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Ukrainisches Berlin: Die Stadt als gelb-blauer Symbolraum

Posted on 20. März 2023 by Elisabeth Bauer
Mit dem russischen Großangriff auf die Ukraine verwandelte sich Berlin, wie viele andere Metropolen Europas, in eine Bühne der Solidarität: Gelb-Blau, die Farben der ukrainischen Nationalflagge, prägen dem Zeichenraum der Stadt ihre symbolische Strahlkraft auf.

Mit dem russischen Großangriff auf die Ukraine verwandelte sich Berlin, wie viele andere Metropolen Europas, in eine Bühne der Solidarität: Gelb-Blau, die Farben der ukrainischen Nationalflagge, prägen dem Zeichenraum der Stadt ihre symbolische Strahlkraft auf. Nach über einem Jahr des furchtbaren vollumfassenden Angriffskriegs scheinen die Flaggen in verschiedenen Formaten, die an Wohnhäusern, kulturellen, administrativen und universitären Gebäuden zu sehen sind, beinahe mit der Stadt verwoben, sogar bereits ein Stückweit mit ihr gealtert zu sein. Berlin avancierte nicht nur zu einem Austragungsraum für ukrainische Protestveranstaltungen, sondern wurde leider auch unübersehbarer Schauplatz eines verschwörungstheoretisch-angehauchten Konglomerats aus russischen Kriegstreiber_innen, Pseudo-Pazifist_innen oder Gegner_innen von Waffenlieferungen für die existenzielle ukrainische Selbstverteidigung.

 

Die Bilderserie konzentriert sich auf den unbeugsamen Freiheitskampf der Ukrainer_innen gegen den russischen Aggressor – aus Berliner Perspektive. Die Fragen sind berechtigt: Was können die Nationalfarben schon bewirken, außer dass sie Zeugnis ablegen für jene historische Phase, die mit dem symbolträchtigen Wort 'Zeitenwende' überschrieben worden ist? Was steckt hinter der symbolischen Oberfläche an aufrichtigem, entschiedenem Engagement? Einerseits wirken die Flaggen im Berliner Stadtraum als mahnende Erinnerungen an einen gewaltsamen, genozidalen Krieg in Europa – der erste offene Angriffskrieg seit fast achtzig Jahren. Ein verbrecherischer Krieg, der sich gegen die Ukraine als Nation, gegen Europa als Idee richtet – und täglich weitere, tiefere Wunden in das materielle und symbolische, individuelle und kollektive Bewusstsein der ukrainischen Landsleute reißt. Zum anderen ist das Gelb-Blau von Flaggen, Plakaten und Graffiti für viele mehr als schlichte Nationalsymbolik: So, wie jene gigantische Flagge, die eine Ukrainerin auf der Demo vom 24. Februar stolz, aber mit schmerzerfülltem Gesicht vor sich hertrug, als könnte sie – zusammen mit dem seidigen Stoff – die gesamte Ukraine umfassen, sie zusammenhalten und mit ihr verschmelzen, ist das Gelb-Blau nicht nur Metapher oder vereinendes Symbol, sondern kann – bildaktiv und metonymisch – weit über sich hinaus wirken.

 

"So blitzartig das punctum auftauchen mag, so verfügt es doch, mehr oder weniger virtuell, über eine expansive Kraft. Diese Kraft ist metonymisch."

(Roland Barthes: Die Helle Kammer, Suhrkamp, Berlin 2016/1989, S. 55)

Die Fotographien stammen von Elisabeth Bauer.

Ukrainisches Berlin: Die Stadt als gelb-blauer Symbolraum - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ukrai­ni­sches Berlin: Die Stadt als gelb-blauer Symbolraum

Mit dem rus­si­schen Groß­an­griff auf die Ukraine ver­wan­delte sich Berlin, wie viele andere Metro­polen Europas, in eine Bühne der Soli­da­rität: Gelb-Blau, die Farben der ukrai­ni­schen Natio­nal­flagge, prägen dem Zei­chen­raum der Stadt ihre sym­bo­li­sche Strahl­kraft auf. Nach über einem Jahr des furcht­baren voll­um­fas­senden Angriffs­kriegs scheinen die Flaggen in ver­schie­denen For­maten, die an Wohn­häu­sern, kul­tu­rellen, admi­nis­tra­tiven und uni­ver­si­tären Gebäuden zu sehen sind, bei­nahe mit der Stadt ver­woben, sogar bereits ein Stück­weit mit ihr geal­tert zu sein. Berlin avan­cierte nicht nur zu einem Aus­tra­gungs­raum für ukrai­ni­sche Pro­test­ver­an­stal­tungen, son­dern wurde leider auch unüber­seh­barer Schau­platz eines ver­schwö­rungs­theo­re­tisch-ange­hauchten Kon­glo­me­rats aus rus­si­schen Kriegstreiber_innen, Pseudo-Pazi­fis­t_innen oder Gegner_innen von Waf­fen­lie­fe­rungen für die exis­ten­zi­elle ukrai­ni­sche Selbstverteidigung.

 

Die Bil­der­serie kon­zen­triert sich auf den unbeug­samen Frei­heits­kampf der Ukrainer_innen gegen den rus­si­schen Aggressor – aus Ber­liner Per­spek­tive. Die Fragen sind berech­tigt: Was können die Natio­nal­farben schon bewirken, außer dass sie Zeugnis ablegen für jene his­to­ri­sche Phase, die mit dem sym­bol­träch­tigen Wort ‘Zei­ten­wende’ über­schrieben worden ist? Was steckt hinter der sym­bo­li­schen Ober­fläche an auf­rich­tigem, ent­schie­denem Enga­ge­ment? Einer­seits wirken die Flaggen im Ber­liner Stadt­raum als mah­nende Erin­ne­rungen an einen gewalt­samen, geno­zi­dalen Krieg in Europa – der erste offene Angriffs­krieg seit fast achtzig Jahren. Ein ver­bre­che­ri­scher Krieg, der sich gegen die Ukraine als Nation, gegen Europa als Idee richtet – und täg­lich wei­tere, tie­fere Wunden in das mate­ri­elle und sym­bo­li­sche, indi­vi­du­elle und kol­lek­tive Bewusst­sein der ukrai­ni­schen Lands­leute reißt. Zum anderen ist das Gelb-Blau von Flaggen, Pla­katen und Graf­fiti für viele mehr als schlichte Natio­nal­sym­bolik: So, wie jene gigan­ti­sche Flagge, die eine Ukrai­nerin auf der Demo vom 24. Februar stolz, aber mit schmerz­er­fülltem Gesicht vor sich her­trug, als könnte sie – zusammen mit dem sei­digen Stoff – die gesamte Ukraine umfassen, sie zusam­men­halten und mit ihr ver­schmelzen, ist das Gelb-Blau nicht nur Meta­pher oder ver­ei­nendes Symbol, son­dern kann – bild­aktiv und met­ony­misch – weit über sich hinaus wirken.

 

“So blitz­artig das punctum auf­tau­chen mag, so ver­fügt es doch, mehr oder weniger vir­tuell, über eine expan­sive Kraft. Diese Kraft ist metonymisch.”

(Roland Bar­thes: Die Helle Kammer, Suhr­kamp, Berlin 2016/1989, S. 55)

Die Foto­gra­phien stammen von Eli­sa­beth Bauer.