„Sundial“: Analoge Archivierung einer Sehnsucht

Der Dokumentarfilm der estnischen Regisseurin Liis Nimik (geb. 1979) widmet sich einem ruhigen Ort der Peripherie Estlands. Beobachtende, stille Bilder der Natur und Dorfbewohner*innen auf analogem 16-mm-Film ­­– zwischen Sichtbarmachung von Lebensrealitäten und Sehnsucht.

 

Der 65-minütige Film Sundial (estnisch: Päikeseaeg) beginnt mit Text. Ein bedeutungsvoller Satz auf schwarzer Leinwand in weißer Schrift, bevor die ersten stillen, weniger direkten, träumerischen Bilder folgen. „Mõnest vahel igatsen, kuidas ta maailmas oli.” Auf Deutsch heißt das so viel wie: „Manchmal sehne ich mich nach denen, wie sie früher waren.“

 

Zeitlicher Rahmen des Films sind die Jahreszeiten, ist die Natur als Taktgeber, festgehalten auf analogem Material in matten Farben. Sechzehn Millimeter, ein kleineres Filmformat als der gängige 35-mm-Film des historischen Kinostandards. Das 16-mm-Bild ist körniger, nicht ganz so hoch aufgelöst. Seit jeher war es das Format für Kunst-, Indie- und Fernsehfilme, bis zum Wechsel auf Digitaltechnik.

 

 

Gearbeitet wurde in einem Drehzeitraum von sieben Jahren, fertiggestellt wurde der Film 2023. Man hat sich Zeit gelassen. Bei der Produktion, der Länge der Szenen. Zeit nehmen musste man sich zuletzt auch, weil man mit analogem Film arbeitete. Die Entwicklung des Filmmaterials verlangt das, stellt sich den technologischen Möglichkeiten von Sofort-Verfügbarkeit entgegen. Hier verschmelzen die materiellen Bedingungen der Herstellung und die Idee von Päikeseaeg zusammen. Bereits das erste Bild und die folgende Sequenz bestimmen den langsamen Rhythmus, die Stimmung und die Form des Films: Eine stille Landschaft, menschliche Einflüsse sind kaum erkennbar, ein starker Wind ist zu hören. Irgendwo in dem auf Film eingefangenen braun-gelben Feld erkennen wir eine kleine, sich bewegende Figur – fast nebensächlich, ein Mensch. In der nächsten Einstellung sehen wir, dass es sich bei der nostalgisch anmutenden Aufnahme um keine historische Aufnahme handelt. Wir sehen einen zeitgenössisch gekleideten jungen Mann, der nachdenklich in die umgebende Natur schaut.

 

Danach: Feuer auf der Leinwand. Der junge Mann arbeitet und verbrennt geduldig Tannen. Knisternd nimmt das Feuer bildlich und tonal alles ein. Es ist voller Wucht anwesend und verdeckt beinahe die Tätigkeit des jungen Mannes als nebensächlich. Und es wird klar: In dieser Dokumentation geht es nicht um das Festhalten von Einzelschicksalen oder dramatischen gesellschaftlichen Kämpfen, sondern um die Materialität einer spezifischen menschlichen Lebensart in Verbundenheit mit der Natur. In späteren Einstellungen werden Wohnungen der unterschiedlichen Bewohner*innen in klaren Aufnahmen, die ohne Tiefenschärfe verdecken, sichtbar: Alte Einmachgläser, Decken, trübe Fenster, herumliegende Dokumente, niedrige Decken, Kinderzeichnungen an den Wänden, das Leben von Menschen, dargestellt in Schichten und Gegenständen. Die Wand der eigenen vier Wände zeigt sich als durchlässige Membran zwischen den Menschen dahinter und der Natur drumherum. Was auch fehlt: Smartphones, Amazon Prime, Technik.

 

 

Es ist das Alltagsleben. Ganz ohne Dramatik. Unterfüttert mit Soundteppichen, gewoben aus extradiegetischen langgezogenen Klängen, die sich mit dem Rauschen der Bäume mischen, gelingt es Liis Nimik, die Ruhe dieser Welt erstaunlich greifbar und ästhetisch zu vermitteln. Der Film wirkt gleich zu Beginn vor allem reif und sicher, er verlässt sich auf seine Formalität. Zurecht: Die einmal eingeführte Inszenierung der in die Natur eingebetteten Menschen und Tiere funktioniert – und berührt auf meditative Weise. Das Ziel des Films, eine andere, schützenswerte aber auch vergessene Lebensweise zu zeigen, geht auf.

 

Allerdings fragt man sich, ob das Bedächtige und Langsame im Film nicht doch Gefahr läuft, in Schwelgerei umzukippen. Offenbart der eingeblendete sehnsuchtsvolle Satz zu Beginn am Ende eine Schwäche, die in etwas flache Modernismuskritik mündet?

 

Dieses nostalgische Schwelgen neigt im schlimmsten Fall zu dem Gefühl der Abgeschiedenheit und steifer Humorlosigkeit. Dass sich der Film entscheidet, die Bewohner*innen eines anonymen estnischen Dorfes abgetrennt vom Weltgeschehen zu zeigen, ist verständlich. Auf Deutsch übersetzt bedeutet „Päikeseaeg” so viel wie „Ortszeit”. Ein Chronotopos mit seiner eigenen Zeit, fernab vom globalisierten Trubel, soll festgehalten werden, ohne zeitliche äußere Bezüge; das kann man als etwas ahistorisch und unpolitisch kritisieren, aber es ist begründbar, wenn in sechzig Minuten die eigene Zeit dieser Lebensverhältnisse mitgezählt werden soll.

 

 

Es gibt sie aber auch, die schönen Szenen im Film, die dieser Tendenz des Ernsten und Bedächtigen etwas entgegenzusetzen haben. Ganz unerwartet gibt eine ältere Frau in einem Flirt mit einem Lieferanten zu, sie sei ja auch eine kleine Sünderin. Und das Feuerholz, das der Lieferant gerade auslädt, wird aus Nervosität fallen gelassen. In diesen Momenten werden die kontemplativen Naturaufnahmen gebrochen und etwas Lebendigkeit und Spiel halten Einzug. So wie der verblüffte Mann das Holz fallen lässt, werden auch wir überrascht. Ohne solche Momente, ohne spielerische Ereignisse, ohne das Spontane, wäre die dargestellte Natur mit ihren Menschen darin bedroht, zu einer Art pittoresken Entspannungsort stilisiert zu werden – zu einer Sehnsuchtsfläche.

 

Auch die sonst eher starren Kameraaufnahmen werden im wahrsten Sinne des Wortes spielerisch in Frage gestellt, wenn die Filmemacherin in rührenden Bildern Kleinkinder festhält, die im Schnee und in den Bäumen spielen. Die Kamera muss jetzt diesen eigenwilligen Kindern wackelnd folgen und die strengen 16-mm-Bilder werden aufgelockert, Homevideo statt Formdisziplin. Einerseits hätte ein Mehr von solchen Momenten, in denen sich das Gezeigte gegen die Formstrenge wehrt, den Film möglicherweise bereichern können. Andererseits bleibt so die Nähe zur Nostalgie, die das Abgetrennte, (fast) Verlorengegangene geradezu betont an manchen Stellen erhalten. Was schön umgesetzt ist, sich aber Kontinuität und Lebendigkeit ein wenig versperrt.

 

Nimik, Liis: Päikeseaeg (Sundial), Estland, 2023, 65 Min.

Quelle von Filmstills und Trailer: KLARA FILMS, https://klarafilms.ee/sundial.

Plakat: Painting by Heldur Viires, poster artwork by Lucia Moreno, KLARA FILMS.

 

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