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Svetlana Aleksijevič liest und spricht beim ilb über die Afghanistankriege

Posted on 5. Oktober 2011 by novinki

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Svetlana Aleksijevič kommt aus Weißrussland, jenem Land, in dem sie schon länger nicht mehr leben will und in dem die Menschen in den letzten Wochen und Monaten im Protest gegen das autoritäre Regime Lukaschenkos zu seltsamen Aktionen zusammen gekommen sind: um in die Hände zu klatschen zum Beispiel oder um ihre Handys gemeinsam klingeln zu lassen. Vielleicht ist dies auch ein Grund dafür, dass sie seit über zehn Jahren kein neues Buch mehr geschrieben hat. Für ihre Lesung auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin, das in diesen Tagen über die Bühne geht, hatte sie so im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen jedoch den Vorteil, nicht ihre neueste Publikation vermarkten zu müssen.

Svetlana Aleksijevič, die 1998 den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung erhielt, hat sich durch ihre Unerbittlichkeit als Kritikerin des Krieges einen Namen gemacht. Ihre dokumentarischen Bücher wagen sich an die Front der Erinnerung und lassen Hunderte von Stimmen in möglichst unverfälschter Form zu Wort kommen. Das fing bereits zu Sowjetzeiten an. Ihr erstes Buch Der Krieg hat kein weibliches Gesicht (dt. 1987, russ. U vojny ne ženskoe lico, 1985) wurde noch in der DDR veröffentlicht und als Teil des „antifaschistischen Widerstands“ verstanden: „Die Frau klagt den Faschismus an.“ (1987, S. 16). Sie dokumentiert darin den 2. Weltkrieg als ersten Krieg mit massenhafter weiblicher Beteiligung und versucht diesen weiblichen Kampf in einem männlichen Krieg in die kollektive Erinnerung einzuschreiben. Sie dokumentiert den unerhörten Wunsch junger Mädchen, zu kämpfen, verlorene Väter und Ehemänner zu rächen: „Die Wahl zwischen Leben und Tod erwies sich für viele als so einfach wie das Atmen.“ (1987, S. 33). Aleksijevič könnte das geistige Oberhaupt der „Soldatenmütter von St. Petersburg“ sein, die in Russland schon lange zu den wichtigsten zivilgesellschaftlichen Organisationen des Landes gehören: die Mutter der Mütter. Die Beschäftigung mit dem 2. Weltkrieg setzte sie fort in Die letzten Zeugen (dt. 1989, russ. Poslednie svideteli, 1985), einem Buch, das den Kriegskindern gewidmet ist, jenen, die im 2. Weltkrieg noch Kinder und schon in den 1980er Jahren die „letzten Zeugen“ waren. Die Unmittelbarkeit der im Kindesalter gespeicherten Eindrücke soll das im Alter Erinnerte und Erzählte zu einem „Originaldokument“ machen. Dabei sind es Menschen, die im Rückblick sagen müssen: „Ich bin immer erwachsen gewesen.“ (1989, S. 16)

Nicht zuletzt gegen den Mythos der Kameradschaft kommen in erzählten Erinnerungen nicht nur die vielen kleinen Assoziationen zur Sprache, die symbolisch für das Ganze der Kriegsgräuel stehen, sondern auch die nicht auszumerzenden psychischen und körperlichen Folgen: Schlaflosigkeit, Herzklopfen, Schweißausbrüche, Schwindel, Gefühllosigkeit, nicht zuletzt Schuldgefühle. Das Töten, so erklärt uns Aleksijevič, sei eigentlich ein metaphysisches Problem: Es interessiere sie, wie Menschen es rechtfertigen, das zu übernehmen, was eigentlich Gott oder irgendeinem höheren Prinzip vorbehalten ist. Ihre paradoxe Aufgabe könne man also auf einen Nenner bringen: menschliche Worte für unmenschliche Taten finden.
Die Vielzahl der angeführten Stimmen braucht es – wie sie im Gespräch sagt –, um ein „episches Bild“, eine „Symphonie“ zu erschaffen, die einzig der Komplexität der Geschichte gerecht werden könne. Diese Symphonie oder Polyphonie führt zur Kürze der Erzählungen; es sind Miniaturen. Aleksijevič schreibt eine Prosa der Erschütterung, die ihr Ziel aber nicht immer erreicht. Der Krieg generiert erstaunliche Bilder, welche von der Erzählerin nur gesammelt, selektiert und geordnet werden müssen. Doch darin liegt auch eine Gefahr. In ihrem Erschütterungswillen balanciert Aleksijevič eben auch an der Grenze zur Lust am Spektakel, spielt mit dem Realismus des Krieges. Während der Lesung zumindest ist im Gesicht der Dolmetscherin eine Betroffenheit zu erkennen, die den anderen Gesichtern fehlt – dem Moderator, der Vorleserin der deutschen Version, im Publikum. Vielleicht wusste die Dolmetscherin einfach nicht genau, was sie hier erwartet, wofür sie engagiert wurde. In ihrem Gesicht, so scheint es zumindest, ist die Erschütterung, auf die Aleksijevič zielt, offen sichtbar. Bei anderen aber verfehlt sie ihre Absicht sicherlich auch deshalb, weil sie den Leser von der ersten Seite an abhärtet, vorwarnt, immunisiert.

Aleksijevič schreibt Bücher über den Alltag des Krieges, die für uns heute erneut Aktualität besitzen, weil der Krieg leider wieder alltäglicher geworden ist – auch mit europäischer Beteiligung. Deshalb ist es kein Zufall, dass sie in Berlin gerade aus dem Buch Zinkjungen. Afghanistan und die Folgen (dt. 1992, russ. Cinkovye mal’čiki, 1991) über den sowjetischen Afghanistankrieg (1979-1989) liest. Für dieses Buch arbeitet Aleksijevič gerade an einer Neuausgabe, in der nicht nur die alten Stimmen, auf denen noch der Druck der Behörden lastete, sondern auch „neue freie Menschen“ zu Wort kommen sollen. Daneben arbeitet sie an einem neuen Buch über das „Ende des roten Menschen“. Bei den Zinkjungen kommt die Sprache aber natürlich schnell auf den heute nur offiziell für beendet erklärten Afghanistankrieg. Die Frage, ob es nicht gut sei, dass die Deutschen dort heute Straßen, Schulen und Krankenhäuser bauen würden, kann Aleksijevič nicht beantworten, stellt aber klar: Das eben sei schon damals das Seltsame eines solchen Krieges in den Augen der dort lebenden Menschen gewesen – sie kommen, töten Frauen und Kinder, zerstören Brücken, Schulen und Häuser, und wenn sie damit fertig sind, dann bauen sie die Straßen wieder auf, errichten neue Häuser, neue Schulen und Krankenhäuser. Das sei heute nicht anders. Es handle sich um eine radikale „Parallelwelt“, in der es uns nicht gelingen kann, „Ordnung zu schaffen“. Und dann kommt aus dem Publikum eine spannende Frage: War der Afghanistankrieg zusammen mit Tschernobyl (auch hierüber schrieb Aleksijevič in Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft, dt. 1998, russ. Černobyl’skaja molitva: chronika buduščego, 1997)  nicht der Anfang des Zerfalls der Sowjetunion? Natürlich, antwortet Aleksijevič, und ich denke, man könnte weiter fragen: Was sagt uns das über unseren heutigen Afghanistankrieg, zehn Jahre nach seinem Beginn und mitten in einer handfesten Systemkrise? An dieser Stelle aber ist das Zeitlimit der Veranstaltung überschritten und das Gespräch muss abgebrochen werden.

 von Roman Widder

 

Ausgewählte Literatur:
Swetlana Alexijewitsch. Tschernobyl. Eine Chronik der  Zukunft. Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin. 2011.

Swetlana Alexijewitsch. Der Krieg hat kein weibliches Gesicht. Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin. 2004.

Swetlana Alexijewitsch. Seht mal, wie ihr lebt. Russische Schicksale nach dem Umbruch. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin. 1999.

Swetlana Alexijewitsch. Zinkjungen. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 1992.

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Svetlana Aleksijevič liest und spricht beim ilb über die Afghanistankriege - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Svet­lana Alek­si­jevič liest und spricht beim ilb über die Afghanistankriege

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Svet­lana Alek­si­jevič kommt aus Weiß­russ­land, jenem Land, in dem sie schon länger nicht mehr leben will und in dem die Men­schen in den letzten Wochen und Monaten im Pro­test gegen das auto­ri­täre Regime Lukaschenkos zu selt­samen Aktionen zusammen gekommen sind: um in die Hände zu klat­schen zum Bei­spiel oder um ihre Handys gemeinsam klin­geln zu lassen. Viel­leicht ist dies auch ein Grund dafür, dass sie seit über zehn Jahren kein neues Buch mehr geschrieben hat. Für ihre Lesung auf dem Inter­na­tio­nalen Lite­ra­tur­fes­tival Berlin, das in diesen Tagen über die Bühne geht, hatte sie so im Gegen­satz zu anderen Ver­an­stal­tungen jedoch den Vor­teil, nicht ihre neu­este Publi­ka­tion ver­markten zu müssen.

Svet­lana Alek­si­jevič, die 1998 den Leip­ziger Buch­preis für Euro­päi­sche Ver­stän­di­gung erhielt, hat sich durch ihre Uner­bitt­lich­keit als Kri­ti­kerin des Krieges einen Namen gemacht. Ihre doku­men­ta­ri­schen Bücher wagen sich an die Front der Erin­ne­rung und lassen Hun­derte von Stimmen in mög­lichst unver­fälschter Form zu Wort kommen. Das fing bereits zu Sowjet­zeiten an. Ihr erstes Buch Der Krieg hat kein weib­li­ches Gesicht (dt. 1987, russ. U vojny ne ženskoe lico, 1985) wurde noch in der DDR ver­öf­fent­licht und als Teil des „anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands“ ver­standen: „Die Frau klagt den Faschismus an.“ (1987, S. 16). Sie doku­men­tiert darin den 2. Welt­krieg als ersten Krieg mit mas­sen­hafter weib­li­cher Betei­li­gung und ver­sucht diesen weib­li­chen Kampf in einem männ­li­chen Krieg in die kol­lek­tive Erin­ne­rung ein­zu­schreiben. Sie doku­men­tiert den uner­hörten Wunsch junger Mäd­chen, zu kämpfen, ver­lo­rene Väter und Ehe­männer zu rächen: „Die Wahl zwi­schen Leben und Tod erwies sich für viele als so ein­fach wie das Atmen.“ (1987, S. 33). Alek­si­jevič könnte das geis­tige Ober­haupt der „Sol­da­ten­mütter von St. Peters­burg“ sein, die in Russ­land schon lange zu den wich­tigsten zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tionen des Landes gehören: die Mutter der Mütter. Die Beschäf­ti­gung mit dem 2. Welt­krieg setzte sie fort in Die letzten Zeugen (dt. 1989, russ. Pos­lednie svi­de­teli, 1985), einem Buch, das den Kriegs­kin­dern gewidmet ist, jenen, die im 2. Welt­krieg noch Kinder und schon in den 1980er Jahren die „letzten Zeugen“ waren. Die Unmit­tel­bar­keit der im Kin­des­alter gespei­cherten Ein­drücke soll das im Alter Erin­nerte und Erzählte zu einem „Ori­gi­nal­do­ku­ment“ machen. Dabei sind es Men­schen, die im Rück­blick sagen müssen: „Ich bin immer erwachsen gewesen.“ (1989, S. 16)

Nicht zuletzt gegen den Mythos der Kame­rad­schaft kommen in erzählten Erin­ne­rungen nicht nur die vielen kleinen Asso­zia­tionen zur Sprache, die sym­bo­lisch für das Ganze der Kriegs­gräuel stehen, son­dern auch die nicht aus­zu­mer­zenden psy­chi­schen und kör­per­li­chen Folgen: Schlaf­lo­sig­keit, Herz­klopfen, Schweiß­aus­brüche, Schwindel, Gefühl­lo­sig­keit, nicht zuletzt Schuld­ge­fühle. Das Töten, so erklärt uns Alek­si­jevič, sei eigent­lich ein meta­phy­si­sches Pro­blem: Es inter­es­siere sie, wie Men­schen es recht­fer­tigen, das zu über­nehmen, was eigent­lich Gott oder irgend­einem höheren Prinzip vor­be­halten ist. Ihre para­doxe Auf­gabe könne man also auf einen Nenner bringen: mensch­liche Worte für unmensch­liche Taten finden.
Die Viel­zahl der ange­führten Stimmen braucht es – wie sie im Gespräch sagt –, um ein „epi­sches Bild“, eine „Sym­phonie“ zu erschaffen, die einzig der Kom­ple­xität der Geschichte gerecht werden könne. Diese Sym­phonie oder Poly­phonie führt zur Kürze der Erzäh­lungen; es sind Minia­turen. Alek­si­jevič schreibt eine Prosa der Erschüt­te­rung, die ihr Ziel aber nicht immer erreicht. Der Krieg gene­riert erstaun­liche Bilder, welche von der Erzäh­lerin nur gesam­melt, selek­tiert und geordnet werden müssen. Doch darin liegt auch eine Gefahr. In ihrem Erschüt­te­rungs­willen balan­ciert Alek­si­jevič eben auch an der Grenze zur Lust am Spek­takel, spielt mit dem Rea­lismus des Krieges. Wäh­rend der Lesung zumin­dest ist im Gesicht der Dol­met­scherin eine Betrof­fen­heit zu erkennen, die den anderen Gesich­tern fehlt – dem Mode­rator, der Vor­le­serin der deut­schen Ver­sion, im Publikum. Viel­leicht wusste die Dol­met­scherin ein­fach nicht genau, was sie hier erwartet, wofür sie enga­giert wurde. In ihrem Gesicht, so scheint es zumin­dest, ist die Erschüt­te­rung, auf die Alek­si­jevič zielt, offen sichtbar. Bei anderen aber ver­fehlt sie ihre Absicht sicher­lich auch des­halb, weil sie den Leser von der ersten Seite an abhärtet, vor­warnt, immunisiert.

Alek­si­jevič schreibt Bücher über den Alltag des Krieges, die für uns heute erneut Aktua­lität besitzen, weil der Krieg leider wieder all­täg­li­cher geworden ist – auch mit euro­päi­scher Betei­li­gung. Des­halb ist es kein Zufall, dass sie in Berlin gerade aus dem Buch Zink­jungen. Afgha­ni­stan und die Folgen (dt. 1992, russ. Cin­kovye mal’čiki, 1991) über den sowje­ti­schen Afgha­ni­stan­krieg (1979–1989) liest. Für dieses Buch arbeitet Alek­si­jevič gerade an einer Neu­aus­gabe, in der nicht nur die alten Stimmen, auf denen noch der Druck der Behörden las­tete, son­dern auch „neue freie Men­schen“ zu Wort kommen sollen. Daneben arbeitet sie an einem neuen Buch über das „Ende des roten Men­schen“. Bei den Zink­jungen kommt die Sprache aber natür­lich schnell auf den heute nur offi­ziell für beendet erklärten Afgha­ni­stan­krieg. Die Frage, ob es nicht gut sei, dass die Deut­schen dort heute Straßen, Schulen und Kran­ken­häuser bauen würden, kann Alek­si­jevič nicht beant­worten, stellt aber klar: Das eben sei schon damals das Selt­same eines sol­chen Krieges in den Augen der dort lebenden Men­schen gewesen – sie kommen, töten Frauen und Kinder, zer­stören Brü­cken, Schulen und Häuser, und wenn sie damit fertig sind, dann bauen sie die Straßen wieder auf, errichten neue Häuser, neue Schulen und Kran­ken­häuser. Das sei heute nicht anders. Es handle sich um eine radi­kale „Par­al­lel­welt“, in der es uns nicht gelingen kann, „Ord­nung zu schaffen“. Und dann kommt aus dem Publikum eine span­nende Frage: War der Afgha­ni­stan­krieg zusammen mit Tscher­nobyl (auch hier­über schrieb Alek­si­jevič in Tscher­nobyl. Eine Chronik der Zukunft, dt. 1998, russ. Černobyl’skaja molitva: chro­nika buduščego, 1997)  nicht der Anfang des Zer­falls der Sowjet­union? Natür­lich, ant­wortet Alek­si­jevič, und ich denke, man könnte weiter fragen: Was sagt uns das über unseren heu­tigen Afgha­ni­stan­krieg, zehn Jahre nach seinem Beginn und mitten in einer hand­festen Sys­tem­krise? An dieser Stelle aber ist das Zeit­limit der Ver­an­stal­tung über­schritten und das Gespräch muss abge­bro­chen werden.

 von Roman Widder

 

Aus­ge­wählte Literatur:
Swet­lana Ale­xi­je­witsch. Tscher­nobyl. Eine Chronik der  Zukunft. Ber­liner Taschen­buch Verlag, Berlin. 2011.

Swet­lana Ale­xi­je­witsch. Der Krieg hat kein weib­li­ches Gesicht. Ber­liner Taschen­buch Verlag, Berlin. 2004.

Swet­lana Ale­xi­je­witsch. Seht mal, wie ihr lebt. Rus­si­sche Schick­sale nach dem Umbruch. Aufbau Taschen­buch Verlag, Berlin. 1999.

Swet­lana Ale­xi­je­witsch. Zink­jungen. S.Fischer Verlag, Frank­furt am Main. 1992.

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