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Sex sells – aber was ist mit den Nebenwirkungen?

Posted on 5. März 2019 by Stefanie Erpel
Dieser Text hätte am zweiten Juni veröffentlicht werden sollen, denn an diesem Tag, dem "International Sex Workers Day", wird jährlich an die Diskriminierung von Prostituierten erinnert; an Prostituierte wie auch die kleine "Kukolka" aus dem gleichnamigen Roman (2017) von Lana Lux eine ist.

Dieser Text hätte am zweiten Juni veröffentlicht werden sollen, denn an diesem Tag, dem "International Sex Workers Day", wird jährlich an die Diskriminierung von Prostituierten erinnert; an Prostituierte wie auch die kleine "Kukolka" aus dem gleichnamigen Roman (2017) von Lana Lux eine ist.

 

„Ich will mal so werden, dass ich jedem Mann gefalle. So, dass jeder sich in mich verliebt, wenn er mich sieht“‒ sagte die siebenjährige Samira. Hätte sie geahnt, in welcher Weise sich dieser Wunsch in nur ein paar Jahren erfüllt, hätte sie ihn wahrscheinlich nie ausgesprochen. Die Männer kamen, doch sie suchten bei ihr nicht nach Liebe, sondern nach Sex. So begann ihr Leben als Prostituierte, ein Leben am Rande der Gesellschaft.

 

kukolka

 

Eigentlich wollte Lana Lux ein Kinderbuch schreiben. Ein Märchen, vielleicht mit einem Prinzen, einer Fee oder einem Einhorn. Irgendetwas, was sie einmal selbst ihrem Kind vorlesen wird. Das war ihr Plan, als sie im Kinderbuchschreibkurs an der Volkshochschule saß. Lux schrieb jedoch alles andere als ein Kinderbuch; es wurde ein Roman über Drogen, Prostitution und die Willkür des Lebens. Schuld daran ist ein Foto aus dem Kurs ‒ ein Mädchen mit schwarzen Haaren und gesprenkelten grünen Augen. Für sie war es die kleine Samira, die Heldin ihres Romans.

 

Lana Lux stammt aus der Ukraine und kam im Alter von zehn Jahren als Kontingentflüchtling nach Deutschland. 2017 veröffentlichte sie ihren Debütroman Kukolka. Ein Buch, das mit so viel nüchterner Brutalität geschrieben ist, dass man es vor Schmerz und Ekel am liebsten zerreißen möchte, aber dennoch weiterliest. Die Geschichte ist nicht neu. Sie ist eine von vielen Geschichten, die im Osteuropa der 1990er spielen, in einer Zeit, in der der versprochene Neuaufbau wohl eher einem Komplettabriss ähnelte.

 

Samira wächst in einem Kinderheim in Dnipropetrovsk auf und flieht, nachdem ihre einzige Freundin Marina von einem reichen deutschen Ehepaar adoptiert worden ist. Völlig desorientiert gerät sie an Rocky, der sie nur noch Kukolka („Püppchen“) nennt. Zusammen mit anderen Straßenkindern wohnt sie nun unter seiner Obhut. Die Kinder besorgen Geld und Rocky kassiert dieses ein. Sobald sie den Sexualtrieb der Männer kennenlernt, beginnt Samira die Realität der Welt zu verstehen ‒ und vor allem ihre Rolle darin. Doch plötzlich taucht Dima auf und die Geschichte scheint sich von Oliver Twist zu Aschenbrödel zu wandeln. Sie landet in Berlin-Marzahn, wo der Aufzug genauso nach Pisse stinkt wie in Topol und sich die Jugendlichen auf Russisch beleidigen. Der Prinz zeigt sein wahres Gesicht als Loverboy und schickt die erst 13-Jährige zum Anschaffen. Als Alkohol und Drogen sie kaputt machen, verkauft er Samira an eine Sexagentur, wo Kunden die Mädchen rund um die Uhr bestellen können ‒ wie bei einem Lieferservice. Ihr Körper ist zerstört, er funktioniert wie eine Waschmaschine: „Ganz viele Programme, alle laufen automatisch ab. Aber was macht die Maschine. Wo kommt der ganze Dreck hin?“ Erstaunlich ist nur, dass dieses Mädchen immer noch Mut hat. Und Hoffnung. So gelingt ihr die Flucht, sie rennt und rennt und rennt.

 

Kukolka ist aus der Sicht der 15-jährigen Samira geschrieben. Aus der Perspektive eines Mädchens, das die brutalsten Geschehnisse auf kindlich direkte und unverhohlene Weise beschreibt. Genauso ist die Sprache: platt, nüchtern und äußerst vulgär. Als sie das erste Mal Sex sieht, erinnert sie sich an die sich paarenden Straßenhunde – doch diese keuchten wenigsten nicht so heftig. Die Funktionen des weiblichen Körpers werden ihr detailgetreu wie auf einem Beipackzettel eines Medikamentes erklärt ‒ nur dass Anmerkungen zu den Nebenwirkungen fehlen. Manchmal jedoch fragen sich die Leser_innen, ob nicht doch die erwachsene Lana Lux anstelle der jugendlichen Samira spricht. Der Roman ähnelt mitunter einer Reportage, hineingezogen in den Wirrwarr aus Kriminalität, Sex und Gewalt kann man einfach nicht aufhören zu lesen.

 

Jegliche Reflexionsebene fehlt, denn reflektieren sollen hier lediglich die Leser_innen. Vor allem die Probleme, die Lana Lux nur indirekt anspricht. Die Geschichte von Samira ist nichts Neues, doch gelingt es der Autorin durch Nebenbemerkungen auf Probleme in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Probleme, die eine Geschichte wie die von Samira überhaupt erst ermöglichen. Das sind einerseits die Legalität von Prostitution in Deutschland – „Nutte, Prostituierte, Kurtisane, Sex-Arbeiterin, such dir aus, wie du es nennen willst. Ist eine ganz normale legale Arbeit“ – und andererseits die organisierte Kriminalität. Lana Lux betreibt Gesellschaftskritik auf eine berührende und eindringliche Weise und zugleich jenseits jeglichen belehrenden Tons. Prostitution, Drogen, illegale Einwanderung, Rassismus, sadistische Erziehungsmethoden kommen in Samira zusammen. In dem kleinen Mädchen, das sich eigentlich nur nach Liebe und Aufmerksamkeit sehnt.

 

Indirekt und dennoch unglaublich ausdrucksstark beschreibt die Autorin die psychischen Probleme, die dieses Leben mit sich bringt. Die Lektüre zwingt einen geradezu unweigerlich mit Scham, Ekel, gar mit einem schlechten Gewissen darüber nachzudenken. Letzten Endes geht es um tiefe Beziehungen, oder besser den Mangel an diesen. So wie das unbeholfene Mädchen Lydia an den Zuhälter Rocky gebunden war, so liebte Samira Dima, auch wenn das abwegig erscheinen mag.Nebenbei, ja fast überlesbar wirft die Autorin den Satz ein: „Im Russischen ist Mama etwas Exklusives, aber hier gibt es diverse Mamas. Tages-Mama, Stief-Mama, Schwieger-Mama, Gast-Mama und sogar Leih-Mama“. Ist das vielleicht der Ursprung der Lebens- oder besser Leidensgeschichte von Samira? Das Fehlen einer Mutter, das Fehlen von Liebe, das Fehlen von Zuneigung. Das Buch stellt Samira und letztlich auch die Leser_innen vor grundsätzliche Fragen zwischenmenschlicher Beziehungen. Eine Antwort auf diese gibt es jedoch nicht.

 

Lux, Lana: Kukolka. Aufbau Verlag 2017. 375 Seiten. 22 EUR.

 

Weiterführende Links

Felix Münger im Gespräch mit Lana Lux: "Kukolka" von Lana Lux, 2017..

Sex sells – aber was ist mit den Nebenwirkungen? - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Sex sells – aber was ist mit den Nebenwirkungen?

Dieser Text hätte am zweiten Juni ver­öf­fent­licht werden sollen, denn an diesem Tag, dem “Inter­na­tional Sex Workers Day”, wird jähr­lich an die Dis­kri­mi­nie­rung von Pro­sti­tu­ierten erin­nert; an Pro­sti­tu­ierte wie auch die kleine “Kukolka” aus dem gleich­na­migen Roman (2017) von Lana Lux eine ist.

 

„Ich will mal so werden, dass ich jedem Mann gefalle. So, dass jeder sich in mich ver­liebt, wenn er mich sieht“‒ sagte die sie­ben­jäh­rige Samira. Hätte sie geahnt, in wel­cher Weise sich dieser Wunsch in nur ein paar Jahren erfüllt, hätte sie ihn wahr­schein­lich nie aus­ge­spro­chen. Die Männer kamen, doch sie suchten bei ihr nicht nach Liebe, son­dern nach Sex. So begann ihr Leben als Pro­sti­tu­ierte, ein Leben am Rande der Gesellschaft.

 

kukolka

 

Eigent­lich wollte Lana Lux ein Kin­der­buch schreiben. Ein Mär­chen, viel­leicht mit einem Prinzen, einer Fee oder einem Ein­horn. Irgend­etwas, was sie einmal selbst ihrem Kind vor­lesen wird. Das war ihr Plan, als sie im Kin­der­buch­schreib­kurs an der Volks­hoch­schule saß. Lux schrieb jedoch alles andere als ein Kin­der­buch; es wurde ein Roman über Drogen, Pro­sti­tu­tion und die Willkür des Lebens. Schuld daran ist ein Foto aus dem Kurs ‒ ein Mäd­chen mit schwarzen Haaren und gespren­kelten grünen Augen. Für sie war es die kleine Samira, die Heldin ihres Romans.

 

Lana Lux stammt aus der Ukraine und kam im Alter von zehn Jahren als Kon­tin­gent­flücht­ling nach Deutsch­land. 2017 ver­öf­fent­lichte sie ihren Debüt­roman Kukolka. Ein Buch, das mit so viel nüch­terner Bru­ta­lität geschrieben ist, dass man es vor Schmerz und Ekel am liebsten zer­reißen möchte, aber den­noch wei­ter­liest. Die Geschichte ist nicht neu. Sie ist eine von vielen Geschichten, die im Ost­eu­ropa der 1990er spielen, in einer Zeit, in der der ver­spro­chene Neu­aufbau wohl eher einem Kom­plett­ab­riss ähnelte.

 

Samira wächst in einem Kin­der­heim in Dni­pro­pe­trovsk auf und flieht, nachdem ihre ein­zige Freundin Marina von einem rei­chen deut­schen Ehe­paar adop­tiert worden ist. Völlig des­ori­en­tiert gerät sie an Rocky, der sie nur noch Kukolka („Püpp­chen“) nennt. Zusammen mit anderen Stra­ßen­kin­dern wohnt sie nun unter seiner Obhut. Die Kinder besorgen Geld und Rocky kas­siert dieses ein. Sobald sie den Sexu­al­trieb der Männer ken­nen­lernt, beginnt Samira die Rea­lität der Welt zu ver­stehen ‒ und vor allem ihre Rolle darin. Doch plötz­lich taucht Dima auf und die Geschichte scheint sich von Oliver Twist zu Aschen­brödel zu wan­deln. Sie landet in Berlin-Mar­zahn, wo der Aufzug genauso nach Pisse stinkt wie in Topol und sich die Jugend­li­chen auf Rus­sisch belei­digen. Der Prinz zeigt sein wahres Gesicht als Loverboy und schickt die erst 13-Jäh­rige zum Anschaffen. Als Alkohol und Drogen sie kaputt machen, ver­kauft er Samira an eine Sexagentur, wo Kunden die Mäd­chen rund um die Uhr bestellen können ‒ wie bei einem Lie­fer­ser­vice. Ihr Körper ist zer­stört, er funk­tio­niert wie eine Wasch­ma­schine: „Ganz viele Pro­gramme, alle laufen auto­ma­tisch ab. Aber was macht die Maschine. Wo kommt der ganze Dreck hin?“ Erstaun­lich ist nur, dass dieses Mäd­chen immer noch Mut hat. Und Hoff­nung. So gelingt ihr die Flucht, sie rennt und rennt und rennt.

 

Kukolka ist aus der Sicht der 15-jäh­rigen Samira geschrieben. Aus der Per­spek­tive eines Mäd­chens, das die bru­talsten Gescheh­nisse auf kind­lich direkte und unver­hoh­lene Weise beschreibt. Genauso ist die Sprache: platt, nüch­tern und äußerst vulgär. Als sie das erste Mal Sex sieht, erin­nert sie sich an die sich paa­renden Stra­ßen­hunde – doch diese keuchten wenigsten nicht so heftig. Die Funk­tionen des weib­li­chen Kör­pers werden ihr detail­ge­treu wie auf einem Bei­pack­zettel eines Medi­ka­mentes erklärt ‒ nur dass Anmer­kungen zu den Neben­wir­kungen fehlen. Manchmal jedoch fragen sich die Leser_innen, ob nicht doch die erwach­sene Lana Lux anstelle der jugend­li­chen Samira spricht. Der Roman ähnelt mit­unter einer Repor­tage, hin­ein­ge­zogen in den Wirr­warr aus Kri­mi­na­lität, Sex und Gewalt kann man ein­fach nicht auf­hören zu lesen.

 

Jeg­liche Refle­xi­ons­ebene fehlt, denn reflek­tieren sollen hier ledig­lich die Leser_innen. Vor allem die Pro­bleme, die Lana Lux nur indi­rekt anspricht. Die Geschichte von Samira ist nichts Neues, doch gelingt es der Autorin durch Neben­be­mer­kungen auf Pro­bleme in der Gesell­schaft auf­merksam zu machen. Pro­bleme, die eine Geschichte wie die von Samira über­haupt erst ermög­li­chen. Das sind einer­seits die Lega­lität von Pro­sti­tu­tion in Deutsch­land – „Nutte, Pro­sti­tu­ierte, Kur­ti­sane, Sex-Arbei­terin, such dir aus, wie du es nennen willst. Ist eine ganz nor­male legale Arbeit“ – und ande­rer­seits die orga­ni­sierte Kri­mi­na­lität. Lana Lux betreibt Gesell­schafts­kritik auf eine berüh­rende und ein­dring­liche Weise und zugleich jen­seits jeg­li­chen beleh­renden Tons. Pro­sti­tu­tion, Drogen, ille­gale Ein­wan­de­rung, Ras­sismus, sadis­ti­sche Erzie­hungs­me­thoden kommen in Samira zusammen. In dem kleinen Mäd­chen, das sich eigent­lich nur nach Liebe und Auf­merk­sam­keit sehnt.

 

Indi­rekt und den­noch unglaub­lich aus­drucks­stark beschreibt die Autorin die psy­chi­schen Pro­bleme, die dieses Leben mit sich bringt. Die Lek­türe zwingt einen gera­dezu unwei­ger­lich mit Scham, Ekel, gar mit einem schlechten Gewissen dar­über nach­zu­denken. Letzten Endes geht es um tiefe Bezie­hungen, oder besser den Mangel an diesen. So wie das unbe­hol­fene Mäd­chen Lydia an den Zuhälter Rocky gebunden war, so liebte Samira Dima, auch wenn das abwegig erscheinen mag.Nebenbei, ja fast über­lesbar wirft die Autorin den Satz ein: „Im Rus­si­schen ist Mama etwas Exklu­sives, aber hier gibt es diverse Mamas. Tages-Mama, Stief-Mama, Schwieger-Mama, Gast-Mama und sogar Leih-Mama“. Ist das viel­leicht der Ursprung der Lebens- oder besser Lei­dens­ge­schichte von Samira? Das Fehlen einer Mutter, das Fehlen von Liebe, das Fehlen von Zunei­gung. Das Buch stellt Samira und letzt­lich auch die Leser_innen vor grund­sätz­liche Fragen zwi­schen­mensch­li­cher Bezie­hungen. Eine Ant­wort auf diese gibt es jedoch nicht.

 

Lux, Lana: Kukolka. Aufbau Verlag 2017. 375 Seiten. 22 EUR.

 

Wei­ter­füh­rende Links

Felix Münger im Gespräch mit Lana Lux: “Kukolka” von Lana Lux, 2017..