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Vom Dreifachmord zur Embryonalstellung

Posted on 26. Februar 2020 by Darija Davidović
MESS Festival Sarajevo, 29.09.2019. Bobo Jelčić inszeniert „Warum läuft Herr R. Amok?“ von Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder und lässt in der gleichnamigen Bühnenadaption des Filmklassikers ("Zašto je poludeo gospodin R.?") tief in die intime Welt fragiler Männlichkeit blicken, die im postjugoslawischen Raum von neoliberalen, marktwirtschaftlichen Prinzipien bestimmt wird und daran zerbricht.

MESS Festival Sarajevo, 29.09.2019. Bobo Jelčić inszeniert „Warum läuft Herr R. Amok?“ von Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder und lässt in der gleichnamigen Bühnenadaption des Filmklassikers ("Zašto je poludeo gospodin R.?") tief in die intime Welt fragiler Männlichkeit blicken, die im postjugoslawischen Raum von neoliberalen, marktwirtschaftlichen Prinzipien bestimmt wird und daran zerbricht.

 

Zu Beginn bereits Irritationen

Die trügerische Beharrlichkeit der bürgerlichen Kleinfamilie bringt Bobo Jelčić gleich am Anfang der Inszenierung gekonnt auf die Bühne: Herr R., seine Ehefrau und sein Sohn sitzen nah an der Bühnenrampe in einem karg arrangierten und durch den geschlossenen Theatervorhang beengt wirkenden Bühnenraum auf der Couch. Sie blicken minutenlang stillschweigend in den Publikumssaal und lösen mit ihrer scheinbaren Geruhsamkeit Irritationen aus. Eine dramatische Handlung mit solch einer Szene der Untätigkeit einzuleiten, lässt beim Publikum Fragen aufkommen und entfaltet zugleich eine Spannung, die sich im Theatersaal bemerkbar macht. Dieser minutenlange Stillstand auf der Bühne erzeugt eine seltsame Stimmung und man ist sich nach einer Weile nicht mehr so sicher, wer hier eigentlich wen anschaut. Die dadurch evozierte und grotesk wirkende Komik zu Beginn der Aufführung entlockt dem Publikum zunächst ein schweres Raunen, bis es zu herben Lachern übergeht.

 

Persiflage hegemonialer Männlichkeit

Die Geschichte des Herrn R., gespielt vom serbischen Theater- und Filmschauspieler Boris Isaković, lässt sich in wenigen Sätzen nacherzählen: Der patriarchale Alleinversorger sieht sich unter Druck gesetzt, den Wohlstand seiner Familie aufrechtzuerhalten. Seiner Arbeit als technischer Zeichner in einem Architekturbüro geht er gerne nach, doch der langersehnte berufliche Aufstieg bleibt ihm verwehrt. Sein Chef schürt leere Hoffnungen, seine Frau macht ihm daraus Vorwürfe und sein Sohn versagt absichtlich in der Schule, wodurch Herrn R.s väterlich autoritäre Rolle renitent untergraben wird.

Schnell wird deutlich, unter welcher Dynamik Herr R. leidet: seine unerfüllten Hoffnungen, seine Austauschbarkeit und sein sinnloses Bemühen um ein besseres Leben, welches Herr R. in einen Zustand elendiger Rührseligkeit verkümmern lässt. Doch Jelčić zeigt durch die Figur des Herrn R. nicht nur, wie die Zersetzung eines gesellschaftlichen Subjekts durch das neoliberale Diktat erfolgen kann, sondern zeichnet parallel dazu eine fragile Männlichkeit nach, die an den eigenen Erwartungen zerbricht.

 

 

Dissoziale Glanzleistungen

Herr R.s generelle soziale Unfähigkeit erschließt sich unter anderem auch durch seine Ungeschicklichkeit im zwischenmenschlichen Kontakt: Wenn die Familie Besuch bekommt, wird Herr R. vom Palaver seiner Nachbarin oder der Freundin seiner Ehefrau übertönt. Die Herrenwitze seiner jüngeren Kollegen bringen ihn in Verlegenheit. Herr R.s soziales Schattendasein in den dargebotenen oberflächlichen und lieblosen Szenen sozialer Interaktion lassen ihn zunächst in ein vorteilhaftes Dämmerlicht rücken, bis man erkennt, dass er gerne Teil dieses sozialen Zusammenspiels wäre, jedoch nur durch seine Unbeholfenheit und Befangenheit nicht in der Lage ist, am inferioren Treiben der anderen teilzuhaben.

Die larmoyante Figur des Herrn R. sucht indes zusammengekauert auf der Couch Trost in den Reden des amtierenden serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić, welche aus dem Fernseher im Wohnzimmer dröhnen. Sofern Vučić dem Publikum in seiner selbstgerechten Rhetorik und seinem verkümmerten Machismus bekannt ist, erkennt es sofort die Analogie zwischen dem Politiker und dem Protagonisten, die Jelčić fulminant zum Einsatz bringt. Beide geben leere Versprechen und werden ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Vučić verspricht in seiner Rede aus dem Jahr 2017 bis dato nicht umgesetzte Gehaltserhöhungen, Herr R. den sozialen Aufstieg seiner Familie.

Herrn R.s jämmerlich erscheinende Gestalt, mit seiner Unbeholfenheit und sozialen Unfähigkeit, evoziert somit vielmehr Aversionen als Mitleid und man fühlt sich als Rezipientin dieses Stückes dazu gedrängt, ihn zu diskreditieren, anstatt ihn in seinem neoliberalem Sisyphus-Dasein zu bemitleiden.

 

Historische Verflechtungen und transnationale Kohärenzen

Die von Fengler und Fassbinder Anfang der 1970er Jahre dargestellte Verkommenheit des gesellschaftlichen Subjekts bringt Jelčić mit einem Anspruch transnationaler und historischer Verflechtungen auf die Theaterbühne. Die gesellschaftspolitische Dynamik Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, die Stagnation nach dem Wirtschaftswunder, und die gespaltene Gesellschaft Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre, ausgelöst durch soziale Proteste, der neuen Ostpolitik oder den damaligen Generationen-Konflikten, lässt Jelčić auch für das gegenwärtige Serbien gelten. Ersichtlich wird dies vor allem dann, wenn Elvis-Presleys „A Little Less Conversation“ aus den Lautsprechern ertönt und sich der Theatervorhang öffnet, um eine Ikonographie des ehemaligen Jugoslawiens zu offenbaren: in einem Arrangement, zusammengesetzt aus dem Portrait Titos, einer zweisprachigen überdimensionalen Unterschrift, dem Emblem des Jugoslovensko Dramsko Pozorište (bei diesem Theaterhaus handelt es sich heute um das Einzige in der gesamten Region des ehemaligen Jugoslawien, welches noch „südslawisch“ in seinem Namen trägt) und einem Werbeplakat für die „Hausfrau“ aus den 1970er Jahren. Die damit verbundenen Erinnerungen lassen an Erwartungen und unerfüllte Hoffnungen auf eine sichere Zukunft denken, die sowohl damals als auch heute das Unvermögen der politischen Eliten aufzeigen.

Bespielt wird dieser Höhepunkt zudem mit einer choreographierten Tanzeinlage, in der sich alle Figuren auf der Bühne synchron zu Presleys Welthit bewegen. Ausgelassen geht es auf der Arbeitsfeier zu, bis Herr R. durch seine Tölpelhaftigkeit und seinem grenzüberschreitenden Verhalten gegenüber seinem Chef die gute Stimmung zu Nichte macht und sich die Feiergesellschaft verärgert in alle Richtungen zerstreut. Herr R.s verzweifeltes Agieren und unerfülltes Streben nach sozialer Anerkennung mündet schließlich in dem eruptiven Dreifachmord an seiner Nachbarin, seiner Ehefrau sowie an seinem Sohn. Trost sucht Herr R. nach dieser grausamen Verzweiflungstat erneut zusammengekauert auf der Couch vor dem Fernseher. Was am Ende bleibt, ist der lange Schatten von Herrn R.s verkommener Existenz sowie die fragmentierte und mittlerweile kommerzialisierte Ikonographie der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens.

Jelčić inszeniert den Text mit Einsatz von starker Bildsprache, bedeutungsschwangeren Pausen und direkter Interaktion mit dem Publikum. Die Glanzleistung der Schauspielerinnen und Schauspieler wurde zu Recht mit minutenlangen Standing Ovations im ausverkauften Nationaltheater Sarajevos belohnt. Und es stellt sich heraus, dass Jelčićs Bühnenadaption von „Warum läuft Herr R. Amok?“ in der Hauptstadt Bosnien und Herzegowinas genauso gut funktioniert wie in der Hauptstadt Serbiens – in beiden Ländern hat die wirtschaftliche Transformation vom Kommunismus zum Kapitalismus ökonomische sowie soziale Tiefgräben hinterlassen.

 

Zašto je poludeo gospodin R.? Nach dem Film „Warum läuft Herr R. Amok?“ von Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder, Jugoslovensko Dramsko Pozorište Belgrad, Übersetzung: Jelena Kostić Tomović, Regie: Bobo Jelčić, Dramaturgie: Nataša Govedarica, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüm: Maja Mirković.

Mit: Boris Isaković, Nataša Tapušković, Branko Cvejić, Dubravka Kovjanić, Milan Marić, Bojan Dimitrijević, Jelena Stupljanin, Vesna Čipčić, Feđa Stojanović, Pavle Korać, Rade Stojiljković.

 

Weiterführende Links

Internacionalni teatarski festival MESS

Vom Dreifachmord zur Embryonalstellung - novinki
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Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Vom Drei­fach­mord zur Embryonalstellung

MESS Fes­tival Sara­jevo, 29.09.2019. Bobo Jelčić insze­niert „Warum läuft Herr R. Amok?“ von Michael Fengler und Rainer Werner Fass­binder und lässt in der gleich­na­migen Büh­nen­ad­ap­tion des Film­klas­si­kers (“Zašto je poludeo gos­podin R.?”) tief in die intime Welt fra­giler Männ­lich­keit bli­cken, die im post­ju­go­sla­wi­schen Raum von neo­li­be­ralen, markt­wirt­schaft­li­chen Prin­zi­pien bestimmt wird und daran zerbricht.

 

Zu Beginn bereits Irritationen

Die trü­ge­ri­sche Beharr­lich­keit der bür­ger­li­chen Klein­fa­milie bringt Bobo Jelčić gleich am Anfang der Insze­nie­rung gekonnt auf die Bühne: Herr R., seine Ehe­frau und sein Sohn sitzen nah an der Büh­nen­rampe in einem karg arran­gierten und durch den geschlos­senen Thea­ter­vor­hang beengt wir­kenden Büh­nen­raum auf der Couch. Sie bli­cken minu­ten­lang still­schwei­gend in den Publi­kums­saal und lösen mit ihrer schein­baren Geruh­sam­keit Irri­ta­tionen aus. Eine dra­ma­ti­sche Hand­lung mit solch einer Szene der Untä­tig­keit ein­zu­leiten, lässt beim Publikum Fragen auf­kommen und ent­faltet zugleich eine Span­nung, die sich im Thea­ter­saal bemerkbar macht. Dieser minu­ten­lange Still­stand auf der Bühne erzeugt eine selt­same Stim­mung und man ist sich nach einer Weile nicht mehr so sicher, wer hier eigent­lich wen anschaut. Die dadurch evo­zierte und gro­tesk wir­kende Komik zu Beginn der Auf­füh­rung ent­lockt dem Publikum zunächst ein schweres Raunen, bis es zu herben Lachern übergeht.

 

Per­si­flage hege­mo­nialer Männlichkeit

Die Geschichte des Herrn R., gespielt vom ser­bi­schen Theater- und Film­schau­spieler Boris Isa­ković, lässt sich in wenigen Sätzen nach­er­zählen: Der patri­ar­chale Allein­ver­sorger sieht sich unter Druck gesetzt, den Wohl­stand seiner Familie auf­recht­zu­er­halten. Seiner Arbeit als tech­ni­scher Zeichner in einem Archi­tek­tur­büro geht er gerne nach, doch der lang­ersehnte beruf­liche Auf­stieg bleibt ihm ver­wehrt. Sein Chef schürt leere Hoff­nungen, seine Frau macht ihm daraus Vor­würfe und sein Sohn ver­sagt absicht­lich in der Schule, wodurch Herrn R.s väter­lich auto­ri­täre Rolle reni­tent unter­graben wird.

Schnell wird deut­lich, unter wel­cher Dynamik Herr R. leidet: seine uner­füllten Hoff­nungen, seine Aus­tausch­bar­keit und sein sinn­loses Bemühen um ein bes­seres Leben, wel­ches Herr R. in einen Zustand elen­diger Rühr­se­lig­keit ver­küm­mern lässt. Doch Jelčić zeigt durch die Figur des Herrn R. nicht nur, wie die Zer­set­zung eines gesell­schaft­li­chen Sub­jekts durch das neo­li­be­rale Diktat erfolgen kann, son­dern zeichnet par­allel dazu eine fra­gile Männ­lich­keit nach, die an den eigenen Erwar­tungen zerbricht.

 

 

Dis­so­ziale Glanzleistungen

Herr R.s gene­relle soziale Unfä­hig­keit erschließt sich unter anderem auch durch seine Unge­schick­lich­keit im zwi­schen­mensch­li­chen Kon­takt: Wenn die Familie Besuch bekommt, wird Herr R. vom Palaver seiner Nach­barin oder der Freundin seiner Ehe­frau über­tönt. Die Her­ren­witze seiner jün­geren Kol­legen bringen ihn in Ver­le­gen­heit. Herr R.s soziales Schat­ten­da­sein in den dar­ge­bo­tenen ober­fläch­li­chen und lieb­losen Szenen sozialer Inter­ak­tion lassen ihn zunächst in ein vor­teil­haftes Däm­mer­licht rücken, bis man erkennt, dass er gerne Teil dieses sozialen Zusam­men­spiels wäre, jedoch nur durch seine Unbe­hol­fen­heit und Befan­gen­heit nicht in der Lage ist, am infe­rioren Treiben der anderen teilzuhaben.

Die lar­moy­ante Figur des Herrn R. sucht indes zusam­men­ge­kauert auf der Couch Trost in den Reden des amtie­renden ser­bi­schen Prä­si­denten Alek­sandar Vučić, welche aus dem Fern­seher im Wohn­zimmer dröhnen. Sofern Vučić dem Publikum in seiner selbst­ge­rechten Rhe­torik und seinem ver­küm­merten Machismus bekannt ist, erkennt es sofort die Ana­logie zwi­schen dem Poli­tiker und dem Prot­ago­nisten, die Jelčić ful­mi­nant zum Ein­satz bringt. Beide geben leere Ver­spre­chen und werden ihren eigenen Ansprü­chen nicht gerecht. Vučić ver­spricht in seiner Rede aus dem Jahr 2017 bis dato nicht umge­setzte Gehalts­er­hö­hungen, Herr R. den sozialen Auf­stieg seiner Familie.

Herrn R.s jäm­mer­lich erschei­nende Gestalt, mit seiner Unbe­hol­fen­heit und sozialen Unfä­hig­keit, evo­ziert somit viel­mehr Aver­sionen als Mit­leid und man fühlt sich als Rezi­pi­entin dieses Stü­ckes dazu gedrängt, ihn zu dis­kre­di­tieren, anstatt ihn in seinem neo­li­be­ralem Sisy­phus-Dasein zu bemitleiden.

 

His­to­ri­sche Ver­flech­tungen und trans­na­tio­nale Kohärenzen 

Die von Fengler und Fass­binder Anfang der 1970er Jahre dar­ge­stellte Ver­kom­men­heit des gesell­schaft­li­chen Sub­jekts bringt Jelčić mit einem Anspruch trans­na­tio­naler und his­to­ri­scher Ver­flech­tungen auf die Thea­ter­bühne. Die gesell­schafts­po­li­ti­sche Dynamik Deutsch­lands nach dem Zweiten Welt­krieg, die Sta­gna­tion nach dem Wirt­schafts­wunder, und die gespal­tene Gesell­schaft Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre, aus­ge­löst durch soziale Pro­teste, der neuen Ost­po­litik oder den dama­ligen Gene­ra­tionen-Kon­flikten, lässt Jelčić auch für das gegen­wär­tige Ser­bien gelten. Ersicht­lich wird dies vor allem dann, wenn Elvis-Pres­leys „A Little Less Con­ver­sa­tion“ aus den Laut­spre­chern ertönt und sich der Thea­ter­vor­hang öffnet, um eine Iko­no­gra­phie des ehe­ma­ligen Jugo­sla­wiens zu offen­baren: in einem Arran­ge­ment, zusam­men­ge­setzt aus dem Por­trait Titos, einer zwei­spra­chigen über­di­men­sio­nalen Unter­schrift, dem Emblem des Jugo­slovensko Dramsko Pozorište (bei diesem Thea­ter­haus han­delt es sich heute um das Ein­zige in der gesamten Region des ehe­ma­ligen Jugo­sla­wien, wel­ches noch „süd­sla­wisch“ in seinem Namen trägt) und einem Wer­be­plakat für die „Haus­frau“ aus den 1970er Jahren. Die damit ver­bun­denen Erin­ne­rungen lassen an Erwar­tungen und uner­füllte Hoff­nungen auf eine sichere Zukunft denken, die sowohl damals als auch heute das Unver­mögen der poli­ti­schen Eliten aufzeigen.

Bespielt wird dieser Höhe­punkt zudem mit einer cho­reo­gra­phierten Tanz­ein­lage, in der sich alle Figuren auf der Bühne syn­chron zu Pres­leys Welthit bewegen. Aus­ge­lassen geht es auf der Arbeits­feier zu, bis Herr R. durch seine Töl­pel­haf­tig­keit und seinem grenz­über­schrei­tenden Ver­halten gegen­über seinem Chef die gute Stim­mung zu Nichte macht und sich die Fei­er­ge­sell­schaft ver­är­gert in alle Rich­tungen zer­streut. Herr R.s ver­zwei­feltes Agieren und uner­fülltes Streben nach sozialer Aner­ken­nung mündet schließ­lich in dem erup­tiven Drei­fach­mord an seiner Nach­barin, seiner Ehe­frau sowie an seinem Sohn. Trost sucht Herr R. nach dieser grau­samen Ver­zweif­lungstat erneut zusam­men­ge­kauert auf der Couch vor dem Fern­seher. Was am Ende bleibt, ist der lange Schatten von Herrn R.s ver­kom­mener Exis­tenz sowie die frag­men­tierte und mitt­ler­weile kom­mer­zia­li­sierte Iko­no­gra­phie der Sozia­lis­ti­schen Föde­ra­tiven Repu­blik Jugoslawiens.

Jelčić insze­niert den Text mit Ein­satz von starker Bild­sprache, bedeu­tungs­schwan­geren Pausen und direkter Inter­ak­tion mit dem Publikum. Die Glanz­leis­tung der Schau­spie­le­rinnen und Schau­spieler wurde zu Recht mit minu­ten­langen Stan­ding Ova­tions im aus­ver­kauften Natio­nal­theater Sara­jevos belohnt. Und es stellt sich heraus, dass Jelčićs Büh­nen­ad­ap­tion von „Warum läuft Herr R. Amok?“ in der Haupt­stadt Bos­nien und Her­ze­go­winas genauso gut funk­tio­niert wie in der Haupt­stadt Ser­biens – in beiden Län­dern hat die wirt­schaft­liche Trans­for­ma­tion vom Kom­mu­nismus zum Kapi­ta­lismus öko­no­mi­sche sowie soziale Tief­gräben hinterlassen.

 

Zašto je poludeo gos­podin R.? Nach dem Film „Warum läuft Herr R. Amok?“ von Michael Fengler und Rainer Werner Fass­binder, Jugo­slovensko Dramsko Pozorište Bel­grad, Über­set­zung: Jelena Kostić Tomović, Regie: Bobo Jelčić, Dra­ma­turgie: Nataša Gove­da­rica, Bühne: Alek­sandar Denić, Kostüm: Maja Mirković.

Mit: Boris Isa­ković, Nataša Tapuš­ković, Branko Cvejić, Dubravka Kov­janić, Milan Marić, Bojan Dimit­ri­jević, Jelena Stu­pljanin, Vesna Čipčić, Feđa Sto­ja­nović, Pavle Korać, Rade Stojiljković.

 

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