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#WarDiary 6: Überlegungen von Pandino und Storch / Von Corona zum Krieg

Posted on 22. März 2022 by Lina Zalitok
Lina Zalitok schildert in diesem Eintrag ins #WarDiary ein Gespräch mit ihren beiden Kuscheltieren Pandino und Storch über Krieg, Corona und ihren Lieblingskuchen.

Lina Zalitok schildert in diesem Eintrag ins #WarDiary ein Gespräch mit ihren beiden Kuscheltieren Pandino und Storch über Krieg, Corona und ihren Lieblingskuchen.

Liebe Freunde,

nachdem ich Pandino und Storch aus Kiew abgeholt habe, haben sie doch ihr dauerhaftes Schweigen gebrochen und lebhaft diskutiert, was sie weiter machen sollen. Da ihr Englisch nicht so gut ist, habe ich ihren Dialog auf Deutsch, also im Original, aufgeschrieben. Ich bitte wegen der ggf. falschen Zeichensetzung und sonstiger orthographischer Fehler um Entschuldigung.

Pandino und Storch waren 18 Tage allein in einer Kyjiwer Wohnung gewesen. Sie haben wie immer viel geschwiegen und ab und zu diskutiert. Ob sie Explosionen gehört haben, weiß ich nicht genau. Eher nicht bzw. wenige, da sie im Stadtzentrum neben Regierungsgebäuden wohnten. Ich habe sie in einen kleinen Ort gebracht, welchen man in der Ukraine als Städtchen (смт) bezeichnet. In Deutschland wäre es wahrscheinlich ein Dorf. Dort wohnen meine Eltern und ein ziemlich wilder Kater namens Ryshyk, der sich aber in letzter Zeit krank fühlt. Er hatte also an ihnen noch kein Interesse gezeigt und sich gar nicht vorgestellt. 

Anfangs waren Pandino und Storch überfordert: Sie mögen nicht, wenn zu viele Menschen da sind und es wenig Platz gibt. In diesem kleinen Ort gibt es tatsächlich viel mehr Menschen und Autos als je zuvor. Bei einem Spaziergang hat Pandino gestanden, dass er sich unbehaglich fühlt. Dabei guckten alle so aufmerksam in seine Richtung. Er weiß noch nicht, dass hier fast jeder jeden kennt, zumindest war es hier so, bevor Verwandte und Freunde hiesiger Bewohner aus Kiew, Umgebung und anderen Orten mit ihren Hunden und Katzen hierher zogen.

Storch hat selbstbewusst darauf hingewiesen, dass es in Kriegszeiten unsolidarisch sei, sich viel Raum für sich zu beanspruchen. Ich konnte meinen Ohren kaum vertrauen, denn er hat es immer geliebt, sich zurückzuziehen. Storch hat öfters Pandino aus dem Zimmer vertrieben, wo er gerade gesessen hatte und seine Ruhe haben wollte.

„Ich habe nie Menschenmengen gemocht, auch bei Konzerten nicht. Wie kann ich mich so schnell auf die Solidarität einstellen? Also ich bemühe mich, aber man müsste doch auch realistisch bleiben“, erwiderte Pandino.

„Realistisch? Ich hätte nie gedacht, dass ich dieses Wort von dir jemals hören würde. Aber ich verstehe, ich bin auch kein Menschen-Fan. Jetzt gibt es eine noch größere Wahrscheinlichkeit, dass eine Bombe oder Rakete auf sie fällt, wenn sie sich in Menschenmengen zusammensammeln.“

„Es erinnert mich an etwas...“

„Vermisst du Corona-Maßnahmen?“

„Stimmt! Corona! Gibt es Corona eigentlich noch? Corona hat doch mein Komfortgefühl auf eine ganz neue Ebene gehoben. Aber dann plötzlich diese Menschenmengen nach den Lockerungen... Diese Menschenmengen in der Nähe von mir zu sehen, war wie das Kratzen von Fingernägeln an einer Tafel. Ich wollte mich damals in meiner Wohnung verstecken.“

„Ich musste gar nicht hinausgehen. Ich bin über Menschenmengen geflogen. Dein Gesicht war immer so lustig. Du sahst wie ein verwöhntes Kind aus, das seinen Lutscher plötzlich nicht mehr jeden Tag bekommt.“

Pandino runzelte verärgert die Stirn.
„Corona ist aber ein Witz im Vergleich dazu, was hier gerade abgeht. Ich hatte mich immer darüber gefreut, dass ich in der Ukraine gelandet bin, kurz bevor das mit Corona losging. Und dass hier die Maßnahmen nicht so streng waren und ich in einem Café neben unserer Wohnung meine Lieblingskuchen essen konnte, als alle Cafés in Berlin, Brüssel und Rom geschlossen waren. Freilich waren hier die Menschen viel weniger auf Abstand bedacht, aber meine Lieblingskuchen waren mir viel wichtiger. Und dann das hier. Der Krieg mit Raketen und Bomben! Davor kannte ich all diese Wörter gar nicht..."

„Ja, du hattest immer auf einer Wolke gelebt... Aber auch ich bin überrascht. Ich hatte hier von einigen Störchen gehört, dass so was passieren kann. Aber das war für meinen elsässischen Kopf undenkbar. Nach all dem, was ich im Mémorial Struthof gesehen habe. Ah du kennst so was gar nicht, entschuldige.“

„Ich habe mich in der Tat zu wenig über Kriege informiert. Du hast aber auch nichts erzählt! Wolltest du, dass ich ungebildet bleibe?“

„Pandino, mir fiel immerzu auf, dass dich andere Sachen interessierten. Auch wenn du die ganze Zeit nur nachdenkst, hat man nich genügend Zeit, um über alle Themen nachzudenken. Ich dachte, Krieg würde dir als Thema zum Nachdenken gar nicht passen.“

„Aber das ist jetzt doch überlebenswichtig! Ich möchte verstehen, was passiert und wie wir uns retten oder wie wir kämpfen sollen.“

„Du hast recht. Wie gesagt, habe ich das Offensichtliche übersehen. Ich weiß selber immer noch gar nicht, wie man Erste Hilfe leistet.“

„Erste Hilfe? Was ist das? Eine Antwort auf die erste Frage, die eine Person stellt?“

„Ohje...nicht wirklich, Pandino. Ich erkläre dir das später genauer. Vielleicht müssen wir noch einen Kurs absolvieren bzw. online einen Workshop besuchen. Also Erste Hilfe ist praktische Hilfe, sprich mit Pfoten oder Händen, wenn jemand verletzt ist.“

„Tamam. Aber was machen wir jetzt? Warten wir, bis der Krieg zu uns kommt?“

„Jain, Warten ist gefährlich. Wir müssen etwas gegen den Krieg und gegen den Feind tun, damit der Krieg nicht näher zu uns kommt.“

„Oder wir können Richtung Berlin/Brüssel/Rom fliehen und dann kommt der Krieg nicht so schnell dahin. Oder er kommt gar nicht dahin. Wir waren doch schon dort. Also wir müssen einfach zurückkommen. Oder hast du noch Verwandten im Elsass bzw. irgendwo in Frankreich?“

„Wir müssten es uns gut überlegen. Wir waren doch immer mit Linotschka. Wir haben uns nie selbstständig bewegt. Also wenn sie sich entscheidet, hier zu bleiben, dann sollten wir meines Erachtens auch hier bleiben und sie und ihr Land unterstützen. Wir sind doch Freunde.“

„Das stimmt, aber Linotschka übersieht vielleicht irgendwelche wichtigen Punkte. Wir müssen strategisch denken. Ich habe im Fernsehen gehört, dass ganz viele Ukrainerinnen und Ukrainer nach Polen, Tschechien, Deutschland, Italien, etc. geflohen sind. Viele kamen und bleiben in Berlin/Brüssel/Rom - genau wo wir auch hinwollen. Immer mehr kleine und große Ukrainer fliehen, da Russen mehr und mehr Bomben und Raketen werfen. Polen und Tschechien sind angeblich überfüllt. Was wenn für uns in Europa kein Platz mehr übrigbleibt? Es gibt doch diese "opportunity windows" im Leben, die man nicht verpassen sollte. Sonst hat man Pech."

„Rede keinen Blödsinn! Pandino bitte! Che dici? Erstens bist du so klein, dass sich für dich immer Platz findet lässt. Zweitens: fallen auf dich Bomben und Raketen? Nein? Also lass erst mal die Menschen fliehen, die unter Beschuss leben. Drittens: Wenn es für uns doch keinen Platz mehr in Europa gibt, dann gehen wir einfach weiter weg. Es gibt noch viele andere Länder auf der Welt: z.B. Argentinien, Chile, viele verschiedene Inseln, Länder in Afrika und so weiter und so fort. Wir müssen nur aufpassen, dass es dort keinen Krieg gibt."

„Du hast recht. Aber ich weiß nicht, was so im Krieg hier passieren kann und ob ich ohne Süßigkeiten überleben kann... Ich habe jetzt Bonbons. Aber ich habe gehört, dass wenn es Krieg gibt, es sein kann, dass keine Bonbons mehr verkauft werden."

„Erstens sind Süßigkeiten für deine Gesundheit und Gehirn gar nicht gut. Und die hiesigen Süßigkeiten schon gar nicht. Zweitens beobachten wir die Lage aufmerksam. Ich habe schon gesehen, dass Linotschkas Eltern Vorräte für etwa einen Monat haben. Wenn dieser Kater Ryshyk nicht zu viel frisst, können wir hier ganz gut leben. Außerdem kostet das Leben dort in Berlin/Brüssel/Rom. 
Und ganz ehrlich: möchtest du nochmal umziehen? Wir hatten doch noch vor diesem Wahnsinnsausbruch besprochen, dass es ganz gut ist, runterzukommen und ruhig nachdenken, statt von Stadt zu Stadt zu ziehen und immer wieder von Neuem anfangen zu müssen. Das bedeutet doch immer viel Ablenkung von wichtigeren Sachen.“

„Aber es ist doch Krieg...“

„O ich sehe, du hast dieses Wort verinnerlicht. Aber merke dir bitte auch, dass das Wort Freundschaft viel wichtiger ist. Wir bleiben noch.“

Bildquelle: © Lina Zalitok, 2022. Pandino and Storch en route to Kyiv.

#WarDiary 6: Überlegungen von Pandino und Storch / Von Corona zum Krieg - novinki
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Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
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#War­Diary 6: Über­le­gungen von Pan­dino und Storch / Von Corona zum Krieg

Lina Zalitok schil­dert in diesem Ein­trag ins #War­Diary ein Gespräch mit ihren beiden Kuschel­tieren Pan­dino und Storch über Krieg, Corona und ihren Lieblingskuchen.

Liebe Freunde,

nachdem ich Pan­dino und Storch aus Kiew abge­holt habe, haben sie doch ihr dau­er­haftes Schweigen gebro­chen und leb­haft dis­ku­tiert, was sie weiter machen sollen. Da ihr Eng­lisch nicht so gut ist, habe ich ihren Dialog auf Deutsch, also im Ori­ginal, auf­ge­schrieben. Ich bitte wegen der ggf. fal­schen Zei­chen­set­zung und sons­tiger ortho­gra­phi­scher Fehler um Entschuldigung.

Pan­dino und Storch waren 18 Tage allein in einer Kyjiwer Woh­nung gewesen. Sie haben wie immer viel geschwiegen und ab und zu dis­ku­tiert. Ob sie Explo­sionen gehört haben, weiß ich nicht genau. Eher nicht bzw. wenige, da sie im Stadt­zen­trum neben Regie­rungs­ge­bäuden wohnten. Ich habe sie in einen kleinen Ort gebracht, wel­chen man in der Ukraine als Städt­chen (смт) bezeichnet. In Deutsch­land wäre es wahr­schein­lich ein Dorf. Dort wohnen meine Eltern und ein ziem­lich wilder Kater namens Ryshyk, der sich aber in letzter Zeit krank fühlt. Er hatte also an ihnen noch kein Inter­esse gezeigt und sich gar nicht vorgestellt. 

Anfangs waren Pan­dino und Storch über­for­dert: Sie mögen nicht, wenn zu viele Men­schen da sind und es wenig Platz gibt. In diesem kleinen Ort gibt es tat­säch­lich viel mehr Men­schen und Autos als je zuvor. Bei einem Spa­zier­gang hat Pan­dino gestanden, dass er sich unbe­hag­lich fühlt. Dabei guckten alle so auf­merksam in seine Rich­tung. Er weiß noch nicht, dass hier fast jeder jeden kennt, zumin­dest war es hier so, bevor Ver­wandte und Freunde hie­siger Bewohner aus Kiew, Umge­bung und anderen Orten mit ihren Hunden und Katzen hierher zogen.

Storch hat selbst­be­wusst darauf hin­ge­wiesen, dass es in Kriegs­zeiten unso­li­da­risch sei, sich viel Raum für sich zu bean­spru­chen. Ich konnte meinen Ohren kaum ver­trauen, denn er hat es immer geliebt, sich zurück­zu­ziehen. Storch hat öfters Pan­dino aus dem Zimmer ver­trieben, wo er gerade gesessen hatte und seine Ruhe haben wollte.

„Ich habe nie Men­schen­mengen gemocht, auch bei Kon­zerten nicht. Wie kann ich mich so schnell auf die Soli­da­rität ein­stellen? Also ich bemühe mich, aber man müsste doch auch rea­lis­tisch bleiben“, erwi­derte Pandino.

„Rea­lis­tisch? Ich hätte nie gedacht, dass ich dieses Wort von dir jemals hören würde. Aber ich ver­stehe, ich bin auch kein Men­schen-Fan. Jetzt gibt es eine noch grö­ßere Wahr­schein­lich­keit, dass eine Bombe oder Rakete auf sie fällt, wenn sie sich in Men­schen­mengen zusammensammeln.“

„Es erin­nert mich an etwas…“

„Ver­misst du Corona-Maßnahmen?“

„Stimmt! Corona! Gibt es Corona eigent­lich noch? Corona hat doch mein Kom­fort­ge­fühl auf eine ganz neue Ebene gehoben. Aber dann plötz­lich diese Men­schen­mengen nach den Locke­rungen… Diese Men­schen­mengen in der Nähe von mir zu sehen, war wie das Kratzen von Fin­ger­nä­geln an einer Tafel. Ich wollte mich damals in meiner Woh­nung verstecken.“

„Ich musste gar nicht hin­aus­gehen. Ich bin über Men­schen­mengen geflogen. Dein Gesicht war immer so lustig. Du sahst wie ein ver­wöhntes Kind aus, das seinen Lut­scher plötz­lich nicht mehr jeden Tag bekommt.“

Pan­dino run­zelte ver­är­gert die Stirn.
„Corona ist aber ein Witz im Ver­gleich dazu, was hier gerade abgeht. Ich hatte mich immer dar­über gefreut, dass ich in der Ukraine gelandet bin, kurz bevor das mit Corona los­ging. Und dass hier die Maß­nahmen nicht so streng waren und ich in einem Café neben unserer Woh­nung meine Lieb­lings­ku­chen essen konnte, als alle Cafés in Berlin, Brüssel und Rom geschlossen waren. Frei­lich waren hier die Men­schen viel weniger auf Abstand bedacht, aber meine Lieb­lings­ku­chen waren mir viel wich­tiger. Und dann das hier. Der Krieg mit Raketen und Bomben! Davor kannte ich all diese Wörter gar nicht…”

„Ja, du hat­test immer auf einer Wolke gelebt… Aber auch ich bin über­rascht. Ich hatte hier von einigen Stör­chen gehört, dass so was pas­sieren kann. Aber das war für meinen elsäs­si­schen Kopf undenkbar. Nach all dem, was ich im Mémo­rial Struthof gesehen habe. Ah du kennst so was gar nicht, entschuldige.“

„Ich habe mich in der Tat zu wenig über Kriege infor­miert. Du hast aber auch nichts erzählt! Woll­test du, dass ich unge­bildet bleibe?“

„Pan­dino, mir fiel immerzu auf, dass dich andere Sachen inter­es­sierten. Auch wenn du die ganze Zeit nur nach­denkst, hat man nich genü­gend Zeit, um über alle Themen nach­zu­denken. Ich dachte, Krieg würde dir als Thema zum Nach­denken gar nicht passen.“

„Aber das ist jetzt doch über­le­bens­wichtig! Ich möchte ver­stehen, was pas­siert und wie wir uns retten oder wie wir kämpfen sollen.“

„Du hast recht. Wie gesagt, habe ich das Offen­sicht­liche über­sehen. Ich weiß selber immer noch gar nicht, wie man Erste Hilfe leistet.“

„Erste Hilfe? Was ist das? Eine Ant­wort auf die erste Frage, die eine Person stellt?“

„Ohje…nicht wirk­lich, Pan­dino. Ich erkläre dir das später genauer. Viel­leicht müssen wir noch einen Kurs absol­vieren bzw. online einen Work­shop besu­chen. Also Erste Hilfe ist prak­ti­sche Hilfe, sprich mit Pfoten oder Händen, wenn jemand ver­letzt ist.“

„Tamam. Aber was machen wir jetzt? Warten wir, bis der Krieg zu uns kommt?“

„Jain, Warten ist gefähr­lich. Wir müssen etwas gegen den Krieg und gegen den Feind tun, damit der Krieg nicht näher zu uns kommt.“

„Oder wir können Rich­tung Berlin/Brüssel/Rom fliehen und dann kommt der Krieg nicht so schnell dahin. Oder er kommt gar nicht dahin. Wir waren doch schon dort. Also wir müssen ein­fach zurück­kommen. Oder hast du noch Ver­wandten im Elsass bzw. irgendwo in Frankreich?“

„Wir müssten es uns gut über­legen. Wir waren doch immer mit Linot­schka. Wir haben uns nie selbst­ständig bewegt. Also wenn sie sich ent­scheidet, hier zu bleiben, dann sollten wir meines Erach­tens auch hier bleiben und sie und ihr Land unter­stützen. Wir sind doch Freunde.“

„Das stimmt, aber Linot­schka über­sieht viel­leicht irgend­welche wich­tigen Punkte. Wir müssen stra­te­gisch denken. Ich habe im Fern­sehen gehört, dass ganz viele Ukrai­ne­rinnen und Ukrainer nach Polen, Tsche­chien, Deutsch­land, Ita­lien, etc. geflohen sind. Viele kamen und bleiben in Berlin/Brüssel/Rom – genau wo wir auch hin­wollen. Immer mehr kleine und große Ukrainer fliehen, da Russen mehr und mehr Bomben und Raketen werfen. Polen und Tsche­chien sind angeb­lich über­füllt. Was wenn für uns in Europa kein Platz mehr übrig­bleibt? Es gibt doch diese “oppor­tu­nity win­dows” im Leben, die man nicht ver­passen sollte. Sonst hat man Pech.”

„Rede keinen Blöd­sinn! Pan­dino bitte! Che dici? Ers­tens bist du so klein, dass sich für dich immer Platz findet lässt. Zwei­tens: fallen auf dich Bomben und Raketen? Nein? Also lass erst mal die Men­schen fliehen, die unter Beschuss leben. Drit­tens: Wenn es für uns doch keinen Platz mehr in Europa gibt, dann gehen wir ein­fach weiter weg. Es gibt noch viele andere Länder auf der Welt: z.B. Argen­ti­nien, Chile, viele ver­schie­dene Inseln, Länder in Afrika und so weiter und so fort. Wir müssen nur auf­passen, dass es dort keinen Krieg gibt.”

„Du hast recht. Aber ich weiß nicht, was so im Krieg hier pas­sieren kann und ob ich ohne Süßig­keiten über­leben kann… Ich habe jetzt Bon­bons. Aber ich habe gehört, dass wenn es Krieg gibt, es sein kann, dass keine Bon­bons mehr ver­kauft werden.”

„Ers­tens sind Süßig­keiten für deine Gesund­heit und Gehirn gar nicht gut. Und die hie­sigen Süßig­keiten schon gar nicht. Zwei­tens beob­achten wir die Lage auf­merksam. Ich habe schon gesehen, dass Linot­schkas Eltern Vor­räte für etwa einen Monat haben. Wenn dieser Kater Ryshyk nicht zu viel frisst, können wir hier ganz gut leben. Außerdem kostet das Leben dort in Berlin/Brüssel/Rom. 
Und ganz ehr­lich: möch­test du nochmal umziehen? Wir hatten doch noch vor diesem Wahn­sinns­aus­bruch bespro­chen, dass es ganz gut ist, run­ter­zu­kommen und ruhig nach­denken, statt von Stadt zu Stadt zu ziehen und immer wieder von Neuem anfangen zu müssen. Das bedeutet doch immer viel Ablen­kung von wich­ti­geren Sachen.“

„Aber es ist doch Krieg…“

„O ich sehe, du hast dieses Wort ver­in­ner­licht. Aber merke dir bitte auch, dass das Wort Freund­schaft viel wich­tiger ist. Wir bleiben noch.“

Bild­quelle: © Lina Zalitok, 2022. Pan­dino and Storch en route to Kyiv.