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„Sorry.“ – Auf der Suche nach einem sicheren Ort

Posted on 7. November 2023 by Foteini Topoglidou
Mit „Safe Place“ reinszeniert Juraj Lerotić ein traumatisches autobiografisches Ereignis: den Selbstmordversuch seines Bruders, der einen deutlichen Riss im Leben der Familie verursacht hat.

Herzzerreißend, intim. Ein unsichtbarer innerer Krieg. Mit „Safe Place“ reinszeniert Juraj Lerotić ein traumatisches autobiografisches Ereignis: den Selbstmordversuch seines Bruders, der einen deutlichen Riss im Leben der Familie verursacht hat.

 

Es sind die kleinen Dinge, die in diesem Film die größten Emotionen hervorrufen. Allein die Aufrichtigkeit, mit der Damir das Wort „Sorry“ nach seinem Selbstmordversuch ausspricht, lässt das Herz der Zuschauer_innen in eine Million kleiner Stücke zerbrechen. Sein Bruder will nichts von solchen Entschuldigungen hören. Und so bleibt dieses klagende „Sorry" zwischen ihnen hängen und hallt im gesamten Handlungsverlauf wider.

 

Der Film folgt Damir (Goran Marković), der versucht, seinem Leben ein Ende zu setzen. Sein Bruder Bruno (Juraj Lerotić) rettet ihn in letzter Sekunde; dennoch setzt Damir seine Suizidversuche fort. Für den Zeitraum eines Tages nehmen wir an Brunos Kampf und dem seiner Mutter (Snježana Sinovčić) um das Leben Damirs teil. Das intransparente und dysfunktionale System der psychischen Gesundheitsversorgung, das keinen direkten Dialog über den Zustand Damirs mit der Familie ermöglicht, erschwert diesen Kampf und zwingt die Familie zur Eigeninitiative und dabei zu illegalen Schritten.

 

Der „sichere Ort“, den Bruno und seine Mutter für Damir finden wollen, gerät dabei im Laufe des Films zunehmend außer Reichweite. Die Zeit ist knapp und die beiden haben kaum die Möglichkeit, ihre eigenen Gefühle zu verarbeiten. Es gibt für sie wie auch für die Zuschauenden keine einfache Antwort auf die Frage, welche Umstände Damir in diese Lage gebracht haben könnten. Während wir die drei Familienmitglieder bei einer Diskussion im Auto begleiten, zeigen Bilder die Abgründe: Durch eine Spiegelung im Autofenster umgibt ein Baum Damirs Gesicht, von den grünen Blättern umrahmt und verschattet. Wir stecken zwischen dem Wunsch seiner Familie nach Heilung und einer unheilvollen Finsternis fest. Damirs Augen geben zu verstehen, dass seiner Depression etwas Tieferes zugrunde liegt, das aber sowohl für die Zuschauenden als auch für die Familie des Protagonisten unmitteilbar bleibt.

 

Die erzählte Geschichte baut Nähe auf, sodass wir helfend eingreifen wollen und dabei einsehen müssen, dass wir nichts gegen Damirs Krankheit ausrichten können. Die trüben Farben, die kalten, leeren Innenräume der Krankenhäuser und Polizeistationen, die durch enge, beinahe klaustrophobische Einstellungen präsentiert werden, bilden den atmosphärischen Rahmen. Im starken Kontrast zu den malerischen, geradezu euphorisierenden Naturaufnahmen stehen die düsteren postsozialistischen Plattenbauten. Diese visuelle Gegenüberstellung von schöner Natur und tristem Alltag entspricht dem Innenleben der Figuren: die Spaltung zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Leben und Tod, Heilung und Trauma.

 

„Safe Place“ überzeugt mit authentischen und starken Emotionen, darunter Schmerz, Kummer und Zorn. Der Film erzählt nicht nur die schmerzliche Geschichte einer Familie, sondern wirft auch größere Fragen auf, die die Stigmatisierung von psychischer Gesundheit und das oft unzureichende und dysfunktionale System der psychiatrischen und psychologischen Gesundheitsversorgung betreffen. Der Regisseur, der zugleich Hauptdarsteller des Films ist, schafft Räume für individuelle Reflexion und Interpretation und gibt zugleich Denkanstoße. „Safe Place“ beleuchtet die komplexe Stigmatisierung der mentalen Gesundheit und die Bedeutung von Empathie. Es stellt sich die Frage, wie die Situation hätte anders verlaufen können, wenn das Gesundheitssystem besser vorbereitet und die Menschen um Damir und seine Familie, einschließlich der Pflegekräfte und der Polizei, empathischer gewesen wären. Diese Fragen bleiben unbeantwortet. Damirs tragisches Ende ist ein Grund dafür. Der Film zielt aber nicht nur darauf ab, die bestehenden Systeme zu kritisieren, sondern auch darauf, die Vielschichtigkeit und das tiefe Leid der menschlichen Psyche sowie deren Fähigkeit zur Widerstandsfähigkeit in dunklen Zeiten zu beleuchten.

 

Lerotić, Juraj: Sigurno mjesto (Safe Place), Kroatien, 2022, 102 Min.

Quelle des Titelbildes: Pipser Production Company "Safe Place", https://www.filmfestivalcottbus.de/ (zuletzt aufgerufen am 24.11.2022).

„Sorry.“ – Auf der Suche nach einem sicheren Ort - novinki
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„Sorry.“ – Auf der Suche nach einem sicheren Ort

Herz­zer­rei­ßend, intim. Ein unsicht­barer innerer Krieg. Mit „Safe Place“ reinsze­niert Juraj Lerotić ein trau­ma­ti­sches auto­bio­gra­fi­sches Ereignis: den Selbst­mord­ver­such seines Bru­ders, der einen deut­li­chen Riss im Leben der Familie ver­ur­sacht hat. 

 

Es sind die kleinen Dinge, die in diesem Film die größten Emo­tionen her­vor­rufen. Allein die Auf­rich­tig­keit, mit der Damir das Wort „Sorry“ nach seinem Selbst­mord­ver­such aus­spricht, lässt das Herz der Zuschauer_innen in eine Mil­lion kleiner Stücke zer­bre­chen. Sein Bruder will nichts von sol­chen Ent­schul­di­gungen hören. Und so bleibt dieses kla­gende „Sorry” zwi­schen ihnen hängen und hallt im gesamten Hand­lungs­ver­lauf wider.

 

Der Film folgt Damir (Goran Mar­ković), der ver­sucht, seinem Leben ein Ende zu setzen. Sein Bruder Bruno (Juraj Lerotić) rettet ihn in letzter Sekunde; den­noch setzt Damir seine Sui­zid­ver­suche fort. Für den Zeit­raum eines Tages nehmen wir an Brunos Kampf und dem seiner Mutter (Snježana Sino­včić) um das Leben Damirs teil. Das intrans­pa­rente und dys­funk­tio­nale System der psy­chi­schen Gesund­heits­ver­sor­gung, das keinen direkten Dialog über den Zustand Damirs mit der Familie ermög­licht, erschwert diesen Kampf und zwingt die Familie zur Eigen­in­itia­tive und dabei zu ille­galen Schritten.

 

Der „sichere Ort“, den Bruno und seine Mutter für Damir finden wollen, gerät dabei im Laufe des Films zuneh­mend außer Reich­weite. Die Zeit ist knapp und die beiden haben kaum die Mög­lich­keit, ihre eigenen Gefühle zu ver­ar­beiten. Es gibt für sie wie auch für die Zuschau­enden keine ein­fache Ant­wort auf die Frage, welche Umstände Damir in diese Lage gebracht haben könnten. Wäh­rend wir die drei Fami­li­en­mit­glieder bei einer Dis­kus­sion im Auto begleiten, zeigen Bilder die Abgründe: Durch eine Spie­ge­lung im Auto­fenster umgibt ein Baum Damirs Gesicht, von den grünen Blät­tern umrahmt und ver­schattet. Wir ste­cken zwi­schen dem Wunsch seiner Familie nach Hei­lung und einer unheil­vollen Fins­ternis fest. Damirs Augen geben zu ver­stehen, dass seiner Depres­sion etwas Tie­feres zugrunde liegt, das aber sowohl für die Zuschau­enden als auch für die Familie des Prot­ago­nisten unmit­teilbar bleibt.

 

Die erzählte Geschichte baut Nähe auf, sodass wir hel­fend ein­greifen wollen und dabei ein­sehen müssen, dass wir nichts gegen Damirs Krank­heit aus­richten können. Die trüben Farben, die kalten, leeren Innen­räume der Kran­ken­häuser und Poli­zei­sta­tionen, die durch enge, bei­nahe klaus­tro­pho­bi­sche Ein­stel­lungen prä­sen­tiert werden, bilden den atmo­sphä­ri­schen Rahmen. Im starken Kon­trast zu den male­ri­schen, gera­dezu eupho­ri­sie­renden Natur­auf­nahmen stehen die düs­teren post­so­zia­lis­ti­schen Plat­ten­bauten. Diese visu­elle Gegen­über­stel­lung von schöner Natur und tristem Alltag ent­spricht dem Innen­leben der Figuren: die Spal­tung zwi­schen Hoff­nung und Ver­zweif­lung, Leben und Tod, Hei­lung und Trauma.

 

„Safe Place“ über­zeugt mit authen­ti­schen und starken Emo­tionen, dar­unter Schmerz, Kummer und Zorn. Der Film erzählt nicht nur die schmerz­liche Geschichte einer Familie, son­dern wirft auch grö­ßere Fragen auf, die die Stig­ma­ti­sie­rung von psy­chi­scher Gesund­heit und das oft unzu­rei­chende und dys­funk­tio­nale System der psych­ia­tri­schen und psy­cho­lo­gi­schen Gesund­heits­ver­sor­gung betreffen. Der Regis­seur, der zugleich Haupt­dar­steller des Films ist, schafft Räume für indi­vi­du­elle Refle­xion und Inter­pre­ta­tion und gibt zugleich Denk­an­stoße. „Safe Place“ beleuchtet die kom­plexe Stig­ma­ti­sie­rung der men­talen Gesund­heit und die Bedeu­tung von Empa­thie. Es stellt sich die Frage, wie die Situa­tion hätte anders ver­laufen können, wenn das Gesund­heits­system besser vor­be­reitet und die Men­schen um Damir und seine Familie, ein­schließ­lich der Pfle­ge­kräfte und der Polizei, empa­thi­scher gewesen wären. Diese Fragen bleiben unbe­ant­wortet. Damirs tra­gi­sches Ende ist ein Grund dafür. Der Film zielt aber nicht nur darauf ab, die bestehenden Sys­teme zu kri­ti­sieren, son­dern auch darauf, die Viel­schich­tig­keit und das tiefe Leid der mensch­li­chen Psyche sowie deren Fähig­keit zur Wider­stands­fä­hig­keit in dunklen Zeiten zu beleuchten.

 

Lerotić, Juraj: Sigurno mjesto (Safe Place), Kroa­tien, 2022, 102 Min.

Quelle des Titel­bildes: Pipser Pro­duc­tion Com­pany “Safe Place”, https://www.filmfestivalcottbus.de/ (zuletzt auf­ge­rufen am 24.11.2022).