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„We are the Freedom“: Plakataktion des Designstudios "Grafprom" und „Office Ukraine“ in Graz

Posted on 20. März 2023 by Mariya Donska
Ein Jahr nach der Invasion in die Ukraine erinnern überall in Graz Plakate, die von Designer_innen des Charkiwer/Grazer Studios Grafprom gestaltet wurden, an die Grundwerte der Freiheit und Menschenwürde. novinki dokumentierte diese Aktion in Bildern und sprach vor Ort mit den Initiator_innen.

Ein Jahr nach der Invasion in die Ukraine erinnern überall in Graz Plakate, die von Designer_innen des Charkiwer/Grazer Studios Grafprom gestaltet wurden, an die Grundwerte der Freiheit und Menschenwürde. novinki dokumentierte diese Aktion in Bildern und sprach vor Ort mit den Initiator_innen.

Bilder von Demonstrationen am 24.02.2023 in Wien und Graz, © mrija_org (aus Wien), © Georgii Burda (aus Graz) und Plakataktion in Graz, © Mariya Donska

Der traurige Jahrestag der russischen Invasion in die Ukraine am 24.02.2023 wurde in einigen großen Städten Österreichs von einer Vielzahl von Demonstrationen, Diskussionen und Kunstaktionen begleitet. In Graz hängten Designer_innen vom renommierten Charkiwer/Grazer Studio "Grafprom" eine Serie von 24 Plakaten an öffentlichen Plätzen der Stadt auf. Sie stehen unter dem Motto We are the Freedom und widmen sich Werten wie etwa Freiheit, Mut, Würde und Einigkeit.  

Die Plakataktion basiert auf einer Kollaboration mit dem Schriftsteller Serhij Žadan und verwendet Passagen aus dessen Gedichten und Instagram-Postings aus dem Jahr 2022. Auf Deutsch sind diese im Buch Himmel über Charkiw im Suhrkamp-Verlag erschienen. Außerdem gibt es Sprüche, die von den Designer_innn selbst formuliert wurden. Auf den Plakaten erscheinen Textbausteine meistens auf Englisch, die Antikriegsbewegung ist international.  

Mehrere Plakate zusammen ergeben dabei unterschiedliche Wörter auf Ukrainisch – воля, свобода (Freiheit) – und werden länglich als Fries oder als Rechteck auf geeigneten, frei zugänglichen Wänden platziert. Die Künstler_innen planen nun, jede Woche eine neue solche ‘Wand’ zu gestalten. Durch die Präsenz im öffentlichen Raum fördert die Aktion eine Interaktion und aktive Partizipation. Die Reaktionen der Passant_innen auf die Plakate sind unterschiedlich: Manche wurden bemalt oder mit eigenen Aussagen beschriftet, mitunter wurden sie sogar abgerissen.  

Das Projekt wurde gemeinsam mit Office Ukraine. Shelter for Ukrainian Artists realisiert. Das "Office Ukraine" ist eine Organisation, die nach dem Beginn des großflächigen Kriegs vom Zentrum für zeitgenössische Kunst "< rotor >" in Graz unter Leitung von Margarethe Makovec und Anton Lederer ins Leben gerufen wurde. Sie vernetzt in Österreich Schutz suchende Künstler_innen und Kulturschaffende aus der Ukraine mit Institutionen und Initiativen, die Unterstützung anbieten. Somit wird es vielen vertriebenen Künstler_innen aus der Ukraine ermöglicht, weiterhin künstlerisch tätig zu sein. Seit Beginn der Invasion konnte ca. 200 Kulturschaffenden aus unterschiedlichen Bereichen geholfen werden. Vonseiten der Politik wurde die Aktion von den Grazer Grünen, die die Vizebürgermeisterin stellen, unterstützt.  

Plakate “We are the Freedom” in Graz, © Mariya Donska

Mariya Norazyan und Illya Pavlov von Grafprom leben seit 2019 in Graz. Ihr Designstudio blickt auf eine lange Tradition der Zusammenarbeit mit dem in Charkiw lebenden Schriftsteller Serhij Žadan zurück. Bereits 2015 gab es eine Aktion Дія/Лог (Dija/Log) mit Postern im öffentlichen Raum Charkiws, die Gedichte Žadans zitierte. Später wurden diese Plakate in Österreich im Literaturhaus Salzburg und der Kultur bei den Minoriten in Graz ausgestellt.

PlakataktionДія/Лог in Charkiw 2015, © Grafprom

Plakat 1: Наші страхи примарні, наче сніги unsere Ängste seien eingebildet wie Schnee
Plakat 2: Розуму всім щасливим. Радості всім нещасним.Verstand allen Glücklichen. Freude allen Unglücklichen.
Plakat 3:
Наші діти, Маріє, ростуть, ніби трава: / чорні робочі долоні, стрижена голова, / зранку стоять на зупинках, неприкаяні, як пірати – / тимчасова адреса, країна напівжива“  Unsere Kinder, Maria, wachsen wie Gras: / schwarze Arbeiterhände, kurzgeschorenes Haar, / so sie stehen morgens an den Haltestellen, unbehaust wie Piraten – / provisorische Adresse, das Land halb lebend.
Plakat 4:
Доведеться змиритися з тим, / що все мине. / Доведеться не говорити / про важливе та головне, / доведеться боятись свободи, / триматися меж. / Щастя не оминеш. / Щастя не оминеш. Darum heißt es, sich damit abzufinden, / Dass alles vergeht. / Darum heißt es, nicht zu sprechen / Über das Wichtige und Vordergründige, / Darum heißt es, die Freiheit zu fürchten / Die Grenzen zu respektieren. / Am Glück kommt keiner vorbei. / Am Glück kommt keiner vorbei.
(Übersetzung
aus dem Ukrain.: Claudia Dathe)

Im folgenden Gespräch erzählen die Grafprom-Designer_innen Mariya und Illya, wie es zu den Plakataktionen kam. 

Designer_innen des Studios Grafprom Illya Pavlov und Mariya Norazyan, © Mariya Donska.

Mariya Donska: Wer hat sich das Projekt ausgedacht? 

Mariya Norazyan: Gute Frage, eigentlich. 

Illya Pavlov: Wer hat sich das ausgedacht. Na ja, wir wurden provoziert.  

MN: Ganz genau! 

IP: Unsere Freunde aus Charkiw haben uns auf die Idee gebracht. Sie heißen Pride Bikes“, machen Fahrräder und sind ein wichtiges Zentrum der bike community in Charkiw und in der Ukraine. Sie wollten eine Aktion machen, um Ukrainer_innen in Zeiten des Krieges zu unterstützen, um die Moral hochzuhalten, einander zu ermuntern.  

MN: Eine Unterstützungsaktion für Ukrainer_innen. 

IP: Alle hatten den Eindruck, wir müssen etwas tun. Natürlich waren alle als Freiwillige tätig, für die Streitkräfte oder haben Geld für Medikamente für ältere Menschen gespendet usw.  

MN: Aber man musste auch etwas für den Geist tun, für die Menschen, die etwa Rad fahren und ihren aktiven, kreativen Geist aus der Zeit vor diesem Krieg bewahren wollten.  

IP: Jetzt haben wir das fast vergessen, aber wir hatten damals das Gefühl, dass man im Krieg z.B. nicht zum Spaß Fahrrad fahren durfte. Man musste immer etwas für den Sieg tun.  

MN: Die Leute haben es sich verwehrt, Spaß zu haben, Zeit für sich zu haben.  

IP: Wir hatten dieses Gefühl sogar hier in Österreich, aber dort in der Ukraine war es natürlich nicht anders. Und irgendwann haben wir verstanden, dass es so nicht weitergeht, dass es nichts bringt, weil alle zum Burnout neigten. Sehr schnell verlassen einen die Kräfte und man muss die eigenen Ressourcen wieder erneuern. Und diese bike community hat mit uns ein Projekt gemacht, wo es Texte von ihnen gab, darüber, dass sie trotzdem weiterleben möchten, lieben möchten, lachen möchten und dies auch tun werden. 

MN: Trotzdem leben – selbst in Zeiten des Krieges. 

IP: Ja, obwohl der Krieg andauert und uns jemand dieses Leben wegnehmen möchte.  

MN: Die Aktion startete in Charkiw, ungefähr zehn Leute waren dabei, alle mit Fahrrädern, und sie haben diese Plakate an Fenster gehängt, die durch Bombenangriffe in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die Fenster wurden mit Spanholzplatten zugenagelt und auf diese Platten wurden die Plakate gehängt. Das war im Juni. 

Die Aktion mit Pride Bikes in Charkiw, © Pride Bikes

MD: Aber hier in Graz gab es auch eine Kampagne? 

IP: Ja, es gab noch eine andere Kampagne, nämlich Graz stands with Ukraine. Aber diese Aktion heute ist sozusagen eine ‘Inkarnation’ der ersten Charkiwer Kampagne, wo wir mit einer schwarz-weißen visuellen Sprache gearbeitet haben. 

MD: Warum schwarz-weiß? 

MN: Das ist sehr günstig und sehr praktisch.  

IP: Schnell, praktisch und gut zu sehen.  

MN: Die Stadt ist visuell oft sehr noisy, in diesem visuellen Lärm sind schwarz-weiße Plakate am besten zu sehen.  

IP: Ja, schwarz-weiß sammelt und macht die Umgebung ruhiger..  

MD: Wie ist die Ausstellung nach Graz gekommen? 

IP: Margarethe Makovec aus der Galerie < rotor > und Nastia Khlestova von Office Ukraine haben uns eingeladen und gesagt, sie möchten etwas zum Jahrestag der Invasion machen, um die Gesellschaft daran zu erinnern. Sie wollten ein Plakat mit Texten von Žadan für die Fassade der Galerie haben. Wir haben gesagt „Kein Problem, wir haben 24 Plakate”.  

MN: Illya hat diese Plakate Margarete gezeigt und sie meinte „Ja, genau das brauchen wir“. Aber der Text war ein anderer, auf Ukrainisch. Wir haben dann fast alle Texte neu gemacht. 

MD: Sind das Texte von Žadan, die dieses Jahr entstanden sind? 

MN: Ja, seine Aufzeichnungen von Instagram, aber auch Gedichte, kurze Ausschnitte daraus.  

MN: Nachdem wir übereingekommen sind, ging alles ganz schnell, daher sage ich auch, dass das Management dieses Projekts quasi ‘ukrainisch’ war. Wir haben die Plakate sehr schnell gestaltet, dann wurden sie gedruckt und am Samstag haben wir sie bereits gemeinsam mit der ukrainischen Community, mit ukrainischen Künstler_innen hier in Graz aufgehängt. Das waren etwa zehn Leute, darunter auch eine sehr nette Österreicherin, die uns geholfen hat. Für Menschen war es auch wichtig mitzuhelfen, interessant und angenehm, wie sie sagten. Darin besteht die gegenseitige Unterstützung der ukrainischen Community. 

MD: … gemeinsam Projekte machen? 

IP: Ja, eine Art Therapie. 

MN: Teambuilding, könnte man sagen. Und auch eine Zusammenarbeit auf ukrainische Art. 

Aufhängen der Plakate in Graz, © Mariya Donska

MD: Warum diese Wörter свобода (svoboda) und воля (volja), die beide Freiheit bedeuten? 

IP: Das sind doch die wichtigsten Werte, um die hier gekämpft wird. 

MN: Ja, das sind Werte, die durch unsere Taten verwirklicht werden.  

MD: Wenn man z.B. von der Brücke runterschaut, dann sieht man das Wort свобода und weiß nicht, ob es auf Ukrainisch oder auf Russisch ist. Ist es absichtlich so? 

IP: Ja, aber man sieht das Staatswappen.  

MD: Das auf jeden Fall! Aber ihr verwendet zwei Wörter für ‘Freiheit’. 

MN: Ja, sie verhalten sich etwa zueinander wie liberty und freedom.  

IP: Und gleichzeitig ist воля auch der Wille, es geht also um das Aktivwerden. Die Freiheit ist wichtig, aber im Wort воля steht auch noch der Wille das zu tun, konkrete Schritte zu setzen, es zeigt, dass diese Menschen gewillt sind, diese Freiheit zu haben („воліють мати свободу“), gewillt sind, um sie zu kämpfen. 

MN: So wie in der ukrainischen Hymne, dort gibt es auch beides. Die visuellen Elemente – diese Wörter z.B. – gab es bereits im Charkiwer Projekt, das aber andere Texte verwendete. 

MD: Ich habe auch die Dreiecke beim Wort "воля" bemerkt. Ist es so, dass sie auch bei diesem berühmten Projekt mit der Straßenbahn verwendet wurden? 

Straßenbahnen und Busse zur Unterstützung der Ukraine in Wien, Vilnius und den Haag mit dem Design des Grafprom-Studios, © Grafprom

P: Ja, und weißt du, warum? Weil dies das ukrainische Grafik-Gen ist.  

MN: Das sind eigentlich Sonnenblumenkerne. 

IP: Die gehen zurück auf Heorhij Narbut. Er war zur Zeit der Ukrainischen Volksrepublik (der unabhängige ukrainische Staat von 1917–1921, Anm. MD) sehr aktiv. 

Der Buchstabe „Я“ von „воля“, © Grafprom

MN: Er war so etwas wie der Hauptkünstler der Ukrainischen Volksrepublik. Er gestaltete Geld und Briefmarken. Mit diesen Dreiecken hat er die Volkssymbolik umgestaltet. 

IP: Ich sehe darin auch ein Symbol für die ukrainische Gesellschaft, weil sie eine ähnliche Struktur hat, eine horizontale Struktur ohne Hierarchie. Eine demokratische Struktur. Sogar die Kosaken hatten zwar eine Hierarchie, waren aber sehr demokratisch organisiert. 

MD: Was gibt es noch an Konzepten, die man nicht auf den ersten Blick sieht? 

IP: Wir verwenden den Satz „Our hearts are made to break free“. Das ist ein Wortspiel: Die Herzen schlagen nicht einfach so, sie schlagen für die Freiheit. Die Worte ‘schlagen’ und ‘kämpfen’ sind auf Ukrainisch gleich („битися“). Wir sagen „The heart is breaking“, aber ukrainische Herzen, sie sind nicht einfach „breaking“, sondern „breaking free“.  

MN: In diesem Bild versteckt sich ein Zitat von Žadan („коли сердце відчувається / так гостро, / ніби воно не просто б’ється. / А б’ється з кимось. / Б’ється за тебе“ ) In diesen Plakaten geht es eben um die Freiheit, das Herz. Wir wollten, dass diese Plakataktion sehr menschlich ist, human. Das ist keine abstrakte Freiheit, das sind nicht nur Slogans, derer wir bereits überdrüssig sind, es geht um konkrete Menschen, die das tun. Sie stehen im Zentrum.  

 

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Das Interview wurde von Mariya Donska auf Ukrainisch geführt, von ihr übersetzt und für diese Veröffentlichung gekürzt. Die Bilder zur Demonstration und Plakataktion in Graz stammen von der Autorin. Das Beitragsbild ist von Elisabeth Bauer und bildet mit den anderen Beiträgen des Ukraine-Spezials eine Einheit in Form der Fotoserie "Ukrainisches Berlin: Die Stadt als gelb-blauer Symbolraum".

„We are the Freedom“: Plakataktion des Designstudios "Grafprom" und „Office Ukraine“ in Graz - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„We are the Freedom“: Pla­kat­ak­tion des Design­stu­dios “Graf­prom” und „Office Ukraine“ in Graz

Ein Jahr nach der Inva­sion in die Ukraine erin­nern überall in Graz Pla­kate, die von Designer_innen des Charkiwer/Grazer Stu­dios Graf­prom gestaltet wurden, an die Grund­werte der Frei­heit und Men­schen­würde. novinki doku­men­tierte diese Aktion in Bil­dern und sprach vor Ort mit den Initiator_innen.

Bilder von Demons­tra­tionen am 24.02.2023 in Wien und Graz, © mrija_org (aus Wien), © Georgii Burda (aus Graz) und Pla­kat­ak­tion in Graz, © Mariya Donska

Der trau­rige Jah­restag der rus­si­schen Inva­sion in die Ukraine am 24.02.2023 wurde in einigen großen Städten Öster­reichs von einer Viel­zahl von Demons­tra­tionen, Dis­kus­sionen und Kunst­ak­tionen begleitet. In Graz hängten Designer_innen vom renom­mierten Charkiwer/Grazer Studio “Graf­prom” eine Serie von 24 Pla­katen an öffent­li­chen Plätzen der Stadt auf. Sie stehen unter dem Motto We are the Freedom und widmen sich Werten wie etwa Frei­heit, Mut, Würde und Einig­keit.  

Die Pla­kat­ak­tion basiert auf einer Kol­la­bo­ra­tion mit dem Schrift­steller Serhij Žadan [Serhij Zhadan] und ver­wendet Pas­sagen aus dessen Gedichten und Insta­gram-Pos­tings aus dem Jahr 2022. Auf Deutsch sind diese im Buch Himmel über Charkiw im Suhr­kamp-Verlag erschienen. Außerdem gibt es Sprüche, die von den Designer_innn selbst for­mu­liert wurden. Auf den Pla­katen erscheinen Text­bau­steine meis­tens auf Eng­lisch, die Anti­kriegs­be­we­gung ist inter­na­tional.  

Meh­rere Pla­kate zusammen ergeben dabei unter­schied­liche Wörter auf Ukrai­nisch – воля, свобода (Frei­heit) – und werden läng­lich als Fries oder als Rechteck auf geeig­neten, frei zugäng­li­chen Wänden plat­ziert. Die Künstler_innen planen nun, jede Woche eine neue solche ‘Wand’ zu gestalten. Durch die Prä­senz im öffent­li­chen Raum för­dert die Aktion eine Inter­ak­tion und aktive Par­ti­zi­pa­tion. Die Reak­tionen der Passant_innen auf die Pla­kate sind unter­schied­lich: Manche wurden bemalt oder mit eigenen Aus­sagen beschriftet, mit­unter wurden sie sogar abge­rissen.  

Das Pro­jekt wurde gemeinsam mit Office Ukraine. Shelter for Ukrai­nian Artists rea­li­siert. Das “Office Ukraine” ist eine Orga­ni­sa­tion, die nach dem Beginn des groß­flä­chigen Kriegs vom Zen­trum für zeit­ge­nös­si­sche Kunst “< rotor >” in Graz unter Lei­tung von Mar­ga­rethe Makovec und Anton Lederer ins Leben gerufen wurde. Sie ver­netzt in Öster­reich Schutz suchende Künstler_innen und Kul­tur­schaf­fende aus der Ukraine mit Insti­tu­tionen und Initia­tiven, die Unter­stüt­zung anbieten. Somit wird es vielen ver­trie­benen Künstler_innen aus der Ukraine ermög­licht, wei­terhin künst­le­risch tätig zu sein. Seit Beginn der Inva­sion konnte ca. 200 Kul­tur­schaf­fenden aus unter­schied­li­chen Berei­chen geholfen werden. Von­seiten der Politik wurde die Aktion von den Grazer Grünen, die die Vize­bür­ger­meis­terin stellen, unter­stützt.  

Pla­kate “We are the Freedom” in Graz, © Mariya Donska

Mariya Nora­zyan und Illya Pavlov von Graf­prom leben seit 2019 in Graz. Ihr Design­studio blickt auf eine lange Tra­di­tion der Zusam­men­ar­beit mit dem in Charkiw lebenden Schriftsteller Serhij Žadan zurück. Bereits 2015 gab es eine Aktion Дія/Лог (Dija/Log) mit Pos­tern im öffent­li­chen Raum Char­kiws, die Gedichte Žadans zitierte. Später wurden diese Pla­kate in Öster­reich im Lite­ra­tur­haus Salz­burg und der Kultur bei den Mino­riten in Graz aus­ge­stellt.

Pla­kat­ak­tionДія/Лог in Charkiw 2015, © Graf­prom

Plakat 1: Наші страхи примарні, наче сніги unsere Ängste seien ein­ge­bildet wie Schnee
Plakat 2: Розуму всім щасливим. Радості всім нещасним.Ver­stand allen Glück­li­chen. Freude allen Unglück­li­chen.
Plakat 3:
Наші діти, Маріє, ростуть, ніби трава: / чорні робочі долоні, стрижена голова, / зранку стоять на зупинках, неприкаяні, як пірати – / тимчасова адреса, країна напівжива“  Unsere Kinder, Maria, wachsen wie Gras: / schwarze Arbei­ter­hände, kurz­ge­scho­renes Haar, / so sie stehen mor­gens an den Hal­te­stellen, unbe­haust wie Piraten – / pro­vi­so­ri­sche Adresse, das Land halb lebend.
Plakat 4:
Доведеться змиритися з тим, / що все мине. / Доведеться не говорити / про важливе та головне, / доведеться боятись свободи, / триматися меж. / Щастя не оминеш. / Щастя не оминеш. Darum heißt es, sich damit abzu­finden, / Dass alles ver­geht. / Darum heißt es, nicht zu spre­chen / Über das Wich­tige und Vorder­grün­dige, / Darum heißt es, die Frei­heit zu fürchten / Die Grenzen zu respek­tieren. / Am Glück kommt keiner vorbei. / Am Glück kommt keiner vorbei.
(Über­set­zung
aus dem Ukrain.: Claudia Dathe)

Im fol­genden Gespräch erzählen die Graf­prom-Desi­gner_innen Mariya und Illya, wie es zu den Pla­kat­ak­tionen kam. 

Designer_innen des Stu­dios Graf­prom Illya Pavlov und Mariya Nora­zyan, © Mariya Donska.

Mariya Donska: Wer hat sich das Pro­jekt aus­ge­dacht? 

Mariya Nora­zyan: Gute Frage, eigent­lich. 

Illya Pavlov: Wer hat sich das aus­ge­dacht. Na ja, wir wurden pro­vo­ziert.  

MN: Ganz genau! 

IP: Unsere Freunde aus Charkiw haben uns auf die Idee gebracht. Sie heißen Pride Bikes“, machen Fahr­räder und sind ein wich­tiges Zen­trum der bike com­mu­nity in Charkiw und in der Ukraine. Sie wollten eine Aktion machen, um Ukrainer_innen in Zeiten des Krieges zu unter­stützen, um die Moral hoch­zu­halten, ein­ander zu ermun­tern.  

MN: Eine Unter­stüt­zungs­ak­tion für Ukrainer_innen. 

IP: Alle hatten den Ein­druck, wir müssen etwas tun. Natür­lich waren alle als Frei­wil­lige tätig, für die Streit­kräfte oder haben Geld für Medi­ka­mente für ältere Men­schen gespendet usw.  

MN: Aber man musste auch etwas für den Geist tun, für die Men­schen, die etwa Rad fahren und ihren aktiven, krea­tiven Geist aus der Zeit vor diesem Krieg bewahren wollten.  

IP: Jetzt haben wir das fast ver­gessen, aber wir hatten damals [im Früh­ling 2022] das Gefühl, dass man im Krieg z.B. nicht zum Spaß Fahrrad fahren durfte. Man musste immer etwas für den Sieg tun.  

MN: Die Leute haben es sich ver­wehrt, Spaß zu haben, Zeit für sich zu haben.  

IP: Wir hatten dieses Gefühl sogar hier in Öster­reich, aber dort in der Ukraine war es natür­lich nicht anders. Und irgend­wann haben wir ver­standen, dass es so nicht wei­ter­geht, dass es nichts bringt, weil alle zum Burnout neigten. Sehr schnell ver­lassen einen die Kräfte und man muss die eigenen Res­sourcen wieder erneuern. Und diese bike com­mu­nity hat mit uns ein Pro­jekt gemacht, wo es Texte von ihnen gab, dar­über, dass sie trotzdem wei­ter­leben möchten, lieben möchten, lachen möchten und dies auch tun werden. 

MN: Trotzdem leben – selbst in Zeiten des Krieges. 

IP: Ja, obwohl der Krieg andauert und uns jemand dieses Leben weg­nehmen möchte.  

MN: Die Aktion star­tete in Charkiw, unge­fähr zehn Leute waren dabei, alle mit Fahr­rä­dern, und sie haben diese Pla­kate an Fenster gehängt, die durch Bom­ben­an­griffe in Mit­lei­den­schaft gezogen wurden. Die Fenster wurden mit Span­holz­platten zuge­na­gelt und auf diese Platten wurden die Pla­kate gehängt. Das war im Juni. 

Die Aktion mit Pride Bikes in Charkiw, © Pride Bikes

MD: Aber hier in Graz gab es auch eine Kam­pagne? 

IP: Ja, es gab noch eine andere Kam­pagne, näm­lich Graz stands with Ukraine. Aber diese Aktion heute ist sozu­sagen eine ‘Inkar­na­tion’ der ersten Char­kiwer Kam­pagne, wo wir mit einer schwarz-weißen visu­ellen Sprache gear­beitet haben. 

MD: Warum schwarz-weiß? 

MN: Das ist sehr günstig und sehr prak­tisch.  

IP: Schnell, prak­tisch und gut zu sehen.  

MN: Die Stadt ist visuell oft sehr noisy, in diesem visu­ellen Lärm sind schwarz-weiße Pla­kate am besten zu sehen.  

IP: Ja, schwarz-weiß sam­melt und macht die Umge­bung ruhiger..  

MD: Wie ist die Aus­stel­lung nach Graz gekommen? 

IP: Mar­ga­rethe Makovec aus der Galerie < rotor > und Nastia Khle­s­tova von Office Ukraine haben uns ein­ge­laden und gesagt, sie möchten etwas zum Jah­restag der Inva­sion machen, um die Gesell­schaft daran zu erin­nern. Sie wollten ein Plakat mit Texten von Žadan für die Fas­sade der Galerie haben. Wir haben gesagt „Kein Pro­blem, wir haben 24 Pla­kate”.  

MN: Illya hat diese Pla­kate Mar­ga­rete gezeigt und sie meinte „Ja, genau das brau­chen wir“. Aber der Text war ein anderer, auf Ukrai­nisch. Wir haben dann fast alle Texte neu gemacht. 

MD: Sind das Texte von Žadan, die dieses Jahr ent­standen sind? 

MN: Ja, seine Auf­zeich­nungen von Insta­gram, aber auch Gedichte, kurze Aus­schnitte daraus. […] 

MN: Nachdem wir über­ein­ge­kommen sind, ging alles ganz schnell, daher sage ich auch, dass das Manage­ment dieses Pro­jekts quasi ‘ukrai­nisch’ war. Wir haben die Pla­kate sehr schnell gestaltet, dann wurden sie gedruckt und am Samstag haben wir sie bereits gemeinsam mit der ukrai­ni­schen Com­mu­nity, mit ukrai­ni­schen Künstler_innen hier in Graz auf­ge­hängt. Das waren etwa zehn Leute, dar­unter auch eine sehr nette Öster­rei­cherin, die uns geholfen hat. Für Men­schen war es auch wichtig mit­zu­helfen, inter­es­sant und ange­nehm, wie sie sagten. Darin besteht die gegen­sei­tige Unter­stüt­zung der ukrai­ni­schen Com­mu­nity. 

MD: … gemeinsam Pro­jekte machen? 

IP: Ja, eine Art The­rapie. 

MN: Team­buil­ding, könnte man sagen. Und auch eine Zusam­men­ar­beit auf ukrai­ni­sche Art. 

Auf­hängen der Pla­kate in Graz, © Mariya Donska

MD: Warum diese Wörter свобода (svo­boda) und воля (volja), die beide Frei­heit bedeuten? 

IP: Das sind doch die wich­tigsten Werte, um die hier gekämpft wird. 

MN: Ja, das sind Werte, die durch unsere Taten ver­wirk­licht werden.  

MD: Wenn man z.B. von der Brücke run­ter­schaut, dann sieht man das Wort свобода und weiß nicht, ob es auf Ukrai­nisch oder auf Rus­sisch ist. Ist es absicht­lich so? 

IP: Ja, aber man sieht das Staats­wappen.  

MD: Das auf jeden Fall! Aber ihr ver­wendet zwei Wörter für ‘Frei­heit’. 

MN: Ja, sie ver­halten sich etwa zuein­ander wie liberty und freedom.  

IP: Und gleich­zeitig ist воля auch der Wille, es geht also um das Aktiv­werden. Die Frei­heit ist wichtig, aber im Wort воля steht auch noch der Wille das zu tun, kon­krete Schritte zu setzen, es zeigt, dass diese Men­schen gewillt sind, diese Frei­heit zu haben („воліють мати свободу“), gewillt sind, um sie zu kämpfen. 

MN: So wie in der ukrai­ni­schen Hymne, dort gibt es auch beides. Die visu­ellen Ele­mente – diese Wörter z.B. – gab es bereits im Char­kiwer Pro­jekt, das aber andere Texte ver­wen­dete. 

MD: Ich habe auch die Drei­ecke beim Wort “воля” bemerkt. Ist es so, dass sie auch bei diesem berühmten Pro­jekt mit der Stra­ßen­bahn ver­wendet wurden? 

Stra­ßen­bahnen und Busse zur Unter­stüt­zung der Ukraine in Wien, Vil­nius und den Haag mit dem Design des Graf­prom-Stu­dios, © Grafprom

P: Ja, und weißt du, warum? Weil dies das ukrai­ni­sche Grafik-Gen ist.  

MN: Das sind eigent­lich Son­nen­blu­men­kerne. 

IP: Die gehen zurück auf Heorhij Narbut. Er war zur Zeit der Ukrai­ni­schen Volks­re­pu­blik (der unab­hän­gige ukrai­ni­sche Staat von 1917–1921, Anm. MD) sehr aktiv. 

Der Buch­stabe „Я“ von „воля“, © Grafprom

MN: Er war so etwas wie der Haupt­künstler der Ukrai­ni­schen Volks­re­pu­blik. Er gestal­tete Geld und Brief­marken. Mit diesen Drei­ecken hat er die Volks­sym­bolik umge­staltet. 

IP: Ich sehe darin auch ein Symbol für die ukrai­ni­sche Gesell­schaft, weil sie eine ähn­liche Struktur hat, eine hori­zon­tale Struktur ohne Hier­ar­chie. Eine demo­kra­ti­sche Struktur. Sogar die Kosaken hatten zwar eine Hier­ar­chie, waren aber sehr demo­kra­tisch orga­ni­siert. 

MD: Was gibt es noch an Kon­zepten, die man nicht auf den ersten Blick sieht? 

IP: Wir ver­wenden den Satz „Our hearts are made to break free“. Das ist ein Wort­spiel: Die Herzen schlagen nicht ein­fach so, sie schlagen für die Frei­heit. Die Worte ‘schlagen’ und ‘kämpfen’ sind auf Ukrai­nisch gleich („битися“). Wir sagen „The heart is brea­king“, aber ukrai­ni­sche Herzen, sie sind nicht ein­fach „brea­king“, son­dern „brea­king free“.  

MN: In diesem Bild ver­steckt sich ein Zitat von Žadan („коли сердце відчувається / так гостро, / ніби воно не просто б’ється. / А б’ється з кимось. / Б’ється за тебе“ [„Wenn das Herz zu spüren ist / so heftig, / als ob es nicht ein­fach schlüge, / son­dern es kämpft mit jemandem / kämpft um dich“ – M.D.]) In diesen Pla­katen geht es eben um die Frei­heit, das Herz. Wir wollten, dass diese Pla­kat­ak­tion sehr mensch­lich ist, human. Das ist keine abs­trakte Frei­heit, das sind nicht nur Slo­gans, derer wir bereits über­drüssig sind, es geht um kon­krete Men­schen, die das tun. Sie stehen im Zen­trum.  

[…] 

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Das Inter­view wurde von Mariya Donska auf Ukrai­nisch geführt, von ihr über­setzt und für diese Ver­öf­fent­li­chung gekürzt. Die Bilder zur Demons­tra­tion und Pla­kat­ak­tion in Graz stammen von der Autorin. Das Bei­trags­bild ist von Eli­sa­beth Bauer und bildet mit den anderen Bei­trägen des Ukraine-Spe­zials eine Ein­heit in Form der Foto­serie “Ukrai­ni­sches Berlin: Die Stadt als gelb-blauer Sym­bol­raum”.