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Spaziergang durch Butscha: Materielle Zeugenschaft in der multiplen Katastrophe

Posted on 25. August 2023 by Elisabeth Bauer
Kann auf Erde, die in Blut getränkt ist, Neues entstehen? Welche Bedeutung kommt Dokumentation und künstlerischer Reflexion im Kontext der existenziellen Formulierung eines ukrainischen Erinnerungskanons zu? Künstler Nikita Kadan geht von Ort und Material der Zerstörung aus – und bezieht gleichzeitig historische oder kulturpolitische Kontexte mit ein.

Der Multimedia-Künstler Nikita Kadan kann als eine der kritischsten Stimmen der zeitgenössischen ukrainischen Kulturlandschaft bezeichnet werden. In seiner historiographischen, praktischen und zugleich theoretisch avancierten Arbeitsweise geht Kadan von Ort und Material der Zerstörung aus – und bezieht gleichzeitig historische oder kulturpolitische Kontexte mit ein. Kann auf Erde, die in Blut getränkt ist, Neues entstehen? Modellieren die Verbrechen des Putinismus andere Gewaltverbrechen der Geschichte (Stalinismus, Nazismus) neu? Welche Bedeutung kommt Dokumentation und künstlerischer Reflexion im Kontext der existenziellen kollektiven Formulierung eines ukrainischen Erinnerungskanons zu?

Die Autorin hat den Kyjiwer Künstler im November 2022 – praktisch und metatextuell – auf einem Spaziergang durch Butscha begleitet: Das hybride Textformat greift den Spaziergang als (historiographische) Methode auf, in welcher sich materiell-archäologische und (kultur-)semiotische Strategien spiegeln.

 

Kyjiw—Butscha

 

Der Weg aus dem Kyjiwer Stadtzentrum nach Butscha führt über die Juriy Iljenko-Straße, die den Erinnerungspark Babyn Jar in zwei Abschnitte teilt, durch den nordwestlich gelegenen Bezirk Syrets': In Babyn Jar ereignete sich im September 1941 eines der zahlenmäßig größten Massaker an den ukrainischen Jüdinnen, Juden und anderen Minderheiten oder politischen Gegner:innen der NS-Besatzer: Hier wurde deutlich, dass so etwas wie der Holocaust möglich war, hier ließen die sowjetischen Machthaber systematisch alle Erinnerungsspuren an die fast 34 Tausend Opfer des zweitägigen Massakers mit dem Abraum einer naheliegenden Backsteinfabrik überfluten und – zumindest zeitweise – ausradieren.

 

Das Taxi hüpft über unebenen Asphalt: Der Kiefernwald, der Kyjiw und die von russischer Besatzung befreiten Vorstädte trennt, ist von Barrikaden, Hedgehogs – Igel-ähnliche Panzerfallen aus Eisen – und teils verlassenen Militärstellungen durchsetzt. Bei Horenka beginnen Datschen die Straße zu säumen: teils verbarrikadiert, teils zerstört, teils notdürftig instandgesetzt. "Dety" (Kinder) – jenes Wort, dem die verzweifelte Hoffnung auf einen letzten Hauch Menschlichkeit seitens der Angreifer eingeschrieben ist, – prangt in großen Lettern auf Mauern und Toreinfahrten. Über diese Straße wären russische Truppen im Frühjahr 2022 nach Kyjiw gekommen, hätte die ukrainische Armee den Okkupanten nicht erfolgreich die Stirn geboten.

 

An einem Novembersonntag fahre ich mit Nikita Kadan (*1982), einem der international meistausgestellten ukrainischen Gegenwartskünstler, nach Butscha: Kadan nimmt sich der übersehenen oder bewusst verdunkelten Spuren vergangener und gegenwärtiger Katastrophen an – Spuren, die Kriege und Massengewalt in den sich mehrfach überlagernden ukrainischen Traumatopographien (Bloodlands) hinterlassen haben. Sein Zugang zur Geschichte ist ein materialistischer – ein praktisch-archäologischer und zugleich theoretisch-anspruchsvoller: Wie kann die Erinnerung an zivilisatorische Verbrechen von verzerrter Politisierung und Instrumentalisierung befreit, wie koloniale Narrative offengelegt und überwunden werden? Es sind solche historischen Verstrickungen, die sich bis in die Materie der Gegenwart ziehen, die im Zentrum des Œuvres des Kyjiwer Künsters stehen.

Der Weg nach Butscha. Fotos: Elisabeth Bauer, November 2022.

Butscha-Bilder: dort, wo es passierte

 

Für die aus dem Ausland angereiste Person geht es beim Besuch ukrainischer Kriegstopographien wohl darum, das von Susan Sontag beschriebene, von Bildern vermittelte "hypothetische gemeinsame Erleben" (Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten, 2003, S. 12) gegen ein reales Erleben einzutauschen: mit eigenen Augen zu sehen, wo und wie die russischen Invasoren gewütet haben, zu fixieren, welche bleibenden Spuren die Verbrecher an diesem bestimmten und gleichzeitig symbolträchtigen, die Geschichte modellierenden Ort hinterlassen haben. Mit einer Gruppe internationaler Journalist:innen hatte ich zuvor bereits andere befreite Ortschaften besucht. Wir sahen: ausgebrannte Hausgerippe in Irpin', den zerstörten Flughafen von Hostomel', den Friedhof von Butscha – und eine kaum zu beschreibende, fragile Alltäglichkeit in der individuellen wie kollektiven historischen Katastrophe.

 

Kurz nachdem Butscha am 31. März 2022 befreit worden war, die unerträgliche Brutalität der russischen (Kriegs-)Verbrechen erkenntlich wurden (Stand August 2022 ist die Zahl von 458 getöteten Männern, Frauen und Kindern bekannt) und Bilder des Grauens einige Tage lang die Zeitungsseiten prägten, entschloss sich Kadan, sein Studio vorübergehend – über den Winter – nach Butscha zu verlagern. "Du weißt ja, dass ich mit Bildern von Katastrophen und kollektiven Traumata arbeite und im Prinzip weiß, dass diese zurückkehren – in ganz verschiedenen historischen Kontexten. Nach wie vor gibt es weder einen weltweiten Konsensus noch eine Strategie, die uns vor diesen Dingen beschützt", sagt Kadan.

 

Anfang April twitterte Eugene Finkel: "Als Genozid-Forscher bin ich ein Empirist. (...) Es gibt Handlungen, die Intention ist da. Es ist so genozidal wie es nur sein könnte. Klar, einfach und für alle zu sehen." Die fotografisch festgehaltenen Anblicke barbarischer Gräueltaten schockierten – schienen für einen Moment Raum und Zeit in Stillstand zu versetzen: Seit "Butscha" liegt der systematisch verübte Massenmord an Zivilist:innen in aller Brutalität offen-sichtlich vor den Augen der Welt – und es wurde seither vielfach bestätigt, dass die in Butscha gesehene Folter, Misshandlung und Ermordung auch in anderen besetzten Dörfern und Ortschaften als fester Bestandteil der russischen, genozidalen Kriegsstrategie praktiziert werden.

Butscha: Zentrum und Friedhof. Fotos: Elisabeth Bauer, November 2022.

Wunde Kriegstopographien: Geschichte wiederholt sich

 

Der Taxifahrer verlangsamt das Tempo. Babyn Jar – Symbol für den "Holocaust durch Kugeln" – liegt hinter uns; Butscha – Symbol für die russische Kriegsstrategie systematischer Folter, Vergewaltigung und Massenmord – haben wir fast erreicht. "Hier kommt der Bahnhof, wo die Bahnen aus Kyjiw ankommen. Und das" – Nikita deutet in die andere Richtung – "war um 1900 eine Datschensiedlung."

 

Auf der einen Seite von Datschen, Fichtenwald und Seen, auf der anderen von bourgeoisen Wohnkomplexen geprägt, hatte sich in Butscha in den letzten Jahren ein zweiseitiger Wohlstand in direkter Anbindung zur Hauptstadt etabliert – "zwischen Evro-Remont und Elitarismus", erzählt Kadan. Jetzt ist der Wald um Butscha vermint, es werden immer noch Körper gefunden. Dass dieser einst beschauliche Ort von einer Tragödie heimgesucht werden würde, war vor rund anderthalb Jahren genauso undenkbar, wie die Vorstellung, auf die Metropole Kyjiw könnten teils täglich – mit militärischer Präzision – Raketen und Drohnenschwärme niedergehen.

 

Wir fahren vorbei an einem kleinen Platz, in dessen Mitte sich eine verlassene Grünfläche befindet. "Dort stand ein Bulgakov-Denkmal, denn auch er war mal in Butscha." Michail Bulgakov, ein aus Kyjiw gebürtiger russischer Schriftsteller, der – ähnlich wie Puschkin – der Ukraine kritisch gegenüberstand und auch in seine Romane anti-ukrainische Positionen einwebte, ließ auch in publizistischen Texten seiner Missachtung der ukrainischen Kultur und Sprache gegenüber freien Lauf – und trug dazu bei, dass über Jahrzehnte hinweg russländische Narrative über die Ukraine nicht nur in (post-)sowjetische Länder, sondern auch in den Westen getragen wurden. Damit trage Bulgakov, so die verbreitete Meinung, eine Mitschuld daran, dass im Namen des russischen Imperialismus Verbrechen wie jene in Butscha verübt werden – und ein brutaler Krieg gegen die ukrainische Bevölkerung, ihre Kultur, Geschichte und Unabhängigkeit geführt wird.

Kriegsnormalität? "Es scheint, als habe das Leben gesiegt"

 

Mittagszeit in Butscha: Im Ortszentrum werden auf einem Markt Gemüse, Obst, Honigprodukte und Kurzwaren verkauft – vor allem Frauen und Männer im Rentenalter schieben sich durch die Marktzeilen. Kadan kauft einer Verkäuferin eine selbstgezogene Aloe Vera ab: "Die hat die Okkupation überlebt", sagt er.

 

Eine stählerne, schmucklose Brücke führt vom Marktplatz aus über die mehrgleisige Bahntrasse in den südlichen Teil des Ortes – und auf die Vokzal'na Straße: Vor uns liegt eines jener Motive, die vor über einem Jahr in apokalyptischen Szenen um die Welt gingen. Teile ausgebrannter Fahrzeugwracks, Häusertrümmer und auf der Straße mit verbundenen Händen liegende leblose Körper säumten die wüste wintergraue Allee. An diesem Novembersonntag sind Spuren der Zerstörung zwar unübersehbar, aber Aufräum- und Wiederaufbaumaßnahmen haben die Straße bereinigt, die Zeit hat – oberflächlich nur – Wunden geheilt.

 

Als er im Sommer in Butscha war, sei es heiß und stickig gewesen – man habe die Präsenz der Verbrechen noch spüren können. "Jetzt ist es anders – es scheint, als habe das Leben gesiegt", sagt Kadan. Die Straße ist gesäumt von verschiedenartigen freistehenden Häusern: Überreste einfacher Holzhäuschen, moderne Einfamilienhäuser. Kadan deutet auf die Ruine einer kleinen Villa: "Ein bourgeoises Haus – sie gingen zuallererst in solche Gebäude." Er erinnert an ein russisches Graffiti, das vielfach in den sozialen Medien geteilt worden war: "Wer hat euch erlaubt schön zu leben?"

'The Shadow on the Ground I-IV' (Kohlezeichnungen), gepostet auf Nikita Kadans Instagram-Seite, 11.-13. März 2022.

Butscha lesen: Spaziergang als Methode

 

Im Zuge des großen russischen Angriffskriegs verwandelten sich Häuserfronten, Tore und Mauern in kommunikative Zeichensysteme, wobei Worte wie "DETY" oder "LJUDY" (Menschen) von russischen Militärs sehend ignoriert, ihre Bedeutung ausgehöhlt, malträtiert, attackiert wurde. Künstler-Bezeuger Kadan greift diese Worte, die sich auch in anderen befreiten Dörfern verbreitet finden, auf: Sie bilden das ikonische Zentrum auf düsteren Kohlezeichnungen, auf denen ukrainische Felder, Dorfmotive oder schwarze Sonnen – in abstrahierter Reduktion – die zweite Bildebene bilden. Kadan gibt den Worten nicht nur ihre Bedeutung, den Menschen ihre Stimme wieder; sie entblößen gleichzeitig jene Bedeutungsebene, die die russischen Besatzer den Worten gewaltsam einschreiben.

 

Spaziergang – Sichtung, Dokumentation, Ausgrabung – erweist sich in Kadans Kunstpraxis nicht nur als Dokumentations-, sondern vielmehr als existenzielle Erinnerungsarbeit. Erde, Stein, Straße oder Haus sind mit traumatischen Erfahrungen und Erinnerungen besetzt, die freigelegt und reaktualisiert, oder auch verdrängt oder vergessen werden können. In ihrer Summe bilden sie ein archivisches "Erinnerungsdepot" (Aleida Assmann: Erinnerungsräume – Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, 2018) des Krieges.

 

Bilder agieren, insistieren rhetorisch vereinfachend, schreibt Sontag – reduzieren die Realität zu einer Abstraktion, die es mit Geschichte(n) und Erinnerungen anzureichern gilt. Auch wenn einzelne durch die Medienräume mäandernde Butscha-Bilder zweifelsohne zu Bildikonen geworden sind, so ist die Wirkung, die sie – Ausschnitte einer apokalyptischen Wirklichkeit – im endlos rauschenden Medienstrom erzielen, doch eher flüchtig. Kadan greift – ebenfalls zu Memes gewordene – Katastrophenbilder auf und konfrontiert sie mit anderen (historischen) Spuren und Narrativen, um die ihnen innewohnenden historischen Kontinuitäten freizulegen oder zu rekonstruieren.

 

"Sieh her, sagen die Fotos, so sieht das aus. Das alles richtet der Krieg an – und auch das hier. Der Krieg zertrümmert, läßt bersten, reißt auf, weidet aus, versengt, zerstückelt. Der Krieg ruiniert." (Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten, 2003, S. 14)

Mit Nikita Kadan in Butscha, Voksal'na Straße. Fotos: Elisabeth Bauer, November 2022.

Materielle Zeugenschaft: "Dieser Mensch lebte in seiner Malerei"

 

Kadans Methode, sich der Kriegsrealität auf Ebene des alltäglichen Lebens, der gefundenen Objekte, die (historische) Kriegserfahrung an sich tragen, anzunähern, ist nicht neu: "Ich habe 2014 angefangen, solche Dinge wie Trümmer, geschmolzenes Glas oder Metallfragmente zu sammeln – und arbeite bis heute so", erzählt er. "Ich arbeite mit Material, bin interessiert an der Idee materieller Zeugenschaft." Wenn er damals in die Ostukraine fahren musste, fährt er heute nach Butscha, Hostomel' oder Izjum. Mehrfach schon brauchte er von seiner Wohnung aus nur wenige Straßen weiter zu gehen, als es zu heftigen Einschlägen in Kyjiw gekommen war – noch bevor man die Hauptstadt mit schützender Luftabwehr ausstattete.

 

Die unbekannte Geschichte hinter den Hausresten auf der Voksal'na Straße erinnert an die Zerstörung anderer ukrainischer Künstler:innen-Nachlässe: etwa an das der ukrainischen Volkskünstlerin Marija Pry­ma­chenko (1808-1997) gewidmete Museum, das bereits am zweiten Tag der umfassenden Invasion in Ivankiv zerstört wurde. Kadan aber denkt an das tragische Schicksal des Werks einer anderen Vertreterin der ukrainischen naiven Malerei bzw. "Outsider Art": Polina Rayko (1928-2004), die erst als 69-Jährige zu malen begann, dann aber ihr gesamtes Haus in Oleschky bei Cherson in Malerei – biographische Elemente, folkloristische Symbolik – hüllte.

 

Vjačeslav Mašyns'kyj, ein Chersoner Künstler, der Raykos Haus restauriert und die Polina Rayko-Stiftung gegründet hatte, kümmerte sich um den Schutz des Hausmuseums – selbst noch unter russischer Okkupation. "Man hatte versucht ihn zu evakuieren", erzählt Kadan. "Er sagte: 'Ich bleibe hier bis alles vorbei ist.'" Im Sommer 2022 verschwand Mašyns'kyj – auf seiner Datscha fand man nur noch Spuren von Blut. Als weite Teile Chersons infolge des russischen Anschlags auf den Kachovka-Damm von den schlammigen Wassermassen des Dnipro überschwemmt wurden, versanken auch Raykos Wand- und Deckenmalereien im vergifteten Flusswasser – und wurden teils bis zur Unkenntlichkeit beschädigt.

Kultureller Genozid: Kriegsstrategie der gezielten Auslöschung

 

"Ich lebe in einer Zone fortlaufend verübten Massenmords und der Zerstörung der alltäglichen und natürlichen Umwelt. Butscha – das ist ein Ort des gezielten Massenmordes", sagt Nikita Kadan, in den Trümmern des ehemaligen Künstlerhauses stehend. "Dieser Krieg kann als Genozid bezeichnet werden und das ist keine Übertreibung. Wir können uns die Definition Raphael Lemkins ansehen – Butscha war eine Bühne des Genozids. Diese kleineren Städte – Butscha, Irpin', Hostomel', Borodjanka – haben den Angriff der russischen Armee abgewehrt, sie haben Kyjiw beschützt. Die Leben dieser getöteten Menschen waren der Preis, der für mein Leben gezahlt wurde."

 

Wird ein bestimmter Teil des (im)materiellen kulturhistorischen Gedächtnisses gezielt und mit der Intention zerstört, einer Gruppe ihre eigene Kulturgeschichte, ihr Recht auf Existenz zu entziehen, kann mit Raphael Lemkin, der den juristischen Begriff "Genozid" geprägt hat, von "kulturellem Genozid" gesprochen werden: Für Lemkin "war das Wesen des Völkermords kultureller Natur – ein systematischer Angriff auf eine Gruppe von Menschen und ihre kulturelle Identität; ein Verbrechen, das sich gegen die Differenz selbst richtet." (Leora Bilsky, Rachel Klagsbrun: "The Return of Cultural Genocide?", European Journal of International Law, Vol. 29, Issue 2, 05/2018.)

 

Der kulturelle Aspekt wurde in der Völkermordkonvention zwar ausgespart, doch werden die systematische Zerstörung des kulturellen ukrainischen Erbes zusammen mit den dokumentierten Akten zielgerichteter Tötung, Folter, Vergewaltigung und Verschleppung unter Forschenden als Belege herangezogen, dass im Falle der russischen Aggression gegen die ukrainische Nation die Intention von Genozid nach der UN-Konvention vorliegt. Dass die genozidale Intention untrennbar mit der russisch-imperialistischen Kriegsführung verbunden ist, schreibt auch die Forscherin und Autorin Daria Tsymbalyuk: "Imperialismus, einschließlich des russischen Imperialismus, agiert durch Auslöschung." Die Zerstörung (nicht nur) der menschlichen Lebensumwelt in der Ukraine sei keine gewaltsame Einzelgeste, so Tsymbalyuk, sondern ziehe sich systematisch "durch Zeit und Raum".

Kohlezeichnungen 'Ljudy' / 'Menschen' und ein Graffiti in Hostomel', gepostet auf Nikita Kadans Instagram-Seite, 15. Juli 2023 (1, 3) und 12. Mai 2022.

Historiographische Methode: Erde und Trümmer sprechen für sich

 

Wir biegen ein in die Jabluns'ka, dann in die Jaremchuk-Straße, kreuzen eine brachliegende Baufläche: Von Raketensplittern zerrissene Blechzäune, schwarzklaffende Fensterhöhlen, Dächer, die erst auf den zweiten Blick erkennbare feingesprenkelte Narben aufweisen kreuzen unseren Weg. Ein fast surreal anmutender Hochhauswald kommt in Sicht: Die zehnstockigen Wohnkomplexe aus den 2010er Jahren fallen wohl unter Kadans zuvor erwähnte Kategorie "Evro-Remont" – die Aufschrift "Millenium State" prangt auf einem der grauen Wohnblocks, eine sterile – gestrige – Wohnidylle versprechend.

 

2019 hob Kadan in einem auf der Kulturplattform Arterritory veröffentlichten Interview den historiographic turn als ihn beeinflussende Kunstströmung hervor – und verwies auf zwei Schlüsseltexte: Kurator Dieter Roelstraete schrieb 2009, dass die aktuellen Zeiten nach einer Kunstströmung riefen, die die Kunstwelt als ein historisches Ganzes verstehe und die Notwendigkeit aufzeige, immer schon das "größere Bild" zu denken; über den Blick in die Geschichte die Gegenwart wie auch die Zukunft zu "exkavieren". Hal Foster beobachtete einen "an-archivischen Impuls", der die Aufmerksamkeit auf "obskure Spuren" statt "absolute Ursprünge" lenke.

 

Die historiographische Methode, die er daraus ableitete, zieht sich als Kontinuum durch Kadans Schaffen in Kriegs- und Krisenzeiten. "Vielleicht möchte ich selbst ein Instrument sein, ein Mittel, dessen Material genutzt werden kann, um zu bezeugen; vielleicht möchte ich die Erde oder das geschmolzene Glas für sich sprechen lassen. In diesem Sinne bin ich einer der Agents." Kadan hört tief in den Boden, in das Material hinein – und setzt es in neue, oft widersprüchliche Kontexte. Dabei geht es dem Künstler-Bezeuger um eine kritische Hinwendung zu den Trümmern der Vergangenheit im Benjamin'schen Sinne: um eine (Re-)Imaginierung von Geschichte und Zukunft, um ihr "Aufblitzen" in der Gegenwart.

 

In seiner Arbeit Shelter II (2023) realisierte Kadan im Auftrag des Castello di Rivoli für die Ausstellung "Artists in A Time of War" eine Neuauflage des Shelter I (2015), in dem der Künstler die Geschichte des beschädigten Donetsker Geschichtsmuseums reflektiert hatte: ein würfelartiger Schutzraum, einerseits mit Metallbetten, in denen Pflanzen eingesetzt sind, andererseits mit einer bewachsenen Barrikade aus Autoreifen, Glas und davor drapierten ausgestopften Rehen ausgestattet. Nun schuf er wieder einen Kubus mit horizontal eingezogener Decke: unten ist der Raum in Erdwände mit einer zentral platzierten, aus der Erde ragenden schwarzen Hand gefasst, während oben die Schutzfunktion des "Shelters" durch eine dichtgestapelte Bücherwand symbolisiert wird. "Shelter II" vereint zwei populär gewordene Bilder des Krieges in einer raumfassenden Installation: das Bild einer Hand einer vergrabenen Frau in Butscha, das entstand, als die Massengräber entdeckt worden waren, und das emblematische Bild einer Schutzwand aus Büchern.

'Shelter II', 2022-2023 (boos, soil, bronze, wood, metal, plaster). Quelle: nikitakadan.com/i/shelter-ii/.

"NORM": Reflexionen in einem Moment höchster Dringlichkeit

 

Wie reproduziert und normiert sich die Katastrophe – auf kollektiver, alltäglicher Ebene? Diese Frage stand in der Ausstellung "NORM" im Zentrum, die Kadan Ende Mai 2023 in seiner Kyjiwer Wohnung einrichtete. Die Apartmentausstellung sollte eine Alternative neben die fast zeitgleich eröffnete Kunstschau Jak ty? (Wie geht es dir?) setzen, die sich im Ukrainischen Haus auf vier Etagen vornahm, ein umfassendes Bild künstlerischen Schaffens in Zeiten des großen Krieges zu zeichnen – in dieser Dimension ein einmaliger Versuch.

 

"Mir fiel auf, dass viele ukrainische Künstler:innen angefangen hatten, auch mit Trümmern zu arbeiten", sagt Künstler-Kurator Kadan. Die in der Wohnung versammelten Arbeiten seien nicht nur Selbstpropaganda – sie enthielten alle Elemente von Zeugenschaft: vielstimmig, schmerzerfüllt. "Wenn all diese Menschen auf Trümmern leben, haben sie ein ethisches Recht, sich an diese Trümmer zu wenden. Wir bezeugen die gleichen Verbrechen. Es sind Reflexionen in einem Moment höchster Dringlichkeit – aber es sind gebrochene Reflexionen."

 

Unmöglich, die inakzeptable "Normalität" russischen Terrors zu bezeugen, ohne dabei die historischen Parallelen in der ukrainisch-europäischen Kulturgeschichte zu sehen. "In dieser Zeit des Krieges geht es viel um Mutation – um tiefe Veränderung der Persönlichkeit. Aber wir tragen unsere Erfahrungen, unsere Wissensspeicher der Vergangenheit weiter, auch weil sie Teil unserer Identitäten sind: komplizierte, vielschichtige Identitäten." Anstatt immer nur Subjekt zu sein das schreit, könne man selbst zum Beweisobjekt werden, "von einer objektorientierten Ontologie ausgehen", so Kadan.

Spuren in Irpin' und Butscha (1+3) und Kohlezeichnung 'Dety' / 'Kinder', gepostet auf Nikita Kadans Instagram-Seite, 18. Mai 2023 und 16. November 2022.

Materielle Erinnerung: Die tiefen Risse bleiben

 

Wie die russischen Verbrechen nach – und bis zu – dem ukrainischen Sieg erinnert, wie nacherzählt und aufgearbeitet werden, hängt nicht nur, aber auch von kritischen künstlerischen Positionen wie der Nikita Kadans ab. "Butscha wird erneuert werden – die Frage ist, wie sich die Stadt zu ihrem Status als Erinnerungsort verhalten wird", sagt Kadan auf dem Weg vom vollkommen zerstörten Einkaufszentrum "Epizentr" am äußersten Rand Butschas zurück in den Ortskern. "Viele Spuren sind an der Oberfläche, aber die tiefen Risse bleiben." Selbst wenn die größten Zerstörungen versteckt oder beseitigt würden, die Oberfläche regeneriert sei, blieben viele materiellen Wunden zurück. "Material bewahrt die Erinnerung und es gibt Technologien, mit denen sie gelesen werden können. Irgendwann werden wir auf atomarer Ebene wohl alles lesen können."

 

Dem kritischen Materialisten Kadan geht es um die Verteidigung des komplexen Lebens gegen die Gefahr simplifizierender Binarismen – gegen die vergiftende Gewalt des russischen Faschismus. "Unter diesen Bedingungen Kunst zu machen bedeutet auch, für sein Recht zu kämpfen, komplex und multidimensional zu sein." Bevor offizielle Denkmäler gebaut werden, müsse Zeit für die ernsthafte Reflexion darüber vergangen sein, was hier und andernorts passiert ist, sagt er.

Das Beitragsbild zeigt ein zerstörtes Gartenzentrum in Butscha, aufgenommen im November 2022 von der Autorin.

Spaziergang durch Butscha: Materielle Zeugenschaft in der multiplen Katastrophe - novinki
Redak­tion „novinki“

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Spa­zier­gang durch But­scha: Mate­ri­elle Zeu­gen­schaft in der mul­ti­plen Katastrophe

Der Mul­ti­media-Künstler Nikita Kadan kann als eine der kri­tischsten Stimmen der zeitgenössi­schen ukrai­ni­schen Kul­tur­land­schaft bezeichnet werden. In seiner his­to­rio­gra­phi­schen, prak­ti­schen und zugleich theo­re­tisch avan­cierten Arbeits­weise geht Kadan von Ort und Mate­rial der Zerstörung aus – und bezieht gleich­zeitig his­to­ri­sche oder kul­tur­po­li­ti­sche Kon­texte mit ein. Kann auf Erde, die in Blut getränkt ist, Neues ent­stehen? Model­lieren die Ver­bre­chen des Puti­nismus andere Gewalt­ver­bre­chen der Geschichte (Sta­li­nismus, Nazismus) neu? Welche Bedeu­tung kommt Doku­men­ta­tion und künst­le­ri­scher Refle­xion im Kon­text der exis­ten­zi­ellen kol­lek­tiven For­mu­lie­rung eines ukrai­ni­schen Erin­ne­rungs­ka­nons zu?

Die Autorin hat den Kyjiwer Künstler im November 2022 – prak­tisch und meta­tex­tuell – auf einem Spa­zier­gang durch But­scha begleitet: Das hybride Text­format greift den Spa­zier­gang als (his­to­rio­gra­phi­sche) Methode auf, in wel­cher sich mate­riell-archäo­lo­gi­sche und (kultur-)semiotische Stra­te­gien spiegeln.

 

Kyjiw—Butscha

 

Der Weg aus dem Kyjiwer Stadt­zen­trum nach But­scha führt über die Juriy Iljenko-Straße, die den Erin­ne­rungs­park Babyn Jar in zwei Abschnitte teilt, durch den nord­west­lich gele­genen Bezirk Syrets’: In Babyn Jar ereig­nete sich im Sep­tember 1941 eines der zah­len­mäßig größten Mas­saker an den ukrai­ni­schen Jüdinnen, Juden und anderen Min­der­heiten oder poli­ti­schen Gegner:innen der NS-Besatzer: Hier wurde deut­lich, dass so etwas wie der Holo­caust mög­lich war, hier ließen die sowje­ti­schen Macht­haber sys­te­ma­tisch alle Erin­ne­rungs­spuren an die fast 34 Tau­send Opfer des zwei­tä­gigen Mas­sa­kers mit dem Abraum einer nahe­lie­genden Back­stein­fa­brik über­fluten und – zumin­dest zeit­weise – ausradieren.

 

Das Taxi hüpft über unebenen Asphalt: Der Kie­fern­wald, der Kyjiw und die von rus­si­scher Besat­zung befreiten Vor­städte trennt, ist von Bar­ri­kaden, Hedge­hogs – Igel-ähn­liche Pan­zer­fallen aus Eisen – und teils ver­las­senen Mili­tärstel­lungen durch­setzt. Bei Horenka beginnen Dat­schen die Straße zu säumen: teils ver­bar­ri­ka­diert, teils zer­stört, teils not­dürftig instand­ge­setzt. “Dety” (Kinder) – jenes Wort, dem die ver­zwei­felte Hoff­nung auf einen letzten Hauch Mensch­lich­keit sei­tens der Angreifer ein­ge­schrieben ist, – prangt in großen Let­tern auf Mauern und Tor­ein­fahrten. Über diese Straße wären rus­si­sche Truppen im Früh­jahr 2022 nach Kyjiw gekommen, hätte die ukrai­ni­sche Armee den Okku­panten nicht erfolg­reich die Stirn geboten.

 

An einem Novem­ber­sonntag fahre ich mit Nikita Kadan (*1982), einem der inter­na­tional meist­aus­ge­stellten ukrai­ni­schen Gegen­warts­künstler, nach But­scha: Kadan nimmt sich der über­se­henen oder bewusst ver­dun­kelten Spuren ver­gan­gener und gegen­wär­tiger Kata­stro­phen an – Spuren, die Kriege und Mas­sen­ge­walt in den sich mehr­fach über­la­gernden ukrai­ni­schen Trau­ma­to­po­gra­phien (Blood­lands) hin­ter­lassen haben. Sein Zugang zur Geschichte ist ein mate­ria­lis­ti­scher – ein prak­tisch-archäo­lo­gi­scher und zugleich theo­re­tisch-anspruchs­voller: Wie kann die Erin­ne­rung an zivi­li­sa­to­ri­sche Ver­bre­chen von ver­zerrter Poli­ti­sie­rung und Instru­men­ta­li­sie­rung befreit, wie kolo­niale Nar­ra­tive offen­ge­legt und über­wunden werden? Es sind solche his­to­ri­schen Ver­stri­ckungen, die sich bis in die Materie der Gegen­wart ziehen, die im Zen­trum des Œuvres des Kyjiwer Küns­ters stehen.

Der Weg nach But­scha. Fotos: Eli­sa­beth Bauer, November 2022.

But­scha-Bilder: dort, wo es passierte

 

Für die aus dem Aus­land ange­reiste Person geht es beim Besuch ukrai­ni­scher Kriegs­to­po­gra­phien wohl darum, das von Susan Sontag beschrie­bene, von Bil­dern ver­mit­telte “hypo­the­ti­sche gemein­same Erleben” (Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten, 2003, S. 12) gegen ein reales Erleben ein­zu­tau­schen: mit eigenen Augen zu sehen, wo und wie die rus­si­schen Inva­soren gewütet haben, zu fixieren, welche blei­benden Spuren die Ver­bre­cher an diesem bestimmten und gleich­zeitig sym­bol­träch­tigen, die Geschichte model­lie­renden Ort hin­ter­lassen haben. Mit einer Gruppe inter­na­tio­naler Journalist:innen hatte ich zuvor bereits andere befreite Ort­schaften besucht. Wir sahen: aus­ge­brannte Haus­ge­rippe in Irpin’, den zer­störten Flug­hafen von Hostomel’, den Friedhof von But­scha – und eine kaum zu beschrei­bende, fra­gile All­täg­lich­keit in der indi­vi­du­ellen wie kol­lek­tiven his­to­ri­schen Katastrophe.

 

Kurz nachdem But­scha am 31. März 2022 befreit worden war, die uner­träg­liche Bru­ta­lität der rus­si­schen (Kriegs-)Verbrechen erkennt­lich wurden (Stand August 2022 ist die Zahl von 458 getö­teten Män­nern, Frauen und Kin­dern bekannt) und Bilder des Grauens einige Tage lang die Zei­tungs­seiten prägten, ent­schloss sich Kadan, sein Studio vor­über­ge­hend – über den Winter – nach But­scha zu ver­la­gern. “Du weißt ja, dass ich mit Bil­dern von Kata­stro­phen und kol­lek­tiven Trau­mata arbeite und im Prinzip weiß, dass diese zurück­kehren – in ganz ver­schie­denen his­to­ri­schen Kon­texten. Nach wie vor gibt es weder einen welt­weiten Kon­sensus noch eine Stra­tegie, die uns vor diesen Dingen beschützt”, sagt Kadan.

 

Anfang April twit­terte Eugene Finkel: “Als Genozid-For­scher bin ich ein Empi­rist. (…) Es gibt Hand­lungen, die Inten­tion ist da. Es ist so geno­zidal wie es nur sein könnte. Klar, ein­fach und für alle zu sehen.” Die foto­gra­fisch fest­ge­hal­tenen Anblicke bar­ba­ri­scher Gräu­el­taten scho­ckierten – schienen für einen Moment Raum und Zeit in Still­stand zu ver­setzen: Seit “But­scha” liegt der sys­te­ma­tisch ver­übte Mas­sen­mord an Zivilist:innen in aller Bru­ta­lität offen-sicht­lich vor den Augen der Welt – und es wurde seither viel­fach bestä­tigt, dass die in But­scha gese­hene Folter, Miss­hand­lung und Ermor­dung auch in anderen besetzten Dör­fern und Ort­schaften als fester Bestand­teil der rus­si­schen, geno­zi­dalen Kriegs­stra­tegie prak­ti­ziert werden.

But­scha: Zen­trum und Friedhof. Fotos: Eli­sa­beth Bauer, November 2022.

Wunde Kriegs­to­po­gra­phien: Geschichte wie­der­holt sich

 

Der Taxi­fahrer ver­lang­samt das Tempo. Babyn Jar – Symbol für den “Holo­caust durch Kugeln” – liegt hinter uns; But­scha – Symbol für die rus­si­sche Kriegs­stra­tegie sys­te­ma­ti­scher Folter, Ver­ge­wal­ti­gung und Mas­sen­mord – haben wir fast erreicht. “Hier kommt der Bahnhof, wo die Bahnen aus Kyjiw ankommen. Und das” – Nikita deutet in die andere Rich­tung – “war um 1900 eine Datschensiedlung.”

 

Auf der einen Seite von Dat­schen, Fich­ten­wald und Seen, auf der anderen von bour­geoisen Wohn­kom­plexen geprägt, hatte sich in But­scha in den letzten Jahren ein zwei­sei­tiger Wohl­stand in direkter Anbin­dung zur Haupt­stadt eta­bliert – “zwi­schen Evro-Remont [Euro-Repa­ratur] und Eli­ta­rismus”, erzählt Kadan. Jetzt ist der Wald um But­scha ver­mint, es werden immer noch Körper gefunden. Dass dieser einst beschau­liche Ort von einer Tra­gödie heim­ge­sucht werden würde, war vor rund andert­halb Jahren genauso undenkbar, wie die Vor­stel­lung, auf die Metro­pole Kyjiw könnten teils täg­lich – mit mili­tä­ri­scher Prä­zi­sion – Raketen und Droh­nen­schwärme niedergehen.

 

Wir fahren vorbei an einem kleinen Platz, in dessen Mitte sich eine ver­las­sene Grün­fläche befindet. “Dort stand ein Bul­gakov-Denkmal, denn auch er war mal in But­scha.” Michail Bul­gakov, ein aus Kyjiw gebür­tiger rus­si­scher Schrift­steller, der – ähn­lich wie Puschkin – der Ukraine kri­tisch gegen­über­stand und auch in seine Romane anti-ukrai­ni­sche Posi­tionen ein­webte, ließ auch in publi­zis­ti­schen Texten seiner Miss­ach­tung der ukrai­ni­schen Kultur und Sprache gegen­über freien Lauf – und trug dazu bei, dass über Jahr­zehnte hinweg russ­län­di­sche Nar­ra­tive über die Ukraine nicht nur in (post-)sowjetische Länder, son­dern auch in den Westen getragen wurden. Damit trage Bul­gakov, so die ver­brei­tete Mei­nung, eine Mit­schuld daran, dass im Namen des rus­si­schen Impe­ria­lismus Ver­bre­chen wie jene in But­scha verübt werden – und ein bru­taler Krieg gegen die ukrai­ni­sche Bevöl­ke­rung, ihre Kultur, Geschichte und Unab­hän­gig­keit geführt wird.

Kriegs­nor­ma­lität? “Es scheint, als habe das Leben gesiegt”

 

Mit­tags­zeit in But­scha: Im Orts­zen­trum werden auf einem Markt Gemüse, Obst, Honig­pro­dukte und Kurz­waren ver­kauft – vor allem Frauen und Männer im Ren­ten­alter schieben sich durch die Markt­zeilen. Kadan kauft einer Ver­käu­ferin eine selbst­ge­zo­gene Aloe Vera ab: “Die hat die Okku­pa­tion über­lebt”, sagt er.

 

Eine stäh­lerne, schmuck­lose Brücke führt vom Markt­platz aus über die mehr­glei­sige Bahn­trasse in den süd­li­chen Teil des Ortes – und auf die Vokzal’na [Bahnhofs-]Straße: Vor uns liegt eines jener Motive, die vor über einem Jahr in apo­ka­lyp­ti­schen Szenen um die Welt gingen. Teile aus­ge­brannter Fahr­zeug­wracks, Häu­ser­trümmer und auf der Straße mit ver­bun­denen Händen lie­gende leb­lose Körper säumten die wüste win­ter­graue Allee. An diesem Novem­ber­sonntag sind Spuren der Zer­stö­rung zwar unüber­sehbar, aber Auf­räum- und Wie­der­auf­bau­maß­nahmen haben die Straße berei­nigt, die Zeit hat – ober­fläch­lich nur – Wunden geheilt.

 

Als er im Sommer in But­scha war, sei es heiß und sti­ckig gewesen – man habe die Prä­senz der Ver­bre­chen noch spüren können. “Jetzt ist es anders – es scheint, als habe das Leben gesiegt”, sagt Kadan. Die Straße ist gesäumt von ver­schie­den­ar­tigen frei­ste­henden Häu­sern: Über­reste ein­fa­cher Holz­häus­chen, moderne Ein­fa­mi­li­en­häuser. Kadan deutet auf die Ruine einer kleinen Villa: “Ein bour­geoises Haus – sie gingen zual­ler­erst in solche Gebäude.” Er erin­nert an ein rus­si­sches Graf­fiti, das viel­fach in den sozialen Medien geteilt worden war: “Wer hat euch erlaubt schön zu leben?”

‘The Shadow on the Ground I‑IV’ (Koh­le­zeich­nungen), gepostet auf Nikita Kadans Insta­gram-Seite, 11.–13. März 2022.

But­scha lesen: Spa­zier­gang als Methode

 

Im Zuge des großen rus­si­schen Angriffs­kriegs ver­wan­delten sich Häu­ser­fronten, Tore und Mauern in kom­mu­ni­ka­tive Zei­chen­sys­teme, wobei Worte wie “DETY” oder “LJUDY” (Men­schen) von rus­si­schen Mili­tärs sehend igno­riert, ihre Bedeu­tung aus­ge­höhlt, mal­trä­tiert, atta­ckiert wurde. Künstler-Bezeuger Kadan greift diese Worte, die sich auch in anderen befreiten Dör­fern ver­breitet finden, auf: Sie bilden das iko­ni­sche Zen­trum auf düs­teren Koh­le­zeich­nungen, auf denen ukrai­ni­sche Felder, Dorf­mo­tive oder schwarze Sonnen – in abs­tra­hierter Reduk­tion – die zweite Bild­ebene bilden. Kadan gibt den Worten nicht nur ihre Bedeu­tung, den Men­schen ihre Stimme wieder; sie ent­blößen gleich­zeitig jene Bedeu­tungs­ebene, die die rus­si­schen Besatzer den Worten gewaltsam ein­schreiben.

 

Spa­zier­gang – Sich­tung, Doku­men­ta­tion, Aus­gra­bung – erweist sich in Kadans Kunst­praxis nicht nur als Dokumentations‑, son­dern viel­mehr als exis­ten­zi­elle Erin­ne­rungs­ar­beit. Erde, Stein, Straße oder Haus sind mit trau­ma­ti­schen Erfah­rungen und Erin­ne­rungen besetzt, die frei­ge­legt und reak­tua­li­siert, oder auch ver­drängt oder ver­gessen werden können. In ihrer Summe bilden sie ein archi­vi­sches “Erin­ne­rungs­depot” (Aleida Ass­mann: Erin­ne­rungs­räume – Formen und Wand­lungen des kul­tu­rellen Gedächt­nisses, 2018) des Krieges.

 

Bilder agieren, insis­tieren rhe­to­risch ver­ein­fa­chend, schreibt Sontag – redu­zieren die Rea­lität zu einer Abs­trak­tion, die es mit Geschichte(n) und Erin­ne­rungen anzu­rei­chern gilt. Auch wenn ein­zelne durch die Medi­en­räume mäan­dernde But­scha-Bilder zwei­fels­ohne zu Bil­di­konen geworden sind, so ist die Wir­kung, die sie – Aus­schnitte einer apo­ka­lyp­ti­schen Wirk­lich­keit – im endlos rau­schenden Medi­en­strom erzielen, doch eher flüchtig. Kadan greift – eben­falls zu Memes gewor­dene – Kata­stro­phen­bilder auf und kon­fron­tiert sie mit anderen (his­to­ri­schen) Spuren und Nar­ra­tiven, um die ihnen inne­woh­nenden his­to­ri­schen Kon­ti­nui­täten frei­zu­legen oder zu rekonstruieren.

 

“Sieh her, sagen die Fotos, so sieht das aus. Das alles richtet der Krieg an – und auch das hier. Der Krieg zer­trüm­mert, läßt bersten, reißt auf, weidet aus, ver­sengt, zer­stü­ckelt. Der Krieg rui­niert.” (Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten, 2003, S. 14)

Mit Nikita Kadan in But­scha, Voksal’na Straße. Fotos: Eli­sa­beth Bauer, November 2022.

Mate­ri­elle Zeu­gen­schaft: “Dieser Mensch lebte in seiner Malerei”

 

Kadans Methode, sich der Kriegs­rea­lität auf Ebene des all­täg­li­chen Lebens, der gefun­denen Objekte, die (his­to­ri­sche) Kriegs­er­fah­rung an sich tragen, anzu­nä­hern, ist nicht neu: “Ich habe 2014 ange­fangen, solche Dinge wie Trümmer, geschmol­zenes Glas oder Metall­frag­mente zu sam­meln – und arbeite bis heute so”, erzählt er. “Ich arbeite mit Mate­rial, bin inter­es­siert an der Idee mate­ri­eller Zeu­gen­schaft.” Wenn er damals in die Ost­ukraine fahren musste, fährt er heute nach But­scha, Hostomel’ oder Izjum. Mehr­fach schon brauchte er von seiner Woh­nung aus nur wenige Straßen weiter zu gehen, als es zu hef­tigen Ein­schlägen in Kyjiw gekommen war – noch bevor man die Haupt­stadt mit schüt­zender Luft­ab­wehr ausstattete.

 

Die unbe­kannte Geschichte hinter den Haus­resten auf der Voksal’na Straße erin­nert an die Zer­stö­rung anderer ukrai­ni­scher Künstler:innen-Nachlässe: etwa an das der ukrai­ni­schen Volks­künst­lerin Marija Pry­ma­chenko (1808–1997) gewid­mete Museum, das bereits am zweiten Tag der umfas­senden Inva­sion in Ivankiv zer­stört wurde. Kadan aber denkt an das tra­gi­sche Schicksal des Werks einer anderen Ver­tre­terin der ukrai­ni­schen naiven Malerei bzw. “Out­sider Art”: Polina Rayko (1928–2004), die erst als 69-Jäh­rige zu malen begann, dann aber ihr gesamtes Haus in Oleschky bei Cherson in Malerei – bio­gra­phi­sche Ele­mente, folk­lo­ris­ti­sche Sym­bolik – hüllte.

 

Vjačeslav Mašyns’kyj, ein Cher­soner Künstler, der Raykos Haus restau­riert und die Polina Rayko-Stif­tung gegründet hatte, küm­merte sich um den Schutz des Haus­mu­seums – selbst noch unter rus­si­scher Okku­pa­tion. “Man hatte ver­sucht ihn zu eva­ku­ieren”, erzählt Kadan. “Er sagte: ‘Ich bleibe hier bis alles vorbei ist.’ ” Im Sommer 2022 ver­schwand Mašyns’kyj – auf seiner Dat­scha fand man nur noch Spuren von Blut. Als weite Teile Cher­sons infolge des rus­si­schen Anschlags auf den Kachovka-Damm von den schlam­migen Was­ser­massen des Dnipro über­schwemmt wurden, ver­sanken auch Raykos Wand- und Decken­ma­le­reien im ver­gif­teten Fluss­wasser – und wurden teils bis zur Unkennt­lich­keit beschä­digt.

Kul­tu­reller Genozid: Kriegs­stra­tegie der gezielten Auslöschung

 

“Ich lebe in einer Zone fort­lau­fend ver­übten Mas­sen­mords und der Zer­stö­rung der all­täg­li­chen und natür­li­chen Umwelt. But­scha – das ist ein Ort des gezielten Mas­sen­mordes”, sagt Nikita Kadan, in den Trüm­mern des ehe­ma­ligen Künst­ler­hauses ste­hend. “Dieser Krieg kann als Genozid bezeichnet werden und das ist keine Über­trei­bung. Wir können uns die Defi­ni­tion Raphael Lem­kins ansehen – But­scha war eine Bühne des Geno­zids. Diese klei­neren Städte – But­scha, Irpin’, Hostomel’, Borod­janka – haben den Angriff der rus­si­schen Armee abge­wehrt, sie haben Kyjiw beschützt. Die Leben dieser getö­teten Men­schen waren der Preis, der für mein Leben gezahlt wurde.”

 

Wird ein bestimmter Teil des (im)materiellen kul­tur­his­to­ri­schen Gedächt­nisses gezielt und mit der Inten­tion zer­stört, einer Gruppe ihre eigene Kul­tur­ge­schichte, ihr Recht auf Exis­tenz zu ent­ziehen, kann mit Raphael Lemkin, der den juris­ti­schen Begriff “Genozid” geprägt hat, von “kul­tu­rellem Genozid” gespro­chen werden: Für Lemkin “war das Wesen des Völ­ker­mords kul­tu­reller Natur – ein sys­te­ma­ti­scher Angriff auf eine Gruppe von Men­schen und ihre kul­tu­relle Iden­tität; ein Ver­bre­chen, das sich gegen die Dif­fe­renz selbst richtet.” (Leora Bilsky, Rachel Klags­brun: “The Return of Cul­tural Geno­cide?”, Euro­pean Journal of Inter­na­tional Law, Vol. 29, Issue 2, 05/2018.)

 

Der kul­tu­relle Aspekt wurde in der Völ­ker­mord­kon­ven­tion zwar aus­ge­spart, doch werden die sys­te­ma­ti­sche Zer­stö­rung des kul­tu­rellen ukrai­ni­schen Erbes zusammen mit den doku­men­tierten Akten ziel­ge­rich­teter Tötung, Folter, Ver­ge­wal­ti­gung und Ver­schlep­pung unter For­schenden als Belege her­an­ge­zogen, dass im Falle der rus­si­schen Aggres­sion gegen die ukrai­ni­sche Nation die Inten­tion von Genozid nach der UN-Kon­ven­tion vor­liegt. Dass die geno­zi­dale Inten­tion untrennbar mit der rus­sisch-impe­ria­lis­ti­schen Kriegs­füh­rung ver­bunden ist, schreibt auch die For­scherin und Autorin Daria Tsym­ba­lyuk: “Impe­ria­lismus, ein­schließ­lich des rus­si­schen Impe­ria­lismus, agiert durch Aus­lö­schung.” Die Zer­stö­rung (nicht nur) der mensch­li­chen Lebens­um­welt in der Ukraine sei keine gewalt­same Ein­zel­geste, so Tsym­ba­lyuk, son­dern ziehe sich sys­te­ma­tisch “durch Zeit und Raum”.

Koh­le­zeich­nungen ‘Ljudy’ / ‘Men­schen’ und ein Graf­fiti in Hostomel’, gepostet auf Nikita Kadans Insta­gram-Seite, 15. Juli 2023 (1, 3) und 12. Mai 2022.

His­to­rio­gra­phi­sche Methode: Erde und Trümmer spre­chen für sich

 

Wir biegen ein in die Jabl­uns’ka, dann in die Jarem­chuk-Straße, kreuzen eine brach­lie­gende Bau­fläche: Von Rake­ten­split­tern zer­ris­sene Blech­zäune, schwarz­klaf­fende Fens­ter­höhlen, Dächer, die erst auf den zweiten Blick erkenn­bare fein­ge­spren­kelte Narben auf­weisen kreuzen unseren Weg. Ein fast sur­real anmu­tender Hoch­haus­wald kommt in Sicht: Die zehn­sto­ckigen Wohn­kom­plexe aus den 2010er Jahren fallen wohl unter Kadans zuvor erwähnte Kate­gorie “Evro-Remont” – die Auf­schrift “Mil­le­nium State” prangt auf einem der grauen Wohn­blocks, eine ste­rile – gest­rige – Wohn­idylle versprechend.

 

2019 hob Kadan in einem auf der Kul­tur­platt­form Arterri­tory ver­öf­fent­lichten Inter­view den his­to­rio­gra­phic turn als ihn beein­flus­sende Kunst­strö­mung hervor – und ver­wies auf zwei Schlüs­sel­texte: Kurator Dieter Roel­straete schrieb 2009, dass die aktu­ellen Zeiten nach einer Kunst­strö­mung riefen, die die Kunst­welt als ein his­to­ri­sches Ganzes ver­stehe und die Not­wen­dig­keit auf­zeige, immer schon das “grö­ßere Bild” zu denken; über den Blick in die Geschichte die Gegen­wart wie auch die Zukunft zu “exka­vieren”. Hal Foster beob­ach­tete einen “an-archi­vi­schen Impuls”, der die Auf­merk­sam­keit auf “obskure Spuren” statt “abso­lute Ursprünge” lenke.

 

Die his­to­rio­gra­phi­sche Methode, die er daraus ablei­tete, zieht sich als Kon­ti­nuum durch Kadans Schaffen in Kriegs- und Kri­sen­zeiten. “Viel­leicht möchte ich selbst ein Instru­ment sein, ein Mittel, dessen Mate­rial genutzt werden kann, um zu bezeugen; viel­leicht möchte ich die Erde oder das geschmol­zene Glas für sich spre­chen lassen. In diesem Sinne bin ich einer der Agents.” Kadan hört tief in den Boden, in das Mate­rial hinein – und setzt es in neue, oft wider­sprüch­liche Kon­texte. Dabei geht es dem Künstler-Bezeuger um eine kri­ti­sche Hin­wen­dung zu den Trüm­mern der Ver­gan­gen­heit im Benjamin’schen Sinne: um eine (Re-)Imaginierung von Geschichte und Zukunft, um ihr “Auf­blitzen” in der Gegenwart.

 

In seiner Arbeit Shelter II (2023) rea­li­sierte Kadan im Auf­trag des Cas­tello di Rivoli für die Aus­stel­lung “Artists in A Time of War” eine Neu­auf­lage des Shelter I (2015), in dem der Künstler die Geschichte des beschä­digten Donetsker Geschichts­mu­seums reflek­tiert hatte: ein wür­fel­ar­tiger Schutz­raum, einer­seits mit Metall­betten, in denen Pflanzen ein­ge­setzt sind, ande­rer­seits mit einer bewach­senen Bar­ri­kade aus Auto­reifen, Glas und davor dra­pierten aus­ge­stopften Rehen aus­ge­stattet. Nun schuf er wieder einen Kubus mit hori­zontal ein­ge­zo­gener Decke: unten ist der Raum in Erd­wände mit einer zen­tral plat­zierten, aus der Erde ragenden schwarzen Hand gefasst, wäh­rend oben die Schutz­funk­tion des “Shel­ters” durch eine dicht­ge­sta­pelte Bücher­wand sym­bo­li­siert wird. “Shelter II” ver­eint zwei populär gewor­dene Bilder des Krieges in einer raum­fas­senden Instal­la­tion: das Bild einer Hand einer ver­gra­benen Frau in But­scha, das ent­stand, als die Mas­sen­gräber ent­deckt worden waren, und das emble­ma­ti­sche Bild einer Schutz­wand aus Büchern.

‘Shelter II’, 2022–2023 (boos, soil, bronze, wood, metal, plaster). Quelle: nikitakadan.com/i/shelter-ii/.

“NORM”: Refle­xionen in einem Moment höchster Dringlichkeit

 

Wie repro­du­ziert und nor­miert sich die Kata­strophe – auf kol­lek­tiver, all­täg­li­cher Ebene? Diese Frage stand in der Aus­stel­lung “NORM” im Zen­trum, die Kadan Ende Mai 2023 in seiner Kyjiwer Woh­nung ein­rich­tete. Die Apart­ment­aus­stel­lung sollte eine Alter­na­tive neben die fast zeit­gleich eröff­nete Kunst­schau Jak ty? (Wie geht es dir?) setzen, die sich im Ukrai­ni­schen Haus auf vier Etagen vor­nahm, ein umfas­sendes Bild künst­le­ri­schen Schaf­fens in Zeiten des großen Krieges zu zeichnen – in dieser Dimen­sion ein ein­ma­liger Versuch.

 

“Mir fiel auf, dass viele ukrai­ni­sche Künstler:innen ange­fangen hatten, auch mit Trüm­mern zu arbeiten”, sagt Künstler-Kurator Kadan. Die in der Woh­nung ver­sam­melten Arbeiten seien nicht nur Selbst­pro­pa­ganda – sie ent­hielten alle Ele­mente von Zeu­gen­schaft: viel­stimmig, schmerz­er­füllt. “Wenn all diese Men­schen auf Trüm­mern leben, haben sie ein ethi­sches Recht, sich an diese Trümmer zu wenden. Wir bezeugen die glei­chen Ver­bre­chen. Es sind Refle­xionen in einem Moment höchster Dring­lich­keit – aber es sind gebro­chene Reflexionen.”

 

Unmög­lich, die inak­zep­table “Nor­ma­lität” rus­si­schen Ter­rors zu bezeugen, ohne dabei die his­to­ri­schen Par­al­lelen in der ukrai­nisch-euro­päi­schen Kul­tur­ge­schichte zu sehen. “In dieser Zeit des Krieges geht es viel um Muta­tion – um tiefe Ver­än­de­rung der Per­sön­lich­keit. Aber wir tragen unsere Erfah­rungen, unsere Wis­sens­spei­cher der Ver­gan­gen­heit weiter, auch weil sie Teil unserer Iden­ti­täten sind: kom­pli­zierte, viel­schich­tige Iden­ti­täten.” Anstatt immer nur Sub­jekt zu sein das schreit, könne man selbst zum Beweis­ob­jekt werden, “von einer objekt­ori­en­tierten Onto­logie aus­gehen”, so Kadan.

Spuren in Irpin’ und But­scha (1+3) und Koh­le­zeich­nung ‘Dety’ / ‘Kinder’, gepostet auf Nikita Kadans Insta­gram-Seite, 18. Mai 2023 und 16. November 2022.

Mate­ri­elle Erin­ne­rung: Die tiefen Risse bleiben

 

Wie die rus­si­schen Ver­bre­chen nach – und bis zu – dem ukrai­ni­schen Sieg erin­nert, wie nach­er­zählt und auf­ge­ar­beitet werden, hängt nicht nur, aber auch von kri­ti­schen künst­le­ri­schen Posi­tionen wie der Nikita Kadans ab. “But­scha wird erneuert werden – die Frage ist, wie sich die Stadt zu ihrem Status als Erin­ne­rungsort ver­halten wird”, sagt Kadan auf dem Weg vom voll­kommen zer­störten Ein­kaufs­zen­trum “Epi­zentr” am äußersten Rand But­schas zurück in den Orts­kern. “Viele Spuren sind an der Ober­fläche, aber die tiefen Risse bleiben.” Selbst wenn die größten Zer­stö­rungen ver­steckt oder besei­tigt würden, die Ober­fläche rege­ne­riert sei, blieben viele mate­ri­ellen Wunden zurück. “Mate­rial bewahrt die Erin­ne­rung und es gibt Tech­no­lo­gien, mit denen sie gelesen werden können. Irgend­wann werden wir auf ato­marer Ebene wohl alles lesen können.”

 

Dem kri­ti­schen Mate­ria­listen Kadan geht es um die Ver­tei­di­gung des kom­plexen Lebens gegen die Gefahr sim­pli­fi­zie­render Bina­rismen – gegen die ver­gif­tende Gewalt des rus­si­schen Faschismus. “Unter diesen Bedin­gungen Kunst zu machen bedeutet auch, für sein Recht zu kämpfen, kom­plex und mul­ti­di­men­sional zu sein.” Bevor offi­zi­elle Denk­mäler gebaut werden, müsse Zeit für die ernst­hafte Refle­xion dar­über ver­gangen sein, was hier und andern­orts pas­siert ist, sagt er.

Das Bei­trags­bild zeigt ein zer­störtes Gar­ten­zen­trum in But­scha, auf­ge­nommen im November 2022 von der Autorin.