Mal sanft, mal stürmisch weht in dem Drama-Thriller Aysbes asats‘ kʿamin (Thus Spoke The Wind, 2025) der Wind um die Hügel in einer armenischen Provinzlandschaft. Dort baut sich unheilvoll ein Gewitter der Emotionen auf, als eine junge Mutter in ihre ehemalige Heimat zurückkehrt und mit ihrer emanzipierten, unabhängigen Art die konservative Lebensweise der Dorfgemeinschaft aufwühlt.
Anahit, gespielt von Ani Abrahamyan, zieht nach einem längeren Auslandsaufenthalt überraschend wieder zurück in ihre ehemalige Heimat zu ihrer älteren Schwester Narine (Lusine Avanesyan). Dort trifft Anahit auf ihren leiblichen Sohn Hayk (Albert Babajanyan), der nicht von ihr, sondern von ihrer Schwester großgezogen wird. Diese unkonventionelle Familienkonstellation fällt innerhalb der kleinen armenischen Gemeinschaft aus dem Rahmen und ist der Ausgangspunkt für eine komplexe Dreiecksbeziehung, die sich mit Anahits Auftauchen entfaltet.
Durch ihre Rückkehr wirbelt die Endzwanzigerin mit ihren dunkelrot gefärbten Haaren und ihrer rebellischen Natur die etablierten Rhythmen ihrer Familie sowie der gesamten Dorfgemeinschaft durcheinander. Dafür erntet sie Misstrauen und Argwohn, was in erster Linie Narine als Älteste der Familie zu spüren bekommt. Dargestellt als stolze, unabhängige Frau, ist sie innerlich zerrissen zwischen der Verantwortung Anahit gegenüber und ihrer eigenen Missbilligung deren Verhaltens. Je länger sie tatenlos zusieht, desto größer wird der Druck der Dorfbewohner*innen auf Narine, ihrer Schwester Einhalt zu gebieten. Hayk wird dabei Zeuge dieses Kräftemessens und ist zugleich selbst tief in die Konflikte zwischen den Schwestern verstrickt. Kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen, ist Hayk mit seinem introvertierten Wesen und seiner dünnen Statur unter den lokalen Jugendlichen ein Außenseiter. Durch das Verhalten seiner Mutter, die ihn kaum beachtet – vollständig eingenommen von ihren eigenen emotionalen und körperlichen Schmerzen –, verstärkt sich seine Einsamkeit.

Diese inneren Kämpfe der Figuren kommen in atmosphärischen Bildern zum Ausdruck, wodurch ein immersives Kinoerlebnis entsteht. Denn die Regisseurin Maria Rigel lässt statt langer Dialoge das Rauschen des Windes in den Gräsern, die Ruhe eines einschlafenden Hauses, das Rattern einer Walzmaschine für sich sprechen. Der titelgebende Wind begleitet die Figuren von Anfang an. Er symbolisiert die sich langsam aber sicher anbahnende Veränderung, der sich sowohl Zuschauer*innen als auch Protagonist*innen stellen müssen. Die Geräusche werden organisch durch sanfte Musik untermalt, beispielsweise von lokalen Gesängen oder Melodien der Duduk, dem armenischen Nationalinstrument. Dadurch entsteht eine meditativ-melancholische Stimmung, die die Emotionen der Charaktere zu beschreiben sucht.

So sehen wir etwa Anahit in der Dämmerung mit offenen Haaren auf dem Rücksitz eines Mofas: Ihr roter Schopf leuchtet satt vor dem grünen Hintergrund der Landschaft. Während im Hintergrund verschwommen die armenischen Hügelketten vorbeiziehen, liegt der Fokus der Kamera auf Anahits Gesicht, wie sie mit geschlossenen Augen den Fahrtwind genießt, vollständig versunken in ihre eigene Welt. Dazu ertönen qualvoll anmutende armenische Gesänge, die parallel zur leicht schwankenden Kameraführung die äußere Ruhe der Figur kontrastieren und eine innere Zerrissenheit vermitteln. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis ein Gewitter das angestaute Schweigen durchbricht.
Die Zuschauer*innen sind mitgefangen in diesen spannungsvollen Szenen rastlosen Verharrens. Es entsteht eine körperzentrierte, haptische Filmtextur, die das Publikum dazu ermutigt, mitzuarbeiten und nicht nur mit den Augen, sondern vielmehr mit dem ganzen Körper den Film zu erfahren. Dabei breitet Thus Spoke The Wind eine reiche Palette an Themen aus, in die sich jede*r nach individuellem Gusto vertiefen kann. Denn außer Generationen- und Familienkonflikten werden auch das Frau-Sein, die Beziehung zu Mensch und Natur und das Coming-of-Age in einer sich wandelnden armenischen Gesellschaft thematisiert. In einer aktionsgeladenen Hollywood-Industrie und Zeiten von Netflix-Binge-Watching überzeugt der Film durch seine minimalistische, ausdruckstarke Inszenierung, die authentischen schauspielerischen Leistungen und eine spannungsvolle Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen, die gerade durch den Mut zur Lücke an Reiz gewinnt.
Rigel, Maria: Այսպես ասաց քամին (Thus Spoke The Wind), Armenien, 2025, 92 Min.
Quelle der Filmstills und des Filmplakats: https://www.antipode-sales.biz/movies/thus-spoke-the-wind/