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Lost in Altpapier.

Posted on 28. März 2014 by novinki
28. März 2014 von Janika Rüter 2014 – 1914 – 1964
Wir wirbeln in den langen Sätzen von Bohumil Hrabals allzu lauter Einsamkeit. Eine Würdigung zum hundertsten Geburtstag.

Wir wirbeln in den langen Sätzen von Bohumil Hrabals allzu lauter Einsamkeit.
Eine Würdigung zum hundertsten Geburtstag.

hrabal_altpapier

Prager Fenstersturz IV: Tod durch Taubenfüttern

I am stuck with little paper cuts | On each of my fingers.
(Fujiya & Miyagi, „Lightbulbs“)

Bücher sind langmütig. Sie stehen still in den Regalen und wuchern lautlos in Stapeln auf Schreibtischen und Fensterbänken und in ihnen wuchert die Welt mit all dem, was „das größere Glück und das größere Unglück des Menschen“ (B. Hrabal) ausmacht. Manchmal stehen wir mit einem Satz von Isaak Babel im Kopf vor den Büchern und streichen mit den Fingern über die Rücken, die heute nicht mehr aus Saffian sind, und dann denken wir seinen Satz über die Bücher zu Ende: „dieses wunderschöne Grab des menschlichen Herzens“. Dass die Einsamkeit inmitten der stillen Bücher eine allzu laute sein kann – diese Einsicht verdankt sich Haňťa, jenem eigenartigen Protagonisten der Erzählung Allzu laute Einsamkeit von Bohumil Hrabal, der in endlosen Sätzen durch die unruhigen Wasser der europäischen (Geistes-)Geschichte treibt.

Hrabal, der als einer der bedeutendsten tschechischen Schriftsteller gilt, wurde am 28. März 1914 geboren und erlebte somit die Wirren des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib – die letzten Jahre der Habsburgermonarchie, danach den tschechoslowakischen Nationalstaat in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, die Besetzung durch das nationalsozialistische Deutschland, den Stalinismus, den Prager Frühling und seine Niederschlagung mit der darauffolgenden Phase der Lähmung, schließlich die „Samtene Revolution“ mit dem Aufbruch in eine Art Freiheit (B. Müller). Fragmentiert wie der Lauf des letzten Jahrhunderts ist auch die Erwerbsbiographie des promovierten Juristen Hrabal, der immer wieder mit Publikationsschwierigkeiten zu kämpfen hatte. Er arbeitete einige Jahre bei der Bahn als Fahrdienstleiter, sein Lebenslauf verzeichnete unter anderem auch Episoden als Handelsreisender, Arbeiter in einem Stahlwerk und Altpapierpacker in Prag. Hrabal starb 1997 nach einem Fenstersturz beim Taubenfüttern aus dem 5. Stock eines Prager Krankenhauses.

Auch Haňťa ist Altpapierpacker, aber anders als Hrabal es war, ist er das mit beträchtlicher Kontinuität, nämlich seit 35 Jahren. Die Arbeit in einem schmuddeligen Prager Kellerloch ist banal und besteht in der Bedienung einer Altpapierpresse – grüner Knopf, roter Knopf –, die Papier jedweder Provenienz zu Paketen presst. Das Kellerloch ist zugleich Habitat einer Mäusepopulation, und wenn es wie so oft vorkommt, dass Haňťa ganze Nester blinder Mäusejungen zusammen mit dem Altpapier in die Maschine schippt, dann springt die Mäusemutter in den Presstrog hinterher und stellen sich die anderen Mäuse auf die Hinterpfötchen und lauschen den Todesklagen derer, die zerpresst werden, um dann gleich wieder zu vergessen und weiter zu tollen, „wie junge Katzen“. Manchmal springen sie in der Kneipe aus Haňťas Hose, wenn er das Bier bezahlt, er hat dann, tief in den Gedanken an das nächste Papierpaket die Kontrolle über die Mäuse verloren, und die Kellnerinnen kreischen.

Es ist ein bescheidenes Leben, das Haňťa führt, aber seine Liebe zu den Büchern ist überbordend und haptisch. Sein Beruf – die Zerstörung von Büchern mit Goldschnitt und Saffianrücken genauso wie die Zerstörung von blutigen Papierresten aus den Prager Fleischereien, an denen sich Trauben rasender Schmeißfliegen sammeln – hat sich gewissermaßen in ihn eingeschrieben: In den Jahrzehnten als Altpapierpacker hat er Abertausende Bücher vor der Pressmaschine bewahrt und er hat sie „in der törichten Hoffnung gelesen, einmal darin etwas zu finden, was qualitativ verändert hätte.“ Haňťa, siffig und versoffen, ist ein proletarischer poeta doctus, „gebildet gegen meinen Willen“. Er ist von einer schmerzlich klaren Einsicht in den Wahn der Welt und er hat auch einigen, rustikalen Humor; jedenfalls ist er von monströser Belesenheit und jemand, für dessen Denken das Feuilleton den Begriff der „Welthaltigkeit“ geprägt hat.

Seine Stimme, die in einem wilden Strom durch endlose Satzkaskaden drängt und die Erzählung bestreitet, streift voller Härte und Herzlichkeit die universalen Themen der Menschheit und Menschlichkeit. Hingebungsvoll erzählt sie auch von den so heiteren wie grausamen Banalitäten des Daseins: Schuld und Scheiße sind die Ingredienzien der schmählichen Mischung, die das Pech der schönen Mančinka in die bunten Haarbänder webt. Mit Leichtigkeit wirbelt Haňťa aber nicht nur die Beschissene Manča über die Tanzfläche, sondern auch durch die Werke von Kant und Hegel und Goethe, von Rimbaud und Nietzsche. Vom bisweilen naiv anmutenden Duktus sollte man sich freilich nicht täuschen lassen. Es ist kein mitteleuropäischer Forrest Gump, der sich da mit putzigen Gemeinplätzen hervortäte – es ist einer, der den bizarren Wahnsinn des Daseins in sich aufgesogen und mit einem düsteren, anteilnehmenden Herzen in die Sterne und die Kloaken geschaut hat. Letztlich erhält Haňťas aufwallende, unerschöpfliche Emphase ihre existenzielle Dringlichkeit vom Ende her, denn sie treibt seinem Suizid in der Pressmaschine entgegen, den kein noch so mäandernder Satz suspendiert.

Allzu laute Einsamkeit ist eine furiose Erzählung, üppig und universal, voller Humor und mehr noch Schmerz, und alles verwirbelt sich im Fluss der langen Sätze. Manchmal glitzert der Goldstaub vernichteter Preziosen auf dem Wasser: „Heute war ein schöner Tag.“

von Janika Rüter

Bohumil Hrabal: Allzu laute Einsamkeit . In: ders.: Die Romane. Übersetzt von Peter Sacher. Mit einem Nachwort von Werner Fritsch. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2008.

Bohumil Hrabals Allzu laute Einsamkeit in Rezensionen:
Müller, Burkhard: Leonardo von der Müllpresse. Rezension in der Süddeutschen Zeitung, 11.7.2003.
Birkerts, Sven: Books into Trash. Rezension in The New York Times, 9.12.1990.

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Lost in Altpapier. - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Lost in Altpapier.

Wir wir­beln in den langen Sätzen von Boh­umil Hra­bals allzu lauter Einsamkeit.
Eine Wür­di­gung zum hun­dertsten Geburtstag.

hrabal_altpapier

Prager Fens­ter­sturz IV: Tod durch Taubenfüttern

I am stuck with little paper cuts | On each of my fingers.
(Fujiya & Miyagi, „Light­bulbs“)

Bücher sind lang­mütig. Sie stehen still in den Regalen und wuchern lautlos in Sta­peln auf Schreib­ti­schen und Fens­ter­bänken und in ihnen wuchert die Welt mit all dem, was „das grö­ßere Glück und das grö­ßere Unglück des Men­schen“ (B. Hrabal) aus­macht. Manchmal stehen wir mit einem Satz von Isaak Babel im Kopf vor den Büchern und strei­chen mit den Fin­gern über die Rücken, die heute nicht mehr aus Saf­fian sind, und dann denken wir seinen Satz über die Bücher zu Ende: „dieses wun­der­schöne Grab des mensch­li­chen Her­zens“. Dass die Ein­sam­keit inmitten der stillen Bücher eine allzu laute sein kann – diese Ein­sicht ver­dankt sich Haňťa, jenem eigen­ar­tigen Prot­ago­nisten der Erzäh­lung Allzu laute Ein­sam­keit von Boh­umil Hrabal, der in end­losen Sätzen durch die unru­higen Wasser der euro­päi­schen (Geistes-)Geschichte treibt.

Hrabal, der als einer der bedeu­tendsten tsche­chi­schen Schrift­steller gilt, wurde am 28. März 1914 geboren und erlebte somit die Wirren des 20. Jahr­hun­derts am eigenen Leib – die letzten Jahre der Habs­bur­ger­mon­ar­chie, danach den tsche­cho­slo­wa­ki­schen Natio­nal­staat in der Zeit zwi­schen den beiden Welt­kriegen, die Beset­zung durch das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Deutsch­land, den Sta­li­nismus, den Prager Früh­ling und seine Nie­der­schla­gung mit der dar­auf­fol­genden Phase der Läh­mung, schließ­lich die „Sam­tene Revo­lu­tion“ mit dem Auf­bruch in eine Art Frei­heit (B. Müller). Frag­men­tiert wie der Lauf des letzten Jahr­hun­derts ist auch die Erwerbs­bio­gra­phie des pro­mo­vierten Juristen Hrabal, der immer wieder mit Publi­ka­ti­ons­schwie­rig­keiten zu kämpfen hatte. Er arbei­tete einige Jahre bei der Bahn als Fahr­dienst­leiter, sein Lebens­lauf ver­zeich­nete unter anderem auch Epi­soden als Han­dels­rei­sender, Arbeiter in einem Stahl­werk und Alt­pa­pier­pa­cker in Prag. Hrabal starb 1997 nach einem Fens­ter­sturz beim Tau­ben­füt­tern aus dem 5. Stock eines Prager Krankenhauses.

Auch Haňťa ist Alt­pa­pier­pa­cker, aber anders als Hrabal es war, ist er das mit beträcht­li­cher Kon­ti­nuität, näm­lich seit 35 Jahren. Die Arbeit in einem schmud­de­ligen Prager Kel­ler­loch ist banal und besteht in der Bedie­nung einer Alt­pa­pier­presse – grüner Knopf, roter Knopf –, die Papier jed­weder Pro­ve­nienz zu Paketen presst. Das Kel­ler­loch ist zugleich Habitat einer Mäu­se­po­pu­la­tion, und wenn es wie so oft vor­kommt, dass Haňťa ganze Nester blinder Mäu­se­jungen zusammen mit dem Alt­pa­pier in die Maschine schippt, dann springt die Mäu­se­mutter in den Press­trog hin­terher und stellen sich die anderen Mäuse auf die Hin­ter­pföt­chen und lau­schen den Todes­klagen derer, die zer­presst werden, um dann gleich wieder zu ver­gessen und weiter zu tollen, „wie junge Katzen“. Manchmal springen sie in der Kneipe aus Haňťas Hose, wenn er das Bier bezahlt, er hat dann, tief in den Gedanken an das nächste Papier­paket die Kon­trolle über die Mäuse ver­loren, und die Kell­ne­rinnen kreischen.

Es ist ein beschei­denes Leben, das Haňťa führt, aber seine Liebe zu den Büchern ist über­bor­dend und hap­tisch. Sein Beruf – die Zer­stö­rung von Büchern mit Gold­schnitt und Saf­fi­an­rü­cken genauso wie die Zer­stö­rung von blu­tigen Papier­resten aus den Prager Flei­sche­reien, an denen sich Trauben rasender Schmeiß­fliegen sam­meln – hat sich gewis­ser­maßen in ihn ein­ge­schrieben: In den Jahr­zehnten als Alt­pa­pier­pa­cker hat er Aber­tau­sende Bücher vor der Press­ma­schine bewahrt und er hat sie „in der törichten Hoff­nung gelesen, einmal darin etwas zu finden, was [ihn] qua­li­tativ ver­än­dert hätte.“ Haňťa, siffig und ver­soffen, ist ein pro­le­ta­ri­scher poeta doctus, „gebildet gegen meinen Willen“. Er ist von einer schmerz­lich klaren Ein­sicht in den Wahn der Welt und er hat auch einigen, rus­ti­kalen Humor; jeden­falls ist er von mons­tröser Bele­sen­heit und jemand, für dessen Denken das Feuil­leton den Begriff der „Welt­hal­tig­keit“ geprägt hat.

Seine Stimme, die in einem wilden Strom durch end­lose Satz­kas­kaden drängt und die Erzäh­lung bestreitet, streift voller Härte und Herz­lich­keit die uni­ver­salen Themen der Mensch­heit und Mensch­lich­keit. Hin­ge­bungs­voll erzählt sie auch von den so hei­teren wie grau­samen Bana­li­täten des Daseins: Schuld und Scheiße sind die Ingre­di­en­zien der schmäh­li­chen Mischung, die das Pech der schönen Mančinka in die bunten Haar­bänder webt. Mit Leich­tig­keit wir­belt Haňťa aber nicht nur die Beschis­sene Manča über die Tanz­fläche, son­dern auch durch die Werke von Kant und Hegel und Goethe, von Rim­baud und Nietz­sche. Vom bis­weilen naiv anmu­tenden Duktus sollte man sich frei­lich nicht täu­schen lassen. Es ist kein mit­tel­eu­ro­päi­scher For­rest Gump, der sich da mit put­zigen Gemein­plätzen her­vor­täte – es ist einer, der den bizarren Wahn­sinn des Daseins in sich auf­ge­sogen und mit einem düs­teren, anteil­neh­menden Herzen in die Sterne und die Kloaken geschaut hat. Letzt­lich erhält Haňťas auf­wal­lende, uner­schöpf­liche Emphase ihre exis­ten­zi­elle Dring­lich­keit vom Ende her, denn sie treibt seinem Suizid in der Press­ma­schine ent­gegen, den kein noch so mäan­dernder Satz suspendiert.

Allzu laute Ein­sam­keit ist eine furiose Erzäh­lung, üppig und uni­versal, voller Humor und mehr noch Schmerz, und alles ver­wir­belt sich im Fluss der langen Sätze. Manchmal glit­zert der Gold­staub ver­nich­teter Pre­ziosen auf dem Wasser: „Heute war ein schöner Tag.“

von Janika Rüter

Boh­umil Hrabal: Allzu laute Ein­sam­keit . In: ders.: Die Romane. Über­setzt von Peter Sacher. Mit einem Nach­wort von Werner Fritsch. Frank­furt am Main: Suhr­kamp Verlag, 2008.

Boh­umil Hra­bals Allzu laute Ein­sam­keit in Rezensionen:
Müller, Burk­hard: Leo­nardo von der Müll­presse. Rezen­sion in der Süd­deut­schen Zei­tung, 11.7.2003.
Bir­kerts, Sven: Books into Trash. Rezen­sion in The New York Times, 9.12.1990.

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