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Stolpern über die Wörter: Ein kollektiver Essay über die Sprache im Krieg

Posted on 21. Dezember 2023 by Stella Breitbach, Evgeniia Grach, Wiktoria Janecko, Magdalena Marszałek und Alexander Sywasch
Der Krieg verändert Sprache und Sprachgefühl. Auch Laien dokumentieren und suchen nach Wörtern, um das Leid und das Unerhörte der Gewalt und Zerstörung zu beschreiben. Ein kollektiver Essay zur Sprache im Krieg von Potsdamer Studierenden und Lehrenden.

Der Krieg verändert die Sprache und das Sprachgefühl. Es sind nicht nur professionelle Autor*innen, sondern auch Laien, die das Leid und das Unerhörte der Gewalt und Zerstörung im Krieg dokumentieren und mitteilen. Dabei kommen die Schreibenden kaum umhin, über die Sprache, das Sprechen und das Schreiben im Krieg nachzudenken. Der kollektive Essay zur Sprache im Krieg entstand aus der gemeinsamen Arbeit von Potsdamer Studierenden und Lehrenden in Vorbereitung auf einen ukrainisch-polnisch-deutschen Workshop in Krakau im Juni 2023.

 

1. Wörterbuch des Krieges

Der Krieg intensiviert die Wahrnehmung, die Gefühle, und macht somit etwas mit uns und mit unserer Sprache, unabhängig davon, welche Sprache(n) wir sprechen. Wörter bekommen neue Bedeutungsnuancen, manche Worte werden zu Unworten, manche werden ihre Bedeutung los. Es scheint so, als wäre vor allem das Wort ‚Frieden‘ dem Krieg zum Opfer gefallen – und zwar gar nicht nur deshalb, weil der Krieg den Frieden zerstört. Friedensliebende deutschsprachige Menschen meiden inzwischen das Wort ‚Pazifismus‘, da es von denjenigen heute beansprucht wird, die offensichtlich Angreifer und Opfer nicht auseinanderhalten können bzw. wollen. Das ukrainische Wort für Frieden мир (myr) unterscheidet sich graphisch gar nicht und phonetisch nur leicht vom russischen Wort мир (mir), das neben Frieden auch Welt bedeutet und in dessen Namen (russkij mir) der brutale russische Krieg gegen die Ukraine geführt wird. Der ukrainische Dichter, Essayist und Übersetzer Ostap Slyvynsky schreibt in einem Gedicht: „Aber können wir das Wort ‚Frieden‘ noch heilen, dass aus ihm / keine bis auf die Zähne bewaffneten Besatzer mehr platzen?“

Das aus dem Ukrainischen von Siarhei Paulavitski und Maria Weissenböck ins Deutsche übertragene Gedicht Slyvynskys „Und dann müssen wir noch die Sprache wiederaufbauen…“, aus dem das obige Zitat stammt, ist in der deutschen Ausgabe seines Buchs Wörter im Krieg (edition.fotoTAPETA, Berlin 2023; ukr. Slovnyk vijny, VIVAT Publishing, Charkiv 2023) als eine Art lyrisches Vorwort erschienen ‒ abweichend von der originalsprachlichen Ausgabe, in der das Gedicht auf der Rückseite des Buchumschlags abgedruckt wurde. Slyvynsky hat sein Gedicht zunächst am 3. Dezember 2022 auf Facebook veröffentlicht:

А потім нам ще доведеться відбудувати мову.

Щоб свічка перестала бути окопною,

щоб пташка знову вбралася в пір’я,

щоб квіти перестали плюватись вогнем.

Щоб підвал знову став житлом солодкого варення й картоплі вусатої.

Und dann müssen wir noch die Sprache wiederaufbauen.

Damit Kerze nicht mehr Bunkerlicht meint,

damit der Vogel wieder Federn bekommt,

damit Blumen aufhören, Feuer zu spucken.

Damit Keller wieder zur Bleibe süßer Marmeladen und keimender Kartoffeln wird.

Slyvynskys Wörterbuch des Krieges (so die wörtliche Übersetzung von slovnyk vijny) versammelt Wörter, deren Bedeutung sich im Krieg verändert hat. Das „Wörterbuch“ besteht aus kurzen Texten, aus alphabetisch geordneten „Einträgen“, die ‒ wie Slyvynsky in der Vorrede schreibt ‒ „Fragmente fremder Monologe sind, die ich in diesen schweren Tagen gehört habe.“ Nichts sei erfunden, lediglich ein wenig bearbeitet, manches aus dem Russischen ins Ukrainische übersetzt. Unter „Körper“ (tilo) lesen wir ein kurzes Bekenntnis einer Frau aus Lʼviv, die sich darüber wundert, dass sie nun ihr Heimatland wie den eigenen Körper spürt: Wenn sie eine Türklinke drückt, habe sie den Eindruck, „dass es ihr weh tut.“ Unter „Radio“ (radio) berichtet ein älterer taub gewordener Mann aus Baku/Kyjiv, dass er nun im Alter viel Neues erlebt, z.B. wird er zum ersten Mal Polen sehen, auch wenn nicht mehr hören. Ganz anders als in der Jugend, in der er polnisches Radio gehört hat, Polen aber nie gesehen. Unter „Artikel“ (stattja) beschreibt eine ehemalige kommerzielle Texterin aus Kocjubynske bei Kyjiv ihre Angst vor diesem Wort: Immer, wenn sie gebeten wird, einen „Artikel“ zu verfassen, handelt es sich um einen Nachruf (nekrolog) ‒ ein Wort, das niemand über die Lippen bringt.

Slyvynskys „Wörterbuch“, inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt, ist ein Zeugnis einer durch den Krieg verursachten Wahrnehmungskrise, die ihren sprachlichen Ausdruck sucht, die in der Sprache befragt und erkannt wird. Und umgekehrt: es ist ein Zeugnis für das Fremdwerden der Sprache in der Erfahrung des Krieges, für das Auseinanderdriften des Wortes und seiner gewohnten Bedeutung in der das Leben radikal verändernden Kriegswirklichkeit. Und nicht zuletzt ist es ein Zeugnis einer gesteigerten Aufmerksamkeit dafür, was der Krieg mit der Wahrnehmung und der Sprache macht: Manche Monologe treffen den Punkt ‒ beiläufig ‒ in einer beschreibenden Anekdote („Autobus“/avtobus), manche greifen aber auch direkt ein Wort auf („Schmerz“/bilʼ) und ‚betasten‘ die verschobenen, verdichteten Bedeutungsnuancen. Slyvynsky notiert die Fetzen flüchtiger Rede, hält sie fest und ordnet sie zu einem Wörterbuch des Krieges. Es entsteht ein Dokument über die Sprache im Krieg, die wie ein Sensor anzeigt, was der Krieg den Menschen antut. Darum geht es hier vor allem: dem Gesprochenen abzulauschen, wie mit den Kriegserfahrungen gerungen wird. Es ist zugleich ein Dokument, in das sich auch das Poetische unwillkürlich einschleicht, mal mit einer grausamen, mal mit einer grotesken, manchmal gar mit einer witzigen Verfremdung. Slyvynskys „Wörterbuch“ ist unverkennbar ein Werk eines Lyrikers, der sein Gehör für die Sprache und das Sprechen für das Dokumentieren dessen, was im Krieg passiert, einsetzt.

von Magdalena Marszałek

2. Schreiben an der Front

Der Krieg bringt das Beste und das Schlechteste im Menschen zum Vorschein. Und er bringt die Menschen zum Schreiben, auch solche, die im normalen Alltag ans Schreiben nicht einmal denken. Jeden Tag erscheinen im Netz Hunderte von Gedichten, Geschichten, Blogeinträgen sowohl von professionellen Autor*innen als auch von Laien, die ihre Erfahrungen im Krieg beschreiben. Es erscheinen in der Ukraine auch in Kriegszeiten sehr viele Bücher, viele von ihnen werden im Ausland übersetzt. Es fällt auf, dass darunter nur selten Soldat*innen-Stimmen zu hören sind. Es gibt sie aber: schreibende Soldat*innen. Sie haben wenig Zeit zu schreiben und ihre Texte im Netz zu veröffentlichen. Sie schreiben in Notizbüchern und auf ihren Smartphones. Soldat*innen, die tagtäglich mit Angst, Schmerz und Tod konfrontiert sind, kennen die Wahrheit über den Krieg.

Wenn man über Google nach Gedichten von Soldat*innen sucht, findet man sie inzwischen auf einigen Websites, z.B. auf Gluzd (etwa: Verstand). Gluzd wurde vor einigen Jahren von jungen Journalistinnen aus Kolomyja als unabhängiges Medienprojekt gegründet. Unter dem Motto “Wir kümmern uns um euren gesunden Verstand!” berichtet das Portal eigentlich über das kulturelle Leben in der westlichen Ukraine. Dominierendes Thema seit bald zwei Jahren ist jedoch der Krieg. Das Portal postete im Februar 2023 ein auf einem Interview basierendes Porträt eines 21-jährigen Soldaten, der seit dem ersten Tag der vollumfänglichen russischen Invasion sein Land verteidigt. Dazu wurden zwei seiner Gedichte veröffentlicht. Seinen Namen kennen wir nicht, er schreibt unter dem Pseudonym Most (Brücke). Was erfahren wir von ihm? Er hatte sich bewusst für den Soldatenberuf entschieden, als sich das Land im Osten bereits im Krieg befand, also noch vor 2022. Er absolvierte die Akademie als externer Student und legte seine Abschlussprüfung sozusagen auf dem Schlachtfeld ab. Dort „feierte“ er auch seinen Abschluss.

Die beiden veröffentlichten Gedichte sind im Abstand von einem Jahr entstanden. „Ich bin müde, am Leben zu sein...“ (Vtomyvsja buty ja žyvym…) schrieb er im Schützengraben kurz nach dem Beginn der groß angelegten russischen Invasion. Dieses Gedicht schildert eine tiefe Verzweiflung im Alltag an der Front: Aufwachen von den Explosionen, Einschlafen mit den Geräuschen der Schüsse, den Tag überleben inmitten von Leid, Schmerz und Tod. Most wählt einfache Worte für sein Gedicht, es könnte eine Tagebuchnotiz sein, die einzige Metapher ist die „Hölle“, die er im Schlaf vor Augen hat – die Albträume wiederholen das Grauen des Tages. „Ich bin müde, am Leben zu sein...“ – zum Schluss wiederholt der letzte Vers den ersten (hier und folgend: Übersetzung der Autorin):

Не знаю, як повернутися додому, 

Не знаю, як поводити себе у мирному житті, 

Не знаю, як жити мирно без війни. 

Втомився бути я живим…

Ich weiß nicht, wie ich nach Hause komme,

Ich weiß nicht, wie ich mich im friedlichen Leben verhalten soll,

Ich weiß nicht, wie man friedlich lebt, ohne Krieg.

Ich bin müde, am Leben zu sein...

Das zweite Gedicht, „Mein heller Stern am Himmel“ (Moja jaskrava zirka v nebi…) entspringt dem Wunsch, der grausamen Realität des Krieges zu entkommen. Der Soldat betrachtet einen Stern am nächtlichen Himmel und träumt von Schönheit, Wahrheit, Liebe. An den Stern richtet er eine Klage:

Моя кохана ясна зірко, 

Чому люди такі жорстокі,

Чому брехні тут більше, аніж правди 

Чому від кохання тут лише слова!

Mein geliebter heller Stern,

Warum sind die Menschen so grausam,

Warum gibt es mehr Lüge als Wahrheit,

Warum gibt es von der Liebe nur Worte!

Hier wird offensichtlich, dass das Schreiben zum Ort des Überlebens wird. Das Schreiben hilft, im Krieg ein Mensch zu bleiben, die Würde und die Hoffnung auf eine bessere Welt zu bewahren. „Das Schreiben wiederspricht dem Tod“ – das hat Serhij Žadan im Vorwort zu seinem Buch Himmel über Charkiv (2022) geschrieben. Nirgendwo gilt das Diktum Žadans so bedingungslos wie im Fall eines schreibenden Soldaten.

von Evgeniia Grach

3. Vorsicht, gefährliche Bäume

Der Krieg macht uns sprachlos. Er frisst Leben, Gebäude, ganze Städte – und auch die Sprache. Die Wörter, die er wieder ausspuckt, haben plötzlich eine andere Bedeutung. Der Alltag im Krieg findet in einer grotesken Realität statt, in der Stille zur Bedrohung, ein Badezimmer zum Bunker, Schönheit zur Gefahr werden können, wie Ostap Slyvynskys Slovnyk vijny deutlich macht.

Kateryna Jakovlenko, ukrainische Kuratorin, Autorin, Kunstwissenschaftlerin und Chefredakteurin des Kultursenders Suspilne Kultura erlebte persönlich, wie die Wörter ‚Pech‘ und ‚Glück‘ ihre Bedeutung verloren. Hatte sie Pech, weil ihre Wohnung in Irpin‘ am 18. März 2022 fast vollständig durch eine Granatenexplosion zerstört wurde? Oder hatte sie Glück, weil sie eben nur fast vollständig zerstört wurde, während 70 Prozent der Stadt Irpin‘ so gut wie dem Erdboden gleichgemacht wurde? Und wenn ihre Wohnung nun fast völlig zerstört ist, die Decke behelfsmäßig befestigt werden muss, die Wände kahl und verbrannt sind, die Fenster aus den Rahmen gesprengt wurden, die ganze Einrichtung zerstört, alle Erinnerungen verbrannt sind, ist es dann noch ihre Wohnung? Was hat dieser Raum, diese Ruine, noch mit ihr zu tun, fragt sie sich.

Jurij Andruchovyč beschrieb vor etwa 20 Jahren in seinem Essay Mittelöstliches Memento (2000) seine jugendlichen Streifzüge zwischen verlassenen, verfallenen Orten im ehemaligen Galizien. Ruinen sind für ihn Zeugen der Vergangenheit: Es sind nicht nur verwitternde Mauern, sondern Dinge, die einmal für den Menschen einen Nutzen hatten und dann verfallen oder in Vergessenheit geraten sind. Das Wort ‚Ruine‘ hört sich nach etwas längst Vergangenem und Geheimnisvollem an. Aber für Jakovlenko ist dieses Vergangene noch Gegenwart, und im kahlen Gemäuer spiegelt sich ihr Trauma: „Ich wollte weg, ich zweifelte und hatte Angst, diesen Raum irgendwem zu zeigen ‒ als würde die ganze Welt meine innersten Geheimnisse erfahren, all meine Narben und Wunden sehen können.” Dennoch eröffnet sie in ihrer zerstörten Wohnung am 26. August 2022 für einen Tag eine Ausstellung unter dem Titel „Jeder hat Angst vor dem Bäcker, aber ich bin dankbar“ (Vsi bojat’sja pekarja, a ja djakuju). In ihrem Essay „Vorsicht, gefährliche Bäume“ schreibt sie über die Ausstellung. Der Raum selbst sei zum wichtigsten Ausstellungsstück geworden ‒ durch sich verändernde Licht- und Schattenreflexe sowie Vögel und Insekten, die durch die offenen Fensterlöcher hineinflogen. Die ausgestellten Werke, eine Zusammenstellung aus Fotos, Zeichnungen und Installationen von Künstler*innen wie Anna Zvjaginceva, Katja Bučacka, Tamara Turljun, Roman Mychajlov und weiteren, wählte sie aus, weil sie vom Umgang mit Traumata und von Gesten der Dankbarkeit für Zusammenhalt und Fürsorge erzählen. Für Jakovlenko funktioniert Sprache allein nicht mehr: „Könnte man über Wörter stolpern, so könnte ich keinen Kilometer laufen, ohne mir blaue Flecken zu holen.“ Deshalb will sie die Sprache durch Bilder und Gesten ersetzen und ergänzen. So findet sich in der Ausstellung beispielsweise auch das Werk des Künstlers Stanislav Turina: Servietten, auf denen das Wort danke auf Ukrainisch geschrieben steht. Täglich schreibe er es auf Zettel und verteile sie, um seine Unterstützung zu zeigen. So wird ein Wort durch eine Geste zu einem Akt der Solidarität.

So zieht sich auch die Symbolik des Baums als Thema durch die Werke der Ausstellung und durch Jakovlenkos Essay. Der Baum wird für sie zu einem Sinnbild der Heilung, zu einer Stütze in der Traumabewältigung. Die Ukraine brauche auch etwas Ähnliches wie Harz ‒ diese klebrige Substanz, die wie Tränen die Wunden der Bäume verschließt. Das Harz für ihr traumatisiertes Heimatland sieht Jakovlenko in der Dankbarkeit, der Solidarität und dem Zusammenhalt der Menschen.

Das erste Werk, das sie für die Ausstellung auswählte, war das Bild „Einen Stock pflanzen“ (To Plant a Stick, 2019-2022) von Anna Zvjaginceva. Die Künstlerin habe es ihrem Großvater gewidmet, der in der Westukraine in einer ländlichen Gegend lebte. Sie habe einmal bei ihm ein handschriftlich notiertes Zitat eines ukrainischen Schriftstellers gefunden: „Wie ein Baum ohne Blätter steht meine Seele in den Feldern.” Ausgestellt ist das gerahmte Bild in einem Zimmer auf dem Boden, lehnt wie beiläufig abgestellt an der kahlen Wand. Darauf zu sehen: ein Foto von einem Stock, der aus einer Wiese ragt. Es sieht fast so aus, als würde er in dem mit einer Plane bedeckten und sandigen Boden der verbrannten Ruine stecken. Wieso sollte aus dem Stock nicht doch noch ein Baum werden können?

von Stella Breitbach

4. Lyrik des Donbas: Fragmentierte Wörter über den Krieg

Adorno sagte, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben sei barbarisch. Doch was ist zu tun, wenn sich jemand nicht in einem ‚Nach‘, sondern in einem ‚Während‘ befindet? Wenn ein Krieg dein Zuhause zerstört, dich vertreibt, deine Familie und Freunde bedroht oder tötet? Wenn ein übermächtiger Feind dir deine Identität abspricht und die Vernichtung deiner Kultur anstrebt? Darüber nicht zu schreiben wäre wohl auch barbarisch. Die literarische Bearbeitung der Kriegsereignisse und Erfahrungen ist für ukrainische Schriftsteller*innen von größter Wichtigkeit, gleichwohl mit tiefstem Schmerz verbunden. Beispielhaft dafür ist die Lyrik von Ljuba Jakymčuk (Lyuba Yakimchuk), die in der Oblast Luhansk geboren und aufgewachsen ist. Gleich zu Beginn des Krieges im Donbas im Jahr 2014 versuchte sie, die Lebensrealität ihrer Heimat durch das Prisma der Lyrik darzustellen.

Der Krieg in der Ukraine ist in erster Linie ein Kampf des Landes um sein politisches und territoriales Überleben. Es ist aber auch ein Krieg, bei dem insbesondere die kulturelle Identität der Angegriffenen im Mittelpunkt steht. Und genau diese beiden Aspekte des Krieges greift die Dichterin und Journalistin Ljuba Jakymčuk in ihrem Gedicht rozkladannja (Zerstückelung) auf. Zum einen beklagt sie am Beispiel von ukrainischen Städten im Osten des Landes wie Donezk und Luhansk, dass die Ukraine ihres rechtmäßigen Staatsgebietes beraubt wird. Und zum anderen geht es der Autorin darum zu zeigen, wie zerstörerisch die Gewalt sich auch auf die Kultur – hier konkret auf die Sprache – auswirkt. Jakymčuk zerlegt im Gedicht die Namen der Orte in einzelne Silben, wodurch sie ihre eigentliche Bedeutung verlieren. Die Zerstückelung der Wörter wird zum Spiegel der Zerstückelung des Landes und der Desintegration von dort lebenden Menschen. Übrig bleiben nur noch amputierte Teilwörter, die ebenfalls zu den Opfern dieses Krieges werden (hier und folgend: Übersetzung des Autors):

не кажіть мені про якийсь там Луганськ
він давно лише ганськ
лу зрівняли з асфальтом червоним
erzählt mir nichts von Luhansk
es ist nur noch hansk
Lu wurde dem roten Erdboden gleich gemacht

Wie in einen Dialog mit Adorno tretend, stellt Jakymčuk fest, dass die Sprache auf die Grausamkeiten des Krieges nur in einer entstellten Form antworten kann. Es ist keine schöne Dichtung mehr, die Wörter verkommen zu einem einzigen grimmigen Laut:

про війну не буває поезії
про війну є лише розкладання
лише літери
і всі вони – ррр
über den Krieg gibt es keine Poesie
im Krieg gibt es nur Zerstückelung
nur Buchstaben
und sie sind alle gleich – rrr

Das Gedicht wirkt wie eine Klage, wobei durch die persönliche Perspektive für uns als Lesende eine unmittelbare Nähe zu den Erfahrungen der Autorin entsteht. Sie berichtet zum Beispiel von ihren Freunden, die Handschellen tragen, und vom zerbombten Pervomajs‘k, dem Ort, wo sie als Kind aufwuchs. Einige semantische Probleme zeigen sich jedoch, wenn diese ‚misshandelte‘ Sprache ins Deutsche übersetzt wird. Rozkladannja ist eines von mehreren Gedichten Jakymčuks, die gemeinsam mit den Werken mehrerer ukrainischer Autor*innen in der Anthologie Words for War, einer Publikation des Harvard Ukrainian Research Institute, veröffentlicht wurde. Dort findet man das Gedicht im ukrainischen Original und in der englischen Übersetzung. Ins Deutsche hat Beatrix Kersten das Gedicht unter dem Titel „Zerfall übersetzt. Man kann einen eigenen Versuch der Übertragung ins Deutsche wagen; bei den ‚zerstückelten‘ Wörtern im Gedicht stößt man einerseits schnell an sprachliche Grenzen, andererseits lassen sie viele Übersetzungsvarianten zu. Hier ein weiteres Fragment meines Versuchs:

а де бальцево?
де моє бальцево?
там більше не родиться Сосюра
уже більше ніхто з людей не родитьсяя дивлюся на колообрій
він трикутний, трикутний
і поле соняхів опустило голови
вони стали чорні й сухі, як і я
вже страшенно стара
і я більше не Люба
тільки ба
und Debaltse ist wo?
mein Debaltse ist wo?
dort wird kein neuer Dichter wie Sosjura mehr geboren
überhaupt kein Mensch wird dort geborenich schaue zum Horizont
er ist dreieckig, dreieckig
und die Sonnenblumen auf dem Feld lassen ihre Köpfe hängen, sie sind schwarz und vertrocknet, genau wie ich
so furchtbar alt
und ich bin nicht mehr Lyuba
nur ba

Das Beispiel von „Zerstückelung“ zeigt letztlich, dass, egal wie fragmentiert, entstellt und zerrüttet die Sprache im Krieg auch sein mag, aus ihr immer wieder etwas Neues und möglicherweise Heilendes entstehen kann. Ein Gedicht während des Krieges zu schreiben ist vielleicht nicht nur nicht barbarisch, sondern sogar notwendig.

von Alexander Sywasch

5. Die Stimmen der Nachbar*innen

Seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat dieser Hunderttausende Menschenleben gefordert, nicht nur Soldat*innen, sondern auch Zivilist*innen, darunter Frauen, Kinder und ältere Menschen. Millionen Ukrainer*innen leiden an den Folgen des russischen Überfalls, sie verlieren ihr Zuhause und sind gezwungen, auf der Suche nach Hilfe und sicherem Schutz zu fliehen. Unbestreitbar wurde der Krieg in der Ukraine vom ersten Tag an zum Krieg des gesamten freien Europas. Daher schreibt man über den Krieg auch außerhalb der Grenzen der Ukraine. Am 24. Februar 2022 veröffentlichte die polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk auf ihrer Facebook-Seite folgenden Eintrag: „Ich wiederhole meine Worte: Ich möchte mich vor den Ukrainern verneigen, die vom Moskauer Regime brutal angegriffen wurden, und obwohl es für diese Barbarei keine Worte gibt, möchte ich meine – unsere – Solidarität, Unterstützung und Ermutigung kundtun. Für mich ist der Angriff auf die freie Ukraine ein Angriff auf Europa.” Auf den Kriegsausbruch reagierten viele Autor*innen außerhalb der Ukraine nicht nur mit Interneteinträgen, sondern auch mit Essays oder Gedichten.

 

„Ich glaube an Worte als die letzte Waffe des Menschen”

Der belorusische Schriftsteller und Dichter Alhierd Bacharevič hat sich in seinen jüngsten Texten wiederholt an das ukrainische Nachbarland gewandt und seine Überlegungen geteilt, welche unter anderem in seinem offenen Brief an die Ukraine zu finden sind. In dieser Veröffentlichung bekundet Bacharevič seine Unterstützung und bringt seinen Schmerz über den „Tod, der gleichzeitig aus mehreren Richtungen kommt, auch vom Staatsgebiet meiner Heimat” zum Ausdruck. Indem er über die Scham und Schande spricht, bekennt er sich zur kollektiven Schuld: als Schriftsteller, der aus einem Land kommt, das zum Verbündeten des Aggressors wurde. Das Bild von Belarus hat sich heute kategorisch verändert: Vom Bild einer zivilen Gesellschaft, die die Demokratie im Jahr 2020 verteidigte, wandelte es sich in den Augen der Welt zum Bild eines treuen Anhängers des Putin’schen Regimes. Bacharevič versucht jedoch klarzustellen, dass es nicht die belorusische Gesellschaft ist, sondern Lukašenka, der Belarus und sein Volk in eine Sackgasse führt. Der Feind von Belarus und der Ukraine ist schlussendlich ein gemeinsamer – der russische Imperialismus.

„Das, was ich kann, sind eben nur Worte. Worte, für die ich mich verantworte. Ich glaube an Worte als die letzte Waffe des Menschen”, schreibt Bacharevič in seinem Essay „Der Pazifismus ist tot“ (Originaltitel: Pacyfizm pamjor, ins Deutsche übertragen vom Autor). Die vom Schriftsteller erwähnte „letzte Waffe“ wird auch in seinem Text eingesetzt:

 

Ich wünsche ihnen den Tod: wegen Charkiw und Mariupol, wegen Butscha und Tschernihiw. Ich will ein neues Nürnberg für sie. Der Krieg verhilft meiner dunklen Seite so rasch zur Rechtfertigung, als ob ich keine Werte, keinen Verstand und keinen Namen mehr hätte.

 

Der Krieg hat demzufolge einen bedeutenden Einfluss auf die Sprache: In extremen Situationen werden auch ‚schamlose‘ Worte verwendet. Was früher unmöglich schien, wird heute ohne Skrupel ausgesprochen. Ein starker Wunsch nach Rache und ein aufrichtiger Hass gegen diejenigen, die den Ukrainer*innen gewaltsam die Freiheit nehmen, kommen darin zum Ausdruck. In einem späteren Interview stellt Bacharevič fest:

 

Das Massaker von Butscha war für mich der Moment, in dem ich meine Sprache verloren habe. Im März habe ich vielleicht fünf Texte geschrieben über die Ereignisse in der Ukraine. Nach Butscha habe ich kein Recht weiterzuschreiben. Es gibt keine Worte, um so etwas zu beschreiben. Erst später kommt die Sprache, kommen die Worte wieder.

 

„Dort bei euch ist die Last der Nacht anders”

Das Gedicht „Dort bei euch“ (Tam u was) des polnischen Dichters, Prosaautors und Literaturkritikers Karol Maliszewski, das am 27. Februar 2022 in der renommierten Literaturzeitschrift Twórczość veröffentlicht wurde, ist eine lyrische Bekundung von Solidarität. Der Autor schreibt aus der Perspektive eines Polen und macht auf den Unterschied zwischen ukrainischem und polnischem Alltag in der Zeit des Krieges aufmerksam. Er beginnt sein Gedicht mit einer Beschreibung dessen, was die Ukrainer*innen am eigenen Leib erleben, in einfachen Worten (hier und folgend: Übersetzung der Autorin).

Tam u was ciężar nocy inny,

snują się godziny, czerwone plamy

na sufitach piwnic, wstrząsy, pomruki

odległego boga, i nie ma kto

opowiadać bajek, batalion bajarzy

formuje się zbyt wolno, więc dzieci

płaczą, nic ich ukoić nie może

Dort bei euch ist die Last der Nacht anders,

Stunden schweifen, rote Flecken

an den Decken der Keller, Erschütterungen, Gemurmel

eines fernen Gottes, und es gibt niemanden,

der Märchen erzählen kann, das Bataillon der Geschichtenerzähler

bildet sich zu langsam, also Kinder

weinen, nichts kann sie beruhigen

Danach kommen Zeilen, die der „Last der Nacht“ in der Ukraine eine polnische Nacht gegenüberstellen: eine Lieferung morgens verspätet sich wegen „Schlange für Sprit“, das wars. Damit enden die Turbulenzen für die Einwohner Polens. Und dennoch: „wir gehen auf steifen Beinen / in den nächsten Tag“. Wie lässt sich Solidarität ohne Pathos Bekunden? Maliszewski tut dies dezent in den letzten Zeilen seines Gedichts:

u nas noc jest połknięta niczym

sucha bułka, maślanki jeszcze nie

dowieźli, wóz dostawczy utknął

w kolejce po ropę, i to wszystko,

cała wojna, przechodzimy do

następnego dnia na sztywnych nogach,

jak apatyczne krokusy za oknem,

 

i nic nie cieszy;

może choć to was pocieszy.

bei uns wird die Nacht wie

ein trockenes Brötchen verschluckt, die Buttermilch wurde noch nicht

geliefert, der Lieferwagen blieb stecken

in der Schlange für Sprit, und das wäre

der ganze Krieg, wir gehen auf steifen Beinen

in den nächsten Tag,

wie apathische Krokusse vor dem Fenster,

 

und alles bleibt freudlos;

vielleicht tröstet das euch etwas.

Das Verbindende sind somit nicht die während des Krieges gesammelten Erfahrungen; zweifellos sind diese unvergleichlich. Was verbindet, ist die gemeinsame Trauer: „Und alles bleibt freudlos“ – obwohl sich der polnische Alltag nicht allzu sehr verändert hat. Was zählt, ist das Mitfühlen.

Es scheint, dass das poetische Wort nötig ist, um die Zeit des Krieges jenseits eines faktographischen Berichts zu beschreiben. Dies ist auch für Menschen, die außerhalb der Ukraine leben, hilfreich – da die poetische Reflexion uns ermöglicht, das zu verstehen, was wir jeden Tag auf unseren Fernsehbildschirmen oder in den sozialen Medien sehen. Das poetische Wort sensibilisiert uns für das Leid der Ukrainer*innen und macht uns unsere eigenen Emotionen bewusst. So können Literatur und die Kraft der Worte auch zu einem Mittel der Solidarität werden.

von Wiktoria Janecko

Literatur:

Andruchowytsch, Juri: Mittelöstliches Memento, in: Ders. / Stasiuk, Andrzej: Mein Europa. Zwei Essays über das sogenannte Mitteleuropa. Aus dem Ukrainischen von Sofia Onufriv, Frankfurt am Main 2004, S. 9-74 (ukr.: Central’no-schidna revizija).

Bacharevič, Alhierd: Brief an die Ukraine, in: Dekoder, 2022. Übersetzung von Alhierd Bacharevič und Tina Wünschmann, https://www.dekoder.org/de/article/ukraine-krieg-belarus-lukaschenko.

Bacharevič, Alhierd: Der Pazifismus ist tot, in: Dekoder, 2022, https://specials.dekoder.org/bacharevic-ukraine-belarus-krieg-pazifismus/.

Iakovlenko, Kateryna: Vorsicht, gefährliche Bäume. Aus dem Ukrainischen von Lydia Nagel, in: Mishchenko, Kateryna/Raabe, Katharina (Hg.): Aus dem Nebel des Krieges. Die Gegenwart der Ukraine, Berlin 2023, S.125-142.

Maksymchuk, Oksana / Rosochinsky, Max (Hg.): Words for War. New Poems from Ukraine. Boston 2017.

Maliszewski, Karol: Tam u was, in: Twórczość, 6 (919), 2022, https://tworczosc.com.pl/artykul/tam-u-was/ (Übersetzung des Gedichts im Text von Wiktoria Janecko).

Most: Vtomyvsja buty ja žyvym…; Moja jaskrava zirka v nebi..., in: Julia Varčuk: Vtomyvsja buty ja žyvym: istorija vijs’kovogo, jakyj v okopi pyše virši, Gluzd, 25.02.2023: https://gluzd.org.ua/articles/vtomyvsia-buty-ia-zhyvym-istoriia-viiskovoho-iakyi-v-okopi-pyshe-virshi/ (Übersetzung der Gedichte im Text von Evgeniia Grach).

Slyvynsky, Ostap: Wörter im Krieg. Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck. Berlin 2023 (ukr. Slovnyk vijny. Charkiw 2023).

Žadan, Serhij, Himmer über Charkiv, aus dem Ukrainischen von Juri Durkot, Sabine Stöhr und Claudia Dathe, Berlin 2022.

 

Beitragsbild:

Zerstörtes Townhaus in Irpin', Kyjiv Oblast. September 2023. Credits: Elisabeth Bauer.

Stolpern über die Wörter: Ein kollektiver Essay über die Sprache im Krieg - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Stol­pern über die Wörter: Ein kol­lek­tiver Essay über die Sprache im Krieg

Der Krieg ver­än­dert die Sprache und das Sprach­ge­fühl. Es sind nicht nur pro­fes­sio­nelle Autor*innen, son­dern auch Laien, die das Leid und das Uner­hörte der Gewalt und Zer­stö­rung im Krieg doku­men­tieren und mit­teilen. Dabei kommen die Schrei­benden kaum umhin, über die Sprache, das Spre­chen und das Schreiben im Krieg nach­zu­denken. Der kol­lek­tive Essay zur Sprache im Krieg ent­stand aus der gemein­samen Arbeit von Pots­damer Stu­die­renden und Leh­renden in Vor­be­rei­tung auf einen ukrai­nisch-pol­nisch-deut­schen Work­shop in Krakau im Juni 2023.

 

1. Wör­ter­buch des Krieges

Der Krieg inten­si­viert die Wahr­neh­mung, die Gefühle, und macht somit etwas mit uns und mit unserer Sprache, unab­hängig davon, welche Sprache(n) wir spre­chen. Wörter bekommen neue Bedeu­tungs­nu­ancen, manche Worte werden zu Unworten, manche werden ihre Bedeu­tung los. Es scheint so, als wäre vor allem das Wort ‚Frieden‘ dem Krieg zum Opfer gefallen – und zwar gar nicht nur des­halb, weil der Krieg den Frieden zer­stört. Frie­dens­lie­bende deutsch­spra­chige Men­schen meiden inzwi­schen das Wort ‚Pazi­fismus‘, da es von den­je­nigen heute bean­sprucht wird, die offen­sicht­lich Angreifer und Opfer nicht aus­ein­an­der­halten können bzw. wollen. Das ukrai­ni­sche Wort für Frieden мир (myr) unter­scheidet sich gra­phisch gar nicht und pho­ne­tisch nur leicht vom rus­si­schen Wort мир (mir), das neben Frieden auch Welt bedeutet und in dessen Namen (russkij mir) der bru­tale rus­si­sche Krieg gegen die Ukraine geführt wird. Der ukrai­ni­sche Dichter, Essayist und Über­setzer Ostap Sly­vynsky schreibt in einem Gedicht: „Aber können wir das Wort ‚Frieden‘ noch heilen, dass aus ihm / keine bis auf die Zähne bewaff­neten Besatzer mehr platzen?“

Das aus dem Ukrai­ni­schen von Siarhei Pau­la­vitski und Maria Weis­sen­böck ins Deut­sche über­tra­gene Gedicht Sly­vyn­skys „Und dann müssen wir noch die Sprache wie­der­auf­bauen…“, aus dem das obige Zitat stammt, ist in der deut­schen Aus­gabe seines Buchs Wörter im Krieg (edition.fotoTAPETA, Berlin 2023; ukr. Slovnyk vijny, VIVAT Publi­shing, Charkiv 2023) als eine Art lyri­sches Vor­wort erschienen ‒ abwei­chend von der ori­gi­nal­sprach­li­chen Aus­gabe, in der das Gedicht auf der Rück­seite des Buch­um­schlags abge­druckt wurde. Sly­vynsky hat sein Gedicht zunächst am 3. Dezember 2022 auf Face­book ver­öf­fent­licht:

А потім нам ще доведеться відбудувати мову.

Щоб свічка перестала бути окопною,

щоб пташка знову вбралася в пір’я,

щоб квіти перестали плюватись вогнем.

Щоб підвал знову став житлом солодкого варення й картоплі вусатої.

Und dann müssen wir noch die Sprache wiederaufbauen.

Damit Kerze nicht mehr Bun­ker­licht meint,

damit der Vogel wieder Federn bekommt,

damit Blumen auf­hören, Feuer zu spucken.

Damit Keller wieder zur Bleibe süßer Mar­me­laden und kei­mender Kar­tof­feln wird.

Sly­vyn­skys Wör­ter­buch des Krieges (so die wört­liche Über­set­zung von slovnyk vijny) ver­sam­melt Wörter, deren Bedeu­tung sich im Krieg ver­än­dert hat. Das „Wör­ter­buch“ besteht aus kurzen Texten, aus alpha­be­tisch geord­neten „Ein­trägen“, die ‒ wie Sly­vynsky in der Vor­rede schreibt ‒ „Frag­mente fremder Mono­loge sind, die ich in diesen schweren Tagen gehört habe.“ Nichts sei erfunden, ledig­lich ein wenig bear­beitet, man­ches aus dem Rus­si­schen ins Ukrai­ni­sche über­setzt. Unter „Körper“ (tilo) lesen wir ein kurzes Bekenntnis einer Frau aus L’viv, die sich dar­über wun­dert, dass sie nun ihr Hei­mat­land wie den eigenen Körper spürt: Wenn sie eine Tür­klinke drückt, habe sie den Ein­druck, „dass es ihr [der Klinke] weh tut.“ Unter „Radio“ (radio) berichtet ein älterer taub gewor­dener Mann aus Baku/Kyjiv, dass er nun im Alter viel Neues erlebt, z.B. wird er zum ersten Mal Polen sehen, auch wenn nicht mehr hören. Ganz anders als in der Jugend, in der er pol­ni­sches Radio gehört hat, Polen aber nie gesehen. Unter „Artikel“ (stattja) beschreibt eine ehe­ma­lige kom­mer­zi­elle Tex­terin aus Koc­ju­bynske bei Kyjiv ihre Angst vor diesem Wort: Immer, wenn sie gebeten wird, einen „Artikel“ zu ver­fassen, han­delt es sich um einen Nachruf (nekrolog) ‒ ein Wort, das nie­mand über die Lippen bringt.

Sly­vyn­skys „Wör­ter­buch“, inzwi­schen in meh­rere Spra­chen über­setzt, ist ein Zeugnis einer durch den Krieg ver­ur­sachten Wahr­neh­mungs­krise, die ihren sprach­li­chen Aus­druck sucht, die in der Sprache befragt und erkannt wird. Und umge­kehrt: es ist ein Zeugnis für das Fremd­werden der Sprache in der Erfah­rung des Krieges, für das Aus­ein­an­der­driften des Wortes und seiner gewohnten Bedeu­tung in der das Leben radikal ver­än­dernden Kriegs­wirk­lich­keit. Und nicht zuletzt ist es ein Zeugnis einer gestei­gerten Auf­merk­sam­keit dafür, was der Krieg mit der Wahr­neh­mung und der Sprache macht: Manche Mono­loge treffen den Punkt ‒ bei­läufig ‒ in einer beschrei­benden Anek­dote („Autobus“/avtobus), manche greifen aber auch direkt ein Wort auf („Schmerz“/bilʼ) und ‚betasten‘ die ver­scho­benen, ver­dich­teten Bedeu­tungs­nu­ancen. Sly­vynsky notiert die Fetzen flüch­tiger Rede, hält sie fest und ordnet sie zu einem Wör­ter­buch des Krieges. Es ent­steht ein Doku­ment über die Sprache im Krieg, die wie ein Sensor anzeigt, was der Krieg den Men­schen antut. Darum geht es hier vor allem: dem Gespro­chenen abzu­lau­schen, wie mit den Kriegs­er­fah­rungen gerungen wird. Es ist zugleich ein Doku­ment, in das sich auch das Poe­ti­sche unwill­kür­lich ein­schleicht, mal mit einer grau­samen, mal mit einer gro­tesken, manchmal gar mit einer wit­zigen Ver­frem­dung. Sly­vyn­skys „Wör­ter­buch“ ist unver­kennbar ein Werk eines Lyri­kers, der sein Gehör für die Sprache und das Spre­chen für das Doku­men­tieren dessen, was im Krieg pas­siert, einsetzt.

von Mag­da­lena Marszałek

2. Schreiben an der Front

Der Krieg bringt das Beste und das Schlech­teste im Men­schen zum Vor­schein. Und er bringt die Men­schen zum Schreiben, auch solche, die im nor­malen Alltag ans Schreiben nicht einmal denken. Jeden Tag erscheinen im Netz Hun­derte von Gedichten, Geschichten, Blog­ein­trägen sowohl von pro­fes­sio­nellen Autor*innen als auch von Laien, die ihre Erfah­rungen im Krieg beschreiben. Es erscheinen in der Ukraine auch in Kriegs­zeiten sehr viele Bücher, viele von ihnen werden im Aus­land über­setzt. Es fällt auf, dass dar­unter nur selten Soldat*innen-Stimmen zu hören sind. Es gibt sie aber: schrei­bende Soldat*innen. Sie haben wenig Zeit zu schreiben und ihre Texte im Netz zu ver­öf­fent­li­chen. Sie schreiben in Notiz­bü­chern und auf ihren Smart­phones. Soldat*innen, die tag­täg­lich mit Angst, Schmerz und Tod kon­fron­tiert sind, kennen die Wahr­heit über den Krieg.

Wenn man über Google nach Gedichten von Soldat*innen sucht, findet man sie inzwi­schen auf einigen Web­sites, z.B. auf Gluzd (etwa: Ver­stand). Gluzd wurde vor einigen Jahren von jungen Jour­na­lis­tinnen aus Kolo­myja als unab­hän­giges Medi­en­pro­jekt gegründet. Unter dem Motto “Wir küm­mern uns um euren gesunden Ver­stand!” berichtet das Portal eigent­lich über das kul­tu­relle Leben in der west­li­chen Ukraine. Domi­nie­rendes Thema seit bald zwei Jahren ist jedoch der Krieg. Das Portal pos­tete im Februar 2023 ein auf einem Inter­view basie­rendes Por­trät eines 21-jäh­rigen Sol­daten, der seit dem ersten Tag der voll­um­fäng­li­chen rus­si­schen Inva­sion sein Land ver­tei­digt. Dazu wurden zwei seiner Gedichte ver­öf­fent­licht. Seinen Namen kennen wir nicht, er schreibt unter dem Pseud­onym Most (Brücke). Was erfahren wir von ihm? Er hatte sich bewusst für den Sol­da­ten­beruf ent­schieden, als sich das Land im Osten bereits im Krieg befand, also noch vor 2022. Er absol­vierte die Aka­demie als externer Stu­dent und legte seine Abschluss­prü­fung sozu­sagen auf dem Schlacht­feld ab. Dort „fei­erte“ er auch seinen Abschluss.

Die beiden ver­öf­fent­lichten Gedichte sind im Abstand von einem Jahr ent­standen. „Ich bin müde, am Leben zu sein…“ (Vto­myvsja buty ja žyvym…) schrieb er im Schüt­zen­graben kurz nach dem Beginn der groß ange­legten rus­si­schen Inva­sion. Dieses Gedicht schil­dert eine tiefe Ver­zweif­lung im Alltag an der Front: Auf­wa­chen von den Explo­sionen, Ein­schlafen mit den Geräu­schen der Schüsse, den Tag über­leben inmitten von Leid, Schmerz und Tod. Most wählt ein­fache Worte für sein Gedicht, es könnte eine Tage­buch­notiz sein, die ein­zige Meta­pher ist die „Hölle“, die er im Schlaf vor Augen hat – die Alb­träume wie­der­holen das Grauen des Tages. „Ich bin müde, am Leben zu sein…“ – zum Schluss wie­der­holt der letzte Vers den ersten (hier und fol­gend: Über­set­zung der Autorin):

Не знаю, як повернутися додому, 

Не знаю, як поводити себе у мирному житті, 

Не знаю, як жити мирно без війни. 

Втомився бути я живим…

Ich weiß nicht, wie ich nach Hause komme,

Ich weiß nicht, wie ich mich im fried­li­chen Leben ver­halten soll,

Ich weiß nicht, wie man fried­lich lebt, ohne Krieg.

Ich bin müde, am Leben zu sein…

Das zweite Gedicht, „Mein heller Stern am Himmel“ (Moja jas­krava zirka v nebi…) ent­springt dem Wunsch, der grau­samen Rea­lität des Krieges zu ent­kommen. Der Soldat betrachtet einen Stern am nächt­li­chen Himmel und träumt von Schön­heit, Wahr­heit, Liebe. An den Stern richtet er eine Klage:

Моя кохана ясна зірко, 

Чому люди такі жорстокі,

Чому брехні тут більше, аніж правди 

Чому від кохання тут лише слова!

Mein geliebter heller Stern,

Warum sind die Men­schen so grausam,

Warum gibt es mehr Lüge als Wahrheit,

Warum gibt es von der Liebe nur Worte!

Hier wird offen­sicht­lich, dass das Schreiben zum Ort des Über­le­bens wird. Das Schreiben hilft, im Krieg ein Mensch zu bleiben, die Würde und die Hoff­nung auf eine bes­sere Welt zu bewahren. „Das Schreiben wie­der­spricht dem Tod“ – das hat Serhij Žadan im Vor­wort zu seinem Buch Himmel über Charkiv (2022) geschrieben. Nir­gendwo gilt das Diktum Žadans so bedin­gungslos wie im Fall eines schrei­benden Soldaten.

von Evge­niia Grach

3. Vor­sicht, gefähr­liche Bäume

Der Krieg macht uns sprachlos. Er frisst Leben, Gebäude, ganze Städte – und auch die Sprache. Die Wörter, die er wieder aus­spuckt, haben plötz­lich eine andere Bedeu­tung. Der Alltag im Krieg findet in einer gro­tesken Rea­lität statt, in der Stille zur Bedro­hung, ein Bade­zimmer zum Bunker, Schön­heit zur Gefahr werden können, wie Ostap Sly­vyn­skys Slovnyk vijny deut­lich macht.

Kateryna Jako­v­lenko, ukrai­ni­sche Kura­torin, Autorin, Kunst­wis­sen­schaft­lerin und Chef­re­dak­teurin des Kul­tur­sen­ders Suspilne Kul­tura erlebte per­sön­lich, wie die Wörter ‚Pech‘ und ‚Glück‘ ihre Bedeu­tung ver­loren. Hatte sie Pech, weil ihre Woh­nung in Irpin‘ am 18. März 2022 fast voll­ständig durch eine Gra­na­ten­ex­plo­sion zer­stört wurde? Oder hatte sie Glück, weil sie eben nur fast voll­ständig zer­stört wurde, wäh­rend 70 Pro­zent der Stadt Irpin‘ so gut wie dem Erd­boden gleich­ge­macht wurde? Und wenn ihre Woh­nung nun fast völlig zer­stört ist, die Decke behelfs­mäßig befes­tigt werden muss, die Wände kahl und ver­brannt sind, die Fenster aus den Rahmen gesprengt wurden, die ganze Ein­rich­tung zer­stört, alle Erin­ne­rungen ver­brannt sind, ist es dann noch ihre Woh­nung? Was hat dieser Raum, diese Ruine, noch mit ihr zu tun, fragt sie sich.

Jurij Andruchovyč beschrieb vor etwa 20 Jahren in seinem Essay Mit­tel­öst­li­ches Memento (2000) seine jugend­li­chen Streif­züge zwi­schen ver­las­senen, ver­fal­lenen Orten im ehe­ma­ligen Gali­zien. Ruinen sind für ihn Zeugen der Ver­gan­gen­heit: Es sind nicht nur ver­wit­ternde Mauern, son­dern Dinge, die einmal für den Men­schen einen Nutzen hatten und dann ver­fallen oder in Ver­ges­sen­heit geraten sind. Das Wort ‚Ruine‘ hört sich nach etwas längst Ver­gan­genem und Geheim­nis­vollem an. Aber für Jako­v­lenko ist dieses Ver­gan­gene noch Gegen­wart, und im kahlen Gemäuer spie­gelt sich ihr Trauma: „Ich wollte weg, ich zwei­felte und hatte Angst, diesen Raum irgendwem zu zeigen ‒ als würde die ganze Welt meine innersten Geheim­nisse erfahren, all meine Narben und Wunden sehen können.” Den­noch eröffnet sie in ihrer zer­störten Woh­nung am 26. August 2022 für einen Tag eine Aus­stel­lung unter dem Titel „Jeder hat Angst vor dem Bäcker, aber ich bin dankbar“ (Vsi bojat’sja pekarja, a ja dja­kuju). In ihrem Essay „Vor­sicht, gefähr­liche Bäume“ schreibt sie über die Aus­stel­lung. Der Raum selbst sei zum wich­tigsten Aus­stel­lungs­stück geworden ‒ durch sich ver­än­dernde Licht- und Schat­ten­re­flexe sowie Vögel und Insekten, die durch die offenen Fens­ter­lö­cher hin­e­inflogen. Die aus­ge­stellten Werke, eine Zusam­men­stel­lung aus Fotos, Zeich­nungen und Instal­la­tionen von Künstler*innen wie Anna Zvja­ginceva, Katja Bučacka, Tamara Turljun, Roman Mycha­jlov und wei­teren, wählte sie aus, weil sie vom Umgang mit Trau­mata und von Gesten der Dank­bar­keit für Zusam­men­halt und Für­sorge erzählen. Für Jako­v­lenko funk­tio­niert Sprache allein nicht mehr: „Könnte man über Wörter stol­pern, so könnte ich keinen Kilo­meter laufen, ohne mir blaue Fle­cken zu holen.“ Des­halb will sie die Sprache durch Bilder und Gesten ersetzen und ergänzen. So findet sich in der Aus­stel­lung bei­spiels­weise auch das Werk des Künst­lers Sta­nislav Turina: Ser­vi­etten, auf denen das Wort danke auf Ukrai­nisch geschrieben steht. Täg­lich schreibe er es auf Zettel und ver­teile sie, um seine Unter­stüt­zung zu zeigen. So wird ein Wort durch eine Geste zu einem Akt der Solidarität.

So zieht sich auch die Sym­bolik des Baums als Thema durch die Werke der Aus­stel­lung und durch Jako­v­lenkos Essay. Der Baum wird für sie zu einem Sinn­bild der Hei­lung, zu einer Stütze in der Trau­ma­be­wäl­ti­gung. Die Ukraine brauche auch etwas Ähn­li­ches wie Harz ‒ diese kleb­rige Sub­stanz, die wie Tränen die Wunden der Bäume ver­schließt. Das Harz für ihr trau­ma­ti­siertes Hei­mat­land sieht Jako­v­lenko in der Dank­bar­keit, der Soli­da­rität und dem Zusam­men­halt der Menschen.

Das erste Werk, das sie für die Aus­stel­lung aus­wählte, war das Bild „Einen Stock pflanzen“ (To Plant a Stick, 2019–2022) von Anna Zvja­ginceva. Die Künst­lerin habe es ihrem Groß­vater gewidmet, der in der West­ukraine in einer länd­li­chen Gegend lebte. Sie habe einmal bei ihm ein hand­schrift­lich notiertes Zitat eines ukrai­ni­schen Schrift­stel­lers gefunden: „Wie ein Baum ohne Blätter steht meine Seele in den Fel­dern.” Aus­ge­stellt ist das gerahmte Bild in einem Zimmer auf dem Boden, lehnt wie bei­läufig abge­stellt an der kahlen Wand. Darauf zu sehen: ein Foto von einem Stock, der aus einer Wiese ragt. Es sieht fast so aus, als würde er in dem mit einer Plane bedeckten und san­digen Boden der ver­brannten Ruine ste­cken. Wieso sollte aus dem Stock nicht doch noch ein Baum werden können?

von Stella Breitbach

4. Lyrik des Donbas: Frag­men­tierte Wörter über den Krieg

Adorno sagte, nach Ausch­witz ein Gedicht zu schreiben sei bar­ba­risch. Doch was ist zu tun, wenn sich jemand nicht in einem ‚Nach‘, son­dern in einem ‚Wäh­rend‘ befindet? Wenn ein Krieg dein Zuhause zer­stört, dich ver­treibt, deine Familie und Freunde bedroht oder tötet? Wenn ein über­mäch­tiger Feind dir deine Iden­tität abspricht und die Ver­nich­tung deiner Kultur anstrebt? Dar­über nicht zu schreiben wäre wohl auch bar­ba­risch. Die lite­ra­ri­sche Bear­bei­tung der Kriegs­er­eig­nisse und Erfah­rungen ist für ukrai­ni­sche Schriftsteller*innen von größter Wich­tig­keit, gleich­wohl mit tiefstem Schmerz ver­bunden. Bei­spiel­haft dafür ist die Lyrik von Ljuba Jakymčuk (Lyuba Yakim­chuk), die in der Oblast Luhansk geboren und auf­ge­wachsen ist. Gleich zu Beginn des Krieges im Donbas im Jahr 2014 ver­suchte sie, die Lebens­rea­lität ihrer Heimat durch das Prisma der Lyrik darzustellen.

Der Krieg in der Ukraine ist in erster Linie ein Kampf des Landes um sein poli­ti­sches und ter­ri­to­riales Über­leben. Es ist aber auch ein Krieg, bei dem ins­be­son­dere die kul­tu­relle Iden­tität der Ange­grif­fenen im Mit­tel­punkt steht. Und genau diese beiden Aspekte des Krieges greift die Dich­terin und Jour­na­listin Ljuba Jakymčuk in ihrem Gedicht roz­kl­a­dannja (Zer­stü­cke­lung) auf. Zum einen beklagt sie am Bei­spiel von ukrai­ni­schen Städten im Osten des Landes wie Donezk und Luhansk, dass die Ukraine ihres recht­mä­ßigen Staats­ge­bietes beraubt wird. Und zum anderen geht es der Autorin darum zu zeigen, wie zer­stö­re­risch die Gewalt sich auch auf die Kultur – hier kon­kret auf die Sprache – aus­wirkt. Jakymčuk zer­legt im Gedicht die Namen der Orte in ein­zelne Silben, wodurch sie ihre eigent­liche Bedeu­tung ver­lieren. Die Zer­stü­cke­lung der Wörter wird zum Spiegel der Zer­stü­cke­lung des Landes und der Des­in­te­gra­tion von dort lebenden Men­schen. Übrig bleiben nur noch ampu­tierte Teil­wörter, die eben­falls zu den Opfern dieses Krieges werden (hier und fol­gend: Über­set­zung des Autors):

не кажіть мені про якийсь там Луганськ
він давно лише ганськ
лу зрівняли з асфальтом червоним
erzählt mir nichts von Luhansk
es ist nur noch hansk
Lu wurde dem roten Erd­boden gleich gemacht

Wie in einen Dialog mit Adorno tre­tend, stellt Jakymčuk fest, dass die Sprache auf die Grau­sam­keiten des Krieges nur in einer ent­stellten Form ant­worten kann. Es ist keine schöne Dich­tung mehr, die Wörter ver­kommen zu einem ein­zigen grim­migen Laut:

про війну не буває поезії
про війну є лише розкладання
лише літери
і всі вони – ррр
über den Krieg gibt es keine Poesie 
im Krieg gibt es nur Zerstückelung
nur Buch­staben
und sie sind alle gleich – rrr

Das Gedicht wirkt wie eine Klage, wobei durch die per­sön­liche Per­spek­tive für uns als Lesende eine unmit­tel­bare Nähe zu den Erfah­rungen der Autorin ent­steht. Sie berichtet zum Bei­spiel von ihren Freunden, die Hand­schellen tragen, und vom zer­bombten Pervomajs‘k, dem Ort, wo sie als Kind auf­wuchs. Einige seman­ti­sche Pro­bleme zeigen sich jedoch, wenn diese ‚miss­han­delte‘ Sprache ins Deut­sche über­setzt wird. Roz­kl­a­dannja ist eines von meh­reren Gedichten Jakymčuks, die gemeinsam mit den Werken meh­rerer ukrai­ni­scher Autor*innen in der Antho­logie Words for War, einer Publi­ka­tion des Har­vard Ukrai­nian Rese­arch Insti­tute, ver­öf­fent­licht wurde. Dort findet man das Gedicht im ukrai­ni­schen Ori­ginal und in der eng­li­schen Über­set­zung. Ins Deut­sche hat Bea­trix Kersten das Gedicht unter dem Titel „Zer­fall über­setzt. Man kann einen eigenen Ver­such der Über­tra­gung ins Deut­sche wagen; bei den ‚zer­stü­ckelten‘ Wör­tern im Gedicht stößt man einer­seits schnell an sprach­liche Grenzen, ande­rer­seits lassen sie viele Über­set­zungs­va­ri­anten zu. Hier ein wei­teres Frag­ment meines Versuchs:

а де бальцево?
де моє бальцево?
там більше не родиться Сосюра
уже більше ніхто з людей не родитьсяя дивлюся на колообрій
він трикутний, трикутний
і поле соняхів опустило голови
вони стали чорні й сухі, як і я
вже страшенно стара
і я більше не Люба
тільки ба
und Debaltse ist wo? 
mein Debaltse ist wo? 
dort wird kein neuer Dichter wie Sos­jura mehr geboren 
über­haupt kein Mensch wird dort geborenich schaue zum Horizont 
er ist drei­eckig, dreieckig 
und die Son­nen­blumen auf dem Feld lassen ihre Köpfe hängen, sie sind schwarz und ver­trocknet, genau wie ich 
so furchtbar alt 
und ich bin nicht mehr Lyuba 
nur ba

Das Bei­spiel von „Zer­stü­cke­lung“ zeigt letzt­lich, dass, egal wie frag­men­tiert, ent­stellt und zer­rüttet die Sprache im Krieg auch sein mag, aus ihr immer wieder etwas Neues und mög­li­cher­weise Hei­lendes ent­stehen kann. Ein Gedicht wäh­rend des Krieges zu schreiben ist viel­leicht nicht nur nicht bar­ba­risch, son­dern sogar notwendig.

von Alex­ander Sywasch

5. Die Stimmen der Nachbar*innen

Seit dem Angriffs­krieg Russ­lands auf die Ukraine hat dieser Hun­dert­tau­sende Men­schen­leben gefor­dert, nicht nur Soldat*innen, son­dern auch Zivilist*innen, dar­unter Frauen, Kinder und ältere Men­schen. Mil­lionen Ukrainer*innen leiden an den Folgen des rus­si­schen Über­falls, sie ver­lieren ihr Zuhause und sind gezwungen, auf der Suche nach Hilfe und sicherem Schutz zu fliehen. Unbe­streitbar wurde der Krieg in der Ukraine vom ersten Tag an zum Krieg des gesamten freien Europas. Daher schreibt man über den Krieg auch außer­halb der Grenzen der Ukraine. Am 24. Februar 2022 ver­öf­fent­lichte die pol­ni­sche Nobel­preis­trä­gerin Olga Tok­ar­czuk auf ihrer Face­book-Seite fol­genden Ein­trag: „Ich wie­der­hole meine Worte: Ich möchte mich vor den Ukrai­nern ver­neigen, die vom Mos­kauer Regime brutal ange­griffen wurden, und obwohl es für diese Bar­barei keine Worte gibt, möchte ich meine – unsere – Soli­da­rität, Unter­stüt­zung und Ermu­ti­gung kundtun. Für mich ist der Angriff auf die freie Ukraine ein Angriff auf Europa.” Auf den Kriegs­aus­bruch reagierten viele Autor*innen außer­halb der Ukraine nicht nur mit Inter­net­ein­trägen, son­dern auch mit Essays oder Gedichten.

 

„Ich glaube an Worte als die letzte Waffe des Menschen”

Der bel­o­ru­si­sche Schrift­steller und Dichter Alhierd Bacharevič hat sich in seinen jüngsten Texten wie­der­holt an das ukrai­ni­sche Nach­bar­land gewandt und seine Über­le­gungen geteilt, welche unter anderem in seinem offenen Brief an die Ukraine zu finden sind. In dieser Ver­öf­fent­li­chung bekundet Bacharevič seine Unter­stüt­zung und bringt seinen Schmerz über den „Tod, der gleich­zeitig aus meh­reren Rich­tungen kommt, auch vom Staats­ge­biet meiner Heimat” zum Aus­druck. Indem er über die Scham und Schande spricht, bekennt er sich zur kol­lek­tiven Schuld: als Schrift­steller, der aus einem Land kommt, das zum Ver­bün­deten des Aggres­sors wurde. Das Bild von Belarus hat sich heute kate­go­risch ver­än­dert: Vom Bild einer zivilen Gesell­schaft, die die Demo­kratie im Jahr 2020 ver­tei­digte, wan­delte es sich in den Augen der Welt zum Bild eines treuen Anhän­gers des Putin’schen Regimes. Bacharevič ver­sucht jedoch klar­zu­stellen, dass es nicht die bel­o­ru­si­sche Gesell­schaft ist, son­dern Lukašenka, der Belarus und sein Volk in eine Sack­gasse führt. Der Feind von Belarus und der Ukraine ist schluss­end­lich ein gemein­samer – der rus­si­sche Imperialismus.

„Das, was ich kann, sind eben nur Worte. Worte, für die ich mich ver­ant­worte. Ich glaube an Worte als die letzte Waffe des Men­schen”, schreibt Bacharevič in seinem Essay „Der Pazi­fismus ist tot“ (Ori­gi­nal­titel: Pacy­fizm pamjor, ins Deut­sche über­tragen vom Autor). Die vom Schrift­steller erwähnte „letzte Waffe“ wird auch in seinem Text eingesetzt:

 

Ich wün­sche ihnen den Tod: wegen Charkiw und Mariupol, wegen But­scha und Tscher­nihiw. Ich will ein neues Nürn­berg für sie. Der Krieg ver­hilft meiner dunklen Seite so rasch zur Recht­fer­ti­gung, als ob ich keine Werte, keinen Ver­stand und keinen Namen mehr hätte.

 

Der Krieg hat dem­zu­folge einen bedeu­tenden Ein­fluss auf die Sprache: In extremen Situa­tionen werden auch ‚scham­lose‘ Worte ver­wendet. Was früher unmög­lich schien, wird heute ohne Skrupel aus­ge­spro­chen. Ein starker Wunsch nach Rache und ein auf­rich­tiger Hass gegen die­je­nigen, die den Ukrainer*innen gewaltsam die Frei­heit nehmen, kommen darin zum Aus­druck. In einem spä­teren Inter­view stellt Bacharevič fest:

 

Das Mas­saker von But­scha war für mich der Moment, in dem ich meine Sprache ver­loren habe. Im März habe ich viel­leicht fünf Texte geschrieben über die Ereig­nisse in der Ukraine. Nach But­scha habe ich kein Recht wei­ter­zu­schreiben. Es gibt keine Worte, um so etwas zu beschreiben. Erst später kommt die Sprache, kommen die Worte wieder.

 

„Dort bei euch ist die Last der Nacht anders” 

Das Gedicht „Dort bei euch“ (Tam u was) des pol­ni­schen Dich­ters, Pro­sa­au­tors und Lite­ra­tur­kri­ti­kers Karol Mali­szewski, das am 27. Februar 2022 in der renom­mierten Lite­ra­tur­zeit­schrift Twórc­zość ver­öf­fent­licht wurde, ist eine lyri­sche Bekun­dung von Soli­da­rität. Der Autor schreibt aus der Per­spek­tive eines Polen und macht auf den Unter­schied zwi­schen ukrai­ni­schem und pol­ni­schem Alltag in der Zeit des Krieges auf­merksam. Er beginnt sein Gedicht mit einer Beschrei­bung dessen, was die Ukrainer*innen am eigenen Leib erleben, in ein­fa­chen Worten (hier und fol­gend: Über­set­zung der Autorin).

Tam u was ciężar nocy inny,

snują się god­ziny, czer­wone plamy

na sufitach piwnic, wstrząsy, pomruki

odle­głego boga, i nie ma kto

opo­wiadać bajek, bata­lion bajarzy

for­muje się zbyt wolno, więc dzieci

płaczą, nic ich ukoić nie może

Dort bei euch ist die Last der Nacht anders,

Stunden schweifen, rote Flecken

an den Decken der Keller, Erschüt­te­rungen, Gemurmel

eines fernen Gottes, und es gibt niemanden,

der Mär­chen erzählen kann, das Bataillon der Geschichtenerzähler

bildet sich zu langsam, also Kinder

weinen, nichts kann sie beruhigen

Danach kommen Zeilen, die der „Last der Nacht“ in der Ukraine eine pol­ni­sche Nacht gegen­über­stellen: eine Lie­fe­rung mor­gens ver­spätet sich wegen „Schlange für Sprit“, das wars. Damit enden die Tur­bu­lenzen für die Ein­wohner Polens. Und den­noch: „wir gehen auf steifen Beinen / in den nächsten Tag“. Wie lässt sich Soli­da­rität ohne Pathos Bekunden? Mali­szewski tut dies dezent in den letzten Zeilen seines Gedichts:

u nas noc jest poł­knięta niczym

sucha bułka, maślanki jeszcze nie

dowieźli, wóz dostawczy utknął

w kolejce po ropę, i to wszystko,

cała wojna, prz­echod­zimy do

nas­tęp­nego dnia na sztywnych nogach,

jak apa­ty­czne kro­kusy za oknem,

 

i nic nie cieszy;

może choć to was pocieszy.

bei uns wird die Nacht wie

ein tro­ckenes Bröt­chen ver­schluckt, die But­ter­milch wurde noch nicht

gelie­fert, der Lie­fer­wagen blieb stecken

in der Schlange für Sprit, und das wäre

der ganze Krieg, wir gehen auf steifen Beinen

in den nächsten Tag,

wie apa­thi­sche Kro­kusse vor dem Fenster,

 

und alles bleibt freudlos;

viel­leicht tröstet das euch etwas.

Das Ver­bin­dende sind somit nicht die wäh­rend des Krieges gesam­melten Erfah­rungen; zwei­fellos sind diese unver­gleich­lich. Was ver­bindet, ist die gemein­same Trauer: „Und alles bleibt freudlos“ – obwohl sich der pol­ni­sche Alltag nicht allzu sehr ver­än­dert hat. Was zählt, ist das Mitfühlen.

Es scheint, dass das poe­ti­sche Wort nötig ist, um die Zeit des Krieges jen­seits eines fak­to­gra­phi­schen Berichts zu beschreiben. Dies ist auch für Men­schen, die außer­halb der Ukraine leben, hilf­reich – da die poe­ti­sche Refle­xion uns ermög­licht, das zu ver­stehen, was wir jeden Tag auf unseren Fern­seh­bild­schirmen oder in den sozialen Medien sehen. Das poe­ti­sche Wort sen­si­bi­li­siert uns für das Leid der Ukrainer*innen und macht uns unsere eigenen Emo­tionen bewusst. So können Lite­ratur und die Kraft der Worte auch zu einem Mittel der Soli­da­rität werden.

von Wik­toria Janecko

Lite­ratur:

Andrucho­wytsch, Juri: Mit­tel­öst­li­ches Memento, in: Ders. / Sta­siuk, Andrzej: Mein Europa. Zwei Essays über das soge­nannte Mit­tel­eu­ropa. Aus dem Ukrai­ni­schen von Sofia Onufriv, Frank­furt am Main 2004, S. 9–74 (ukr.: Central’no-schidna revizija).

Bacharevič, Alhierd: Brief an die Ukraine, in: Dekoder, 2022. Über­set­zung von Alhierd Bacharevič und Tina Wün­sch­mann, https://www.dekoder.org/de/article/ukraine-krieg-belarus-lukaschenko.

Bacharevič, Alhierd: Der Pazi­fismus ist tot, in: Dekoder, 2022, https://specials.dekoder.org/bacharevic-ukraine-belarus-krieg-pazifismus/.

Iako­v­lenko, Kateryna: Vor­sicht, gefähr­liche Bäume. Aus dem Ukrai­ni­schen von Lydia Nagel, in: Mish­chenko, Kateryna/Raabe, Katha­rina (Hg.): Aus dem Nebel des Krieges. Die Gegen­wart der Ukraine, Berlin 2023, S.125–142.

Mak­sym­chuk, Oksana / Rosoch­insky, Max (Hg.): Words for War. New Poems from Ukraine. Boston 2017.

Mali­szewski, Karol: Tam u was, in: Twórc­zość, 6 (919), 2022, https://tworczosc.com.pl/artykul/tam-u-was/ (Über­set­zung des Gedichts im Text von Wik­toria Janecko).

Most: Vto­myvsja buty ja žyvym…; Moja jas­krava zirka v nebi…, in: Julia Varčuk: Vto­myvsja buty ja žyvym: isto­rija vijs’kovogo, jakyj v okopi pyše virši, Gluzd, 25.02.2023: https://gluzd.org.ua/articles/vtomyvsia-buty-ia-zhyvym-istoriia-viiskovoho-iakyi-v-okopi-pyshe-virshi/ (Über­set­zung der Gedichte im Text von Evge­niia Grach).

Sly­vynsky, Ostap: Wörter im Krieg. Aus dem Ukrai­ni­schen von Maria Weis­sen­böck. Berlin 2023 (ukr. Slovnyk vijny. Charkiw 2023).

Žadan, Serhij, Himmer über Charkiv, aus dem Ukrai­ni­schen von Juri Durkot, Sabine Stöhr und Claudia Dathe, Berlin 2022.

 

Bei­trags­bild:

Zer­störtes Town­haus in Irpin’, Kyjiv Oblast. Sep­tember 2023. Cre­dits: Eli­sa­beth Bauer.