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Russisches Theater im Exil: „Ich möchte Antikriegstheater machen“

Posted on 16. Februar 2024 by Anna Gromadina und Oleg Vitovskii
Wie geht es dem russischsprachigen Theater in Deutschland in der Zeit des umfassenden Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine? Wie engagieren sich die Künstler*innen? Welche Möglichkeiten haben sie, aus der Emigrantenblase herauszukommen? Darüber hat novinki mit dem Regisseuren Igor Titov und der Produzentin Svetlana Dolja in Berlin gesprochen.

Wie geht es dem russischsprachigen Theater in Deutschland in der Zeit des umfassenden Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine? Wie engagieren sich die Künstler*innen? Welche Möglichkeiten haben sie, aus der Emigrantenblase herauszukommen? Darüber hat novinki mit dem Regisseuren Igor Titov und der Produzentin Svetlana Dolja in Berlin gesprochen. Sie sind Autoren des Theaterstücks Uezžaete? Uezžajte! (Fahren Sie weg? Fahren Sie weg!) über den sowjetischen Dichter, Dramatiker, Barden und Emigranten Aleksandr Galič, das im Sommer 2023 in Berlin premierte.

Szene der Aufführung, Foto: Maria Dobrygina.

Im April, Juni und September 2023 fanden im Petersburg Art Space Berlin Aufführungen des Theaterstücks Uezžaete? Uezžajte! in russischer Fassung über die Emigration von Aleksandr Galič (Alexander Galitsch) statt, der eine wichtige sowjetische antisowjetische Figur war. Galič, Schauspieler, Dramatiker und Lyriker, wurde 1974 gezwungen, die Sowjetunion zu verlassen. Die Geschichte seiner Emigration, die im Stück erzählt wird, kann als Spiegel für die Emigration vieler Menschen, die zur Kulturszene des heutigen Russlands gehören, betrachtet werden. Das Stück setzt die Emigration der 1970er Jahre mit der heutigen Situation in Beziehung und macht damit explizit, was viele, die heute Russland ihren Rücken kehren, denken. Unsere Interviewpartner, der Regisseur Igor Titov und die Produzentin Svetlana Dolja, haben Russland im Herbst 2022, nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, verlassen. In ihrer Regiearbeit setzen sie sich mit den Erfahrungen von Galič und anderen Emigrant*innen auseinander. Vor dem Hintergrund der aktuellen Verfolgung unabhängiger Theaterkünstler*innen in Russland ist ihr Stück, das auf Russisch – mit deutschen Untertiteln – aufgeführt wurde, eine der ersten Erscheinungen eines neuen russischen Emigrantentheaters in Europa.

Galič und wir

novinki: Wie sind Sie auf die Idee ihres Theaterstücks Uezžaete? Uezžajte! über Galič gekommen?

Igor Titov: Wir haben schon in Moskau das Theaterstück Das Recht auf Ruhe inszeniert, in dem wir uns mit Galič  beschäftigten. Und irgendwie hat mich dieses Thema nicht losgelassen. In der Moskauer Aufführung wurde der Ausschluss Galičs aus dem Schriftstellerverband im Jahre 1971 thematisiert. Das Thema wurde von unserem Meister, dem Theaterpädagogen, Regisseur und Schauspieler Dmitrij Brusnikin, der im Sommer 2018 verstarb, vorgeschlagen. Er war auch Leiter eines der brillantesten unabhängigen Theater Russlands für junge Menschen: Brusnikin’s Workshop. Als wir uns außerhalb Russlands wiederfanden, kehrten wir zu unseren alten Gedanken zurück. Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine haben viele Dinge an Wert verloren. Es war unklar, wie wir weitermachen sollen. Ich habe mich dafür entschieden, eine Geschichte zu machen, die mir sehr am Herzen lag. Galičs Texte stimmen mit meinen Gefühlen überein, ich habe auch das Gefühl der Abhängigkeit vom Territorium und von der Sprache.

novinki: Es ist bekannt, dass Galič zunächst ein konformer Autor war, der Drehbücher für berühmte sowjetische Filme schrieb und für einen dieser Filme sogar eine Auszeichnung vom Komitee für Staatssicherheit erhielt. Dann hat er sein Leben und seine Kreativität kritisch überdacht und wurde gezwungen, die Sowjetunion zu verlassen. Halten Sie diese Episode seiner Biografie für wichtig?

I.T.: Ja, sie ist sehr wichtig, wir sehen aber heute immer mehr Beispiele für eine gegenteilige Entwicklung. Wahrscheinlich jede*r zweite russische Künstler*in der ehemaligen Opposition, Dissidenz oder des Undergrounds ist inzwischen Mainstream geworden, hat den Zugang zu riesigen Budgets bekommen und ist leider heute für Putin. Was Galič betrifft, war er ein sehr christlicher Autor. Der Moment der Askese ist in der christlichen Philosophie wichtig. Ich glaube, dass nicht viele Menschen zu einer solchen Askese fähig sind, zum Verzicht auf Güter, auf ein bequemes Leben.

Über das Stück

novinki: Im ersten Teil Ihres Stücks geht es um Galičs letzten Tag in der Sowjetunion, an dem er von seinen engen Freunden ins Ausland verabschiedet wird. Der zweite Teil ist völlig anders strukturiert: Es gibt keine eigenständigen Figuren, stattdessen werden Aussagen verschiedener Philosophen, Schriftsteller und Musiker über Russland vorgelesen. Was können Sie über das Format des zweiten Teils der Aufführung sagen?

Szene der Aufführung, Foto: Maria Dobrygina.

I.T.: Der zweite Teil besteht aus Gedanken berühmter Denker sowie aus Liedern von Galič, die in akustischer Form neu interpretiert werden. Es handelt sich also eher um eine auditive als um eine visuelle Installation.

novinki: Warum haben Sie Texte von genau diesen Autoren ausgewählt: dem sowjetischen Prosaiker Viktor Astafʼev, dem Autor von Lagerprosa Varlam Šalamov, dem pro-westlichen Philosophen aus dem 19. Jahrhundert Piotr Čaadaev, dem Punkrock-Musiker Egor Letov?

I.T.: Das sind Namen, die wir in unseren Koffern mit uns herumtragen. Ihre Gedanken kommen uns auf die eine oder andere Weise in den Sinn, besonders in Zeiten der Apathie und Traurigkeit. Unser Dramaturg, Andrej Stadnikov, hat sie zusammengetragen. Manchen Gedanken fühle ich mich sehr eng verbunden. Sie leben in mir wie ein Code der Sprache und des Denkens.

novinki: Ihr erstes Stück über Galič basiert auf einem Transkript der Sitzung des sowjetischen Schriftstellerverbandes , bei der er aus dem Verband ausgeschlossen wurde. Welches Material haben Sie für das aktuelle Stück genutzt?

I.T.: Es gibt eine großartige Biografie über Galič von Michail Aronov. Unser Dramaturg hat sich aber mit allen möglichen Quellen und Memoiren beschäftigt. Der erste Teil des Stücks ist eine Fantasie zum Thema „Galič Abreise“, wobei die Erinnerungen von Augenzeugen als Grundlage dienen. Und der zweite Teil ist eine Collage u.a. aus Interviews und Vorträgen.

novinki: Erzählen Sie uns auch bitte etwas über die Musik im Stück. Wie haben Sie die Kompositionen ausgewählt? Wie entschieden, wer wann singt? Denn im Stück sind stellenweise Originaltonaufnahmen von Galičs Stimme zu hören, während die meiste Zeit Igor Titov Galičs Stücke neu interpretiert.

I.T.: Als wir das erste Stück über Galič machten, Das Recht auf Ruhe, schufen wir auch ein Musikalbum mit dem gleichen Namen. Wir wollten Galičs gesungene Lyrik elektronisch neu interpretieren, in einer Indie-Pop-Tonart. Im jetzigen Stück kann man Galičs eigene Stimme stellenweise quasi "im Original" hören. Aber es ist für mich schwierig, ausschließlich Galičs authentische Stimme wahrzunehmen. Galičs Poesie ist super, ich wollte sie musikalisch jedoch ein bisschen an die Gegenwart anpassen.

Svetlana Dolja: Ja, du hast die Lieder wirklich cool gesungen!

Das Bühnenbild. Szene der Aufführung, Foto: Maria Dobrygina.

novinki: Vor dem Krieg hatten russische Theater die Möglichkeit, außerhalb Russlands, zum Beispiel in Berlin und Paris, aufzutreten. Darunter waren auch Stücke in russischer Sprache, die sehr gut angenommen wurden. Welche Relevanz haben russischsprachige Produktionen in Europa heute?

S.D.: Darüber reden wird in Theaterkreisen die ganze Zeit. Wenn wir über die Gegenwart sprechen, gibt es meiner Meinung nach zwei Wege. Es gibt Regisseure, die in Europa weiterhin Stücke in russischer Sprache aufführen und sich dabei auf das Publikum der Emigranten konzentrieren. Es gibt jetzt viele solcher Zuschauer*innen, so sind Produktionen in russischer Sprache sehr gefragt. Aus meiner Sicht ist es aber richtiger, Stücke in der Sprache des Landes zu produzieren, wo sie aufgeführt werden, oder in zwei Sprachen. Ich plane zwei Produktionen für die nahe Zukunft, die gleichzeitig auf Russisch und Deutsch aufgeführt werden sollen. Die Schauspieler*innen werden zwei Textversionen lernen oder es wird russischsprachige und deutschsprachige Theatertruppen geben. Abgesehen davon sehe ich kein Problem mit der russischen Sprache, ich bin noch nicht auf ‚cancelling‘ gestoßen. Bei der Premiere von Uezžaete? Uezžajte waren ziemlich viele Deutsche da, denn es gibt Untertitel auf Deutsch und man kann sich das Stück problemlos anschauen.

Über das Theaterpublikum

novinki: Sie haben gesagt, dass sich jetzt ein Publikum gebildet hat, das aus Menschen besteht, die vor kurzem Russland verlassen haben. Glauben Sie, dass es realistisch ist, hier auch ein vergleichbares nicht russisches Publikum, das an Aufführungen des russischen Theaters interessiert ist, zu haben?

S.D.: Das wird die Zeit zeigen. Viele meiner Kolleg*innen versuchen jetzt, ein solches Publikum anzuziehen. Wir müssen gut sichtbar sein, damit diejenigen, die Russland nach dem 24. Februar 2022 verlassen haben, uns sehen können. Es scheint mir, dass wir es so tun müssen, wie es Sergej Diaghilev getan hat, der Leiter der Ballets Russes im frühen 20. Jahrhundert war und die russische Kunst im Ausland förderte. Er zog russischsprachige Leute in allen Ländern an, in die er reiste, aber das genuine Publikum des Landes war ihm genauso wichtig. Allerdings hat das Ballett es in dieser Hinsicht einfacher als das dramatische Theater.

Szene der Aufführung, Foto: Maria Dobrygina.

novinki: Heute hält ein großer Zustrom von Künstler*innen aus Russland in Europa an, insbesondere in Berlin. Glauben Sie nicht, dass es für kreative Menschen schwierig sein wird, miteinander zu konkurrieren und ein russischsprachiges Publikum zu teilen, das zwar groß, aber nicht unendlich ist?

S.D.: In welchem Sinne teilen?

I.T.: Wie eine Orange teilen? Jetzt sind die Gesetze des Marktes da.

S.D.: Manche entscheiden sich dafür, zu einem Treffen mit Leonid Parfenov zu gehen, und manche zu einem Konzert von Valerij Meladze. Es scheint mir, dass sich ein großer Teil des russischsprachigen Publikums, das Russland verlassen hat, an den täglichen Besuch von kulturellen Veranstaltungen gewöhnt hat. Und ich denke, dass eine solche Konzentration an kreativen Kräften gut ist. Es ist gut, dass es Konkurrenz gibt. Auf der anderen Seite teilen wir zum Beispiel einen Tontechniker oder einen Lichttechniker mit anderen Teams. Es sind zwar viele Leute gekommen, aber nicht genug, um gleichzeitig Aufführungen von verschiedenen Truppen zu veranstalten. Und wenn wir über die Zuschauer*innen sprechen, dann entscheiden sie selbst, was ihnen Spaß macht.

novinki: Sie inszenieren ein Stück über Galič, der wegen seiner politischen Haltung aus dem Land vertrieben wurde. Glauben Sie nicht, dass eine solche spezifische Migrantenproblematik nur für Menschen aus Russland interessant ist?

S.D.: Ich habe eine gute Antwort auf diese Frage. Nach der Aufführung kamen ein paar Deutsche zu mir und sagten, dass es für sie sehr interessant war, genau das zu hören und zu sehen. Sie wussten nicht oder erinnerten sich nicht an die russische Emigration der 1970er Jahre und an die Dissidenten. Sie dachten, dass wir nach der Revolution von 1917 und der „weißen Emigration“ die nächsten waren. Wie ich schon sagte, haben viele Regisseure auch vorher an europäischen Theatern Aufführungen in deutscher oder englischer Sprache inszeniert und sie machen es weiter – Timofej Kuljabin, Kirill Serebrennikov, Filip Grigorjan, Maksim Didenko und andere. Und Igor möchte hier eine Clownerie aufmachen.

Szene der Aufführung, Foto: Maria Dobrygina.

I.T.: Ja, ich möchte nach neuen Wegen suchen. Ich singe auch Lieder, ich möchte Antikriegstheater machen. Das heißt, das Stück über Galič ist nur eines meiner Projekte.

novinki: Lassen Sie uns zur kommerziellen Seite kommen. Als Sie die Aufführungen in Moskau inszenierten, hatten Sie sicherlich Sponsoren. Wie schwierig ist es hier, ein Theaterstück zu inszenieren? Zahlt sich das aus?

S.D.: In Moskau war ich eine unabhängige Produzentin, ich hatte kein staatliches Budget, ich arbeitete nur mit dem Geld privater Sponsoren und mit den Budgets von kommerziellen Projekten. In Deutschland möchte ich aber lernen, wie man mit Stiftungen und auch staatlichen Förderern zusammenarbeiten kann. Und wenn wir darüber sprechen, wie sich die Aufführung eines Theaterstücks durch den Verkauf von Tickets auszahlt… Es ist schwer, die Kosten für die Honorare der Künstler*innen zu decken, die Miete zu übernehmen, wenn man nicht in einem Theater, sondern an einem unabhängigen Veranstaltungsort eine Aufführung inszeniert. Auch in Moskau ist es schwierig, nicht an ein etabliertes Theater angegliedert zu sein, das Tickets einfach mit seinem Namen verkauft. Aber alles ist möglich, wenn man sich Mühe gibt.

Über Putins Regime und Theater

novinki: Jetzt nehmen die Repressionen gegenüber dem Theatermilieu durch die russische Regierung zu, viele Regisseur*innen werden aus Theatern entlassen. Warum wird das Theater so stark vom Putin-Regime verfolgt? Das Theater spricht meist mit einer allegorischen Sprache und nicht mit direkten Antikriegsrufen zu den Menschen.

S.D.: Zuerst wurde die Presse verfolgt und zerschlagen, die widersprochen hat. Und dann blieb das Theater fast der einzige Ort, um die Menschen jenseits der Propaganda zu erreichen, auch wenn es nur ein kleines Publikum war. Das Theater, besonders das moderne Theater, ist verpflichtet, die Ereignisse zu analysieren, die Realität zu hinterfragen und so frei wie möglich zu reflektieren. Jetzt versuchen die Machthabenden das Theater zu zwingen, die Politik nicht zu ‚stören‘ und sich ausschließlich der Unterhaltung, dem Entertainment zuzuwenden.

 

Das Interview wurde im Juni 2023 in Berlin geführt.

Informationen zu einer aktuellen Theaterproduktion unserer Gesprächspartner*innen:

Im Februar 2024 fand die Uraufführung von Maksim Didenkos Theaterstück Krematorium, das auf dem gleichnamigen Roman von Sascha Filipenko basiert, in Berlin statt. Auch dieses Stück ist auf Russisch mit deutschen Untertiteln. Weitere Aufführungen sind zu erwarten, denn die Rechte für eine deutsche Fassung sind bereits an eine andere Institution verkauft worden, teilt die Produzentin Svetlana Dolja mit. Igor Titov wird in der Rolle eines NKWD-Ermittlers zu sehen sein.

Russisches Theater im Exil: „Ich möchte Antikriegstheater machen“ - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Rus­si­sches Theater im Exil: „Ich möchte Anti­kriegs­theater machen“

Wie geht es dem rus­sisch­spra­chigen Theater in Deutsch­land in der Zeit des umfas­senden Angriffs­kriegs Russ­lands auf die Ukraine? Wie enga­gieren sich die Künstler*innen? Welche Mög­lich­keiten haben sie, aus der Emi­gran­ten­blase her­aus­zu­kommen? Dar­über hat novinki mit dem Regis­seuren Igor Titov und der Pro­du­zentin Svet­lana Dolja in Berlin gespro­chen. Sie sind Autoren des Thea­ter­stücks Uezžaete? Uezžajte! (Fahren Sie weg? Fahren Sie weg!) über den sowje­ti­schen Dichter, Dra­ma­tiker, Barden und Emi­granten Alek­sandr Galič, das im Sommer 2023 in Berlin premierte.

Szene der Auf­füh­rung, Foto: Maria Dobrygina.

Im April, Juni und Sep­tember 2023 fanden im Peters­burg Art Space Berlin Auf­füh­rungen des Thea­ter­stücks Uezžaete? Uezžajte! in rus­si­scher Fas­sung über die Emi­gra­tion von Alek­sandr Galič (Alex­ander Galitsch) statt, der eine wich­tige sowje­ti­sche anti­so­wje­ti­sche Figur war. Galič, Schau­spieler, Dra­ma­tiker und Lyriker, wurde 1974 gezwungen, die Sowjet­union zu ver­lassen. Die Geschichte seiner Emi­gra­tion, die im Stück erzählt wird, kann als Spiegel für die Emi­gra­tion vieler Men­schen, die zur Kul­tur­szene des heu­tigen Russ­lands gehören, betrachtet werden. Das Stück setzt die Emi­gra­tion der 1970er Jahre mit der heu­tigen Situa­tion in Bezie­hung und macht damit explizit, was viele, die heute Russ­land ihren Rücken kehren, denken. Unsere Inter­view­partner, der Regis­seur Igor Titov und die Pro­du­zentin Svet­lana Dolja, haben Russ­land im Herbst 2022, nach Beginn des rus­si­schen Angriffs auf die Ukraine, ver­lassen. In ihrer Regie­ar­beit setzen sie sich mit den Erfah­rungen von Galič und anderen Emigrant*innen aus­ein­ander. Vor dem Hin­ter­grund der aktu­ellen Ver­fol­gung unab­hän­giger Theaterkünstler*innen in Russ­land ist ihr Stück, das auf Rus­sisch – mit deut­schen Unter­ti­teln – auf­ge­führt wurde, eine der ersten Erschei­nungen eines neuen rus­si­schen Emi­gran­ten­thea­ters in Europa.

Galič und wir

novinki: Wie sind Sie auf die Idee ihres Thea­ter­stücks Uezžaete? Uezžajte! über Galič gekommen?

Igor Titov: Wir haben schon in Moskau das Thea­ter­stück Das Recht auf Ruhe insze­niert, in dem wir uns mit Galič  beschäf­tigten. Und irgendwie hat mich dieses Thema nicht los­ge­lassen. In der Mos­kauer Auf­füh­rung wurde der Aus­schluss Galičs aus dem Schrift­stel­ler­ver­band im Jahre 1971 the­ma­ti­siert. Das Thema wurde von unserem Meister, dem Thea­ter­päd­agogen, Regis­seur und Schau­spieler Dmitrij Brusnikin, der im Sommer 2018 ver­starb, vor­ge­schlagen. Er war auch Leiter eines der bril­lan­testen unab­hän­gigen Theater Russ­lands für junge Men­schen: Brusnikin’s Work­shop. Als wir uns außer­halb Russ­lands wie­der­fanden, kehrten wir zu unseren alten Gedanken zurück. Seit dem Beginn des rus­si­schen Angriffs­kriegs auf die Ukraine haben viele Dinge an Wert ver­loren. Es war unklar, wie wir wei­ter­ma­chen sollen. Ich habe mich dafür ent­schieden, eine Geschichte zu machen, die mir sehr am Herzen lag. Galičs Texte stimmen mit meinen Gefühlen überein, ich habe auch das Gefühl der Abhän­gig­keit vom Ter­ri­to­rium und von der Sprache.

novinki: Es ist bekannt, dass Galič zunächst ein kon­former Autor war, der Dreh­bü­cher für berühmte sowje­ti­sche Filme schrieb und für einen dieser Filme sogar eine Aus­zeich­nung vom Komitee für Staats­si­cher­heit erhielt. Dann hat er sein Leben und seine Krea­ti­vität kri­tisch über­dacht und wurde gezwungen, die Sowjet­union zu ver­lassen. Halten Sie diese Epi­sode seiner Bio­grafie für wichtig?

I.T.: Ja, sie ist sehr wichtig, wir sehen aber heute immer mehr Bei­spiele für eine gegen­tei­lige Ent­wick­lung. Wahr­schein­lich jede*r zweite rus­si­sche Künstler*in der ehe­ma­ligen Oppo­si­tion, Dis­si­denz oder des Under­grounds ist inzwi­schen Main­stream geworden, hat den Zugang zu rie­sigen Bud­gets bekommen und ist leider heute für Putin. Was Galič betrifft, war er ein sehr christ­li­cher Autor. Der Moment der Askese ist in der christ­li­chen Phi­lo­so­phie wichtig. Ich glaube, dass nicht viele Men­schen zu einer sol­chen Askese fähig sind, zum Ver­zicht auf Güter, auf ein bequemes Leben.

Über das Stück

novinki: Im ersten Teil Ihres Stücks geht es um Galičs letzten Tag in der Sowjet­union, an dem er von seinen engen Freunden ins Aus­land ver­ab­schiedet wird. Der zweite Teil ist völlig anders struk­tu­riert: Es gibt keine eigen­stän­digen Figuren, statt­dessen werden Aus­sagen ver­schie­dener Phi­lo­so­phen, Schrift­steller und Musiker über Russ­land vor­ge­lesen. Was können Sie über das Format des zweiten Teils der Auf­füh­rung sagen?

Szene der Auf­füh­rung, Foto: Maria Dobrygina.

I.T.: Der zweite Teil besteht aus Gedanken berühmter Denker sowie aus Lie­dern von Galič, die in akus­ti­scher Form neu inter­pre­tiert werden. Es han­delt sich also eher um eine audi­tive als um eine visu­elle Installation.

novinki: Warum haben Sie Texte von genau diesen Autoren aus­ge­wählt: dem sowje­ti­schen Pro­sa­iker Viktor Astaf’ev, dem Autor von Lager­prosa Varlam Šalamov, dem pro-west­li­chen Phi­lo­so­phen aus dem 19. Jahr­hun­dert Piotr Čaadaev, dem Punk­rock-Musiker Egor Letov?

I.T.: Das sind Namen, die wir in unseren Kof­fern mit uns her­um­tragen. Ihre Gedanken kommen uns auf die eine oder andere Weise in den Sinn, beson­ders in Zeiten der Apa­thie und Trau­rig­keit. Unser Dra­ma­turg, Andrej Stad­nikov, hat sie zusam­men­ge­tragen. Man­chen Gedanken fühle ich mich sehr eng ver­bunden. Sie leben in mir wie ein Code der Sprache und des Denkens.

novinki: Ihr erstes Stück über Galič basiert auf einem Tran­skript der Sit­zung des sowje­ti­schen Schrift­stel­ler­ver­bandes , bei der er aus dem Ver­band aus­ge­schlossen wurde. Wel­ches Mate­rial haben Sie für das aktu­elle Stück genutzt?

I.T.: Es gibt eine groß­ar­tige Bio­grafie über Galič von Michail Aronov. Unser Dra­ma­turg hat sich aber mit allen mög­li­chen Quellen und Memoiren beschäf­tigt. Der erste Teil des Stücks ist eine Fan­tasie zum Thema „Galič Abreise“, wobei die Erin­ne­rungen von Augen­zeugen als Grund­lage dienen. Und der zweite Teil ist eine Col­lage u.a. aus Inter­views und Vorträgen.

novinki: Erzählen Sie uns auch bitte etwas über die Musik im Stück. Wie haben Sie die Kom­po­si­tionen aus­ge­wählt? Wie ent­schieden, wer wann singt? Denn im Stück sind stel­len­weise Ori­gi­nal­ton­auf­nahmen von Galičs Stimme zu hören, wäh­rend die meiste Zeit Igor Titov Galičs Stücke neu interpretiert.

I.T.: Als wir das erste Stück über Galič machten, Das Recht auf Ruhe, schufen wir auch ein Musik­album mit dem glei­chen Namen. Wir wollten Galičs gesun­gene Lyrik elek­tro­nisch neu inter­pre­tieren, in einer Indie-Pop-Tonart. Im jet­zigen Stück kann man Galičs eigene Stimme stel­len­weise quasi “im Ori­ginal” hören. Aber es ist für mich schwierig, aus­schließ­lich Galičs authen­ti­sche Stimme wahr­zu­nehmen. Galičs Poesie ist super, ich wollte sie musi­ka­lisch jedoch ein biss­chen an die Gegen­wart anpassen.

Svet­lana Dolja: Ja, du hast die Lieder wirk­lich cool gesungen!

Das Büh­nen­bild. Szene der Auf­füh­rung, Foto: Maria Dobrygina.

novinki: Vor dem Krieg hatten rus­si­sche Theater die Mög­lich­keit, außer­halb Russ­lands, zum Bei­spiel in Berlin und Paris, auf­zu­treten. Dar­unter waren auch Stücke in rus­si­scher Sprache, die sehr gut ange­nommen wurden. Welche Rele­vanz haben rus­sisch­spra­chige Pro­duk­tionen in Europa heute?

S.D.: Dar­über reden wird in Thea­ter­kreisen die ganze Zeit. Wenn wir über die Gegen­wart spre­chen, gibt es meiner Mei­nung nach zwei Wege. Es gibt Regis­seure, die in Europa wei­terhin Stücke in rus­si­scher Sprache auf­führen und sich dabei auf das Publikum der Emi­granten kon­zen­trieren. Es gibt jetzt viele sol­cher Zuschauer*innen, so sind Pro­duk­tionen in rus­si­scher Sprache sehr gefragt. Aus meiner Sicht ist es aber rich­tiger, Stücke in der Sprache des Landes zu pro­du­zieren, wo sie auf­ge­führt werden, oder in zwei Spra­chen. Ich plane zwei Pro­duk­tionen für die nahe Zukunft, die gleich­zeitig auf Rus­sisch und Deutsch auf­ge­führt werden sollen. Die Schauspieler*innen werden zwei Text­ver­sionen lernen oder es wird rus­sisch­spra­chige und deutsch­spra­chige Thea­ter­truppen geben. Abge­sehen davon sehe ich kein Pro­blem mit der rus­si­schen Sprache, ich bin noch nicht auf ‚can­cel­ling‘ gestoßen. Bei der Pre­miere von Uezžaete? Uezžajte waren ziem­lich viele Deut­sche da, denn es gibt Unter­titel auf Deutsch und man kann sich das Stück pro­blemlos anschauen.

Über das Theaterpublikum

novinki: Sie haben gesagt, dass sich jetzt ein Publikum gebildet hat, das aus Men­schen besteht, die vor kurzem Russ­land ver­lassen haben. Glauben Sie, dass es rea­lis­tisch ist, hier auch ein ver­gleich­bares nicht rus­si­sches Publikum, das an Auf­füh­rungen des rus­si­schen Thea­ters inter­es­siert ist, zu haben?

S.D.: Das wird die Zeit zeigen. Viele meiner Kolleg*innen ver­su­chen jetzt, ein sol­ches Publikum anzu­ziehen. Wir müssen gut sichtbar sein, damit die­je­nigen, die Russ­land nach dem 24. Februar 2022 ver­lassen haben, uns sehen können. Es scheint mir, dass wir es so tun müssen, wie es Sergej Diag­hilev getan hat, der Leiter der Bal­lets Russes im frühen 20. Jahr­hun­dert war und die rus­si­sche Kunst im Aus­land för­derte. Er zog rus­sisch­spra­chige Leute in allen Län­dern an, in die er reiste, aber das genuine Publikum des Landes war ihm genauso wichtig. Aller­dings hat das Bal­lett es in dieser Hin­sicht ein­fa­cher als das dra­ma­ti­sche Theater.

Szene der Auf­füh­rung, Foto: Maria Dobrygina.

novinki: Heute hält ein großer Zustrom von Künstler*innen aus Russ­land in Europa an, ins­be­son­dere in Berlin. Glauben Sie nicht, dass es für krea­tive Men­schen schwierig sein wird, mit­ein­ander zu kon­kur­rieren und ein rus­sisch­spra­chiges Publikum zu teilen, das zwar groß, aber nicht unend­lich ist?

S.D.: In wel­chem Sinne teilen?

I.T.: Wie eine Orange teilen? Jetzt sind die Gesetze des Marktes da.

S.D.: Manche ent­scheiden sich dafür, zu einem Treffen mit Leonid Par­fenov zu gehen, und manche zu einem Kon­zert von Valerij Meladze. Es scheint mir, dass sich ein großer Teil des rus­sisch­spra­chigen Publi­kums, das Russ­land ver­lassen hat, an den täg­li­chen Besuch von kul­tu­rellen Ver­an­stal­tungen gewöhnt hat. Und ich denke, dass eine solche Kon­zen­tra­tion an krea­tiven Kräften gut ist. Es ist gut, dass es Kon­kur­renz gibt. Auf der anderen Seite teilen wir zum Bei­spiel einen Ton­tech­niker oder einen Licht­tech­niker mit anderen Teams. Es sind zwar viele Leute gekommen, aber nicht genug, um gleich­zeitig Auf­füh­rungen von ver­schie­denen Truppen zu ver­an­stalten. Und wenn wir über die Zuschauer*innen spre­chen, dann ent­scheiden sie selbst, was ihnen Spaß macht.

novinki: Sie insze­nieren ein Stück über Galič, der wegen seiner poli­ti­schen Hal­tung aus dem Land ver­trieben wurde. Glauben Sie nicht, dass eine solche spe­zi­fi­sche Migran­ten­pro­ble­matik nur für Men­schen aus Russ­land inter­es­sant ist?

S.D.: Ich habe eine gute Ant­wort auf diese Frage. Nach der Auf­füh­rung kamen ein paar Deut­sche zu mir und sagten, dass es für sie sehr inter­es­sant war, genau das zu hören und zu sehen. Sie wussten nicht oder erin­nerten sich nicht an die rus­si­sche Emi­gra­tion der 1970er Jahre und an die Dis­si­denten. Sie dachten, dass wir nach der Revo­lu­tion von 1917 und der „weißen Emi­gra­tion“ die nächsten waren. Wie ich schon sagte, haben viele Regis­seure auch vorher an euro­päi­schen Thea­tern Auf­füh­rungen in deut­scher oder eng­li­scher Sprache insze­niert und sie machen es weiter – Timofej Kul­jabin, Kirill Ser­ebren­nikov, Filip Gri­gorjan, Maksim Didenko und andere. Und Igor möchte hier eine Clow­nerie aufmachen.

Szene der Auf­füh­rung, Foto: Maria Dobrygina.

I.T.: Ja, ich möchte nach neuen Wegen suchen. Ich singe auch Lieder, ich möchte Anti­kriegs­theater machen. Das heißt, das Stück über Galič ist nur eines meiner Projekte.

novinki: Lassen Sie uns zur kom­mer­zi­ellen Seite kommen. Als Sie die Auf­füh­rungen in Moskau insze­nierten, hatten Sie sicher­lich Spon­soren. Wie schwierig ist es hier, ein Thea­ter­stück zu insze­nieren? Zahlt sich das aus?

S.D.: In Moskau war ich eine unab­hän­gige Pro­du­zentin, ich hatte kein staat­li­ches Budget, ich arbei­tete nur mit dem Geld pri­vater Spon­soren und mit den Bud­gets von kom­mer­zi­ellen Pro­jekten. In Deutsch­land möchte ich aber lernen, wie man mit Stif­tungen und auch staat­li­chen För­de­rern zusam­men­ar­beiten kann. Und wenn wir dar­über spre­chen, wie sich die Auf­füh­rung eines Thea­ter­stücks durch den Ver­kauf von Tickets aus­zahlt… Es ist schwer, die Kosten für die Hono­rare der Künstler*innen zu decken, die Miete zu über­nehmen, wenn man nicht in einem Theater, son­dern an einem unab­hän­gigen Ver­an­stal­tungsort eine Auf­füh­rung insze­niert. Auch in Moskau ist es schwierig, nicht an ein eta­bliertes Theater ange­glie­dert zu sein, das Tickets ein­fach mit seinem Namen ver­kauft. Aber alles ist mög­lich, wenn man sich Mühe gibt.

Über Putins Regime und Theater

novinki: Jetzt nehmen die Repres­sionen gegen­über dem Thea­ter­mi­lieu durch die rus­si­sche Regie­rung zu, viele Regisseur*innen werden aus Thea­tern ent­lassen. Warum wird das Theater so stark vom Putin-Regime ver­folgt? Das Theater spricht meist mit einer alle­go­ri­schen Sprache und nicht mit direkten Anti­kriegs­rufen zu den Menschen.

S.D.: Zuerst wurde die Presse ver­folgt und zer­schlagen, die wider­spro­chen hat. Und dann blieb das Theater fast der ein­zige Ort, um die Men­schen jen­seits der Pro­pa­ganda zu errei­chen, auch wenn es nur ein kleines Publikum war. Das Theater, beson­ders das moderne Theater, ist ver­pflichtet, die Ereig­nisse zu ana­ly­sieren, die Rea­lität zu hin­ter­fragen und so frei wie mög­lich zu reflek­tieren. Jetzt ver­su­chen die Macht­ha­benden das Theater zu zwingen, die Politik nicht zu ‚stören‘ und sich aus­schließ­lich der Unter­hal­tung, dem Enter­tain­ment zuzuwenden.

 

Das Inter­view wurde im Juni 2023 in Berlin geführt.

Infor­ma­tionen zu einer aktu­ellen Thea­ter­pro­duk­tion unserer Gesprächspartner*innen:

Im Februar 2024 fand die Urauf­füh­rung von Maksim Didenkos Thea­ter­stück Kre­ma­to­rium, das auf dem gleich­na­migen Roman von Sascha Fili­penko basiert, in Berlin statt. Auch dieses Stück ist auf Rus­sisch mit deut­schen Unter­ti­teln. Wei­tere Auf­füh­rungen sind zu erwarten, denn die Rechte für eine deut­sche Fas­sung sind bereits an eine andere Insti­tu­tion ver­kauft worden, teilt die Pro­du­zentin Svet­lana Dolja mit. Igor Titov wird in der Rolle eines NKWD-Ermitt­lers zu sehen sein.