von Sprache zu Sprache übertragen wird, sondern dabei auch eine Evolution durchläuft. Freuen kann sich die zukünftige Leser*in der deutschen Version auf ein abwechslungsreiches Konvolut aus grotesken Erzählungen, die jede in ihrer je eigenen Form eine Reflexion zur Tier-Mensch- bzw. Mensch-Tier-Beziehung sowie der Möglichkeit der gegenseitigen Verständigung anstellt, eingebettet in den Kontext der vom langjährigen Krieg im Donbas geprägten Ukraine – bevor sich dieser jüngst in einen zerstörerischen Angriffskrieg auf das gesamte Land ausweitete. Wie schon der oben angeführte Ausschnitt aus der “Einführungsvorlesung” demonstriert, wird die klassische anthropozentrische Konzeption, in deren Mittelpunkt die hierarchische Beziehung zwischen Mensch und Tier mit dem Menschen als Krone der Schöpfung und Herrscher über die Natur steht, durch die vielen Perspektivwechsel des Buches in Frage gestellt. Die als eindeutig vorausgesetzte Trennlinie zwischen Mensch und Tier verschwimmt, wird aufgehoben. Die Textformen sind vielseitig, experimentell, basieren zumeist auf Interviews mit verschiedenen Ukrainer*innen mit diversen sozioökonomischen Hintergründen und Berufen. Darauf verweisen schon zum Teil die Gattungszusätze in den Überschriften der Texte, die den mündlichen Charakter des Materials verdeutlichen und von „On Going to the Café “ bis hin zu „The Beginning_ Entrance 2“, “A Priest’s Sermon to the Fish: The Fish Respond” – oder auch schlicht „Hippo-Rhinoceros“ reichen. Im Text selbst wird die Mündlichkeit durch einen skaz-Stil markiert, welcher die dokumentarische Dimension literarisch verankert. Ihre sehr spezielle, auf journalistischen Recherchetechniken basierende, literarisch-dokumentaristische Arbeitsweise legte Yevgenia Belorusets bereits bei ihrem ersten Buch Glückliche Fälle an den Tag. Das generelle anthropologische Interesse und ein spezielles Interesse an den Auswirkungen des Krieges im Donbas ist auch in ihren fotografischen Arbeiten präsent: Victories of the Defeated (2015/16), eine Serie bestehend aus insgesamt 150 fotografischen Aufnahmen von und Texten über Kohleminen-Arbeiter*innen im Donbas. Dieses anthropologische Interesse wird in Belorusets’ neuem Buch-Projekt durch ein “animalisches” Interesse bereichert; in kunstvoller Verschränkung entsteht ein absolut dehierarchisiertes Nebeneinander verschiedener Betrachtungsweisen – animalischer, menschlicher und allen voran uneindeutig hybrider. Vielleicht wäre es am treffendsten, von einem Interesse am Leben in seiner Vielfalt und seinem unendlichen Nuancenreichtum zu sprechen.

Modern Animal enthält allerdings nicht nur eine textuelle Ebene – Fotografien, die in Beziehung zu den Tier-Texten treten, eröffnen einen kaleidoskopischen Blick auf das Themenfeld „Leben der Tiere in der heutigen Zeit”. Das Fotomaterial bildet teilweise die (Spuren der) animalischen Protagonist*innen der Erzählungen ab bzw. zeigt, um welche Tiere es sich bei den Protagonist*innen überhaupt handeln könnte – dies ist aus den Texten selbst oft nicht eindeutig abzuleiten. An anderen Stellen wiederum scheinen die Fotografien nahezu willkürlich an dem jeweiligen Ort des Buches aufzutauchen; zur Mitte hin verdichtet sich die Bildebene, bis dann wieder der Text die Oberhand gewinnt. Die Geschichten muten mal spielerisch-absurd an, mal sind sie durchtränkt von (Kriegs-) Gewalt – zumeist handelt es sich jedoch um eine Vermischung beider Aspekte.

Mit der Tier-Thematik reiht sich Yevgenia Belorusets‘ Buch in verschiedene Kontexte ein. Zum einen wäre da die alte philosophisch-anthropologische Tradition rund um die erstmals von Aristoteles formulierte Frage „Was ist der Mensch?“. Das Tier dient dabei als Abgrenzungsfolie, als „das Andere“. Mit ihren hybriden Mensch-Tier-Gestalten hebt die Autorin die hartnäckige Anthropozentrik dieser Tradition und ihre fatale Asymmetrie auf: In vielfachen Schattierungen ermöglicht Modern Animal Perspektiven vom Standpunkt des Tieres, des Opfers der menschlichen Willkür in allen ihren Formen.

Als nächstes könnte man an die russische bzw. ukrainische literarische Tradition denken: Schon bei Gogol‘ findet sich die Tierthematik im Zusammenhang mit „dem Wahnsinn“ – der Wahnsinn eines seiner Protagonisten beginnt in Erscheinung zu treten, als er zwei Hunde bei ihrer Konversation belauscht. Später stellt sich heraus, dass die Hunde nicht nur sprechen, sondern auch Briefe schreiben können. Bei Yevgenia Belorusets dagegen gibt es einen dokumentarischen Text über eine Taube, die, mit einem kleinen Rucksack ausgestattet, Drogen in einem Kyjiwer Gefängnis dealt; Wahnsinn und Realität verschwimmen.

Und dann wäre da noch der sowjetische Kontext – das Tier als bloße Ressource. Maxim Gorkijs Rede auf dem Allunionskongress zur sowjetischen Literatur 1934 beginnt mit dem Satz: „Die Rolle des Arbeitsprozesses, die das aufrecht gehende Tier in einen Menschen verwandelt und die Grundprinzipien der Kultur geschaffen haben, ist noch niemals so allseitig und tief erforscht worden, wie sie es verdient hätte.“ Auch hier dient das Tier als Abgrenzungsfolie – und es kommt bei der Lektüre von Modern Animal die Frage auf, was sich im post-sowjetischen Raum, spezifisch in der unabhängigen Ukraine, verändert hat. Sind alte Denkmuster nicht beibehalten, oder vielmehr intensiviert worden? Und was hat der langjährige Krieg im Osten der Ukraine verändert? Ganz speziell um diese Frage kreist das Text- und Bildmosaik, wenn im Zuge der Besatzung einer Stadt im Donbas entlaufene Schweine beschrieben werden, die eigentlich darauf gewartet haben, zu Fleisch verarbeitet zu werden, denen der Krieg aber, für einen kurzen Augenblick, eine unerwartete Freiheit verschafft hat:

 

The city slowly filled with smoke, it got scary to walk through the streets, there were various rumors, and many of them were confirmed. They said the invasion forces had landed, there was shooting from the sky, they were going to flood our mine.

They shut off the power in our neighborhood. There was no more running water. We lived next to a hog farm, but there was no feed left so they opened the gates and the pigs ran out into the city – some of them into the wild, some of them tried to get people to take them into their homes.

The shooting continued. Our neighbors organized a neighborhood-wide pig hunt. And while I was weeping, while I was trying to make at least one other person on my block see reason, just in my residential complex, they were grilling kebabs, sticking the pigs, an undying squealing filled the air, as though they were killing dozens of people, all around there was shouting, wailing, bickering, rage, sweat – they rolled up their sleeves and got to work.

That’s how our city was conquered. But who conquered it?

Military vehicles arrived, men jumped down from them, and I saw their embarrassed smiles, white skin, disobedient cowlicks, I heard unfamiliar accents – and I remember the thoroughly youthful faces of the soldiers looking around in astonishment.

 

Ein Text, der nun auf dem gesamten Territorium der Ukraine und nicht mehr nur im Donbas aktuell ist. Modern Animal ist in der Gegenwart der Ukraine vor dem 24. Februar 2022  situiert, der Krieg im Donbas und die durch ihn entfesselte Gewalt sind stets präsent. Dies wird gerade in (vermeintlichen) Alltagsszenen deutlich. Im aktuellen Kriegsgeschehen wird in Social Media immer wieder veranschaulicht, wie sehr auch Tiere unter dem russischen Angriff leiden und ebenso wie Menschen um ihr Leben fürchten, in Luftschutzbunker mitgenommen werden und zusammen mit ihren Herrchen bzw. Frauchen die Flucht ergreifen. Der Angriffskrieg offenbart eine Solidarität zwischen Menschen und (ihren) Tieren, die stärker denn je erscheint.

Neben dem Krieg im Donbas wird zeitlich unbestimmtes „skurriles” Material in den Texten verarbeitet, verschiedene temporale Schichten übereinandergelagert. Die Leser*in erfährt von einem Café in Kyjiw, das einen Tiger im Keller hält – entsprechend ist auch die Tasse Kaffee satte zehnmal teurer als anderswo. Belorusets‘ Texte befinden sich stets in der Schwebe, sind irgendwo zwischen wilder Phantasie und Dokumentation angesiedelt – wobei die Grenze alles andere als klar ist: Katzencafés gibt es bereits, wie weit ist da eigentlich noch der Sprung hin zu Tigercafés? Dann liest die Leser*in ein ziemlich realistisch anmutendes Interview mit der namenlosen Zuschauerin eines Dokumentarfils: Sie schaut den Film auf Deutsch, um ihre Sprachfähigkeiten zu verbessern. Es geht um die Wölfin Migetti, die als einzige im Rudel eine Hundepest überlebt:

Oftentimes, we don’t feel anything, even when major tragedies strike. We see earthquakes, explosions, wars, but we can avoid thinking about these narratives as though we’re walking down a separate road. But here, it all happened differently. She still haunts me.

 

Tiere erwecken Mitleid, darauf weist der Philosoph Emmanuel Levinas hin. Bei Belorusets  wird über das Team der Tierrettung Kyjiw, die Kyiv Animal Rescue Group, berichtet, das rund um die Uhr im Einsatz ist, um Tieren in Not zu helfen, bevor es zu spät ist. Aber offenbar sind nicht alle Menschen zu Mitleid fähig. Man liest nämlich auch von Menschen, die Hunde vergiften. Man liest von Kindern, die Kater von der Müllhalde und vor der Gewalt der anderen Kinder retten:

Cats in our city didn’t used to have very good lives. I’m an adult now, but I’m still scared of the teens that act like little kids. It’s painful to describe the kinds of things that people do to animals in our town and, what’s more, are still doing.

Lots of different kids lived in our neighborhood.

Some of them were the type of kids who stuffed cats into three-liter jars.

We were playing in the courtyard when all of sudden a jar comes flying. We didn’t know that there was a cat inside yet, just a jar flying down from the roof.

 

Nicht zuletzt spielt Klang für Modern Animal eine wichtige Rolle, was am deutlichsten in der rhythmischen, mit Wiederholungen operierenden Ausarbeitung der These „An Animal Has No Fate“ zu Tage tritt, welche, wie viele der Texte des Buchs, zudem einen eklatanten ironischen Unterton hat. Diese Ironie vermischt sich mit dem bereits erwähnten skurril-mythischen Material, wenn im Buch eines der zahlreichen Mensch-Tier-Hybride, ein Huhn, das nicht bloß Huhn, sondern zugleich die Reinkarnation der Seele einer verstorbenen Frau ist, auftritt. Es stirbt einen doppelten Tod – schließlich hat es zwei Seelen, eine menschliche und eine Hühner-Seele. So hält auch der weibliche Tod beim Ableben des Geschöpfes selbstverständlich zwei separate Säcke für die beiden Seelen bereit.

Bei der Lektüre des Buches wird klar: Der Umgang des Menschen mit den Tieren in seiner Umgebung verrät ihn. Und Yevgenia Belorusets demonstriert, dass intermediale literarische Kunstwerke, wie auch ihr Buch eines ist, Sachverhalte reflektieren können, die gewöhnliche Sprache nicht zu erfassen imstande ist. Entsprechend kann auch eine diesem Buch angemessene Rezension nur mit einer Umkreisung desselbigen und mit Textauszügen arbeiten – und schließlich mit dem Appell an die Leser*in, das Buch selbst in die Hand zu nehmen – und zu erleben.

Bildquelle: © Yelizaveta Landenberger, 2022. Yevgenia Belorusets spricht per Video-Liveschalte auf einer Solidaritätsveranstaltung zum Ukrainekrieg am Berliner Bebelplatz am 6. März 2022.

Yevgenia Belorusets: A Cycle of Lectures on the Modern Lives of Animals - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Yev­genia Bel­o­ru­sets: A Cycle of Lec­tures on the Modern Lives of Animals

Yev­genia Bel­o­ru­sets doku­men­tiert gerade den Krieg in ihrem Kriegs­ta­ge­buch von ihrer Hei­mat­stadt Kyjiw aus. Vor einigen Monaten erschien ihr neues Buch “Modern Animal”. Für den novinki-Blog rezen­siert Yeli­za­veta Lan­den­berger dieses “inter­me­diale lite­ra­ri­sche Kunstwerk”.

And still, ani­mals cannot under­stand humans, they remain enigmas.

The human is enve­loped in an impene­trable shroud of mys­tery and no matter what an animal does, it cannot get under it.

No matter how cun­ning the animal may be, it cannot con­clu­si­vely decide what a human is and what distin­gu­ishes it from an animal: what humans lack enti­rely, what capa­ci­ties are some­what deve­loped, and which ones are even deve­loped to a phe­no­menal extent (i.e. the sense of smell). In humans, ani­mals only see reflec­tions of them­selves mere reflec­tions of their own qualities.

 

Dieser “Ein­füh­rungs­vor­le­sungs­text” stammt aus dem zweiten Buch der ukrai­ni­schen Foto­grafin und Autorin Yev­genia Bel­o­ru­sets Tsikl lektsij o sov­re­mennoj žizni život­nych (zu Deutsch, vor­läu­figer Titel: Vor­le­sungen über das Leben der Tiere in der heu­tigen Zeit), ihr erstes Buch Sčast­li­vyje pade­nija (Ščas­lyvi padinnja) aus dem Jahr 2018 erschien als Glück­liche Fälle in deut­scher Über­set­zung von Claudia Dathe 2019 bei Matthes und Seitz. Aktuell befindet sich Yev­genia Bel­o­ru­sets in Kyjiw und schreibt von dort aus ihr Kriegs­ta­ge­buch.

Modern Animal ist im ver­gan­genen Sommer fast zeit­gleich im rus­si­schen Ori­ginal unter dem Titel Tsikl lektsij o sov­re­mennoj žizni život­nych beim Char­kiwer Verlag IST Publi­shing und in eng­li­scher Über­set­zung (von Bela Shaye­vich, redi­giert von Val Vinokur) als Modern Animal. A Cycle of Lec­tures on the Modern Lives of Ani­mals in leicht abge­än­derter, gekürzter Ver­sion in der Reihe von Minia­tur­aus­gaben des ame­ri­ka­ni­schen Klein­ver­lags iso­larii erschienen. Aktuell wird die deut­sche Über­set­zung vor­be­reitet – diese wird wieder eine neue, ver­än­derte Fas­sung des Textes werden, der nicht ein­fach von Sprache zu Sprache über­tragen wird, son­dern dabei auch eine Evo­lu­tion durch­läuft. Freuen kann sich die zukünf­tige Leser*in der deut­schen Ver­sion auf ein abwechs­lungs­rei­ches Kon­volut aus gro­tesken Erzäh­lungen, die jede in ihrer je eigenen Form eine Refle­xion zur Tier-Mensch- bzw. Mensch-Tier-Bezie­hung sowie der Mög­lich­keit der gegen­sei­tigen Ver­stän­di­gung anstellt, ein­ge­bettet in den Kon­text der vom lang­jäh­rigen Krieg im Donbas geprägten Ukraine – bevor sich dieser jüngst in einen zer­stö­re­ri­schen Angriffs­krieg auf das gesamte Land aus­wei­tete. Wie schon der oben ange­führte Aus­schnitt aus der “Ein­füh­rungs­vor­le­sung” demons­triert, wird die klas­si­sche anthro­po­zen­tri­sche Kon­zep­tion, in deren Mit­tel­punkt die hier­ar­chi­sche Bezie­hung zwi­schen Mensch und Tier mit dem Men­schen als Krone der Schöp­fung und Herr­scher über die Natur steht, durch die vielen Per­spek­tiv­wechsel des Buches in Frage gestellt. Die als ein­deutig vor­aus­ge­setzte Trenn­linie zwi­schen Mensch und Tier ver­schwimmt, wird auf­ge­hoben. Die Text­formen sind viel­seitig, expe­ri­men­tell, basieren zumeist auf Inter­views mit ver­schie­denen Ukrainer*innen mit diversen sozio­öko­no­mi­schen Hin­ter­gründen und Berufen. Darauf ver­weisen schon zum Teil die Gat­tungs­zu­sätze in den Über­schriften der Texte, die den münd­li­chen Cha­rakter des Mate­rials ver­deut­li­chen und von „On Going to the Café [third lec­ture-docu­ment: sum­mary tran­scribed from a first-year student’s notes]“ bis hin zu „The Beginning_ Ent­rance 2“, “A Priest’s Sermon to the Fish: The Fish Respond” – oder auch schlicht „Hippo-Rhi­no­ceros“ rei­chen. Im Text selbst wird die Münd­lich­keit durch einen skaz-Stil mar­kiert, wel­cher die doku­men­ta­ri­sche Dimen­sion lite­ra­risch ver­an­kert. Ihre sehr spe­zi­elle, auf jour­na­lis­ti­schen Recher­che­tech­niken basie­rende, lite­ra­risch-doku­men­ta­ris­ti­sche Arbeits­weise legte Yev­genia Bel­o­ru­sets bereits bei ihrem ersten Buch Glück­liche Fälle an den Tag. Das gene­relle anthro­po­lo­gi­sche Inter­esse und ein spe­zi­elles Inter­esse an den Aus­wir­kungen des Krieges im Donbas ist auch in ihren foto­gra­fi­schen Arbeiten prä­sent: Vic­to­ries of the Defeated (2015/16), eine Serie bestehend aus ins­ge­samt 150 foto­gra­fi­schen Auf­nahmen von und Texten über Kohleminen-Arbeiter*innen im Donbas. Dieses anthro­po­lo­gi­sche Inter­esse wird in Bel­o­ru­sets’ neuem Buch-Pro­jekt durch ein “ani­ma­li­sches” Inter­esse berei­chert; in kunst­voller Ver­schrän­kung ent­steht ein absolut dehier­ar­chi­siertes Neben­ein­ander ver­schie­dener Betrach­tungs­weisen – ani­ma­li­scher, mensch­li­cher und allen voran unein­deutig hybrider. Viel­leicht wäre es am tref­fendsten, von einem Inter­esse am Leben in seiner Viel­falt und seinem unend­li­chen Nuan­cen­reichtum zu sprechen.

Modern Animal ent­hält aller­dings nicht nur eine tex­tu­elle Ebene – Foto­gra­fien, die in Bezie­hung zu den Tier-Texten treten, eröffnen einen kalei­do­sko­pi­schen Blick auf das The­men­feld „Leben der Tiere in der heu­tigen Zeit”. Das Foto­ma­te­rial bildet teil­weise die (Spuren der) ani­ma­li­schen Protagonist*innen der Erzäh­lungen ab bzw. zeigt, um welche Tiere es sich bei den Protagonist*innen über­haupt han­deln könnte – dies ist aus den Texten selbst oft nicht ein­deutig abzu­leiten. An anderen Stellen wie­derum scheinen die Foto­gra­fien nahezu will­kür­lich an dem jewei­ligen Ort des Buches auf­zu­tau­chen; zur Mitte hin ver­dichtet sich die Bild­ebene, bis dann wieder der Text die Ober­hand gewinnt. Die Geschichten muten mal spie­le­risch-absurd an, mal sind sie durch­tränkt von (Kriegs-) Gewalt – zumeist han­delt es sich jedoch um eine Ver­mi­schung beider Aspekte.

Mit der Tier-The­matik reiht sich Yev­genia Bel­o­ru­sets‘ Buch in ver­schie­dene Kon­texte ein. Zum einen wäre da die alte phi­lo­so­phisch-anthro­po­lo­gi­sche Tra­di­tion rund um die erst­mals von Aris­to­teles for­mu­lierte Frage „Was ist der Mensch?“. Das Tier dient dabei als Abgren­zungs­folie, als „das Andere“. Mit ihren hybriden Mensch-Tier-Gestalten hebt die Autorin die hart­nä­ckige Anthro­po­zen­trik dieser Tra­di­tion und ihre fatale Asym­me­trie auf: In viel­fa­chen Schat­tie­rungen ermög­licht Modern Animal Per­spek­tiven vom Stand­punkt des Tieres, des Opfers der mensch­li­chen Willkür in allen ihren Formen.

Als nächstes könnte man an die rus­si­sche bzw. ukrai­ni­sche lite­ra­ri­sche Tra­di­tion denken: Schon bei Gogol‘ findet sich die Tier­the­matik im Zusam­men­hang mit „dem Wahn­sinn“ – der Wahn­sinn eines seiner Prot­ago­nisten beginnt in Erschei­nung zu treten, als er zwei Hunde bei ihrer Kon­ver­sa­tion belauscht. Später stellt sich heraus, dass die Hunde nicht nur spre­chen, son­dern auch Briefe schreiben können. Bei Yev­genia Bel­o­ru­sets dagegen gibt es einen doku­men­ta­ri­schen Text über eine Taube, die, mit einem kleinen Ruck­sack aus­ge­stattet, Drogen in einem Kyjiwer Gefängnis dealt; Wahn­sinn und Rea­lität verschwimmen.

Und dann wäre da noch der sowje­ti­sche Kon­text – das Tier als bloße Res­source. Maxim Gor­kijs Rede auf dem All­uni­ons­kon­gress zur sowje­ti­schen Lite­ratur 1934 beginnt mit dem Satz: „Die Rolle des Arbeits­pro­zesses, die das auf­recht gehende Tier in einen Men­schen ver­wan­delt und die Grund­prin­zi­pien der Kultur geschaffen haben, ist noch nie­mals so all­seitig und tief erforscht worden, wie sie es ver­dient hätte.“ Auch hier dient das Tier als Abgren­zungs­folie – und es kommt bei der Lek­türe von Modern Animal die Frage auf, was sich im post-sowje­ti­schen Raum, spe­zi­fisch in der unab­hän­gigen Ukraine, ver­än­dert hat. Sind alte Denk­muster nicht bei­be­halten, oder viel­mehr inten­si­viert worden? Und was hat der lang­jäh­rige Krieg im Osten der Ukraine ver­än­dert? Ganz spe­ziell um diese Frage kreist das Text- und Bild­mo­saik, wenn im Zuge der Besat­zung einer Stadt im Donbas ent­lau­fene Schweine beschrieben werden, die eigent­lich darauf gewartet haben, zu Fleisch ver­ar­beitet zu werden, denen der Krieg aber, für einen kurzen Augen­blick, eine uner­war­tete Frei­heit ver­schafft hat:

 

The city slowly filled with smoke, it got scary to walk through the streets, there were various rumors, and many of them were con­firmed. They said the inva­sion forces had landed, there was shoo­ting from the sky, they were going to flood our mine. […]

They shut off the power in our neigh­bor­hood. There was no more run­ning water. We lived next to a hog farm, but there was no feed left so they opened the gates and the pigs ran out into the city – some of them into the wild, some of them tried to get people to take them into their homes. […]

The shoo­ting con­tinued. Our neigh­bors orga­nized a neigh­bor­hood-wide pig hunt. And while I was wee­ping, while I was trying to make at least one other person on my block see reason, just in my resi­den­tial com­plex, they were gril­ling kebabs, sti­cking the pigs, an undying sque­aling filled the air, as though they were kil­ling dozens of people, all around there was shou­ting, wai­ling, bicke­ring, rage, sweat – they rolled up their sleeves and got to work.

That’s how our city was con­quered. But who con­quered it?

Mili­tary vehicles arrived, men jumped down from them, and I saw their embar­rassed smiles, white skin, dis­o­be­dient cowlicks, I heard unfa­mi­liar accents – and I remember the tho­roughly youthful faces of the sol­diers loo­king around in astonishment.

 

Ein Text, der nun auf dem gesamten Ter­ri­to­rium der Ukraine und nicht mehr nur im Donbas aktuell ist. Modern Animal ist in der Gegen­wart der Ukraine vor dem 24. Februar 2022  situ­iert, der Krieg im Donbas und die durch ihn ent­fes­selte Gewalt sind stets prä­sent. Dies wird gerade in (ver­meint­li­chen) All­tags­szenen deut­lich. Im aktu­ellen Kriegs­ge­schehen wird in Social Media immer wieder ver­an­schau­licht, wie sehr auch Tiere unter dem rus­si­schen Angriff leiden und ebenso wie Men­schen um ihr Leben fürchten, in Luft­schutz­bunker mit­ge­nommen werden und zusammen mit ihren Herr­chen bzw. Frau­chen die Flucht ergreifen. Der Angriffs­krieg offen­bart eine Soli­da­rität zwi­schen Men­schen und (ihren) Tieren, die stärker denn je erscheint.

Neben dem Krieg im Donbas wird zeit­lich unbe­stimmtes „skur­riles” Mate­rial in den Texten ver­ar­beitet, ver­schie­dene tem­po­rale Schichten über­ein­an­der­ge­la­gert. Die Leser*in erfährt von einem Café in Kyjiw, das einen Tiger im Keller hält – ent­spre­chend ist auch die Tasse Kaffee satte zehnmal teurer als anderswo. Bel­o­ru­sets‘ Texte befinden sich stets in der Schwebe, sind irgendwo zwi­schen wilder Phan­tasie und Doku­men­ta­tion ange­sie­delt – wobei die Grenze alles andere als klar ist: Kat­zen­cafés gibt es bereits, wie weit ist da eigent­lich noch der Sprung hin zu Tiger­cafés? Dann liest die Leser*in ein ziem­lich rea­lis­tisch anmu­tendes Inter­view mit der namen­losen Zuschauerin eines Doku­men­tar­fils: Sie schaut den Film auf Deutsch, um ihre Sprach­fä­hig­keiten zu ver­bes­sern. Es geht um die Wölfin Migetti, die als ein­zige im Rudel eine Hun­de­pest überlebt:

Often­times, we don’t feel any­thing, even when major tra­ge­dies strike. We see ear­th­quakes, explo­sions, wars, but we can avoid thin­king about these nar­ra­tives as though we’re wal­king down a sepa­rate road. But here, it all hap­pened dif­fer­ently. She still haunts me.

 

Tiere erwe­cken Mit­leid, darauf weist der Phi­lo­soph Emma­nuel Levinas hin. Bei Bel­o­ru­sets  wird über das Team der Tier­ret­tung Kyjiw, die Kyiv Animal Rescue Group, berichtet, das rund um die Uhr im Ein­satz ist, um Tieren in Not zu helfen, bevor es zu spät ist. Aber offenbar sind nicht alle Men­schen zu Mit­leid fähig. Man liest näm­lich auch von Men­schen, die Hunde ver­giften. Man liest von Kin­dern, die Kater von der Müll­halde und vor der Gewalt der anderen Kinder retten:

Cats in our city didn’t used [sic!] to have very good lives. I’m an adult now, but I’m still scared of the teens that act like little kids. It’s painful to describe the kinds of things that people do to ani­mals in our town and, what’s more, are still doing. […]

Lots of dif­fe­rent kids lived in our neighborhood.

Some of them were the type of kids who stuffed cats into three-liter jars.

We were playing in the cour­tyard when all of sudden a jar comes flying. We didn’t know that there was a cat inside yet, just a jar flying down from the roof.

 

Nicht zuletzt spielt Klang für Modern Animal eine wich­tige Rolle, was am deut­lichsten in der rhyth­mi­schen, mit Wie­der­ho­lungen ope­rie­renden Aus­ar­bei­tung der These „An Animal Has No Fate“ zu Tage tritt, welche, wie viele der Texte des Buchs, zudem einen ekla­tanten iro­ni­schen Unterton hat. Diese Ironie ver­mischt sich mit dem bereits erwähnten skurril-mythi­schen Mate­rial, wenn im Buch eines der zahl­rei­chen Mensch-Tier-Hybride, ein Huhn, das nicht bloß Huhn, son­dern zugleich die Reinkar­na­tion der Seele einer ver­stor­benen Frau ist, auf­tritt. Es stirbt einen dop­pelten Tod – schließ­lich hat es zwei Seelen, eine mensch­liche und eine Hühner-Seele. So hält auch der weib­liche Tod beim Ableben des Geschöpfes selbst­ver­ständ­lich zwei sepa­rate Säcke für die beiden Seelen bereit.

Bei der Lek­türe des Buches wird klar: Der Umgang des Men­schen mit den Tieren in seiner Umge­bung verrät ihn. Und Yev­genia Bel­o­ru­sets demons­triert, dass inter­me­diale lite­ra­ri­sche Kunst­werke, wie auch ihr Buch eines ist, Sach­ver­halte reflek­tieren können, die gewöhn­liche Sprache nicht zu erfassen imstande ist. Ent­spre­chend kann auch eine diesem Buch ange­mes­sene Rezen­sion nur mit einer Umkrei­sung des­sel­bigen und mit Text­aus­zügen arbeiten – und schließ­lich mit dem Appell an die Leser*in, das Buch selbst in die Hand zu nehmen – und zu erleben.

Bild­quelle: © Yeli­za­veta Lan­den­berger, 2022. Yev­genia Bel­o­ru­sets spricht per Video-Live­schalte auf einer Soli­da­ri­täts­ver­an­stal­tung zum Ukrai­ne­krieg am Ber­liner Bebel­platz am 6. März 2022.