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Gespräch über Schnee. Eine Einleitung.

Posted on 11. November 2014 by novinki

Russland ist ohne Schnee und Schneestürme undenkbar: der lange Winter, riesige weisse Flächen, Schneestürme und viele verschiedene Schneesturmwörter: метель, буран, вьюга, пурга, снежная буря unterscheiden die Stärke des Sturmes und die Richtungen der Verwirbelung.
Die russische Literatur hat den Schnee und den Schneesturm nicht nur beschrieben, sondern ganze Schneesturmnarrative und -metaphoriken entwickelt, die sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert haben. In der russischen Romantik, bei Petr Vjazemskij und Aleksandr Puškin ist das Aufkommen eines Schneesturms meist mit der Leidenschaftlichkeit der Liebe und dem unsicheren Schicksal der Protagonisten verknüpft. Schneesturm beschreibt das Chaos, eine Störung, in Puškins Erzählung Schneesturm (Metel’ 1830) die Unterbrechung einer Fahrt, eines biographischen Weges, die ganz am Ende der Erzählung, wie in einem Schneesturm, noch einmal umgedreht wird. Der Schneesturm unterbricht das Gewohnte, wirbelt es umher, stellt die Protagonisten vor eine Wahl, bringt sie in eine kontingente Situation. Man könnte den Schneesturm mit Bachtin in der Romantik als einen Chronotopos des verwirbelten, unterbrochenen Weges lesen.
In Tolstojs Schneesturm (Metel’ 1856) wird dann viel stärker auf den Schneesturm als aisthetisches Experiment, als Wahrnehmungsexperiment angespielt. Tolstoj stellt die sinnesphysiologische Störung, die durch den Schneesturm hervorgerufen wird, in den Vordergrund. Der Protagonist kann sich auf seinen Sehsinn nicht mehr verlassen, er ist blind, seine Umwelt nimmt er nur noch durch Geräusche und andere Sinneseindrücke wahr. Schliesslich beginnt er zu träumen und zu halluzinieren. Man könnte sagen, dass Tolstoj mit dem Schneesturm so etwas wie eine Urszene des Literarischen erschafft. Die Blindheit im Schneesturm, das Whiteout, wird durch das Sehen der Einbildungskraft ersetzt, das Weisse ringsherum erscheint als weisse Seite, die durch die Erzählung beschriftet wird. Als Whiteout bezeichnet man das Phänomen der Derealisierung durch Schnee (Blendung) oder durch Schneesturm (Verlust der Verlässlichkeit des Sehsinns).
Zwei weitere Schneesturmkonzepte kommen bei Aleksandr Blok hinzu, eine davon unterstreicht die Idee des Schreibens auf dem weissen Papier. Blok verbindet in Schneemaske (Snežnaja maska, 1906/07) die Verwirbelung beim Schneesturm mit dem Weben des Textes: «вить, взвиться, вяз» als Flechten, d.h. als Bezeichnung für die Produktion des Textes; «вить, виться» als Wirbeln des Schnees. Die Verwirbelung geht bei Blok bis auf die Wortebene, die Buchstaben werden in Anagrammen regelrecht durchgewirbelt. Jurij Tynjanov nennt Bloks Schreibweise deshalb auch einen „stilistischen Schneesturm“.
Eine andere, vor allem im frühen 20. Jahrhundert strapazierte Metaphorisierung des Schneesturms beginnt ebenfalls bei Blok, in Bloks Die Zwölf (Dvenadcat’, 1917/18). Dort wird der Schneesturm mit der Revolution assoziiert. Revolution erscheint als ein Moment des absoluten Jetzt: Die Vergangenheit zählt nicht mehr, die Zukunft ist völlig offen, Geschichte wird von Kontingenz bestimmt. Man könnte das mit Lotmans Begriff der „Explosion“ beschreiben. Explosion wird bei Lotman definiert als Ereignis, als ein „Moment der Unvorhersagbarkeit“, in dem „sich die Weichenstellung für die Zukunft als Zufall realisiert“. Oder aber mit Gilles Deleuze‘ Vorstellung vom „glatten Raum“, dem man ausgeliefert ist, den man nicht überblicken kann und der deshalb jeden einzelnen in die Nahsichtigkeit zwingt.
Die Anspielungen auf Schneesturm und Revolution bzw. Bürgerkrieg finden sich auch in Bulgakovs Schneesturm (V’juga, 1926), Bulgakovs Weisser Garde (Belaja Gvardija, 1924) Pilnjaks Drama Schneesturm (Metel’, 1922), seinem Roman Nacktes Jahr (Golyj god, 1920) und seiner Erzählung Vor der Tür (Pri dverjach, 1920) und Pasternaks Doktor Živago (1954). Bei Pil’njak heisst es: „Hörst du, wie die Revolution heult – wie eine Hexe im Schneesturm!“ („Слышишь, как революция воет — как ведьма в метель!“)

Die Politisierung des Schneesturmtextes wird weitergeführt mit Nikolaj Zabolockijs Gedicht Ottepel’(Tauwetter), geschrieben 1948, veröffentlicht 1953 kurz nach Stalins Tod. Die erste Zeile: „Ottepel’ posle meteli“ („Tauwetter nach dem Schneesturm“) wird fortan als politische Allusion auf die Stalinzeit gelesen, obwohl Zabolockij das Ende seines Schneesturms bereits 1948, nach der Entlassung aus dem Lager gekommen sah. Die politische Metaphorisierung des Schneesturms wird in der ganzen Tauwetterzeit fortgesetzt. Als schliesslich Bella Achmadulinas Gedichtzyklus (Metel’, 1965) erscheint, zu einem Zeitpunkt, als das Tauwetter auch politisch wieder beendet wird, kann man die eigentlich apolitischen Gedichte ohne die potentielle politische Semantik kaum noch lesen. Auch nach 1990, in den Gesprächen zwischen Boris Groys und Ilya Kabakov, taucht der Schneesturm im Rückblick als Metapher für die Stalinzeit auf: „Die Sowjetmacht wurde hingenommen wie ein Schneesturm, wie eine Klimakatastrophe“.

Dabei gab es gerade im sowjetischen Underground, im Moskauer Konzeptualismus, ein entpolitisiertes Interesse für Schnee und Schneesturm, das viel eher an Tolstoj oder auch an Kasimir Malevičs weisse suprematistische Quadrate anschliesst. Andrej Monastyrskij hat einmal in einem Gespräch mit Sabine Hänsgen gesagt, dass Schneefelder schon immer ungewöhnlich auf ihn gewirkt hätten. Dort spüre man „einen Mangel des Anfangs, das ständige Novum, eine offene Möglichkeit“. Daher stamme, so Monastyrskij weiter, „anscheinend auch die Liebe zur weißen leeren Fläche von Kabakov, die Liebe zu Heidegger mit seinen Möglichkeiten“ (Hänsgen/Monastyrskij 1999). Als Prätexte dienten den Konzeptualisten allerdings weniger die vielen russischen Schneetexte, sondern Thomas Manns Zauberberg (der lange Skiausflug Hans Castorps im Schnee) oder alte chinesische Romane, die Reise in den Westen und einzelne Episoden aus Der Traum der roten Kammer, wo zwei Mönche über das Schneefeld verschleppt werden.

Dass es mit dem Fahren durch den Schneesturm in der russischen Literatur kein Ende nehmen wird, hat schon der Schneesturm als Figur bei Bulgakov gewusst. In der gleichnamigen Erzählung antwortet er auf die Ablehnung des Protagonisten, jemals wieder bei einem Schneesturm loszufahren: „Du fährst, und ob du fährst“.
Den vorerst letzten Schneesturmtext hat Vladimir Sorokin 2009 veröffentlicht. Es ist ein typischer Sorokin, ein Roman, der fast die gesamte russische Schneesturmliteratur latent, manchmal auch konkret andeutet und dennoch gegen diese aufbegehrt. In keinem der bisherigen Schneesturmtexte wurde der Weg so häufig verweht, verloren und wiedergefunden, in keinem der bisherigen Texte wird der Schneesturmtext und seine literarischen Möglichkeiten so deutlich parodiert.
Novinki führte mit Vladimir Sorokin ein Gespräch über seinen Metel’ und den Schneesturmtext der russischen Literatur.

von Sylvia Sasse

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Gespräch über Schnee. Eine Einleitung. - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Gespräch über Schnee. Eine Einleitung.

Russ­land ist ohne Schnee und Schnee­stürme undenkbar: der lange Winter, rie­sige weisse Flä­chen, Schnee­stürme und viele ver­schie­dene Schnee­sturm­wörter: метель, буран, вьюга, пурга, снежная буря unter­scheiden die Stärke des Sturmes und die Rich­tungen der Verwirbelung.
Die rus­si­sche Lite­ratur hat den Schnee und den Schnee­sturm nicht nur beschrieben, son­dern ganze Schnee­sturm­nar­ra­tive und ‑meta­pho­riken ent­wi­ckelt, die sich im Laufe der Zeit immer wieder ver­än­dert haben. In der rus­si­schen Romantik, bei Petr Vja­zemskij und Alek­sandr Puškin ist das Auf­kommen eines Schnee­sturms meist mit der Lei­den­schaft­lich­keit der Liebe und dem unsi­cheren Schicksal der Prot­ago­nisten ver­knüpft. Schnee­sturm beschreibt das Chaos, eine Stö­rung, in Puškins Erzäh­lung Schnee­sturm (Metel’ 1830) die Unter­bre­chung einer Fahrt, eines bio­gra­phi­schen Weges, die ganz am Ende der Erzäh­lung, wie in einem Schnee­sturm, noch einmal umge­dreht wird. Der Schnee­sturm unter­bricht das Gewohnte, wir­belt es umher, stellt die Prot­ago­nisten vor eine Wahl, bringt sie in eine kon­tin­gente Situa­tion. Man könnte den Schnee­sturm mit Bachtin in der Romantik als einen Chro­no­topos des ver­wir­belten, unter­bro­chenen Weges lesen.
In Tol­s­tojs Schnee­sturm (Metel’ 1856) wird dann viel stärker auf den Schnee­sturm als ais­the­ti­sches Expe­ri­ment, als Wahr­neh­mungs­expe­ri­ment ange­spielt. Tol­stoj stellt die sin­nes­phy­sio­lo­gi­sche Stö­rung, die durch den Schnee­sturm her­vor­ge­rufen wird, in den Vor­der­grund. Der Prot­ago­nist kann sich auf seinen Seh­sinn nicht mehr ver­lassen, er ist blind, seine Umwelt nimmt er nur noch durch Geräu­sche und andere Sin­nes­ein­drücke wahr. Schliess­lich beginnt er zu träumen und zu hal­lu­zi­nieren. Man könnte sagen, dass Tol­stoj mit dem Schnee­sturm so etwas wie eine Urszene des Lite­ra­ri­schen erschafft. Die Blind­heit im Schnee­sturm, das Whiteout, wird durch das Sehen der Ein­bil­dungs­kraft ersetzt, das Weisse rings­herum erscheint als weisse Seite, die durch die Erzäh­lung beschriftet wird. Als Whiteout bezeichnet man das Phä­nomen der Derea­li­sie­rung durch Schnee (Blen­dung) oder durch Schnee­sturm (Ver­lust der Ver­läss­lich­keit des Sehsinns).
Zwei wei­tere Schnee­sturm­kon­zepte kommen bei Alek­sandr Blok hinzu, eine davon unter­streicht die Idee des Schrei­bens auf dem weissen Papier. Blok ver­bindet in Schnee­maske (Snežnaja maska, 1906/07) die Ver­wir­be­lung beim Schnee­sturm mit dem Weben des Textes: «вить, взвиться, вяз» als Flechten, d.h. als Bezeich­nung für die Pro­duk­tion des Textes; «вить, виться» als Wir­beln des Schnees. Die Ver­wir­be­lung geht bei Blok bis auf die Wort­ebene, die Buch­staben werden in Ana­grammen regel­recht durch­ge­wir­belt. Jurij Tyn­janov nennt Bloks Schreib­weise des­halb auch einen „sti­lis­ti­schen Schneesturm“.
Eine andere, vor allem im frühen 20. Jahr­hun­dert stra­pa­zierte Meta­pho­ri­sie­rung des Schnee­sturms beginnt eben­falls bei Blok, in Bloks Die Zwölf (Dven­adcat’, 1917/18). Dort wird der Schnee­sturm mit der Revo­lu­tion asso­zi­iert. Revo­lu­tion erscheint als ein Moment des abso­luten Jetzt: Die Ver­gan­gen­heit zählt nicht mehr, die Zukunft ist völlig offen, Geschichte wird von Kon­tin­genz bestimmt. Man könnte das mit Lot­mans Begriff der „Explo­sion“ beschreiben. Explo­sion wird bei Lotman defi­niert als Ereignis, als ein „Moment der Unvor­her­sag­bar­keit“, in dem „sich die Wei­chen­stel­lung für die Zukunft als Zufall rea­li­siert“. Oder aber mit Gilles Deleuze‘ Vor­stel­lung vom „glatten Raum“, dem man aus­ge­lie­fert ist, den man nicht über­bli­cken kann und der des­halb jeden ein­zelnen in die Nah­sich­tig­keit zwingt.
Die Anspie­lungen auf Schnee­sturm und Revo­lu­tion bzw. Bür­ger­krieg finden sich auch in Bul­ga­kovs Schnee­sturm (V’juga, 1926), Bul­ga­kovs Weisser Garde (Belaja Gvar­dija, 1924) Piln­jaks Drama Schnee­sturm (Metel’, 1922), seinem Roman Nacktes Jahr (Golyj god, 1920) und seiner Erzäh­lung Vor der Tür (Pri dver­jach, 1920) und Pas­ter­naks Doktor Živago (1954). Bei Pil’njak heisst es: „Hörst du, wie die Revo­lu­tion heult – wie eine Hexe im Schnee­sturm!“ („Слышишь, как революция воет — как ведьма в метель!“)

Die Poli­ti­sie­rung des Schnee­sturm­textes wird wei­ter­ge­führt mit Nikolaj Zabo­lo­ckijs Gedicht Ottepel’(Tau­wetter), geschrieben 1948, ver­öf­fent­licht 1953 kurz nach Sta­lins Tod. Die erste Zeile: „Ottepel’ posle meteli“ („Tau­wetter nach dem Schnee­sturm“) wird fortan als poli­ti­sche Allu­sion auf die Sta­lin­zeit gelesen, obwohl Zabo­lo­ckij das Ende seines Schnee­sturms bereits 1948, nach der Ent­las­sung aus dem Lager gekommen sah. Die poli­ti­sche Meta­pho­ri­sie­rung des Schnee­sturms wird in der ganzen Tau­wet­ter­zeit fort­ge­setzt. Als schliess­lich Bella Ach­ma­du­linas Gedicht­zy­klus (Metel’, 1965) erscheint, zu einem Zeit­punkt, als das Tau­wetter auch poli­tisch wieder beendet wird, kann man die eigent­lich apo­li­ti­schen Gedichte ohne die poten­ti­elle poli­ti­sche Semantik kaum noch lesen. Auch nach 1990, in den Gesprä­chen zwi­schen Boris Groys und Ilya Kabakov, taucht der Schnee­sturm im Rück­blick als Meta­pher für die Sta­lin­zeit auf: „Die Sowjet­macht wurde hin­ge­nommen wie ein Schnee­sturm, wie eine Klimakatastrophe“.

Dabei gab es gerade im sowje­ti­schen Under­ground, im Mos­kauer Kon­zep­tua­lismus, ein ent­po­li­ti­siertes Inter­esse für Schnee und Schnee­sturm, das viel eher an Tol­stoj oder auch an Kasimir Male­vičs weisse supre­ma­tis­ti­sche Qua­drate anschliesst. Andrej Monastyr­skij hat einmal in einem Gespräch mit Sabine Hänsgen gesagt, dass Schnee­felder schon immer unge­wöhn­lich auf ihn gewirkt hätten. Dort spüre man „einen Mangel des Anfangs, das stän­dige Novum, eine offene Mög­lich­keit“. Daher stamme, so Monastyr­skij weiter, „anschei­nend auch die Liebe zur weißen leeren Fläche von Kabakov, die Liebe zu Heid­egger mit seinen Mög­lich­keiten“ (Hänsgen/Monastyrskij 1999). Als Prä­texte dienten den Kon­zep­tua­listen aller­dings weniger die vielen rus­si­schen Schnee­texte, son­dern Thomas Manns Zau­ber­berg (der lange Ski­aus­flug Hans Cas­torps im Schnee) oder alte chi­ne­si­sche Romane, die Reise in den Westen und ein­zelne Epi­soden aus Der Traum der roten Kammer, wo zwei Mönche über das Schnee­feld ver­schleppt werden.

Dass es mit dem Fahren durch den Schnee­sturm in der rus­si­schen Lite­ratur kein Ende nehmen wird, hat schon der Schnee­sturm als Figur bei Bul­gakov gewusst. In der gleich­na­migen Erzäh­lung ant­wortet er auf die Ableh­nung des Prot­ago­nisten, jemals wieder bei einem Schnee­sturm los­zu­fahren: „Du fährst, und ob du fährst“.
Den vor­erst letzten Schnee­sturm­text hat Vla­dimir Sor­okin 2009 ver­öf­fent­licht. Es ist ein typi­scher Sor­okin, ein Roman, der fast die gesamte rus­si­sche Schnee­sturm­li­te­ratur latent, manchmal auch kon­kret andeutet und den­noch gegen diese auf­be­gehrt. In keinem der bis­he­rigen Schnee­sturm­texte wurde der Weg so häufig ver­weht, ver­loren und wie­der­ge­funden, in keinem der bis­he­rigen Texte wird der Schnee­sturm­text und seine lite­ra­ri­schen Mög­lich­keiten so deut­lich parodiert.
Novinki führte mit Vla­dimir Sor­okin ein Gespräch über seinen Metel’ und den Schnee­sturm­text der rus­si­schen Literatur.

von Sylvia Sasse

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